Ausgabe 
3.12.1910 Viertes Blatt
 
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ltt. 284

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Samstag, 3. Dezember 1910

Itotertionibaict uttb «erlag der VrühNche« UmversttätS Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

RedaMsn, Expedition in* Druckerei: Schul- ftraße 7. Lxvedttion und Bering: ^8® 5L Redaktion: 12. Tel-Adr.: AnzergerGleßen.

Zettjame wahttunögebung'en.

Die hochgehenden Nuten eines neuen Wahlkampfes sind Mieder über Englmtd heremgebrochen, und schon erscheinen die ersten Kund­gebungen, in denen die Kandidaten ihren Wählern einen goldenen Aerg schönster Versprechungen crnbicten und mit flammender Be­redt aml eit dartun: Jetzt oder nie Eömrt Ihr beMeisen, wie tief Eure politische Einsicht ist! Wenn auch dre neue Zeit auf die Form der Wahlmaniseste nicht ohne Einfluß geblieben ist und im Gegensatz zu den Wahlaufrufen früherer Zeüen im allgem.-ineu schöne Wertfchweirigkeiten beschränkt hat, so sind die Kandidaten doch nicht ausgestorben, die ihre Wähler mit ihren Manifesten nicht nur begeistern, sondern nicht selten auch unfreiwillig er­heitern. Am berühmtesten ist das Wahlmanifest, das vor etwa einein Jahrzehnt der Unter ha uskandidat des Kreises Merthyr Tk-dsil erließ, und in dem er mit dem Gestus reicher Welterfahren- heil seine Wähler überzeugen wollte. ,Lch habe gelebt, geliebt imd geheiratet", so rief der Parlamentskandidat mit Emphase, , ich habe Kinder gehabt und Häuser: ich habe die Welt erprobt, das Fleisch und den Teufel, ich habe gewonnen und verloren, verdient und versucht, geschürft, destiliert, fabriziert und gebaut, geliehen, geborgt, gekauft und verkauft!" Leider war der Kandidat tn der Hitze des Kampfes über die geographische Lage seines. Wahlkreises nicht richtig informiert und ließ seinen schönen Ausruf für teures Geld in einer Reihe von Zeitungen erscheinen, die einige 100 Meilen von seinem Wahlkreise entfernt ihren Sitz haben und auf dem eigentlichen Schlachtfeld überhaupt nicht ge­lesen wurden.

In alten Zeiten liebten es die Kandidaten, mit großen Worten ihre eigenen Verdienste um das Wohl Groß-Britanniens und ihre mutige Unbestechlichkeit zu preisen. Damals erklärte ein Ab­geordneter bei den Neuwahlen seinen Wählern:Ohne Furcht und Begünstigung habe ich mein Amt verwaltet, ich habe den unrechtmäßigen Einflüssen der Krone getagt und allen goldenen Vorführungskünsten widerstanden." Heute würde eine solche An­schuldigung gegen die Monarchie weder geglaubt noch geduldet werden.

Das kürzeste Wahlmanifest, so berichtet eine englische Wochen­schrift, hat wohl Sir Elliott Lees seinen Wählern zugehen lassen. Er befand sich zur $eit der Wahlen in Pretoria und kabelte seinen Freunden und Feinden in Birkenhead nichts weiter als das eine WortPretoria". Es war zur Zeit des Krieges mrd der Kandidat stand bei der Veomanry im Felde.

Die seltsamsten Kundgebungen aber erblicken doch in den Tagen der Stadtratwahlen die Oessentlichfeit, Besonders in den Prvvinzstädten wird der Eingeweihte nur mit einem schwer unterdrückbaren Lächeln die Aufrufe lesen, durch die fried­liche Bürger plötzlich von dem wilden Ehrgeiz nach Macht, der jählings ihre Seele in Aufruhr brachte, Zeugnis ablegen. Das Manifest eines christlich-sozialen Schneidertneisters, der im ver­gangenen Jahre in Leicester bei den Stadtratwahlen kandidierte, ist in England mit Recht berühmt geworden. Der ehrenwerte Meister des Zwirns und der Schere geberdete sich dabei als kommender Weltrefvrmatvr und seiner Feder und seinem Munde entflossen die schönsten Stilblüten. So begann er seinen Wahl­aufruf mit der Nassischen Aufforderung:Befeuchtet Eure Augen

mit dem Spucke der Liebe und wischt sie reut mit dem Handtuch der Rechtlichkeit." Das Manifest des Schneiderleins wollte gar kein Ende nehmen, aber was er alles seinen Wählern verhieß, läßt ahnen, daß hier der Löser der sozialen Frage verloren ge­gangen ist. Der Kandidat wollte durchsetzen, daß jeder Arbeiter einen festen Wochcnlohn von 60 Mark erhalte,mit freier Reise und Aufhebung aller Mieten und Steuern." Kein Mensch sollte künftig mehr als fünf Stunden am Tage arbeiten und in einem Alter von 45 Jahren sich zur Ruhe setzenIch bitte Euch, mich zur Macht zu erheben, damit ich alle Schulkinder während der letzten vier Schuljahre auf Reisen um die Welt sende, di« Nation zahlt die Kosten und die Kinder werden bann kluge, frohe und erfahrene Männer und Frauen werden. Soldaten und Ma­trosen sollen sie aus den Reisen beschützen, ihre Lehrer werden sie begleiten und die berühmtesten Aerzte unseres Landes werden an der Fahrt teilnehmen." Der Stadtratsaspirant von Leicester wollte auch durchsetzen, daß das Britische Reichin Ordnung komme", so daßjedermann bequem und steuerfrei seine Pfeife rauchen könne, bei reinem unverfälschtem Bier und bei den Klängen von Stadtkapellen." Wie groß mag die schmerzliche Enttäuschung ge­wesen sein, als der biedere Schneidermeister trotz tnefer schönen Verheißungen nur 14 Stimmen auf sich vereinigen konnte, aber er mag sich getröstet haben in der Ueberjeugimg, daß dir heutige Menschheit blind ist und ihr Glück eben nicht inilL

Kürzer und bündiger faßte sich ein irischer Kandidat, der stolz und lakonisch erklärte:Meine Löhnen gehören einer der ältesten irischen Familien an, sie sind berühmt, und da ich selbst ein Mann von unantastbarer Ehrenhaftigkeit bin, von klarer Intelli­genz und von unerschöpflicher Willenskraft, so werde ich alles tun für unsere hrähiswrische Stadt." Aber dieprähistorische Stadt" blieb skeptisch und dieklare Intelligenz" unterlag.

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* Wie man früher mit den 3igeunern umging. Es gibt wohl keinen Volksstamm auf Erden, der so unbarmherzig mißhandelt und verfolgt worden ist wie die Zigeuner, selbst von Völkern, die sich aus ihre christliche Gesittung viel zugute taten. Bezeichnend für die Art, wie man mit ihnen umsprang, ist eine humane" Verordnung des Königs Ferdinand vom Jahre 1656: daß man die Zigeuner, besonders die Frauen und Kinder, nicht gleich ertränken ober sonst jämmerlich umbringen sollte. Gut war es, wenn man sie nur verjagte. Bon 1685 bis 1726 ergingen elf Kaiserliche Mandate gegenba5 müßiggängig-schäd­liche Zigeunergesindel", deren mildestes war, siedurch Soldaten zu extermmieren". In Böhmen errichtete man auf den Grenzen Pfähle und Tafeln, auf denen jämmerlich zerblänte Kerle abgemalt und die Strafen verzeichnet waren, die den Zigeunern bet lieber» schreitung der Grenze treffen sollte. In den Verordnungen der K. K. Aemter bediente man sich gegen die Zigeuner der Ausdrücke vertilgen",ausrotten". Fliehende Zigeuner schoß man auf der Stelle tot. Tie Strafen für das Einwandern bestanden beim ersten Betretungsfalle im Abschneiden des linken, beim zweiten des rechten Ohres, beim dritten im Tode durch Schwert oder Galgen. Im Braunschwrig-Lüneburgischen sollte man siemit Rührung der Glocken" verfolgen, ihnen chre Habe nehmen und bei Widerstand sie töten. Ein Königliches Edikt in Sachsen erteilte

jedermann bcc Erlaubnis, Zigeuner aus der Stelle niederKujchceßen In Preußen trieb man sie mit Ruthen schlügen über bte Grenze. 4^r Kurfürst von Mainz ließ dagegen reden Zigeuner ohne weiteres lchrrichten, Frauen und Kinder abernur" mit Ruten streichen, brandmarken und über die Grenze jagen. Und so ging es überall, Nichlt selten wurden ganze Banden da, wo man sie auf gegriffen batte, meistens im Walde an Bäumen, auf gehängt. In Nürn-' bchg ließ man 1733 vier Männer und drei Weiber rädern itnbi köpfen, Kurfürst Auaust hatte zwei Zigeuner von der Elbbrücke in die Elbe stürzen lassen. Auf einer Jagd, die im 18. Jahrhundert ein kleiner rheinischer Fürst veranstaltete, wurde unter dem er­legten Wilde eine Zigeunerin mit ihrem Säugling auf geführt; Eine alte Zigeunerin wurde bei'Apenrade lebendig begraben, die Grabrede lautete:Krup ander, de Welt ist di gram." Untf unter Josef II. wurden in Ungarn 45 auf einmal Hingerichtete weil sie abhandelt gekommene Menschen geschmort und verzehrt haben sollten. Eine vom Kaiser nachträglich angeordnete Unter/ suchung ergab, daß die Vermißten alle noch lebten.

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