Ausgabe 
3.12.1910 Drittes Blatt
 
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N. 284

Dritte» Blatt

160. Jahrgang

Erscheint tL-Nch mti AuSnahn« de» 6«miag».

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gderhefjen

Samstag, 3. Dezember 1910

Rotationsdruck tmb Verlag der vrühl'sch«, Umoerfudt» - Buch- und ätembrucfeteu R. Lange. Stehen.

Redaktion, ExpedMon and Druckerrtr Schal- strahe 7. (^peOttton unb Vertag: ^88# &! Redattwm^EUS. TeU-Adr^ AnzeigerSiehea,

Vir weiblichen Angestellten im Post- und Tclegraphendienst.

Der neue ReichShanShalt enthält annähernd 400 neue Stellen für weibliche Angestellte im RcichSpost- und Telegraphendienst. Hiermit wird die Zahl der van der NelchSpost Verwaltung beschäftigten weldlichen Angestellten 20 000 übersteigen, da bereits gegenwärtig 19 925 dort tätig sind, davon 5444 in etatsmäßigen Stellen. Wenn man be­rücksichtigt, daß sich ihre Zahl trotz aller Agitation der Frauenvereine in den 70er Jahren noch im Jahre 1880 auf nur 220 belief, so zeigen diese Zahlen die außerordentliche Zunahme in der Verwendung weiblicher HilsSträste im Post- dienst während der letzten drei Jahrzehnte. Diese Zunahme ist naturgemäß in erster Linie aus die schnelle Ausbreitung des Fernsprechwesens in den letzten 20 Jahren zurückzu- sühOn.

Seit dem Jahre 1887 begonnene Versuche hatten zu dem Ergebnis geführt, daß wegen der höheren Stimmlage des weiblichen Geschlechts Fernsprechgehilfinnen füi den Dienst besondere geeignet sind. Allerdings hat sich im Laufe der Jahre auch gezeigt, daß weibliche Personen in höherem Grade der Dienstunfähigkeit durch Krankheit unter- liegen, als die männlichen Beamten. Aus diesem Grunde wurden seit dem Jahre 1905 die Bedingungen, unter denen die Annahme weiblicher Personen erfolgt, verschärft. Die tm Fernsprechdienst etatsmäßig angeftellten Beamtinnen erhalte,\ ein AnfangSgehalt von 1300 Mk., das in 12 Jahren auf 1800 Mk. ansteigt, daneben WohnungSgeldzuschuß. Außer­dem werden Teleqraphengehilsinnen bei Telegraphenämtern und Telegraphen-BetriebSstellen der Postämter 1 unter den gleichen AnstellungSbedlnguugen beschäftigt. Postqehllftnnen finden Verwendung zur Bedienung der Schreibmaschlnen auf den Postämtern und für den Renten- und Postanwelsungs- verkehr der Oberpostdirektionen. Ferner können bei den Post­ämtern III weibliche Personen als Gehilfinnen emgefteUi werden. Schließlich werden noch seit dem Jahre 189b Markenverkäuferinnen bet größeren Postämtern ohne Beamten- eigenichaft gegen Vergütungen bis zu 2.75 Mk. täglich be­schäftigt. Ihre Zahl beläuft sich gegenwärtig auf 145.

LisUgolü?

Gold hat einen stärkeren Magnetismus, als er je in einem Stück Eisen steckte, und jede Nachricht über einen neuzn Gold­fund gleicht einer epidemischen Gefahr, die sich leicht mit einer choleraahnlichen Geschwindigkeit ausbreiten unb zahlreiche Er* fron hing en herbeiführen konnte. Es ist daher auf alle gälte gut, die neuen Nachrichten aus dem Eifellanbe mit kritischen Blicken und wenigstens mit so viel Vorsicht &u betrachten, daß die Ent­stehung eines Goldfiebers verhindert wird.

Aus der deutschen Geschichte der letzten Jahrzehnte könnte num, so lesen wir in derRheiN.-Weftf. Ztg.", lernen, daß die Hoffnungen auf den Goldgehalt unserer Gebirge zioar zeitweise neu erweckt, aber auch ebenso häufig tyuüergangeJi zu werben pflegen. Es sind jetzt rund 14 Jahre vergangen, seit die Nach­richt aufiauchte, und eine nicht geringe Aufregung in weiten Kreisen Deutschlands unb darüber hinaus hervvrrief, daß im Fichtelgebirge an der Grenze gegen denBöhiner- toal b erhebliche Goldfunde gemacht worden seien. Man grub in den Chroniken entlegener Jahrhunderte nach unb fand, daß in der nahen Umgebung des betreffenden Gebietes schon früher Gold gefunden unb gewonnen worden war. Dieser Uniftanb hätte eigentlich als Warnung dienen müssen, aber wie es dabei ge­wöhnlich geht, die erste« Analysen des Goldgehalts für daS in Frage stehende Gestein brachten so erstaunliche Ergebnisse, daß die höchsten Erwartungen hervorgerufen werden mußten. Außerdem glaubte man sich dabei beruhigen zu können, daß mir der dreißigjährige Krieg den weiteren Bestand und die Ausdehnung des Goldberabaues verhindert habe. Auch waren die mittel­alterlichen Methoden der Goldgewinnung natürlich so viel wirk­samer, daß man selbst bei einem geringeren Goldgehalt, als er auch in den alten Chroniken angegeben war und jetzt scheinbar be­stätigt wurde, einen hohen Ertrag mutmaßen Tonnte. Man ver- stieg 'sich basu, bei einer täglichen Verarbeitung von 6000 Zent­nern einen Bruttogewinn von 44 000 fDtart täglich herauszurech- neu. Die ersten chemischen Untersuchrmgen des goldhaltigen Ge­steins aus dem Fichtelgebirge wurden an den Grusonwerken in Magdeburg und von einer städtischen Anstalt in Nürnberg aus­geführt. Die erste Verarbeitung ergab 745 Gramm Gold und 1943 Gramm Silber auf die Tonne, ein Reichtum, der geradezu abenteuerlich zu nennen wäre. Die zweite Anstalt fand in 100 Gramm des groben Ouarzsandes 0,39 Gramm Gold. Das er­scheint sehr wenig, aber im Ural beispielsweise wird noch ein Sand mit Nutzen auf Gold verwertet, der um fast 800 mal weniger von dem @bdmetaH enthält. Es wurde allerdings die Bemerkung gefügt, daß die untersuchten Proben einen un­gewöhnlich hohen Goldgehalt besessen haben könnten, daß ober eine Veranlassung zu diesem Verdacht nicht bestehe. Da nun auch die geologische Formation, in der sich diese Ablagerungen gefunden hatten, reiche Goldtager am ehesten erwarten ließ, und da die- Gestein eine Ausdehnung von wenigstens 14 OuabraU kilouietern in der Gegend besaß, so hoffte man damals, ein Cali- fornizn auf deutschem Boden sich entwickeln zu sehen.

Die Herrlichkeit dauerte aber nicht lange. Die erste Nachricht, tue eine Erschütterung der Hoffnungen herbeiführte, war die Mit- teilnng, daß das Äold nicht in viel verheiß enden Adem und Einsprenglingen in festem Gesteirr, sondern nur als Körnchen und Blättchen vvrkomme; immerhin sollte es nichts mir in lockerem Schwemmsand, sondern auch im Gestein selbst enthalten sein, und zwar in nicht unansehnlichen Zusammenhäufungen. Der Glaube an die Zukunft des Fichtelgoldes blieb noch eine zeitlang erhalten, weil die Zweifel an, der einwandfreien Art der chemisck-en Untersuchung widerlegt werden konnten. Man hörte dann noch, daß das fragliche Gelände von rinem Deutschen gemeinsam mit einem französischen Geologen gemutet worden sei? dann wurde es aber völlig still davon Später konnte nur noch festgestellt werden, daß zum mindesten die Art des Goldvorkommens nicht richtig dargestellt worden war, da es doch Vur in sogenanntem Wasch­gold, also in Schotter- unb Kiesablagerungen, nicht aber in festem Gestein vorhanden ivar. Man hatte sich durch den Fund einiger Guarjftüde, in denen angeblich das Gold mit bloßem Auge zu erkennen ivar, zu übertriebenen Folgerungen und Dar­stellungen hinreißen lassen. So ruht das Fichtelgolb seinen jahr- wunbcrtelang ungestörten Schlaf auch jetzt noch witer. Damals kam c5 nicht dazu, daß größere Kreise von einem eigentliche Goldsieber ergriffen wurden. Man sollte aber auS dieser und vielen anbeia, ähnlichen GeschichtLN beizeiten die Lehre ziehen, daß

die Nachricht von dem Vorhandensein von Gold in irgend einem Gebirge nur letten dazu geeignet, ist, demjenigen, der die ver­lockende Gelegenheit sofort ergreift, große Schätze zu sichern.

Au» StaOt und Land.

Gieße n, 3. Dezember 1910.

WeihnachtSeinkäufe.

Mit dem Herannahen des Weihnachtsfestes beginnt auch für alle Angestellten des Kleinhandels wieder eine Zeit äußerster Anspannung aller körperlichen und geistigen Kräfte. Besonders in den letzten Tagen vor dem Feste steigern sich die Anforderungen, die an die kaufmännischen Angestellten hinsichtlich ihrer physischen Leistungsfähigkeit und ihrer Nervenlcaft gestellt werden, ins un- gemessene. Tag aus Tag ein gilt es, den vielfachen und oft sehr anspruchsvollen Wünschen der sich drängenden Käuferschar ge­recht zu werden und wenn dann endlich der Ladenschluß heran­naht, der sonst die ersehnte Ruhe bringt, heißt es oft noch bis in die sinkende Nacht hinein durch Aufräumungsarbeiten, Dekorieren und andere Arbeiten für den Ansturm des kommenden Tages die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Es kann daher nicht Wunder nehmen, wenn für das große foeer der im Klein­handel Beschäftigten das Wort von derfröhlichen seligen" Weihnachtszeit zu einem leeren Schall geworden ist. Bedeutet sie doch für den Kaufmann nur noch eine Zeit des Hastens und der Mühsal, der das Fest, seiner wahren und eigentlichen Be­deutung gänzlich entkleidet, endlich das ersehnte Ziel setzt. Im Interesse aller jener, die unter diesem Zustande leiden, bittet auch in diesem Jahre wieder der Deutschnationale Handlungs- gehilsen-Verband um rechtzeitige Vornahme der Weihnachtsein­käufe. Ein frühzeitiger Einkauf der Weihnachtsgaben muh dazu führen, mehr unb mehr eine ziveckmäßige Verteilung des Käufer­ranges in der Weihnachtszeit herbrizufül/ren, der Geschäftsverkehr kann sich infolgedessen im beiderseitigen Interesse von Käufer und Verkäufer in ruhigerer Weise abspielen. Hinzu kommt, daß der Käufer noch eine größere Auswahl vorfindet und nötigenfalls auch die Möglichkeit haben wird, nicht Vorhandenes noch recht- zeitig zu bestellen ober kommen zu lassen. Möge also die Mah­nung:^ ,.Kauft rechtzeitig!" eine gute Statt finden. Das Bewußtsein, sich damit den Dank der vielen Tausenden im Klein­handel Angestellten und ihrer Prinzipale verdient und an feinem Teil an der Lösung einet segensreichen sozialen Aufgabe mit­gearbeitet zu haben, ist eine Weihnachtsfreude, deren sich wahr­lich ein jeder nach Möglich kett teilhaftig machen sollte!

e

Dom Alldeutschen Verband wird un5 geschrieben: Während über die ©efabr, Die dem Deutschtum in den Ofimarten droht, durch die Tätigkeit des Alldeutschen Verbandes und des Oft- marlenverems in den roeüeflen Kreisen Deutschlands Licht ver- breitet wurde, ist die vor einigen Jahren begonnene AusktärungS- arbeit des Alldeutschen Verbundes über Die Gefahr, die über das Deutschtum in den West marken heraufzieht, noch nicht so weit DorgeörungetL Tie hiesige Ortsgruppe wird daher am nächsten ^xeiiag, 9. Dez., m Steins Garten einen öffentliches Vortrags­abend mit freiem Eintritt üeranfh>t:en, an dem Superintendent E. Rltngemann aus Eßen, ein genauer Renner der Verhält­nisse, über die Lage in Elsaß-Lothringen sprechen wird.

Deutscher Privat-Beamten-Verein. Der am Mittwoch abend im Hotel Kaiserhof vom hiesigen Zweigverein ver­anstaltete Vortragsabend erfreute sich eines sehr guten Be­suches. Das zur Behandluiig gestandene Thema: ,5) i e Privat- beamten Versicherung eine wirtschaftliche Not- wendigkeit", wurde vom Redner, Herrn E. Reinemund- Magdeburg, eingehend behandelt. Seine Ausführungen gipfelten in der Forderung, daß die Privatangeftellten sich eng zusammen- schließen und mit vollem Nachdruck ine Vrivatbeamtenversicherung auf staatlicher Grundlage recht bald zu erreichen suchen müffen. oo lange indessen die StaatShilse noch sehle, sei der gewiesene Weg zur Herbeisührung einer angemessenen Fürsorge für Invalidität, Aller und Hinterbliebenen die Selbsthilfe, wie sie ;eyt beim Deutschen llrivalbeamten-Verein in den verschiedeilsten VersorguiigSkassen gegeben sei. Die letzteren wurden in ihren Entwickelungen und Leistungen veranschaulicht. In der Besprechung druckten die Redner uire Zustimmung zu dem Inhalt des Vortrages auS, und eine stattliche Anzahl Herren traten dem Verein alS Mitglieder bei. Boni Veriammlungsleiter, Professor Dr. Kraft, wurde noch darauf hingewiesen, daß am nächsten Dienstag abend der Winter kurfus impraktischen Englisch" seinen Anfang nimmt. Der Kursus ist für die Mitglieder völlig unentgelilich. Dem Verein fernstehende Herren, welche die günstige Gelegenheit ziir Bereicherung ihrer Sprachkenntnisse ben»itzen wollen, steht die Teilnahme frei.

Robert Kothe-Abend Man fchreibt unS: »Auf Markt und Gassen " so schrieben 1909 die.Mönch. Reuest. Nachr.", wird das alte Volkslied wohl nie wieder heimisch werden, aber in den Salons, in den Ateliers, bei Konvenukeln und Festen ge­bildeter Aleuschen tragen R. Kothes Liederabende z. T. heute schon sehr erfreuliche Früchte. Es ist damit ähnlich rote mit der Volks­kunst, und es ist gut so." Der musikalische Leiter des Kunstroarts, Tr. Bathus, schreibt über Kothe: .Was er bietet, ist künstlerisch oollroertig. Ich habe lange fernen so herzerquickenden Genuß ge­habt, als da ich seine altdeutschen Lieder hörte.....Welche Krait,

welche Gesundheit, roelcbe Fülle von Gemüt! Man geht roirklich iiinerlich bereichert von dannen."

* Peter Prang, der bekannte Kölner Humorist, gibt gegenwärtig wieder einmal im Kolosseum Gastspiele. Der qeitrige eiste Abend war ungemein luftig. Es wurde ein Militär- schwank als Einakter zur Darstellung gebracht, wobei Peter Prang seinen unüberirefslichen Burschen spielte. Auch diebürgerliche^ Burleske in zwei Akten, die darauf folgte, wobei Peter Prang einen zwerschfellerschütternden Reittier gab, der unter bem Pan­toffel feiner Frau steht und sich doch ein gutes Leben zu machen weiß, ivar von größter Wirkung. Peter Prang setzt feine Gast­spiele im Kolosseum fort

** Bekämpfung der Schnakenplage. Das alljähr­liche Auftreten der Schnake (Culex pipiens £.) ist für die davon betroffenen Gegenden eine sehr lästige Plage und hat sowohl den Einzelnen wie ganze Gemeinwesen zum Ergreisen von Llbwehr- ulld Vertilgungsmaßnahmen veranlaßt. Der Umstand, daß das Uebel sich häufig an ober in Wäldern stärker bemerkbar macht oft in einer Weise, daß ein ruhiges Verweilen im Waldschatten saft unmöglich ist, und alle Freude am Naturgenuß vergällt wird hat bei Personen, die die Lebensivcise der Schnake nicht genauer kennen, zu der .Annahme geführt, daß im Walde hauptsächlich die Geburtsstätten dieses mißliebigen Zweislüglers zu suchen seien, unb daß deshalb die außerhalb der Walder Dorgenommenen Ver­tilgungsarbeiten allein nicht genügen könnten. Die Brut­stätten der Schnaken sind stehende unb ruhige Gewässer, an bereu Oberfläche das in geschützten Oertlichketten überwinterte Weibchen im Frühjahr nach Eintritt wärmerer Witterung seine zahlreichen Eier ablegt, und in denen auch die Larve sowie die Puppe ihre Entwickelung finden. Die Forst Verwaltung unrb somit in den Kampf gegen die Stechmücke nur dann helfend einzugreisen in der Lage sein, wenn im Walde für bie Entwickelung ber Mückenbrut geeignete Gewässer vorhanden sind, deren Beseitigung zulässig und durchsührbar ist. Um ausgedehnte Entwässerungen kann es ih selbstverständlich hier nicht handeln, sondern nur mu die Aufgabe, llcmere stagnierende Wasieroiengeu,

die ja auch im Hinblick auf die Waldesschönhett entbehrlich sind, zum Verschwinden zu bringen. Kleine Tümpel und Wasser­lachen können, sosern nicht auf andere Weise Abhilfe möglich ist, mit Erde zugeschüttet werden. Auch in der Vogelwelt hat die Stechmücke manchen Feind, weshalb in Gegenden, die von devi kleinen Peiniger heimgesucht sind, Schutz unb Pflege der nütz­lichen Vögel besonders geboten erscheint. Es kommen hier ht Betracht: die Bachstelzen, namentlich die auch Schnakenlarven iischenbe gelbe Bachstelze; die Schwalben, von denen Ufer- unb Rauchschwalbe ebenfalls auch ben Larven unb Puppen bet Stech­mücke nachstellen; Wiesen- und Baumpieper, ersterer Mücken- und Larvenseind; ferner die Fliegenfängerarten der Mauersegler und der Ziegenmelker. Vorstehende Ausführungen sind zum teil einem kürzlich von der 351 iniftcrialabteilung für Forst- unb Kamercck- Verwaltung erlassenen Ausschreiben an die Großh. Oberförstereien entnommen.

vermischtes.

* Die (jeUfänbetc Spritze. Ein hübsches Stücklein aus der Verwaltung erzählt eine Zuschrift an denVorwärts": Als ich vor einiger Zeil durch ein thüringisches Dörfchen radelte, bemerkte ich einen Mensche nauslauf vor dem Spritzenhause, worin offenbar der Gerichtsvollzieher seines klebenden Amtes waltete. Ich sprang ab und mischte mich unter die Menge. Was mir bann ein freundlicher Orts schösse erzählte, sei rnttgeteilt:Im Mai dieses Jahres," ließ er sich vernehmen,sahen wir in einer Nacht am südlichen Himmel einen Feuerschein, der immer mächtiger wurde. Wir frogen deshalb die Spritze aus dem Spritzenhause, spannten sechs kräftige Pferde davor und jagten los. Hinter der Spritze folgten auf vierspännigen Wagen sämtliche Mannschaften unserer Freiwilligen Feuerwehr. Wir halfen in bem Städtchen Zippel- Itebt, das vom Feuer arg bedroht war, achtzehn Stunden löschen und fuhren dann, krumm unb lahm, aber fröhlichen Herzens heim­wärts. Viele Wochen später bekommt unser Ortsschulze ein Schreiben, das mit dem Siegel des Magistrats jenes Städtchens geschlossen ist. Na, denkt er, jeoe gute Tat belohnt sich zwar selbst; jedenfalls aber wollte es sich der Zippelstedter Magisttat nicht nehmen ls-ssen, unserer wackeren Feuerwehr noch ausdrücklich zu danken. Unser Ortsschulze hatte sich jedoch falsche Hossnungen gentaDas Schreiben enthielt in dürren Worten die Auf­forderung, für das zum Löschen aus der städtischen Wassexlettung entnommene Wasser, und zwar 800 Kubikmeter zu 14 Pfg. -- 112 Mark, binnen adjt Tagen bei Vermeidung weiterer Maßnahmen an die Zippelstedter Stadtkasse zu zahlen. Unsere Wul können Sie sich denken! Es kostete unserem Gemeindeschreiber bid lieber* windung, bat wohllöblichen Zippelstedter Magistrat in einem höflichen Gesuche um Erlaß des Wasserzttrses anzugehen. Eine Antwort darauf bekamen wir nicht; dagegen erschien hatte der Gerichtsvollzieher und pfändete int Auftrage des Zippelstedter Magistrats unsere Spritze!"Was werden Sie nun tun?" fragte ich.Wir trirrben wohl ober Übel zahlen müssen, denn der Exekutor sagte gane höhnisch, wenn es in unserem Dorfe brennte, dürften wir die Spritze nicht benutzen, sonst machen wir uns des Pfandbruchs schuldig!"

Handel.

Stenerktche Nachteile durch ausländische Handelsgefefffchafte«.

Kürzlich ging eine Mitteilung durch die Zeitungen, daß die eigenartige Berechnungsweise unb Verbuchungsart, bie bei ber ©tanbarb O il Company herrscht, jedenfalls bazu führt, baß bie Hamburger Gesellschaft ber Standard Ott Company gan- geringfügige Stenern zahlt im Verhältnis zu dem gewaltigen Geschäft, das die Standard Oil Company auf Grund der an­geführten Verbuchungsweise in Deutschland macht. Nicht uninter­essant dürfte es fein, im Zusammenhang hiermit die entsprechen­den Verhältnisse der Singer Manufacturing Com­pany zu betrachten.

Die Singer Manufacturing Company ist 1864 von I. M. Singer und E. Clark mit 500 000 Doll, gegründet und 1878 als Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 1 Million Doll inkorporiert worden. 1887 erhöhte die Gesellschaft ihr Kapital auf 10 Millionen und im Jahre 1900 wurde durch Zahlung einer Extradividende von 200 Proz. das Kapital auf 30 Millionen Doll, erhöht, indem die neuen Aktien den Aktionären als Extra­dividende zuerkannt wurden. Nach den neuesten Meldungen hat nun die Singer Manufacturing Company in ihrer Vetwaltungs- sitzung die Verteilung einer der größten bisher dagewesenen Son­derdividenden erklärt; es sollen nämlich 50 Millionen Doll, an die Aktionäre zur Verteilung kommen, was einer Dividende von 100 Proz. entspricht. Nach Verteilung dieser Dividende wird das Aktien-Kapital der Singer Manusakturing Company von ur­sprünglich 1 Million auf 60 Millionen Doll, angewachsen sein, und zwar ohne daß fett der Gründung der Aktiengesellschaft, also seit dem Jahre 1878, auch nur ein Pfennig in bar weiter ein­gezahlt worden toärev

Gegenüber diesen enormen Gewinnen der Singer Manu­facturing Company in Amerika überrascht es aufs höchste, daß die europäischen Filialgesellschaften der Singer Eo., die sehr erfolg­reich arbeiten und über ein bedeutendes Kapital verfügen, über die minimalsten Dividendensätze nicht hinauskommen. Die deutsche Filial-Gesellschaft der Singer Manufacturing Company in Ham­burg zahlte an Dividenden seit 1900 zwischen 0 und 8 Proz.

Die Singer Co., Aktiengesellschaft in Hamburg ist nur eine Vertriebsgesellschaft der Singer Manufacturing Company ui New- York. Wenn man nun die Gewinne des amerikanifchen Stamm­hauses und demgegenüber die Dividendensätze z. B. der deutschen Vertriebsgesellschast betrachtet, und berücksichtigt, daß die deutsche Filial-Gesellschaft in Hamburg in ihrer Bilanz am 31. De­zember 1908 63156 989 Mark Aktiven auswies, so muß man dazu kommen, nach den Gründen der ungünstigen Bilanzen, der deutschen Filial-Gesellschaft zu forschen. Man könnte dabei leicht auf die Vermutung kommen, daß die amerikanische Stammgesell­schaft, die wahrscheinlich alle Aktien der Hamburger Filiale im Besitz hat, dieser die Nähmaschinen übermäßig hoch in Rechnung stellt, so daß der Gesamtgewinn in ihrer eigenen Bilanz in Amerika zum Ausdruck kommt^ während die deutsche Filial-Ge sellschaft nur geringe Erträgnisse aufweist. Diese Verhältnisse könnten uns in Deutschland gleichgültig sein, wenn nicht zweierlei in Betracht käme. Erstens ist zu berücksichtigen, daß die erstaun­lich ungünstigen Bilanzen der deutschen Filial-Gesellschaft der Singer Co. von größtem Interesse für den deutschen Steuer- s i s k u s und damit für die deutschen Steuerzahler sind. Wenn die Gewinne der sehr erfolgreich arbeitenden deutschen Filial- Gesellschaft der Singer Co. durch besondere Verrechnungsmethoden nach Amerika verlegt werden, so hätte allerdings der deutsche Steuerfiskus an der Abänderung ber Methobe ein großes Inter­esse. In zweiter Linie aber ist bei ber Singer Manufacturing Company zu berücksichtigen, daß deutsches Geld ^millionenweise für Singer Nähmaschinen nach den Vereinigten Staaten fließt, so daß sich die Verwaltungssitzung der .Singer Manufacturing Company schließlich nicht anders zu helfen weiß, als den Gewalt- weg ber Verteilung einer lOOprozeittigen Sonderbividendc zu befchreiten, um ben Millionensegen, er nicht zum kleinsten Teil aus Deutschlanb geflossen ist, wieder los zu werden: denn die oeutfd Filial - Gesellschaft der Singer So. hat ja an bem Milltt'ncniegen feinen Anteil.