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1.10.1910 Erstes Blatt
 
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Nr. 330

Erstes Blatt

160. Jahrgang

_ , Samstag 1. Oktober 1010

Wietzener Anzeiger

für bie Redaktion 113, Verantwortlich für den

ML General-Nnzeig-r für Gberhessen ZW

g »ormmA"suh? Rotafi oitsbrad mir» Verlag der vrühl'schen llnlo..vnch. und Steint) ruderet R. Lange. Redattlon, Expedition und vruckerel: Schuistratze 7.

Die heutige Nummer umfaßt 18 Seiten.

politische Wochenschau.

Gießen, 1. Oktober.

141 Arbeiter einer Kohlenfirma in Moabit hatten eine Lohnerhöhung gefordert, und als dem schriftlichen Ver­langen des sozialdemokratischen Dransportarbeiterverbandes nicht umgehend willfahrt wurde, trat 24 Stunden später der Ausstand ein Es hatte hier, wie in zahlreichen anderen Fallen, dem Arbeitgeber widerstrebt, mit fremden, sachlich unbeteiligten Elementen sich in Verhandlungen einKulassen. Als darauf Arbeitswillige auf der Strafe offen angegriffen und mißlsaudelt wurden, blieb nichts anderes übrig, als die Polizei zu ihrem Schutze anzurufen. Das hat nun der Vorwärts" so ausgelegt, als habe die Berliner Schutz­mannschaft in dem wirtschaftlichen Kampf die Partei des Arbeitgebers ergriffen! Nach der Ansicht dieser Kämpferin für Menschenrechte hat die Polizei kein Recht, sich der Ar­beitswilligen antzunehmen, denen die Köpfe blutig ge­schlagen werden sollten. Dieser edlen Ansicht hat sich der Pöbel von Moabit aus vollstem Herzen angeschlvssen, und er hat sich nicht damit begnügt, mit Druckerschwärze gegen die verhaßten Polizisten vorzugehen, sondern er führte den Kampf mit Pistolen, Messern, Wurfgeschossen aller Arten, und so mußte es am Ende dahin kommen, daß auf der Straße regelrechte Schlachten ausgeführt wurden. Brave Gemütsmenschen brachten es dann über sich, aus dem Hinterhalte, aus Fenstern und Höfen, auf die Beamten zu schießen. Gegen solche Mordbrenner hat das Zentral­organ der deutschen Sozialdemokratie kein Wort des Tadels, es verwahrt sich -war dagegen, daß sozialdemokratisch orga­nisierte Arbeiter an den Krawallen teilgenommen hätten, gibt aber immerhin Au, daß die Straßentampfer im Banne sozialdemokratischer Jdeenkreise gestanden haben, denn es hält den Behörden vor, daß sie oes Aufruhrs besser Herr geworden wären, wenn sie die Hilfe der Arbeiterorganisation und ihrer Presse angerufen hätten!

Die Leute, die hinterher zugeben, daß sie zur Vermei­dung der Gräuel am ehesten hätten beitragen können, und gleichzeitig doch in spaltenlangen Schmähungen die alte Leier von der Brutalität des Schutzmannssabels singen, spielen wirklich keine beneidenswerte Rolle. Der einfachste Mann auch unter den Genossen selbst könnte es sich wohl 1 lebhaft ausmalen, mit welchem Hohn derVorwärts" die Behörde bedient haben würde, die etwa seine Mitwirkung angerufen hätte. In den Augen gesinnungstüchtiger Radi­kalen wäre die Bewilligung eines solchen Entgegenkommens ja ein weit größeres Verbrechen gewesen als die Zustim­mung zu irgend einem Budget! Rein, heute ist nach der Magdeburger Parole das oberste Ziel die Aufwiegelung der Massen, und wehe dem llnglückswurm, der wider diesen heiligen «Geist durch eine Stimme im eignen Innern sich rühren lassen würde! Selbst in einem Teil der französi­schen Presse bringt man die Krawalle in Verbindung mit »dem Anschwellen der sozialdemokratischen Flut, und die Organe der deutschen Demokratie ergreifen mit Behagen die Gelegenheit, die auch in Moabit zum Ausdruck gekom- w mene zunehmende Erbitterung des Volkes gegen die reak- ' tionären Mächte ins Feld zu führen.

} Wir glauben, daß die Mehrheit des deutschen Volkes , in solchwüstem Garten, der aus in Samen schießt", auf , die Dauer sich denn doch nicht wohl fühlen wird. Das Kulturheldentum, das heute auf die Berliner Schutzleute schimpft, muß ersticken an seiner Gemütlosigkeit, tote die eifernde und gekünstelte Humanitätsmache gewisser demo­kratischer Organe an ihrer im Kern undeutschen und geist­losen Art. So ist natürlich auch der bekannte kleine Zwifchen- d fall mit den englischen Journalisten, die, mit ihrem Auto- 8 mobil dem Tumult allzu nahe, von Schutzleuten einige Z Püffe abbekamen, mit lebhaften Gebärden und spaltenlangem

Line Münchener Ausstellung in Paris.

o Am gestrigen Freitag wurde im großen Kunst- o dalast in Paris in festlicher Weise die eine 3 der hervorragendsten Abteilungen des Herbstsalons bildende M ü n - 3 chener Ausstellung für angewandte Kunst eröffnet. Zu der a rstier erschienen der Unterrichtsmmister Toumergue, der bay- 3 rische Geschäftsträger Baron von Ritter, der deutsche Geschüfts- 3 üäger Freiherr vonderLankenmit den Herren der Botschaft, 3 Generalkonsul Jecklin, zahlreiche französische und deutsche Künst- £ ler sowie viele Mitglieder der deutschen Kolonie. Ter Obmann des Ausftellungsrates, Professor Becker, hielt eine den Zweck der Ausstellung kennzeichnende Begrüßungsansprack>e, welche Un- I terrichtzminister Toumergue mit herzlichen Dankesworten und leb­haftester Anerkennung für die so interessanten Münchener Kunst­bestrebungen beantwortete. Rach einem Rundgange durch die mit Ä eigenartigem Geschmack ausgestattete Ausstellung, welche versck>ie- dnre Wohnräume darstellt, fanb beim Bayrischen Geschäftsträger t eui Empfang statt, welchem Minister Toumergue, die Herren der deutschen Botschaft, zahlreiche Künstler und viele Mitglieder der deutschen Kolonie beiwohnten. Tic maßgebendsten Kritiker spen­deten der Ausstellung reiches Lob. Um die Veranstaltung bat sich der Generalsekretär der Ausstellung, Kunstschriftsteller Grau- toif/ sehr verdient gemacht.

Von unserem Pariser Mitarbeiter erhalten wir dazu noch wlgenden Brief:

O V aris, 30. Sept. 1

. Die Münchener Ausstellung angewandter Kunst im Pariser Mbstsalon kann einen sensationellen Erfolg verzeichnen und be- Mftigt daher die Kunstkritik in viel höherem Grade, als die zur ^chau gestellten Bilder und Skulpturen. Man sucht natürlich tl großem Eifer nach schwachen Punkten, um den Gesamteindruck ?^krmindern, kommt damit aber nicht sehr weit. Die Haupt- »^Migung findet man noch darin, daß der Unterschied fwycyen dem norddeutschen und süddeutschen Ge- ' 9 Di a a c hervorgehoben und der letztere, den München vertritt, lateinischem und besonders französischem Einflüsse be- .hingestellt wird. Darauf versteift sich besonders der htrrt t desEcho d e Pari s", der nach Hervorhebung fcenw ftrun6en an Antike in der Münchener Ausstellung

Geschreibsel in eine Staatsaktion verkehrt worden, womit die preußische Unkultur wieder daraetan worden sei. Dabei hat ein Kriminalkommissar im Auftrage des Berliner Po­lizeipräsidenten den betroffenen Engländern, wie heute berichtet wird, einen förmlichen Entschuldigungsbesuch ab­gestattet! Aber weil es sich so mannhaft demokratisch liest und weil man allerweil ein bißchen Stimmungsmache gegen die Regierenden braucht, verweilt auch dieFranks. Ztg." lieber bei den leichten Verwundungen und abgerissenen Knöpfen unvorsichtiger englischer Gentlemen als bei den blutig gehauenen Schutzmannsköpfen. Aus demselben Geiste feinen und zeitgemäßen Kulturempsindens war dieser Tage auck ein Feuilleton desselben Blattes geboren worden, in dem es in Strömen von Wehmut bedauert wurde, daß diewunderschöne Stadt" am Rhein am 28. September 1870 von rauhen Barbaren beschossen, eingenommen stnd damit ihrer Ehre beraubt worden sei. Ein im Herzen Frankreichs erscheinendes Blatt hätte zum Tag der Ä.inne- rung an den Fall der Festung Straßburg nicht schwungvoller seinem französischen Patriotismus Luft machen können!

Das unverstandene Frankreich zeigt der Türkei noch immer die Miene des Beleidigten. Der Finanzminister Dschavid Bey wird auf Frankreichs Hilfe verzichten. Die Erklärung, die er nach demDaily Telegraph" einem Be­sucher abgegeben haben soll und die wir am Donnerstag ausführlich veröffentlicht haben, ist von großem Interesse und nach mancher Richtung hin aufllärend. Die Abwendung von Frankreich in der Anleihefrage ist danach ziemlich ent­schieden, und da etwaige augenblickliche Schwierigkeiten der türkischen Finanzen durch cm erhebliches Vorschußangebot der deutschen Bank völlig beseitigt sind, werden viel­leicht die in der Dschavidschen Erklärung genannten An­gebotevon angesehenen Häusern Oesterreichs und Deutsch­lands" den Engländern noch den Rang streitig machen. Auf der andern Seite ist, wenn Dschavids Bemerkungen unbestritten bleiben, erwiesen, daß die Türkei noch vor kurzer Zeit im englisch-französischen Fahrwasser sich be­funden hatte. Die Mitteilung des türkischen Ministers, daß die Türkei wegen des Ankaufes von Kriegsschiffen sich zuerst an England und Frankreich genxmbt habe, klingt toie eine Entschuldigung des nachherigen Kaufabschlusses mit Deutschland. Eine halbamtliche Mitteilung desFi­garo" läßt in die interessante Vorgeschichte dieser türki­schen maritimen Angelegenheit etwas tiefer blicken. Das Blatt schreibt, die Türkei habe kein altes, sondern ein zur Lieferung bereitstehendes 15 000 Tonnen-Panzerschiff neuesten Modells verlangt, und der französische Mcrrine- minister habe antworten müssen, daß es ihm unmöglich fei, der Türkei ein derartiges Schiff zu überlassen, da für dessen Ersetzung drei Jahre erforderlich wären, llnd auch aus dem ungarischen Wetterwinkel ist auf das aar zu anspruchsvolle und selbstzufriedene Frankreich ein kalter Regen niedergegangen. Der Osenpester Vertreter derReuen Freien Presse", der die gestern von uns mitgeteilten Aeuße- rungen des deutschen Staatssekretärs v. Ktderlen-Wächter über das Zustandekommen der ungarischen Anleihe ver­öffentlicht hat, bringt heute Bemerkungen aus dem Munde des ungarischen Ministerpräsidenten, der zwar den Ramen Frankreich nicht ausdrücklich nennt, aber doch in völliger Uebereinsttmmung mit v. Kiderlen--Wächter sich also hat vernehmen lassen:

,/Dic jüngsten Tage haben gezeigt, daß wir in Deutsch­land eine feste Stütze haben, auf die wir uns immer ver­lassen können^, eine Stütze nicht nur in politischer, sondern auch in finanzieller und wirtsck>astlicher Hinsicht. Wenn aber das Sprichwort schon von den Heinen Diensten sagt, daß sie die Freundschaft stärken, so kann man getrost sagen, daß die großen Dienste, wie sie Deutschland der Monarchie und Un­garn nun schon wiederholt auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete erwiesen bat und welche Oesterreich-Ungarn nach Kräften zu erwidern trachtet, die alte Freundschaft zu Eisen schmißen werden. Gewiß wäre auch das Zustandekommen des ursprüng-

Auch wir haben zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts die Antike nachgeahmt. Aber man vergleiche die beiden Aus­legungen. Die unsere ist jener köstliche Louis XVI. Stil ge­worden, die MünckZener dagegen die Disziplin, die bereits in ihrer Stadt 1908 triumphierte und die sich heute miit solcher Energie im Grand Palais und vielleicht auch in den zwanzig deutschen Häusern für Kunstgewerbe bekundet, die sich in Paris niedergelassen haben. . . . Tic große Originalität der Mün­chener Gruppe besteht in der Disziplin, mit der begriffen wurde, daß ein Zimmer von einem Architekten gezeichnet werden muß, daß es eine Proportion wie ein Haus hat, daß die Größen- verhältnisse der Möbel, der Bilder, der Skulpturen von der allgemeinen Proportion abhängt. In dieser Hinsicht kann ich nur die Herren Karl Jäger, Theodor Veil, Troost, Niemeyer, Karl von Burg und Niemerschmid, einen der Anreger der Be­wegung, loben. Dagegen ist die Ornamentierung der Möbel schwerfällig und erinnert in gewissen Fällen an die unange­nehmen Ausschreitungen des Bombay-Stiles. Sobald aber das Möbel feststeht und zur Archftektur gehört, wie in dem Speise­saale Herrn Niemeyers oder in dem weißen Schlafzimmer Herrn Riemerschmids, ist es tadellos."

Ganz Lob ist die Besprechung desJournal des Dc- bats" über die Münchener Ausstellung.-

Man ftndet keine Spuren des modernen Stils in ihr. Sie ist manchmal gefällig, häufig streng, immer hinreichend einfach, im vorzüglichen Gleick-gewichte gehalten, solide. Am meisten frappiert die Strenge, mit Mr für jede Auffassung alles nach dem Willen des Schöpfers diszipliniert ist. Man ftndet überall eine Einheitlichkeit, die, wenn sie die Phantasie ausschließt, einen Eindruck der Ordnung, der Ruhe, der Sicher­heit und der Harmonie hervorruft."

TerFigaro" spricht der Ausstellung eine starke und unangreifbare Kohäsion zu:

Tie Münchener Künstler geben sich wie sie sind, sie geben auch alles, was sie können. Bei ihnen ist nichts vernachlässigt, nichtsungefähr", nichts Angehudeltes. Alles ist reiflich nach dem Geschmacke und dem Temperamente der Rasse berechnet und die Auffassung ist bis zum kleinsten in äußerster Sorg­falt ausgeführt."

n. M ainzer Stadttheater. GygeS und fein Ring, Hebbels crgreijendes Drama, ging am Donnerstag injcüua

lichen Anleiheprojekts fein Grund gewesen, zu glauben, daß Un­garn seinen bewahrten Freunden untreu werden wollte. Schort der Umstand, daß das erste Projekt eigentlich nur der Plan eines Bankkonsortiums war, würde dagegen sprechen. Daß es sich aber wieder einmal gezeigt hat, daß die altbewährten Freunde im Bedarfsfälle stets die sichersten uiti) besten sind, ist gewiß eine Tatsache, die sich in das Gedächtnis einprägt und die man nicht so leicht vergessen kann. Unter solchen Umständen haben wir Grund, mit dem Ausgange der ganzen Angelegenheü durck-aus' zufrieden zu sein und ihr Ergebnis in politischer und wirtschafte lieber Hinsicht für gleich erfreulich xu halten."

Wenn die heute so offenkundigen guten Beziehungen zwischen Deutschland und der habsburgischen Monarchie auch eine gute Rückwirkung haben werden auf das künftige Ver­halten der Tschechen Deutschen gegenüber, so können wir zufrieden sein. Hoffentlich darf Herr v. Kiderlen-Wächter in der kräftigeren Wahrnehmung der deutschen Interessen künftig sich auf die Gegenleistungen Oesterreichs verlassen. Es ist ein frohes Gefühl für uns, daß der frühere heraus­fordernde Ton der Briten und Franzosen heute fett en er hörbar wird und daß wir unseren Feinden eine gelaufene Ruhe zeigen können.

Vie französische Vergeltung gegen Ungarn.

Paris, 30. Sept. Das heutige Amtsblatt t) er ö ff ent* licht einen Erlaß, nach welchem bis auf weiteres dus auD Niederländisch- Indien stammende Petros tenm des französischen Minimaltarifs teilhaftig wird. Die holländische Regierung verpflichtete sich dafür, von der beabsichtigten Zollerhöhung auf gewöhnliche und Schaums weine für Niederländisch-Jndien abzusehen.

Natürlich bemüht man sich in Frankreich, der Räche ein harmloses Rtäntelchen umzuhängen:

Paris, 30. Sept. Die Maßnahmen, welche bezüglich bet Einfuhr von österreichischem Petroleum in Frankreich ergriffen werden sotten, stehen keineswegs im Widerspruch mit dem österreichisch-französischen Handelsvertrag von 1884, son­dern sie bedeuten einfach die Aufhebung einer stets wider­ruflichen Vergünstigung. Die Sperrung der Zoll- bureaus im östtichcm Frankreich für Petroleum ist völlig legal und richtet sich nicht ausschließlich gegen das österreichische Petro­leum. Die Anwendung der vor geschlafenen Maßnahmen darf demnach nicht als ein Zeichen zum wirtschaftlichen Bruch mit Oesterreich angesehen werden, da die österreichisch-uugarisck>en Er­zeugnisse ja noch immer bei der Einfuhr nach Frankreich Vor­teile genießen, die ihnen durch den Vertrag von 1884 zugesichert sind. Die betreffenden Maßnahmen bezwecken einzig, das Gleich­gewicht zwischen der Limonowa- und anderen österreichischen Petroleum-Gesellschaften wieder herzu stellen, das durch die öfter' reichische Verwaltung gestört ist.____________________________________

Aus dem böhmischen und mährischen Landtag.

Prag, 30. Sept. Der böhmische Landtag hielt aus Grund der in den Verständigungskonferenzen vereinbarten Tages­ordnung eine Sitzung ab. Die Steuervorlagen und auch die natio- nalpolitischen Vorlagen wurden an besondere Ausschüsse verwiesen. Es ist seit zwei Jahren die erste Sitzung, in der keine Obstruktion getrieben wurde.

Brünn, 30. Sept. In der heutigen Sitzung des Land­tags wurde die Aussprache über die von deutscher und tschechischer Seite gestellten Dringlichkeitsantrage betreffend die Vorfälle in Jglau am 31. Juli anläßlich der Abl-altung des SokolfesteZ fortgesetzt. Die Dringlichkeit beider Anträge wurde angenommen. Tas Meritum des Antrages Müller und Genossen, in welchem die Regierung aufgefordert wird, bei der Untersuchung über die Vorfälle objektiv vorzugehen uno den tschechischen Vorstößen in den deutschen Städten, sowie dem Boykott gegen deutsche Geschäftsleute ein Ende zu bereiten, wurde abgelehnt. Da­rauf verließensamtliche deutsche Abgeordnete den Saal. Ter Vorsitzende erllärte die Sitzung für beschluß­unfähig und schloß sie. Tie nächste Sitzung wird auf schrift- licbem Wege bekanntgegeben werden.

Line Sitzung des deutschen vundesrates.

DerReichsanzeiaer" schreibt: In der am 29.September unter Vorsitz Delbrücks abüehaltenen Vollsitzuna des Bun­de s r a t s wurde von der Bildung der Ausschüsse für Land-

ernsten Würde über die Bühne. Düster und ahnungsschwer drückte es auf die Beschauer, trotz des hefterlachenden, blauäugigen Himmels der Lydier. Aber auch das Spiel wirkte beflenunenb; dasselbe Stück wurde auch im vergangenen Jahre gegeben, aber mit entschieden größerem Erfolg. Ungeteiltes Lob verdient Frl. Bolteny's Rhodope, auch Herrn L ö h r' s Gyges war eine vorzügliche Leistung, doch überstürzte er sich bisweilen in gar zu lebhaftem Feuer. Tas übrige, mit Ausnahme des Thoas, war nur mäßig. Ein grober, ungeschlachter König stteg dann in Krone und Mantel herum, ein schlechter Freund für den zartfühlenden Gyges. .Die Regie des Herrn Löhr war nahezu vollkommen.

Eine Dumas-Anekdote aus der Zeit, 8a der be­rühmte Romancier mit seinem Freunde Auguste Magnet an denDrei Musketieren" arbeitete, teilt Jean de Iourgaiw imMonde artiste" mit. Eines Tages schickte Magnet ein Ka­pitel des bekamtten Werkes an Dumas zur Durchsicht; er hatte das Kapitel gerade beendet, das die Geschichte von einem Duell am Hose Ludwigs XIII. schildert. Der König zeigte sich bekannt­lich sehr unerbittlich gegen die Duellanten; er hatte einen Pi­stolenschuß gehört, und um die Schuldigen zu retten, erllärte ein adliger Herr, der Schuß sei von einem Jäger auSgegangenu der auf Anstand war.Wieso auf Anstand?" fragte der König. Warum ist er allein auf den Anstand gegangen? Auf den Aus­stand auf was?"Auf ein Wildschwein," antwortete der Ritter: ein Bauer hatte es im Feld gesehen." Als Dumas das Kapttel Magnets durck-las, wollte er den letzten Satz verbessern und schrieb an seiner Statt:Ein Bauer hatte es urtter seinen Kar­toffeln gesehen." Als Magnet das Manuskript zurück erhielt und Dumas' Aenderung gelesen hatte, schrieb er fernem Mit­arbeiter ein amüsantes kleines Billett:Aber was denken Sie denn, lieber Freund! Kartoffeln unter Ludwig XIII.!" Was tat Dumas? Der Anachronismus, der ihm unterlaufen war, kränkte ihn, und er wollte wenigstens, so gut es ging, das letzte Wort behalten. Statt der WortePommes de terre" setzte erPommes! bamour", und aus den Kartoffeln wurden Tomaten. Aber seine pommes" hatte er wenigstens gerettet. Die Anekdoia befindet ftch in den Akten des Prozesses, der 1859 zwischen DumaS und Maguet ausgefochten wurde, denn die beiden Mttarbeüer waren sich bei der Teilung der Honorars in die Hanre geraten..