Samstag 5. Juni 1909
Erstes Blatt
159. Jahrgang
Beöaition, Expedition und Druckerei: Zchuistratze 7. Anzligenteu?'y" Beck.
bä vornftttags's^Uhr! Rotationsdruck und Verlag der Srühl'fchen Univ.-Vnch- und Zteindruckerei K. Lange.
Nr. 129
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General-Anzeiger für Oberheffen ZW
Die^heutige Nummer^umfatzt 14 Seiten.
politifd^e Wochenschau.
Gießen, den 5. Juni.
Als wenig anmutsvolle Pfingstüberraschung haben die Konservativen im Vereine mit dem Zentrum und den Polen in der Rumpfkommission ein Steuerbukett ?,usammengeistellt, das nicht seinesgleichen hat. Wer die politische Blurnen- sprache versteht — und Fürst Bülow versteht sich drauf — wird manches aus dieser sinnigen Gabe herausgelesen hab'en. Am deutlichsten erscheint die Absicht des Zentrums: es lrnll heraus aus dem Turm, es will nicht länger isoliert sein, und es will zeigen, daß ohne das Zentrum "keine Geschäfte zu machen sind. Die Konservativen hingegen wollen eine Machtprobe, und verbinden damit einen kleinen Rachefeld^ug gegen den Reichskanzler, der es gewagt hat, in den Liberalen allerhand begründete Hoffnungen zu er- ivecken. Man will den „agrarischen" Reichskanzler daran erinnern, daß die agrarischen Konservativen noch immer in Preußen und im Reiche regieren, nicht die Liberalen Mit welcl)en heuchlerischen Mitteln man nun die vielfach schon recht nachdenklich gewordenen Wähler im Lande be- schwäckftigen will, läßt ein soeben an die Mitglieder des ost- preußischen konservativen Vereins versandtes Flugblatt er- kerrnen. Dort heißt es wörtlich: „Die Konservativen sehen m jeder einzelnen freisinnigen Hauptforderung die größte Gefahr für die Zukunft des Landes. Sie vergessen auch unter der Herrschaft der Blockpolitik nicht, daß der bürgerliche Liberalismus — damit sind natürlich die Nationallibe- ralen gemeint —, und Freisinn Hand in Hand mit der Sozialdemokratie in mehr oder weniger scharfer Form fol- aende Ziele verfolgt: Die Schwächung der Stellung res Monarchen zu gun sten einer möglichst unumschränkten Herrschaft der zufälligen Par - lain en tsm chrh eit: die Beseitigung des christlichen «Geistes in Staat, Schule und Haus: die Abschaffung des Schutzes von Landlvirtschaft und Industrie, welche nach konservativer ^Ueberzeuaung den Zusammenbruch unseres gesamten wirtschaftlichen Lebens zur Folge haben würde." ^)Lan sieht wo diese Verleumdungen hinaus wollen: ein Reichskanzler, der mit Parteien zusammengeht, die gegen den Monarchen, den christlichen Geist des Staates nfni. sind, ast unmöglich: den kann der Monarch nicht lange im Amte Lulden. Wahrlich, der neueste Vorstoß gegen Bülow ist sein ersonnen. Ain seltsamsten mutet die Haltung der Polen an. Da gibt es, wie die „Münch. Allg. Ztq." meint, eigentlich . nur zwei Erklärungen, wenn ment nicht etwa, was aber ivenig Wahrscheinlichkeit für sich hat, nur eilten „Bluff" mnehmen will; entweder tun die Polen mit, um dem Zentrum Blocksprenghilfsdiertste zu leisten, weil sie in der Zertrümmerung de/Blockes einen Gewinn sehen, der wohl ttne „deutsche Messe" wert ist, oder sie haben Aussicht »<iuf andere Schadloshaltung! — Beim Fürsten Bülow ist Ällerdings kein Ding unmöglich.
Erfreulicher als die Pfingstgabe, die uns die Rumpf- lommission mit ihrer sogen. Ko mmissio ns arbeit besck^ert hat, ist die überraschende Leistung, die Zeppelin mit seiner 'Psingstfahrt nach Bitterfeld und zurück vollbracht hat. Tie beider und Feinde Zeppelins verstummen freilich auch nach üieser Mtündigen, über 1000 Kilometer umfassenden, Tauer- sahrt nicht. So war es zu allen Zeiten, und so sieht man Ü>enn auch jetzt wieder, wie jeder neue Erfolg dem mutigen »Zrasen immer neue Feinde und Neider schafft.
Mit dem Pftngstfeste hat nun auch die Zeit der üblichen Kongresse begonnen. Ihre Zahl wird von Jahr zu Jahr größer, und die Zeitungen wissen sich schon kaum .noch zu helfen, wie sie über alles das auch nur kurz Berichten sollen, was da zusammen geredet wird. Daß auf Manchem dieser Kongresse auch hochbedeutsame und wirklich wertvolle Reden gehalten werden, kommt neben der Fülle 2er anderen Reden leider oft gar nicht zu verdienter Geltung. Schade wäre es z. B., wenn etwa dre vortreffliche Rede des ««-Grafen Posadowskh auf dem evangelisch-sozialen Kongreß in Heilbronn nicht das Echo in der weiteren Oeffentlichkeit fände, das sie verdient. Schade wäre es ferner, wenn die zahlreichen wertvollen Anregungen auf dem Lehrerinnen- iongreß in Hamburg, namentlich die über den Strafprozeß bei'Jugendlichen unbeachtet blieben.
Zu gedenken sei auch an dieser Stelle des dieser Tage in Baden-Baden verstorbenen Theodor Barth. Unsere heutige Zeit ist arm an hervorragenden Persönlichkeiten, !>a ist es denn um so schmerzlicher, von dem Tode eines Mannes zu hören, der in irgendeiner Weise die Mittelmäßigkeit weit überragt. Barth war — was man sonst :wn seiner politischen Tätigkeit auch sagen mag — eine Persönlichkeit, ein kenntnisreicher Kopf, ein vielgereister Mann, ein ehrlicher Mensch und Idealist. Unter den heutigen deutschen Politikern, namentlich int deutschen Reichstage, gibt es nur wenige von seiner Bedeutung, darum wird man auch als politischer Gegner seinen Tod schmerzlich beklagen müssen.
In der auswärtigen Politik scheint sich neuerdings wiederum verschiedenes, neues vorzubereiten. Serbien rnd Bulgarien verhandeln miteinander über eine Zollunion, Rumänien will sich dem Dreibünde näher an- sschließen, Kreta sucht sehnsüchtig politischen Anschluß an Griechenland, und Rußland fängt an, es sich in Persien bequem zu machen. Die Slawen haben sich auf ihrem hi St. Petersburg ab gehaltenen Kongreß wieder einmal Lu einen wüsten altslawischen Taumel hineingeredet und gleichzeitig mit der Eröffnung des finnischen Landtages wissen russische Blätter von verdächtigen Waffentransporten vor den finnischen Häfen zu melden. Wollen die Fiun- l-mder wieder einmal mit Gewalt ihre Rechte gegen Ruß- lmd verteidigen? Wichtiger als alles dieses erscheint zurzeit die bevorstehende Begegnung des deutschen Kaisers mit dem russischen Zaren in der Ostsee. Zar Nikolaus fühlt ui seiner Zarskoje Seloer Einsamkeit <Ähnsucht nach einer
Aussprache mit unserem Kaiser, und die Leiter der Politik des Teurschen Reiches und Rußlands werden der Begeg-! nung beiwohnen. Grund genug, um dieser Monarchenbegegnung weitgehende politische Bedeutung bcizurnessen. Nicht ganz ohne politische Bedeutung wird wohl auch der für den Herbst in Aussicht gestellte Besuch der deutschen taiser- lichen Familie in England fein.__E. A.
~ Der Ausschuß des deutschen handelstager in Magdeburg
beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung mit der Reichsfinanzreform. Er nahm eine Resolution an, worin es heißt: „Die von der 32. Reichstagskommission beschlossenen Bestimmungen über die Besteuerung der Wertpapiere bezwecken eine Belastung des Verkehrs und einzelner Kategorien des Besitzes. Die Erhebung zum Gesetz würde durch die Ueberspannung und Belastung der inländischen Gesellschaften, sowie durch die Schwächung der beub schen Börsen das gesamte deutsche Wirtschaftsleben lähmen, insbesondere würden auch die ausländischen Absatzgebiete für die Industrie, die mühsam gewonnen wurden, wieder verloren gehen und die Gewinnimg von neuen Absatzgebieten außerordentlich erschwert. Tie Untergrabung des internationalen finanziellen Einflusses Deutschlands würde auch dessen allgemeine politische Machtstellung sehr schädigen. Tie unheilvollen Wirkungen würden eintreten, ohne daß für das Reich Mehreinnahmen von genügender Bedeutung zu erwarten seien. In formeller Hinsicht sind die Bestimmungen so flüchtig und sachunkundig gefaßt, daß sie sich als undurchführbar erweisen werden. Es muß daher als ausgeschlossen betrachtet werden, daß die verbündeten Regierungen dem Beschluß der Reichstagskommission -ustimmen. Es ist zu fordern, daß nur solche Bestimmungen Genehmigung finden, die weder den Erwerbsgang noch einzelne Kategorien des Besitzes treffen, sondern allgemein erworbene Vermögen belasten."
Nach dem Bericht von T i m p k e r - Lübeck über die Umsatz- unb Wertzuwachssteuer auf Grundstücke wurde in- bezug auf die Beschlüsse der Reichstagskommission zur Ordnung des Reichshaushalts im ganzen einstimmig eine Erklärung angenommen, in der bezüglich der Ablehnung der Erbschaftssteuer und der beschlossenen Sondersteuer auf Vermögen und Wertpapiere der schärfste Einspruch dagegen erhoben wurde, daß im Reichstage einseitige Politik zur Bevorzugung eines Teils der Bevölkerung getrieben werde. Die Erklärung spricht sich ferner gegen die in der jetzigen Gestalt beschlossene Regelung der Branntweinsteuer, der Tabaksteuer, der Unisatz- und Wertzuwaehssteuer auf Grundstücke und Zündwaren, der Parfümeriesteuer, der Mühlenumsatzsteuer, des Kohlenausfuhrzolls und die Erhöhung des Kaffee- und Teezolls aus unb'schließt: Tie einseitige, immer von neuem sich wiederholende Bevorzugung der Lanbwirtschaft und der Mangel an Einsicht in die Lebensbedingungen der Industrie und des Handels erzeugten in den Angehörigen der letztgenannten Berufszweige tiefe Erbitterung. Industrie und Handel gelangen im Reichstag nicht zu Recht, wenn dessen Verhandlungen nicht gemäß der Verfassungsbestimmung, nach der jeder Abgeordnete der Vertreter des gesamten Volkes fein soll, stattfinden. Tarin, daß die Bestimmung in nicht ausreichendem Maße zur Geltung gelangt, liegt für unser öffentliches Leben ein schwerer Mißstand, dessen Beseitigung int Interesse einer sachgemäßen Erledigung der parlamentarischen Arbeit erforderlich ist. Ter Ausschuß spricht die Erwartung aus, daß der Reichstag nicht den Vorschlägen der Kommission folgen und nicht die mit ihnen verbundenen Gefahren und Schädigungen herbeiführen wird, andernfalls zu befürchten ist, daß Industrie und Handel, worauf in erster Linie der Wohlstand und damit auch die Macht des Teutschen Reiches beruht, zu Schaden kommen und ihren Vertretern das politische Getriebe immer mehr verleidet wird, eine Aussicht, die für das Gemeinwohl die aller schwersten Bedenken erweckt.
Von der Einberufung einer außerordentlichen Vollversammlung des deutschen Handelstages wurde mit Rücksicht auf die für den 12. Juni nach Berlin einberufene Versammlung des Zentral Verbandes der deutschen Banken und des Bankiergewerbes und des Zentralverbandes der deutschen Industriellen abgesehen.
Koli tische Tagesschau.
Vaterländischer Frauenverein.
Im preußischen Abgeordnetenhause trat gestern die Mitgliederversammlung des Vaterländischen Frauenvereins zusammen, der die Prinzessin Heinrich von Preußen beiwohnte. Staatsminister v. Moeller begrüßte die Erschienenen und forderte zu weiterer energischer Arbeit auf. Oberstabsarzt a. D. Friedheim erstattete den Rechenschaftsbericht, nach dem im Jahre 1908 73 Zweigvereine neu erstanden, die Mitgliederzahl 426 288 und das Vereinsvermögen 21325188 Mark beträgt. Generalarzt z. D. Werner legte dar, daß eine Betätigung in der Seuchenbekämpfung dem Geiste des Vaterländischen Frauenvereins entsprechen.
Generaloberst v. d. Golh.
Die Gerüchte, daß der Generaloberst v. d. Goltz wieder in türkische Dienste treten werde, wollen nicht verstummen und geben namentlich dem deutschfeindlichen Auslande Veranlassung zu äußerst gehässigen Betrachtungen Im „Echo de Paris" veröffentlicht ein ungenannter Offizier einen sehr erregten Artikel über die Ernennung des Generaloberst von der Goltz zum Vizepräsidenten des ottomanischen obersten Kriegsrates. Hinter von der Goltz, sagt der Arlikel- schreiber, steht Kaiser Wilhelm II. Diese Ernennung bedeute, daß Deutschland sich der türkischen Armee moralisch bemächtigen wolle. Der Artikel führt dann weiter aus, wie notwendig es sei, daß türkische Offiziere sich an der französi- schen Armee bilden, um zu verhindern, daß ihr Land von neuem unter deutschen Einfluß gerate und schließlich zu e;nem Bundesgenossen lvürde, der im Grunde nur ein Sklave sei. — Diese Aeußerungen sind für uns sehr interessant, um so interessanter, als der Vorgang, auf den sie sich beziehen, nicht wahr ist. Generaloberst Frhr. von der Goltz teilt nämlich dem „Berl. Tagebl." mit, ihm sei eine Aufforderung von der türkischen Regierung, wieder in ihre Tienfte zu treten, bis jetzt überhaupt nicht zugegangen.
Lvangelisch-Sojialer Kotig refj.
S. u. H. Hcilbro n n, 3. Juni.
Die heutigen Verhandlungen standen wieder unter dem Vorsitze von Prof. Harnack (Berlin), der Pros. D. Trews i-Halle- das Wort erteilte zu seinem Vortrage:
Kirche und Arbeiter st and.
Der Redner führte aus: Die Evlmgelische Kirche steht heute vor großen Aufgaben, besonders soweit ihr Verhältnis zum Arbeiterstand in Betracht kommt. Gegenüber der Sozialbemoftatie darf man sich keinem falschen Optimismus hingeben. Es ist beachtenswert, daß allein in Berlin im Jahre 1907 insgesamt 7000, im Jahre 1908 10 000 Arbeiter aus der Kirche aus traten.. Aber auch zu einem übermäßigen Pessimismus ist noch kein Anlaß. Ter Redner legt dann dar, wie die 'Dinge so geworden sind und schildert den Einfluß, den kommunistische Ideen, namentlich die von Weitling ^u Anfang der vierziger Jahre auf die Arbeiterbewegung ausübten. Tas Christentum wurde mit seiner Jenseitshoffnung abgelehnt und das Diesseits in Llnspruch genommen. Redner erörtert die Frage, woher es gekommen ist, daß die Proletarier, die zunächst durchaus nicht religionslos waren, eine so energische antireligiöse Propaganda entwickelten. Zunächst muß man sich die grenzenlose Not der fraglichen Zeit vor Augen halten und beachten, daß die'Kirche den Mißständen gegenüber vollständig versagte. Die Führer der jungen Arbeiterbewegung wurden zumeist von der Regierung hart verfolgt, von derselben Regierung, mit der die Kirche einen engen Bund geschlossen hatte. Tie aufstrebenden Arbeiter ließen sich nicht von dem damaligen Christen- tum, das eine einseitige Ergebungsreligion war, auf das Jenseits vertrösten. Dazu kam der ungeheure Einfluß, den die damals mächtig aufstrebenden Naturwissenschaften mit ihrer materialistt- schen Weltauffassung ausübten. Was hat die Kirche demgegenüber wohl getan? Sie tat nichts. Sie hatte die Not der Zeit nicht erkannt, obwohl sie offen vor ihr lag und sie hat kein Herz und kein Verständnis für die 'unteren Schichten. Tie kirchlichen Machthaben nahmen eine drohende Stellung gegen alles an, was irgendwie auf politische Weiterentwicklung drängte, und dadurch verlor die Kirche auch den'Einfluß aus das Bürgertum.^ Im allgemeinen versagte damals die Kirche vollkommen. Ta setzte Wichern ein mit neuem Geiste, aber seine Gedanken gewannen zunächst keinen Einfluß. Vielfach vertrat man in der Kirche den Standpunkt, daß die Mißstände zum Teil dadurch behoben werden Eönntcn, daß man die Arbeitermassen überhaupt nicht religiös zu beetm» slussen suche. Heute weiß man in der Sozialdemokratie überbauet noch nicht, was Religion ist. Immer'wieder wird von soziaL- demokratischer Seite gesagt, die Religion ist tot, so daß man zur dem Glauben kpmmen muß, sie lebt noch. Tie Kirche hat in den ersten Jahren der sozialdemokratischen Entwicklung nichts getan, man ließ die Dinge gehen. Aus den Kanzeln hörte man fteilich Klagen imd Anklagen. Bischof Keßler hat vom katholischen Standpunkte aus die Arbeiterfrage gelöst: die evangelische Kirche hat aus ihrem Schlafe erst Adolf Stöcker erweckt. Es bleibt sein großes Innvergeßliches Verdienst, daß er die Arbeiterftage an» schnitt. (Lebh. Bravo.» Er schritt 1878 zur Gründung der christlich-sozialen Partei und vertrat mit Entschiedenheit den Standpunkt, daß die christliche Ethik cd nicht znlasse, daß der Schwache vom Starken vertreten werden bürte. Aber alles, was damals Gittes geschah, geschah ein'Menschenalter zu spät. Freilich, Stöckep hat den Gegensatz zwischen Kirche und Sozialdemokratte verschärft. Er hat die Aufgabe der Kirche erschwert dadurch, daß er der großem Frage „Christentum und Wirtschaftsordnung" das Problem gegenüberstellte, „Kirche und Politik". Aber damals Überboten sich die Geistlichen dem Arbeiterstande wirtschaftlich zu helfen, mit Rechten und gesetzlichen Einrichtungen, nicht mit Almosen, dem Arbetter Anteil zu gewähren an den Gütern unserer Kultur, von der Kirche abzustreichen, was ihr an einseitigem Klassencharakter anhaftete, mit neuen lebendigen Zungen das alte Evangelium zu predigen. Damals wurde der Evangelisch-soziale. Kongretz begründet, und als sich der junge Käfter zu den sozialpolitischen Erlassen seines Großvaters bekannte, da stieg die Begeisterung für die Sozialpolitik sogar bis in die konsistoriale Höhe (lebhafte Heiterkeit^. Und als Friedrich Naumann so wie keiner für unsere Arbeiterbewegung eintrat, da hoffte man auf den Anbruch einer besseren Zeit. Doch da tarn eine Zeit der Prüfung, als König Stumm sein Regiment antrat. Es kam der unglückselige Erlaß des preuß. Oberkirchenrats von 1895, der von Naumanns Feinden mit Freude begrüßt wurde. Ter Erlaß bildet ein verhängnisvolles Dokument in beC sozialpolitischen Geschichte bes bentfchen Volkes. Friebrich Nau-s mann ging baburch der Kirche verloren. Er konnte ben Reizett ber Politik nicht widerstehen. Seitdem ist es in evangelische» Kreisen wieder sehr still geworden. Man hört nur klagen. das aber ist ein Zeichen der Schwäche unb ein Mangel an Würde^ Was hat man bisher mit biefer Mißstimmung erreicht? Es hanbelt sich boch um unsere Brüder. Arbeiten und nicht verzweifeln muß die Losung sein. Man müßte verzweifeln, wenn die Kirchs bisher ihre Pflicht getan hätte. Das ist aber nicht geschehen. Wenn man an die Zukunft der Heidenmission glaubt, braucht man an der Zukunft ber eigenen Nation nicht zu verzweifeln. Was sollen wir tun? Zunächst ist notwendig, daß die Kirche sich nicht an eine einzelne Partei verkauft. Sie soll erfüllt sein mit sozialen» Geiste. Tie evangelischen Kreise dürfen nicht in der Anschauung festgelegt werden, als ob eine gute soziale Gesetzgebung ausreichend sei zur Besserung der Not der Zeit. Die Kirche muß den ihr anhaftenden Klassencharakter abstreifen. Tie Kirche muß» für die Arbeiterbevölkerung größeres Verständnis gewinnen. Auch niuß die Kirche alle Kräfte einsetzen, um unter den Arbeitern und den Gebildeteren größere Achtung vor dem geistlichen Stande M erwecken, denn in dem evangelischen Pfarrerstande liegt nicht zuletzt das Schicksal der evangelischen Kirche. Arbetten unb nicht verzweifeln ! (Langanhaltenber Beifall).
In ber Diskussion führte Pfarrer Traub (Dortmunb) aus: Wenn eine Institution gehaßt wirb, so ist sie noch etwas ioert. Wenn sie aber mit Gleichgültigkeit behandelt wirb, bann ist sie tot. Vor 20 Jahren war gegen bie Kirche noch ber Haß lebenbig, heute nur nod) die Gleichgültigkeit. Die Kirche genießt besonders wegen ihrer Betättgungsweise bei ber Laienschaft feine Achtung mehr. Tie Synobalberichte von 1909 könnten ebensogut aus bem Jahre 1609 stammen. Mles breht sich um bie Frage der christlichen! Welt. Wir müssen aus der Zeit herauskommen, da bie Kirche als eine bestimmte Einzelorganisation angesehen wurde. Wir sind heute so weit, daß man ber Kirche einen Dienst erweist, wenn man nicht in ber Kirche, fonbem in ber Welt ist. — Professor: Rabe (Marburg): Wir bürfen nicht auf bie organisierte Lanbes» kirche verzichten, schon um ihrer Geschichte willen. Ich liebe meine Kirche und bebauere umsomehr, baß sie auf allen Gebieten! so rückstänbig ist. Mit ber Revision bes Religionsunterrichts wartet man, bis es nicht mehr weiter gehen kann. Das ist eilte Heuchelei. Es wirb soviel von Buße gerebet, aber die Kirche tut keine Buße. Man darf heute ein sehr freigeistiger Theologe, aber man darf nicht sozial sein. Taran sind in ber Hauptsache bie >2ynodalausschüsse schulb. Ter Kongreß müßte ben Kirchenbehöv^ den zuruseu: Ihr habt aus bem, was auf ben Evangelisch-soziale» Kongressen verhanbelt würbe, bie Konsequenzen nicht gezogen, bie lhr von rechts wegen hättet ziehen müssen. — Pastor Sd) u bring madjt den Vorschlag, die Organisation der evangelftch-sozralerr Vereinigung im Königreich Sachsen aus ganz Deutschland aus-^ zudehnen. — Pastor Liebsdors (Leipzig»: Jetzt endlich ftst bä* Zett gekommen, bie Arbeit von neuem zu beginnen —. ichne bett


