Ausgabe 
4.5.1909 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

Nr. 103

159. Jahrgang

Siebener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag».

General-Anzeiger für Gberhesien

DieSietzener ZamiliendlStter" werden dem »Anzeiger* * viermal wöchentlich beigelegt, das Krdsblatt für den Krtis Siehen" zweimal wöchentlich. DreLandwirtschaftlichea Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Dienstag 4. Mai 1909

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Unwersuäls - Buch- und Stemdruckeret.

R. Lang«, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: ^^112. Tel.-AdruAnzetgerGieben»

5timmungrbild aus dem preaß. Abgeordnetenhaus.

Berlin, 3. Mai.

Das KapitelUniversitäten", das schon am Samstag dem Abgeordnetenhaufe zu lebhafter Erörterung Anlaß gegeben hatte, beschäftigte das hohe Haus auch am Montag noch ein paar Stunden. So ziemlich für jede preußische Alma um ter erhoben sich ein oder mehrere Redner von den Sesseln, ein Dutzend Spezialwünsche nebenbeigesagt, keineswegs hoffärtige, sondern sehr bescheidene und berechtigte wurden laut. Aber vom Re­gierungstische nickte niemand Gewährung; im Gegenteil: ein Ge­heimrat einer aus dem Finanzministerium! sand es angezeigt, zu erklären, man dürfe das Studium nicht erleichtern, um die Zunahme des geistigen Proletariats nicht zu fördern. Mit dieser Geheimratsweisheit kam der Adlatus des Herrn v. Rlzeinbaben freilich recht übel an: Der münsterische Regierungspräsident von Gescher, der für die Universität Münster eine Lanze gebrodjen hatte,ging ihm scharf zu Leibe, und das hohe Haus zollte ihm Beifall. Es gab noch ein lleines Wortgefecht über die Zustände in der Berliner Charite, die von den einzelnen Rednern höchst verschieden beurteilt wurden, dann kam man zum KapitelHöhere Lehranstalten". Da gabs eine lange und prinzipielle Auseinaüder- ietzung zwischen drei Schulmännern, dem Konservativen Siebert, dem Zentrumsmann Heß und dem diationalliberalen Hintzmann: Stenographie und Bürgerkunde, in ihrer Beziehung zum Unter­richt, die Aufklärung der Jugend über die Gefahren des Alkohols mw. wurden eingehend behandelt, und da nod) viel auf diesem Gebiete zu sagen war, vertagte das hohe Haus nach fast fünf­stündiger Beratung die Sitzung auf Dienstag.

parlametitarifd^es aus Hessen.

Der 2. Kammer ist eine Regierungsvorlage über den Verkauf des fiskalischen Hofguts Rockenberg an die Gemeinde Rockenberg zum Preis von 426 000 Mk. zu­gegangen. In der Begründung wird ausgeführt, daß die Gemarkung Rockenberg eine Fläche von 948,49 ha umfaßt, wovon nach Abzug von 214,59 ha Wald und 7,36 ha Hof­reiten für landwirtschaftliche Nutzung 726,59 ha verbleiben. Davon kommen 15 6,9 ha 21,6 Proz. auf kameral- ftskalischen Besitz, weitere 73,15 ha 10,1 Proz. sind fideikommissarisch und stiftungsmäßig gebunden, so daß nur 68,3 Proz. deS landw. benutzten Geländes in bäuerlichem Eigentum stehen. 71,05 ha, rund Vio der landw. benutzten Fläche, gehören zum Hofgut Rockenberg, sind also dem klein­bäuerlichen Betrieb entzogen. Die Gemeinde Rockenberg will dieses Gut erwerben und aufteilen, um dadurch dem Einzel­besitz größere Wirtschaftsflächen einzuräumen. Sie wird dazu veranlaßt durch das starke Wachsen der Bevölkerung (jährlich 2,7 Proz.) und die durch den Bahnbau Rockenberg-Bad- Nauheim veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, da dann der seitherige lohnende Fuhrverdienst für Steintransport unter­bunden wird. Das Hofgut umfaßt in der Gemarkung Rocken­berg 71,0453 ha (Hofreite 0,5792, Garten 0,5491 ha, Wiesen 6,9396 und Aecker 62,9774 ha), Oppershofen 2,726 ha, Gambach 1,8825 ha, Griedel 5,5993 ha und Münzenberg 5,9556 ha. Durch den Ankauf deS Gutes würde sich die z. Zt. der kleinbäuerlichen Benutzung unterliegende Fläche um 13,3 Proz. vermehren. Der rauhe Pachterlös des Hofgutes stellt sich z. Zt. auf 8697 Mk., während der Wert des Gutes von der örtlichen Veranlagungskommission auf 420 370 Mk. und vom Finanzamt auf 433 930 Mk. ge­schätzt wurde. Sonach würde der Staat finanziell fernen Nachteil erleiden, zumal größere Anforderungen für Wasserleitung, Schweineställe usw. auf die Dauer nicht zu vermeiden sind. Die Uebernahme des Gutes soll 1915 erfolgen, wenn die jetzige Pachtperiode abgelaufen ist.

Eine Vorstellung des Oberbahnassistenten Ferkinghoff i. P. in Darmstadt betrifft die Pensionsoerhältnisse der vor- maligen Ludwigsbahnbeamten.

politiid^c Tagesschau.

Der 60. Geburtstag bei Reichskanzlers.

Anläßlich des gestrigen 60. Geburtstages des Fürsten Bülow hnbmen alle großen Zeitungen dem Reichskanzler

Albert Langen f.

Mit Albert Langen, deffen Tod wir bereits ge- meldet haben, ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten des deutschen Verlagsbuchhandels aus dem Leben ge­schieden. Er war kein regelrechter Kaufmann, sondern ein gut Stück Künstler und betrieb mit unruheoollem Geist sein großes Unternehmen, das er in wenigen Jahren zu großem Ansehen brachte. Die Ursache seines Todes war Zeppelins Münchenfahrt. An jenem bitter herben 1. April holte Langen sich eine schwere Erkältung, die er nicht genügend beachtete. Zu der Mittelohr-Entzündung gesellte sich eine Nieren- Entzündung und Freitag nacht kam die tötende Herzlähmung hinzu.

Albert Langen war 1869 in Köln geboren und wird dort auch begraben werden der stürmische Kreislauf hat sich vollendet. Er entstammte einer rheinischen Jndustriellen- familie, und das rheinische Blut in ihm hat sich nicht ver­leugnet. JnS behäbige Münchnertum paßte er nicht, aber im künstlerischen München fand er den Boden für sein haupt­sächliches Wirken. Zum Verleger wurde er 1894 in Paris, wo er als kunsthungriger Privatmann lebte. Knut Ham­sun suchte einen Verleger; Albert Langen meinte, das könne er ja wohl auch werden. Und so ward jenes Buch des Nor­wegers das erste Werk des Verlags Albert Langen, der dann auf ein Jahr nach Leipzig verlegt wurde und 1896 in München landete.

Im selben Jahre gründete der junge Verleger den impligi HimuS* nach Pariser Vorbild. 2luch im Buch­verlag herrschte lange das Ausländische vor; in den letzten Jahren traten aber deutsche Autoren darin mehr und mehr in den Vordergrund. Durch seine Heirat mit einer Tochter Björn so ns blieb er lange in besonders enger Beziehung zur norwegischen Literatur. Die Ehe sollte schließlich ge­schieden werden, doch der alte Bjürnson wird cs dem toten Schwiegersohn nicht vergessen, was er als Verleger für ihn und für seine Landsleute in Deutschland getan hat.

besondere Artikel. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Dem Reichskanzler gingen zu seinem Geburtstage von allen Seiten Glückwünsche in außerordentlich großer Zahl zu. Aus Korfu traf ein Telegramm ein, worin der Kaiser den Fürsten in warmen Ausdrücken beglückwünscht und ihn seines vollsten Vertrauens versichert. Als Geburtstagsgeschenk ließ der Kaiser dem Reichskanzler sein Bild mit eigenhändiger Unterschrift eine Reproduktion des Laszloe'schen Ge­mäldes zugehen. Ferner gratulierten die deutschen Bundesfürsten und zahlreiche ausländische Fürstlichkeiten.

Bulgarische Empfindlichkeit.

In seinem Glückwunschtelegramm an den König Fer­dinand hatte Kaiser Wilhelm die Wendung gebraucht:In der Gewißheit, daß Deine Regierung in loyaler Weise für die Sicherstellung der deutschen materiellen Interessen an der Neuregelung der Orientftage einsteht, habe ich" usw. Diese Stelle hat nun in Bulgarien Anstoß erregt. Das veranlaßt nun dieNordd. Allg. Ztg." zu nachstehenden Ausführungen:Einige Blätter beschäftigen sich mit dem vom Kaiser an den König von Bulgarien gerichteten Tele­gramm unter der Annahme, daß das Telegramm von der offiziösen Berichterstattung unterdrückt worden sei. Zu einer solchen Unterdrückung hätte kein Anlaß Vorgelegen. Das Telegramm ist daher auch in unserer Nummer vom 30. April veröffentlicht worden, vorher war bereits seine Bekannt­gabe in Sofia erfolgt Der Wortlaut des Telegramms ist, wie irrtümlichen Vermutungen gegenüber ausdrücklich fest- gestellt sei, den Majestäten von der zuständigen Stelle vor­geschlagen worden. DerBerl. Lok.-Anz." schreibt: Die aus Sofia gemeldeten Aeußerungen der bulgarischen Presse über das Glückwunschtelegramm, das der Kaiser an den König Ferdinand gerichtet hat, sind danach angetan, Ver­wunderung Hervorzurusen. Ter unbefangene Leser vermag im Eingang des Telegramms nichts anderes zu erkennen, als einen Ausdruck des Vertrauens in die Loyalität der bulgarischen Regierung. Hätte in Berlin ein Zweifel in dieser Beziehung bestanden, so wäre nach unserer Meinung die Absenvung des Telegrammes überhaupt nicht möglich gewesen. Bei näherer Prüfung wird die bulgarische Presse zweifellos erkennen, daß ihre Aufregung grundlos gewesen ist. Diese Annahme erscheint umsomehr berechtigt, als nach den uns vorliegenden Nachrichten die bulgarische Regierung die mißverständliche Auffassung der «Sofiaer Presse keines­wegs teilt.

Provinzial-Ausschuß der Provinz Oberhesien.

Gießen, 1. Mai.

Statt der Sache: Antrag derGewertschaftElisen- burg in Hungen auf Enteignung von Gelände, die ver­tagt worden war, wuroe über die Beschwerden der Kath. Schwab Witwe zu Reichelsheim gegen die Ge­meinde Bingenheim verhandelt. Kath. Schwab Witwe und ihre beiden Töchter Marie und Elisabeth Schwab sind für die Jahre 1902 bis 1907 wegen ihres Grundbesitzes in Gemarkung Bingenheim zur Gemeindesteuer herange- zogen worden. Sie erhoben hiergegen Beschwerde an den Kreisausschuß mit der Begründung, daß chre Grundstücke bereits im Jahre 1903 versteigert und daß daher die Steuer £u Unrecht erhoben worden sei. Die Uebersckreibung auf den neuen Eigentümer war jedoch erst 1907 erfolgt, so daß der Kreisausschutz des K'reises Büdingen die Beschwerde zurück­weisen mußte, zumal die Familie innerhalb der Offen- legungsfrist der Steuerregister nicht gegen die Heranziehung reklamiert hatte. Weiter hat sich Kath. Schwab Witwe wegen Verweigerung des Allmendnutzens für 1907 und 1908 durch die Gemeinde Bingenheim beschwert. Die Fest­stellungen ergäben, daß die Äcutznngen für 1907 von den Gläubigern gepfändet worden waren, und daß sie auf die für 1908 infolge Wegzugs keinen Anspruch mehr erheben konnte. Schließlich hatte sich noch Marie «Schwab beschwert, daß ihr Anspruch auf Gemeindenutzen abgelehnt werde, weil s. Z. ihrem geschiedenen Ehemann bei seinem Wegzug von Bingenheim das htr§ vorher bezahlte Einzugsgeld zw- rückgezahlt worden sei. Der Kreisausschuß wies auch diese

Vor zwei Jahren gründete Albert Langen die Halb­monatsschrift .März". Die ungemein schwierige Ausgabe, in unseren mit Zeitschriften gesegneten Landen eine neue durchzusetzen, glückte ihm in kürzester Zeit.

*

Eine seltsame An zeige finden wir in einem ober- hessischen Blatte:Wir wünschen unserem lieben guten Vater (9lame und Beruf), zu seinem 62. Wiegenfeste ein dreifaches Hoch, daß cs in L. schallt und in P., Nord-Amerika, wiederhallt. Seine ferne weilenden Kinder(folgen die Namen)." Ein herzlicher Brief hätte dem alten Herrn sicherlich eine größere Freude ge­macht, als die ziemlich gemüttose Zeitungsglückwunichanzeige seiner amerikanischen ttinber. Im übrigen steht diese Art ja auch nicht viel tiefer als die so häufige durch gedruckte Karten.

Die internationale photographische Aus­stellung ist am 1. Mai in Dresden nach einer kurzen Ansprache des Professors Seifert, des Vorsitzenden der Ausstellung, er­öffnet worden. Sie wirkt in mancher Hinsicht wie eine Offen­barung. Man ist erstaunt, in welchem Umfang die Photographie heute zu einem wichtigen Werkzeug der Wissenschaft geworden ist. Das weite Gebiet der wissen!chaftlichen Photographie zeigt die Ausstellung in geradezu glänzender Weise. Wertvoll und rn- tcresiänt ist auch die sehr reichhaltige Abteilung für Völker­kunde, die fast sämtliche größeren Staaten zum Teil unter Aufwendung erheblicher Mittel beschickt haben. Dran war überall bestrebt, das Charakteristische des Landes zu zeigen. Auch unsere Kolonien sind gut vertreten. Einen interessanten Einblick in die k r i m i na l ist is ch e W i s s en s cha f t gewährt die Ausstellung der verschiedenen Polizeibehörden, unter denen sich das Berliner Polizeipräsidium auszeichnet. Ueberhaupt ist Berlin in der Aus­stellung reichlich und vorzüglich und auch auf dem sehr umfang­reichen Gebiet der Berufs- und Amateurphotographie vertreten. Besonders hervorragend ist die ö st e r r e i ch i s ch e Sonderausstellung, die mit bedeutender Slaatshilfe im eigenen Hause und in gediegener Aufmachung das höchste zeigt, was die photographische Kunst heute erreichen kann. Die inter­nationale photographische Ausstellung überragt an Umfang alle bisherigen ähnlichen Veranstaltungen. Sie füllt nicht nur die weiten Iräume des Dresdener städtischen Ausstellungspalastes, sondern auch zahlreiche neu aufgeführte «Sonderbauten. Ueberall hat man Gelegenheit, die vorschiedenen iyortfd>ritte der photo­graphischen Technik zu bewundern, deren Reproduktionen oft wie gute Kupferstiche wirken.

beiden Beschwerden ab, die Beschwerde der Marie Schwab aus dem Grunde, weil diese Angelegenheit lediglich Sache ihres geschiedenen Ehemannes fei. Gegen die Entscheidung des Kreisausschusses verfolgte die Familie Schwab Rekurs an den Provinzial-Ausschuß, der diesen als unbegründet heute kostenfällig zurückwies.

Der Rekurs des Vertreters der Gemeinde Oden- Hau f en gegen das Urteil des Kreis-Ausschusses des Kreises Gießen vom 21. März 1908, in dem die Gemeinde zur Haltung eines zweiten Faselochsen verurteilt wurde, wurde in der heutigen Verhandlung zurückgenommen.

Die Entscheidung in der Sache: Aufnahme des Rudolf Keil von Ettingshausen in die Lcmdesirrenanstalt Philippshospital wurde infolge eines Vergleichsvorschlags ausgesetzü

Das Großh. Kreisamt Friedberg hatte sowohl gegen den Besitzer der Hüttenmühle bei Ober-Eschbach und gegen deren Pächter und Betriebsleiter einen Polizeibefehl erlassen, in dem ihnen aufgegeben wurde, mehrere im Mühl- araben befindliche und mit Pfählen und Erde befestigte Baumstämme, die das Wasser stauten, zu beseitigen. Dies geschah durch den Besitzer der Mühle. Trotzdem hielt der Pächter, Arthur Dietzel von Donames, den von ihm er­hobenen Rekurs aufrecht, indem er behauptete, der Besitzer sei zu einer noch weitergeh enden Reinigung des Bachbettes verpflichtet. Da dies eine reine Privatfache und dem öffent­lichen Jntereffe Genüge geschehen ist, wies der Provinzial- Ausschuß den Rekurs lostenfällig zurück.

Airche unfc Schule.

Der Landesv erband der Hess, evang. Er­ziehungsvereine hielt am 28. April in Mainz seine 1. Hauptversammlung ab. Sie war von 18 Geistlichen, den Vertretern der Vereine, beschickt, denen sich 21 Vertreter der Ber- ivaltungs- und Gerichtsbehörden des Landes, sowie zwei Kreis- schulinjpektoren angereiht litten. Als Vertreter bet obersten Kirchenbehörde war Oberkonsistorialrat Euler erschienen. Pfarrer Klingenschmidt von Alsheim warf einen Rückblick in die seitherige Arbeit der Vereine auf Grund des Zwangserziehungsgesetzes vom 11. Juni 1887 und erwähnte, daß die hessischen Erziehungsver­eine Ende 1908 die Fürsorge für 1012 Zöglinge hatten und feit Einführung des Gesetzes 3323 Zöglinge in den Händen gehabt haben. Der Vorsitzende hoffte, daß das seitherige Wohlwollen der Behörden bestehen bleibt, zumal es jetzt durch den Verband möglich ist, die Wünsche und Anträge der Vereine auf dem Ge­biete der Zwangserziehung im Interesse der Zöglinge an die obersten Behörden zu bringen. Die in einer Sitzung des prvv. Vorstandes am 27. Juli 1908 entworfenen Verbandssatznngen wurden der Versammlung durch Kirchenrat D. Schlosser- Gießen vorgelegt und angenommen. Ein Fragebogen über den Stand und die Erfolge auf dem Gebiete der Zwangserziehung wurde nach Befürwortung durch Pfarrer s chen--Freienseen zunächst provisorisch angenommen und wird der Statistik 1909 zum ersten Mal« zu Grunde gelegt werden. Es schloß sich ein Vortrag des Professors Dr. Frenzel, Kreisschulinspektor in Worms, an über das Thema:Die Fürsorge-Erziehung Minderjähriger mit besonderer Berücksichtigung ihrer heutigen Aufgaben." 2>er mit lebhaftem Beifall aufgenommene Vortrag löste eine Be­sprechung aus,^ an der sich die Pfarrer Roschen, Kirchenrat 1). Schlosser, Kreisarntrnann Dr. Löslein - Bensheim, Amtinann Krapv-Darmstadt und der RefereM beteiligten. Es wurden n-rf) einzelne Fragen erläutert, wobei auf die immer mehr wachsende und sicb vertiefende Arbeit hingewiesen, die Bedeutung der.ärzt­lichen Mitarbeit gewürdigt, die Frage der durch Trunksucht und Unzucht für die Jugend immer mehr erstehenden Gefahren er­wähnt u. auch die Kostemrage des st.wangserziehmgwesens bep rocken wurde. In der anschließenden Versammlung des Vorstandes wurden gewählt: zum Vorsitzenden des Verbandes Pfarrer Rös- chen-Freienseen, zum Schriftführer Pfarrer Zimmermann-Wix­hausen, zum Rechner Pfarrer Klingenschmidt - Alsheim. Diese bilden mit den weiteren Vertretern der Provinzen: Pfarrers Weber-Langgöns (Oberhessen), Pfarrer Sack-Bosenheim (Rhein­hessen) und Pfarrer Naumann-Nauheim (Starkenburg) und mit Kirchenrat D. Schlosser- Gießen, dem Vertreter der Innern Mission, den Verbandsvorstand für die nächsten drei Jahre. Tie Hauptversammlung 1910 findet in Ober Hessen statt.

Lanöwirtscha-t.

**SchlechteErnteaus sichten bestehen in diesem Jahre vielfach inbezug auf das W i n t e r g e t r c i b e. Sofern es tut

Ein M uste r. Wie das Organ der Deutschen Bühnen­genossenschaft mittcilt, hat der Direktor des Kleinen Theaters in Berlin, Herr Barnowsky, der Mitglied des Deutschen Bühnenvereins ist, seinen Mitgliedern in einem neuen Hausvertrag folgende Zugeständnisse gemacht: Die Damen, bie eine Monatsgage bis 500 Mark beziehen, erhalten freies Kostüm. Sämtlichen Mitgliedern werden die Vorproben bezahlt, und für Nachmittagsvorstellungen gibt es Sonderhonorar.

. Ein nettes Stückchen hat sich jüngst die Wiener Zensur geleistet. Die Wiener Singakademie wollte eine Auf­führung veransralten, worin der Text der Walpurgisnacht aus dem Fault gesungen iverben sollte. Bei Goethe sagen die Druiden be­kanntlich:Diese dummen Pfaffenchristen, latzt sie keck uns über­listen! Mit denr Teufel, ben sie fabeln, wollen wir sie selbst erschrecken" usw.! Das schien der Zensur für die Ohren des christlich-frommen Wien nidjt geeignet. Sie dichtete daher Goethe folgendermaßen um:Unsere Feinde, diese Christen, laßt uns keck sie überlisten! Mit bem Teufel, den sie fürchten. . . ."

Kleine Chronik aus Kun st und Wissenfchaft. Die große Berliner Kunstausstellung wurde am 1. Mai eröffnet. Prof. Hans Looschen ftchrte in seiner Eröffnungs­rede aus, daß außer Berlin auch Düsseldorf, München, Karlsruhe und Wien die Ausstellung reich beschickt hätten. Die Stadt Berlüt bat Preise im Betrage von 12 000 Mk. für hervorragende Leist­ungen Berliner Künstler gestiftet. In seiner Erwiderung wünschte der Vertreter des Kultusministeriums Geheim erat Schmidt den Künstlern der verschiedenen Richtungen recht bald einett Kunst­frieden und erklärte die Ausstellung für eröffnet. Auf dem von der Stadt Weimar gestifteten Begräbnisplatz des Dichters Ernst v. Wildenbruch läßt ihm seine Witlve einen monu­mentalen Denkmalsbau nach dem Entwurf von Professor Schultze-Nauntburg errichten. In Köln ist am Samstag an dem Hause des Begründers der Kölner Blumenspiele, des un Vorjahre verstorbenen Hofrats Dr. jur. Johannes Fasten- r a t f), der 300 000 Mark für die Förderung und Unterstützung talentvoller deusicher Schrifticeller ohne Unterschied des religiösen und poltttschen Bekenntnisses hinterließ, eine von den Frauen mrd Mädchen Kölns gewidmete Gedenktafel angebracht worden. Ho lb e t ns berühmtes Porträt der Herzogin Christine von Matland hat der Herzog von ddorsolk für 1 325 000 Mark an die Londoner Firnta Colnaghi verkauft, die es für einen Amerikaner ermarb. Der britischen Nationalgalerie bleibt jedoch das Recht, es im nächsten Monat für denselben Preis zu erwerben.