rftes Blatt
Freitag Ä4. Dezember 1909
159. Jahrgang
(Dienstag und Irena«); zweimal monatl. Land» wirtschaftliche Seitfragen sterniprech • Anschlüsse: für die Redaktion 113, Verlag u. Expedition öl Adresse für Deoeichenr Anzeiger Gießen.
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General-Anzeiger für Oberhessen WW
bi« oomuSn9"iib" Hotadensbrutf and Verlag dervrLHI'ichen Unw.-Vuch- unö Steiwöruderei 8. lange. Rebaltion, Irptbttion und Druderet: Lchnlstr-Le Anzeigenteil: $>. Beck.
Die heutige Nummer umfahr 14 Seiten.
weihnaehtrbotschast.
Gießen, 24. De^.
F>eierliche Klänge umrauschen uns, und das heilige Wort soll wieder zu uns sprechen. Die alten, ehrwürdigen Kräfte siegen wieder über den Alltag, und vor ihrem Zauber »erstummt auch der Zweifler. Weihnachten ist in den deutschen Landen ein Fest des Friedens, stiller Einkehr in das Land des Glaubens geblieben. Lichterglanz und Märchen - vonne, Glockenklang und Menschenliebe umschmeicheln uns, imb in der heiligen Stunde scheint das Böse und Gemeine in der Menschheit überwältigt und das Volk der Dichter und Denker seines Ruhmes würdig geblieben zu sein. Das Jahr Ivar aber mißtönend und hart, seit zum letzten Male die Weihnachtsglocken erklungen waren. Zwar hat des Menschen Heist sich die Lüfte erobert, und neue Zukunftsbilder haben lich plötzlich dem staunenden Auge gezeigt; aber innerlich konnte sich die Seele nicht zu jenen lichten Höhen empor- Ichwingen, wo Friede und Liebe wohnen. Von der Parteien Haß zerrissen war unser Vaterland. Das Volk hat zwar vielleicht eine neue Stufe politischer Fortbildung erklommen, aber sie ist nicht danach geschaffen, um freudig darauf zu »erharren. Demagogentum und Hetzereien haben die Massen hingerissen und ihnen das Bild der Wahrheit, wahren und puten Strebens und Hoffens verschleiert! Die Führer haben wersagt und verbannt, was sie gestern gepriesen hatten, haben die Grundslützen erschüttert, auf denen allein wir das Ziel erreichen können: ruhige Stetigkeit und Freudigkeit im Schaffen! Wir sollen nicht nur für die ungewisse Zukunft sorgen und uns rühren, sondern auch fürs lebendige Heute! Denn heute die mahnenden Hande des Heilandes sich wieder über uns erheben, so segnen sie ein unruhevolles, scheues Geschlecht. Es fehlt ihm der edle stoische Gedanke, der tn.uf) die christliche Liebe stärkt, und in die Seligpreisungen Christi könnten auch Seneca, der vornehme, stolze Römer, und Kant, der erhabene deutsche Denker, ihre wohltuende Sprache mischen. „Gleichmütigkeit ist das Selbstgefühl einer gesunden Seele", sagt der männliche, ernste Königsberger, und auch der Römer preist die Gleichgültigkeit gegen das Schicksal, durch die man allein zur Freiheit sich durchringen könne, zu „jener Ruhe und Erhabenheit der Seele, die einen höheren Standpunkt gefunden hat, die zu fürchten »erlernt hat, und die aus der Erkenntnis der Wahrheit eine hohe und ungestörte Freude gewinnt, eine stete Freundlichkeit und Heiterkeit des Genrütes, daran sie sich erfreut, wicht als an Gütern, sondern als an Früchten ihres eigenen
Christnachtglocken.
Heil'ger Liebe fromme Glocken Klingen in die Nacht hinaus, Sel'ge Botschaft voll Frohlocken Läuten sie in Herz und Haus. 2Tltt verheißungsvollem IHunbe Schwebend über Stadt und Feld, Weithin hallend in der Runde, Grüßen sie „das heil der Welt l" Durch Millionen Menschenherzen Flutet neu des Glaubens Strom Und im Flammenglanz der Kerzen Wird die Hütte selbst zum Dom. Seelen, ihr, von Not durchdrungen, Don der Schmerzen Sturm durchtost, hört! Die gottgeweihten Zungen Künden euch des Himmels Trost.
Luch auch, die im Strom des Lebens Gott verloren unbewußt, Die das heil ihr sucht vergebens Zn der Erde Lärm und Lust. Luch, die auf verwehtem Pfade 3br verirrt geht und verwaist, Luch auch schallt der Ruf der Gnade, Die den Retter euch verheißt.
Drum, wenn Feierglocken klingen Durch die heilig-hehre Nacht, Laßt die Herzen euch durchdringen Don der Liebe Zaubermacht! Kommt ihr, die im Weltgetriebe Wandert ohne Rast und Ruh, Faßt die starke Hand der Liebe, Die euch führt der Heimat zu! „heimwärts, heimwärts!" ja so rufen Uns der Lhristnacht Glocken zu, Zu des Vaterhauses Stufen Zu dem Hafen wahrer Ruh. 3a, es winkt dir schon hienieden Line Heimat süßer Rast, Wenn den Thrift mit seinem Frieden Ausgenommen du als Gast.
Nidda. Koemheld.
Lck-atzcs." Welch anderer Freiheitsbegriff als beriemgc unserer Doktrinäre! Gleichgültigkeit gegen das Schicksal, das heißt: Das Bestehende, wie es auch immer sei, zufrieden hinzunehmen. Selbstverständlich soll damit der Lauf der Welt und Politik nicht stille stehen; man soll nur bei allem Streben auch einer ruhevollen Gegenwart ihr Reck)t lassen.
Die Friedfertigen, die Sanftmütigen, die geisttg arm, die reinen Herzens sind, alle, die vom Heiland selig Gepriesenen, sind keine unfreien Vielgeschäftigen, sind in unserer raschlebigen Zeit nur sehr vereinzelt zu finden Und sind wir damit auf dem gerade heute vielgelobten Wege zum allgemeinen und einigen Weltfrieden? Im Balkan ist der Lärm der Waffen endlich verklungen, aber jeder Tag bringt neuen Unfrieden. Die heißblütigen Mischlinge der zentralamerikanischen Republik Nicaragua machen es nick)t besser als die gesitteten Europäer. Jenes Land mit den fünf Bergen und dem Freiheitspfahl im Wappen kommt von der Revolution und vom Bürgerkriege nicht los. Die letzte Fehde mit der Nachbarrepublik Honduras liegt noch nicht weit zurück, und schon wieder ist dort der Krieg entfesselt. Regierungstruppen und Revolutionäre lieferten eine blutige Schlacht, aus der die Revolutionäre als Sieger hervorgingen. Das war erst am letzten Dienstag, über 1000 Mann sind gefallen oder verwundet, und die Kirchen sind in Hospitäler verwandelt. Die Aufrührer sollen jetzt im Vor- marsch gegen die Hauptstadt Managua sein, um den Präsidenten zu stürzen.
Ein Geschehnis, das in die Weihnachtszeit schlecht paßt. Aber der umstürzlerische Geist hat noch andere Schreckens- taten geboren und ist nicht nur in Haiti oder Nicaragua wohnhaft. Nicht weniger als drei politische Morde haben die zum Friedensfeste sich rüstende gesittete Welt mit Abscheu erfüllte Auf dem koreanischen Kampfboden wurde, nachdem dort erst vor einigen Wochen Fürst Ito einem Mörder zum Opfer gefallen ist, der Ministerpräsident Yi von einem zwanzigjährigen Koreaner erstochen! Auflehnung gegen das japanische Joch war , auch hier die Triebfeder zu der in ihrer Wirkung doch ohnmächtigen Tat. Sie berührt immerhin bei weitem nicht so abscheulich und erbärmlich, wie die Mordversuche gegen den russischen Obersten Karpow in Petersburg, der als Chef der politischen Polizei durch eine Höllenmaschine verblutete, und den rumänischen Ministerpräsidenten Bratianu, der glücklicherweise bei dem anarchistischen Verbrechen mit ungefährlichen Verletzungen davon- lam. Beide Taten entspringen revolutionären Rachegefühlen, sind nicht weniger hart strafbar als gemeiner Meuchelmord.
Wie nähe beieinander wohnen Haß und Verbrechen,
— Di« Grv ßherzog in hat den Ehren schütz über den Bund zur Ehrung rheinländischer Dichter übernommen. Der Bund, her jetzt über 700 Mitglieder zählt und fortgesetzt zunimmt, hat dieser Tage als erstes Buch die Tragödie von Wilhelm Schmidtbonn „Dar Zorn des Achilles" an seine Mitglieder ausgegeben.
— Der älteste Bruch eines menschlichen Röhrenknochens. Im Jahre 1902 wurden im Gebirge zwischen Trau und Save bei dem Marktflecken Kra- pina in einer Höhle menschliche Skelettreste und Artefakte Misgedeckt. Es handelt sich um die jetzt zu großer Berühmtheit gelangte Fundstelle von Menschenresten aus der älteren Diluvialzeit. Die Sichtung des Materials ergab ganz überraschende Resultate und ist namentlich, wie Tr. K. Jäger im neuesten Hefte der „Deutschen Zeitschrift für Chirurgie" (Verlag F. C. W. Vogel, Leipzig) mitteilt, ein Fund von besonderem Interesse für die Geschichte der prähistorischen Chirurgie. Es wurde ein rechtes Schlüsselbein des „Urmenschen" erhoben, das von einem jugendlichen Individuum stammt und an dem ein Knochenbruch nachzuweisen ist. Höchst bemerkenswert ist nun, daß bei Knocheribruch ausgezeichnet ohne Verkürzung wieder zusammenheilte. Jedenfalls haben wir in ihm den nachweisbar ältesten Bruch eines menschlichen Röhrenknochens vor uns, dessen Alter auf etwa 12 000 Jahre geschätzt wird. Hervorzuheben ist auch die Tatsache, das; die Schlüsselbeine aus Krapina von jenen der heutigen und bekannten fossilen Menschen sich durch ihre Schlankheit auszeichnen.
— Das Kreuzkraut (Senecio vulgaris) ist ein Unkraut, das, wie unter den Vögeln der Sperling, überall vorkommt und fortkommt, auch da, wo es, wie die landläufige Redensart lautet, nichts zu suchen hat. Außerdem gehört es zu einer kleinen Anzahl bei uns heimischer Pflanzen, die, so kann man wohl sagen, das ganze Jahr hindurch blühen. Sie entschwinden den Blicken nur, wenn Schnee über sie fällt, blüyen aber unter dem Schnee fort, unö sowie durch ein paar milde Tage der Schnee weggeräumt wird, sind sie schon wieder da. Sechs solcher Pflanzen habe ich jetzt in der zweiten Hälfte des De ember- monats hier an der Ostseeiänre, wo ich meine Wohnung höbe, auf Wiesen, an Wegen und Rainen, auf Schutt, auf Waldboden und auf Gartenbeeten blühend gefunden. Es sind dies: das Gänseblümchen ober Maßlieb, von allen fechsen die hübscheste Blume, die kleine Brennessel, die mich jetzt noch bei der Berührung brennend weckt, die niedlich rot blühende kleine Taube Nessel, das bescheidene Hirten- täschelcraul, die zähe Bogelmiere und enolich das Kreuz- I kraut. Dieses letztere ist mir am allerhäufiFsben begegnet
Dtilöe und Güte! Wie richtet es den im Kampfe ringenden Menschen auf, wenn er alljährlich die frohe Botschaft vernehmen darf: Der alte Gott lebt noch, „siehe, ich bin bei Euch alle Tage". Sind wir dann nicht alle fenen rauhen Hirten gleich, die auf stillem Felde dem Stern Bethlehems folgten und in stiller Ehrfurcht das Kind in der Krippe anbeteten? Milde und Güte sind auch Zierden der Starken, und wer das Wort heilig nicht mehr verehrt, dessen Hery ist tot, der mag die Glückseligkeit, nach der alle suchen, auch die kleinlichen und ungläubigen Kämpfer unserer Tage, nimmer finden. Es ist wahr, was in einem jetzt erschienenen literarhistorischen Werke bei der Betrachtung der schönen Briefe der Mutter Goethes gesagt wurde: wir müssen das achtzehnte Jahrhundert ftifi beneiden um seine lebensvollen, lebensmutigen und im guten Sinne frommen Menschen! Vorwärts schauen gilt es, aber auch zurück! Was nutze es, wenn ich die ganze Welt gewönne und nähme doch Sck;aden an meiner Seele? Die Erinnerung, die fr ruhige und stolze Erinnerung soll ein Hort menschlichen Glückes fein! Das mögen uns die Glocken heute läuten, die Kinderstimmen uns von neuem vorsingen, damit neue Hoffnung und Freudigkeit uns festigt zu neuem Schaffen!
Ungebühr vor Gericht.
Unsere hessische Zweite Kammer hat kürzlich ein- stimmig den Antrag angenommen, die Regierung möchte im Bundesrat für eine Revision des Gerichtsverfassung^ gesetzes dahin eintreten, daß her Beschwerde eines mit einer Ungebühr st rafe Belegten strafaufschiei benbe Wirkung zu komm en solle.
Dieser Beschluß hat auch außerhalb Hessens Erstaunen erregt. Der Württembergische Landgerichtsrat von Wider schreibt hierzu in der „Deutschen Richterzeitung":
Wohin sollen solche Beschränkungen der richterlichen Befugnis zur Verhängung von Ordnungsstrafen noch führen? Man vergegenwärtige sich den gar nicht selten vorkommenden : Ein Zeuge ober Beschuldigter unterbricht den verhörenden Richter in lärmender, ungebührlicher Weise und läßt von seinem die Fort* führung der Verhandlung erschwerenden oder gar unmöglich machenden Benehmen trotz wiederholter Mahnungen nicht ab, so daß im Interesse der Aufrechterhaltung der Autorität, des richts eine Ordnungsstrafe ausgesprochen und deren sofortiger Vollzug vom Gericht angeordnet werden muß.
Da soll nach dem Willen der hessischen Abgeordnetenkammer:, der Bestrafte künftig die Befugnis haben, lächelnd dem Richter zu erwidern: ich erhebe Beschwerde, und damit die bei vermögenslosen und nicht seßhaften Personen allein angezeigte und nfirB- same Haftstrafe einfach illusorisch machen können, illusorisch, da fein Aufenthalt später, nach Verwerfung seiner Beschwerde durch die höhere Behörde, häufig sich wird nicht leicht ermitteln lassen. Ganz bezeichnenderweise ist dieser Beschluß auf Antrag der sozial- demokratisc^n Fraktion gefaßt worden, obgleich Staatsnumster Ewald erklärt hatte, in diesem Antrag sei ein ungerechtfertigter Vorwurf gegen die Gerichte enthalten, und in seiner langen Ge- richtspitaxis sei ihm fein Fall eines Mißbrauchs der angezogenen Bestimmungen bekannt geworden. «.
Höchst merkwürdig und höchst bedauerlich ist und bleibt, daß
Jedermann übrigens kennt es, es ist wie der Artname vulgaris sagt, „gemein", womit ja in der Pflanzenwelt und auch in mancher Wendung unserer Sprache durchaus nicht der Begriff der Verächtlichteit verbunden ist. Warum heißt es nun „Kreuzkraut"? Infolge eines Mißverständnisses, das sich aus dem lateinischen Namen senecio erklärt. Es ist ein Pflänzchen, das überaus rasch abblüht und Samen trägt. Kaum sind die anspruchslosen gelben Blüten abgewelkt, so hat sich schon ein grauweißes Federköpfchen, das die Samenkörner umfaßt, entwickelt. Deshalb ist dies Kräutlein — senex heißt auf deutsch der Greis — senecio, das Greiselein oder Grersenköpslein, genannt worden, und daraus ging der deutsche Name „Greiskraut" hervor. Aus „Greiskraut" ist dann im Volksmunde durch falsche Deutung, wie sie ja nicht allein bei Männern der Wissenschaft vorkommt, „Kreuzkraut" geworden Das Kreuzkraut ist ein außerordentlich häufiges Unkraut. Kein Garten ist vor ihm sicher, denn der Wind trägt seine befiederten Samenkörnchen über Zäune und Mauern und zu den Blumenkästen hinauf, die drei und vier Treppen hoch auf den Balkons der Großstadt stehen. So bereitet es den Gärtnern und Blumenfreunden manchen Verdruß, aber eine gute Seite hat es doch an sich: es ist ein Vogelfutter, bas von Hänflingen, Stieglitzen, Kanarienvögeln und andern in Käfige eingesperrten befiederten Hausgenossen begierig verzehrt wirb. Dieser Eigenschaft hat es zu verdanken, daß es, ursprünglich nur heimisch in Europa, von Auswanderern, die gern ihre Stubenvögel ins ferne Land mitnehmen, fast über die ganze bewohnte Erde verbreitet worden ist. Ich habe es auf Wanderungen in den wilden Wäldern Kanadas auch in den Hausgärtchen ganz einsam gelegener kleiner Farmen mit der Vogelmiere zusammen, dre gleichfalls ein beliebtes Vogelfuttertraut ist, angetroffen, und wenn man es an solchen Orten zu sehen bekommt, vergibt man ihm alles und kann es lieb gewinnen. Johannes Trojan.
— Kleine Chronik ans Kunst und Wissenschaft Sudermanns „etranbtinber* würben von ben fönig- lichen Theatern in Wiesbaden und Kassel, dem Hoftheater m Stuttgart, ben Stabktheatern in Leivzig, Breslau, Stell,n, Lübeck erworben. — »Der Zimmerherr-, ein einaktiges Luülvicl von *Dlar Bayrhammer, bent beliebten Mitglieb be& Lchauipielbauses in Frankfurt a. M., würbe im borkigen „Quttnieit Theater* mit großem Bestall ausgenommen. — Sarah Bernhardt ist mit ihrem Sluck .ün coeard’homme* im Pariser The » tre deS Arts gründlich abgetanen. Trotz aller Bemühungen ihrer zahlreich erschienenen Freunde konnte bte lang- meilige und verworrene Komödie keinen Beifall finden.


