Ausgabe 
3.5.1909 Zweites Blatt
 
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Nr. 102

Zweites Blatt

Montag 3. Mai 1909

1S9. Jahrgang

Erscheint iLgllch mit Ausnahme des Sonntag».

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DieEiehener Zamilienblätter" werden dem .Anzeiger' otermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatl für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit, fragen" erscheinen monatlich zweimal.

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Mantegazzas Katechismus. Paolo Mantegazza, der bekannte Verfasser derPhysiologie der Liebe", hat nach langer Zeit wieder ein neues Buch erscheinen lassen: es nennt sich Bibel der Hoffnung" und enthält nutzer autobiographischen Notizen die Hauptgrundsätze, von welchen der viel gelesene und geschmähte italienische Physiologe sich auf seinem Lebenswege leiten ließ. Die römischeTribuna" entnimmt diesem neuesten Werke des alten Idealisten Mantegazza wird im Oktober das 78. Lebens­jahr vollendet haben nachstehendenDekalos": 1. Du sollst immer arbeiten. 2. Du sollst immer lieben. 3. Liebe die Frau mehr als dick) selbst. 4. Rechne nie zu den Aktiven deines Lebens

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Wilhelm Schätlltt,

Mahnung ietjt dauernd thcB, WMt 6.

Rotationsdruck und Verlag der vrühl'sch« Unwersiläts - Buch, und Stemdruckeret. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» stratze 7. Expedition und Verlag:

Redaktion:^^112. Tel.-Adr.:AnzeigerGleßen.

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die Dankbarkeit anderer. 5. Hasse nicht, sondern erziehe: ver­achte nicht, sondern lächle. 6. Suche aus der Brennessel das Nesselgarn zu gewinnen, aus dem Wermut die Medizin. 7. Bücke dich nicht, außer um dem Gefallenen aufzuhelsen. C. T.

immer inehr Talent als Ehrgeiz zu haben. 9. Frage jeden Abend dich selbst:Was habe üh heute Gutes getan?" 10. Du sollst immer in deiner Bücherei ein neues Buch, in deinem .Keller eine volle Flasche, in deinem Garten eine frisch erblühte Blume haben.

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reichende und gleichmäßige Besitzbelastung die Finanzreform nicht durchführbar sei. Die Darlegung des Frhrn. v. Richthofen habe den Zweck gehabt, die ungünstige Position der Partei zu ver­bessern und die eigenartige Haltung der Konservativen zu recht­fertigen: der Versuch sei aber nicht gelungen, insbesondere die Vorwürfe gegen die Freisinnigen völlig verfehlt. Seine Freunde hätten dem Besitzsteuerkompromiß zugestimmt mit dem Vorbehalt weiterer Entschließungen. Sie seien darüber klar gewesen, daß die Einzelstaaten daraus nicht eingehen dürfen und daß die Erbschafts­steuer erneut auf die Tagesordnung gesetzt werden würde. Diese Erwartung habe sich erfüllt. Aber nicht die Freisinnigen, sondern die Konservativen seien von der Richtlinie des vorläufig verein- barten Kompromisses abgewichen, indem sie den Wertzuwachs­steuerantrag eingebracht und seine sofortige Beratung durchgesetzt hätten. Selbstverständlich haben nunmehr auch die Liberalen ihre Anträge hinsichtlich der direkten Steuern wieder eingebracht. Die Freisinnigen haben sich endlich bemüht, an dem Zustandekommen des großen Werkes mitzuwirken. Aber sie lehnen jeglichen Ver­such ab, die Finanzreform als Vorspann für agrarische Sonder­interessen zu benutzen, und er wünsche und hoffe, daß auch die Regierung dem agrarischen Druck, der in rücksichtsloser Weise aus­geübt werde, entschlossenen Widerstand entgegensetzt.

Mg. Müller-Fulda (Zcntr.): Die Haltung der Kon­servativen ist konseguent gewesen. Unser Verdienst ist es, daß die Banderole mit in die Subkommission gekommen ist. Dor Red­ner verbreitet sich nochmals über die Aussichten der Wertzuwachs­steuer, insbesondere auf Effekten. Eine mäßige Erhöhung des Umsatzstempels werde nicht die schlimmen Folgen haben, wie hier vorgetragen sei. Durch Kombination sei es sehr wohl möglich, nicht nur die 100 Millionen, sondern mehr, vieNeicht 150 Millionen zu erzielen.

Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben: Die« Wertsteigerung trifft selbstverständlich nicht nur für die Großstädte, sondern auch für die anderen Gemeinden zu. Die Turchschnittssteigerung der Wertpapiere ist von den Antragstellern viel zu hoch genommen.

Mg. Dr. Roes icke (Kons.) verteidigt die Unterlagen seines Antrags. Seine Berechnung beruhe auf der amtlichen Statistik und könne nicht widerlegt werden. Der Redner verbreitet sich nochmals über die Wertsteigerung der Wertpapiere. Die sofortige Einnahme ist weder durch die Vermögenssteuer, »roch durch die Erbschaftssteuer zu erzielen. Die Veranlagung zur Vermögens­steuer dauert Jahre. Die Erbschaftssteuer soll nach der Vorlage sogar in Form der Rente gezahlt werden können.

Finanznrinister Frhr. v. Rheinbaben: Wir können nur auf Steuern eingehen, die sicheren Ertrag liefern und technisch durch­führbar sind. Das kann man von der vorgeschlagenen Wert­zuwachssteuer nicht sagen. Sie entfernt sich zu sehr vom Durch­schnitt und nimmt sehr auf singuläre Verhältnisse Rücksicht.

Llbg. Mommsen (Freis. Vg.) polemisiert nochmals gegen Dr. Roesicke. Der Ertrag aus Wertpapieren werde schon heute ge­troffen durch den Börsenstempel, durch die Einkommensteuer und durch die Gewerbesteuer. Und dazu noch eine Extrasteuer?

Nach kurzen Bemerkungen der Abgg. Herold und Dr. Roesicke erfolgt nunmehr die Abstimmung. Zunächst wird der An­trag der Sozialdemokraten zur Abstimmung gestellt: Reichsver­mögens- und Reichseinkommensteuer als Ersatz für die indirekten Steuern. Dieser Antrag icirb gegen die Sozialdemokraten ab­gelehnt. Dann kommt der Antrag der Reichspartei als Eventual­antrag zum Antrag Dietrich zur Abstimmung. Er will in dem Antrag der Konservativen die Bezeichnung der Wertzuwachssteuer als Ersatzsteuer für die Erbanfallsteuer beseitigen. Dieser Antrag wird abgelehnt gegen Freisinnige und Nationalliberale.

Für den Hauptantrag, den Antrag Dietrich, stimmen die vier Konservativen, acht Zentrumsmitglieder rind zwei Polen, zu­sammen vierzehn: dagegen die vierzehn Mitglieder aller anderen Parteien. Der Antrag ist mit Stimmengleichheit abgelehnt. Nun­mehr kommt der Antrag der Wirtschaftlichen Vereinigung zur Ab­stimmung, der eine Resolution darstellt. Ter erste Teil, der die verbündeten Negierungen zur unverzüglichen Ausarbeitung einer Wertzuwachsfteuer auf Immobilien auffordert, wird ein­stimmig angenommen. Der zweite Teil, der sie auffordert, in Erwägungen darüber einzutreten, wie zum Ausgleiche der den Grundbesitz belastenden Wertzuwachssteuer eine entsprechende Be­steuerung des Zuwachses an beweglichem Kapitalvermögen erfolgen könne, wird gegen die Stimmen der Freisinnigen angenommen.

Von dem Anträge der Freisinnigen wird der erste Teil, der die Ausarbeitung einer Erbschaftssteuervorlage fordert, mit Stimmen­gleichheit abgelehnt, mit demselben Stimmverhältnis wie der An­trag der Konservativen. Der zweite Teil, der die progressive Vermögenssteuer fordert, toird mit 16 gegen 12 Stimmen ab­gelehnt, dafür stimmen mit deck Freisinnigen die Nationalliberalen und die Sozialdemokraten.

Zuletzt wird über den nationalliberalen Antrag abgestimmt. Dieser wird mit Stimmengleichheit, dasselbe Stimmenverhältnis wie vorher, abgelehnt.

Nunmehr findet eine Geschäftsordnungsdebatte statt über die

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Den Asketen, deren ganze Weisheit in der Devise:Bruder, lerne sterben!" liegt, antwortet Mantegazza, der Philosoph des Lebensgenusses, mit einem energischen:Bruder, lerne leben!" - Eine Hinrichtung s-Taxordnung, die ein Ver­zeichnis der Löhne enthält, die die Scharsrichter zu Darm st a d t und Bessungen bei jeder Exekution für ihreArbeit" ohne die Kost zu fordern batten, bestimmt:Einen Malefikanten in Oel 5ii sieden, tut dessen Lohn 24 fl. Einen Lebendigen zu vier­teilen 15 fl. 30 Kreuzer. Eine Person mit dem Schwert hin­zurichten vorn Leben zum Tode 10 fl. Sodann den Körper aufs Rad zu legen 5 fl. Desgleichen vom Kopf auf Spitzen zu steckh.n 5 fl. Einen Menschen zu vier Theilen zu verreißen 18 fl. Von einem Menschen oder Deliquent zu henckhen 10 fl. Den Körper zu vergraben 1 fl. Einen Menschen lebendig zu spitzen 12 fl. Eine Hex lebendig zu verbrennen 14 fl. Bei einer Tortur anf- zuwarten, so man berufen wird 2 fl. 30 Heller. Von einem spanischen Stiefel anzulegen 2 fl. 30 Heller. Einen Deliguenten, so in der Folter gezogen wird 5 fl. Von einer Person ins Hals- eisen zu stellen 1 fl. 30 Heller. Einen mit Ruthen ausstreichen 3 fl 30 Kreuzer. Den Galgen auf den Rücken zu brennen oder auf die Stirne und Backen 5 fl. Einer Person Nase und Ohren abzuschneiden 5 fl. Einer Person Land und Ort zu erweisen 1 fl. 30 Kreuzer. Dabei zu wissen, daß bei jeder vollziehendem

Aleines Feuilleton.

Eine Dauer-Vorstellung. Dingelstedt hat einst tnld Intendant in Weimar eine Theatervorstellung für einen Aonnittag bis zum späten Wend eingerichtet. Von 11 bis u>l Uhr gab manWallensteins Lager", von 2 bis Vr5 Uhr .Die Piccolomini" und von 6 bis gegen 11 UhrWallensteins Tod". Die zwischen den Stückeir liegenden Pausen waren für das Publikum bestimmt, sich auch leiblich zu erguicken. Dingelstedt beabsichtigte durch diese Gesamtdarstellung des Schillerschen Meister- lüerks, vorzugsweise jenem Publikum, welches nicht mehrere Tage an eine Aufführung zu wenden vermög, namentlich Den Land- geistlichen und Lehrern, Gelegenheit zu geben, es in dieser vvll- llänbigen Form im Zusammenhang kennen zu lernen. Wenn der Weimarer Bühnenleiter damit auch einen Kassenzweck verband, so wurde dieser volltemMeu erreicht, denn von nah und fern waren i[te in dichten Scharen herbeigeströmt und genossen im Schweiße ästeS Angesichts das außergewöhnliche Schauspiel. Bekanntlich ül auch Gustav Frehtag in seinerTechnik des Dramas" für die Aufführung der Trilogie im Zusammenhang eingetreten. Eine eigenartige Seite dieser interessanten Vorstellung bildete an diesem denkwürdigen Tage das Leben und Treiben hinter den Kulissen. Vor 10 Uhr morgens mußte bereits angetreten werden, und da man nicht in jeder Pause das KostüM und die Maske ablegen und zum Essen irach Hause eilen konnte, so war man gezwungen, bis fast gegen Mitternacht auszuharren. Im Musiksaal dos Theaters wurden den Schauspielern ihre Mahlzeiten serviert, imb wer einen Blick durch die Fenster hätte werfen können, würde geglaubt 'haben, daßWallensteins Lager" hier oben noch einmal «ufgeführt werde. An einem Tisch saßenButtler" und die Jteibcn Piccolomini" und spielten Whist, an einem anderenTerz- I1)" mitWränget" Sechsundsechzig. Mit mächtigen Schritten und dröhnendem Sporengeklirr durchmaßWallenstein", eine Zigarre rauchend, den weiten Raum, während sich in einer Ecke em Kreis umJllo" undSeni" gebildet hatte, der sich den vor- ttiefflicher Rtotwein schmecken ließ, den der Schloßkeller gespendet. Lom Publikum wurde diese Dauervorstellung im allgemeinen günstig ausgenommen, nur einer war nicht zufrieden: Weimars rrier besser Thüringens Bolksdichter Alexanrder Rost: er ant- hrortete auf die Frage, wie ihm die Gesamt-Ausführung her Trilogie gefallen:Gar nicht! Zehn Stunden Theater! Sterne Pferdekur!"

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warteten, daß dazu Vorschläge von der Reichsregierung gemacht werden würden. Als wir uns in dieser Erwartung getäuscht sahen, sind wir mit dem jetzigen Vorschläge hervvrgetreten. Wir wollen nicht in die Sage kommen, über fertige Entwürfe für in­direkte Steuern abzustimmen, ohne daß Eittwürfe für Besitzsteuern ausgearbcitet werden. Wir hoffen noch immer auf weitere Ge­setzentwürfe in dieser Richtung. Die zweite Voraussetzung war, daß indirekte Steuern in Höhe von 400 Millionen bewilligt würden. Das bisherige Verhalten der Freisrmrigen hat uns nicht die Meinung gegeben, daß dieses durch die Parteien geschehen werde, die dem Besitzsteuerkompromiß zugestimmt haben. Wir hoffen aber, daß dieses. auf dem von uns eingefchlagenen Wege noch möglich wird. Insbesondere, fuhr Frhr. v. Richthofen fort, sei nicht abzusehen, wie mit Zustimmung der Freisinnigen ein an­nehmbares Branntweinsteuergefetz zustande kommen könne, und es sei nach ben Berichten aus der Subkommission unwahrschein­lich, daß mit Hilfe der Freisinnigen eine ausreichende Einnahme aus dem Tabak erreicht würde. Alle anderen indirekten Steuern mit Ausnahme der Brauereisteuer seien abgelehnt. Für ich bestehe die Hoffnung nicht, daß mit Hilfe der Freisinnigen die fraglichen 400 Millionen flüssig gemacht würden. Leider habe die Regierung noch keine Vorschläge füir Ersatzsteuern gemacht, so daß es noch nicht möglich sei, sich über die WahrscheinliclKit von deren Annahme auszusprechen. Das Verhalten seiner Partei sei von Anfang an konsequent und loyal gewesen. Jeder Angriff auf sie müsse bestimml zurückgewiesen werden.

Zum ersten Male bei dieser Verhandlung nahm jetzt eines der beiden polnischen Mitglieder das Wort, der Mg. v. Skar c- z i n s k y. Er erklärte: Wir werden das lleinere Uebel wählen und für den Antrag Dietrich in seinem ganzen Umfange stimmen. Wir wollen keine Steuern auf Vorrat bewilligen: wir wißen aber noch nicht, welche Beträge die Wertzuwachssteuer bringen könnte. Jedenfalls werden weit höhere Beträge herauskommen, als die Regierung annimmt. Wir können für die Erbschaftssteuer, bei der die Regierung jedem Leichenwagen nachlaufen muß, für diese widerwärtige Steuer nicht stimmen.

Dr. Weber (Natl.) wies darauf hin daß die Ausführungen des Reichsbankpräsibaiten vielfach mißverstanden seien. Sie hätten besagen wollen, daß durch die Wertzuwachssteuer auf Effekten sowohl das ausländische Kapital dem Jnlande fernge­halten, als auch das inländische Kapital aus i>em Lande ins Aus­land hinausgetrieben wird. Das würde eine starke Schwächung unserer vvlkswirtschaftlick)en Kraft bedeuten. Dem Abg. Muller- Fulda gegenüber hob der nationalliberale Redner hervor, dieser habe mit seinen gestrigen Ausführungen offene Türen eingerannt. Da sowohl die Kommission als ja auch die Verbündeten Regierungen in der Frage der Wertzuwachssteuer auf Immobilien völlig einig sind. Wenn der Abg. Herold von ter Ruhe in Westfalen gesprochen habe und der Zuversicht Ausdruck gab, daß das Zentrum aus einem etwaigen Wahlkampfe mit einem Gewinn von mindestens 10 Mandaten wiederkehren würde, während bie Nationalliberalen arge Schlappen erleiden würden, dann müsse er demgegenüber das Folgende sagen: Die Ausführungen des Herrn Herold ließen die gerühmte Ruhe der Westfalen nicht erkennen. Sie zeugten von einer sein starken inneren Erregung, die nicht gerade von der günstigen Posttion Zeugnis gab, in der sich nach 'Herrn Herold das Zentrum befinden solle. Die Nationalliberalen richteten ihre Haltung in der Frage der Finanzreform nicht danach ein, ob sie in einem etwaigen Wahlkampfe Schlappen erleiden würden oder nicht. Hier stünden nicht Parteiinteressen in Frage, sondern die Nationalliberalen seien der lieber Beugung, daß hier das Interesse der Nation vorangestellt werden müsse, deren wirtschaftliche Ent­wicklung ohne eine baldige und gründliche Finanzresvrm in Frage gestellt sei. Ob seine Partei durch ihre Arbeit für das Zustande­kommen der Reform bei den Wahlen geschädigt würde ober nicht, könne ihre Haltung in biefent Augenblicke nicht beeinflussen. Im übrigen glaube er, daß die weitesten Kreise im Volke der Haltung der Nationalliberalen ein größeres Verständnis entgegenbrächten, als das Zentrum anzunehmen scheine. Des weiteren hielt Dr. Weber dem Zentrum entgegen, daß doch auch dieses das Spiritusmonopol abgelehnt habe, wie ebenso die Zigarrenbanderole. Seine Fremrde seien bereit, an Stelle der ab gelehnten Steuern Ersatzsteuern in voller ftöJje zu bewilligen, sobald die Verbün­deten Regierungen, worum er dringend ersuche, sie der Kommission vorgelegt haben würde.

Abg. Dr. Wiemer (Fr. Vp.) wendet sich scharf gegen die Aeußerungen des Abg. Frhrn. v. Richthofen. Die Konservativen leien allerdings konsequent, aber vor. allem in der Verkennung der politischen Notwendigkeiten. Auch innerhalb der konservativen Partei sei eine starke Strömung für die Ausdehnung der Erb­schaftssteuer, ebenso im Zentrum, insbesondere in Bayern. Vor drei Jahren sei gerade von Mitgliedern der Zentrumspartei die Ausdehnung der Besteuerung aus Ehegatten und Kinder beantragt worden. Die Freisimrigen, die früher auch Bedenken, aber nicht grundsätzlicher Art, ausgesprochen hätten, haben sich entschlossen, der Nachlatzsteuer zuzustimmen in der Ueberzeugung, datz ohne aus-

Die wertzuwachssteuer in der Zincinzkommfffion.

Die Aussprache über die Wertzuwachssteuer nahm auch iwch einen großen Teil der Sitzung am Samstag in Anspruch. Der erste Redner war der Zentrumsabgeordnete Herold. Dem Kon­junkturrückgang, der zur Folge hatte, daß die Werte fallen, und damit auch der Ertrag der Jmmobiliarzuwachssteuer, legt er keine Bedeutung bei, weil nicht jede Gegend und jede Stadt gleichmäßig getroffen, sondern ein Ausgleich geschaffen werde. Er stimme für diese Steuer, obgleich vermutlich seine westfälische Heimatprovmz von allen Provinzen am stärksten betroffen werde. Die Wert­steigerung treffe nicht nur die Städte, sondern auch das flache Land: in Westfalen sei das gmrz eklatant. Die Zölle hätten einen so riesigen Einfluß, wie das der Mg. Mommsen anneiyme, auf die Wertsteigerung nicht gehabt. Im Westen rentiere sich die Land­wirtschaft überhaupt nicht mehr. Die Gemeinden könnten nicht immer geschont toerben. Im übrigen hätten sie die Möglichkeit, ihrerseits durch Zuschläge zur Einkommensteuer den Besitz zu treffen. Es sei eine Inkonsequenz, in den Gemeinden den Besitz schonen und im Reiche ihn heranziehen zu wollen. Auf die Schwankung der Kurse hätten die Maßnahmen der Regierung einen viel größeren Einfluß als die Wertsteigerung bei Immo­bilien. Eine einzige Rede des Kanzlers könne die Kurse hinauf- schnellen ober herunterbringen. Wie wirken staatliche Maßnahmen wie Eisenbahnen und Kanalbauten auf die Kürse! Daß der Prä- fibent der Reichsbank sich gegen die Zuwachssteuer auf Effekten sträube, sei kein Wunder: er sei der Vertreter eines Spezial- ressorts, und daß diese ihre Sonderinteressen vertreten, hat man iwch neulich bei der Essigfrage erfahren. Das Zentrum ha he An­träge gestellt, den Besitz heranzuziehen, ohne die Matrikularbei- iräge erheblich zu steigern. In dieser Richtung bewege sich auch Irr konservative Antrag. Der Gedanke sei gesund. Die Zen­trumspartei sei nach ihrer ganzen Vergangenheit gegen den Vor­wurf geschützt, den Besitz nicht genügend heranziehen zu wollen. Der Einwand, der gesamte Besitz müsse herangezogen werden, sei nicht stichhaltig. Bei indirekten Steuern werde immer nur ein Teil herangezogen. Das mobile Kapital entziehe sich bei der Erb­schaftssteuer in hohem Maße der Besteuerung. In England habe ' man bereits eine Versicherung gegen die Erbschaftssteuer ins Leben gerufen; das beweise das Jrrationelle der Steuer. Uns kann 'teurerftc der Abg. Herold dann weiter, die Reich stags- icuflösung recht sein. Wir werden verstärkt 'toiederkommen! Aber die Na t io n al l i b e r a l en! Wie wollen sie mit der Parole der Erbschaftssteuer z. B. in den Wahlkampf in Hannover ziehen! Ihr Umfall in der Erbschafts- tcuerfrage wird sie teuer zu stehen kommen. 35 000 Unterschriften irägt heute schon die Petttion der westfälischen Bauernvereine «egen die Erbschaftssteuer. Ob der Reicl)skanzler im Palais IxmiDnitriert oder die Sozi auf der Straße, bleibt sich gleich. Beides ist Mache. Die Freisinnigen sind für die Regierung, weil diese ihnen entgegenkommt, sonst verlangen sie Stärkung des Barlcnnentarismus. Jetzt rufen sie nach einer starken Regierung. Wenn die Regierung in ihrer schroffen Stellung verharrt, so trägt sie auch die volle Verantwortung für die Verzögerung der Reform.

Schatzsekretär S ydvw: Der Vorwurf der schroffen Haltung Humbert mich. Bisher las man es anders. Die Regierung hat Hweits in einer Reihe wichtiger Fragen nachgegeben. Bei der Erbschaftssteuer hat sie die Stimmen aus dem Lande für sich. Hatten wir die Dieform im vorigen Jähre gemacht, so säßen wir jetzt bei der« zweiten Reform, infolge der Beamtenvorlage, der Ermäßigung der Zuckersteuer usw. In Stuttgart frnb in zwei -Zagen 10 000 Unterschriften für die Erbschaftssteuer gewonnen Norden.

Mit Rücksicht auf die Länge der Rednerliste machte der 3>orsitzende der Kommission Dr. Paasche nunmehr darauf auf­merksam, daß es wünschenswert sei, bald fertig zu werden. Am Abstimmungsergebnis änderten die Reden doch nichts mehr.

Der nächste Redner war 2lbg. Frhr. v. Richt Hofen CStonf.). Er führte ans: Gewiß beftreiten wir der Regierung nicht das Recht, an einem bestimmten Standpunkt festzuhallen: hnr meinen aber, daß dies ein richtiger sein muß, und daß sie dabei die ihr bekannten Anschauungen der größeren Partei zu berücksichtigen hat. Ich wollte an sich dem Abg. Wiemer nicht Mittworten, um ferne Schärfe in die Debatte zu bringen, bin aber durch Andeutungen über die weitere Gestaltung der geschäftlichen Behandlung zu einer abweichenden Haltung genötigt, und will Oirz auf die Vorgeschichte des sogenannten Besitzsteuerckompromisses eingeben. Dieses hat zwei Voraussetzungen. Einmal war da­mals keine Aussicht, eine Mehrheit für die Deszendenten^Erb- amfallsteuer zu findelr. Insbesondere hatte ich, wie das Protv- Dll der Kvmmissionssitzung ausweist, für meine Partei am 43. Februar d. I. erklärt:Gegen den Grundgedanken, die Aus­dehnung auf Deszendenten und Ehegatten, verhielten sich meine Freunde ablehnend. Diesen Standpunkt würden sie nie ver- luissen." Es wurde daher der Versuch gemacht, andere Besitze fteuern von hundert Millionen zustande zu bringen. Wir er-

Execution dem Scharfrichter die Kost und Verpflegnrrg zu ver­schaffen ist."

Erscheinung der Jungfrau von Orleans. Am 18. April ist in RoM unter großem Geprärrge und in Gegenwart sämtlicher ftanzösischer Bischöse sowie von 30000 Pilgern die 3ungrrmt von Orleans selig gesprochen worden. Doch damit nicht genug: tote der klerikal-royalistische Gaulvis mitteilt, fordert die Jungfrau von Orleans seit bald einem Jahre auch die Errichtung eines besonderen Gnadenortes in dem ft einen Dorfe Orroux bei Cvmpiögne. Dort sieht nämlich ein zehnjähriges Mädchen namens Susanne Berten jeden Freitag nachmittag um 3 Uhr die Jeanne d'Arc in einer Ulme erscheinen! ,^Jch sehe zuerst etwas wie einen Blitz," erzählt sie,dann sehe ich die Dame zwischen zwei Zweigen. Ich habe rwch ein wenig Furcht: dann schlägt mein Herz sehr stark, aber ich kann nicht fortgehen, ich bin wie an den Boden angebunden. Die Dame trägt eine Rüstung ganz aus Blei, sie hat schwarze Haare, die ihr über die Schultern fallen, mit einem Scheitel mitten auf dem Kopfe. Sie hält in der rechten Hand ein großes Kruzisix, die Stirn Christi blutet manch­mal ein wenig. In der linken Hand hat sie einen Säbel, eine Krone wie aus Sägezähnen gemacht, und einen Lorbeerzweig, her ber ab bangt." Auch Offenbarungen hat die Jungfrau ihr schon gespendet, z. B. fvlgettde:Susanne, es wird ein großer Krieg kommen, dann kommt die Cholera, dann bad gelbe Fieber dann das schwarze Fieber und giftige Fliegen (sic!), Rom', Mes- suina (sic!) und alles drum herum wird untergehen." Dann sagt sre Mir jedesmal, wenn ich sie sehe:Susanne, es wird ein Krieg kommen zwilchen den Mächten. Ich gebiete dir gelte hin und segne die französisck^e Fahne und die Kriegswaffen" Der Pfarrer von Gillocourt batte geraten, sie zu fragen, wer sie sei daraus anttvortete sie:Ich bin Johanna d'Arc, die Märtyrerin- ra) will eine Kapelle haben hier unter diesem Baume " Der Berichterstatter desGaulvis" meldet, daß die Einwohner von Orroux der Erscheinung noch zweifelhaft "gegenüberlieben: der Eine kirchliche Untersuchuna stattfindet, o - geschuhte der Gnadenorte Marpingen, Lourdes und Laialette kennt, merkt losort die Aechrlichkeit mit dein, was jetzt in Orroux,in ^zene gesetzt merben soll. Wir können also er­warten, datz sich dort bald eine Wallfahrt zur seligen Johanna von Orleans als zu enter besonderen Revancheheiiigen bilden wird UP1 Archen Beigabe einer royalistischen Opposition gegen ine Republik.

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Eiehener Anzeiger

General-Anzeiger für Odecheffen

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