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27.5.1909 Zweites Blatt
 
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Nr. L22

Redaktion, Expedition und Druckerei: Kchul- straße 7. Expedinon und Verlag: e^@5L, Redaktion:^^112.Tel.-Adr^AnzeigerGießen.

Zweites Blatt Jahrgang Donnerstag 27. Mai 1909

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag). *. a a al aa _2Il /A al aa Rotationsdruck und Verlag der vrühl'fchen

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Stimmungsbild aus dem preuh. Landtage.

Ä e r l i n, 26. Mai.

In drei Tagen bat das Herrenhaus richtig den ganzen Etat verabschiedet: Knappe sechs Stunden brauchte das Hohe Haus am Mittwoch, um mit dem um­fangreichen Rest der Vorlage ins Reine zu kommen und sich wieder ein paar Wochen Ferien gönnen zu dürfen. Da­bei standen neben einer Reihe kleiner Spezraletats drei so weitschichtige Haushaltspläne wie der der Wandels- und Gewerbeverwaltung, der Eisenbahn- und Bauvcrwaltung und der des Ministeriums des Innern zur Debatte, und es war nicht gerade wenig, was dieHerren" an Wünschen und Klagen zu diesen Etats in petto hatten. Da gab es beim Handelsetat Beschwerden über das Verfahren bei der Festsetzung der sogenanntenSchnapsrenten", jener In­validenrenten, die bei einer verhältnismäßig geringfügigen Minderung der Erwerbsfähigkeit gewährt werden. Der Minister hat angesichts des Miß'brauchs, den viele solche Viertelsinvaliden mit ihrem Rentenanspruch in den letzten Jahren trieben, anaeordnet, daß diese Rentenempfänger sich vor Festsetzung der Höhe der Rente der Behörde per­sönlich vorstellen sotten, damit das Maß ihrer Erwerbs­unfähigkeit einwandsfrei festgestellt werden könne. Und er hat mit diesem Verfahren gute Erfolge erzielt; die früher häufige Irreführung der Behörden durch die Renten- beweröer ist zur Ausnahme geworden. Herrn Struck- mann, dem Hildesheimer Oberbürgermeister, gefiel das Verfahren nickt, aber er gab sich zufrieden, als Herr Del­brück eine milde Handhabung der Anordnung in geeigneten Jätten verhieß. Recht temperamentvott verbreitete sich Herr v. Klitzing über die unleugbaren Mißstän de im Stellende r in ittelungs Wesen, und er hätte den ungeteilten Beifatt des Hauses gefunden, wenn er nicht ohne zureichenden Grund zum Sturm wider denGötzen Eewerbefreiheit" geblasen hätte. Der Minister stettte Maß­nahmen in Aussicht, die zur Heilung der Schäden beizu­tragen versprechen, ein Verbot der Stellenvermittelung durch Private lehnte er als erfahrener Verwaltungspraktiker ebenso kläglich ab wie ein nnmittelbares Eingreifen von Staats­wegen überhaupt. Beim Eisenbahnetat setzte cs ein paar höchst kuriose Beschwerden: Herr v. Klitzing donnerte gegen die unentgetlichc Lieferung von Seife und Handtüchern in den Luxuszügen und noch mehr gegen die billigen Abonne­mentskarten. Und Herr v. Buch, sonst ein Mann mit einer guten Portion gesunden Menschenverstandes, überbot ihn noch mit der grotesken Behauptung, für die vierte Klasse ge­schehe zu viel! Man wisse heute wirklich nicht mehr, ob man, statt erster, nicht lieber vierter .Nasse fahren solle. Zu­mal da einem der Aufenthalt in den Speisewagen durch die Reisenden 3. Güte verleidet werde, die dort nicht hineinaehör- len. Der allezeit streitbare Breslauer Oberbürgermeister Bender leuchtete den exklusiven Herren heim, aber Herr von Breitenbach, attezeit gefügig, beeilte sich, einen Erlaß gegen dieMißbräuche" bei Benutzung der Speisewagen will wohl sagen: eine fast völlige Verbannung der Fahr­gäste dritter S'Lajfe aus diesen Räumen in nahe Aus­sicht zu stellen, und auch einer Verteuerung der Abonne­mentskarten sagte er zunächst für die Berliner Stadt­bahn zu. Graf Kospoth nahm sich in humorvoller Rede der Interessen der Raucher an, dann war auch dieser Etat erledigt. Beini Bauetat mußte der Minister größeres Interesse für die elektrischen Ueberlandzentralen versprechen, Herrn B e s e l e r ließ das Haus fast völlig ungeschoren, und nur beim Etat des Herrn v. Moltke gabs noch eine längere Aussprache: Herr v. Putt kam er wandte sich Kegen die Revolverspielerei und die Nacktlogen, zwei ziem­lich heterogene Dinge, und Herr v. Studt, der über Nacht fein Rednertalent entdeckt hat, ließ eine Juvenalsatire wider Prostitution und Völlerei, Literatur- und Theaterschund, Automaten mit obszönen Bildern und bergt dem Gehege ler Zähne entfliehen. Herzlich gutgemeint wars jedenfalls, «ber herzlich oberflächlich wars auch. Der Minister äußerte lich nur kurz, um gegen die Naktlogen vorzugehen, meinte <r durchaus logisch, müsse die Existenz einer solchen erst be­wiesen sein. Damit war die Etatsdebatte beendet: Etat und «Etatsgesetz wurden genehmigt, Berggesetz, Stempelsteuer- uovelle und Kohlbrandvertrag wanderten an die .Kom­missionen, und frohen Sinns bewilligte sich das Hohe £auö -nach getaner Arbeit Ferien bis zum letzten Drittel des Neu­monds.

Nicht minder tätig als in der ersten Kammer war tttau

int Abgeordnetenhause. Aber der gewiß verzeihliche Wunsch der arbeitsmüden Volksboten, noch am Mittwoch in die Ferien fahren zu können, sollte sich nicht erfüllen. Zwischen der zweiten und dritten Lesung der Stempelsteuer-- novelle hatten Zentrum, Konservative und National- liberale ein neues Kompromiß geschlossen, das eine kleine Aenderung in der Staffelung der Automatensteuer vorsieht, und bei der Fahrrad steuer, wo die National- liberalen nicht mittun, hatten Zentrum und Rechte eine Er­höhung der Steuer auf 1.50 Mk. vereinbart und nur für Ar­beiter-, Schüler- undgewerbliche" Räder es bei dem Satze von 50 Pfg. gelassen. Diese Anträge und ein Antrag Gytz- ling, die ganze Fahrradbelteuerung überhaupt zu streichen, wurden in aller Breite und stellenweise ziemlich tempera­mentvoll erörtert, und die namentliche Abstimmung, die Abg. Gyßling aus gutem Grunde namens der Linken bei der Fahr­radsteuer forderte, trug auch das Ihre dazu bei, daß diese Anträge nicht allzu schnell in den Hafen bugsiert wurden. Nur eine sehr knappe Mehrheit fand die Fahrradbesteuerung, gegen die noch in zwölfter Stunde der Nationalliberale Brisly und die Freisinnigen Thurm und Wald ft ein Sturm liefen. Ein freisinniger Antrag, als Pendant zu dieser Steuer eine Reitsteuer von 30 Mk. pro Rosinante zu er­leben, fand vor den Augen der Mehrheit keine Gnade: In der Fassung der Kompromißanträge wurde das ganze Ge­setz genehmigt, und das Herrenhaus hat nun das Wort Ein paar Heinere Vorlagen passierten ohne Debatte, ein paar Wahlprüfungen wurden noch schnett erledigt, und dann kam Herr v. Kröcher selbst, der unermüdlick)e Freund von Dauersitzungen, mit dem Bertagungsvorschlag. Noch ein stattliches Pensum ist zu erledigen, und das Haus wird sich scharf dran halten müssen, wenn es dieses Programm am Donnerstag wirklich bewältigen toilL

Vie Manzkommission des Reichstages trat am Mittwoch in die Spezialdebatte über den Tabak­steuergesetzentwurf ein. Die Debatte begann bei dem § la, der nach den Beschlüssen der ersten Lesung unbearbeitete und bearbeitete Tabakblätter mit einem Zollzuschlag von 30 v. H. des Wertes außer dem vorgeschriebenen Zott belegt. Dazu lag ein Antrag Dietrich vor, statt 3050" zu setzen, d. h. also den Wertzuschlag auf 50 Prozent zu erhöhen.

Nach der Begründung des Antrages durch den Abg. Dietrich, bemerkt Staatssekretär Dr. Sydow: Wenn aus dem Tabak nicht 70 Millionen herauszuholen sind, dann entstehe die Gefahr, daß die Tabakindustrie bei nächster Gelegenheit durch neue Sieuer- vläne beunruhigt werde. Die bisherigen Vorschläge brächten höch­stens 50 Millionen auf: natürlich stimme die Regierung dem höchsten Vorschlag, also dem Antrag Dietrich zu, der annähernd 54 Millionen einbringen lverde.

Im Verlauf der Debatte beantragt der Abg. Kreth (Kons.), den Wertzuschlag.auf 40 Prozent festziisetzen.

Bei der Abstimmung wird der Antrag Kreth, die Wertzu- fchlagsteuer mit 40 Prozent einzusetzen, angenommen.

Die Steuer für den Tovvelzentn-er Tabakblätter wird unter Ablehnung von Anträgen Hormann (Fr. Vp.> und Fuhrmann (Natl.) nach einem Anträge Kreth (Kons.- auf 57 Mk. festgesetzt.

Die Nachmittagssitzung war der Zigarette gewidmet. Es fanb eine lange Erörterung darüber statt, ob die dreifache Besteuerung der Zigarette aufrecht erhalten werden solle. Sie wird einmal getroffen durch den Eingangszoll auf Rohtabak, sodami durch den Wertzuschlag und drittens durch die im Jahre 1906 eingesührte Banderole. Von verschiedenen Seiten wurde eine Vereinfachung dieser Besteuerung vorgeschlagen. Es wurde betont, daß der Wertzuschlag in Wegfall kommen könne, da es sehr wohl möglich sei, daß ber in der Zigarettenfabrikation verarbeitete Tabak unter Zollverschluß beispielsweise von Bremen nach Dresden gebracht werden könne. Hiergegen erhob die Regierung Bedenken, da darin zum mindesten eine erhebliche Erschwerung zu erblicken sei. Angenommen wurde schließlich mit 15 gegen 13 Stimmen die Befreiung des Zigarettentabaks vorn Wert'zuschlag. Die Mehr­heit setzte sich zusammen aus der gesamten Linken, der Reichspartei und dem Abg. Müller-Fulda. Hernach erklärte dieser, er habe irrtümlich dafür gestimmt, weil ihm, wie er meinte, vorder nicht mitgeteilt worden sei, daß dieseForm der Besteuerung" einen Minderertrag bringen werde. Der Zott für eingesührte Zigaretten wird von 800 Mark, wie es die Regierungsvorlage Vorschlag, aui 1200 Mark erhöht, während der Satz für eingesührte Zigarren entsprechend der Regierungsvorlage mit 400 Mark angenommen wurde. Im Einverständnis htit der Regierung wird der Zeit­punkt des Inkrafttretens das 'Tabaksteuergesetzes auf den 1. Ok­tober 1909 festgesetzt.

Damit ist die Tabaksteuer in zweiter Lesung er­ledigt. Nach einer Pause begann die Finauzkommission um 5Uhr die Beratung der Branntweinsteuer.

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Heute gelangte die Kommission beim Branntweinsteuergesetz nicht über den 8 1 hinaus. Hierzu beantragte Abg. Zehnter (badisches Zentrum- eine Einschaltung, wonach den kleinen Obst­brennereien mit einer Erzeugung bis zu 30 Liter eine Ermäßigung ber Verbrauchsabgabe um drei Zehntel zugestanden werden sollte. Diesem Anträge wurde von Vertretern aus dem Osten lebhaft widersprochen. Schließlich wurde ein PermittelungSantrag Diet­rich (Kons.* 1 angenommen, der die Ermäßigung auf zwei Zehntel bestimmt.

Dann vertagte sich die Kommission auf Donnerstag.

Aus Stadt uud £anb«

Gießen, 27. Mai 1909.

Die Kosten der tierärztlichen Ausbildung.

Die Deutsche Tierärztliche Wochenschrtft bringt eine Auf­stellung über den Aufwand der einzelnen deutschen Staaten für ihre tierärztlichen Hochschulen nach der Einwohnerzahl von 1905, der Besucherzahl im Sommersemester 1907 und dem Etat von 1907, die auch für Nichtfachleute Interesse hat. Danach stellen sich die Aufwendungen wie folgt:

Staat

Bevölker­ung am 1. Dezbr. 1905

Hoch­schule

Studier­ende Sommer­semester 1907

Slaais- zuschliß nach deni Etat 1907

Staatlicher Aufwand

pro Kops ber Be­völker­

ung

auf den Studie­renden

Mk.

Mk.

Preußen |

37 293 000

Berlin Hannover

359 1 R11

252 J 611

272 400

0,7 Pfg.

445

Bayern

6 524 000

München

329

209 575

3,2

553

Sachsen

4 508 000

TreSden

207

176 450

3,9 ,

852

Hessen

1 209 000

Gießen

113

53 555

4,4

473

Württemberg

2 302 000

Stuttgart

116

125 510

5,4

1082

Jnteres

ant würde sein

estzustellen, wie

viel Staats-

angehörige auS Hessen im Ganzen im Sommersemester 1907 die in Frage kommenden tierärztlichen Hochschulen in Deutsch­land als Studierende besucht haben.

** Namensveränderungen. Dem Oberarzt beim 2. Nass. Feldartitterie-Megiment Nr. 63Frankfurt" Dr. mcb. Gust. Schaaf, geb. am 22. Mai 1878 zu Rainrod, und dem Lehramtsassessor Dr. phil. Hch. Schaaf zu Wies­baden, geb. am 31. März 1883 zu Gießen, wurde gestattet, in Zukunft den FamiliennamenScharff" zu führen.

** Geschworenenliste. Behufs Bildung der Spruch­liste für die am 14. Juni beginnende Sitzungsperiode des Schwurgerichts des 2. Quartals wurden nachstehende Haupt- aeschworenen auSgelost: 1. Aug. Frees, Buchhändler in Gießen. 2. Friedr. Wilhelm Seybold, Metzger in Vilbel, 3. Nich. Bornemann, Gutspächter m Obbornhofen, 4. Val. Burk, Landwirt in Ober-Mörlen, 5. Louts MatheS, Land­wirt in Bellersheim, 6. Gg. Weiß, Landwirt in Schwalheim, 7. Gg. Gontrum VII., Landwirt in Münster b. Laubach, 8. Karl Lang I., Kaufmann in Lauterbach, 9. Wilh. Heinr. Le'.dich I., Landwirt in Grüningen, 10. Karl Friedr. Ludw. Hinkel, Kaufmann in Vilbel, 11. Karl Bieber, Landwirt in Nieder-Eschbach, 12. Alb. Steuernagel, Landwirt in Groß- Felda, 13. Hch. Freund II., Landwirt in Altcn-Buseck, 14. Joh. Jos. Möbs, Landwirt in Ober-Erlenbach, 15. Konr. Martin, Landwirt in Maulbach, 16. Wilh. Konr. Görlach, Altbürgermeister in Eberstadt, 17. Gg. Schuchard, Kauf­mann in Gießen, 18. Adolf Noll, Zigarrenfabrikant in Gießen, 19. Walter König, Professor in Gießen, 20. Mark. Bauer, Kaufmann in Gießen, 21. Max Jmh euser, Kauf­mann in Gießen, 22. Wilh. Möser, Mühlenbesitzer in Gießen, 23. Wilh. Meyer, Zigarrenfabrikant in Gießen, 24. Alfr. Buschmann, Rentner in Ober-Rosbach, 25. Franz Brück, Möbelfabrikant in Gießen, 26. Osk. Gutmann, Kaufmann in Gießen, 27. Eug. Kaufmann, Fabrikant in Gießen, 28. Eug. Wallenfels, Fabrikant in Gießen, 29. H. L. D. Fritz Seitz, Rentner in Bad Nauheim, 30. Karl Nicolay III., Bürgermeister in Blofeld.

** Die Landjuden schäft der Provinz Oberhessen erhebt zur Bestreitung ihrer Bedürfnisse im Rechnungs-, jahr 1909 von den in der Provinz wohnenden Israeliten. 8000 Mk. = 3,3994 Prozent der doppelten Grundzahlen und der ganzen Einkommensteuerbeträge.

Zur Freilassung Stöffels und Nebogatows.

Aus Petersburg wird uns geschrieben: Am 21. Mai, dem Geburtstage des Kaisers, wurden der zu 10 Jahren Festungshaft verurteilte Gcneral Stöffel und Admiral Nebo- zatow'anf kaiserlichen Befehl bekanntlich aus der Haft mtlassen. Fran Stössel erfuhr am Morgen von dem Gnaden- -ifte und sandte sofort einen Lastfnhrmanu zum Abholen ber .Habe ihres Gatten, eines kleinen Diwans, eines Tisches, einiger Stühle, Bücher, Kleider, Wäsche u. a., in die Festung. «Sie selbst traf dort um 10 Uhr morgens ein. Nebogatow lattc bereits am frühen Morgen seine zahlreichen Bücher und seine geringe sonstige Habe gepackt. Stössel, der bereits Zweimal einen Schlagansatt erlitten hat, konnte seine Sachen »ächt selbst packen: denn er kann sich weder bücken, noch schnell bewegen. Die Festungsuhr schlug 10 und spielte dasKolj slawen", als der Aufseher Oberstleutnant ^waui- schin durch die Pforte in die Trubezkoi-Bastion trat. Stössel mtrbe sein ziviler Gehrock angelegt. Ter greife Mann war in großer Aufregung. Er quälte sich damit ab,)einen gestärkten hvagen festznknöpfen. Die Gefangenen wurden aufgefor­dert, zum letztenmal in der Festungskirche, in der der Morgengottesdienst begann, zu beten. Nebogatow erklärte, rr sei nach der schlaflos verbrachten Nacht nicht genügend bei Kräften, um in die Kirche zu gehen.Ich will nicht, daß mich das Publikum angafft. Was habe ich davon, wenn ich wie ein Junge zu weinen beginne." Stössel dagegen er­klärte, er fühle sich sehr wohl und werde beten gehen. Zum erstenmal verließ Stössel seine Kammer ohne mili­tärische Bewachung und folgte dem Oberstleutnant Iwan - schin in die Kirche. Er stützte sich auf den Stock und be­wegte sich nur schwer fort. Doch er war sehr freudig gestimmt. Ein Bote überreichte Stössel ejn Telegramm., enthielt einen Glückwunsch von Griukewitsch, dem ehe-i

maligen Kommandanten des Adlernestes. Mit zitternden Händen öffnete und las es Stössel. Stössel erzählte:Ms gestern um 3 Uhr nachmittags der Festungskommandant General Komarow zu uns in die Kammer tarn und uns über den Gnadenakt Seiner Majestät Mitteilung machte, da konnten Nebogatow und ich kaum ein Wort l-ervor- bringen. Ich blickte auf ihn und sah, wie feine Tränen flössen, und merkte, daß ich selber meinte. Ich glaubte wirklich nicht daran, daß wir sobald befreit würden. Las ich darüber in den Blättern, so sagte ich Nebogatow:Ich glaube nicht daran. Wir werden noch mehr als ein oder zwei Jahre hier sitzen."

Nebogatow war sehr aufgeregt. Er eilte in der sechs Schritt breiten und ebenso langen Kammer hin und her. Mitten in der Kammer stand sein Feldbett, an der Wand der große Eßtisch. In den Garten sieht man durch ein großes venetianisches Fenster, hinter dem Garten erblickt mau die Newa, die Eremitage, das Winterpalais, die Admi­ralität, die Jsaakskirche. Nebogatow hatte anders als Stössel auf ein eigenes Mobiliar verzichtet. Während Stössels Sachen auf den Lastwagen geladen werden mußten, bestanden Nebogatows Sachen aus nur einem Koffer mit Wäsche, zwei kleinen Körben und einem Samowar.Zwei Jahre und einen Monat habe ich hier verbracht," sagte Ne­bogatow zu einem Berichterstatter.Wie Sie sehen, genoß ich jegliche Bequemlichkeit. Die Kammer ist groß, trocken und warm. Tie Fenster gehen nach Süden. Licht ist zur Genüge vorhanden. Genährt hat man mich vorzüglich. Hier am Eßtisch saß ich mit Stössel, Lischin, und Grigorjew zu­sammen. Wir aßen gemeinsam. Im Garten gingen wir spazieren so viel wir wollten. Man gestattete uirs, Zei­tungen und Bücher zu lesen. Man heizte, so viel wir wollten. Petroleum wies man uns zur Genüge an. Dort befindet

lsich die Küche. Dort konnten wir uns stets Tee kochen. Mit einem Wort, es ließ sich vorzüglich leben. Trotzdem sage ich, bewahre Die Gott selbst vor einem solchen Ge-, fängnis." Der Nttttagsschuß ertönt.Jetzt bin ich freier Burger. Man hat mir gesagt, daß man mich um die Mittagszeit freiläßt."

Preisaufgabe. Für die vom Ministerium der öffent­lichen Arbeiten in Preußen ausgeschriebene Preisaufgabe über die chemischen Vorgänge beim Erhärten der hydrau­lischen Bindemittel ist der Einlieserungstermin bis zum

1. April 1912 verlängert. Die Arbeiten sind mit der Aufschrift- Zum Preisausschreiben, betr. die Erhärtung hydraulischer Binde­mittel", in geschlossenem Umschläge bis dahin im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, Berlin W. Wilhelmstr. 80, abzugcben.

Erscheinungen auf dem M ars. Uns wird aus Boston berichtet: Professor Lowell, der sich mit der Beobachtung des Mars beschäftigt, hat von seiner Sternwarte in Flag >oaff Arigona, m der Nähe des Südpols des Planeten Mars auf dem 3o0. und 240. Längengrade zwei tiefe Risse beobachtet. Bereits in früheren Zeiten sind derartige Gebilde von Astronomen sestgestellt ivorden, doch sind dieselben nach kurzer Zeit dem Auge nicht mehr sichtbar gewesen. Die Gelehrten nehmen an, daß es Gebilde aus Lchnee und Eis sind, die von der Sonne weggejchmolzen werden. - Sin Denkmal für den ersten Menschen. Etwas spat 1UAdam em Denkmal errichtet worden Es erheb«- sich auf eurem hohen Gelände bei Gardenville im Staate Maryland und hat tue Geltaltung einer Hoheit -2-teiusäule, die eine Sonnenuhr ston . Sie trägt als einzige Aufschrift die Worte:Diese erste Laule in Amerika Adam, dem ersten Mann." Bei der Denkmals- weihe lollen nur Manner zugegen sein. Ter Stifter des Denkmals, ^>ohu P. Brady, hat nicht die Absicht, auch der Eva ein Denkmal zu setzen.

^Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft, -r-er Burgerausrchuß ur Heidelberg genehmigte 20000 Mark jn einem o sentlichen Preisausschreiben für den Um- und Neubau des Ralhau es.