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24.3.1909 Zweites Blatt
 
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Nr. 70

Zweites Blatt

158. Jahrgang

Mittwoch 24. März 1909

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberhejjen

Rotationsdruck und Verlag der Brühlfcheu UmversuätS - Buch- und Stetndruckeret. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul* straße 7. Expeditton und Verlag: bl.

Redaktion:^^I12. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.

DieOlehener ZamNienblätter" werden dem Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatl für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit« fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Ltlmmungsbild aus dem preutz. Abgeordnetenhaus

, r _ Berlin, 23. März.

Noch cmmal ergoß sich am Dienstag ein Sturzbach lokaler «MeOafrnnrtnffte über das hohe Haus und das Haupt des Ministers. Der Wichte sich vor den energischen Forderungen der Volksvertreter schließlich nicht anders zu reilen und zu bergen, als in dem er die summarische Erklärung abgab, die alle seine ^^üänger für solche Fälle in Bereitschaft litten und die auch seinen Nachfolgern noch gute Dienste leisten wird, die stereotype Regierungserklärung auf alle Eisenbahnwünsche imb bei feder Sekundarvorlage: Alle Anregungen und Anträge werden wohl­wollend geprüft werden. Das Haus wars zufrieden, imd es hatte selbstverständlich auch nichts dawider, daß Herr v. Breiten- bach angesichts der Unwahrscheinlichkeit der rechtzeitigen Ver­abschiedung des Etats für sich das Recht beanspruchte, alle not­wendigen und zweckmäßigen Ausgaben für sein Ressort vorzu­nehmen. Nach etwa zweistündiger Debatte war der Bahnetat rm -Hafen, und nun erwartete man eine etwas temperamentvollere Aussprache: Wahlprüs ungen hatte das .Haus zu erledigen und darunter war die vielerörterte Wahl des Abg. Reinbacher in Schöneberg-Rixdorf. Aber es kam wieder einmal anders: Nur bei der Wahl des Nationalliberalen Fürbringer gab es so etfoaS tote eine Debatte alle anderen Wahlpttifnngen, auch der Rixdorfer Handel, wurden sang- und klanglos den Kommissions Vorschlägen gemäß erledigt, ebenso in erster und teilweise gleich in erster und zweiter Lesung eine Reihe kleinerer Vorlagen. Ein halbes Schock unbettächtlicher Petitionen, die fast sämtlich in den Papierkorb wanderten, war in zehn Minuten abgetan, und nach nur dreistündiger Sitzung vertagte sich das Haus auf Freitag.

hessische Zweite Kammer.

Darmstadt, 23. Mürz.

Asti Regierungstische: Staatsminister Ewald, Finauzminister Gnauth, Geheimerat Frhr. v. Biegeleben und mehrere Ministerialräte.

In der um IO1/* Uhr eröffneten Sitzung erklärt Abg. Noack bot Eintritt in die Tagesordnung, daß er zwar vom Abg. Best als Sachverständiger über die verschiedenen Abstriche bei den neuen Bauten befragt worden fei, daß er aber die beantragten Abstriche für viel zu weitgehend halte.

Darauf setzt das Haus die

Etatsberatung

bei Kap. 140, Zentralb auwesen fort. Ziffer 3 betrifft die Errichtung einer Dammwärterwohnung in Hamm, wofür 15920 Mark verlangt werden. Abg. Best beantragt, für diesen Bau nur 8000 Mark zu bewilligen; die Regierung möge ein billigeres Baugelände suchen.

Geheimerat Frhr. v. Biegeleben erklärt sich gegen den Mittag Best,der völlig haltlos und unbegründet sei. (Sine Damm­wärter ivohnung in Konradsdorf sei allerdings für 8000 Mark herzustelleu, auch in Hamm, aber diesen Betrag erfordere das Wohngebäude allein, während für die Nebenräume und das Stall­gebäude der Rest der angeforderten Summe nötig sei. Ohne eine völlige Aenderung des Bauprogramms, die er keinesfalls emp­fehlen könne, sei der Bau nicht billiger auszuführen, der übrigens nicht teurer sei, als Ausstellungshäuser und noch mehr Räume enthalte. -Tie Beibehaltung des jetzigen Bauplatzes sei im dienst­lichen Interesse notwendig, denn der Dammwärter müsse auf dem Damm wohnen, damit er auch den Sttom übersehen könne.

Abg. Noack bemerkt, es sei erklärlich, wenn man sich durch die Häuser auf der Ausstellung beirren lasse. Ihm sei versichert worden, daß das von Prof. Walbe aufgeführte Zweitvohnungs- prus nicht 7200 Mark, sondern in Wirklichkeit 10 000 Mark ge­kostet habe. iRufe: Hort!)

Finanzminister Gnanth erklärt: Seit der Landesausstel­lung habe er die Bauabteilung sozusagen in eine Zwickmühle ge- noulmen, um zu veranlassen, daß die Staatsbauten ebenso billig aus­geführt werden sollten. Er habe aber nur eine einzige Abrechnung von den dortigen Musterhäusern erhalten können und zwar vom Hause des Prof. Wienkoop, das sei dock sclwn einmildernder Ümftanb" für die Bauabteilung. Die höhere Summe für die Dcrmmwärterwohuung sei durch die Errichtung derselben auf dem Tamm bedingt, was iwtwenbigcr sei, als weitn vielleicht ein Pfarrhaus neben der Kirche errichtet werde.

Abg. Noack bringt nun einen Vermittelungsantrag ein, an ber Summe von 15 92Q Mark 10 00 Mark z u streichen. Dieser Antrag wird schließlich unter Ablehnung des Antrags Best angenommen.

Ohne Debatte werden darauf 1520 Mark als Nachforderung für den Neubau des Steuerkoistmissariatsgebäudes zu Heppenheim, 800 Mark als Entschädigung für eine Brandmauer an der Militär- kommandokaserne in Mainz und 26 000. Mark für die Verlän­gerung des Leitdammes am Flußhafen zu Gernsheim bewilligt.

Zur '.Beratung kommt nun das Projekt der Regierung bett. Erhöhung und Verstärkung der Landdämme am Rhein, wofür als erste Rate 346 775 Mark verlangt werden.

Abg. Er k ersucht um Zurückstellung des ganzen Projekts.

Abg Tr Winkler- Oppenheim stellt zunächst den Anttag, die hier angeforderte Summe abzusetzen und die Regierung zu ersuchen, eine besondere Vorlage über das ganze Projekt dem Haust vorzulegen Der Redner begründet seinen Antrag ausführlich intb kritisiert eingehend die von der Regierung herausgegebene Denkschrift. Er gibt zuerst einen geschichtlichen Rückblick und schildert den Gang der bisher stattgehabten Verhandlungen über die Frage der Dammbauten. Die Denkschrift unter,cfaidet Zivilehen unbedingt notwenbigen" und nurnotwendigen" Dammbauten, einem Unterschiede, dem er, Redner, nicht zustimmen könne. Er sei kein prinzipieller Gegner non Damm bauten überhaupt, aber er müsse erst von der Notwendigkeit derselben überzeugt sein, Vm vorliegenden Falle habe er viele Bedenken, denn bte Folge der neuen Tammbauten würbe eine Ruckstanung der Waiiermapen und ein erhöhter Druck sein. Tie heutigen Zustande seien durch die Hafenbauten von Worms und Alain; verursacht. Die Vorlage der Regierung sei nur Stückwerk, und darum wünsche er eine neue besondere Vorlage, die in der Kammer grundlich durch- Icraten werden müsse. Man dürfe die Kammer nicht atemte automatische Bewilligungsmaschine betrachten, die ganze Sache müsse von der Volksvertretung gründlich studiert werden. Es handle sich eigentlich hier nm eine Reichsange leg en hort: daß man die große Kostenforderung einfach in den Etat einstelle, fer ein ganz neues Verfahren, das er nicht billi^n könne. -Leun das 5wchs1ntpwfil bei Oppenheim vorbereitet .werden 'olle zu Gunsten der Schiffahrt, dann müßten auch biejemgen 5iir Besttettung der­selben herangezogen werden, die den Vorteil davon bauen, neoner weist bann auf die Einwendungen der Gemeinden Oppenlstim, Guntersblum, Dienheim und Ludwigshöhe hin und er Läutert die­selben an der Hand großer Karten- und Geländeskizzen.

Abg. Reinhart erklärt sich im Gegensatz zum Vorredner mit der Regierungsforderung einverstanden und Werst daraus hm, das. dieselbe, im Finanzausschuß eine gründliche Behandlung er­fahren habe. Es stehe für die nächste Zeit wahrscheinlich eine nasse Periode bevor und wer heute gegen bic Vorlage stimme, übernehme eine große Verantwortung im Falle bey Eintritts einer Katastrophe. Deshalb dürfe auch keine Verschiebung der Sache ein treten. Er erinnere daran, daß durch die Katastrophe im Jahre 1882/83 ein Schaden von 4 Millionen Mark ent- ^standest fei. £ic jetzigen Vorschläge Ijättcu längst zur Ausführung

kommen müssen. Wenn der von Tr. Winkler Vertretene Stand­punkt der genannten Gemeinden allgemein vertreten wurde, wäre eine Dammvorlage ümrhaupt nicht möglich: dasOppenheimer Wäldchen" scheine hier eine Hauptrolle zu spielen. Die Vorlage sei von der Regierung nach reiflicher Erwägung und nach An­hörung ber Reichsregierung eingebracht worden und die Bauten müßten schleunigst zur Ausführung gebracht werden. Deshalb bittet Redner, den Antrag Tr. Winkler abzulehnen und die vom Finanzausschuß einmütig genehmigte Forderung anzunchmen.

Finanzmiiiister Gnauth betont, die Regierung habe mit der Vorlage des Dvmmprojekts, das nach jeder Richtung genau geprüft und sachverständig durchberaten wurde, einfach ihre Pflicht getan. Lehne jetzt die Kammer die Vorlage ab, so müsse ihr auch die Verantwortung überlassen bleiben. Die anerkannte sachverständige Autorität Geheimer Cbcrbaurat Jmroth, habe selber das Projekt ausgearbeitet und in der Tenksd/rift sei alles Wissenswerte ausführlich näher dargelegt, auch das, was Dr. Winkler vermisse. Deshalb müsse er auch den Vorwurf dieses Herrn, daß die Vorlage nur Stückwerk sei, als unbegrünbet zurück- weisen. Das vorgeschlagene Projekt sei so wichtig, daß es auch evt. gegen den Widerspruch einzelner Gemeinden durchgeführt werben müsse. Tie Ablehnung einer Ausführung der Arbeiten auf der einen Uferseite würde einer Spekulation auf das Unglück der an­dern Rheinseite gleichkommen. (Zustimmung.) Zum Schluß be­tont der Minister, die Regierung werde ttotz der T>ringlichkeit der Tammarbeiten im Falle der Ablehnung dem Hause keine besondere Vorlage darüber machen, sondern erst im nächstjährigen Staatsbudget wieder mit der Forderung kommen.

Abg. Noack empsiehlt eingehend und dringend die Zustim­mung zu der Regierungsvorlage, die eine durchaus notwendige Forderung darstelle und nach allen Richtungen wohl ertvogen sei.

Geheimerat Frhr. v. Biegeleben weist eingehend auf die große Wichtigkeit der Dammverbesserung hin. Tie Dammverbesse- rung sei in anderen Bundesstaaten längst durchgeführt imd nur in Hessen noch zum Teil rückständig. Die Negierung habe ein sehr erschöpfendes Material darüber vorgelegt, mehr könne kaum noch gesagt werden. Daher habe auch eine Zurückstellung und noch­malige Prüfung der Sache keinen Zweck. Oppenheim widerspreche nur aus rein lokalen Gründen, namentlich des Wäldchens wegen. Diese lokalen Interessen müßten aber den großen allgemeinen In­teressen gegenüber zurücktteteu.

Geheimer Oberbau rat Jmroth gibt noch eine längere sach­liche Darlegung über die Notwendigkeit der Vorlage. Der Tamm sei gerade in der Gemarkung am schlechtesten!, weil durch das Wasser der Untergrund immer mehr ausgespült werde. Redner führt u. a. eine Eingabe her Gemeindevertretung von Oppenheim vom Jahre 1852 an, in welcher über die schlechten Dammverhältnisse bittere Klage geführt und die Regierung dringend ersucht wird, daß der Damm dahin verlegt werden möge, wohin er auch nach dem jetzigen Projekt kommen soll. (Hort, hort!'

Abg. Seelinger erklärt sich mit den Ausführungen des Abg. Reinhart einverstanden und Fonftatiert, daß die große Mehr­heit ber Gemeinden ber Ausführung bes Projekts zustimme. Redner hegt aber Bedenken dagegen, daß die sogen. Sommerdämme beseitigt werden.

Geheimer Oberbaurat Jmroth tritt den letzteren Bedenken entgegen und legt dar, daß in ber Vorlage alles getan werbe, um bie Wcmeinben vor Schaben zu schützen.

Abg. Raab erklärt, er stimme den diesbez. Ausführungen des Abg. Reinhart vollständig bei.

Abg. M o l t h a n betont, es Wäre besser gewesen, wenn die ganze Forderung der Dammverbesserung in einer besonderen Vorlage ber Kammer unterbreitet worden wäre und es empfehle sich, die Vorlage im Finanzausschuß noch einmal zur Erörterung zu bringen. Allerdings sei es recht unerwünscht, die ganze An­gelegenheit noch zu verzögern, weil damit die Verantwortung noch immer größer werbe. Deshalb werbe er unter Umstänben auch jetzt schon bereit fein, für bie Regierungsforberung zu stimmen.

Präsident Haas teilt mit, Abg. Tr. Winkler habe soeben einen Eventualantrag eingebracht, ber bahin geht, ben die Ge­markung Oppenheim bett. Teil der Vorlage auszusetzen ober abzulehnen und bie Regierung um Einbringung einer besonderen Vorlage darüber zu 'ersuchen.

Abg. Bähr erklärt sich im Sinne Dr. Winklers gegen die Regierungsvorlage, während Abg. Dr. Weber bedauert, baß man bie eifrige Arbeit bes Finanzausschusses in bieser Frage so gering anschlage. Dort sei die ganze Sache sehr gründlich durchberaten worben. Die dagegen vorgebrachten Bedenken seien rein lokaler Natur und er bitte dringend, ber Vorlage zuzustimmen.

Nach weiteren Ausführungen der Abgg. Dr. Winkler, Heiden reich, Reinhart und Bähr wirb ber Ausschuß- antrag auf Bewilligung ber 346 000 Mk. mit allen gegen 2 Stimmen angenommen, ebenso werden noch einige unwesent­liche Restkapitel bewilligt, womit die ganze Etatsberatung be­endet ist.

Ein Amendementsanttag der Regierung inbezug auf bic Hagel­versicherung wird genehmigt. Das Haus stimmt darauf dem vom Abg. Reinhart kurz begründeten Entwurf des Finanzgesetzes für das Jahr 1909 Au, worin sich bie Gesamtausgaben infolge ber Beschlüsse bes Hauses um etwa 200 000 Mk. Verminbern. Auch bem Verwaltungsvoranschlag ber Zweiten Kammer für 1909 wirb bebattelos zugestimmt.

Die Sitzung schließt darauf um 2 Uhr. Nächste Sitzung: Mfttwoch früh 9 Uhr.

Der Finanzausschuß der Ersten Kammer tritt am Mittwoch vormittag zur Beratung des soeben von ber Zweiten Kammer enbgiltig verabschiebeten Staatsvoranschlags für bas Jahr 1909 zusammen, so baß berfelbe noch im Laufe bieser Woche auch vom Plenum ber 1. Kammer genehmigt werben Fann.

Zwei Reden des Abgeordneten Röhler-Langsdorf im Landtage, Sitzung vorn 12. März 1909.

(Schuletat).

Ta unser Berichterstatter infolge eines Versehens bie Aus­führungen des Abg. Kohler- Langsdorf im Landtagsbevicht nicht erwähnte, so bringen wir diese Reden hiernach im Wortlaut:

Meine Herren, ich werbe mit einem nassen, aber nicht mit einem heiteren Auge dem Absatz c zustimmen: denn ich sage mir: Es müssen leider die Gelder aufgebracht werden, und da ist es der nächste Weg, baß man die Schulgelder erhöht, allein ich sage gleichzeittg: Der richtige ist es nicht, denn ich meine, man sollte den Weg zum akademischen Studium, der durch bie Gymnasien, die Oberreal,"ctmlen und die Realgymnasien geht, dem minberbemittelten Volke nickt durch höhere Schulgelder ver­legen Es ist dasselbe was die Sozialdemokraten gesagt haben, aber auch dasselbe, was Herr Kollege Finger gesagt falt. Wir sollten dazu kommen, überhaupt das ganze Schulwesen in Hessen auf den Staat zu übernehmen, die Volkssckmlen und die höheren Schulen, und wir sollten alles einheitlich behandeln und überall das Schulgeld aufheben. Das ist das Ziel, das mir vorschwebt. Es ist ein hohes, ein ideales Ziel, dessen Erreichung leider 8 Millionen Mark kostet, bic dann durch direkte Steuern auf­gebracht werben müßten. Aber selbst wenn das der Fall märe, Würbe ich mich wegen ber Erhöhung der Steuern nicht von der Zustimmung abhalten lassen. Dann bie Unzufriedenheit m Bezug

auf bie höheren Schulen besteht auf dein Laube nur deshalb, weil die Volksschulen zum größten Teil von den Geineindeu unter­halten werden müssen, während die Söhne der höheren Klassen ber Bevölkerung in den höheren Schulen unterrichtet werben und hierfür die Steuerttasl beö Volkes in ganz bedeutendem Maße in Anspruch genommen wirb.

Nun noch ein Wort zu ber Schunbliteratur, von ber ber Herr Geheimerat Dr. Eiseuhuth soeben gesprochen hat. Ich muß sagen: Das war eine sehr schöne, eine ganz hervorragende Rede, ber ich bie weiteste Verbreitung wünschen möchte im ganzen Lande und im ganzen Reiche. Aber leider wird sie keine große Wirkung haben. Sie wird von bem Stenographen gewissenhaft aufge- zeichnet sein, sie wirb in ben Protokollen iiicdergelegt werden, aber kein Hahn kräht bann mehr danach. Die Herren Jouinatistenl da oben werben auch ein paar Worte darüber aufschreiben, sie werden berichten, daß das und das gesagt worden wäre: aber leider wird die Rede die Verbreitung im Volke nicht erlangen, die sie eigentlich verdient. Ich meine, man sollte da praftischer Vor­gehen, man sollte die Ideen, die der Herr Geheimerat ausgesprochen: hat, mehr in das Volk bincinbringen, auf irgend eine Art. Durch die Verwaltungsbehörden wäre das möglich, burch die Kreisräte, bind) die OrtSschulvorstänbe. Es könnten vielleidst gewissermaßen kleine Traktate verteilt werben bas ist ja ein Mittel, bas man viel, benutzt, um daburch die Worte des Herrn Geheimerats Eisenhuth näher an die Eltern heranzubringen. Aber selbst wenn man diesen Weg beschritte, würbe ich mir nod) keinen großen Erfolg versprechen. Wir stehen heute in einer Flut von allen möglichen Zeitschriften, Zeitungen und Büchern, und des Bücher­schreibens ist Fein Ende. Ueberall umgibt uns die Flut der Druck­erzeugnisse. (Heiterkeit und Zuruf.) Meine Herren, ich habe mein Lebtag noch Fein Buch geschrieben: auf dem Gebiete der Anträge, Anregungen und ber Anfragen bin ick) ja ziemlich hervor­ragend, auf dem des Bücherschreibens weniger. (Heiterkeit.) Aber was idi Ihnen jetzt sagen will, auch das ist ja gewissermaßen eine neue Blüte meines Nachdenkens über bie vorliegenbe Angelegenheit. Ob Sie sie richtig erkennen, ist eine andere Frage. Sollte es nicht der FaN sein, so muß ich mich eben bescheiden und mich damit tröften, daß ich meine, baß es die Wahrheit Wäre. Meine Herren, ich glaube. Sie kommen nicht zu guten Erfolgen, wenn Sie nicht tun, was auch Exzellenz Tr. Braun schon betonte, Wenn Sie nicht den Vater, die Eltern selber erziehen. Solange der Vater gleidjgültig ist gegen alles, was nicht zu feinen nächsten Obliegenheiten gehört, so lange er keine hohen Ideale hat, so lange er wohl tagtäglich schlecht und recht, auch im übrigen gewisser­haft seine Arbeit verrichtet, wie es einem ordentlichen Hausvater zukommt, abends hingeht, fein Glas Bier trinkt und stumpffinnig! bann bis 9, 10 ober 11 Ufa- seinen Skat klopft, und denselben Kreislauf tagtäglich verfolgt, kann der Junge daheim Feine Ideale in sich aufnehmen, weil er keine vor sich sieht. Auf diesem Boden gedeiht die Schundliteratur. Wenn sich aber ber Vater "für alles Schöne, Gute und Wahre in seinem Volke interessiert, nicht in­different ist, Anteil nimmt an den Geschicken seines Volkes, fid) begeistert für hohe Ziele, so wird bas auch auf ben Jungen ein­wirken. Dann hat der Junge in bem Vater nicht, nur einen guten Versorger, ber ihn mit Gelb und Gut versieht, sondern ein teudy* tenbes Vorbild, einen Berater, der ihm hohe Ideale zuführtt Dort kann die Schundliterattir leinen Boden fassen.

Meine Herren, audi draußen auf bem Laube kann man Anteil nehmen an ben höchsten Gütern des Volkes. Ich baba daheim eine sehr große Bibliothek im Werte von 67000 Mark. Id) bin mein Lebtag ein großer Bücherfreund, fast kann man sagen: Ein Büchernarr gewesen. (Heiterkeit.) Ich habe mir vielleidst zu viele Bücher angeschafft. Ich halte auch eine Menge Zeitungen. Ich bin stets auf benSimplicissimus" abonniert gewesen, (Heiterkeit, i und id> habe es auch meinen Buben nicht verwehrt, ihn zu lesen. (Sehr gut.) Ich habe ihnen einfach diese Tinge hingelegt unb alles haben sie gelesen. Und, meine Herren, ich sehe die Erfolge: Nichts Schlechtes haben sie in sich ausge­nommen. Das Schlechte prallte einfach ab an ben hohen' Idealen, die mich unb meine Familie beherrschen. Art läßt nicht von AUt. Man läßt seine hohen Ideale nicht bei Seite, wenn man die Bilder sieht selbst von Pasein, der freilich ein ganz miserabler ist, von Reznicek usw. im Simplicissimus. Es ist gesagt worben: Der Simplicissimus sei ein Blatt, das man ben Kindern nicht geben, das man vor ihnen weglegen sollte. Id) bin nicht dieser Meinung. Wenn ein hohes Ideal in der Familiö herrscht, so werden die Kinder burd) einzelne Schweinereien, zum Beispiel des Simplicissimus, die gelegentlich einmal aud) vor sie gelangen1, nicht verdorben, wenn die Kinder selber von guter Art sind. Ten Simplicissimus rechne ich, gar nicht zurSchundliteratur", denn man findet Perlen echter Kunst darin, Perlen der zeichnenden Kunst, der Poesie, unb ba stelle ich hoch über alle ben Lubwig Thoma, der unter bem Namen Peter Schlemihl schreibt, den Verfasser N. Andreas Vöst, den Freund des echten Bauerntums, obgleich er einen etwas beißenden Witz hat und mitunter auch einmal den Bahnen folgt, bie ihm gewissermaßen durch den Albert Langenschen Verlag gegeben sind. Ick sage: Es steckt ein bedeutender und hoher Geist im Simplicissimus, und es wäre nur zu wünschen, daß die Schweinereien, die id) wirklich aud) mit diesem 'Namen bezeichnen mochte, heransblieben, damit dieses ganz hervorragende Witzblatt zu einem in jeder Beziehung edlen und cinwanbfreiert Blatte sich gestaltete.

Meine Herren, ich will Ihnen zum dritten und vierten Male! sagen: Sie werden keinen Erfolg erringen bei den Jungen, wenn Sie es nicht zuvor fertig bringen, die Alten zu bessern, den Alten hohe Ideale einzupflanzen, sie von ihrem öden Skattisch weg- zulocken und ihnen hohe Ideale vor Augen zu setzen.

Abg. Kohler: Ich habe vorhin vergessen anzuführen, daß die Herausgeber der Schnndliterattir besonders in den Kreisen des kana- anisckcn Volks aufzusuchen sind, (Heiterkit.) ganz gewiß. Das wird ja mit Heiterkeit und Lachen begrüßt, weil bie allgemeine Dummheit in dem Volke heute nod) so ausgebreitet ist, daß man die große! Gefahr nicht bemerkt, bic hier vorhanden ist. Neulich war eist Jude bei mir in Berlin im Reichstag, ans Gießen gebürtig, mit Namen Moritz Kann: wir sprachen vom Antisemitismus. Ich bin mit dem Juden auf du; ich sagte ihm: du kennst meinen Anti­semitismus : er richtet sich ganz in erster Reihe gegen meines bornierten eigenen deutschen Stammesgenossen, die nimmer ein)eben lernen, daß ihr, die Juden, die Herrschaft schon so ziemlich besitzt, nicht gerade m unseren hessischen Verhältnissen, aber in Berlin, wo die Juden so ziemlich dominieren.

Präsident: Was hat das aber eigentlich mit dem Kapitel zu tun, das wir jetzt beraten?

2lbg. Köhler: Ich will das eben ausfuhren, bitte, Herd Präsident, passen Sie nur schön auf, ich werde gleich darauf kommen. Id) sage nicht: Die allgemeine Herrschaft haben sie schon, aber sie haben in ber Literatur bas Heft in der §)and. Sie sind auch die Erreger der Schundliteratur in erster Linie: ich sage nicht, baß nicht auch meine Volksgenossen daran beteiligt seien, es gibt aud) da schlechte Elemente, die schleckste Literatur herausgeben: aber Unternehmer sind in dieser Richtung haupt­sächlich die Juden: und wenn, wie ich fd)oii sagte, imSimpli­cissimus" manches schlechte hervortritt. so ist, glaube ich, dafür verantirortlich zu machen Herr Albert Lairgen, der ein Hebräer erster Güte ist. Tie Inden sind cs besonders, die diese Literatur ins Land hercinschmcißen, und denen ist cs ganz gleich, wie das aufs Volk wirft, wenn nur bei dem Geschäft etwas heraustommU