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24.3.1909 Erstes Blatt
 
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Nr. 70

Der Gießener Änzeiner erscheint täglich, anher Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SlthenrrZamilirnblStttr; zweimal wöchentl.ttretr- dlattsürdenUreisGietzen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land­wirtschaftliche Zcitfragen Fernsprech - Anschlüsse: für di« Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:

Anzeiger Sieben.

Annahme von Anzeigen für d»e Tagesnnmmer bis vormittags 9 Uhr.

Erstes Blatt

ISO. Jahrgang

Mittwoch 24. März 1909

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange. Redattion, Expedition und Druckerei: Zchulstrahe 7.

Bezn gSpreiS: monatlich 75Pf., viertel- inbrlid) M. 2.20; durch Abholc- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk.2. viertel- jährl. ausfchl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ ausivärts 20 Pfennig.

Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; f Feuille­ton und .Vermischtes" K. Neurath; für Stadt u. Land" undGerichts- saal": E. Heb; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Die heutige Nummer umsaht 12 Seiten.

Die vudgetkommisfion u. das Zlottenbauprogramm.

mb. Auf der Tagesordnung der Budgetkommission stand gestern an erster Stelle der Etat des Reichskanzlers und der Reichskanzlei. In Vertretung des Reichskanzlers ist mit dem Unterstaatssekretär v. Loebell der Staatssekretär des Auswärtigen Amis v. Schoen anwesend, weiter der Staatssekretär v. Tirpitz mit den Herren aus seinem Amte. Der Vorsitzende der Kom­mission eröffnete, die Sitzung punkt 10 Uhr. Zunächst spricht der Berichterstatter zum Etat des Reichskanzlers: er findet dabei nichts besonderes zu erwähnen. Dann nimmt der Wortführer der Na tionalli beraten das Wort und bittet den Ver­treter des Reichskanzlers um Aufschlüsse über die in den Ber- banbhmgen des englischen Unterhauses behaupteten Verhandlungen über eine Flottenverständigung. Der Redner weist darauf hin, daß nach den neuesten englischen Meldungen die englische Regierung ichrr ursprüngliche Darstellung doch sehr wesentlich eingeschränkt habe. Es sei da nicht mehr die Rede von offiziellen Verhandlungen, sondern davon, daß man auf englischer Seite in mehr anregender Form an Deutschland herangetreten sei. Ter Redner fragt, wie es sich damit verhalte, und betont, daß an ein Abweichen von dem gegenwärttgen deutschen Flottenprogramm nicht gedacht werden könne. Eine andere Frage sei, zu erwägen, ob nicht, namentlich wenn man zu einem handelspolitischen Ueöer- einkommen mit England gelangt sei, etwas geschehen könne zu einem Hand in Handgehen.

Darauf verlieft Staatssekretär v. Schoen eine Erklärung des Reichskanzlers. Es sei niemals eine offizielle Anfrage über eine Einschränkung des Floltenausbaues oder ein dahin zielender Antrag von Seiten Englands an das deutsche Reich er­gangen, sondern es seien lediglich zwischen massgebenden Persön­lichkeiten unverbindliche Gespräche geführt worden. Es sei aber kein Vorschlag gemacht worden, der als Basis für Verhandlungen hätte dienen können. Es sei üblich, daß zwischen befreundeten Regierungen keine Anträge gestellt werden, wenn ihre Berücksichttgung zweifelhaft sei. In diesenr iknverbindlichen Meinungsaustausch habe die deutsche Regierung den Standpunkt vcrtteten, daß das gegenwärtige Flottenbaupiwgramm lediglich dem Schutze des deutschen Reiches entspreche und sich gegen keine bestimmte Macht richte.

Ein Vertreter des Zentrums spricht einer Verständigung mit England das Wort. Er erklärt aber ausdrücklich, daß nientand in seiner Partei in diesem Augenblick an eine Mänderung unseres Fl-ottengesetzes denke. Der Sprecher der Sozialdemokraten wirst der deutschen Regierung vor, daß sie die von Englayd lnn- gestreckte Hand nicht ergriffen habe. Er sielst in dem Verhalten Deutschlands eine Zweideutigkeit, die unserem Ansehen im Auslande schweren Schaden zufügen müsse. Dein wird von konser­vativer und freikonservativer Seite auf das ent­schiedenste widersprochen. Ein nationalliberaler Lkbge- ordneter drückt dem Reichskanzler nach seiner heuttgen Erklärung das ivollste Vertrauen aus.

Ter 9(bgeorbnete, der sonst der Hauptsprechcr des Zentrums ist, wünscht eine Erklärung darüber, ob die Verhandlungen zwischen verantwortlichen Persönlichleiten stattgesunden hätten, und welches der Inhalt dieser unverbindlichen Gespräche gewesen sei-. Er hält eine Verständigung mit England unter voller Aiürechterhaltnng des bestehenden FlottengefctzeS für durchaus möglich.

Ter Vertreter der süddeutschen Volkspartei spricht gleichfalls gegen die Aenderung des Flottengesetzes.

Der Staatssektretär des Auswärtigen Amts gibt nach einer kurzen vertraulichen Mitteilung der Freude Ausdruck, daß die ge­samte Kommission die Hoffnung ausgesprochen habe, daß die englisch­deutschen Beziehungen, unbeirrt durch gelegentliche Erregungen über

den Flottenausbau in Deutschland, sich in freundschaftlichem Sinne weiter entwickeln würden, wie dies der Wunsch des gesamten deutschen Volkes sei. Diese Ausführung des Staatssekretärs wird mit lebhaften vielfachen Beifallsrufen bekräftigt.

Es werden dann die vorgestern zurückgestellten ersten Raten per neuen Schisse zur Beratung gestellt und ohne jede Debatte ein­stimmig bewilligt, damit also auch die ersten Bauraten für drei Linienschiffe und einen großen Kreuzer.

ES wird dann in der Beratung des MarineetatS fortgefahren.

Oesterreich-Ungarn und Serbien.

Die Lage wird in Wien außerordentlich pessimistisch beurteilt, denn der englifdje Vermittlungs-Vorschlag, der Russland eine diplomatische Niederlage ersparen sollte, könne als gescheitert an­gesehen werden. Der erste englische Vorschlag, der am Samstag überreicht wurde, wurde von Oe ft erreich als ungenügend, von Rußland als zu weit gehend befunden. Der zweite Vorschlag wurde gestern in Wien rundweg abgelehnt. Beide Ratschläge enthalten nur Worte, mit denen höck;stens für bcn Augenblick die Situation gerettet worden wäre. In Wien glaubt niemand mehr daran, daß der Friede erhalten werden kann und spätestens in nächster Woche werden andere Mittel die Krisis zur Entscheidung bringen. Man glaubt, daß der Schritt des Grasen Forgach sciwn Ende dieser Woche erfolge unb Serbien eine ganz kurze Frist zu einer Antwort einräumen wird, die, wenn sie Oester­reich befriedigen soll, den unbedingten klaren Verzicht auf alle Ansprüche ausdrücken muß. Gestern abend sind wieder drei Ba­taillone Truppen in kriegsmäßiger Stärke von Wien abgegangen.

Wie verlautet, hat die türkische Regierung ihrem Gesandten in Belgrad die Weisung erteilt, der serbischen Regierung den Rat zu geben, die österreichisch-ungarischen Vorschläge anzunehmen. Bei der Konstantinopeler serbischen Gesandtschaft sind Nachrichten eingelaufen, die angeblich eine friedliche Lösung der Ztrisis erhoffen lassen. Auch in amtlichen türkischen Kreisen hofft man seit vor­gestern auf eine friedliche Beilegung der Streitfragen. Weit weniger zuversichtlich lauten die Wiener Meldungen aus Belgrad: Der Kriegskorrespondent der Reichspost meldet seinem Blatte aus Belgrad: Nach einer größeren Demonstration am Vormittag fanden gestern abend in Gegenwart des Kronprinzen noch kleinere Demon­strationen gegen Oesterreich statt. In Belgrad herrscht große Bewegung.

Eine andere Wiener Korrespondenz meldet aus Belgrad unter dem 23. d. M.: Gestern beriet König Peter den Kronprinzen Georg zu sich und hatte mit ihm eine zweistündige Konferenz. Es verlautet aus der Umgebung des Königs, daß der König dem Kronprinzen sehr scharfe Verstellungen wiegen seines provoka­torischen Auftretens gemacht habe. Die Unterredung zwischen dem König und dem Kronprinzen endete mit einem sehr scharfen ZLonflikt. Kronprinz Georg erklärte:Ich teile die Ansichten des gesamten serbischen Volkes und trete für dasselbe ein, weil ich sein zu­künftiger König bin."

Während man von England aus immer wieder versucht, in Wien Mißtrauen gegen Deutschland zu erwecken, hat man sich an der Donau genötigt gesehen, diesen Verdächtigungen die Spitze abzubrechen. Die WienerPolitische Korrespondenz" meldet: Ein Londoner Blatt, zu dessen Dogmen es gehört, Deutschland als Urquell fast aller Gefahren der europäischen Politik zu be­trachten, suchte im Verlause der Balkankrisis wiederholt, der Erhaltung des Friedens durch Warnungen Oesterreich-Ungarns vor Einflüsterungen Deutschlands zu dienen. In den letzten Tagen erhob neuerdings das Blatt einen solchen Mahnruf. Im Hinblicke auf das wiederholte Auftauchen solcher Auslassungen in ausländi schen Blättern erscheint die Erklärung angemessen, daß für die Bemühungen zur Rettung Oesterreich-Ungarns vor Abgründen der deutschen Politik kein weniger günstiger Augenblick gewählt

Zranksurier Schauspielhaus

Das letzte Glück.

Schauspiel in vier Aufzügen von Clara Viebig.

Clara Viebig ist eine Künstlerin von starker, persönlicher Eigenart, einem entschiedenen, ungeschminkten Wollen, einem großen lebendigen Köimen. Sie bat Neuländ für die Literatur entdeckt, ihre Heimat, die Eifel. Dort wurzelt sie und wie erstaunlich und vielseittg sich ihr Talent auch sonst öffenbaren mag, das hefte ihrer großen, vielbewuuderten Kraft hat ihr die Heimat gegeben. Jk^on Novellenband Kinder der Eifel und ihren Roman Das Weiberdorf halte ich für das beste, was sie vis beute geschrieben hat, z. T. auch Das'Kreuz im Venn. Die beiden älteren sind jedenfalls ihre perionlichsten Buckuw. Rmch und hart wie ihre .Heimat sind die .Kinder der Eifel, und wie sie voll heißer, heimlicher Glut. Tumnrigläubig, aber ,ruch wild und trotzig und kantig wie Basaltblöcke. Menschen, die man trotz all ihrer Fehler, und Schwächen lieb haben muß, weil sie so fest in sich selbst gegründet sind, weck sie voller Leben und Teilnahme sind für alles, was sich lebendig um sic regt weil sie ein Herz haben und eine Seele. Diesem Bild entsprach aud) das gestern int Frankfurter Schauspielhaus zum erstenmal aufgeführte bäuerliche Drama Tas letzte Glu«.

*

Wat die gestrige Ausführung dieses Werkes ein Erfolg? War cs die entschiedene, allem heimlichen Widerstand energisch Trotz und Spitze bietende Wirkung einer einheitlich gelassenen Dich­tung, hinter der eine bedeutende, große Perionlichkett steht? War es eine unabänderlich feftlWnbe, Weg und Ziel weyeirde Be­freiung oder war es Mehr der Eindruck, den lede aus dem Rahmen der Mlgemeinheit herausgewachsene Persönlichkeit hinterlaßt? Pislleickft nur das letzte, aber doch eine Wirkung, dte über das Hinausgicht, was sonst int Lause der letzten Fahre ^aus der Buhne erschien, um sich einen Platz zu erringen an der -sonne der An­erkennung. Dos Werk eines echten, begnadeten Menschen, aber kein vollkommen ht sich gefügtes, kein werkgerechtes Bauwerk. Billige Masken und unedles Fachwerk fchmücken und putzen viel­fach den stolzen Bau und auch der Grund ist niaft ganz frei von unsicheren, wenig vertrauensvollen Stellen, auf die em tüchtiger Meister nicht bauen sollte, aber doch ein Kunstwerk das Werk eines Menschen, der ein ernstes WollcS hat und ein starkes Können. Gülte Enttäuschung vielleicht? Zum -5.eil ;a. Man sieht deutlich, Clara Viebig kommt vom Roman zum Drama, wie Sudermann.... Das letzte Glück ist in ferner Gesamtheit ein dramatischer Roman, kein Drama. Em e-wgenstuck zu Alfred Bock. Seine Romane sind erzählte Trameii, ui sich geschlossene, pspchologisch begründete, aus üfver inneren Notwendig- feit herausgewachsene Werke. Das ist das Werk Clara Liebigs nicht ganz. Es spielt so vieles hinein, was beffer weit weg­geblieben wäre, ari'r nun es einmal da ist stört es unb teilt Pas, was ein Ganzes sein sollte, in lauter einzelne stucke Nird Ssritew Vieles auch könnte anders sein, nur Zusöll igteichcL,

hindern daran, Grunde, die keine Gründe sein dürften. Wäre das Mädchen rein geblieben nach seiner ersten, fruchtbaren Liebe, dann müßte alles anders kommen, und wären die Pferde zu­fälligerweise nicht durchgegaugen, es wäre wieder anders gewesen. Warum hat der Rabe recht, der dem Volksmunb zufolge den Tod prophezeit? Damit das stück den Abend füllt? Zum Teil. Oder soll der Aberglaube das Volk der Eifel charakterisieren? Möglich, aber nicht notwendig, nicht einmal nötig, und künstlerisch nicht cinwandsrei. Eine Laune aber auch nicht. 9hir zwecklose Stimmung, die das Ende anbeutet, und eine rein äußerliche Stim­mung dazu, deren Zweck und Ziel jeder sofort erfaßt. Ein selt­sames, romanhaftes Werk.

Im Grunde genommen ist das Schauspiel in seinem ersten Teil ein Kampf um das Kind, der nach dem rein zufälligen Tode des Kindes durch den Kampf um den Manu abgelöst wird. Nach langen Wauderjahrcn kommt Sus Endenich aus Sehnsucht nach ihrem .Kinde, das in der kinderlosen Ehe des Vaters liebevoll aufgezogen wird, wieder in die Heimat. -Heftig kämpft sie um ihr Kind und als es ihr der Vater endlich zuführt, da scheuet unterwegs die Pferde und das Kiud bleibt tob; die Ahnungen des alten Knechts erfüllen sich also. Nun aber entbrennt ein Kampf um den Vater des Kindes, aber nur ein scheinbarer, denn die Sus will den Mosenhofbauer gar nicht, der seine Gattin vev- lassen will, um der Sus im schiveren Kampfe des Lebens beizu­stehen. Wer das hat Clara Viebig nicht durchgefühtt; die Sus geht lachend ab; das Kind vom Mosenhofbauer war nicht ihr einziges, und mir weil das zweite gestorben war, kam sie in ihrer augenblicttichen Verzweiflung in die Heimat. Nun geht sie wieder in die Welt und den Frühling hinaus, und der Winter wird ihr wohl ein drittes Kind bescheren. Der Mosenhofbauer aber sinkt vor seiner FraN, die ihn über alles liebt, in die Knie und anstatt durch Kampf haben sie ihr letztes Glück durch den Verzicht der Sus errungen.

Die Charaktere sind gut geschaut und größtenteils ausge­zeichnet behandelt, aber das Uebermaß naturalistischer 9Romente stumpft die Zuhörer ab, obwohl warmes und echtes Leben in dem Werke steckt. Der lebendige, farbenbunte erste Akt mit dem fröh­lichen Jahrmarkt ist teilweise sehr gut, manchmal aber auch schlep­pend und undramatisch, wie auch manches andere in den folgenden Aufzügen, von den besonders der letzte unter einer weit ausge­sponnenen Länge zir leiden hat.

Der erste Akt wurde freundlich, der zweite sogar begeistert aufgeiwmmcn, der dritte aber ging unter eisigem Schweigen vor­über und am Schluß setzte sich dec Beifall kaum gegen den Wider­spruch durch. Möglich, daß der örittt Auszug mehr Erfolg gehabt hätte, wenn die Darsteller weniger nervcnfeiudlich geschrien hätten und die laugst übcrivnudene naturalisttsä>e Kunst mehr gedämpft hätten Möglich, aber der Riß zwischen den beiden Hälften des Schauspiels märe dadurch nur übertüncht, nicht weggeschasit worden.

Die vom Intendanten Claar geleitete Ausführung selbst war ausgezeichnet und zeigte überall ein bis in das Kleinste sorgfältig vorbereitetes s&eL Von MitwirkendW ivH iU erwähnen

werden konnte als der jetzige. Seit der Stunde, wo Oesterreich- Ungarn iletzten natürlichen, von ganz Europa vorausgesehcnen! Konsequenzen seiner in Bosnien und in der Herzegowina seit Jahr­zehnten erworbenen Stellung gezogen hat, trat Deutschland für das Recht und die Vorgangsweife feiner verbündeten und cngbefrrun­deten Macht ohne das geringste Zaudern ein, mit einer Nachdrück­lichkeit und Beharrlichkeit, die hier kein anderes Gefühl als das warmer Anerkennung wecken konnte. Ohne den leisesten Versuch, auf die Entschlüsse, welche Oesterreich-Ungarn für die Weiter­führung der bosnischen Angelegenheit mit Selbständigkeit zu sassen hatte, Einfluß zu nehmen, tat das Berliner Kabinett in freund­schaftlichem Eifer alles, was es im Hinblick auf das vor Jahrzehnten geflochtene enge Verhältnis zur Monarchie und zum Schutze der Stellung der alliierten Mächte auf dem Gfefanitgebiete der euro­päischen Politik als feine Pflicht erkannte. Angesichts solcher Verirrungen sei mit allem Nachdruck erklärt, daß man in Wien die Haltung Deutschlands ay der Seite Oesterreich Ungarns in der jetzigen ernsten Phase der Balkanangelegcnheiten als Muster tadel­loser Bündnistreue und warmer Freundschaft würdigt und von der Belehrung, daß Dentschland der politische Mephistopheles Oester­reich-Ungarns verschont bleiben möchte. Alle politischen Kreise, die auf dem Boden der Wirklichkeit verbleiben wollen, haben damtt zu rechnen, daß die Richtungslinien Oesterreich-Un­garns und Deutschlands in Bezug auf die in der nächsten Zukunft zu lösenden Probleme identisch sind, und zwischen den beiden Kabinetten, und allen an diesen Ausgaben mit- wirkenden Staatsmännern der beiden Reiche ein vollkommen gegen­seitiges Verständnis und ein ungetrübter Einklang über das zu ver­folgende Ziel der zu wählenden Mittel herrscht.

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politische Tagesscban.

Die Finanzkommisfion des Reichstages

trat gestern in die Beratung des von der Subkommission cingebrachten Vranntw einsteuerentwurfs ein. Der Reichsschatzsekretär Sydow erklärte, daß die Verbündeten Re­gierungen nach wie vor dem Monopol den Vorzug gäben, da dessen Nichteinführung die unerwünschte Beibehaltung bei Liebesgabe bedeute; trotzdem sei er bereit, auch bei der Aus­gestaltung dieses neuen Entwurfs mitzuwirken. Er halte eine Verständigung auf dieser Grundlage nicht für unmöglich. In der Debatte, die sich zunächst mit der Regelung bcS Kontingents befaßte, wozu drei Abänderungsvorschläge vorliegen, wurde von verschiedenen Seiten die Notwendigkeit des Schutzes dec süddeutschen Brenner betont. Die Bundesratsbevollmächtigten Bayerns, Württembergs unb Babens erklärten ben neuen Entwurf für unannehmbar; sie stellten sich auf ben Boben der Monopolvorlage. Von freisinniger Seite würbe bas Wieberauftreten bes Monopolsgebankens bekämpft, währenb von konfcrvativer unb nationalliberaler Seite bie Sympathie für bie Regierungsvorlage ausgebrückt wirb.

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Eine Auszeichnung des Ministerialdirektors Schwartzkopff.

Der .Staatsanzeiger" veröffentlicht bie Verleihung bes Charakters als Wirklicher Geheimer Rat mit bem Präbikat Exzellenz an ben Ministerialdirektor im Ministerium bei- geist­lichen, Unterrichts- unb Mebizinalangelegenheiten Wirklichen Geheimen Obcrregierungsrat D. Schwartzkopff. Diese hohe Auszeichnung erklärt sich barauS, baß gestern zehn Jahre seit dessen Ernennung zum Ministerialbirektor vergangen waren. Von seiner Ernennung zum Kultusminister anstelle bes er«

die Damen Ilm (Sus Endenich' und Boch (Moscnhofbäucrin) und die Herren Bauer (Ä)loscnhöfbauere Faber (Trittscheid) und Pfeil (Mathes).

Clara Viebig wurde nach dem ziociten Aufzuge lebhaft gerufen und folgte auch nach dem letzten Aufzuge dem starken Beifall eines Teiles der Zuschauer.

Karl Neurath.

lieber den Einfluß des Radiums auf die Pflanzen waren bisher widersprechende Angaben geniacht wor­den. Während die Mehrzahl der Beobachter von einer das Wachs» tum der Pflanzen hemmenden Wirkung des Radiums be­richtet hatte, hatte eine Minderheit einen günstigen Einfluß fest- gestellt. Diese Behauptungen sind, wie lürzlich Prof. Charles Stuart Gag er vom Newporker Botanischen Garten barlegte, beide richtig. Das Radium ist nämlich ein Reizmittel für die Pfianzen, das, mit Maß angcwendet, das Wachstum! fördert^ bei übermäßigem (Gebrauch dagegen, wie alle Reizmittel, schädlich wirkt und schließlich sogar das ^lbsterben der Pflanzen zur Folge haben öcnm. Diese Wirkung des Radiums hat Gager, so lesen wir im Prometheus (Verlag R. Mückenbergcr, Berlin durch fast 200 Versuche nachgewiesen. Ten hemmenden Einfluß des Mdiums z. B. zeigte folgender Versuch: Es wurden 20 Haberkürner vor dem Keimen sechs Tage lang der Radiumbestrahlung ausgesetzt und daraus gleichzeittg mit 20 anderen ,.icht behandelten Kornern ausgesät. Tas Ergebnis war, daß die unbeftraMteu Körnet zwei Tage ftühcr aufgingen, als bie anderen, und daß sieben Tage nach der Aussaat die jungen Pflänzchen der bestrahlten Körner erst füber dem Erdboden sich zeigten, während die anderen Pflanzen bereits mehrere Zentimeter hoch waren. Um den Einfluß zu ermitteln, den die Gegenwart von Radiumstrahlen im Erdboden selbst auf die Keimung und das Wachstum der Pflanzen ausübt, wurden 16 KörnerLincoln"- Hafer in einen Blumentopf aus- gefät, und zwar in gleichlaufenden Kreisen in Abständen von 7,22 unb 45 Millimeter vom Mittelpunkt des Topfes. Fm Mittel- pickte wurde eine verschlossene Glasröhre mit 9iabiuni ionir-edyt in die Erde gesteckt, so baß das Ende der Röbrc, das das Radium enthielt, etwa 5 Millimeter unter die Oberfläche zu liegen kam. 3n ähnlicher Weise wurde eine zweite Pflanzung mit einer leeren Glasröhre angelegt. Nach 106 stündiger VersuchSdaner warcnl die Pflänzchen in dem das Radium enthaltenden Topfe sämtlich! aufgegmigen, und sie waren durchweg entschieden größer als die der anderen Anlage, von denen drei überhaupt noch nicht auf- gegangen waren. Tie Pflamzen im äußeren Streife waren durich- ichnittlich 50 Millimeter, die im mittleren Kreise 46 Millimeter unb die im inneren Kreise 42 Millimeter großer, als die in ben enttprcchenden Kreisen des Kontrottwpscs. Am sechsten Tage nach ber Aussaat wurden die beiden Röhren iimgetauscht, unp nun zeigte es sich, daß nach Verlauf von weiteren fünf Tagen die Pflanzen in dem ursprünglich unbesttahlten Topfe die anderen fast ganz ciugeholt hatten.