Ausgabe 
18.12.1909 Drittes Blatt
 
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Drittes Blatt

Nr. »97

Samstag 18. Dezember 1909

159. Jahrgang

Giehener Anzeiger

Lrlchttnt Sßllch mti Mit atme des ©enntag*.

General-Anzeiger für Oberhesien

StebetltM, Exvedlttem en» Drucker«: 64ml* Präge 7. Txpedmon unt Verlag: e^etbl, ÄtöaTtion: fc=j^ll2. LeU-Sldru An^ngerG^even.

Lte w9U6<tt« Smnlheebiarter- werde« dem ,Ln»e,ger* viermal wöchentlich beigelegt, da» Kretiblatt für frei Kreis elften" zweimal wöchentlich. Die .^Mibwirtichasllichei Seit, fn-ell" «Schemen monatlich zweimal.

Reiottonlbrucf «nb Berfrag der Vrühl'tche« UmeerfuäiS - Buch- wb Stembruckerei.

Ä. Lange. Liesen.

Bruchteil des Volkes bad Stimmrecht! Obendrein war die Wahlkreiseinteilung vielfach geradezu eine lächerliche geworden.

Erst um 1830 entstand in England eine große Bewegung, die für weite Kreise das Wahlrecht verlangte. Daneben lief das Verlangen nach einer neuen vernünftigen Wahlkreis- einteilung einher. Tas Jahr 1832 brachte dann eine Reform, die einem größeren Teil des städtischen Bürgertums das Wahlrecht verlieh, also eine demokratijierende Tendenz auf­wies. Kaufleute, wohlhabendere Handwerker in den Städten, auf dem Lande Pächter mit lanaen Pachtfristen durften jetzt wählen. Immer aber galt noch eine bestimmte Vermögensgrenze ober Pachtsumme als Bedingung.

Weite Kreise waren Damit unzufrieden. Eine Petition mit einer Million Unterschriften wurde indessen im Parlament mit Gelächter empfangen. Die Bewegung nahm ihren Fortgang und führte zu Gewalttätigkeiten der Massen. In ganzen Fabrikdistrilten konnte nicht mehr gearbeitet werden, weil die Arbeiter die Maschinen zerstört halten. Bei einem Putschversuch 1848 setzte sich das ßonboner Bürgertum zur Wehr. 150 000 Bürger ließen sich als be­sondere Schutzmannfchaft einschreiben, um Ordnung zu halten, und der ctngesäMchtertetapfere Dolksführer" O'Eonnor riet den erschienenen Revolutionären, wieder heimzugehen. Die 60 er Jahre brachten in einer Art Wett­streit der Liberalen und Konservativen eine neue Wahl- refonn unter dem Konservativen Disraeli, derden Sprung ins Dunkele'' wagte, durch Herabsetzung des zum Wahlrecht notwendigen Grundbesitzwertes, bezw. der Höhe bet Miete. Immer aber bestand noch ein Unterschied zwischen Stadt und Land.

Die letzte Reform unter dem Liberalen Gladstone setzte 1884 weiterl;in den Zensus herunter und schuf gleiches Wahl­recht für England, Schottland und Irland. Nahezu zwei Millionen neuer Wähler wurden damals dem bestehenden Wählerkörper hinzugefügt. Man denke, zu einer Zeit, als im Deutschen Reich schon längst das viel weiter gehende allgemeine Reichstagswahlrecht eingeführt worden war!

Welches ist nun das geltende Recht? Der Engländer erhält schon mit 21 Jahren das Wahlrecht. Aber gibt es in England auch K autele n, wie z. B. bei uns in Hessen, die die Allgemeinheit des Wahlrechts einschränken und die fluktuierende Bevölkerung des Wahlrechtsbe­rauben"? Ja, und das gründlich, obwohl ein eng­lisches demokratisches Bürgerlesebuch den Lehrer sagen läßt, daß beinahe jeder der Knaben eines Tages Wähler werde.

Worin bestehen diese Kautelen?

1. Bedingung ist der Eigenbesitz eines Grundstückes mit Reinertrag von 100 Mk., oder für Mieter eine Miete von 200 Mk. jährlich.

2. Ter Besitzer muß am 15. Juli des Wahljahres schon ein Jayr lang in dem betreffenden Wahlbezirk oder sieben englische Meilen (11 Kilometer) im Umkreis wohnen. Der Mieter muß sogar während dieser Zeit in demselben Hause gewohnt haben.

Ferner muß der Wähler in die Wahlliste ein­getragen sein. Außerdem entzieht Armenunlerstütz- ung das Wahlrecht, ebenso schwere Gefängnisstrafe von mindestens 12 Monaten.

Die ungeheure Wirkung dieser Kautelen mögen folgende statistische Angaben zeigen. England hatte 1901 nahezu 11,7 Millionen Personen, die dem Alter nach wahl­berechtigt hätten sein können. In Wirklichkeit erfreuten sich aber nur etwa 5,46 Millionen dieses Rechtes, b. h. mehr

Das Wahlrecht In Lnglanv.

Pros. Luley, Oberlehrer.

Ohne Zweifel spielt die Wahlrechtsfrage in unserem parlamentarischen Leben, in der Presse und den politischen Versammlungen augenblicklich eine große Rolle. Das Ver­langen mancher Kreise nach Uebertragung unseres Reichs­tagswahlrechtes auf die Bundesstaaten, namentlich auf Preußen, die Neuregelung des Wahlrechtes in Sachsen und die Verbindung des auf das 50. Lebensjahr begründeten Pluralwahlrechtes mit der Umwandlung der bisherigen indirekten Wahl in eine indirekte bei den Wahlen zu unserem hessischen Landtag, lassen diese Frage nicht zur Ruhe kommen. Angesichts dieses Umstandes dürfte es nicht unangebracht fein, einmal zu sehen, wie das Wahlrecht in dem Mutterlande des Parlamentarismus, in England be­schaffen ist, und wie es sich dort im Laufe der Jahrhunderte mtwickelt l>at.

Was Herr Prof. Dr. Biermer in seinem Artikel: Die politische Krisis in England" hierüber gesagt hat, trifft den Nagel auf den Kopf. Eine etwas aus­giebigere Behandlung der dort nur kurz gestreiften Wahl­rechtsfrage dürfte indessen geeignet sein, das Bild anschau­licher zu machen.

Die Engländer betrachten bekanntlich als Ausgangs­punkt ihres Parlamentarismus die sogenannte Maana- Charta, die der englische Adel und die höhere Geistlichkeit im Jal)re 1215 dem etwas sehr unzuverlässigen König Johann abrangen. Das englische Volk bekam indessen noch keine Vertretung, also auch kein Wahlrecht. Nur Adel und Geistlichkeit sind in dem Commune Concilium vertreten. Erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts unter Heinrich III. und Eduard I. wurden auch Städte zu den Beratungen zu- Kezvgen, ebenso wie Ritter und Freisassen der Grafschaften.

Wer aber hatte zu wählen? In Den Städten anfangs «ffie vollberechtigten Bürger, bestehend aus Grundbesitzern tuit bestimmtem Besitz, den Mitgliedern der Zünfte. Die Zahl der Freisassen war indessen sehr gering, also auch Eie Zahl der Wahlberechtigten.

In den Grafschaften waren nur die Ritter und Frei­fassen, nicht einmal die Inhaber von Afterlehen wahl­berechtigt, viel weniger der kleine Bauersmann. In der zweiten Hälffe des 17. Jahrhunderts, unter den letzten Stuarts, gab es wieder Wahlrechtsbeschränkungen. Es darf aber auch gesagt werden, daß manche Städte die Vertretung im Parlament als eineBürde" fallen gelassen hatten imb daß das Unterhaus sich der Erweiterung des Wahl­rechtes dahingehend, daß alle städtischen Grundbesitzer, die an den Rechten und Pflichten eines Burgers teilnahmen, es ausüben dürften, widersetzte. 1772 wurde das Wahl­recht in den Städten allen Haushaltungsvorstehern, die allgemeine und Gemeindesteuern zahlten, den Zunftmit- glicbern und den Mitgliedern der städtischen Verwaltung gegeben.

Wie eng begrenzt der Kreis der Wahlberechtigten war, ntdge der Leser aus folgendem Beispiel sehen. Die schottische Hauptstadt Edinburg wies nur 33 Wähler auf, unb die gesamten Städte in Schottland zählten nur 1440 wahl­berechtigte Bürger. Kann man da eigentlich von einer Tolksvertretung sprechen?

Diese Sachlage dauerte bis zum Jahre 1832. Also yt einer Zeit, als fast alle deutsche Bundesstaaten eine alle Kreise des Volkes umfassende Wahlberechtigung hatten, be­saß in der Heimat des Parlamentarismus nur ein kleiner

als die Hälfte verlor durch die auferlegten Bedingungen das Wahlrecht.

Stellen wir Derttschland daneben: hier hatten 1900 dem Alter nach 12,7 Millionen Manner das Reilpstabswahl- recht: von ihnen durften es in der Tat 11,88 Millionen aus üb en, also 93 °,o.

In London hatten 1901 von 100 Bewohnern nur 13,6 das Wahlrecht, in Berlin 23. Statt rund 444 000 Wählern nn Jahre 1903 in Berlin hatte es hier nach dem Londoner Wahlrecht nur etwas über 258000 Wähler gegeben, also etwa 182 000 weniger als in Wirklichkeit. Auf wclcye Kreise dieses Weniger entfallen wäre, braucht nicht erst gesagt zu werden.

In ganz England beträgt die Prozentzahl der Wahl- berechttgten 17 °/o der Bewohner, ist also viel günstiger als in London, aber weit ungünstiger als in Berlin.

Gießen hatte 1907 etwa 29 000 Einwohner und etwas über 7000 Wähler. Nach Londoner Verhältnissen hätten hier statt 7000 nur gegen 4000 Personen wählen dürfen, nach der für ganz England geltenden Durchschnittszahl nur etwa 4900. Welche Partei hatte dabei am meisten verloren?

Bemerkt dürfte auch noch das Borhandenseln von Plural stimmen fein, ba Besitzer mehrerer Grundstücke ebenso viele ^Stimmen in den verschiedenen Wahlbezirken abgeben bürfen. So hat die Etth bei etwa 27 000 Ein­wohnern etwa 32900 Stimmen. Ein Londoner Grund- besitzer wählte jüngst in 30 verschiedenen Bezirken der Hauptstadt.

Dabei gibt es noch heute kleine und große Wahlbezirke wie bei uns. Ein Londoner Bezirk mit Arbeiterbevölke­rung hat trotz 117 000 Einwohnern nur 1462 Stimmern, also auf 80 Ernwohner kommt nur ein Wähler.

Man sieht, Hexr Professor Biermer hat gani recht, wenn er sagt, daß in England das Schwergewicht noch immer bei den besitzenden Klassen liegt, denn ein ge­waltiger Teil der Nichtbesitzenden, der fluktuierenden Be­völkerung, hat entweder zettlebens kein Wahlrecht ober bekommt es erst in höherem Alter. Grunbbesitz, eigener Haushalt mit einem gewissen Betrag an Wohnungsmiete unb Ständigkeit des Wohnsitzes sind die hauptsächlichen Kautelen des englischen Wahlrechts.

Wenn dieses sich auch, von Adel unb Geistlichkeit gegen­über einem eigenmächtigen König ausgehenb, im Lause der Jahrhunderte zuerst auf bie Patrizier in Stabt und Land, dann im 19. Jahrhundert auf das Kleinbürgertum, später auf die städtische und endlich auf bie ländliche Arbeiter­schaft ausgedehnt hat, so ist es doch heute tatsächlich kein gleiches unb noch viel weniger ein all­gemeines, benn seine Kautelen schließen mehr als bie Hälfte 53 Prozent; im Jahre 1901 der dem Alter nach Berechtigten von der Ausübung bes Wahlrechtes aus.

Bebeukt man hierbei noch, daß bie englischen Abgeord­neten trotz des Verlangens in derPeople's Charter" aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts heute noch keine Diäten erhalten, daß die Wahlen den Kandidaten auch bie ber Arbeiterpartei 1040 000 Mk. kosten, daß es keine Stichwahlen gibt, sondern ber Inhaber der Relativmehrheit gewählt ist, was bei den jetzigen Parteiverhältmssen (Konservative, Liberale, Arbeiterpartei und Sozialdemokratie) die Minderheiten zumeist erdrückt unb enblich, daß die Legislaturperiode sieben Jahre bauert, bann wirb die Frage: Wo hat bie breite Bolksmasse das ihr günstigste Wahlrecht, bei uns ober in England? leicht unb sicher zu beantworten sein.

Aus ber Geschichte bet Weihnachtsumzüge.

und Derb!

teS alten

Feierlickje Umzüge haben von altersher den Gang der Feste verschönt Auch die alten Germanen Bannten solch volkstümliche Prozessionen, in denen das Erscheinen ber Gottheiten selbst dar- g*ftellti wurde. Besonders die Zeit der Wintersonnenwende war im cÄtgeim.anischeu Volksglauben solchen Umgängen von Göttern und Stiftern geweiht: die ältesten Volkskönige zogen mit dem Heere bie Toten im Sturmgebraus durch bie Lust. Wodan kam mit Hiner Gemahlin Holda und brachte Segen und Frieden. In den Lagen dieses Umzuges ruhten Gericht unb Arbeit; nur der frommen Ierehrmig der göttlichen Erscheinungen waren die Tage gewidmet. 2ls mm allmählich ans der Verschmelzung uraltheidnischer Bräuche i.it den Wundern des christlichen Glaubens die deutsche Weih- rad}t entstand, wurden die altgermanischcn Umzüge, bie_ in der ««rbstsestzeit eine ausgelassene Fröhlichkeit bei Ernte- und Schlaä-t- pfften cntiaüet hatten, aus die heilige Weihnachtszeit zuiamm.'w gekrängt, um alle heidnischen Anlässe zu verwischen. Doch die Elemente des uralten Götterkultes machten; sich auch in den Umzügen heiligen Martin und heiligen Nilulaus, bie man an die Stelle Crr einheimischen Götter gesetzt hatte, deutlich bemerkbar, ane Lierverehrung der Deutschen, die von den Priestern für etwas Teuflisches erklärt narben war, kam in Tiervermummungen zum Lusdrnck, die bei den Umzügen eine Hauptrolle spielten. Wenn iler ganz wie Wodan ausltafiierte Nikolaus, von ganzen Heeren Ion Tierlarven mnschrien, umgrunzt und umsprungen, durch die Straßen stapfte und Schabernack aller Art trieb, dann mußte ioLd) an heiliges Gebaren den höchsten Zorn der Geist liclien lxrvor- nien. So sind uns denn sehr früh zornige Predigten gegen Die Deihnachrsumzüge erhalten: gegen das gingen unb -ranzen beim Dlmgange fdrritt bie Polizei schon im 13.Jahrhundett em. Uber Sie wunderliclxen Gestalten, die in der Dämmerung der Advent- ebenbe und Zwo!Mächte ihr unheimlich-heimliches Wesen trieben, Wetzen sich nicht vertreiben unb bannen. Der -schmmielreiter xnb derRnhklas", Pelzmärtel und. Rupredxt, e? waren att- bibniiebe Götter, die sich nur notdürsttg. in bte äußere Gestalt ton Kirchen heiligen unb Figuren der b'blochen Geschichte g^ t-mben hatten, üxgen diese volkstümlichen Umgänge veranstalteten nm die Geistlicl-en Priestcrumzüge, bei denen uidtauten unb Las Kruzifix hernmgetragen und fromme Gesänge angestimmt .vurden. Doch lag der zkirche vor allem daran, diese fremden tjantaftiid^n Erscheinungen dadurch zu vertreiben^ datz ßäbst immer mehr in den Mittelpunkt des ganzen r^des gestellt Lurde. Terheilige Christ" wird die Hauptperson der llayuqe, aber bas Volk deutet sich bie Erscheinung des Gottessohnes in frütemt Sinne um unb macht daraus dasChristkind , einen guten C-ngel in weiblicher Gestalt, der reiche Gaben bringt. Ruprech., Nikolaus, auch Joseph und Petrus gruppieren sich nun u^ btcies löbliche Ghriftfinblcin, das besonders den Ladern seinen Bcsuw obfrattet; sie verlieren viel von ihrer ursprünglichen Wndhk- ~ lheit. bleiben aber täppisch, bärbeißig, kom/sch, der ive > uw atien Heidentums spuckt in ihnen immer noch nach Im M c'ter war Weihnachten noch kein Kindeneit zweien: die ^u> gu . bie hier herrschte, war noch vielfach unbändig undschr^antenb^ Gern miiüer holver Geist, ein Lauck lenes jarten berrt.d^n ßindertraumes, der auch heute noch Weihnmhten lüllte im. 16. Jahrhundert das Jest und auch die Umzügi-

sich nunmehr der Weihnachtsumzug gestaltete, das möge ein Spiel illustrieren, das aus dem 16. Jahrhundert stammt und im Fürsten-- ann Walbeck noch bis 1830 allweihnachtlich zur Aufführung Fant. In einer lickten und in einer dunklen Gruppe ziehen die Teili- nehmer des Umganges aus. Christus, Maria, der (Nigel, Petrus und Niklawes sind die weißgekleideten Gestalten; in Erbsenstroh gekleidet und mit abschreckenden Masken ausgeputzt sind dagegen der sckäimrne Hansruhdart, eine Umformung des Ruprecht, der Sackträger Brose, der schon ein unartiges Kind im Ranzen hat, und der Schäfer Pamphilius, der mit seinem Rosse Zink erscheint. Während die lichten Gestalten dem Kleinen gute Sachn leben tert und liebliche Tinge erzählen, schüchtern sie die grotesken Schreck- figuren1 gar sehr ein und lassen sich nur durch Jesus unb die Ver­sicherung der Kinder,es nicht wieder zu tun", beruhigen. Sv zieht nun im Weihnachtsumzuge der Herr Jesus in friedlicher GemeinsckZaft mit dem alten Wotan, der in dein Ruprecht steckt, in der Weihnachtspro^ssion einher, eine Versöhnung der deutschen und der chrisUichen Anscl«uungswelt ist ein getreten unb in mannig» fadjen poetischen Formen wirken bie verklärten Gestalten des Bidel- glaubeiis nvt den dämonisch-dunklen Schatten ber heidnischen Tra­dition zusammen. Volkstümliche Bräuche leben aud) fort in den Umzügen der heiligen drei Körrige, die als stattlich geputzteStern- finger7' erscheinen. DieseStemläuser" oberSterngucker", die ihr Wahrzeichen an einer Stange vor sich her tragen, singen in den Häusern geistliche Lieder und schelmische Bettclverse und er­halten eine Gabe. Auch die Strippe wird in die Weihnachtsumzüge eiligesckilossen. Maria unb Joseph tragen ein grünbekränzles Kripp- djen uml)cr; auch Oechslein und Eietein sind dabei: die Stern­singer fdnreitcn voran, hell klingelnd mit ihren Glöckchen Aus den zahlreick-cn erhaltenen ChristtHeiligendreikönigs- und Kripven- sp.elen, die die bei den Umzügen gei pro ebenen naiv-humorvo l leu Verse aufzcidmen, können wir uns den vielgestalttgeu Reichtum dieser Umzüge, die sich aut dem Lande auch noch heute vielfach erhalten bauen, wieder vor die Seele zaubern. Knecht Ruprecht und das Christkind stehen stets im Vordergrund; geleitet sind sie bald von einer Engelsckar, bald von Martin mit der Rute, Niklaus mit dem grünen Zweig und Petrus mit dem großen gelben Schlüssel. Auch Joseph und Maria, der Wirt, die Hirten, die drei Könige stellen sich häufig ein. Von Kirche und Obrigkeit ist in früherer Zeit viel gegen das Umherziehen, gegen das Sternsingen und dieunheilige Cdrislkvmodie" geeifert worden. Aber weder die Strenge polizeilicher Devordirungen, noch die Verdammung eng­herziger Prediger und die Warnung aufgeklärter Pädagogen Haden diese tief im Lolksgemüt wurzelnde Sitte vernichten können.

»

Taft im Nachtasyl. Aus Newyork wird berichtet: Präsident Taft hat am Montag abend seine Popularität durch eine ganz außergewöhnliche Handlung befestigt: er erschien näm­lich plötzlich in dem verrufensten Viertel Newyorks, in der Dowery, die dasselbe ist wie das Londoner Whitechapel, nämlich der Aufenthalt all jener Unglücklichen, die im Leben Schiffbruch gelitten haben, die ausgestoßen sind aus der G^s^lfchaft und ein lichrloses Leben fuhren in Not und Verbrechen. Die eifrige Missionstättgkeit, die in der Bowery stattfindet, hatte an diesem Abende Taufende solch ttagischer Gestalten aus den Tiefen des Lebens, wie sie uns aus Gorkis Nachtasyl bekannt sind, zu eiuer Versammlung vereinigt Da traten plötzlich r*» paar Nolv-

zisten in die Halle. Ein flüstern, ein unruhiges Geranne, bte Erwartung einet Ueberrafchung, wie sie zur Weihnachtszeit in jedem, auch dem verstocktesten Herzen noch heimlich schimmert! Tann ruft ber Präsident ber Versammlung mit vor (Erregung zitternder Stimme:Jungens, wer glaubt Ihr wohl, kommt uns besuchen?"Carnegie," rufen ein Dutzend Stimmen.Nein, Tast!" Und im nächsten Augenblick schiebt sich schon die behaglich breite Gestalt des Präsidenten durch die zerlumpte Menge, die ihn mit frenetischem Jubel begrüßt. Diese armseligen Stiefkinder des Glücks, denen die Not aus allen Löchern in ihren Kleidern schaut, begrüßen in herzlichster Weise das Oberhaupt des Staates und stimmen stöhlich ein, als der Vorsitzende denMann mit dem großen guten Herzen" bewillkommnet. Nachdem sich der Lärm und bie Erregung gelegt hatte, sprach Taft in einfach schlichten, zu Herzen gehenden Worten zu ber Menge:Jungens", begann er,ich bin grab ebenso überrascht, daß ich hier bin, wie Ihr es seid, mich hier zu sehen. Aber man hat mich eingeladen und ich bin gekommen, weil ich weiß, was für ein gutes Werk die Mission tut. Es ist mein Schichal im Leben gewesen, bte Rolle einer Gallionssigur zu spielen. Ihr wißt: manche Männer tuen die Arbeit, andere geben die Dekoration ab. Die Natur hat mich jtun so ausgestattet, daß ich mich als eine hübsche gute Gallionssigur sehen lassen kann. Ich bin froh, hier zu fein, wenn meine Gegenwart Euch überzeugt, daß kein so großer Zwischenraum zwischen Euch und den vom Glück Begünstigteren ist. Meine Sympathie gehört der Bewegung, bie Euch von Euren schlechten Plätzen am Lebenswege forthelfen will. Wenn alles, selbst die Hand Gottes, gegen Euch gewendet zu sein scheint, werdet nicht entmutigt, aebt den Kampf nidjt auf! Ich weiß wohl, wie schwer es für Euch ist, zu verstehen, daß ich, der ich als Präsidertt beö Vereinigten Staaten ein großes Gehalt habe, ttotzdem in meinem Herzen Eure Verzweiflung mit fühlen kann. Aber ich versichere Euch, daß Eure Mitbürger nicht die gewinnsüchtigen und gemalt» tätigen Personen sind, wie Euch manche glauben machen wollen, sondern daß heute mehr denn jemals in der Weltgeschichte ihre Herzen von dem Wunsch erfüllt sind, den Notteidenden zu helfen unb für die Am,en zu sorgen. Dieser Geist ist in stetem Wachsen de- griffen." Mit einemGute Nacht, Jungens" schloß der Prä­sident seine Rede undgute Nacht, Bill" hallte es hinter ihm her.Ein glückliches Weihnachtsfest und komm bald mal wieder!"

Josef Kainz in Berlin. Ter Berliner Mitarbeiter des ^.Wiener Fremdenblatt" meldet, daß wiederholt Gastspiele Jvset Kainz' in Berlin am Königlichen Schaus viel hause für das Jahr 1910 in Aussicht genommen sind. Zunächst wird Kainz im März ein Gastspiel geben, und jeinen alten Rollenkreis zur Darstellung bringen. Es steht noch nicht fest, welche Stücke zur Aufführung gelangen. Ein ferneres längeres Gastspiel wird dann im November ftartfinben. Dabei wird der Höhepunkt oie Auf­führung von Sar danapal sein, zu dem Kainz die Uebei> setzung geliefert hat Man hofft in Berlin, daß gerade durch diese Aufführung Kainz eine gewisse Befriedigung finden wird, weil der Künstle: sich hiermit eingehend beschäftigt hat. Aus diesem Grunde ist auch beabsichtigt, Kainz einen wesentlichen Teil, der Regie bei der Ausführung von Sarbanapal zu übertragen.