Nr. 171
Drittes Blatt
158. Jahrgang
Samstag 24. Juli 1909
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag».
Die „Siebener ZamillenblStter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Ktelsblolt für den Kreis Elehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Cberhejsen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» Universitäls - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: esga> 5L Redaktion:e^D112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.
Politische Lagesscha«.
Die Aenderung der Fahrkartensteuer
wohner im Jahre 1904, 160 im Jahre 1907 und 161 im Jahre 1908. Dafür haben auch die Ehescheidungen zugenommen: von 10 938 im Jahre 1907 sind sie auf 11515 im Jahre 1908 gestiegen.
trirb dem Reichstage in der nächsten Tagung dor- rclegt werden. Die Negierung steht nach wie vor aus dem -tand punkte, daß die gegenwärtige Form der Fahrkartensteuer " ^mcnb auf die Entwicklung des Verkehrs und auf die Einahmen der Bundesstaaten aus dem Personenverkehr zurückwirkt, ^ie Vorschläge der Negierung zur Reform der Fahrkartensteuer >>crden sich <nt die Tenklchrist der Negierung über die Fahrkarten- r ucr anlehnen, die der Kommission auf ihr Verlangen vom Reichs- »txrtzamte vor mehreren Wochen vorgclegt tvurde. Tie Regierung >a! einen 3'/- P ro z. Zu s ch l a g unter Freilassung der Fahrkarten ; Klasse zum Preise bis zu einer Mark in Anregung gebracht. In , esem Sinne wird die Regierung auch vom Reichstage die Reform -x Fahrkartensteuer verlangen. Tie Notwendigkeit der Reform >rrd am besten durch die finanziellen Ergebnisse illustriert. Im ieckprungsjahr 1907/08 blieben die Erträgnisie der Fahr karten - >uer um 10 Millionen hinter dem Vormrschlage zurück. Im ^Rechnungsjahr 1908/09 wurde die Fahrkartensteuer mit 24 Mill, ingestellt. Nach den soeben abgeschlossenen Einnahmeberechnungen
llflt sie aber nur etwas über 18 Millionen eingebracht, ist also um , Millionen hinter den erwarteten Einnahmen zurückgeblieben.
Wir sind der Ansicht, daß diese Steuer überhaupt nicht reform- jckhig ist, solidem einfach abgeschafst werden muß, wie es ja auck) in dem ursprünglichen Vorschläge des früheren Schatzsekretärs -ydow vorgeschlagen war. Vor allem muß schon jetzt ^entschieden Stellung dagegen genommen werden, daß auck) die Fahrkarten ! Klasse zu der Besteuerung herangezogen werden sollen, wobei inan nur solche Fahrkarten 4. Klasse freilassen will, die bis zu einer fiorf kosten. Tas ist keine Reform, sondern eine Verschlechterung, tue Mehrbelastung des Budgets der ärmeren Volksklassen, die „unf) die neu eingeführten Verbrauchssteuern ohnehin schon genug geschädigt werden.
Großhandel, Kleinhandel.
Ter Bund der Landtvirte und die in seinen Diensten stehenden Imitatoren und Zeitungen sind gegenwärtig aufs eifrigste bemüht, nie Kleinkaufleute und Kleingewerbetreibenden gegen die Groß- i-tiriebe einzunehmen, um jene vom Eintritt in den Hansa-Bund t Inhalten. Tie grage, ob diese Tätigkeit Erfolg haben oder das ,-mecnsame Interesse aller Handel- und Gewerbetreibeir- en die Oberhand behalten wird, ist von entscheidender Bedeutung die ganze nächste Entwicklung unseres öffentlichen Lebens. )arum muß ein hieraus bezüglicher Beschluß der gegenwärtig i örlsten deutschen Kleinhandelorganisation, des Verbandes der kchattsparvereine Deutschlands, besondere Beachtung finden. Auf 13in Verbandstage in Elberfeld wurde eine Erklärung angenommen, i.-orin der unlösliche Zusammenhang der Jnte- «ssen von Großproduktion, Großhandel und Kleinhandel" ausdrücklich anerkannt wird. Es ist sehr erfren- daß hier ungeachtet mancher widerstrebender Richtungen inner» >a[b dieser Kreise, dieselbe Ueberzeugung, die den Grulldgedanken .v, Hansa-Bundes bildet, zum Ausdruck gebracht wird. Man i'acf darnach erwarten, daß die erwähnten Quertreibereien erfolglos bleiben, daß also Kleinhandel- und Kleingewerbetreibende, von •neu schon viele Tausende dem Hansa-Bunde angehören, aller- flirts in geschlossenen Massen gemeinsam mit dem Großhandel und der Großindustrie den Kampf gegen das übermütige Gcotz-
aarariertum führen werden.
*
Das Gespenst der Entvölkerung Frankreichs
infolge der stetig sinkenden Geburtsziffern, hat eine französische Revue, die „Action nationale", zu einer internationalen Umfrage i ranlaßt. Die Ergebnisse zeigen, daß dem mächtigen Frankreich Icugsam aber unaufhaltsam die Unterlagen seiner militärischen Machtstellung entgleiten. Wo sind die Zeiten der großen Revolution, der levöe en mässe, wo Frankreich von den 98 Millionen Einwohnern Europas über mehr als ein Viertel, etwa 26 Mliionen gebot? Heute stehl Frankreich an letzter Stelle der Bevölcerungs- >nnahme. Ter Ueberschuß der Geburten über die Todesfälle bezogt in Holland 15,6 pro Tausend, 14,9 in Deutschland, 11,2 in Ugland, 11,1 in Italien, 7,9 in Spanien und nur 0,7 in Franksch. Seit 1870 hat sogar schon sechsmal die Sterbeziffer die
cburtszift er überschritten, so vor allem im Jahre 1907 Tas 3at)r 1908 zeigt nun allerdings 46 441 mehr Geburten als Todes- julle, aber das lstingt mit einer besonders geringen Zahl von ; »bestallen — 42 226 weniger als 1907 — zusammen. In 42 T iparlcments von 87 sind jedoch mehr Todesfälle zu verzeichnen als Geburten. Einen Hoffnungsschinlmer bietet auch die größere Rinzahl von Eheschließungen. Sie betrug 153 auf 10 000 Em-
.......———agam
Briefe aus Japan.
Von Tr. Fritz Wertheimer.
Wir beginnen hiermit eine Reihe von Briesen unseres Mitarbeiters, der sich augenblicklich aus einer größeren Reife durch Japan befindet und hoffen, nut den Schilderungen aus dieseni in blühendem Auf- .chwung begrisseneii Lande unseren Lesern eine interessante Lektüre zu bieten. Tie Red.
L Erste Eindrücke.
Schnaufend und pustend fahren uns zwei Bootsleute ans Land. Veifend fährt in regelmäßigen Stößen ihr Atem durch die zu- uimengepreßten Zähne, wenn sie die eigenartigen in einem vclzzapjen laufenden langen Ruder ihres ^'J^pann5-1|6ne< iwgen und das Boot auf den hohen böigen Zellen fchaukelt und tiiiit. Ein feiner Staubregen riefelt lene und eintönig bernieöer rnd dringt durch Schirm und Mantel. Er verbirgt dem sorichenden Mick Kobes Häuser und hüllt in undurchdringbaren ^unst die Zcrae des Hinterlandes von Kobe.
Nhubai — Regenzeit! Wenn sich Petrus nach den sorg,amen Serechnunaen seiner japanischen Erduntertanen richtet dann muß itti vom 11. Juni bis zum 10. Juli fv sein und darein mutz man Ick, schicken. Ter vornehme Japaner grht ungern culs dem Hau e um diese Zeit. Den weniger vornehmen stört sie nid)t.
IHikuli zieht seinen zweirädrigen Karren, hinter de,>en dichten Äachstuchhüllen der Insasse kaum sichtbar wird, an den langen .Schäften gleickMütig im alten -trabe weiter und latzt ruhig und Mlos den Kot unter den nur mit ^rohsandalen bek^ideten bilden ausspritzeil. Ter japanifchc Rur!chakuli ist l^mpfer und glcichgülriger als sein chinesischer Kollege, aber wenn. sich Auge und Herz erst einmal daran gewohnt haben, anstelle eines -Uere» hier einen dampfenden und schwitzenden Mcnfchen ru seh^n, d . i'b die Rickscha auch in Japan ein ganz tanwie* ^erf ^ Senn wer könnte jetzt in der Regenzeu in du,en verwahrlosten, ^geweichten Straßen, und den ungepflegten undtiefen Burg - (teigen zu Fuß gehen. Den Japaner^ freilich^ berührtda- mck)t. Vx geht auf seinen Getas, kleinen kd-ufchrettchen, die em paar Schnüre zwischen der großen und den anderen 2'Utzzchen dur Icifenb am Fuß festhalten, und unter denen zwei hohe ^angs- brcttchcn stehen, trippelnd durch den schmutz, der von all diese ßolzbrettchen ganz zerhacki ist. Und der ganz arme Stratzeiuirbeuer schätzt sich durch ein dickes Gewand von Strohgeflech., ähnlich den einfachen Lendenschurz der Wilden, und flieht dahinter von der Ferne einem Affen wirklich ähnlicher als emem Memchen.
Gießener Strafkammer.
. )( Gießen, 23. Juli.
Unter Ausschluß der Oeffenilichkeit
wurde gegen den 15jährigen Stalljungen W. v. d. H. aus Lau- bach, der in Kloster Arnsburg in Tiensten stand, wegen Sittlich- keitsverbreck-ens verhandelt. Ter Junge hat sich im vorigen Herbst und im letzten Frühjahr an einem 6jährigen Mädchen unsittlich vergangen. Seine Jugend und der Umstand, daß er wohl durch unanständige Handlungen von Erwachsenen auf den Gedanken zu solchen Taten gekommen ist, wirkten strafmindernd. Seiner Intelligenz nach mußte angenommen werden, daß er die zur Strafbarkeit seiner Handlungen erforderliche Einsicht besessen hat. Es wurden Strafen von 5 und 7 Tagen angesetzt, die auf eine Gesamtstrafe von 10 Tagen vereinigt wurden.
Zechprellerei
ist dem Taglöhner H. F. aus Wißmar zur Last gelegt. Er traf in angetrunkenem Zustande zwei Arbeiter, die er in eine hiesige Wirtschaft mitnahm und ihnen Schnaps, Bier, Wurst und Zigarren vorsctzen ließ. Dabei gab er dem Wirt an, er habe in der Nähe eine Akkordarbeit übernommen und besitze auch Grundstücke, auf die er jetzt mit den Arbeitern gehen wolle. Er nahm sich noch eine Flasche Branntwein mit und bemerkte, er habe viele Auslagen gehabt und werde die Zeche in den nächsten Tagen begleichen. Er kam aber nicht wieder und nachdem der Wirt seine Adrefie ausfindig gemacht hatte, erhob er Anzeige wegen Betrugs. Ter Angeklagte, der inzwischen vom Schöffengerickfl wegen Unterschlagung zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt worden ist, wurde wegen Betrugs im Rückfall, unter Einbeziehung genannter Strafe, zu einer Gesamtstrafe von 4 Monaten und 3 Wochen verurteilt.
Wegen fortgesetzter Sittltchkeitöverbrechen
an Kindern von 3—12 Jahren stand der Taglöhner G. H. K. von Selters unter Anklage. Von den unter Anklage gestellten Straftaten gestand er 4 Fälle zu, bezüglich deren er auch überführt war. Unter Berücksichtigung seiner geistigen Minderwertigkeit — er ist erblich belastet und leidet an angeborenem Schwachsinn — wurde für rede Straftat die Minimalstrafe von 6 Monaten Gefängnis angesetzt und auf eine Gesamtstrafe von 1 Jahr erkannt, worauf ein Monat Untersuchungshaft in Anrechnung kommt.
Eine merkwürdige Diebstahlsgeschichte.
Ein vom Reichsgericht aufgehobenes Urteil beschäftigte zum Schluß in umfangreicher Verhandlung die Kammer. Im vorigen Sommer fand bei dem damaligen Gemeinderechner K. I. in R o h r » bach eine kreisamtliche Prüfung seiner Buchführung und seines Kassenwesens statt, die, da sich ein Fehlbetrag von etwa 750 Mk. ergab, der sich nicht aufklären ließ, mit der Amtsenthebung des Rechners endete. Im Nachsommer erfolgte die Einführung des neuen Rechners in der Wohnung des I. unter Uebergabe der Bücher und der Kasse. Ter Barbestand wurde in den Tresor des Kassaschrankes gelegt und der Schlüssel dazu dem neuen Rechner behändigt, während der Revisionskommissar die äußeren Schlüssel zum Kassaschrank, in den die Bücher eingeschlossen waren, an sich nahm, da er die Bücher noch benötigte und der Kaifaschrank verblieb vorläusig noch in der Wohnung des alten Rechners. Einige Tage später sollte an einen Feldbereinigungsbeamten, ein Geldbetrag ausbezahlt werden, weshalb sich wieder sämtliche bei dem Verschließen des Kassaschrankes anwesenden Personen einfanden. An Händen des Geldsortenverzeichnisses stellte man fest, daß in der Zwischenzeit ein Hundertmarkschein und zwei Zwanzigmarkstücke abhanden gekommen waren; ein Betrag, den I. noch an Gebühren zu beanspruchen hatte. Wie auch bei der Uebergabe der Kasse, bestritt I. im Besitze von Duplikatschlüsseln zu sein und man suchte eifrig alles nach dem fehlenden Gclde durch, ohne jedoch etwas zu finden. Einige Tage darauf wollte der neue Rechner den Kassa schrank holen; er schloß, um die Bück)er herauszunehmen, damit der Schrank leichter werde, auf und fand sofort den fehlenden Hundertmarkschein wie auch die zwei Zwanzigmarkstücke. Nach anfänglichem Leugnen gab I. den Besitz von Duplikaflchlüoeln, die er in der Tachftrst der Scheuer aufbewahrt hatte, zu, bemerkte aber gleichzeitig, er habe sich das Geld nicht aneignen wollen, sondern er habe nur die Manipulationen vorgenommen aus Aerger über die Enthebung vom Amte und um seinem Nachfolger einen Schabernack zu spielen. Tie Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen Diebstahls, doch die Strafkammer gelangte zum Freispruch, weil dem Angeklagten nicht nachgewiesen werden konnte, datz er das Geld in der Absicht rechtswidriger Aneignung weggenommen hat, wenn dies auch zu einem unerlaubten Zwecke geschehen ist. Tie Staatsanwaltschaft focht dieses Urteil mit Revision an, deren
Ganz so pünktlich hält Petrus seinen Regenvertrag nicht. Arn Abend stellt er die Tätigkeit ein und gestattet uns einen Bummel durch die mit einem Schlage bevölkerten und belebten Straßen. Jedes Haus hat sein Lalernchen angesteckt und das bunte Flämmchen wirst flackernde Schatten auf die geschweiften Dächer und die ansteigenden Giebel. Tie Schiebewände, aus Holz und Papier ment bestehend, smd zurückgeschoben und gewähren der Lust freien Eintritt Mau sieht auf den blitzsauberen Matten der blankpolierten Stuben — die man ja nur in Strümpfen ohne Getas betreten darf — die Familien um die Tcetäßchen hocken. In den Geschäftsstraßen aber sind alle Läden und Verkaufsbuden in vollstem Verkehr und Straßenhändler rufen in langgezogenen Tönen ihre Waren aus. Nickschas eilen hin und her und Mämilein und Weiblein in den faltigen Kimonos laufen dazwischen. Tie bunten Gewänder, zu denen bei den Frauen das fettig-ölige schwarze, kunft- voll fritierte Haar meist lebhaft foncraftiert, sind um die Hüften enger geschlungen und zeigen Heute aber gute Fguren. ^azu kommen fefligliedrige Hände und kleine schön geformte Fuße — welche Erlösung nach den verkrüppelten, verschnürten rfuBreRen der Chinesinnen! — alles bietet dem neugierigen Blick des i5remd- lings ein Bild des Niedlichen, Zierlichen und Kindlichen.
Kindlich und niedlich, das ist der erste Eindruck. Man muß dieses Völkchen nur sehen, wie cs auf dem großen Platze vor dem Nankotempel sich herumtreibt. Ein großer Basar ist hier -ia sitzt einer und verkauft kleine Gongs aus verschieden langen Heinen Glasstäbchen. Ter Wind fährt durch seinen Stand und laßt fte leise melodisch erklingen. Tort bietet ein anderer Heine durch- sichtige Käfige auS Holz und öunHem Papier an. Ein Glühwürmchen wird hineingesetzt und. das gefpenstoche. Lichtchen des ängstlich huschenden Tierchens erfreut die harmlosen Zufchauer. Trüben setzt Einer kleine Lellämvmen tn eine Papterrolunde, die sich unter der Einwirkung der Wärme dreht (wie unsere Ofenmännchen), jo daß die Schatten der aiFgemalten Bildchen auf eine darum lausende Papierwand geworfen werden. Und was solcher 10 Pfennigspielereien noch mehr find. Wenn die erwachsenen das für ihre Kinder kaufen, dann könnte man ebenfo qut meinen, sie wollten cs für sich selbst, |o groß ist ihr eigenem Vergnügen an den Herrlichkeiten Und wenn sie LUimerkfam wie d-e Schulkinder einem Senenhandler laufchen, der flute Ware zur Bekräftigung seines Wortschwalls auf den -Mich fchlagt, laut in die Hände klatscht und gelegentlich einmal auch durch einen guten Witz zu wirken sucht, dann machen fte ebeuw den Eindruck naiver Kinder, wie wenn sie die Buden der Blumenhanoler freudig und mit begierigen Blicken umlagern, wenn fte droben tn der Heinen §tube ausnahmslos ihre Eiscreme schlurfen ober bom beim Backer
das Reichsgericht ftatigab und die Sache unter Aushebung der Entscheidung nebst den Feststellungen, an die Strafkammer zurück- verwies. Bei der erneuten Verhandlung kam das Gericht zur Verurteilung des AngeHagten wegen schweren Tiebstahls zu 3 Monaten Gefängnis, da kein Zweifel bestehe, daß der AngeHagte das Geld in rechtswidriger Absicht herausgenommen hat. Die Ausrede des AngeHagten, er habe das Geld nur in die im Kassaschrank befindlichen Bucher versteckt um dem neuen Rechner Ungelegenheiten zu bereiten, sand keinen AnHang, da angenommen werden mußte, daß das Geld aus dem Kassaichrank entfernt worden war. Ter Tatbestand des schweren Diebstahls war um deswillen gegeben, weil die im Besitze des Angeklagten befindlichen Schlüfiel nicht mehr zur ordnungsmäßigen Eröffnung des Kassaschrankes bestimmt waren.
Gerichlssaal.
[] Kirchhain, 22. Juli. Der K r i e g e r v e r e i n zu Groß seelheim hatte einen Wirt zur Anzeige gebracht, weil dieser nach dem total verregneten KreiSkriegersest in 1907 sich weigerte, die ganze vereinbarte Summe für die Festwirtschast zu zahlen. Ter Wirt hat jetzt den Prozeß verloren und muß noch die Kosten bezahlen.
Universitäts-Nachrichten.
Greifswald. Der bisherige o. Professor Dr. jar. et phil. Erich Jung in Greifswald ist zum ordentlichen Professor für römisches und deutsches bürgerliches Recht an der Universität Straßburg i. E. als Nachfolger von Prof. Otto Gradenwii; ernannt. Prof. Jung war von 1897—1903 Gießen tätig.
Hk. Ein Molkereikurs ns f ü r Stiidierende der Landwirtschaft wird in der Zeit vom 3. bis 30. September an der Versuchsstation und Lehranstalt für Molkereiwesen zu Klein Hof-Tapiau, Institut der Landwirtschaftskammer für die Provinz Ostpreußen, von Professor Dr. Hittcher, dem Direktor der Anstalt und Privatdozent an der Universität Königsberg, abgehalten. Tas zu entrichtende Honorar beträgt 40 Mk., für Ausländer 50 Alk.
wandern und Reisen, Lader und Sommerfrischen.
2. L a u d a ch , 23. Juli. Die Ortsgruppe des ,W ander- uogel" hat am 16., 17. und 18. d. Mts. ihre erste dreitägige F e r i e n w a n d e r u ii g unter Führung des Primaners Stoll in den Westerwald gemacht. Tie Tour, die von leidlich gutem Wetter begünstigt, einen recht befriedigenden Verlauf nahm, ging der Hauptsache nach über Weilburg, Wilsenroth, Herborn, Burg Beilsteln (wo man mit den Gießenern zusammentraf) und Katzen- iurt über Gießen nach Lauöach zurück. — Daß auch noch anderswo im Sinne des ..deutschen Bundes für Jugendwander, ungen" gearbeitet wird, bewiesen gestern die im Entfieheii begriffenen Bensheimer Wandervogel, die aus Rhön unb Vogelsberg kommend, hier übernachteten.
Vermischtes.
* Der höchste Registrierballon. Von den kleinen unbemannten, nur mit genau aufzeichnenden Instrumenten bc> ladenen Ballons, die ima) internationalem lieberem lammen seit 1900 von den meteorologischen Zentralstellen aufgelassen werden, erzielte ein am 5. November vorigen Jahres in Uccle bei Vrüisel aufgestiegener mit der enormen Höhe von 29 Kilometern den bisher höchsten Rekord. Die Aufzeichnungen, die das nach beinahe zwei Stunden in Mattignolles, 80 Kilometer von Uccle, niebergegangene Instrument rnftbrachtc, sind sehr interessanter Art. Ter Luftdruck betrug in der erreichten Höhe nur noch 10 Millimeter, d. h. es befand sich nur noch 76 der Masse der ganzen Atmosphäre über dieser Höhe. Nicht in gleicher Weise nimmt die Temperatur nach oben zu ab. Nachdem sie innerhalb der ersten drei Kilometer sehr ungleichmäßig geschwankt hatte, ging sie über dieser Schicht gleichmäßig herunter, so daß bet nahezu 13 Kilometer Höhe 67,6 Grad unter Null verzeichnet wurden. Darm aber hörte, wie immer bei solchen Ausstiegen, die Erniedrigung auf und es trat eine allmählige Temperaturzunahmc ein, die das Thermometer in 20 Kilometer Höhe auf — 62,5 Grad brachte. In der Maximalhöhe von 29 Kilometern stand es auf — 63,4. Diese bei allen Registrierballon-Aufstiegen beobachtete, zwischen 8 und 14 Kilometer Höhe beginnende Temperaturumkehr chie sog. große ober obere Inversion) wird wahrscheinlich durch die von der Erde ausgehende Wärmesttahlung erzeugt. Die relative Luftfeuchtigkeit, in den unteren Schichteti völlig von der Wetterlage abhängig, ist über drei Kilometer Höhe sehr gering. Sie betrug dort nur 28 Prozent der Feuchtigkeit am Boden und blieb fast so bis zur Maximalhöhe, wo sie
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japanischer Eakes sich die heißen mußgefüllten Heinen Kuchen erstehen. Eine große Welt kleiner Herrlichkeiten erscheint das alles, belebt von üroßgewordenen, aber kindlich gebliebenen Leutchen.
Hinter dem Nankotempel führt die Eisenbahn vorbei und ihr greller Pfiff verscheucht rasch und rauh das Bild. Dieses Volk ist eine erwachende itulturnation, hat zum Staunen Europas Kriege siegreich geschlagen und bereitet sich vor, ein Weltfcfltor zu werden. Ter Gedanke ernüchtert. Verflogen sind die gaukelnden 2raume Pierre Lotischer Ticht- und Erflndungskunst, die phanta,tischen Schilderungen Lafcadio Hearns. Tas reizende Bild von vorhin wird zum gewöhnlichen Jahrmarktstrubel. Wir verlassen den Nankotempel.
Am andern Morgen hat Petrus den rechnenden Japanern einen erfreulichen Streich gespielt. Von dem hochgelegenen Turrn- zimmer meines Hotels sehe ich die Stadt früh im ^onncnicbeüt erwachen, im Hasen die zahllosen Schifte und Bootchen Leben gewinnen, höre ich die Vögel im ftillen friedlichen japanischen Friedhof zu meinen Füßen fingen unb blicke ich zu ben klaren regenerftüschten grünen Bergen, an denen Kobe liegt.
Kobes Lage ist einzig schön. Eine knappe halbe Stunde und die Berge öffnen sich zu einer Schlucht, durch die der mächttge Nunobikiwasserfall zur Tal stürzt mit seinem 20 Meter hohen weiblichen unb bem hoppelt so hohen männlichen Fall. „Tann flcttert der Fuß langsam empor durch grüne Matten unb mächtige Kiefern bis zur Höhe bes Magasan, den ein alter Tempel front, oder bis zu dem Punkte, wo Menschenhände rauh in die wilde Geoirgs- schönheit eingegriffen haben und dem stürzenden Gebirgsbach durch eine Staumauer die Kraft nehmen, um einen ftillen, bergum- rahmten See zu bilden, der nun Kobe mit Wasser versorgt Ern ganzes Netz von Wasserlaufen dahinter ist gefaßt und gebaubigL Aber der naturliebende Japaner hat wenigftens behutiam zugegriffen unb allen Bauwerken eine zierliche Leichtigkeit gegeben, die nicht gar zu grausam auf fällt. — . ,
Petrus hat wieder vor der unerbittlichen fapanifchen Rechnung sich gebeugt. Am späten Abend treibt sein Regen wieder zurück in die Stube unb leise nur leuchten unten tue Lichter ber Stabt burch ben Tunst, ber Berg unb Tal ernhüllt. Von unten tont ber scharfe klagende Ruf eines alten Weibes unb burchbringt einem eisig Mark unb Bein in seiner schrillen Melobie. „ama hami schirno go hyaku mon." Ein armes, blindes Weib ruft es ben ganzen Abenb: „Massieren von Kopf bis Fuß für 500 mon." Ungefähr 10 Pfennige sind es nach unserem Gelbe. Ter Regen riefelt gleichmäßig weiter inrb die klagende heisere Stimme verfolgt uns bis in den Schlaf.


