Erstes Blatt
159. Jahrgang
Mittwoch 27. Januar 1909
R
Nr. 22
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Zürn 50. Geburtstage des Aalsees.
€s will einem scheinen, als wenn es noch gar nicht so lange her wäre, daß man v»sm jungen deutschen Kaifcr sprach, und heute feiern wir bereits den 50. Geburtstag t*es Wonarcbcn, der vor nun schon mehr als 20 Jahren die Erbschaft der großen Zeit des alten Kaisers angetreten hat. Eine lange Zeit in einem kurzen Menschenleben, jn der Geschichte eines Volkes ist es freilich nur eine verschwindend kurze Spanne Zeit, Lid doch vermag sich derweilen auch in den Geschicken eines Volkes vieles zu ändern. Es hat sich auch bei uns manches geändert. 21lit dem Regierungsantritt Kaiser IDiltyilms II. hat äußerlich und innerlich eine neue Epoche in der Geschichte des Deutschen Reiches und des deutschen Volkes begonnen. Die Begründer des neu geeinten deutschen Reiches hatten eine gute und feste äußere Grundlage geschaffen. Auf dieser Grundlage g.alt es weiterzubauen und das Reich auch nach innen hin auszugestalten. Bange Gefühle beschlichen gar Rkanchen, als Kaiser Wilhelm I. dahinging und der Thronerbe als siecher Mann d ie schweren, verantwortungsreichen Regentenpflichten übernahm. Bänglicher noch ward es d ielen zu ei.ute, als dann der junge Kaiser des bewährten Rates des alten Reichskanzlers nicht n ichr zu bedürfen glaubte und in jugendlichem Ungestüm ihn, den unvergeßlichen Bismarck, u iid mit ihm manche alte Tradition bei Seite schob. Mit Mißtrauen ward vom zweiten .'iieichskanzler, dem Grafen Laprivi, an jeder Kanzlerwechsel ausgenommen, mit Mißtrauen und Mit herber Kritik ward jede Handlung, jedes IDort des jungen Monarchen besprochen, Inaifer Wilhelm II. hat sich aber durch nichts beirren lassen. Er hatte sich ein hohes, schönes Ziel gesetzt und dieses Ziel mit aller Energie zu erreichen getrachtet. 211an hat — wohl nicht immer mit Unrecht — vieles nicht zu billigen vermocht, was der Kaiser tat, aber man hat auch vieles nicht verstanden. Und roenn wir heute alles objektiv prüfen sollten, was wir in diesen 20 Zähren der Regierung unseres Kaisers gesehen und erlebt !)eiben, dann müssen wir zugeben, daß das beste und edelste Mollen uiid Streben des Kaisers keineswegs so vergeblich gewesen ist, wie man es uns oft hat einredeu wollen. Dinge, von denen man noch beim Kegierungsai'...*iti des Kaisers wenig wissen wollte, ßi>d uns heute etwas Selbstverständliches, Natürliches und Notwendiges geworden. Daß in großes, starkes Reich, wie das deutsche, mit seinem täglich wachsenden überseeischen h«nidel auch eine starke IDehrmacht zur See haben muß, hat man erst im Laufe der Zähre — richtig verstehen und würd:gen gelernt. Daß ein so stark bcpöltiertcs Reich seine aus- lvandernden Landeskinder nicht als Kulturdünger für fremde Länder dahingeben kann, solidem eigene Kolonien haben muß für deutsche Unternehniungslust, auch diese Wahrheit hämmert allmählich in den Köpfen der Masse auf. Die Znitiatioe zu dem allen, und w ohl auch noch viel mehr als die, danken wir unserem jetzigen Kaiser.
Mit scharfem, sicherem Blick hatte er schon frühzeitig erkannt, daß ein großes starkes Reich, wie das deutsche, auch eine entsprechende Finanzkraft haben müffe. Daher das unablässige Bentühen des Kaisers, die weitesten Kreise unseres Voltes zum Wett- bmoerbe auf dem Weltmarkts anzustacheln. Daß unsre Handelspolitik uns Geld und Verdienst ins Land gebracht hat, wer kann das laugnen ? Aus dem armen Deutschland isü in wenigen Jahrzehnten eines der reichsten Lander der IDelt geworden. IDährend such er die heimatliche Scholle nicht genug Brot für ihre Kinder Zu haben schien und die Auswanderung von Zahr zu Jahr zuuahm, ist heute die Auswanderung in fremde Länder auf ein geringes Maß zurückgegangen, heute müssen w.r sogar ausländische A rbeder ms Land ziehen, weil es uns schon an Arbeitskräften fehlt. Selbst in den Zeiten de r wirtschastlichen Depression, wie augenblicklich, ist die Zahl der Arbeitslosen bei uns
geringer als anderswo. Sind das nicht augenscheinliche Erfolge, und danken wir sie nicht der vorsichtigen, vielleicht zuweilen gar zu vorsichtigen, Friedenspolitik unseres Kaisers?
Wo viel Licht ist, da ist freilich auch viel Schatten, und die Novembertage des vorigen Zahres haben uns das ja zur Genüge gezeigt. Aber wir müssen uns fragen, ob die Kritik, die seitdem an unserem Kaiser und seinen Ratgebern geübt worden ist, nicht doch weit über das Ziel hinausgegangen ist. Genügte es uns denn nicht, daß der Kaiser selbst die Schäden erkannt hat, die sich aus seinem gut gemeinten Verhalten ergeben hatten? Genügte es denn noch nicht, daß sich der Kaiser seit den unerquicklichen Ereignissen des herbstes größere Zurückhaltung auf erlegte? Genügte es denn noch nicht, daß er angefangen hatte, in der Hofhaltung das Prinzip der größeren Sparsamkeit zu beachten? Der Nörgeltrieb aber, unser altes Ur- und Erbübel, wollte bis in die letzten Tage hinein nicht zur Ruhe kommen. Alan kritisierte immer fest darauf los, ohne zu bedenken, daß der Kaiser doch wirklich nicht für alles verantwortlich gemacht werden kann. Das Gerechtigkeitsgefühl, das im Grunde genommen uns Deutschen doch im Blute steckt, sollte uns endlich dahin sichren, daß wir auch unserem Kaiser Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Wenn wir uns umschauen im Auslande, denn werden wir finden, daß man uns um unseren Kaiser beneidet. Seine impulsive Art, sein Verständnis und sein reges Interesse für alles erheben ihn selbst als Menschen weit über den Durchschnitt. Das sieht man im Auslande, aus der Feme, noch viel deutlicher, als aus unserer Nahe. Ein Amerikaner, der Auslausch-proftssor Zohn W. Burgeß von der Tolumbia»Universität hat erst dieser Tage in einem Vortrage in New-tzork vom deutschen Kaiser in geradezu begeisterten Worten gesprochen. „Zch hatte", so führte er u. a. aus, „niemals vorher das Glück, einen intelligenteren, wissenderen, warmherzigeren Manne mit größeren Zdealen, von aufrichtigerer Höflichkeit, von wirklicherer Rücksichtnahme für die Ansichten anderer, von größerem Wunfche beseelt, Gutes zu tun, helfend nach allen Richtungen und für jedermann einzugreifen, und von stärkerer Treue für seine Freunde, sein Land und die Znteressen der allgemeinen Zivilisation, zu begegnen wie dem deutschen Kaiser. Einfach und mäßig in seinen Gewohnheiten, ein ergebener Gatte und Vater, ein treuer Freund und Wohltäter, ein frommer Gläubiger, ein großer Staatsmann, ein echter Zdealist, ein unermüdlicher Arbeiter für das Wohl feines Landes und den Frieden und die Zivilisation der Welt, mit einem Wo.te ein Mann, ein Thrift und ein Gentleman im höchsten Sinne dieses Wortes — das ist das Bild des Kaisers, wie ich es aus der Ferne und der nächsten Nähe kenne." Wenn ein unabhängiger Ausländer in solcher Weise spricht, dann können wir Deutschen doch erst recht und unbeschadet unserer sonstigen liberalen Anschauung alles Gute und Große anerkennen, das sich in der Perfon unseres Kaisers findet. Muß es uns nicht mit Stolz erfüllen, daß an der Spitze des Deutschen Reiches ein voller und ganzer Mann! steht, voll ernster Pflichterfüllung, voll Tatkraft und Zielbewußtsein, ein Mann, wie er in unserem ach so kleinen und kleinlichen Zeitalter selten ist. Am heutigen Tage, da der Kaiser im Kreise der deutschen Bundesfürsten seinen 50. Geburtstag feiert, da drängt es auch uns, ihm unsere herzlichsten Glück- und Segenswünsche darzubringen. Nicht schuldige Ehrfurcht vor der Majestät allein, sondern noch vielmehr das warme, rein menschliche Gefühl der persönlichen Hochachtung und Dankbarkeit treibt uns dazu, unseres Kaisers an diesem Tage in besonderer Herzlichkeit zu gedenken.
„heil unserem Kaffer !*
j____________Ernst Anderson. ,
zum heutigen Tag dem barbringen, der jene Bestrebungen, wie wir wissen, mit ganz besonderem Eifer Pflegt und fördert, unserm Kaiser und zugleich seinem und unserm Vaterland. Diesem Wunsch,! meine Jpefrn, bitte ich Ausdruck zu geben, indem Sie, die Gläser erhebend, mit mir rufen: Unser Deutscher Kaiser, Wilhelm IL, xr lebe hoch, hoch, hoch! , , 1
Lre Feiiversainmlung stimmte begeistert in daS dreifache Hoch ein und sang dann bte Kaiserhymne. Am Abend feiern die einzelnen Kompagnien in verschiedenen Lokalen,, während im Stadttheater al5 Festvorstellung .Wallensteins, Tod* über die Bühne geht. Die Schulen, die Krieger-s vereine und auch die diesjährigen Fünfziger hielten besonderes Geburtstagsfeiern ab, bei denen die Bedeutung des Tages ent» sprechend gewürdigt wurde. Auch in der Gewerbeschule wurde der Geburtstag in üblicher Weise durch einen Fest- nftuS begangen. Gewerbelehrer Arch. Garnon hielt dabei einen interessanten Vortrag über die geschichtliche, kulturelle und kuniigewerbliche Enuvickelung der Stadt Gießen inner- halb der letzten Jahrhunderte.^
— T a g es ka l e nd er für Mittwoch, 27. Jan.: S tad t- i h e a t e r: ‘ Sefiuoritellung zu Kaisers Geburtstag: „Wallensteins Tod.E Anfang 7 Uhr. *
— Für die Sitzung der Stadtverordneten.' Versammlung am Donnerstag, den 28. Januar,! nachm. 4 Uhr, ist folgende Tagesordnung vorgesehen:, l. Auslosung von Schuldverschreibungen. 2. Straßenpflaster., 3. Gesuch des Gg. Wallenfels um Alitbenutzung des Stich-, kanals zwischen Kirchstraße und Burggraben. 4. Berkaus von Gelände an Fabrikant Gg. Throm am Wetzlarer Weg. ö. EigenlumSanspruch des Architekten Huhn an städt. Gelände. 6. Verpachtung von Gräben im 9leuftäbter Feld an Georg (Simon. 7. Vergebung der Fasclhaltung. 8. Gewährung einer Vergütung an den Vertreter des erkrankten Forslwart Geisel. 9. Beschaffung von künstlichem Dünger für die städtischen Wiesen. 10. Einrichtung von Näumen beS, früheren Filialarbeitshauses für eine Verpflegungsstation.i 11. Verzeichnis der den 2)hlitäranroärtern vorbehalteneni Stellen. 12. Beitritt zur Medlzinalkasse für staatliche unb| kommunale Unterbeamte. 13. Niederschlagung uneuibring*^
Die Zricr von Kaifmgebitrtsiag.
Die Mehrzahl der deutschen Bundesfursien war itzsn im Laufe des gestrigen Tages - in Berlin eingetroffen, iiißi dem Kaiser zu feinem heutigen Geburtslage ihre Gluck, iviünsche auszuspreehen. Der greife Prinzregent von Bayern, dkl z. Zt. in Berchtesgaden zur Erholung weilt, wird durch iecnen Sohu, den Prinzen Ludwig, in Berlin vertreten Zwischen dem Pnnzregcnten und dem Kaiser hat em sehr dkizlicher Depeschemvechiel ftahgcfunbcn. Gestern abend um 5 Ubc fand nn Elisabeth-Saal des Berliner Schlosses eine urfcl statt, an der die bisher eingetroffenen Jüistlichkeiien
hulnabmen. — Der Großherzog von Baden empfing abends )e n Reichskanzler.
Tie Berliner Morgenblätter verzeichnen e§ mit Be- irldigung, bau der Kronprinz den zur Beglückwünschung des iOijers hierhergelommenen Kronprinzen von Däne- in irf am Balm Hofe abholte und daß der Kronprinz von tcnenmrE bei ihm wohnt.
Wie man hort, soll der letzte Besuch des Fürsten ;8 61 o ro beim Kaiser weniger den schivebeuden Fragen len Politik, als vielmehr Vorschlägen des Reichskanzlers ge- Ito Iten haben, tn welcher Weise der Kaiser an5 Anlass seines iO. Geburtstages Gnadenbeweise zeigen könne. Dian rechnet la der mit der Wahrscheinlichkeit, dass am 27. Januar eine umfangreiche A m nestie erlassen iverden dürfte.
Festlichkeiten aus Anlass des 50. Geburtstages des la isers haben gestern in München, Prag und St. Peters- ||u cg stattgefunden.
Aus Stadt und CaJiö.
Gieren. 27. Januar 1909.
Die Feier von Kaisers Geburtstag kvrlief hier in Giessen in der herkömmlichen Weise. Die kssenllichen Gebäilüe und namentlich die Kasernen waren ge- shmückt. Am Vorabend fand Zapfenstreich statt, der viel tblf auf die Beine gebracht hatte. Der heutige Tag wurde buch grosses Wecken durch die Regimenlsmusik emgeleilet und M 8 Uhr tönten die feierlichen Klänge emes von der Rtusit
gespielten C-Horalcs vom Stadtkirchtuim herab. Jn der eoang Stadtkirche und in der kath. Kirche fand späterhin Fest- gotteSdienft statt, nach dessen Beendigling das Regiment nach Oswalds Garten marschierte, wo um 111/3 Uhr grosse Parade abgehatien wurde. Ter 9!achmittag brachte zwei Kaisers- geburtstag-Fesicssen. Die Ossiziece und Reseroeoifiziere Der» lammelten sich hierzu im Kasino, die Beamten und die Bürger- ichast im Gesellschaftsbaus. Se. Magn. der Rektor Professor Dr. Bartholomae hielt hier folgende Ansprache:
Meine Herrn!
In altgewohnter Weste haben wir uns heute hier versammelt, um unsres Kaisers Geburtstag festlich zu begehen. Es sind nunmehr fünfzig Jahre, dass dem damaligen Prinzen von Preussen Friedrich Wilhelm der älteste Sohn geboren wurde, und schon mehr als zwanzig Jahre sind darüber hinweggegangen, seit dieser als Wiiheim 11. seinem Vater auf den Tyron gefolgt ist, im Jahre 1888, nachdem der Tod die beiden ersten Kaiser des jungen Deuisä)en Reichs rasch nad)cinaiit>cr abgefordert hatte. Zwanzig Jahre an dec Spitze eines gewaltigen Staatenbunds! tLs ist keinem Herrscher der illeuzeit vergönnt — und wenn er mit der höchsten Staatskunst die grösste Machtsülle verbände — wahrend eines so langen Zeitraumes, während zweier Jahrzehnte nur Erfolg an Erfolg zu reiben. Die Verhältnisse im Innern, die Beziehungen nach Aussen sind viel zu verwickelt, als dass selbst dann, wenn Mittel und Ziele in sorgfältigster Weise gegeneinander abgewogen werden, nicht auck) ein Mißgriff gesä)ehen, nicht auch ein Misserfolg eintreten könnte. So ist auch bei uns nicht alles durck)gesehl worden, was und wie es geplant war, und es hat nicht Jedem alles gefallen, was geplant und was durck)geseht wurde. Noch zittert ja die Welle jener gewaltigen Erregung im Deutschen Volke nach, deren Wiederholung nur ein A-cüib des Deutschen Reicys wünschen kann. — Dccine Herrn, das Ideal eines Regenten wird sich Jedem, der über politisa-e Fragen selbständig zu denken befähigt und gewillt ist, in besonderer Weise darstellen. Aber in einem Stück, und wahrhaftig nicht dem geringsten, hat Kaiser Wilhelm II. nicht nur den Veiten, sondern allen genug getan, und dadurch hat er sich bei jedem Deutsck-cn volle und dauernde Danfbarkeü gesichert, der es wohlmeint mit feinem Vaterland; er hat in den zwanzig Jahren seiner Regierung dem Deutsck^en Reich den F r ie b c n erhallen, den Frieden, ohne den sich kein Fortschreiten in der Kultur, kein Gedeihen des Volkswohls denlen lässt, einen ehrlihen und ehcenhasten Frieden, insofern er durch Wiste und 9)lau;t, nicht durch Furcht bcitinimt wird. Wir hoffen alle, dass die auf den Frieden der Kulturvölker gerid)teten Bestrebungen der Diplomatie fortbauern; und dass fte auch weiterhüt Erfolg haben, das sei der Wunsch, den wir


