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3.6.1909 Erstes Blatt
 
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Nr. 127

Der Siehener Anzeiger erschein! täglich, anker Sonntags. Beilagen: : «ermal roöebeiuHd) SietzenerLamili-nblätteri zweimal wöchentl.Xreir- blattfürdenrlreir Sichen (Dienstag und Freiraq); zweimal nwnatl. Land­wirtschaftliche -citfrazen ,"ern|pred) - Anschlüsse: für die Nedaktipn 112, Verlag u. Expedition öl Adresse für Depeschen:

Anzeiger Gießen.

?lnnahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vorrnittugs 9 Uhr.

Erstes Blatt

Dormerstag 3. Juni 1909

Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Ztemdruckeret R. Lange.

1S9. Jahrgang

^Cjttßöprci): monatlich 75Pf., mertel­jährlich Alk. 2.20; durch Abhole- iu Zweigsiellen monatlich Pf.; durch die Post Mk. 2. Viertel­jahr!. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokallöPi., auswärts 20 Pfennig.

Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; s. Feuille­ton undVermischtes" K. Neurath; fürStadl u. Land" und(Äencbts-

Redattion, Lxpeditton und Druckerei: Zchulstrahe 7. qjV/r?

letzener Anzeiger

General-Anzeiger für Ohecheffen

Line herzersrischen-e Kundgebung.

Auch in konservativen Wählcrireifen wachst die Miß­stimmung gegen das Verhalten der konservativen Partei in der Frage der Reichssinanzreform, lieber ein neues Symptom dieser wichtigen llnter- und Gegenströmung in den konservativen Kreisen wird derTügl. Rundsch." aus Lötzen berichtet, daß dort die reichstreuen Wähler eine Ver- scmnnlung abhielten, um eine Resolution zugunsten der Regierimgsvorschläge für die Reichssinanzreform yu fassen. Nach einer kurzen Ansprache des königlichen Gpmnasial- direktors Dr. Wiesenthal tuurde einstimmig eine an den Vertreter des Wahlkreises, den konservativen Abgeordneten v. Staudy, gerichtete Resolution angenommen, in der es heißt:

Erne Dersamnrümg Ihrer Wähler aus der Stadt Lätzen, teils eingeschriebener Mitglieder der konservativen Partei, teils Wahlhelfer derselben, hält es für ihre Pflicht, Ew. Exzellenz davon in Kenntnis zu setzen, daß sie mit der Haltung der konservativen Partei in Sachen der Reichs finanzreform nicht einverstanden ist. Wir 6etrachten jeden Tag der Verzögerung als ein Unglück, die Fortdauer der Fnurnznot des Reiches als eine Schande und eine Gefahr für unser Volk. Wir sehen daher mit schmerzlicher Ent­täuschung, daß der nationale Reichstag von 1907 den Er war tungen des bis auf eine Interessenten gruppe opserrvilligen deutschen Volkes nicht entspricht, daß vielmehr die Parteien ihre Prinzipien höher stellen als das Wohl des Ganzen. Wir vermögen aber keine Entschuldigung der konservativen Partei in dem Umstande zu finden, daß auch andere Par­teien das Zustandekommen der Finanzreform erschweren. Jedem einzelnen Abgeordneten ist die Verantwortung für die Lösung dieser nationalen Aufgabe auf die Seele gelegt Insbesondere halten wir den Widerstand der konservativen Partei gegen die Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf Ehe­gatten und Kinder unter den obwaltenden Verhältnissen nicht für gerechtfertigt. Es ist eine Ehrenpflicht der Besitzenden, den im Verhältnis zur Belastung der kleineren Einkommen durch die indirekten Steuern geringen Anteil des Bedarfs, den die Mgierungsvorlage ihnen auferlegt, willig auf sich zu nehmen. Daß man in den Parteizeitungen den Freunden der Erbanfallsteuer Zerstörung des Familiensinns vorwirft, empfinden wir als Beleidigung. Wir hoffen nämlich, unsere Söhne und Töchter zu einer solchen Familien- und Staats­gesinnung zu erzieht, daß sie nach unserem Tode von denk etwa hinterlassenen Vermögen dankbar und gern dem Reiche seinen Anteil geben, dessen Schutz allein die Sammlung und den gesicherten Erbansall des Vermögens ermöglicht. Die konservative Partei hat starke Wählerreserven in dem nationalgesinnten Bürgertum. Das Vertrauen dieserMit­läufer" entfremdet sie sich aber durch ihre Unterordnung unter den Bund der Landwirte und ihr Bündnis mit Ultra- montanen und Polen. In den Kreisen der gebildeten Bürger und Beamten ist Verständnis und Sympathie für die Land­wirtschaft, mehr vielleicht als für jeden andern Erwerbsstand, vorhanden. Man gönnt es ihr von Herzen, daß es ihr bei dem jetzigen wirtschaftlichen Tiefstände von allen Erwerbs­zweigen noch am besten geht. Uinsomehr muß es alle, denen das Vaterland höher steht als jede Partei, verstimmen, daß der Bund der Landwirte ein Haupthindernis der Reichs­sinanzreform ist. Die konservative Partei scheint uns daher nicht gut daran zu tun, wenn sie die Verstimmung ihrer nichtagrarischen Mitglieder und Mitläufer für nichts achtet. Mr würden es schmerzlich bedauern, wenn in der konser­vativen Partei für reichstreue Männer ohne Landbesitz kein Platz meyr sein sollte. Als deutsche und evangelische Männer des national gefährdeten Ostens sind wir empört darüber, daß die deutsch-konservative Partei dem Zentrum bei seinem Bemühen, wieder in den Sattel zu kommen, den Steigbügel hält. Das war wahrlich nicht die Meinung der Mi hier von 1907, daß die ultramontane Partei mit ihrer reichsfeindlichen polnischen Gefolgschaft durch die Hilfe der Konservativen des Reichstags wieder bestimmend für die Geschicke des Reiches werden sollte/' Das ist eine deutliche Sprache, und die konservativen Führer täten gut daran, solche Warnungen wicht in den Wind zu schlagen.

politifd^e Tagesschau.

Ministerialdirektor Thiel

hat gestern seinen 70. Geburtstag gefeiert. Der Reichs­kanzler richtete an ihn aus diesem Anlaß nachstehendes Telegramm:Ew. Exzellenz bitte ich, heute, wo Sie in voller Rüstigkeit das bMische Alter erreicht haben, meine "lierzlichsten Glückwunsch? entgegennehmen zu wollen. Möge Ihre reiche praktische Erfahrung dem preußischen Staate mb der deutschen Landwirtschaft, die Ihnen schon viel ver- Lanken, noch lange zu Gebote stehen; möge Ihnen die Freude «m der Slrbeit und der rheinische Humor niemals ausgehen " 11. a. hat auch die Mrrionalliberale Partei an Thiel, als einem alten, treuen Anhänger der Partei, herzliche Glück­wünsche gerichtet. *

Der frühere serbische Kronprinz erachtet es unter seiner Würde, Genugtuung bei Beleidi- fiungen zu geben. Der Prinz fiel im Audienzsaal des Konnks in Gegenwart vieler Personen über den Major Okanowitsch her und schrie ihm zu, wie er es wagen könne, irr den Konak zu kommen:Sie wollen meines Vaters Gefühle gegen mich vergiften. Haden Sie mehr Macht in diesem Lande als Georg Karageorgewitsch?" Der Prinz geriet immer mehr in Wut:Wer sind Sie unb die Männer, die Sie vertreten? "Feiglinge, Verräter, bestochene Spione! Aber der.König wird mich trotz eurer Machenschaften nicht verleugnen. Sein ältester Sohn ist ihm. lieber als irgendeiner von euch!" Da fuhr der Major auf:So kommen Sie urtl) lassen Sie uns zusammen vor den König hintreten!" Wit diesen an Prinz Georg gerichteten Worten suchte er die Türe zum. Kabinett König Peters zu öffnen, aber ein Adjutant wehrte ihm den Zutritt. Prinz Georg fuhr nun1

fort, den Major und dessen Partei als Verschwörer zu be­schimpfen und forderte Okanowitsch zum Duell. Schließ­lich verließ der Offizier den Saal, da er einen tätlichen Kon­flikt mit dem Prinzen, der außer sich vor Wait war, ver­meiden wollte. Als Major Okanowitsch dem Prinzen Georg später durch zwei Zem^en, banmter bekannte Verschwörer, eine Herausforderung zum Duell schickte, ließ der Prinz die K'artellträger durch einen Diener aus dem Palais werfen und vor der Tür sagen: Eine Ver­schwörerbande darf die Treppe meines Palais nicht be­treten; ich erachte es unter meiner Würde, mit Verschwörern Verhandlungen zu führen.

Deutsche» Reich.

Das Meineidsversahren gegen den Gehei me- rat Hammann, bent vom Amte suspendierten Presse-Dezer- nenten des Auswärtigen AmteS, ist im Sande verlauf«:. Die Unterfud)ung der Staatsamvaltschaft, die schon in den früheren Phasen der Affäre ein Einschreiten abgelehnt hatte, ergab allem Anscheine nach nichts Belastendes, denn das Verfahren wurde ein­gestellt. Herr Hammann kann also wreder seiner Tätigkeck nach­gehen.

Fürst Bülvw und die Konservativen. Eine Mel­dung, die zu verheißungsvoll lautet, als daß sie wahr sein könnte, weiß ein Berliner Korrespondent seinem Pariser Blatte zu melden. Er will nämlich aus zuverlässigster parlamentarischer Quelle er­fahren haben, daß Fürst °Bülow eine energische Aktion vorbereite, um den Widerstand der Konservativen gegen die Finanzreform M brechen. Der Fürst werde diese seine Aktton demnächst in einer Rede im Reichstage andeuten und wenn die Konservativen keine Umkehr halten, dann werde er gegen sie einen energischen Feld­zug enrieiten. Die Konservativen werden die Absichten des Fiirsten an gewissen administrativen Maßnahmen zuerst erlernten.

Die Hauptversammlung des Bundes'deutscher Verkehrsvereine in Frankfurt a.M faßte einstimmig eine Resolution, in welcher die neuerdings geplante Ausdehmmg der Fahrkartensteuer verworfen und die Beseitigung dieser verkehrs- feindlichen Steuer gefordert wird.

Ausland.

Abdul Hamid. Die Nachricht, daß der frühere Sultan nach einem arabischen Dorfe gebracht worden sei, ist unrichtig. Nur in dem Falle, daß Abdul Hamid sich unruhig verhalten würde, soll seine Internierung an einem anderen Orte erfolgen.

MherorürntUcher Banöelsfammerntag.

S. u. H. Berlin, 2. Juni.

Heute fani> im großen Sitzungssaale der Handelskammer zu Berlin die Versammlung der Deutschen Handelsvertretungen, so weit sie in uwnittelbarer Beziehung zu den deutschen Börsen stehen, statt, die von der Handelskammer zu Berlin zwecks Stel lungnahme zu den neuesten Beschlüssen der Finanzkommission des Reichstags über die Besteuerung von Wertpapieren ein- becufcn war. Nach längerer Diskussion wurde folgende Resolution angenommen:

Die am 2. Juni versammelten Handelskammern, die in un­mittelbarer Beziehung zu den deutschen Börsen stehen, erheben schärfsten Widerspruch gegen den völlig verfehlten Beschluß der Fi- iranzkommission des Reichstages, der dem Handel mit Wertpapieren und ihren Besitzerit ungerechterweise unerträgliche Sonderlasten aufbürden will. Die beschlossene Besteuerung würde die deutschen Börsen, die nach dem Inkrafttreten der deutschen Börsengesetz­novelle von 1908 eben auf dem Wege einer allmählichen Ge sundung waren, aufs empfindlichste schädigen und sie noch tiefer herabdrücken als es durch die frühere Börsengesetzgebung geschehen war. Sie würde den deittschen Kommunen, Anstalten und Unter­nehmungen die Erfüllung ihrer wirtschaftlichen Ausgaben erheblich erschweren und die ausländischen Börsen auf Kosten der inlän­dischen stärken. Vor allem aber würde sie die politischen und wirtschaftlichen Gesamtinterefsen und damit die Machtstellung des Reiches bedrohen, weil sie die deutschen Börsen vom internationalen Finanzgeschäft ausschlösse, und die Grundlagen des Außenhandels erschütterte Die Erträge der Steuer würden hinter der von der Kommission ohne sachliche Unterlagen in der oberflächlichsten Weise erfolgten Schätzung weit zurückbleiben. Die Versammlung bittet daher, Reichstag bzw. Bundesrat um Ablehnung der Beschlüsse."

Lvange!isch-5o;ialer Longreh.

S. u. H. H e i l b r o n n, 2. Juni.

Die Begrüßungsversammlung im Theatersaal war so stark besucht, daß biete Kongreßteilnehmer keinen Platz finden konnten. Nach dem Vortrage von BeethovensDie Himmel rühmen des Ewigen Ehre" nahm der Vorsitzende des Ortsausschusses Chef­redakteur I ä ck h von der Neckar-Zeitung das Wort. Er erinnerte daran, daß vor 13 Jahren der Evangelisch-Soziale Kongreß zum letzten Male in Württemberg und zwar in Stuttgart getagt habe. Aber auch in Heilbronn finde er kein Neuland. Ter evangelisch- soziale Gedanke sei in Heilbronn schon lebendig gewesen, als es noch freie Reichsstadt war. Tas Denken und öffentliche Wirken in Heilbronn bewege sich in den Jdeenreihen des Evangelisch- Sozialen Kongresses. Ter Redner.schloß mit dem Wunsche, daß die Tagung die Teilnehmer erfüllen möge mit dem Gefühl für soziale Vervollkommnung zum Gedeihen des gesamten Vater­landes. (Lebh. Beifall). Pfarrer Capns (Tuttlingen) ent­bot dem Kongreß ein Willkommen namens der Evangelischen Arbeitervereine Württembergs. Pfarrer Traube (Stuttgart, begrüßte den Kongreß namens des Evangelischen Bundes und seiner 22 000 Mitglieder Württembergs. Pastor Rohlfs (Osnabrück) dankt namens des Guttemplerordens für die Ein­ladung und dafür, daß der Kongreß seinerzeit den Mut gefunden habe, eine Kritik der deutschen Trinksckten durch Professor Raujchen- bach zuzulassen, obgleich er doch in der Hauptsache von den aka­demischen Kreisen getragen werde, die in der Bekämpfung der Trinksitten noch weit zurück seien. Aber auch auf diesem Gebiete gehe es vorwärts auf der ganzen Linie, sogar in Württemberg (Lebh. Heiterkeck).

Pfarrer Naumann (Heilbronn mit stürmischem Beifall begrüßt, führte ans: er wolle sich nicht mit denen beschäftigen, denen es Ueberwindung gekostet habe, auf dem Kongreß zu er­scheinen. Man dürfe nicht übersehen, daß, wenn die freigesinnten Kreise sich nicht um kirchliche Einrichtuirgen kümmern, damit die Kirche noch lange nicht aus der Welt geschafft ist. Daraus folgt nur, daß die Freigesinnten die Unfreien in der Hand halten. Noch stehen du»rch das ganze Land hin die Kirchen, wird Religionsunterricht erteilt. Wir freuen uns ihnen zurufen zu können: die große Instrumentation der Vergangenheit arbeitet weiter, aber ohne euch! Es ist richttg, daß der Heidelberger Pro­fessor Rohde schreibt: Ungläubige Zecken haben uns schon oft

zusauimen geführt. Daher muß der Evangelisch-Soziale Kongreß den freigefmnten Kreisen zurujen: Auch Ihr sollt mithelfen. Ter Katholizismus steht als Kirche sehr fest, als Weltanschauung aber schwächer da als der Protestantismus. Wer sind die Völker, die die größten Errungenschaften der modernen Zeit gezeitigt haben? Tas sind die Engländer, die Amerikaner unb nicht zuletzt der protestantische deutsche Norden. Ter Protestantismus hat die Menschen lebendig und scha)fensfreudig gemacht. Die großen Denker des deutschen Volkes gehören in den Protestantismusl hinein. Heute aber steht der Protestantismus nicht mehr vor religiösen, sondern vor sozialen Fragen. Ter Fortschritt der Menschheit hangt davon ab, wie er selbst von den Menschen eingeschätzt wird. Wir können nicht ohne den Mammon leben, aber durch Geld und Mechanik allein können die Fragen der Zeit nicht gelöst werden. Hier setzt brr evangelifch-soziale Kongreß ein gegenüber dem Ma­terialismus. Zu einem Luftschiff braucht man wohl Motoren und Aluminium, damit allein aber hätte Graf Zeppelin sein Luftschiff nicht konstruieren können. Tazu gehört der eiserne Wille, der sich mit seiner Idee unlöslich verbunden hat. Ma­terialismus und Egoismus lassen die Menschheck in den alten Bahnen weiter laufen, neue Formeln werden nur von solchen gefunden, die den Mut l)aben, sich einer Idee völlig hinzugeben. (Stürmische Zustimnlung.)

Professor Harnack-Berlin: Unsere große Mutter Deutsch­land hat mehrere Kinder, die wir alle lieb haben, aber mit dem Schwabenlande ist es etwas ganz besonderes. Es ist die älteste Schwester, jedem der hierher kommt geht das Herz auf. Nicht nur vom Hohenstaufen zum Hohenzollern, es gibt in Schwa­ben noch andere Wege, die zu hohen Zielen geführt haben. Die Menschheit schreitet fort, aber der Mensch bleibt derselbe. Die großen Schmerzen und tiefsten Sorgen sind dieselben geblieben. Ebenso aber auch die höchsten Ideale. Wärmen und stärken tarnt nur das Solidaritätsgefühl. Möge auch der Kongreß in dieser Beziehung zu seinem Teile daran arbeiten. (Lebhafer Bei­fall.) Harnack dankte schließlich allen Rednern für ihre Begrüßungs­worte.

Tie erste geschäftliche Sitzung im Saale der Harmonie war überaus zahlreich besucht. Der Vorsitzende Professor D. Harnack- Berlin begrüßte die Versammlung unb wies in seiner Eröffnungs­ansprache darauf hin, daß der Begriff der sozialen Ausgaben sich seit der Zeck der kaiserlichen Erlasse verschoben habe. Damals bezog er sich fast ausschließlich auf die Fabrikarbeiter. Wieviel hat sich seitdem ^ändert. Ter Entwurf' des Reichsversicherungs­gesetzes ist in dieser Beziehung ein Beispiel. Er bedeutet eine Leistung unseres Volkes, wie sie noch von keiner Nation geschaffen worden ist. Mit Freuden begrüßen wir den Mitarbeiter an diesem Werke, den Grasen Posadowskv, in unserer Mitte. Freilich wird man sich auch nicht dem Gedanken verschließen können, daß die Bersicherungsgesetze für den Trägen aud) Gefahren bringen, man wird auf Mittel sinnen müssen, um das Verantwortlichkeitsgefühl des Einzelnen zu heben. Tie Versicherungsgesetze sind univirksam, solange nicht der Arbeiter innerlich moralisch frei ist. Ter Kon­greß stehe im Zeichen des Evangeliums, der Liebe und Brüder­lichkeit. Daher sei es Pflicht, auch derer mit Achtung zu ge­denken, die seinen Bestrebungen entgegenständen. Der Redner schließt mit einem Hoch auf den Kaiser unb den König von Württem­berg. Namens der württembergischen Regierung sprach der Mi­nister des Innern v. P i s ch e k. Er erklärte, daß die Negierung Württembergs den Ausgaben des sozialen Kongresses mit voller Sympathie gegenüberstände, daß sich die Begriffe württembergische Regierung und soziale Ausgaben beinahe decken. Die württem- bergische Regierung werde auch weiter bei der Reichssinanzreform von sozialen Gesichtspunkten aus an der Erbansallsteuer festhalten. (Lebloser Beifall.)

Sodann ergriff, von den Anwesenden stürmisch begrüßt, Staatssekretär a. T. Graf Posadowsky das Wort zu seinem Vorttage über

Luxus und Sparsamkeit.

Ich bin in dieser Versammlung bedeutender Sozialpolitiker erschienen um zu bezeugen, daß ich eintrete für die innere Berech­tigung der sozialpolitischen Bestrebungen des Evangelisch-sozialen Kongresses. Tie Gegner der modernen Sozialpolitik setzen sich in Widerspruch mit der Sittenlehre aller gebildeten Leute. Um den ungeheuren Gefahren der Gegenwart zu steuern sind die Staaten gezwungen, den Weg der modernen Sozialpolitik zu beschrecken. Ich betrachte es als höchsten Ruhmestitel unseres Volkes, auf diesem Gebiete Pfadfinder gewesen zu sein. Ich er­innere mich mit Stolz an ein Wort, das der Präsident der fran­zösischen Republik, Loubet, mir bei einer Audienz sagte: Die so­ziale Gesetzgebung Deutschlands wird die ganze gebildete Welt revo­lutionieren. Es ist eine irrige Annahme, der Sozialpolitik die Schuld an der gegenwärtigen Finanzkalamität zuzuschreiben, oder zu glauben, daß infolge der Sozialpolitik die wirtschaftliche Stel­lung Deutschlands zurückgehen werde. Luxus und Sparsamkeck ind die beiden Pole unseres Wirtschaftslebens. Zu gleicher Zeit, da in Deutschland die Frage der Sparsamkeit besprochen wird, ist sie auch in England auf der Tagesordnung unb in Amerika, wo man glaubte, man wisse nicht wohin mck den Ueberschüssen. ^Heiterkeit.) In der Wissenschaft hat man versucht, den Begriff des Luxus zu definieren; diese Erklärungen sind aber nicht aus­reichend. Was in früheren Zeiten als Luxus galt, irirb bald zu einem allgemeinen Volksbedürfnis. Im gewöhnlichen Leben ieht man oftmals nur den Luxus bei anderen. (Heiterkeit.) (§6 wäre volkswirtschaftlich verkehrt, den Luxus an unb für sckh als etwas Verderbliches anzusehen. Nehmen wck z. B. die (Snri Wicklung des Automobilverkehrs an, so sehen wir das deutlich Was heute manchem als Luxus erscheint, kann bald als allgemeines Bedürfnis gelten. Ein gewichtiges Wort auf dem Gebiete des Luxus spricht die Mode, so unsinnig sie auch manchmal sein mag. Luxus bringt auch oft mehr gutes als Almosen. Im Mittclaller roirften Staat und Kirche gegen den Luxus Man sal) in der Polizei einen Polvpen, der alles umfaffen könne Ja es gibt Leute, die dieser Anschauung auch heute noch huldigen cs gibt Leute, bte eine Ueberhebung darin erblicken, daß der Arbiter z. V. anständig gekleidet geht. Dian muß sich aber freuen zu sehen, um wieviel besser sich der Deutsche gegenüber dem franzöftichen und englischen Arbeiter in den großen Industrie­zentren kleidet. Es gibt natürlich einen vermessenen Luxus, von dem man sagt: Große Vermögen gehen selten in die dritte Gene­ration. Luxus treibt der, der mehr ausgibt als er kann Ter unberechtigte Luxus wird auf dem Gebiete des gesellschaftlichen Lebens getrieben, wo oft die geistigen Güter über den materiellen oergenen werden. ^ie Gesellschaft mit ihrer Repräsentation hat sich liier zur fixen Idee entwickelt. Es ist ein plutokratischer Bureaukratismus aufgekommen. Die Auswahl der Beamten findet weniger nach Befähigung als nach der finanziellen Leistungs- lamgieit statt. Dadurch sucht der betreffende Beamte Eftcktuß zu,gewinnen, den er nur seinem Amte selbst verdanren soll. Als äußerst ichädlich i|t weiter zu nennen der Trinkluxus in Deutsch- Ed. Erne «teuer auf alkolwlfreie Getränke würde ich daher uit ethischen unb volkswirtschaftlichen, Sinne jux einen argen