Nr. 295 Zweites Blatt
159. Jahrgang
Donnerstag 16. Dezember 1909
Erichenn lil-Nch mti Hu8nat}nw hef SonncagT.
tte „Siebener ZomUiendläNer" werden dem ,91nsetflere otcnnal wöchenilich bctgelegl, daS „Krctsbkm für den Kreh Lietzen" zweimal wochciillxch. Die ..Lanvwtrtschastltche» Lett- fragen" erscheinen monailid) <roeunaL
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhesftn
fUianombnid em* Verl«, He llmocrfuätl»Buch- and 6tetn&curf$cet»
R. Lange. Eleven.
Rebaftten. Expedltron and t ruderet: Schul» ftraße ?. Eroedinon and Verlag eaen# 6L Stcöaf tum: e=a*> 112. teL-Slbu: !Uruetgcr<*ieMib
hessische Zweite Kamme?.
R.B. Darmstadt, 15. Dez.
Am Regierungstische: Staatsminister Tr. Ewald, Minister be-5 Innern Tr. Braun, Finanzminister Dr. Gnauth, Geh Rat Wildrand.
In der nm 10Vs Uhr vom Vizepräsidenten Kvrcll eröffneten Sitzung nimmt .vor Eintritt in die Tagesordnung Abg. Bahr das Wort und führt Beschwerde über die mangelhafte Berichterstattung im „Ingelheimer Beobachter". Dann wird in die Tages- ordnrmg cingetveten und für die Vorstellung des Taglöhners Ambrosius Böhnlein in Offenbach ein Berichterstatter ernannt.
Bei Besprechung der Anfrage der Abgg. Tr. Pagen stecher md Genossen und Tr. Schmitt und Genossen, bett, den Wohn. 1 i 6 der Offiziere des in Mainz-Ko stel neu zu s o r- mrerenden Pionierbataillons, erklärt
Avg. Tr. Schmitt (Zentr. , es sollten im nächsten Jahre in dieser Einsicht Aenderungen vorgewommen werden. Wenn bei !>en verheirateten Offizieren ein gewisser Mangel an Wohnungen nicht adznrstreiien sei, )o bestehe doch bei den unverheirateten kein Grund zu Klagen wegen Wolmuugsnurngels. Tic Ofiiziere ziehen twtzdem nach Biebrich wird hierdurch hat das hessische Mainz, in öddrrn bie Garnison liegt, das Nachsehen. Ter Redner hofft, daß diese Verhältnisse sich bessern werden, besonders »veil ihm ^(rt.V^ben ist, daß der Kommandeur des 18. Armekorps es den Offizieren schwn nahe gelegt habe, möglichst nach Lessen herüber- zuziehen Besserten sich über die Verhältnisse nicht, dann müsse man eien fpäter nochmals vominen und rwchuurls eine solche Interpellation wie die heutige cinreichcir.
' Tamil ist die Besprechung der Jnterpellvtion erledigt.
Es folgt die Besprechung der Anfrage der Abgg. Tr. Osann vnd Genossen, betr. die Notlage der Schä l wa ldbe si tze r iin südliclzon Odenwald.
Abg. Kredel (Natl.) gibt eilte auf der Tribüne unverständlich gebliebene Schilderung von den gegenwärtigen ungünstigen Verhältnissen der SMlwaldindustrie.
Aog. Tr. Osann betont, die 'OtatTagc der Schälwaldbesitzer fti bei Regierung bctoint nnb werde au h nicht von ihr bestritten. Er habe aber von der Regierung erfahren wollen, was sie zu hm geben Ec, um den geschädigten Gemeinden und namentlich auch den Privatbesitzern von Schälwaidungen l,u Hilfe zu kommen. 6s habe ein ganz außerordentlicher Rückgang der Preise für bie Lohrinde stattgesunden, von etwa 12 auf 4 Mark und dazu hätten de Arbeitslöhne eine starke Steigerung erfahren. M nn tie Regierung jetzt Vorschläge, daß die Schästvalbbesitzer statt bei Eichen Ehiistbäume anpilanzen sollten, so sei das doch ein fragliches Beginnen und die Besitzer bezweifeln sehr, daß solche An- Pi lanzungcn sich in absehbarer Zeit rentieren würden. Die Regierung sollte die Verfolgung der Sache nicht allein der Land- trirtschastskammer überlassen, sondern selber durch Aufklärung und Eelhrung der interessierten Bevölkerung und durch geeignete Maßnahmen, vielleickst P wbeanpflanz ungen usw. da bin wirken, daß toc Notlage der Scks uwaldbesitzec hn südlichen Odenwald gehoben rurb. Auch die badische Regierung habe für ihre Angehörigen be- rcits Schritte getan und Versuche verschiedener Art erngcleitet.
Minister des Innern Tr. Braun: Tie Regierung erkennt vollkommen an, daß der derzeitige Preisstand für bie Lohrinde oußervrdentlich traurige Verhältnisse in der Odenwälder Bevöl- Irrung gezeitigt hat, vielleicht nicht so sehr bei den Gemeinden wie bet den Privatbesitzern. Diese Erscheinung hat schon in den 80 er Jahren bas Haus beschäftigt. Damals wurde durch einen Antrag Arnold ein Schutzzoll gegen die Einführung ausländischer Rinden vorgeschlagen, der j^wch abgelehnt wurde. Heute ist der Zollsatz ziemlich hoch Ein lre teres Schutzmittel gegen bie Verarmung ist das Ueberführen der Schälwaldungen m Hochwald, was jedoch ungeheuere Kosten verursacht. So kostete z. B. in Erbach daS lieber führen des vierten Teiles Gemeinbeschälwald in Hochwald über 100 000 Mark. Diese Summen können ohne staatliche Hilftz nicht aufgebracht werden. Im Verhältnis zu diesen Summen U das Tempo der Umwandlung sehr langsam. In Betreff der Verarmung der Odemvalbbevölkerung sehe Abg. Tr. Osann zu schwarz. Tie großen Unternehmungen z. B. Kreisstraßen und nab Wasserleitungen, könnten nicht als . Zeichen der Verarmung ausgefaßt werden. Bei den Privatbesitzern ist die Schwierigkeit größer. Wie uns die Landwirtschastskammer mitgeteilt hat, will W den Privatbesitzern ihre Unterstützung nickst entziehen Die mit l - en geplante Konferenz hat bis jetzt noch nicht stattgefunden, voraus ich den Schluß -ziehe, daß sich die Besitzer der aufaerl ordentlichen Schwierigkeit der Frage bewußt sind, wie dem Privatbesitzer zu helfen ist. Vielleicht können die un5 einen Weg zeigen. Die Tätigkeit der Kreisrätc steht schon soweit als möglich im Dienste der Bevölkerung, obgleich man sie in der Landwirtschafts
kammer auszuschalten vermochte. Tie Regierung werde wie auch seither schon der Örage stets ihr Auge zunxmden
Abg. Lang (Natl.) stimmt den Aussührungen des Abg Osann zu. Er verweist auf einige Lederproben aus dem Tisch des Hauses. Tiefe seien nach einem neuen Verfahren von SdyroinM mittelst hessischer Lohrinde hergestellt. Dieses Verfahren sei nach dem Gutachten eines hervorragenden Sackwerständigen geeignet, bie hessische Lohrinde mit der ausländischen vonkurrenzsahig zu machen.
Abg. Reinhart (Natl.) lauf brr Tribüne fast unverständ lich), weist darauf hin, daß jedes Jahr neue Gerbstoffe bringe uw baß im vorigen Jahre nach Deutichland für 37 Millionen Mati Gerbstoffe einaesührt mürben. Dies ©ZCb könne im itande bleiben Nur die Militärbehörde halte noch am lvhgegerbten Sohlleder fest, während man sonst mit ausländischen Rinden und Extrakte:' hergestelltes Leder verbrauck)e.
Abg. Orb (Svz.); Die Velehiungcn der Sck-älwalbbesitzri durch die Regierung allein tun es auch nicht, der Staat soll auch durch die Tat unterstützen. Um Wege zur Abhilfe zu zeigen, sei die Regierung und ihre Beamten da.
Gehcimerat Milbrand führt aus: Tie schlechte Geschäfts läge treffe mehr die Gemeinden, die keine Arbeiter finden, als die Privatbesitzer, die ihre Arbeit selber verrichten. Sehr rentabel sei z. B. die Zucht von Christbäumen, amb das Pflanzen von Tevorationsmaterial. Die Staatsunterslützung sei eine indirekte durch Lieferung von Pflanzen zu Mininvalpreisen. Das Schwindü sche Verfahren nütze nicht viel.
Es ibrcdxn noch die Abgg. Büchner, Lang und Bähr, welch letzterer feststellt, daß sich auch bie Landtvirtsckwftskammer mit dem Notstand der Schälwaldbcsitzer besckZaftigt habe und dieselben demnächst zu einer gemein)amen Besprecksting einhxbat werde.
Tanrit ist die Besprechung der Anfrage erledigt.
Bei Besprechung der 2Lnfrage des Abg. Berthvlb^ betr. die Zustände in der Eisenbahn Hauptwerk st ätte> zu Darmstadt mackst der Antragsteller nähere Ausführungen über Die dortigen Arbeitsvorschriften usw. Tie Äücklohnsätze seien gegen früher erheblich reduziert worden, fo daß die Arbeiter nichts mehr verdienen könnten. Sie müßten auch ganz überhastet ar- beiten, weil der Minister eine Prämie für die sckmelle Probefahrt unb Auslieferung der Mascknnen erhielten. Der Redner greift dann mehrere Meister mit Namensnennung an, welche die Arbeiter schlecht behandelten unb kritisiert dann das Werkstättew- Material, das an die russischen Zustände erinnere. Nach dem Brand des Main-Neckar-Bahnhoss seien ztvei Arbeiter in die Trümmer- ftätte gejchickl worden, Die Dann durch einen Herabsturz des Hantind verunglückten und nun arbeitsunfähig seien. Die Regierung sollte alles tun, um in der Werkstätte einen menschenwürdigen Zustand zu schassen.
Tis Anfrage ist damit erledigt.
Vizepräsident Korell erklärt, daß nunmehr das Beratungs material! erschöpft sei. Wann die Kammer im neuen Jahre wieder zusammenberusen werden könne, hänge von der Förderung der Arbeiten in den Ausschüssen ab. Er schließt die Ätzung mit den besten Wünschen aut ein fröhliches Weilmachts' und Neujahrsfest und teilt dann mit, daß Nach kurzer Pause unter Ausschluß der Oefsentlichkeit noch eine Besprechung über baä neue Budget für 1910 stattfinüen werde.
Publikum und Journalisten verlassen darauf unt 12y3 Uhr das Haus.
politische C<?gesschoirr.
Eine neue konservative Tageszeitung für das Reich
Man schreibt uns aus Berlin:
Der letzte konservative Parteitag in Berlin brachte it a. die bemerkenswerte Feststellung, daß die konservative Parteileitung der Frage der Schaffung eines großen volkstümlichen konservativen Parteiorgans näher treten will, nachdem man eingesehen hat, daß bie Bekämpfung der Partei in Sachen ihrer Stellungnahme zur Reichsfinanzreform von der Gegenseite hauptsächlich durch deren Pre se geschehen fei Tas geschäfisführcnde Vorstandsmitglied Stackmann ließ in den Verhandlungen deutlich durchblrcken, daß es mit der bisherigen konservativen Pns e nicht getan sei, die zu wenig an Die Massen herankomme. Man müsse an die Schaffung einer großen, volkstümlichen konservativen Tageszeitung denken, die die Inten ssen aller Stände und Berufe vertreten soll, deren Angehörige sich zur konservativen Partei bekennen. Ursprünglich hatte man
KnwNMMBO
daran gedacht, die „Staatsbürger-Zeitung", die je£t int Berlage der „Deutschen Zeitung" hergestellt tvrd, au| breiterer Grundlage auszubauen. Wie die „Deutsche Journal- post" jetzt erfahrt, ist dieser Plan jedoch n>ieber fallen gelassen worden, und man geht in Parteikreisen mit dem Gedanken um, das „Deutsche Voli'sblatt für Stadt und Land", das gegenroämg im Verlage von Reimar Hobbingin Berlin einmal wöchentlich erscheint und in Wittenberg, Bez. Halle, gedruckt wird, als große konservative Zeitung für das Reich tuszubcrucn. Das Blatt wird schon gegennnivtig in inten» iver Weise in der preußischen Monarchie verbreitet. Schl» ische Großgrundbesitzer beziehen nach der eigenen Angabe Der beteiligten Kreise 100 bis 1000 Exemplare, ebenso toiijer- uarive Fabrik- und Bergwerksbejitzer zur Verte.lang unter ihren Leuten. Es ist demnach also auch gewisfermaßen als conserva.ives Arbeiterblatt gebucht. Auch »n^den Kasernen tat es Eingang gefunben unb wird an die Soldaten zum Teil gratis verteilt. Das Blatt laßt sich gegenwärtig durch Zuschriften aus feinem Leserkreise bestätigen,, daß es die beste Lektüre für kleine Handwerker und Arbeiter ist. Ein Rittergutsbesitzer bestätigt dem Blatte, daß er es dem Vvr- .itzenden des Bundes der Landwirte als besonders wertvoll zur Propaganda gegen die Sozialdemokratie empfohlen und angeregt habe, daß das Blatt von [eiten des Bundes unterstützt werde. Da gelegentlich des Parteitages auch ein energischer Hilferuf $ur materiellen Unterstützung Dec konservativen Parteipresse ergangen ist, so erscheint es nicht ausgeschlossen, daß der Plan, eine große konservative Tageszeitung für die breiteren Massen des kouservanven Mit.el- unb Arbeiterstanbes zu schaffen, von Er,olg begleitet sein wirb.
Konrad Haußmann gegen den Reichskanzler.
Der Reichstagsabg. Konrad Haußmann glaubt einen guten Schlag gegen Herrn o. Bethmann-Hollweg zu führen, inbem er ihm in der ,Bofs. ßtg." oorroicft, daß er keine Parteiregierung wolle. Haußmann schreibt n. a.:
„Die Formulierungen des neuen Kanzlers, mit denen er auf dem Gebiet der inneren Politik der neuen Lage ausweichen wollte, haben in der viertägigen Debatte nicht Stand gehalten. Herr ü. Bethmann-Hollweg sträubt sich n£gen den Dualismus, gegen die zwei Lager, gegen die klare Scheidung rechts und linls. In der Etatsdebatte ist die Gruppierung in zwei Lager starker in die Erscheinung getreten als je im deutschen Reichstag seit zwanzig Jahren. Nie wurde der politische Gedaulengang des leitenden Staatsmanns durch die Kundgebungen aller Parteien stärker desavouiert. Damit ist denn bereits konstatiert, daß der neue Kanzler nicht „leitender" Staatsmann des deutschen Parlaments und in der inneren Politik ist. Vielleicht betrachtet er das als einen Vorzug mit derselben Unbefangenheit, mit der er aus der Not eine Tugend gemacht und ausgerufen hat, es gibt in Deutschland keine „Parteiregiemng", wie es keine Regierungspartei gibt. Die Regierung freut sich, daß sie keine Partei hinter sich hat. Aber dieser Mangel ist kein Beweis tron Gesundheit unb Starte. Dieser Zustand ist vielmehr annormal unb ungesund. Er ist der tiefste Grund jenes „Mangels an Autorität", über den die Regierung klagt. Tie politische Haltung der Regierung ist so wenig klar, das polittsche Programm ist aus Angst, anzustoßen, so negativ, daß sich keine einzige Partei offen mit der Regierung identifiziert, daß gerade auch Die Rechte unb das Zentrum, wie von einem Naturrecht davon Gebrauch macht über die Regierung, über ihre Bureaukratie und ihren „grünen Tisch" unb über ihre „Sünden" nach Zeit, Ort unb Gelegenheit loszuziehcn.
Das ist in Wahrheit ein lächerlicher, unwürdiger unb schädlicher Zustand.
Dadurch vor allem wird das Verantworckichkeitsgefühl der Regierung, der Parteien und der Mähler abgestumpft und her- abgewirtschaftet. Die „Negierung" droht ein mechanischer Begriff zu werden, und die Reibung ist schon jetzt endlos.
Das, toas eine Regierung für nützlich hält, Farm sie rasch, sicher und einheitlich nur durchsetzen, wenn sie eine Regierungsmehrheit nicht bloß für irgend eine allgemeine Idee, sondern für eine zusammenhängende Politik unb für bie Art ber Ausgestaltung der Idee hat, und eine dauerhafte Mehrheit kann nur von einer Regierungspartei ausgehen, von einer Partei, die stolz ist, der Regierung zu folgen, weil die ihre Uebeneugung verwirklicht, und weil unpopuläre Akte auch vor den Mählern eine
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Der Christbaum.
Einige Re fo r mg eda n ken.
Von O. ScheN (Elberfeld).
Dieder naht es, bas Weihnachtsfest mit seinem Zauber für Groß unb Klein, mit feinem lrcllen Lichtcrschein, ber bas Her; des Kinbes in seliger Lust höher schlagen laßt, der auch das Lerz der Erwachsenen mit warmem Glanze durchleuchtet und ihm die Kindheit int seligen. Erinnern, jugendfrisch ausleben läßt. Der Christbaum mit seinem Lichterglanz ftcht im Mittelpunkt unseres
Gar manche irrige Ansicht hat sich an den Ehristbaum geknipst unb droht zum festen Gtaubensveftand unseres deut)chen Holkes zu werden, mit seinen! alten Volksglauben immer inniger »erschmelzend. Darin liegt cinerseüs der freudigen begrüßende Hohe Wert des Ehristbaums ausgedrnckt, andererfeits aber auch feie Gejalw, an die vorn Volk geheiligten Ansck>auungen, loerm es not tut, eine kritische Sonde zu legen. Vorweg muß leibet* tie sehr verbreitete Ansicht von dem schon aus germanisck^ Urzeit stammenden Alter des Christbaums beseitigt werden. Er kommt eben nicht aus ältaermanischer Zeit und wurzelt retnes* Ifcffä in altgermanischer yluffassung des Jahres, ^.arum ist es nie und nimmer angängig, in seinen Lichtern Den Gumtz des «euerwachteu Sonnengottes iWinterso-rmenwende), der Fro oder Areyr genannt wurde, zn erblicken: auch erinnern die dichter des Beihnackchsbaumcs nickst an ein alles Opfer, das dieser Gottheit einst dargebracht wurde. E. Mogk spricht )td> m ber )ach)isck)en Lollskunbe mit treffenbeit Worten darüber aus, tonn er schreibt: .Alter Glaube und deutsckses Gemüt bilden den Boden, auf dem irr Christbaum Wurzel geschlagen l)at und gewachsen ist. Ver- ätbiebciie Vökker, zu denen auch unsere Vorfahren gehören, lebten Fit uralten Zeiten in dem Wahn, daß einige Bäume zweimal Nähten unb Früchte trügen. In beit Winter irrurbe bte 3pt tiefer zweiten Blüte, die Zeit der zweiten Ernte verhetzt. Dieses Glaubens bemäckstiate sich auch die Kirche; ilyre exfmft)teller »ahmen ihn, wie so imuiches andere aus dem Heidentum, aus ■mb erzäUten, wie diese Bäume in den Weihnachtstageu ihre Stollen Früchte trugen. Vor allem waren es die Apfelbaume, von lenen diese Märe galt, und hieraus erklärt sich die Rolle, Dte tod) heute die Aepfel unter und an dem Chrlltbaum i Vielen. Nach ähnlichem Glauben sollte ferner in der (ibriftnacfjt bie ganze Statur grünen und sprossen. Man pflückte deshalb Zweige und trug sie in das Zimmer, das sie am Ehristtage ' djmudm talltcn. Ers ist ja bekannt, daß bie,er Glaube heute noch jyrtlebt; in tieüai Familien werben aut AÜdreastage Kirsch- oder Aepfetzweige
gepflückt, von denen man am Christfeste die Blüte erhofft. Mancher weiß ja vielleicht auch aus eigener Erfahrung, wie oft diese Hoffnung zu nidste wird. Soldse getäuschte Hoffnung und zugleich bie Freude der Deutsd?en an Wald und Walbesgrün mögen es gewesen sein, bie auf den Gebauten führten, ben grünen Baum bcs Winters, ben Tannen- ober den Fichtenbaum, in bie menschlichen Wohnungen zu tragen."
Wahrscheinlich bat der Meihnackstsbaum noch einen anderen Ursvrung. In England herrscht bekamttlich die Sitte, zu Weihnachten einen Mistelzweig aufzuhängen, und allerlei Bräuche knüpfen daran an. 9am hat bie älteste Nachricht, die man zu unserem Weihnadstöbaum in Beziehung gebracht hat, eine unverkennbare Achillichkeit mit diesem englischen Braud,c. Der berühmte Prediger Geller von Kaisersberg nämlich eiferte 1598 gegen die Sitte, daß man Tannenreiser in die Stube lege. Diese Sitte mag damals fdxm alt gewesen sein und mit der englischen Gepflogenheit denselben Ursprung haben. Es ist auch heule z. H. noch in Dänemark üblich, am Christabend mit einzelnen Tannen- reiiern die Bilder der verstorbenen Familienglieder zu schmücken. Tas Sckpnücken des Hauses unb Zimmers mit Tann eng rün soll heute noch stellemveise in Westfalen oortemmen. Wir haben also, bas darf als ziemlich feststehend gelten, in der ursprünglichen Art des Gebrauches von Tannengrün in unseren Wohnungen zur Weihnadstszeit, die mit der Wintersotrnentonbe fast zusammen- fällt, einen cmiadien, ansprechenden Schmuck, ber um'er winterliches Heim mit einem Teil des Waldes beleben unb verschönen soll, wobei der anl-astende Glaube vorläufig ganz außeracht bleiben kann. Tie Vorliebe des Deutschen (unb ber ihm verwandten Nachbarvölker) für den Wald, bie allerbings uralt ist, fand darin einen ongcmeijenen Ausdruck. Wann man von einzelnen Tnnnen- reifern zum Tannenboum überging, ist bisher wohl nicht fest- geslellt nwrden. Aber berells ums Jahr 1600 hatte die katholische Kirche im Msaß feine Bedenken mehr gegen die Anwendung des Weihnadstsbaumes. Schon im Jahre 1604 war der Gebrauch dort allgemein geworden, wie aus wlgenbcn Mitteilungen her- ovrgeht: „Llufs Weihnacksten rickstet man Darrn en bä um zu Straßburg in ben Stuben aufs, daran Henckel man Rosen aus vielfarbigem Papier gefchnitten, Aepfel, Oblaten, Zischgvld, Zucker." Tiefe Auslassung zeigt aber bereits die wichtige Wendung, bit mit Den grünen Waldbaum vorgegangen war: er Dient nlchr mehr allein zum Schmuck des Hauses, ionbern wird selbst geschmückt unb geziert.
Tie Verbreitung des Gebrauchs des TMrnenbMns twllzog sich jiim allmählich. Im Jahre 1737 findet sich aus Zlllau die Mitteilung, daß der Christbaum mit Lichtern geschmückt und
in den Mittelpunkt ber Weihnachtsfeier gerückt würbe. Aber hier ist noch von Heinen Einzell)crumchen bie Rebe, wohl ein Anklang an bie ehemals verwandten Zweige. Es war ein leicht und gewiß bald l-erbeigeführter Schritt, bie Einzelbäumchen durch einen großen gemeinschastlichelr ..Familienlichtbaum" zu ersetzen. Erst ums Jahr 1800 wird der Christbaum häufiger, und in ber zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ton er nach den meisten deutschen Ländern und nach Nordamerika.
So ist ber Gebrauch bes Christbamns eine junge Erscheinung, Die erst in jüngster Zeit eine allgemeine Verbreitung auch aus dem flachen Land« gesunden hat, eine Erscheinung, zu deren Verbreitung bas rein zufällige Zusammentreffen der christlichen Weihnachtsfeier mit der hochheiligen Zeit der alten Germanen wesentlich beigetragen hat. Es ist auch möglich, baß ber Weihnachis- bäum in feiner heutigen Herrid^ung eine Nad-ahmung bes ge- sd-mückten Maibaumes ist; bann würbe allerdings bie ganze Frage nach dem Ursprung in wesentlich anderen Bahnen gu halten sein. Möglicherweise hat man aber nur den bunten Flitter nun jenem entlehnt, ber ja als Ridübaarm aus unseren 9teubauten schon in engere Beziehung zum Hause getreten ijt
Tuntel ist and bleibt manches, wie wir sehen, in der geschichtlichen Entwicklung des Christbaums. Aber das bars als feststehend angesehen werben, daß er in seiner heutigen Art kein seht hohes Alter beanspruchen kann, so daß die Pietät vor deut geheiligten Alter nicht jede Kritik untersagt.
Um für eine solche sichere Grundlinien zu genrnmen, muß daraus verwiesen werden, daß, wie O. 5x^1001 bra^cim sagt, die Ausschmückung des Wcihnachtsbaumes em Zweig volkstümlicher Kunst Ul, eine Kunstdomäne der Familie. Diese Volksllmst, heute fast die einzige, welche allgemein geübt wirb, hat aber die natürlichen Vorbebingungen längst eingebüßt, bie sie vordem auch in Deutschland besaß, als das Tannenreis, der Tannenlxnnnt noch ben eigenen Wert ausschließlich in sich trug, -SelbsH-oeck aber nicht Mittel zum Zweck, wie es heute (eiber brr Fall ift Ter Schmuck bedeckt heute ben Baum oft fo, daß man vorn Maldesgrün kaum noch einen Schimmer gewahrt. Wenn aber Der Christbaum ben Zweck hat, ben Zauber des Wald-?s ins winterliche Heim, in bie Herzen ber armen unb reichen, ber großen unb kleinen Menschen zu verpflanzen, bie unnennbare Poesie Des Waldes nachklingen zu lassen in der Seele, bann muß er in anderer Weise geschmückt werden, als es heute burcheoeg bie Regel ist, bann muß man von der Unnatur unserer Zett zur Natur zurückkehren.
Unb wie kann bas geschehen? Zunächst stutze man ben Baum nicht zurecht durch Ausfchneiben und Einfügen von Aesten, durch


