Ausgabe 
20.3.1909 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 67

Zweites Blatt

156. Jahrgang

Samstag 20. März 1909

Gießener Anzeiger

Erscheint lSglich mit Ausnahme deS Sonntags.

General-Anzeiger für Oberhesjen

Rotationsdruck und Verlag der BrRhlfchW» Unwersitäts - Buch, und GtembructcteL R. Lange, Eichen.

DieStehener ZamiUenblStter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich bcigelegt, da? Nreirblatl für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit- kragen" erscheinen monatlich zweimal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strahe 7. Expedltron und Verlag: e^5L Redaktion:e^All2. Tel.-Adru Anzeiger Gießen.

vor der Entscheidung.

Geändert hat sich in der bis aufs äußerste gespannten uoch immer' nichts. In Serbien ist es unheimlich ^'uhig geworden, aber in Oesterreich ist die allgemeine Er­regung um so größer. In der gestrigen Sitzung des öster- relchischen Abgeordnetenhauses hat der Finanzminister von Bilinski sich genötigt gesehen, beruhigende Erklärungen hin­sichtlich der Einlagen in den Sparkassen zu geben. Ohne auf die Frage des .Krieges näher einzngehen. trat er den Ge­rüchten entgegen, wonach der Staat im Falle eines Krieges die Spareinlagen mit Beschlag belegen werde. Die Einlagen in die Sparkassen blieben unversehrt, ohne Rücksicht auf Frieden oder Krieg. Im lveiteren Verlauf der Sitzung brachten fast alle Redner den Gedanken zum Ausdruck, daß man zwar den Frieden wolle, aber nicht den Frieden um jeden Preis, nicht um die Preisgabe der Ehre Oester­reichs, und nicht um heute den Frieden zu erhalten und morgen den Krieg mit um so größeren Opfern führen zu nrüssen. Selbst slavische Redner führten aus, daß im Kriegsfälle alle slavischen Regimenter, wenn auch blutenden Herzens ihre bewährte Tapferkeit gegen ihre eigenen Brüder beweisen würden. Zum Schluß wurde das Rekruten kon­tingent mit 289 gegen 103 Stimmen angenommen. Nach einer Meldung aus Wien konnte dort bis gestern abend nicht gesagt werden, die Kriegsgefahr habe abgenommen. Die Beratungen der Kabinette haben Visher zu keinem Er­folge geführt. Es heißt, Oesterreich-Ungarn könne eine längere Verschleppung aus Gründen seiner Machtstellung unmöglich zugeben. Bedenklich ist es, daß Rußland, sich auch noch nicht zum letzten italienischen Vorschläge ge­äußert hat.

Nach dem PariserMatin" ist die Lage auf dem Balkan zurzeit folgende: E n g l a n d hat Rußland, und Frankreich einen Antwort plan unterbreitet, der nach seiner Ansicht von den drei Mächten Serbien empfohlen werden soll und dann von Serbien an Oesterreich gerichtet wird. W^r glauben," so sagt das Blatt,mitteilen zu können, daß die Regierungen von London und Paris bereits über den Wortlaut des Vorschlages einig sind unter der Be­dingung, daß die russische Regierung ihn billigt." Gestern abend spät war aber die Zusage Iswolskys noch nicht eingetroffen. Es wird jedoch angenommen, daß er den Wortlaut billigen werde. Irl diesem Falle werde der Vorschlag sofort Milowanowitsch unterbreitet werden, der ihn, wie man glaubt, annehmen werde. Die Antwort solle Oesterreich Genugtuung geben sowohl hinsichtlich der bosnischen Frage wie auch der ser­bischen Abrüstting.

Das alles sind fromme Hoffnungen und Wünsche, aber les drängt sich einem die Frage auf, ob es für derartige ^diplomatische Vermittelungen nicht doch schon bald zu spat sein wird. Wenn die Kriegsrüstungen auf beiden Seiten tschoil so weit gediehen sind, wie es jetzt in Serbien und Oesterreich der Fall ist, dann ist die Logik des Handelns .'stärker als alle Diplomatenkunst. Nach derNeuen Freien Presse" hat Oesterreich für die Militärbereitschaft in Bos- jnien allein schon 200 Millionen Kronen aufgewandt.

Mit gespanntester Aufmerksamkeit schaut man nun wohl 'allgemein auf Rußland hin.

In Zarskoje Szelo hat gestern eine Sitzung des Mi- misterrates unter dem Vorsitze des Kaisers statlgefunden. Gerüchtweise wurde beraten, ob für die Dauer eines öster- reich-llugarisch-serbischen Krieges nicht Duma und Reichsrat laufzulösen seien.

Mit Rücksjcht aus die Vorgänge aus der Balkanhalbinsel .schlägt der Panslovismus gegenwärtig, so schreibt derRuss.

Kleines Feuilleton.

Stadttheater. In der gestrigen Aufführung von /Wallensteins Tod spielte Gertrude Baumeister die Gräsin ,Terzky und zeigte damit wie schon kürzlich als Esther eine 'klug und harmonisch ausgebildete Kunst, der alle Mittel einer iguten Darstellung reichlich zur Verfügung stehen. Die edle, lwohlgesormte Stimme und die schon neulich gerühmte Art der Sprache, die durch seine Gesten wirkungsvoll unterstützt werden, sicherten der Künstlerin einen starken Erfolg. Die Rolle derThekla war wegen plötzlicher Erkrankung Io Hovens stürz vor Beginn des zweiten Aufzuges von Erna Keller über­nommen morden und rourbe auch gut dargestellt. In An­betracht der Umstände könnte man sogar von einer sehr guten 'Ausführung reden. Die übrige Besetzung war die gleiche wie 'bei der ersten Aufführung. Außerordentlichen Beifall hatte diesmal Clemens Roden als Max, der seine Rolle viel ausgeglichener und durchgeistigter spielte al? bei der ersten 9lnf» führung. -h.

Das Befinden der Frau Cosima Waigner, die zur Zeit an der Riviera weilt, flößte ihrer Umgebung einige Besorgnis ein und in begreiflicher ängstlicher Fürsorge berief man Prof. Schweninger aus München zu ihr.

Klingers neues Wandgemälde für die Aula der Leipziger Universität, das zum iünfhnndertjährigem Jubiläum der Hochschule ausgefnhrc werden soll, geht jetzt der Vollendnng ent- igegen. Das Bild, an' dem der Künstler seil drei Jahren mit kleinen Unterbrechungen gearbeitet hat, wird von korinthischen -Pilastern flankiert; es zerfällt in zwei Teile mit verschiedenen Motiven. 9(id der linken Seite trägt Homer den Griechen seine 'Gesänge vor, auf der rechten verkörpern Plato und Aristoteles die Philosophie. Em gewaltiger landschaftlicher Hintergrund schließt das über 20 Meter lange, über 6 Nieter hohe Bild.

Der Fu chs-ma jo r a l s Gro ßr at im Wallis. Als Kandidaten für den Großen Rat des Kantons Wallis hatten, luic wir in denFreiburger Nachrichten" lesen, die Bewohner des Bezirkes Gänsen Herrn stud. jur. Oskar Walpen von Bum, Fuchsmajvr der Freiburger Akademischen Studcntenverbindiung Memania" und Vizepräsident desSchweizerischen Katholischen Studentenvereins", au-fgcstellt. Mit diesen Titeln versehen, mar­schierte der Name des Kandidaten aus den offiziellen Stimmzetteln auf, und den guten Bürgernl in der Heimat muß der stolze Fuchs^- »najorgrad, dm ihr Landsmann nur derfernen" Hochschule be­kleidet, derart imponiert haben, daß Herr Walpen tatsächlich als Sieger aus der Urne hervorgegangen ist. Ta die Würde eines K'antvnsrates in Deutschland dem Range eines Landtagsabgc- vrdneten entspricht, und der Fuchsnrajörgrnd durch die Wahl in den Großen Rat nicht verloren geht, so ist Herr Walpen heute schon ein mit Ehren reich geschmückter Mann, und in der anae- UÄmen Lage, sein Studentenbiergeld aus der staatüchen Ducken-

Korr.", ungewöhnlich starke Wellen- Die Kundgebungen häufen sich und umfassen tatsächlich einen weiten Kreis von Parteischattierungen, von Bobrinsky und Chomjakow über Lwow und Kowalewsky bis Maklakow und Rodilschew. Die schärfste Kundgebung ist jedoch ein von zahlreichen Politikern, Gelehrten usw. unterzeichnetes Er muri- gung S sch reiben an das Serbenvolk, das jetzt durch alle Zeitungen geht. Es lautet:In den Tagen schwerer Prüfungen, die das serbische Volk durchmacht, kann die russische Gesellschaft nicht schweigen. Sie fühlt das moralische Bedürfnis, dem serbischen Brudervolke das heißeste Mitgefühl auszudrücken. Wir drücken dieses Mitge­fühl nicht nur deswegen aus, weil wir uns als Slawen fühlen, sondern auch im Namen des historischen Rechtes des serbischen Volkes, eines Rechts, das sowohl die ferne als die nahe Vergangenheit geschaffen hat. Vorüber sind jene Zeiten, da man über Völker willkürlich schaltete und waltete, offne sich um ihre Interessen und Wünsche zu kümmern. Wir glauben darum, daß nicht allein die slawische Gesellschaft in Rußland, Oesterreich, Deutschland und auf der Balkan­halbinsel dem getretenen Rechte des serbischen Volkes zu Hilfe kommen, sondern daß auch die gesamte zivilisierte Welt die rohe Verletzung des Völkerrechts nicht dulden wird, das in der Annektion von Bosnien und Herzegowina ohne Be­fragung und ohne Zusttmmung der Bevölkerung selber zum Ausdruck gelangt ist. Mögen die Serben wissen, daß das russische Volk mit ihnen tief mitfühlt und mit ihnen trauert, daß ihr Schmerz unser Schmerz ist, daß ihre'Beleidigung unsere Beleidigung ist, sowie des gesamten Millionenslawen­tums, das, wir wollen und glauben es, die Wiederherstellung des verletzten Rechts und der Wahrheit erringen wird."

In einem Petersburger politischen Klub gab es vor­gestern spät abends einen großen Tumult. Dr. Ra- ditsch, Bosnier von Geburt, hielt eine hochbedeutsame Rede. Er warnte vor einem Kriege um die annektierten Provinzen. Wir brauchen nur eine starke Regierung, die eher in der habsburgischen Monarchie als an der Newa zu finden ist, sagte der Redner, wo die religiöse Verfolgung mehr als irgendwo auf Erden zu Hause ist. Fürchterlicher Tumult folgte diesen Worten. Rufe: Lügner, österreichischer Agent, erschollen. Graf Bobrinsky betrat die Tribüne und rief: Ich habe immer an der Loyalität der Katholiken gezweifelt, heute finde ich, daß die österreichischen Katholiken nur der Abschaum des Slaweuttlms sind. Tas edle Serbenvolk hat Recht, diese österreichischen Agenten nicht als Brüder zu um­armen.

Die Ablehnung der Znseralensteuer.

In der Freitagssitzuug der Finanzkommission wies nach einem kurzen Berichte des Korreferenten ein Regicrungsvcrtretcr auf die gestiegenen Preise der Inserate hin, die eine Besteuerung wohl rechtscrtigten und führte gegenüber der Partei des Kor­referenten einen Artikel desVorwärts" an, der die Jnseratcn- steuer als die beste der indirekten Steuern bezeichnet hätte. Die Vertreter der Freisinnigen lehnten die Vor­lage rundweg und prinzipiell ab unter Hinweis auf die großen Schädigungen des Kaufmanns- unb Gewerbestandcs, sowie der kleinen Provinzpresse, die diese Steuer nicht tragen könne. Zu den größten Bedenken gebe die Staffelung Anlaß, die die Auflage jeder Zeitung bekannt mache. Unerhört fei die steuer­liche Belastung der Plakate, die bis zu 250 Prozent des Wertes gehe. Eine gleiche ablehnende Stellung nahm ein Ver­treter des Zentrums ein. Ein Regieruügsvertreter erklärte, daß man regierungsseitig die ablehnende Haltung der meisten Parteien vorausgesehen und sich nach Abänderungsvor­schlägen umgesehen hätte. Es sei vielleicht zu erwägen, ob man die Jnseratensteuer ohne Rücksicht auf die Höhe der Auslage

kaffe zu beziehen. Hoffentlich verwechselt 6r nicht einmal seine Aemter und läßt im Großrat einen Debattengegner in die Kanne steigen oder brummt einem Kollegen von der anderen Fraktion aus Wut einen Bierjungen auf.

Made in German y. DerDeutschen Zeitung" in S. Paulo wird aus Rio geschrieben:Dem Originalbericht Ihres hiesigen Korrespondenten über den Besuch der englischen Flotte im hiesigen Haien möchte ich der Vollständigkeit halber elivas hinzu­fügen, was diesem entgangen zu sein scheint: bie englischen Panzer tragen sämtlich den Stempel ..Made in Germany. Sie werden das nicht glauben, aber es ist doch so. Sowohl dieGood Hope" (Admiralsschiff), wie die KreuzerDeoonshire" undCarnarvon" sind mit Nickelstahlpanzern versehen, die von der Firma Krupp in Essen geliefert wurden. Da nun alle deutschen Jndustrieerzeugnisse, die in England eingesührt werden, den StempelMade in Ger­many tragen müssen, so ist es natürlich, daß die Panzer der eng­lischen Kreuzer diesen Stempel auch tragen. Man hat natürlich Farbe über diesen Stempel gepinselt, damit es niemand sehen sollte, aber die Farbe hält nicht darauf. Infolge eines der Firma Krupp vatentierten Verfahrens bleiben die Stempel immer sichtbar. Es sind nicht nur die vier Schiffe des hier eingetroffenen Geschwaders, die solche Panzerplatten führen, sondern sämtliche Schiffe desselben Typs und noch sehr viel andere. Dieser Kruppsche Nickelstahl ist derart wtderstandsfähig, daß eine Platte von sechs Zoll Ticke eben­soviel leistet als eine neun Zoll dicke von englischem Stahl. Kann man es den Engländern verdenken, daß sie neidisch auf die hohe Entwicklung der detitschen rnetallurgischeit Industrie blicken, wenn sie sich genötigt sehen, das Material für ihre Verteidigung gegen den Popanz der deutschen Invasion aus Deutschland zu beziehen? Und schließlich liegt darin nicht eher eine Gefahr als eine Sicher­heit ? Wohin man auch blickt, überall:die deutsche Gefahr!"

Ein Riefend a r omleter. Der Geburtsort des be­rühmten Physikers Torricelli, Faenza, ist in den Besitz eines eigen­artigen physikalischen Instruments gelangt, das Der Jesuiten pater Alsani Dort konstruiert hat. Es handelt sich um das größte Bavometer der Welt. Das gewöhnliche Quecksilberbarvmeter be­steht aus einem Glaswhr, das mit Quecksilber bis zur Höhe von 760 Millimetern angefüllt ist, während Darüber sich das brühmteTorricellische Vakuum" befindet. Diese Höhe von 760 Millimetern entspricht, wie bekannt, dem Druck, den das Gewicht der Erdatmosphäre auf das Quecksilber ausübt. Tie Erdatmosphäre wird natürlich eine um so wenigen hohe Säule einer Flüssigkeit heben können, je größer Das spezifische Gewicht dieser Flüssigkeit ist. NimMt man an Stelle des schweren Queck­silbers in Der Barometerröhre etwa Oel, aus dem jede Spur von Luft entfernt ist, wie Dies Alfani getan hat, so wirD 'Die Höhe der Flüssigkeitsfäule, Die Dem Luftdruck das Glcichgew-iclck hält, über elf Meter betragen Alfani hat mm dies sonderbare Oel- ßarometer tatsächlich praktisch ausgeführt. Es ist wohl Die höchste Barometersäule, Die jemals gesehen wurde Mit Wasser gefüllt, würde die Höhe statt Der 11,19 Meter des OLlbarometens nur 10,32 Meter betragen.

in Gestalt eines Q u i t t u n g s st e m p e l s erheben und Plakate nur soweit besteuern solle, als sic gegen Entgelt angenommen würden. Tr. Weber erklärte für die Nationallibcralcn, daß sic Inseraten - und Plakat st euer definitiv ab­lehnten. Es sei notwendig, sofort zu einer endgültigen Ab lehnung zu kommen, damit die starke Beuruhigung der Plakat- industric ihr Ende nehmen könne. Es kämen heute schon ernste Klagen aus den Kreisen dieser Industrie, denen bereits die Aus- träge großenteils gekündigt seien. Es habe keinen Zweck, lange über eine Steuer zu sprechen, deren Ablehnung doch sicher sei. Diese Ablehung müsse heute definitiv erfolgen, um eine zweite Lesung unmöglich zu machen und damit bei der heutigen wirt­schaftlichen Krisis Handel und Gewerbe die Gewißheit zu geben, daß sie von dieser Besteuerung verschont blieben. Gleich ableh­nend verhielt sich die Wirtschaftliche Vereinigung, während sich ein Vertreter der Freikonservativen zustimmend zu dem Prinzipe der Steuer äußerte, die seine Freunde mit einer Ausnahme zu bewilligen bereit seien. Von konservativer Seite wurden manche Bedenken gegen Einzelheiten und gegen die vorgeschlagene Form der Steuer hervorgehoben, aber prinzipiell die Steuer gebilligt, die am besten in Gestalt einer Quittungssteuer zu erheben wäre. Am geeignetsten sei eine allgemeine Quittungs­steuer auf alle Quittungen über 10 Mark. Eine solche Quittungs­steuer könne einen großen Teil des Bedarfes des Reiches decken. Prinzipiell gerechtfertigt fei eine Reklamesteuer, eine Besteuerung der Plakate. Hiergegen sprachen sich Vertreter der Sozialdemo­kratie und des Zentrums mit großem Nachdruck aus und hoben, wie der nationalliberale Vertreter, die schweren Schädigungen hervor, die die aufblühende Plakatindustrie dadurch erleiden würde. Von freisinniger und nationalliberaler Seite wurde hcrvorge- hoben, daß jetzt nicht die Zeit sei, eine allgemeine Quittungs­steuer tu besprechen, gegen die Dr. Weber sehr lebhafte Bedenken geltend machte. Er machte darauf aufmerksam, daß den schweren Belästigungen, die diese Steuer für das ganze kaufmännische und gewerbliche Leben bedeuten würde, wahrscheinlich nur ein geringes finanzielles Erträgnis gegenüberstehen würde. Gegen die Stim­men der Konservativen und Freikonservativen wurde dann nach dem Anträge Weber das ganze Gesetz endgültig a b g e l e h n t, so daß eine zweite Lesung nicht mehr stattfinden wird.

1 ......... g?--»

politische Tagesschau.

Eine neue Tabaksteuervorlage.

Im Reichsschatzamt wird auf Grund der Beschlüsse der Sub- kommission des Reichstags eine neue Tabak st euervor- l a g e ausgearbeitet, die außer einer Erhöhung des Zolls der In­landssteuer einen Zollzuschlag von 80 Prozent des Wertes für bearbeitete und unbearbeitete ausländische Tabakblätter Vorsicht. Der Zollznschlag soll erhoben werden beim llebcrgang der aus­ländischen Tabakblätter an den Verarbeiter, bis dahin sollen jie unter der Zollaussicht des Reichs bleiben. Das weitere wird einer in Bremen zu errichtenden zollamtlichen Prüfiingsstelle überlassen, die mit weitgehenden Machtbefugnissen ansgestattel wird.

*

Württemberg für die Nachlaßsteuer.

In der Finanzkornmissicm der württembergifchen Abgeordneten­kammer hat der Finanzminister v. Geßler gestern die Erklärung abgegeben, daß die württembergische Regierung die N a ch I a s; - st euer nach wie vor als die beste Lösung der Reichs- f i n a n 5 r e f o r m erachte und an ihr fest halte. Die Finanz - kommission nahm darauf mit 7 gegen 2 Stimmen (Baucrnbiuidi und 4 Enthaltungen i Zentrum > eine Erklärung an, worin die Re­gierung aufgesordert wird, auf ihrem bisherigen Standpunkte zu beharren und dem vorgeschlageneil Kompromiß, das einen Eingriff in die Steuerhoheit der Einzelstaatcn bedeute, grundsätzlich ent­gegen zu treten.

Deutsches Reich.

Der Kaiser sprach auch gestern beim Reichskanzler Fürsten Bütow vor.

Ter türkische Minister des Aeußeru Risaat Pascha weilte vorgestern unb gestern auf der Durchreise von St. Petersburg in Berlin und konferierte mit dem Reichskanzler und dem Staatssekretär v. Schön. Der Kaiser verlieh dem tür­kischen Minister das Großkreuz des Roten Adlerordens.

DaS Staa tsm iuister ium trat gestern zu einer Sitzung zusammen. In der vorgestrigen unter dem Vorsitz des Staats­sekretärs Frhrn. v. Bethmann-Hollweg abgehaltenen Plenarsitzung des Bundes ra ts wurde dem vom Reichstag nbgeäubertcni Entwürfe des Gesetzes zur Abänderung des Reichsgesetzes wegen Beseitigung der Doppelbesteuerung vom 13. Mai Zustimmung erteilt.

Die Beschlüsse der Londone r Ko nfer enz für das Seekriegsrecht werden dem Reichstage demnächst in einem Weißbuche vorgelegt werden. In Berliner unterrichteten Kreisen glaubt man, daß die deutsche öffentliche Meinung mit dem Er­reichten zufrieden sein würde.

Verhandlungen mit Japan. Wie von unterrichteter Seite verlautet, schweben zwischen den Auswärtigen Mintern in Berlin und Tokio Verhandlungen über Den Abschluß eines Vertrages zwischen denbeiden Mächten auf einen gegenseitigen Schutz ihrer Interessen sowohl in O stasien als auch im gesamten Gebiet des stillen Ozeans.

Eugen Richter-Den kmal in Berlin. Wie der Aus­schuß für das Eugen Richter Tenkmal mitteilt, hat der Kaiser seine Genehmigung zur Aufstellung des Denkmals für Eugen Richter auf dem Askanifchen Platz in Berlin erteilt und zwar soll das Denkmal auf einer etwas ruhigeren Stelle des Matzes er­richtet werden, als vom Berliner Magistrat in Aussicht genommen war.

In der gestrigen Sitzung Der Budge tkommls- sion wurde der Reichstagsabgeordnele Schrader plötzlich von einem OhnmachtsanfaUe betroffen, der auf Überarbeitung des jetzt 75-jährigen zurückzu führen ist.

Ausland.

Wolsky. Die Gerüchte über die Demission des rus­sischen Ministers des Auswärtigen, Iswolsky, sind, wie die Peters­burger Telegraphen-Agentur meldet, absolut unbegründet.

Di eNach richte nausPersien lauten sehr beunruhigend. Aus Reicht wird gemeldet, daß die Zahl der Revolutionäre wächst und mele Kaukasier und Russen zu ihnen stoßen. Der Gouver­neur von Turbet wurde in der Nähe von Mesched ermordet. Tie Belagerung der ^tabt Täbris dauert fort. In der vergangenen Nackst hörte man in der Stadt unausgesetzt schießen. Tic'Truppen des Schahs setzten die benachbarten Dörfer in Brand, die von den Einwohnern verlassen waren. Tie Brodkvise wird immer be­denklicher. ^Hungrige Personen belagern stundenlang die Bäckereien.