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23.10.1909 Erstes Blatt
 
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Nr. 349

Der Siebener Bitjet?« «scheint täglich, äuget <5onntag$. - Beilagen: viermal wöchentlich 4iebener§ami!ienblätter; iroeimal wöchentl Xrett» »lattfürdenrlreiLSiehea iDienStag und Freitag): zweimal monatl Land' virtschastliche Seitsragen ^ertiiprech Anschlüsse: iür die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse iür Depeschen:

U«zeiger «leben.

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Erstes Blatt 159. Jahrgang Samstag 33. Ottober 1909

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ER Y jährlich Att. 2.30; durch

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Ä HF Verantwortlich für den

- polittschen Teil: August

General-Anzeiger für Gberheffen WW

Rotationsbrrn! nnö Oerlag Der vrühl'scheii Unlv.-Vuch- und Steiebruderel R. Lange. Reöattion. «rpebition und 0räderet: Schulftratze 7. Anzeigenteil: Deck.

so wird es zu höchst bedeutungsvollen! BotsckMters vertauschen zu Dürfen, ginge bald in cxf schen Berechnungen kommen Werden INur der Mangel einer geeigneten Persönlichkeit, die ' L . 's . . < . < < v C12 1 i v, v- Qf,,-v f-i MI 211 1PRPTT

Die heutige Nummer umfaßt 16 Seiten.

Spitze des Berliner Auswärtigen Amtes zu setzen wäre, scheint zu bewirken, daß einer so deutlichen Bitte bisher noch nicht entsprochen wurde. Vielleicht schiebt man den Wechsel hinaus bis Herr v. Bethmann-Hollweg d-ie diplo­matischen Fäden besser in seine Hand bekommen hat.

inge bald in Erfüllung.

<1.1.1-21. an die

Ein neues Talonsteuergesetz.

An der Absicht, ein neues Talonsteuergesetz dem Reichstag vorzulegen, wird sestgehalten. Von zuständiger Stelle erfahren dieBerl. Dal. Rachr.", daß die Umfrage des Reichs- scha tzamtes bei den Aktiengesellschaften, die vorzeitig Talons ausgegeben hatten, ein sehr günstiges Ergebnis gehabt hat. Der weitaus überwiegende Teil der Gesellschaften hat sich schon jetzt damit einverstanden erklärt, daß die Talonsteuerzahlung ebenso

2lus -em Leben Lombrosos.

Die Tochter und Mitarbeiterin des berühmten, nun Lahingeschiedenen Begründers der Kriminalpsychologie hat ihrem Vater zu seinem 70. Geburtstag in der Pariser Revue" ein fesselndes Lebensbild gewidmet, in dem sie -mit innigem Nachfühlen und feinem Verstehen die engen Zusammenhänge zwischen Leberi und Schaffen des Gelehrten rufzeigte und das wir hier im Äuszug wiedergcben.

Berufnere Kritiker, als ich, werden von den anthropologischen tatb kriminalistischen Lehren erzählen können, die das Werk memes Vaters bilden; ich will mich begnügen, die Stadien und Etappen seiner Entwicklung aufzudecken. Mein Vater »sollte Philologe -verden. Als Kind schon, hatte er sich für Griechisch rmd Lateinisch legeiftiert und hatte mit zwölf Jahren einen Esmy über die Kröße und den Verfall Roms" verönentlicht. bür seine philo­logischen Studien fand er einen würdigen Führer m entern wenig bekannt gewordenen genialen Forsrl>er Paolo Marz-olo. Wem Vater verließ mm die Schule, um sich als elfter Junger seinem Reister anzuMießen. Er studierte mit ihm chaldaiich, koptisch hinesisch, hebräisch und wollte sich ausschließlich der Philologie ividmen. Aber Riarzolo wußte in Cqarc den Gedanken zu er yccEen, daß die philosophische Wissenschaft mrr m den Tatsachen ^er Naturgesckncküe eine göftä>crte Grundlage gewinnen rönne oo drängte er ihn auf das Studium ber Medizin bin, nnonreu Vater war bald ebenso eifrig beim Studium der Geisteskrcurfheittn mb der Psychiatrie, wie bei seinen Sprachsorichaingein Sem nftes Werk überden weißen mrd den farbigen Menichen , das er Marzvlo widmete, muß als das natürliche Bindeglied zwischen seinen sprachlick-en und seinen psychiatrischen Studien angesehen lucrbm. Mit einer damals 1869 ganz eigenartigen Kühn­heit, stellte er die Psychologie des Bierhänders, des Schimpan.cn, uif und stellte die Achulichkciten und Verschiedenheiten mtt benen ber Wilden gegenüber. Jn^-.n er seine mannigfachen Spracy- lenntnisse geschickt benutzte, ' er baiut zu beweisen, datz wir n ber Biwung und Entwi^ ,ig der Sprache dreielben Stadien Nrrchaemacht haben wie heute noch die Auiträtier mib Rothäute. 3>m Jahre 1859, als mein Vater 23 Jahre alt war Tagte er einen bei seinem scheuen und unpraktischen Naturell ,ehr gefahr-- sichen Entschluß. Die große Zahl von Soldaten und Menra>en ms den verschienen Teilen Italiens, die ihm vor Augen tarnen,

gaben ihm den Gedanken ein, eineanthropologische Geographie Italiens" zu schaffen, indem er durch Messungen der Statur und des Schädels die Unterschiede feMellte, durch die sich die Bewolmer der verschiedenen italienischen Gegenden körperlich unter­scheiden. Durch die Messung von etwa 4000 Personen sammelte er ein geivaltiges Material und erwarb sich eine solche Sicherheit dos Urteils, daß er bei federn Individuum auf den ersten Blick den Ort seiner Geburt feststellen konnte. Wachend er in Pavia in Garnison stand, hatte er die .Erlaubnis erhalte, das Irrenhaus zu besuchen und die Kranken zu beobachten. Aber lein gelehrt^ Streben machte ihn bei den Soldaten immer mehr verhaßt. Tas Miß­trauen gegen ihn kam zum Ausbruch, als er einen Soldaten der simulierte, zu seinem Truppenteil zurückichckte. Man beschuldigte ihn, er habe den kranken Soldaten nicht behandeln wollen, und er wurde zu zwei Monaten Festung verurteilt, ohne daß man seine Beweise für seine Unschuld prüfte. Ta nahm er voll Zorn )einen Abschied 9änt begann für ihn das dürftigste, aber nicht das unglücklichste Jach feines Lebens. Seine Familie war arm: von ich wollte er nichts annehmen. Seine Stellrmg am Jrren- lmus war unbesoldet; so lebte er von seiner eifrigen Feder, indem er des Nachts Uebersetzungen an fertigte. Da empfing er eines Morgens eine unerwartete Nachricht; er war zum Direktor der Irrenanstalt von Pavia ernannt und zum Professor an bei Universität, mit einem Gesamtgehalt von 3000 Lire. Das war bas Paradies; die Zukunft war gesichert. Im einem Freuden- H-nnd) schrieb er in zwei Nächten die Einleitung zu seiner Dor- l'yung dieGenie und Wachsinn" betitelt wurde und die grund­legenden Gedanken seines späteren großen Werkes enthielt.

Nun begann für meinen Vater die stolzeste und kampireichste Periode seines Lebens. Unter den Insassen seines Irrenl-auses waren viele, die an der Pellagra litten, einem fürcksterlichen Siech­tum, bas mit einem aussatzähnlichcn Hautleiben beginnt und ut ber Zerstörung des Gehirns endet. Da sich die Kran aus­schließlich bei den Bauern sand, so studierte mein Vater . und- bebingungen i&rer Ernährung und fand schließlich die Ur>ad)e in einem Gift, das sich in verdorbenem Mais entwickelt, der Haupt­nahrung ber Bauern. Mein Vater drang nun mit allem Eifer darauf, daß die Verwendung dieses verdorbenen Mais verboten würde; aber er erregte dadurch die höchste Empörung unter den Großgrundbesitzern, die damit eines billigen Nahrungsmittels be­raubt worden wären und Millionen im Jahre verloren hätten. Seine Universitätskollegen, die Verwaltung des Irrenhauses, der

in die Stichwahl, und jo

und interessanten taktischen Berechnungen

das Zentrum und die Konservativen bei den Stichwahlen, die schon in einigen Tagen stattfinden werden, ganz auf sich selbst gestellt sein, und welche Stellung werden die bei der Hauptwabl zurückgedränglen Nationalliberalen, die bis­her selbständig vorgingen, bei den günstigen sozialdemo­kratischen Aussichten einnehmen? Wie wird der liberale Block crussehen und inwieweit wird Die Mandalspolitik die vorhandenen natürlichen Gegensä^e überbrücken? Am üppigsten stehen die Felder der Sozialdemokraten; wenn der nationale Sinn im deutschen Bolle noch der Parole der letzten Reick)slagswahlen eingedenk ist, wird er keine Freude darüber empfinden können, wenn eine etwaige Verminde­rung der Zentrumsmandate nur den Sozialdemokraten zu­gute kommt. Ueberall sehen wir infolge der unseligen Reichsfinanzkämpfe das Anwachsen der Umstürzler, die doch nur dem Geist der Verneinung huldigen, und, wie eben noch durch dieFreis. Ztg." sehr zutrefsend nachgewiesen worden ist, z. B im preußischen Landtag an positiver Gejetzesarbett rein nichts getan oder auch nur versucht haben. Auch im Reichstagswahlkreis Auburg sind sie bei der Stichwahl zu allgemeiner Ueberraschung burchgedrungen. Nun werden sie wohl in Sachsen, wo bai> neue Plurallvahlrecht für ihr siegreiches Vordringen kein Hindernis war, den Namen des roten Königreiches wieder zu Ehren bringen wollen. Diese politische Erstaufführung unter dem neuen Gesetz wird bekanntlich noch den Schlußakt der Stichwahlen

Magistrat ber Stabt, die Aerzte, alle erhoben sich wie ein Mann gegen ihn; er wurde verachtet, beschimpft und verleumdet Dieser Kampf um die Heilung ber Pellagra bauerte zehn Jahre und würbe für ihn bas Feuer, in dem sich sein Charakter härtete unb stählte. Als mein Vater bas Studium bes Verbrechens begann, dachte er sicherlich nicht baran, baß er einen ganz neuen Zwerg der Anthropologie dadurch ergrüiiden würbe; bie Krirninalanthrv- prstogie, mit ber fein Name ruhmreich verknüpft ist. Bon seiner alten Idee einer anthropologischen Geographie Italiens war ihm die Geivohnheit geblieben, bie Menschen nach ihren charakteristischen Eigenschaften in verschiebene Klassen zu teilen. So studierte er benn die Merkmale der Irren, der Kretins, ber Pellagrakranken. Als er 1869 öfter nach Alexandria kam, nm, er sich verlobt hatte, erhielt er die Erlaubnis, das Gefängnis dieser Stadt zu besuchen unb an den Verbrechern Messungen und Studien vvrzunehmen. Sv arbeitete er ruhig fort, bis er an einem Dezembermorgen 1870 zur Leichenschau bei einem berüchtigten Räuber Villella gerusen wurde. An dem Schädel dieses Menschen entdeckte er ein tiefes Loch in ber Mitte des Hinterkopfes, ganz so wie es bei den Wiederkäuern existiert, und nun schlossen sich seine bisher unbe­stimmten Gedanken über die Natur des Verbrechers zu einer Synthese zusammen. Wie in einer blitzartigen Erhellung erkannte er, baß der Verbrecher die anatomischen Merkmale ber Vorfahren m ihrer primitiven Brutalität wiederholt, intern er zugleich die psychischen Nkerkmale der Wildheit, Grausamkeit, Unempsindsarw- keit wieder hervorbringt. Dieser Gedanke wurde Grundlage feiner Theorie. Später erst als Sachverständiger in einem Mordprvzeß von Misdea, in dem ein stark epileptischer Soldat als fünffacher Marder verurteilt wurde, kam mein Vater auf den Gedanken, daß bas Verbrechen nicht ausschließlich ein atavistisches Phänomen sei, soirdern bie Wirkung eines krankhaften Zustandes, der Epi­lepsie, und daß aus biefer franfljaften Basis sich bann das ata­vistische Element entwickle. Tie Untersuchung tausender und abertaurnber Verbrecher führte ihn allmählich zu seiner Klassi­fikation der Verbrechen, unb er war unermüdlich, ein reichhaltiges Beweismaterial für seine Methode zufammenzubringen. Das führte zu manchen merkwürdigen Zwischenfällen. Einmal brachte man in sein Kolleg einen Verbrecher zur Untersuchuna, ber schon 20 Jahre Zwangsarbeit getan hatte. Beim ersten Anblick schrie mehr Vater auf:Tas kann kein Verbrecher sein; er hat bas Gesicht eines durchaus anitänbigen Menschen". Und wirklich konnte ber Unbefatmse, genau befragt, feine Unschuld Nachweisen, so

politische Wochenschau.

v Gießen, 23. Okt.

Die Gelehrten Minen sich nicht einig werden, so viel auch rie weite Öffentlichkeit mit großen um^rleuchtet

vergebens, baß ihr ringsum wissenf chaftftchschw-ei ft. ein eher lernt nur was er lernen kann. In Klatsch und Etsch nird aründlich herumgestöbert, bas klare poetische Bub in Deutschland verhängen uns Sensationssucht, ^techader rnd Jnteressenwirtsck-aft. Der Zwe6khciligt das ME leber 5-crrer machen wir befriedigt Schluß, das Kabinett Naura ist abgedankt, und bei freundlichem ^r9^f°nne.tlfl ich ein gehen die aufgepeitschten Gemüter zur Ruhe ein. )2ad) alter parlamentarischer Gepflogenheit wird der liberale mfiter Moret, an Mauras Statt der Ratgeber der Krone, mb berblutige Alfons" darf wieder etwas freier atmen. . treten wir den Angelegenheiten des eigenen Landes wie­der etwas näher, lieber denTendenzprofessor" ist man iich auch noch nicht einig geworden. Bisher hat außer dem Rostocker Professor Ehrenberg selbst nur noch der teigiger Nationalökonom Karl Bücher gesprochen. Wir haben Ehren- dergs beide Briese hier nack-georuckt und wollen, nachdem 7ie wissenschaftliche Welt sich in vielleicht sehr berechttates - Schweigen gehüllt hat, einige Schlußbemerkungen zu dem Tyatl machen. Der beinahe an den Stxeit um den Nordpol erinnert. Professor Ehrenberg glaubt die einzige Methode gefunden zu haben, eine rein vergleichende und politisch Mbjektive Volkswirtschaftslehre vorzutragen, und das scheint, «außer ihm selbst, niemand zu glauben. Das erträumte Ziel wäre vielleicht auch, wie Der Nordpol, kalt und kahl. Ernste und verdienstvolle Gelehrte der Nationalökonomie, - cren wissenschaftliche Sachlichkeit nicht durch einseitige poli­tische Voreingenommenheit getrübt wird, haben wir in Deutschland genug. Vielleicht gibt es hier ein Erfordernis Tvie aus den Lehrstühlen der Geschichte: das persönliche D>enken und Schauen muß die Mateme beleben, und das volkswirtschaftliche Rüstzeug braucht einen Wärmeleiter vom Menschen zum Menschen. Uns dünkt, Herr Ehrenberg, der iich gekränkt, verkannt und unterdrückt fühlt, überschätzt feine eigene wissenschaftliche Bedeutung, und schließlich kann die <öache unb Wal/rheit nur durch sich selbst, nicht aber durch «ufdringliche Selb st an Preisung &um Siege gelangen.Ten- l>enzprosessuren" scheinen aber erfreulicherweise auf beui> hchLN Hochschulen nicht eingebürgert zu sein.

Unsere politisck>en Parteilämpfer sind um diesen Fall tu großen Bogen und Kreisen zaudernd herumgegangen, (^hpenbergs Notschrei wird verhallen, denn die neue Aera rod) dem Block hat wichtigere Ereignisse gebracht. Selbst das interessante Momeittbild der Bulow'sa)en Anwesenheit bei ber Konfirmierung der Tochter des Kaisers ist ziemlich lautlos wieder entschwuiiden. Der Gesprächsstoff über Die folgen ber Novemberereignifse war wirklich auch erfchäpft; Haß der Exkanzler des Kaisers Freund geblieben ist, wird vielleicht später gelegentlich von sich reden machen. Tas unfruchtbare Geplänkel unter den ehemaligen Dlockgenctzsen -ist etwas schwächer geworden, Entscheidungen stehen nal,e -heijor, und in Baden und Sachsen befinden wir uns mitten im Kanonendonner. Worte tun's jetzt nicht mehr. Im Herzogtum Sachsen-Meiningen sind bereits vor einigen Tagen die Würfel zu gunsten Der Sozialdemokratie ge­fallen, unb Ijeute zeigt sichs, daß diese radikalen Gegner «aller Steuern den anderen Parteien im Wahlkampf weit voraus sind. Noch steht das Endergebnis in Baden nicht fest; bie 36 Stichwahlen, bie bevor stehen, bieten nicht ge- riigenbe Anhaltspunkte für eine sichere Voraussage. Jeder ^arteiEanbibat, der 15 Prozent der Gesamtstimmenzahl in feinem Bezirk auf sich vereinigt, kommt nach badischem Gesetz

bringen.

Die Unenkwegtheit der international Verbrüderten hat in Italien einen merkwürdigen Riß bekommen. Dort hat man, wie in Frankreich, besonders taut sich über die Schmach Spaniens" ereifert. I idem man sich unter der Beihilfe des Pöbels mit ziemlicher Raserei über den Pfaffenknochen" herstürzte, fühlte man sich an Kund­gebungen bald so sehr gesättigt, daß selbst das Annahen desblutigsten" aller Herrscher, des Zaren, kein weiteres Aufbäumen der Empörungsgefühle mehr Hervorrufen konnte. Es ist ein offenes poliiifches Bekenntnis damit ver­bunden, das in der Presse gleichmäßig beurteilt wurde. Der Herrscher aller Reußen, ber 1903 ieinen Besuch in Rom wegen angekündigler ungestümer Absi.hten ber tta ienischen Rabilälen abgesagt hatte, wird diesmal in Italien mit all­gemeiner Shrnpalhie und von der bortigen Sozialdemo­kratie mit Na fsicht empfangen. Die rit'sisch-ätalienische Annäherung hat je^t eben ct.ien veßeren" Kitts werk. Cb- gleich nämlich in Oesterreich aus Anlaß der Reise Nikolajs zusttmmenbe unb wohlwollende Artikel gedruckt worden sind, ist es ganz klar, daß die neue Umarmung des nordiscl)en und drs südländischen Vruders im Grunde eine K.'nl geöung gegen die wachsende Macht Oesterreichs darstellt. Auch wenn der eigenartige Umweg, den ber Zar auf feiner Reise nimmt er fährt burch "Polen, Preußen unb bas Rhone ml, währenb er boch auf bem Seewege um ben Sübosten Europas hätte fahren können nicht schon deutlich ge­nug spräche. Doch bleibt die Begegnung vor­läufig freilich nur ein Stimmungsshmptom. Die rußisch-. deutsche Annäherung, bie nach der Erledigung der Balkankrise infolge der kräftigen Halttmg Deutsch­lands einzusetzen schien, will schon langsam der Vergessen­heit anheimfallen. Die russische Presse, die damals sehr unfreundlich sich gebärdete, scheint ber jetzigen Zarensahrt weit verständnisvoller aegenüberzustehen Dre Art, wie der russifch-denlsche Streitfall in Chardin beigelegt worden ist, hat wahrscheinlich nicht dazu beigetragen, das deutsche Ansehen zu fördern. DieNowoje Wremja" Hal in beutfch- feindlichen Artikeln gerade in den letzten Tagen das Unge­heuerlichste geleistet. Wir wünschten, das Sehnen des Herrn v Sckwen, unseres Staatssekretärs, seine Stelle mit der eines

So5ialöemofrattfd)er Sieg in Koburg.

Die Wählereignisse drangen sich zusammen und zu den sozialdemokratischen Erfolgen in Baden und Sachsen gefeilt ich eine neue große Enttäufchung im bürgerlichen Lager Iber den für den Liberalismus tief bedauerlichen Sttck)wahl- auscrang in Koburg. Dort waren bekanntlich in der Haupt­wahl am 11. d. M. für ben nationalliberalen Kandidaten Quarck 3460, für den freisinnigen Arnold 3041 unb füs ben sozialbemvkratifchen Kandrbaten Zietzsch 6185 Stimmen abgegeben worben. Hier ist das Ergebnis ber Stichwahl:

Koburg, 23. Ott In ber Reichstags st ichwahl zwischen Quarck (NatlZ und Zietzsch (Soz.) wurden bis 12.30 Uhr nachts gezählt: Für Quarck 6465, für Zietzsch 6986 Stimmen. Nur aus einigen kleinen Orten fehlt noch >as Ergebnis.

Damit ist der Sozialdemokrat gewählt! Die Freisinnigen scheinen ziemlich vollzählig für Quarck ge­stimmt zu haben: die Frkf. Ztg. stellt freilich fest:bis aus ca. 200" Jedenfalls steht es wieder fest, daß die Agitatwn gegen bie Reichslinanzresorm den Sozialdemokraten immer wieder neue Massen zugetrieben hat. Der sozialdenu)- krattsche Kandidat hat 800 Stimmen mehr als bei der Haupt­wahl ausgebracht Dieses Ergebnis wird überall Uebev» raschung und wahrscheinlich mele Erörterungen Hervor­rufen. __

Der Geburtstag der Kaiserin.

Die Kaiserin hat gestern, am 22. Okt., ihr 51. Lebens­jahr vollendet. Zugleich wurde gestern die Prinzessin Vik­toria Luise, die vor einigen Tagen konfirmiert wurde, yun Chef des Äveiten Husarenregiments ernannt:

Potsdam, 22. Ott. Die Kaiserin nalym anläßlich il/res Geburtstages heute vormittag die Glückwünsche der kaiserlichen Familie unb des engeren Hofes entgegen. Später fand Familien frühstück statt woran auch die Großherzogin von Baden und Prinz Christian von Schleswig-Holstein teil- nahmen. Der Kaiser ernannte die Prinzessin Vik­toria Luise zum Chef des zweiten Leibhusaren-Regi- ments. Der Regimentskommandeur, eine Abordnung fron Ossizieren, der Kommandeur der Leibhusarenbrigade, kom- manbierenber General Mackensen, finb heute vormittag im Neuen Palais eingetroffen unb tourben der Prinzessin, bie in der Uniform des Regiments, auf einem Schimmel reitend, an der Gartenseite des Neuen Palais erschien, durch den Kaiser in Gegenwart der Kaiserin mit einer Ansprache vorgestellt. .....

Potsdam, 22. Oft. Abends um 6 Uhr reifte die Großherzogin Luisevon Baden über Berlin nach Baden ab. Der Kaiser begleitete Die Großherzogin im Automobil bis Station Wildpark.