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Die ^Gtehener Lamtltenblätter- werden dem »Anzeiger* otcnnal wöchentlich betgelegt. daS „Kretsblatl fü» dev Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Dte ..Landwirtschaftlichen Seit« fragen" erscheinen monatlich zweimal.
159. Jahrgang
Donnerstag, 18. März 1909
Eichener Anzeiger
Seneral-Anzeiger für Oberhehen
ftotoHonSbrotJ «mb Verlag bei OrObHcfjen Unwerinäts • ®ud> und StetnörudeteL 8L Lang«. Dietzen.
Redaktion. Exvedrtwn und Druckerei: Schul- stratze ?. Expedition und Verlag! 5L Redaktion:^^112. Tel.-Adr^AnzeigerlLietzen.
Deutscher Reichstag.
226. Sitzung, M ittwoch, den 17. März.
Am Tische des Bundesrats: v. Einem, v. Lochow, v. G e b s a t t e l.
In der Hofloge wohnt Prinz August Wilhelm von Preußen den Verhandlungen bei.
Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 2 Uhr.
Der Militärelat.
(Zweiter Tag.)
Die Beratung wird beim Gehalt des Kriegsmittisters fortgesetzt.
Abg. v. Byern (Kons.):
Zu meinem tiefsten Bedauern mutz ich hervorheben, daß die Worte des Abg. Häusler nicht in diesen vier Wänden Verhallen werden, datz sie im In« und Auslande Beachtung finden werden. (Sehr gut im Zentr.) Danach scheint es ja, als ob in unserer Armee nur Parademarsch geübt und Kommiß gebullt wird. Gehen Sie doch einmal auf die Exerzierplätze und sehen Sie sich an, tote dort die Truppen felddienstmätzig ausgebil. oet werden. Das Ausland beneidet uns um unser wackeres Heer, desien Schlagfertigkeit über jeden Zweifel erhaben ist. Im Parademarsch und in den Griffen liegt aber die Musik des Soldatenlebens. (Heiterkeit links.) Sie schaffen erst eine straffe Disziplin. Gewiß sind die Offizierskasinos nicht mehr so einfach wie früher. Das liegt an der modernen Zeit. Allgemein ist der Luxus gestiegen, auch unsere eigenen Häuser sind luxuriöser auSgestattet. In den Kasinos wird aber lange nicht mehr so titel getrunken wie früher. Ich möchte fast sagen: leider! (Große Heiterkeit.) Die Tafeln sind jetzt mit Limonade und Apfelwein bestellt. Auch die Geschenke für höhere Offiziere hat man eingeschränkt. An die zweijährige Dienstzeit für die Kavallerie ist nicht zu benfeji. Der Kavallerist hat viel mehr zu leisten als der Infanterist. Er hat auch daö Pferd zu besorgen. Dazu kommen noch der Patrouillendienst, das Satteln und Packen, das Lanzenfechten, das Kartenlesen, Pionierdienste usw. Freuen wir uns, wenn unsere Kavallerie besser ist als die anderer Länder. Sie ist dringend notwendig. Wenn die Truppen in der Schlacht wankten, hat die Kavallerie noch immer entscheidend eingegriffen. Sie ist die Force unserer Armee. Die Abstriche am Etat sind nicht überall berechtigt. Das reitende Feldjägerkorps soll ab. geschafft werden. Dagegen sind wir entschieden. Für die Feld- couriere mühten andere Offiziere eintreten. Billiger würden wir also nicht wegkommen. Auch gegen eine Verminderung des Aggregiertenfonds müssen wir uns aussprechen. Auch für eine Verminderung ber Musikkorps sind wir nicht zu haben. Es ist ja hier nicht der Platz, patriotische Reden zu halten. Aber wie steht es denn im Kriege: auch der Trommler macht da seine Musik, wenn cs zum Sturm geht. Und wer in seinem Leben noch nie gebetet hat, für den kommt der Moment, wenn nach der Schlacht die Musik den Choral anstimmt: Nun danket alle Gott! (Ruf aus dem Zentrum: Hurra!) Ich appelliere an den religiösen Sinn des Zentrums. Die B e k l e i d u n g s ä m t e r haben sich bewährt. In Königsberg soll in diesem Jahre ein Bekleidungsamt errichtet werden, und wir haben es mit Freude begrüßt, daß Herr Erzberger noch eine Heraufsetzung dieser Position um 100000 Mk. beantragt hat; man soll den Bau gleich in dem notwendigen Umfang inachen. Reisekosten und Diäten sollen nur entsprechend ber wirklichen Ausgabe, die Rationen nur für die wirklich gehaltenen Pferde gewährt werden; aber dann mutz man freilich auch sur ausreichende Rationen sorgen. Der Fütterung der Pferde mit Kartoffeln, die in der Kommission angeregt wurde, ttiiberrate ich; das mag für Arbeitspferde angebracht fein, nicht TurJHeitpferöe. Ein Verbot der Privattätigkeit der Büchsenmacher lehnen wir ab; dann müßte man das auch allen anderen Beamten berbietem Der Antrag auf Verlegung der Unteroffizier- ^ule von Biebrich nach Wetzlar ist leider in der Kommission ab- gelehnt worden; wir werden ihn neu stellen. Der Redner legt ein Wort für feine Wahlkreisstadt Genthin ein, er wünscht dortbin eine kleine Garnifon. '
Der Redner bittet um Berücksichtigung der Handwerker- g e n o s s e n > ch a f t e n bet den Vergebungen der Bekleidungs- s es geschehen ist, die Schneidergenossen- schaft in 'Stettni den Bescheid erhalt, sämtliche Arbeiten seien bei Strafanstalten untergebracht. (Hört! Hört!) Er empfiehlt weiter die Unterbringung derverabschiebetenOsfiziere i^n 23cam teufte!! en unb warnt vor ber Einrichtung von <yelbh>ebelleutn antl ft eilen. Das sollte erst dann geschehen, wenn es dringend erforderlich ist. Er erörtert dann den dln 3 ug ber jungen Offiziere. Es ist bebauerlich, batz bas von konservativer Seite gesagt werben muß. Wie bei den Damen, scheint bie Mobe auch bei den jüngeren Offizieren eingerissen zu fein. Man bemerkt da manchmal Herren mit Kragen bis unter bie Ohren, Achselstücken nur 1 Zentimeter lang, Epau- letten gqxz klein, zwei Herren vom selben Regiment mit ver- schlcbenem Tuch, die Knopfe des Ucberrocks weit auseinander, den Säbel verschieden getragen, und, was ich sehr bebaure; bie Offiziere machen auch die Mobe ber Zitiiljugenb mit, sie tragen zwischen Nase und Munb, da wo sonst ber Schmuck des Mannes ist, ein gewisses Etwas, von dem man nicht weiß, ob e s Bart ober Bartbinbe i st. (Große Heiterkeit. Der Kriegsminister nickt zustimmenb.) Die Herren sollten baran beulen, daß es nur daraus anlommt, daß der Offizier seine Pflicht tut und nicht auf Aeußerlichkeiten. Der Redner schließt: Wir können auf unsere Armee, um bie uns jebes andere Land beneidet, stolz sein. Es ist in ihr eine eiserne Disziplin, eine Hingebung für oen Dienst, wie man es mehr nicht erwarten kann. Es muß darauf hingewirkt werden, daß jedermann seinen Dienst aus eigenem Antriebe gern tut, und dazu können die Vorgesetzten mit Wohlwollen viel beitragen. Wir leben in einer sehr ernsten Zeit mit verfinstertem Horizont. Die äußere politische Lage zwingt uns, unser Heer jederzeit kampfbereit zu erhalten. Furcht vor unserer starken Waffe ist immer die beste Versicherung für den Frieden. (Beifall rechts.)
Abg. Dr Müller-Meiningen (Fr. Vp.):
Die Beschreibung des S i m p l i z i s si m u s-> T y p s des Kavallerieoffiziers war für diese Seite des Hauses sehr interessant. Wenn wir früher, und zwar viel weniger drastisch, solche Kritik übten, wurden wir von drüben angegriffen. Man bemerkt den veredelnden Einfluß des Blocks. (Große Heiterkeit.) Den Vorwurf des 91 bg. Häusler, die Mehr- heitsparteien hätten die Sparsamkeitsbestrebungen nicht ausreichend unterstützt, lehne ich für meine politischen Freunde entschieden ab. Eine Anzahl von Abstrichen ist auf unseren Antrag erfolgt, bei andern schien uns das Sachverständigenurteil des Zen
trums nicht zu genügen, bei einer dritten Gruppe ließen uns die Herren vom Zentrum im Stich. Ter Tank des Herrn von Lieben an den Kriegsminister, weil er bei diesen Abstrichen die Ruhe^und den Gleichmut nicht verloren habe, war völlig überflüssig. (Lehr wohrl links.) Gegen den Kolonialminister waren bie Herren um Siebert nicht so zartfühlend. Alle Parteien des Hauses waren vom besten Willen beseelt, möglichst große Abstriche zu machen; leider ist das beim Militäretat sehr schwierig, weil der Laie zu wenig Einblick hat und uns bei jeder Stelle der Kriegsminister erklärte: Ausgerechnet dieser Abstrich gefährdet die We^chastig- feit des Deutschen Reiches. Ich gebe auch zu, es ist sehr schwierig, Fehler bei der Abstrichpolitik zu vermeiden. Leider aber fehlt ber gute Wille, nicht etwa beim Kriegsminister, sonbern an anbern Stellen, die in allerletzter Linie in Betracht kommen. Ta mutz jede Sparsamkeitsaktion erfolglos bleiben. Tie Herren ber Militärverwaltung sollten die Stimmung im Lande etwas mehr beachten. Zeigen sie für die nächsten Jahre nicht mehr Entgegenkommen, so quälen wir uns bei der Finanzreform umsonst, bann haben wir in wenigen Jahren genau basselbe Finanzelen b. (Sehr wahr!) Worauf es ankommt, bas finb organisatorische Aenderungen, vor allem im Pensionierungssystem, bei ber Gewährung von Tispositionsurlaub unb vor allem in bezug auf die Friedenspräsenzstärke. Wozu braucht man Kommandanten in Glogau, in Swinemünde usw.? ^-cr,. ?rom m0?’ baut von Swinemünde hat. wie ich höre, als wesentlichste Aufgabe, Salut zu schießen, wenn der Kaiser vorbeifährt ^Heiter, leit) ober in dem ganz seltenen Falle, bah eine frentbe Flotte vorbeikommt. Unb als neulich, bas einzige Mal, bie englndje Flotte vorbeikam, da kam er zu spät ober war nicht zu Hause. (Heiterkeit.) In einer Reihe von Fragen stimmen wir mit Herrn Häusler vollkommen überein, besonbers über bie Unübersichtlichkeit des Militäretats; dann den Mangel an Aerzten, an dem auch konfessionelle Engherzigkeiten schuld sind Zurücksetzung der iubi- schen Aerzte, was sich im Falle eines Feldzuges bitter radnen wird. Was Herr Häusler über die Beschränkung der D l e n ft« zeit bei ber Kavallerie unb Artillerie sagte, 'st auch bie Meinung zahlreicher militärischer Sachverständiger, auch bayerischer. (Generalmajor ti. Gebsattel: Welcher?) 8a, Herr General, das möchte Ihnen natürlich passen, daß ich ^hnen meinen militärischen Sachverständigen auslieferel ^Heiterkeit.) Freilich, auch sie sagen ausdrücklich: nur bei entiprechender Vereinfachung des Dienstes. Aber muß denn der Kavallerist ein halber Militärprofessor sein? Sehr viel überflüssiges Zeug kann da weggelassen werden. Mit vollem Recht hat Herr Hausler gegen Drill und Stechschritt gesprochen; und wenn .Herr von Siebert meinte, ber Stechschritt sei eine Fundamentale der deutschen Armee, so ist das ber Geist, ber nicht nach Sedan, sonbern nach Jena geführt hat. (Sehr wahr! linksZ Ti'ziPlm unb Drill finb nicht dasselbe, sondern Gegensätze. Der Drill ist die Negation ber Jnbivibualität unb ber Intelligenz, unb vor allem ist er bie Quelle ber schlechten Behandlung der Soldaten. Zum fünften Mal bringen wir nun unsere Resolution hierüber ein, viermal ist sic mit großer ^Wbc-t vom Reichstag beschlossen, da sollte auch endlich einmal die Militärverwaltung sich danach richten. (Sehr wahrl links.)
Bringen wir nun hier einzelne Fälle von Mißhandlungen vor, dann kommt der Kriegsminister und sagt: Das stand ja ui den Zeitungen Wenn wir sie aber nicht vorbringen, bann sagt er wieder: Es muß doch sehr wenig passiert sein, wenn bie Herren hier nichts vorzubringen loissen. Ja, Herr Kollege, was sollen wir da eigentlich machen? (Große Heiterkeit.) Der Redner bringt bann einzelne Fälle vor unb schlicht baran den Wunsch, daß insbesondere gegenüber den Reservisten bei den Kontrolltier, fammlungcn möglichste Rücksicht genommen würde. Interessant waren die Ausführungen des Abg. Häusler über bie militärische Jugenderziehung. Freilich würben sie nicht ganz klar durch die Berufung auf die Feldmarschälle Gneisen au und Bebel. (Große Heiterkeit.) Der Grundgedanke ist uns aber jedenfalls sehr sympathisch. Ich bin überzeugt, das vorzüglichste Mittel gegen die Militärmißhandlungen ist die Bekämpfung der körperlichen Schwerfälligkeit durch frühzeitigen systematischen Turnunterricht. Allerdings müßte die Militärverwaltung der deutschen Turner sch oft größeres Entgegenkommen zeigen. Heute gilt das Turnen in der Armee zum Teil als zu demokratisch. Tas hat die Behandlung der Turnerschaft in Frankfurt a. M. gezeigt. Ich sehe mich genötigt, auch die Frage ber konstitutionellen Garantien hier zu erörtern. Gerabe die Feier des hunbertjährigen Bestehens bes Kriegs Ministeriums gibt uns zu einer Betrachtung seiner etwas eigentümlichen staatsrechtlichen Stellung Anlaß. Der Kriegsminister ist kein Reichs-, sonbern ein Preußischer Minister. Schon daraus ergeben sich merkwürdige Konsequenzen. Dazu kommt, daß bie persönlichen unb organisatorischen Verhältnisse in der preußischen Armee die Minister- Verantwortlichkeit auf das kleine Gebiet der Verwaltung beschränken. Im übrigen ist der Kriegsminister nur der parlamentarische Prellbock für eine Reihe von rechtlichen Sonder- organisationen. (Sehr richtig! links u. im Zentr.) Tie kommandierenden Generäle brauchen keine Anordnungen vom Kriegsminister entgegenzunehmen. Sind sie mit dem Militärkabinett einig, dann ist der Kriegsminister machtlos. Dieses Militärkabinett hat eine Zuständigkeit, bie eigentlich alles umfaßt. In ber Armee unterscheibet man nicht bloß bürgerliche unb ablige Waffen, sondern auch bürgerliche unb ablige, Hof- und gewöhnliche Regimenter. Innerhalb der Garde unterscheidet man noch vier besondere Stufen von Regimentern, außerhalb ber Garbe drei, im ganzen etwa sieben Klassen von Regimentern. Dayn kommt, daß die adligen bie besten Abteilungen im Generalstabe besetzen. Sollten bie bürgerlichen so unfähig fein, baß sie zu ben im Heere besonbers erstrebten Posten sich nicht eignen? Diese Zustände bedürfen dringend ber Remebur. Es ist ganz richtig, wenn Kollege ti. Siebert erklärt, daß das deutsche Offizierkorps aus einem Gusse geschaffen ist. Es fällt mir nicht ein, irgend ein Regiment als weniger tüchtig zu bezeichnen. Aber wir sind überzeugt, daß nicht alle Regimenter gleich behandelt werden. (Sehr richtig! links u. im Zentr.) Und wir verlangen die vollkommene Gleichstellung aller Offiziere. (Sehr richtig!) Wer einen gewissen Kastengeist in die deutsche Armee einführt, der versündigt sich gegen die Armee. (Sebh. Zust.)
Tausende von Offizieren in der deutschen Armee sind durchaus meiner Meinung. Ich könnte das durch Zuschriften beweisen. Derjenige versündigt sich an der Armee, ber bie W illkür an« stelle des Rechtes setzen will. Die geheime Quali- f i l a t i o n mutz verschwinden. Sie vernichtet jetzt viele militärische Existenzen, meist wegen lächerlichen Quisquilien. Oft weiß bet Betreffende auch nach der Verabschiedung noch nicht, warum er den blauen Brief bekommen kann. Gewiß ist fein anderer Teil der Beamtenschaft so eng mit dem Fürstenhause verbunden wie bas Offizierkorvs- Eine große ruhmreiche Trabi- tion hat die Beziehungen de? tireu'm >en Offizierkorvs zum Königshause zu einer eigenartigen in ber aanzen Welt gemacht.
an ber zu rühren vermessen wäre. Aber in einem persönlichen Dienstverhältnisse zum Kaiser und König, wie Herr ti. Oldenburg einst sagte steht auch der preußische Offizier nicht. Er ist Staatsdiener unb Staatsbeamter. Auch für ihn müssen unter allen Umstänben die staatsrechtlichen und tier- fassungsmäßigen Garantien erhalten werden. Sonst würde ber Offizier gerabezu unter bie Stufe bes blöbejtcn Lakaien herabstnkcn. (Sehr richtig!» links.) Im Offizierkorps mutz das Verständnis bafür geweckt werben, baß cS nur ein Teil bes ganzen Verwaltungsapparates ist. Die Stellung ber ticrab= schiebeten Offiziere ist unhaltbar. Das wirb am besten bewiesen durch die sechs widersprechenden Urteile im Falle G a e b k e. (Sehr richtig!) Sie beweisen, daß bie Verordnung von 1874, bic die Stellung ber tierabschicbeten Offiziere regeln soll, unhaltbar ist. D i e E h r e n g e r i ch t e finb als bemokratische Einrichtung geschaffen worben. Man sieht, was ein absolutes' Königtum bar= aus machen kann. Ursprünglich war der König nur ber Vollstrecker ber geringfügigen Ehrengerichtsstrafen Jetzt ist bas ganze Ehrengerichtsverfahren überhaupt nur, noch e i n e b e k o r a t i v e S a ch e. Sie sind m Wirklichkeit keine Urteile, sondern lediglich Sachverständigen-Gutachten, an die die allerhöchsten Stellen, in praxi das Militärkabinett in keiner Weise gebunden ist. Die Willkür ist nicht nur gegenüber ben aktiven Offizieren immer mehr geltend geworden, sondern auch gegenüber ben Reserveoffizieren und nach ber Verordnung von 1874 auch gegenüber den verabschiedeten Offizieren. Diese unglückselige Verordnung liefert das ganze Reservekorps politisch
und g e s e I l s w a f t l i ch auf Gnade und Ungnade diesem Spruche aus. Jede unbequeme Kritik wird damit ertötet. ES ist aber gerade notwendig, daß die Inaktiven ihre Stimme hören lassen. lSehr richtig! links.) Und von wem werden diese Ehrengerichtssprüche gefällt? Von 20- unb 21jährigen Leutnants gegen ältere Offiziere. (Hört! hört! links.) So übt das Militärgericht eine oberste richterliche Entschcidungs- gemalt aus, bie zur völligen Vernichtung ber sozialen Stellung eines großen Teiles ber Offiziere führen muß. Auch bie_ Offiziere besitzen einen Anspruch auf Schutz gegen jegliche Willkür. D i e Bevorzugung eines einzelnen Standes, der Mangel an Rechtssicherheit und bie Unsicherheit ber Stellung, vor allem bei der Pensionierung sind bie Hauptgründe des Mangels an Offizieren. Das sind die großen Ab- schreckungsquellen für bas Offizierkorps. Es ist verdienstvoller für bie Armee unb die Monarchie, wenn bie Schöben in der Armeetier- Wallung anerkannt werden, als wenn man kritiklose Verbeugungen vor ber Armee macht, unb pharisäerhaft alle Dinge, bie mit dem Heere zusammenhängen, beweihräuchert. (Sehr richtig! links.) Der Kriegsminister muß möglichst bald kommen, ber einer falschen Kommanbowirtschaft im Interesse ber beut)dien Armee ein Enbe macht. Ein solcher Kriegsminister wirb zum Segen bes Volkes unb zum Segen bes deutschen Heeres wirken. (Lebh. Beifall links.)
Preußischer Kriegsminister von Einem:
Von einigen Rednern sind durchaus wichtige Budgetfragen berührt worden, die mit dem LebcnderArmeein engem Zusammenhang stehen. Vorher will ich auf einige Fragen minder wichtiger Natur eingehen. Der Abg. Müller-Meiningen hat an die Spitze seiner Betrachtungen den Satz gestellt, daß seine Frattion unter allen Umständen für die Schlagfertigkeit und die dauernde Kriegsbereitschaft des Heeres eintreten würde. Tas war mir eine höchst angenehme Mitteilung. Aher unmittelbar darauf hat er gesagt, daß beim Ablauf des Scvtennats eine erhebliche Verminderung der Präsentstärkc und außerdem eine ausgiebige Beurlaubung ber Mannschaften des Heeres slattfinden müsse. Wie sich eine Verminderung der Präsentstärke mit der Schlagfertigkeit des Heeres zusammenreinien läßt, das geht über meinen Verstand hinaus Der Abg. Häusler hat gestern eine Anzahl von Bemerkungen gemacht, an denen ich nicht ohne weiteres vorübergehen kann. Ich habe ja auch bereits heute im „Vorwärts" gelesen, daß ich gestern an den unangenehmen Bemerkungen, die mir gegenüber gemacht worden seien, borübergegangen sei, unb daß ich gestern nicht geantwortet habe, um mich noch weiter vorzubereiten. (Heiterkeit.) Es heißt bort weiter, das Militärkabinett habe mir nun Wohl erklären lassen: Einem vor die Front! (Große Heiterkeit) Tas ist ein ungewöhnlich großer Unsinn. (Erneute große Heiterkeit.) Ich versichere Sie, daß ich ein vollständig selbständiger Mann bin, ber ganz allein nach eigenen Entschließungen beurteilt, wann er reden wird und was er reden wirb. Da hat mir fein Mensch Vorschriften zu machen, unb so finb mir auch noch feine gemacht worben. Herr Häusler hat sich über bie Ausbildung ber Infanteristen ausgelassen. Sie soll sich erheblich verkürzen lassen, man soll Ersparnisse machen tonnen, ber Infanterist lerne zu viel. Tas sind Ansichten. Ich will dagegen gar nicht streiten. Ich will nur konstatieren, baß alle die Generale, bie das Exerzierreglement gemacht haben, die unsere Felddienstordnung ausgestellt haben, erfahrene, im Dienste er. graute Männer, anderer Meinung sind. (Sehr richtig! rechts.) So lange in der Armee bie Meinung ist, daß diese zwei Jahre durchaus notwendig sind, um einen Infanteristen nicht bloß mit dem Dienst vertraut zu machen, sondern ihn im Dienst so weit zu bringen, daß er ihn automatisch zu tun vermag, daß er ihn über seine ganze Reserve- und Landwehrzeit hinaus nicht vergißt, so lange müssen wir die zweijährige Dienstzeit beibehalten unb werden sie auch beibehalten. (Beifall rechts.) Es ist ganz unrichtig, zu behaupten, daß der P a r a b e b i e n ft bie Truppe herabbrückt. (Sehr richtig! rechts.) Tas ist unrichtig. Wenn wir den Paradedienst beibehalten, so hat er einen gewissen Zweck. Ich leugne es durchaus, daß wir irgendwie eine Paradetaftik oDer zuviel Paradedienst treiben. Die Zeiten sind vorbei, als jede Uebung mit einem Parademarsch anfing unb enbete. Jetzt geht es sofort ins Gefecht. Jetzt haben wir keine Paraoetagc, sonbern UebungStage. Nun hat sich Herr Häusler auch mit ber Kavallerie beschäftigt. Bei mir unb meinen Herren besteht kein Zweifel, baß wir für die Kavallerie die - ijährige Dienstzeit beibehalten müssen, daß sie für die Ausbildung bet Kavalleristen notwendig ist. (Sehr richtig!) Herr Häusler hat bie Sache so hingestellt, als ob die Kavallerie eine antiquiert? Sache sei. Er hat behauptet, daß bas Feuer heute bas Schlachtfeld beherrscht. Das ist alles richtig. Aber was geht benn vor der Schlacht vor? Weiß benn Herr Häusler nicht, baß vor jeder Schlacht eine große Ausklarungstät'gkeit itattfinbet? Daß biese SlufflärungStätigfeit zunächst sich an ben Spitzen vollzieht, in den Patrouillen? Daß diese Patrouillen sehr weit gehen müssen? Daß sie nur ihren Weg finden können, wenn sie Herren ihres Pferdes sind? Weiß er benn nicht, daß man mit einem Psecbe, das man in der Hand hat, ganz anderes leisten kann, als mit einem Pferde, über bas man nicht die Gewalt hat? Weiß er nicht, daß eine gut berittene Truppe ganz andere Märsche machen lamt als eine schlecht berittene. Weiß er von allen diesen Dingen nichts? (Heiterkeit.) Er hat davon nichts erwähnt. Aus allen diesen Gründen brauchen wir aber tüchtige Pferde, unb daher auch bic dreijährige Dienst zeit für den Kavalleristen.


