Erstes Blatt
159, Jahrgang
Dienstag 3. Februar 1909
u.Soitb" und „(Berichts-
bis »otJnass's Ubu «»ta«»nrdn,ck Md Verlag der vrühl'schen Unio.-Vnch- »ad Steindniüerei «. Sangt, vedattlon, Expedition und Druckerei: Kchulftrahe 7.
Nr. 27
Ter Eichener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. — Beilagen: viermal wöchentlich Sletzener§amilienbiätter; aroetmal roörbcntLKiciS: biatlfürbrnUreckSirtzen (Tienstag und Freitags; zweimal monatl. Land- trirtschafiliche Seitjragen Fernivrech • Anschlüsse: für die Redaktion 112, Berlag u. Expedition 51 Adresse für Teveschcn: Anzeiger Gießen.
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ietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefsen
Brief dem Ches der Gehernrpvlizei mit den Worten: „Sier das allerinteressanteste Dokument für Sie, welches meine Schuld vollkommen festste llt." Inzwischen kamen verschiedene Personen zu Lopucknn zu Besuch, darunter der frühere Gehilfe des Ministers des Inneren Fürst Uruss-ow unb andere, welche sofort dnrchsuclst und auf inehrcre Stunden verhaftet wurden. Lpuchin wurde nach der Haussuchung in einer geschlossenen Kutsche ins Krcsty-
gcteiit, daß alle Schwierigkeiten bezüglich des Bo.F.tt behoben seien und daß die Llovdschiffe von Triest anstandslos Waren bringen können. Die Chefs der Lastträger beschlossen, gestern die Ausnahme der Arbeit, wenn die Pforte in dm Zeüu"g n publiziert, daß sie durch die Entente b.sriedgt sei. Die e Pubi- kation soll morgen ersolgen.
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
D!e Lnttawung eines russischen Polizeispitzels.
Die sittliche Verwilderung Rußlands hak in den letzten Jahren erschreckende Fortschritte gemacht. DaS lehrt die kürzlich erfolgte Entlarvung eines russischen fAKizeispitzels Asew. Dieser Mann ist als Werkzeug Myer russischer Polizeibeamten jahrelang an den schtversten russischm revolutionären Verbrechen beteiligt gewesen: soll beispielsweise an den Ermordungen des Generals Bogdanowitsch, des Ministers von Plehwe. des Großfürsten Sergius und schließlich auch an den voriges Frühjahr gegen den Zaren geplant gewesenen Mordanschlägen Anteil haben. Die französische politisch« Wochenschrift Opinion sagt zur Entlarvung des russischen Polizeispions Asew, daß dessen Tättgkeit beinahe dem Präsidenten der Republik das Leben gekostet hätte. Asew halte von einer Hollen Persönlichkeit des kaiserlichen Hofes eine Million zugesagt erhalten, wenn er den Zaren durch die Revolutionäre umbringen lasse. Das Attentat wurde organisiert. In Reval nähertm sich, als Falliöres zur Seite des Zaren stand, drei mit Bomben aus- gerüftete junge Leute. Es hätte nur einer Bewegung ihrerseits bedurft, und der Zar, der Präsident unb sie selbst wären in die Luft geflogen. Neben dem Zar stand aber zugleich sein Söhnchen, und die Revolutionäre wollten fein Kiird tüten. Sie zogen es vor, sich festnehmen und hinrichten zu lassen. Das System der Spionage imb der Prvrwkätion in Rußland erreichte unter Plehwe seine Blütezeit, erfuhr dann mit dessen Ermordung einen gewaltigen Rückgang, wurde fast gänzlich desorganisiert, und erstand erst nach der Niederwerfung des Moskauer Aufstandes am Ende des Jahres 1905 zu neuem Leben. Von da an geht es damit crescendo. Sowie Trussewitsch zum Direktor des Polizeidepanements ernannt worden war, versandte er an alle Chefs der Gendarmerie- rntb Schutzverwaltungen ein Zirkular, in dem anbefohlen wurde, kein Mittel zu scheuen, um in allen Bevölkerungsschichten die weitestgehende Provokation durchzuführen, unb zur Verwirklichung feiner Pläne setzte er mehrere skrupellose Männer an die Spitze der ,ck»lckischen" Territorien, in die er das russische Reich eingeteilt hatte. Ja auch das Llusland versah er zur Ueberwachung rnsiischer Revolutionäre mit einer einheitlichen Organisation, die in Paris unter Leitung eines gewissen Hartwing, alias Petrowski, alias Beire, ihre Zentrale hat. Die Provokation ist die eigentliche Krone der Spionage. Was dem Spion meist verschlossen bleibt, das enthüllt sich dem Provokateur, der oft mit einem Schlage in den Reihen der Terroristen zu einer einflußreichen Persönlichkeit wird. Nachdem ihm mehrere Expropriationen ober Attentate gelungen sind, gewinnt er ein solckjes Vertrauen bei den Anhängern bes Terrors, baß er sie mit Wissen bet Polizei zu größeren Aktionen SU bereden vermag, bei denen die Verratenen nebst unzweifelhaften Belegen den Häschern in die Hände fallem Die Vertreter der politischen Polizei, in deren Solde diese Spitzel sind, erhalten dann natürlich für ihren „Eifer" und ihre „Umsicht" allerhand schöne Belohnungen: Geld, Orden und Rangerhöhung. Jedenfalls scheint sich diese Tätigkeit zu lohnen. Aber dieser Tage ist nun der ehemalige Chef der Staatspolizei Lopuchin in St. Petersburg der- haftet worden aus Enthüllungen hüt, die über die provokatorische Tätigkeit des Polizeispitzels Asew gemacht worden sind. Lopuchin, der unter dem Minister v. Plewe und Fürst Swjatopalk-MirSki im Kabinett des großen Witte eine fast allmächtige Rolle gespielt hat, wurde verhaftet, weU gegen ihn eine schwere Anklage wegen Landesverrat erhoben worden ist, deren Richtigkeit feststehen soll. Lopuchins Privatwohnung würbe nachts von -10 Polizisten umzingelt, worauf eine Haussuchung stattfand. Lopuchin wohnte der Haussuchung, bie sein früherer Untergebener, bcr Chef der „Ochrano" (Sicherheitspolizei) Oberst Gerasmrow leitete, blaß aber gefaüt bei Er öffnete selbst mehrere Gel-eimsächer seines Schreibtisches unb übergab bem Obersten Gerasimow wichtige Briefschaften. Schließlich zog Lopuchin noch einen Bries aus der Tasche, den er vor wenigen Tagen von dem Mitglied des revolutionären Lkvmitees in Paris Burzew, der den Verräter Asew entlarvte, aus dem Auslande erhalten hatte. Er übergab den
Gefängnis in strenge Einzelhaft übergeführt. Lopuchin wurde verhaftet, weil er den Afew dem Komitee der sozial- revolutionären Partei verraten hat Er soll ihr eine ganze Reihe wichtiger russischer Dokumente mit geteilt haben, die der Partei zeigten, wie schwer Asew sie im Verlauf von fast zwölf Jahren verraten hat Eine nette Gesellschaft!
polttijd)€ Lagcsscharr.
Der Dank des .Kaisers.
Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht nachfolgenden Erlaß deS Kaisers: AuS Anlaß der Vollendung meines 50. Lebensjahres sind mir schriftliche (Sluck- und Segenswünsche in bc onders großer Zahl von nah und fern znaegangen. 9)1 em Geburtslag ist in Stadt und Land, von Behörden, Vereinen und Korporationen, durch Veranstaltungen mannigfacher Art fesilich begangen worden. Auch die im Auslands lebenden Deutschen haben sich vereinigt und mir ihre Treue und Anhänglickckeit zum Ausdruck gebracht Diese Kundgebungen verrraiierisvoller Zuneiguug baden meinem Herzen wohl- gelan, niid es ist nur eine angenehme Pflicht, allen, welche meiner an diesem Tage nut freundlichen Glückwünschen und treuer Fürbitte gedacht haben, meinen wärmsten Dank auszusprechen.
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O^iuurkonkretz.
Der internationale Opiumkongreß in Schanghai, auf dem England, Amerika, Deutschland, Frankreich, Rußland, bie Türkei, China, Japan, Holland, Portugal, Siam unb Persien öertieten sind, ist eröffnet worben. Ter Generolgouverneur TuawFang begrüßte die Delegierten mit einer längeren Anjprache. Ec führte ans, daß die Unterdrückung des Lpiumgenusjes schon bemerkenswerte Forischcitte gemacht fabe, unb betonte bie Notwendigkeit eines RegierungsmonopLls. Der französische Vertreter beantragte, bie Verhandlungen der Kommission in französiscljer ober sonst in zwei Sprachen zu führen. Der Antrag würbe einem Komitee überwiesen, dürste aber schwerlich angenommen werden.
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Die Lage auf dem Balkan.
Die in Aussicht stehenden Bei Handlungen zwischen der £ürt t und Bulgarien wollen noch immer nicht in Fluß kommen. In Londoner politischen Kreisen ist man zu der Ueberzeug.ing gelang , daß bie, türkisch-bulgarische Situation sich weiter zugespitzt haue, und baß bie Intervention der Mächte sich nicht nuc m Konstantinopel sondern auch in Sojia werbe geltend machen müssen. Mau ist ferner überzeugt, baß in Konstantinopel bie Schwierigkeiten nicht unüberwindbar feien, wohingegen seilens Bulgaren weiterer Widerstand zu erwarten sei. Ebenso ist man der Ansicht, daß beide Regierungen es wegen der geringen noch besteh.nden Tifte- renzen zu einem Kriege nicht kommen lassen werden. Der Kollektivschritt der Großmächte erfolgt nun heute. Dieser Schritt, der von allen Mächten gemeinsam unternommen wirb, bezweckt, wie verlautet, in erster Linie eine beiberseitige Abrüstung, a.so Beseitigung ber Gefahr von Grenzkonslikten unb einer bald gen Verständigung zwischen ber Türkei unb Bulgarien unter Ausschaltung einer territorialen Entschäbigung seitens Bulgariens. Die b> „Jcni Gazetta" meldet, hat ber (iftoßwesier den tückschen Vertreter in Sofia angewiesen, der bulgarischen Regierung mi.gutciicn, sie möge nicht mit Demonstrationen und ber Aufregung der ö fent- lichen Meinung unnötig Zeit verlieren, sondern er (Liren, ob sie in Verhandlungen treten wolle ober nicht. Sehr schlimme Meldungen kommen inzwiscl-en aus dem Sandschak 9tovi bazar. Zmi- sck;en Serben und Arnauten kam es dort zu blutigen Kämpfen. Die Ortschasten Plevlje und Vertun wurden unter Militarismen Schutz gestellt. Zahlreiche von Serben bewohnte Orrschaft.n sind von den Arnauten niedergebrannt unb die Einwohner grausam nieber- gemetzelt Worben. Auch befürchtet man ben Eckt, all von mo n e- negrinischen Banben. Neben al.en diesen Unerfrcuti-tfeiten, muß aber auch verzeimnet Werben, baß die Beziehungen zwischen Oester- reich-Ungarn und bcr Türkei sich anhaftend bessern. Der Groß- Wesier hat gestern dem Botschafter Markgrajen Pallavicini mit»
Ans Stadt und Land.
Gießen, 2. Februar 1909.
Gedenket der hungernden Vogel!
" Ein Inhaltsverzeichnis der Gießener Fa - ntilienblätter und ein solches ber Landwirtschaftlichen Zeitsragen für bas Jähr 1908 liegt bcr Ijeukgen Auflage bes Gieß. Anz. bei. Wir glauben mit biefer Neueinrichtung, bie auch in Zukunft beibehalten werden soll, einem Wunsche! ber zahlreichen Leser, bie beide Beiblätter sammeln, Rechnung zu tragen. Die etwa? versvätete Herausgabc beider Verzeichnisse erklärt sich daraus, daß c5 sich um eine neue Einrichtung handelt; später wird sie sofort nach Beginn des neuen Jahrganges erfolgen. Auch die vor einiger Zeit in Aussicht gestellten Sa mmel- Mappen für die F a m i l i e n b l ä 11 e r (die auch zum Sammeln der Lavdw. Zeitftagen und des Kreisblatts benutz: werden können) sind nunmehr angesertigt. Wir ersuchen die Besteller, die Mappen unter Ersetzung iuer 75 Pfg. SelbstÜrsten in unserer Expedition! abzuholen oder den Bettag nebst Portokosten einzusenbclu worauf die Vioppen den Beftttlcm zugesanbt werben. Weitere Exemplare können zu bemfetben Preise bezogen werden.
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* • Tageskalendee für Dienstag, 3. Febr.: Stadt t h e a t e r: .Wallensteins Tod/ Anfang 8 Uhr.
• • Ordensangelegenheiten. S. K. H. ber ©roß>< Herz og haben dem Hauptmann z. D. Schneider, kommandiert zur Dienstleistung als Bezirksossizier beim Land- wehrbczirk Kreuznach, seither Kompagnieches iin Jufanterie- Leibregiment Großherzogin (3. Großh. Hess.) Nr. 117, das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen und den Großh. Kammerherren Dr.Jos. v. Loehr, Wirklicher Legationsrat in Berlin, Franz v.Hessert, Oberstaatsanwalt in Darmstadt, und Elmar v. Eschwege, Rittmeister a.D. inKasiel, das Hofdicnstehrenzeichen für 25 Dienst- jahre verliehen.
• * Lehrer Personalien. In den Ruhestand versetzt wurde die Lehrerin an bcr Volksschule zu Offenbach Lora Erdmann auf ihr Nachsuchen bis zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit. — Erledigt ist eine mit einem eoangcl. Lehrer zu besetzende Lehrerftelle an der Gemeindeschute zu Messel.
• • Erledigt sind: die Stelle eines Hochbauauf- seherS (Hochbauamt Darmstadt). Die künftig mit einem S t e u e r a u f s c h c r zu besetzende Stelle eines Steuereinnehmers bet dem Großh. Steueramt Alzey.
* * Die Reichstags - Ersatzwahl in Bingen- Alzey. Das Zentrum hat beschloffen, den Landtagsabg. Gememderechner Ue bei in Dieburg als Kandidat aufzustellen.
* * Schnellzugsbenutzung ohne Schnellzugs- karten. Reisende, die mit gewöhnlichen Fahrkarten Schnellzüge benutzen, tun gut daran, wenn sie dem Schaffner unaufgefordert miticjlcn, daß sie feine Schnellzugs-Zuschlagskarte Haven. Sie brauchen bann nur ben einfachen Zuschlag nachzubezahlen, währenb anbernsalls noch eine erhebliche Strafe erfolgen kann.
• • Der Winter ist seit Sonntag richtig ins Land gezogen und hat uns eine dichte unb anscheinend längere Zeit bleibende Schneedecke beschcert. Denen, die trotz der öfters roütenben Schneestürme einen Gang inS Freie nicht scheuen, bieten sich in Wald und Feld prächtige Lanbschaftsbildcr.
Aleines FenMeton.
— Wildenbrnchs Witwe veröfsentlicht folgende Danksagung: „Berlin, am 29. Jmmar 1909. Das deutsche LÄlk hat meinen Mann mit unzähligen Liebeszeichen unb Kränzen in Weimar — an ber Stätte, die er so sehr geliebt — neben unseren Dichterfürsten bestattet. Den Einzelnen für die Teilnahme, bie sie dem Geschiedenen gewidmet, für bie Trostworte, die sie mir gespendet, den Dank auszusprechen, ist unmöglich. Ich kann nur auf diesem Wege aus erschüttertem Herzen allen meinen tief empsnndenen, nnverlöschlichen Dank unb die Versicherung Qussprechen, daß sie mir in meinem Schmerze tvvhl- gctan haben. Dcaria von Wiloenbruch."
— Sudermanns „Saßenfteg" als Musikdrama. Stan Renvuard hat den Roman „Der Katzensteg" von Hermann Sudermann zu einem Liorctto für ein zweiaftrgeS Musikbrama verarbeitet, dem ber Titel „Le moulin silcncieux" gab. Der französisck)e Komponist Gallois, der im vorigen Jahre mit btm Rompreis ausgezeichnet wnröe, hat die Musik zu diesem Libretto geschrieben.
— Ueber Au s st e l l un g s b e s.u ch e erhalten wir folgende interefiante Aufstellimg, bei der allerdings die rem künstlerischen Ausstellungen anßer Betracht gelassen sind. Die größte deutjche Ausstellung des gegenwärtigen Jahrzehnts, die Industrie-, Gerveibe- und Kimstausuellimg Düsseldorf 19u2, ivurbe von 5100000 < AVAncn Der stärkste Besuch fand am letzten Sonntag mit
000 Personen statt; der Turch'chiuttsbefuch war 29 46 tätlich. Tie Besucherzahl der Baycrijchen JubiläumS-Kanbcsausstcllung Nürnberg 1906 betrug 2 545 525 Personen. Der lügltche Durch- ^nutsbefuch bezifferte sich aus 16 213, der höchste Besuch (am letzten eomitagi^ aui 69 949, der schwächste (an einem Tauerregentag) auf o ^rsonen« Niir 11 Tage hallen einen Besuch inner 5000, y- *.nne einen solchen über 20 000 Personen. — Ter Bestich der GeiverbeailsUellung Görlitz 1905 und der Teutsch-BÖhmiichen Aus- stelluiig in öieichenberg 19-j6 belief ßch auf je 1‘,, bc* jemge der Mimft- und Gartenbau-Ausstellung Mannheim 1907 auf 4, derjenige der Baiiansiiellung etiiltgart 1908 auf 1 Million. Ter tägliche Turchfchnittsbesuch in Alannhemi war 26 500 Personen. Mehrfach haben sogar bis 60 000 und mehr Personen an Feuerwerlsabenden
_ und dergleichen bie Ausstellung besucht. — Tie GewerbeauÄstellung Kassel 1805 war au den meisten Sonntagen von rund 10 000 und au den Abenden schöner Wochentage von 8000, 10 000 und 12 OOu Personen besticht.
— Schulärzte und Berufswahl. Die »Münch. Med. Wocheufchrn't^ meldet: Tie Stadt Chemnitz hat die Einrichtung getroffen, daß die an Ostern zur Entlassung fommenben Schulkinder einer Schlußunlersuchung durch bte Schulärzte uuterivorien werde«, durch die iestgestellt werden soll, ob sie für bestimmte Berufe untauglich sind. Die Uniersuchuug studet längere Zeil vor dem Eiiilasuingstermin flau, damit die Eltern je nach deren Ergebnis bie" Wahl des Berufes treffen können. Alan hofft dadurch z. B. Kmder, die lunge>igeiährdet oder tuberkulös sind, von Berufen fernzuhalten, bie anstrengend sind und durchanS gesunde Ar- beiiec erforderi,.
— Das Letzte von Shaw. Ans London fcfn-eibt man : Da dieser Tage von einer ernstlichen Erkranknng des Dichters die Rede war, sandte ibm die Londoner ,Preß Affociation- ein Telegramm folgenden Inhalts: »Wir haben soeben von ihrer ernstlichen Erkrankung gehört. Wir waren ihnen sehr verbunden, wenn sie uns Krankheusberichie zur Veröffentlichung zugehen laßen würden." Sharvs Antwort war von gewohnter Llebensivürbigkeit und Originalität. Sie lautete folgendermaßen: »Bitte, teilen Sie dem Publikum mit, daß ich gestorben bin. Tas wird mir sicherlich viel überflüssige Uuaimehmllchkeiten erfparen. Bernhard Shaw."
— Striche bei Wagner. In der „Zeit" veröffentlicht Richard Wallaschek einen Brief, ben Dr. Hans Richter an einen Wiener Freund gerichtet hat. Wir geben ben Bries im Wortlaut wieder, des allgemeinen Interesses wegen, das er beanspruckten darf, und dann besonders, weil gerade yiidjiec immer wieder als Autorität unb Präzedenzfall zu Gunsten der Strichs angeführt wird. Der Bries lautet:
Lieber Freund!
Den mir zugesendeten Artikel in ber „Neuen Freien Presse" („Striche bei Wagner" von gclij Weingartner) habe ich gelesen. Es kann mir gar nicht in den Sinn tonimen, bie mir allein zu- gci'chriedencn Sttiche verteibigen zu wollen: sie waren dumm unb brutal wie überhaupt alle Striche in ben Meisterwerken Wagners. Die in dem Artikel vorgeschlagenen Kürzungen bürsten auch nicht viel weiser sein. Wer wollte auch so dreist jein, den großen Meister zu meistern? Eines muß ich gleich anfangs richtigstellen: bie
Wiener Sttiche sinb vom Meister niemals sanktioniert worben.- Cfr war so nachsichtig gegen mich, daß er mit Bemerkungen darüber mich versck-onte.^ Wie ich znm „Sttcichen" kam, will ich erklären. Beck, btescr große Wnstler, würbe alt; neuen Aufgaben gegenüber war er verbrießlich unb ängstlich. Für ben Alberich hatte ich keinen! anbeten Baritonisten zur Verfügung; um mir ben beim Publikum desto kkreditierten Künstler zu sichern, mußte ich nachgeben unb Stricks machen, namentlich im „Siegfried". Scaria lernte sehr schwer — das weiß niemand besser als sein vielgeplagter Korrepetitor — für ihn mußte ich punktieren und ftreidren, „was dat- Zeug hielt". Aus Schutz konnte ich von keiner Seite rechnen^ Der damalige Maschinist erklärte, daß er unbedingt zwischen der zweiten unb dritten Szene „Rhcütgold" eine Panse haben müsse. Die Zeit zum Einstubieren dcö „Tristan" war knapp bemessen, ein Aufschub ber ersten Vorstellung war nicht zu erlangen, barunv akzeptierte ich die Strickje, von denen mir Seidl sagte, daß sie vom Meister selbst vorgeschlagen waren. Die Marke-Szene bliel" aber ungestrichen, weil (Scaria gerade in dieser Szene unvergleichlich großartig war. Nach der zwecken Vorstellung verlangte er heftig nach Strichen. Meine dringende Vorstellung, er möge doch seine herrliche Leistung nicht selbst verstümmeln, war vergebens: ich mußte streichen ober ben Marke selber fingen, wie er vor sch lug. Die Fricka-Szene in der „Walküre" wurde erst sväter gestrichen. Der Artikel verschweigt, baß später viele Stticbe nueder aufge- mackst wurden, als ber sangessreubige Künstler Reichmaun läut. Dabe, fällt mir ein, daß, als ich für Reichmann die meisten Strtcke in ben „Meistersingern" aus machte, ein angesehenes Blatt förmlich nad; bcr Polizei rief, die das Publikum vor meiner Skrichatismachenswut in Schutz nehmen sottle. Für bie Materna, Chnn, Winkelmann, Reichmann unb andere mehr hatte ich — gottlob! — keine Strickje zu machen. Es war bie herrlichste Tat Mahlers inib wurde mit Recht von der Wiener Presse gelobt, daß er die unsinnigen und zumeist brutalen Sttiche in den Werken ganz beseitigte. Er hatte es auch Icidjt, denn er war der Direktor und hatte— loas bte Haiiptsache war — den Schutz der Presse., In amerikanischen Blättern lese ich, daß er trüben fleißig in den Werken stretcht und dafür auch belobt wird. Der Glticlliche-! Er Eann’v eben allen recht ntadjen.
Besten Gruß. Deckt alter Hans,


