Nr. 64 Erstes Blatt 1ZS.Jahrgang Mittwoch 17. März 1 SOS
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Die heutige Nummer umfaht 12 Seiten.
Vie Kriegsgefahr.
Die Meldungen aus Wien und Belgrad lauten täglich bedenk» icher. In Wien ist die öffentliche Meinung zu der Ueberzeugung .jelangt, das; der serbische Krieg unvermeidlich geworden sei, baß Serbien ihn haben wolle und daß man daher die Nuß werde knacken müssen, ehe sie noch harter wird. Auch an der Wiener kjörse zirkulierten gestern äußerst alarmierende Gerüchte. Jn Osen- ’3cft herrscht ebenfalls allgemein grobe Panik. An der Börse erfolgte gestern ein weiterer Kurssturz aller leitenden Wertpapiere. Alle Blätter fordern nunmehr ein energisches militärisches Vorgehen gegen Serbien, weil weitere diplomatische Verhandlungen mit Belgrad ohnehin ganz zwecklos seien.
Vlad) einer Meldung auS Prag befahl die Negierung ver- Dhiedenen Postämtern auf dem Landes in der Nacht Permanent- lenst zu halten. Der Zweck dieser Maßregel ist, alles für die Illegraphischc Einberufung der Reservisten des 9. Korps (Leitmeritz) Böhmen bereit zu halten. Ziiecst sollen drei Armeekorps mobilisiert werden. Hier wird der K r i e g f a st f ü r u n v e r m e i d !i ch a n g e s e h e n. In den Zeitungsredaktionen erschienen hohe kegierlingsbeanite, die strenge Verbote aussprachen, Mitteilungen der Truppenbewegimgen zu veröffentlichen. Die Blätter veran- lialtetcix Sonderausgaben.
In zahlreichen Teilen Böhmens finden inzwischen Truppen- . Bewegungen und Truppen-Verschieb ungen statt. Von en 55 Infanterie-Bataillonen, die in ganz Böhmen stationiert nd, sind 31 Bataillone nach der Südgrenze der Monarchie be- immt. Einzelne Teile sind bereits nach dem Süden abgegangen, ach Einberufungen von Reservisten haben in verschiedenen Teilen Böhmens stattgeiunden.
Für die nächsten Tage steht die Mobilisierung des 7. (Temes- i euer), des 12. (Hennannstadt) und des 13. (Agram) Korps bevor, ''kußerdem dürste noch das 9. Korps (Leitmeritz) und ein Teil des ■■ Korps (Prag) mobilisiert werden. Die städtischen und Komitats- kr.Hörden von Preß bürg haben gestern morgen um 3 Uhr vom onvedminlsteriiim die telegraphische Verständigiing erhalten, daß i»;c im Bereiche des 15. Korps (Serajewo) imö im Bereiche des kilitärkominaudos von Zara garnisonierenden Truppenkörper Irinnen 24 Stunden auf vollen Kriegsstand z u sehen sind. Es wurde verfügt, daß die Reservisten, die zur Gr- 'vmzung aller in dem genannten Korps und dem Aillitärkommando- t ereidfc detachierten Truppenkörpern gehören, sofort embernieii i. erben, um längstens heilte im Eiltransportwege zu ihren 21 b- I. ilungen abrücken zu können. 2luch in Tropvau wurden Reservisten einbernfen. In Birtigt an der deutschen Reichsgrenze ist gefteui eine Abteilung des österreichischen Eisenbahnlelegraphen Regiments rrigetroffen und Hal eine Funkenstation für die drahtlose 23er- binbnng Wien-Berlin eingerichtet.
Wenn man nun alle diese Meldungen im Zusammenhang b brachtet, bann drängt sich einem unwillkürlich der Gedanke aus, b >ß inan in Lester reich doch schon mit großer Sicherheit beit '.'iluybrud) des Krieges erwartet, unb man versteht es nicht, >vie >i um in Berliner a in 11 i d) c n Kreise n wieder einmal die s ste lieber zeugung äußern kamt, daß fick) der Krieg werde I)'trineibcn lassen. Wie wars bod) beim 2lusbnid) des russisch- j^oanischen Krieges? 2luch damals waren die amtlichen K' r eise iin Berlin der festen Ueberzeugung, daß ein Krieg nicht ausbrechen iM.'rde. In Port Arthur wurden bekanntlich zur selben Zeit die ciiften russischen Kriegsschiffe von den Japanern in den Grund ai(bohrt. Jetzt ist verschiedenen Berliner Bankhäusern von zu- fi mdiger Seite die bündige Erklärung erteilt ivorden, daß für bric nächste Zeit eine S t ö r u n g des e u r o v ä i s ch e n F r i e d e it s keinesfalls zu befürchten sei. Hoffentlich behalten unsere „Zuständigen Stellen" dieses Mal Recht. Dem Richteii'tgeweihten lovird es allerdings schwer an, die Erhaltung des Friedens zu glauben. 3«it Belgrad wird der 2lusbruch des Krieges allerdings schon flIS eine selbstverständliche Sache angesehen. Serbien, so heißt es in einer Belgrader Meldung, sieht den Ereignissen mit großer Mhe und Gelassenheit entgegen. Serbien scheint der russischen Mfe allem Anscheine nach recht sicher zu sein.
In Paris und London scheint man die Lage weit iveniger Mimistisch zu betrachten als in Berlin. Die Pariser Blätter ernt ballen eingehende Erörterungen über die serbische Rote. Der „Temps" meint, es sei zweifelhaft, ob die serbische Antwort die Merreichischungarische Regierung befriedige. Man könne, so sehr mim es and) wünsche, von diesem neuen Schriftstück keine Besserung brn Lage erwarten Oesterreich wolle Serbien allem Anscheine nach zu einer vollständigen Kapitulation zwingen. So verlautet, bacH es Serbien nicht mehr die geringste Genugtuung, z. B. den Betritt zur Donaukommission gewähren wolle. Wenn dies richtig ich so vermögen selbst diejenigen, welche die Politik Oesterreich- II ngarns bisher in der maßvollsten Weise beurteilt haben, seiner Weisheit und Vorsicht immer weniger Vertrauen 'zu sanken. Auch bä „Sißele" schreibt, es zeige sich, daß die Frage des Handels- dixrtrages nur ein Vorwand war, daß 2lehrenthal eine regelrechte l 'ipitulation Serbiens erzielen wolle. Nach einer Wielbung aus Ei. Petersburg sollen England und Frankreich die nissische Regie- rnng allerdings verständigt Haden, daß wegen der seroisd)en Frage nuit Oesterreich nichts entbrennen dürfe.
Eine Meldung aus Wien teilt mit, daß zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn ein Sonderabkommen bevorstehe über die Haltung Deutschlands im Fall eines .Krieges mit Serbien und Kußland. Deutschland würde in diesem Falle, so heißt es, sich zur N'w h l w o l l e n d e n N e u t r a l i t ä t verpflichten. Beide Staaten bribsichtigen, burd) ihre Botschafter in Paris einen Anschluß t\ lankreichs an diese Konvention zu erlangen in dem Sinne, heg Frankreich gleichfalls Neutralität in einem Kriegsfälle beob- aoten würde. — Diese Meldung wird in Berliner gut unterrichteten heilen als irreführend bezeichnet. In wiefern? _
In Wien wird offiziös mitgeteilt, daß die Haltung der deutschen, französischen und eines Teils der englischen Presse, mi((d)e die serbische Note als unbefriedigend bezeichnen, hier mit nugtuung erfüllt. Es müsse wahrheitsgemäß konstatiert iwerden, bM die Situation auf das Aeußerste gespannt sei. Es sei nur mich zu hoffen, daß Serbien in zwölfter Stunde zur Besinnung fo amt. Inoffiziell verlautet, daß Serbien nicht weiter entgegen» harnen werde.
In Wien will man nun trotz der äußerst gespannten Lage tarf) einen Versuch -wachen, den Konflikt friedlich beizulegen. Inr gestrige gemeinsame Ministerrat beschäftigte fick) mit der Zuteilung der Antwort Oesterreich-Ungarns auf die letzte Note Serbiens. Graf Forgach^ wird diese 2lntwoN am Freitag in Bulgrab überreichen. Sie wird nicht den Charakter eines Ulti- , niatumd tragen. Serbien soll die Möglichkeit geboten werden, I eine erste Antwort auf den jüngsten Schritt des Grafen Fovgach einer Nachprüfung zu unterziehen.
Nach einer anderen Meldung hat die oster reichstch^uiiga vische ! Regierung den übrigen Großmächten burd) Vermittlung Teutsch- üids Mttrrlen lüü«l, daß itf bereit sei, tzie; Konferenz
über die O rientan gelegen he it zu besuchen unter folgenden drei Bedingungen: 1. Anerkennung der Unabhängigkeit Bulgariens. 2. Anerkennung des Einvernehmens zwischen Oesterreich und der Türkei. '3. Abänderung des auf Montenegro bezüglichen Artikel 29 des Berliner Vertrages, dagegen lehnt Oesterreich jede Diskussion ab Über wirtschnftlidie Fragen internationalen Charakters, das heißt, über die Eisenbahn von der Donau nach Dem Adriati scheu Meer und über den Rückkauf der Eisenbahnlinien pon Nisch und Saloniki und die Ernennung eines serbischen Delegierten zu der internationalen Dvnaukommission. Diese Erklärung, die zum Teil weniger Zugeständnisse enthält, als die frühere Erklärung Oesterreichs, hat in diplomatischen Kreisen einen sehr_ schlechten Eindruck gemacht. Man glaubt auch, daß die Rolle Rußlands dadurch vorläufig beendet fei.
politische Caacsjcbcm.
Großgrundbesitzer und Steuerhinterziehung.
Daß die Steuerhinterziehungen seitens der Großgrundbesitzer in bedeutendem Umfange Vorkommen, lehrt auch eine Reihe von Zuschriften, die der konservativ-antisemitischen „Deutsch. Ztg." aus ländlichen Kreisen zugegangen sind. Ein Manu „aus dem ländlichen Osten der Monarchie" beispielsweise schreibt, die Grundbesitzer rechneten sich so viel „Wirtschastsunkosten" heraus, daß sie trotz Jagdvergnügen und noblen Passionen oft weniger Einkommensteuer zahlten, alseineviel- köpfige Lehrerfamilie. Ein höherer 23eamter schreibt: „Während die Lebenshaltung der meisten Grundbesitzer meiner Nachbarschaft über die meinige erheblich hinausgeht, machte ich bei der letzten Landtagswahl durch einen Blick in die Steuerliste die Wahrnehmung, daß einer dieser Herren (Haushalt: 2 Inspektoren, 1 Mamsell, 1 Diener, 2 Mädchen, 1 Kutscher, 1 Stallbursche, 4 Kuksch-, 2 Reitpferde das übrige dem entsprechend) weniger als den fünften Teil meiner Einkommensteuer bezahlte. Die Mitglieder der ländlichen Steuereinschätzungskommission meinen, das sei anderwärts aud) so; und man zuckt die Achsel, um nicht mit allen in Krieg zu geraten. Wird einer einmal gestellt, indem man ihm nachweist, daß er als großer Herr lebt und als Kossäth steuert, so erklärt er, vom «Kapital zu leben." In der sehr interessanten Zusdwift eines Kleingrundbesitzers werden die Mittel, deren sid) die Großgrundbesitzer zur Steuerhinterziehung bedienen, uod) genauer gezeigt. Der Großgrundbesitz, der fast immer aus Grund seiner Buchführung, nicht nad) Hektar besteuert wird, zieht sich alle Ausgaben für Maschinen, künstlichen Dünger, Arbeitslöhne usw. ab, kurzum alles, was eben an Ausgaben im ganzen Jahre vorkommt. Noch vor ein paar Jahren habe in dem Kreise des Briefschreibers ein Gut von 7000 Morgen überhaupt keine Einkommensteuer bezahlt, und uod) heule zahle ein Besitzer im Dorfe mit 500 Morgen mehr Steuern, als zwei Nachbargüter mit etwa 2000 Morgen. Der 'Kleingrundbesitzer erklärt auch, daß unter den Bauern durchaus keine Abneigung gegen die Nachlaßsteuer bestehe. Dort, wo sie sid) rege, sei sie von den^Großgrund- besitzern künftlid) erzeugt worden. — In Sachen der Steuerhinterziehungen der 2(grarier ergreift Prof. Delbrück gegenüber den, aud) von uns veröffentlichten (Nr. 60 d. G. 20, Erklärungen der „Berl. Storr." unb den Ausführungen des' Finanzministers im Abgeordnetenhause nochmals das Wort. Bekanntlich hatte die „Berl. Storr." gegen seine Berechnung, daß allein in Preußen ca. 60 "Milliarden sich jährlich der Veranlagung entzögen, ins Feld geführt, daß dabei der Wert des Hausrats und ebenso der Betrag der nicht steuerpflichtigen Vermögen unter 6000 Mark nicht abgezogen seien. Prof. Delbrück betont demgegenüber, daß er diese Abzüge tatsächlich gemacht habe.
AurlanL.
Das r u s s i s ch - t ü r k i s ch - b u l g a r i s chj e Finanzabkommen wurde heute unterzeichnet.
Aus Peking wird gemeldet, der deutsche Gesandte habe den Vorschlag gemacht, die Mächte sollten ihre Einwilligung dazu geben, daß China einen Aufschub in der Zahlung der Boxer-Indemnitäten für zehn Jahre erhalte. Der Zweck dieses Vorschlags ist, China aus seiner finanziellen Not zu befreien. Wie die „Morning Post" aus Schanghai meldet, versucht die chinesische Regierung, die Rückgabe Wei-Hai-Weis an China zu erlangen. Die Chinesen möchten diesen Hafen als Basis für ihre neue Flotte besitzen._____________________________________
Aus Stadt und Land.
' Gießen, 17. März 1909.
*• Tageskalender für Mittwoch, 17. März: Stadttheater: Benefizvorstellung für Regisseur Kro nert: „Der Leusel." Anfang 8 Uhr.
Kolosseum: Programmwechsel.
** Für die Sitzung der Stadtverordneten-- Versammlung am Donnerstag, 18. März, nachm. 4 Uhr, ist folgende Tagesordnung aufgestellt worden: 1. Mitteilungen. 2. Ankauf der alten Klinik. 3. Gleisanlage der Straßenbahn und Veränderung der Bürgersteige in der Schulstraße. 4. Wagenhalle der Straßenbahn. 5. Einrichtung Der Straßenbahnwagen. 6. Verbreiterung der Wieseckbrücke in der Frankfurter Straße. 7. Straßenbefestigung und Unter- bettung der Gleise. 8. Erweiterung des Schlachthofes. 9. Vergebung von Arbeiten und Lieferungen. 10. Genehmigung von Rechnungen. 11. Ausschließung deS Philosophenwaldes von der Leseholznutzung.
♦* Die Landflucht der Lehrer macht sich! besonders in den abgelegenen Orten des Vogelsbergs bemerkbar, so daß nicht selten Stellen wiederholt ausgeschrieben werden müssen. Auch die sogen. Höhen-ulagen für entlegene Orte veranlassen Lehrer nur selten, stch auf solche Stellen zu melden. Gegenwärtig sind jetzt u. a- wieder zur Besetzung ausgeschrieben Herchenhain, Ober-Seibertenrod, Busenborn, Helpershain und 2Sräungeshain am Hoherods- kopf.
** Märzenschuee. Seil langen Jähren hat man um diese Zeit keinen so hohen Schnee gesehen. Es schneite gestern fast den ganzen Taa. J>n wenigen Minuten fiel der Schnee handhoch, im Gebirge liegt er fußhoch«. Im Vogelsberge sind die Waldwege unpassierbar geworden. Das Wild kommt — von Hunger getrieben — bts an bie Dörfer. Die Temperatur ist etwas gelinder geworden.
** Vergebung von städtischcn Arbeiten. Tie baugewerblichcn Unternehmer von Gießen richteten folgende Eingabe an die Stadtverordneten-Versammlung Betr.: Vergebung der Bauarbeiten am Schlachthof-Neubau bet Stadt Gießen.
An die von feiten der Firma H. Winn u. Eos. au verehrt. Stadtverordneten-Versammiung gerichtete Eingabe schließt sid; der Verband der Gießener baugewerblicheu Unternehmer an unb unterstützt diese Eingabe als im Interesse des heimischen Handwerker standes.
Wir beklagen es iebr, daß es nicht möglich war, einer unserer leistungsfähigsten Firmen am Orte trotz ihrer billigsten Offerte den Zuschlag zu erteilen.
Da nun leider, nach uns gewordener Mitteilung, an der Sache selbst nidsts dnehr zu ändern ist, bitten wir verehrt. Stadtver- ordneten-Versammlung bod) bei weiteren Vergebungen dafür Sorge tragen zu wollen, daß uns hiesigen Unternehmern der Vorzug gegenüber auswärtigen Firmen cingeräumt wird, was übrigens in anderen Stadtverwaltungen ohne weiteres gesdiieht.
Wir haben in dieser Angelegenheit genau dasselbe Interesse, als die in Frage stehende. Firma, da uns bei gleichen Umständen, also als billigstnehmende ortsansässige Firma, es ebenso gelegent lich passieren könnte, daß uns die teuere auswärtige Konkurrenz vor gezogen wird.
Mit vorzügl. Hochachtung
Die baugewerblichen Unternehmer in Gießen.
Wir ersehen aus dieser Eingabe, daß die sämtlichen Gießener Bauunternehmer die ©adye der Firma Winn zu ihrer eigenem gemacht haben. Den jür einen gewöhnlichen Sterblichen nicht ohne weiteres verständlichen Standpunkt unserer Stadtverwaltung, bei Spezialarbeiten auswärtige Firmen den einheimischen vorzuziehen, wird man wohl damit zu begründen suchen, daß die Firma Winn foldrc 2(rbeiten noch nicht gemacht habe und deshalb keine Gewähr für die gute Ausführung der Arbeiten biete. Dieser Standpunkt ist ohne weiteres hinfällig. Man kann eine am Ort ansässige Firma gerade so gut zur richtigen Ausführung der 2lrbeiten üertraglid) verpflichten, wie eine auswärtige und einer Garantieforderung stand in dieser Beziehung auch bei der fraglichen Arbeit nichts im Wege.
" Der „Sängerkranz" veranstaltet am Sonntag abend in der Turnhalle einen Liederabend, zu dem ein ^ehr interessantes und reichhaltiges Programm aufgestellt ist.
” Stadttheater. Nochmals sei in letzter Stunde auf die heutige Benefizvorstellung für Herrn Regisseur Kronert hingewiesen, die Molnär's spannende Komödie „Der Teufel" bringt. Ermähnt sei, daß die Rolle des „Teufels" eine der Hauptrollen Albert Bassermanns ist, der ursprünglich in ihr hier gastieren wollte.
** Ueber Cleo d c Merode, die morgen ein einmaliges Gastspiel im Kolosseum geben wird, lesen wir in der Bohemia eine längere begeisterte Besprechung. Wir entnehmen diesen 2lusführunaen über die gefeierte Tänzerin, die mehr durch ihre Schönheit als durch ihre Kunst berühmt geworden ist, die folgende Schilderung: „Wer hat nicht von ihr gehört, der schönen belgischen Tänzerin mit dem altadeligen Namen und dem wundervollen Profil, dem originellen, allüberall nachgeahmten Scheitel und dem pikanten Ruf? Gestern nun hat die interessante Künstlerin im Varietß getanzt, zart und lieblich erschien sie in der unveränderten Grazie einer anscheinend unvergänglichen Jugend, und machte ihre Pas, die so alt sind und so wenig modern mehr für eine Zeit, die eine Aino Akte und die Schwestern Wiesenthal hat. 2lber vielleicht beweist das nur, daß Grazie unb Anmut nicht von einer Mode abhängen, und daß die seelenlos gescholtene Kunst des Balletts französischer Schule nur an den 9Nängcln ihrer gegenwärtigen Vertreterinnen krankt. Cleo trug ihren berühmten Scheitel und zeigte die schlanke, mehr als schlanke Taille und die haselnußgroßen Diamanten, an einer raffiniert dünnen Kette. Aber was will alles das bedeuten, wovon man im voraus so viel gehört hat und das nun ein Blick bestätigen kann, gegen Cleos Augen. Diese Augen sind das Wunderbare, das Erlebnis. Groß und edel "geschnitten, von langen seidigen Wimpern beschattet, blicken sie mit der scheuen Keuschheit eines Rehs, mit der ins Herz treffenden schwimmenden Weichheit eines Wesens, das ganz Liebe und .Hingebung ist, und eine so sonderbare Trauer liegt in ihrem befangenen, wie »flehenden Blick, daß man ihn wie ein Märchen empfindet und wie eine fremde Blume. Cleo tanzt und zeigt sich in den kostbarsten Toiletten, als Phryne und als kokette Spanierin und im Goldbrokat. Aber sie bleibt immer dieselbe, wenn sie die schweren Lider aufschlägt und wieder sinken läßt über dem sanften Glanz ihrer Pupillen. Das allein ist Cleo und erklärt alles, macht alles wahrscheinlich und glaubwürdig. Die Coiffure mag man nachahmen und die Figur inag aus der Mode sein, vom Tanz soll überhaupt nicht gesprochen werden; aber diese Augen! Man wird nichts von ihr mitnehmen in seiner Erinnerung als diese süßen, sehnsüchtig-ergebenen, betörenden, bittenden, rätselhaften Kuideraugen . . . Die ivahre Cleo.
** Der vorn Evang. Arbeiterverein am Sonntag abgehaltene Vortragsabend war ziemlich gut besucht. Das Ver- ei^nsmitglied L. Schäfer hielt einen interessanten, lehrreichen Vortrag über Bergbau. In der Einleitung zeigte der Redner an Hand von Zahlenmaterial wie weit die Technik auf allen Gebieten vorgedrungen ist, nur auf dem Gebiete des Bergbaus sei es bis jetzt nicht gelungen, dem Bergmann sein Los günstiger zu gestalten, bzw. die ihm drohenden Gefahren fernzuhalten. Die interessanten Ausführungen des Referenten, der mehrere Jahre als Bergmann prakttsch gearbeitet hat, zeigten, daß der Bergmannsberuf nicht nur fd)were Arbett, sondern auch große Gefahren in sich birgt, die in jedem Jahre eine Menge Opfer fordern. Tie vorgeführten Lichtbilder gestatteten den Anwesenden einen Blick ins Bergmamtsleben. Reicher Beifall lohnte den Rednm für seine Ausfiihrungen, dem auch vom Vorsitzenden des Vereins der Dank abgestattet wurde. Allgemeines Interesse fanden auch die während der anschließenden Diskussion von Mitglied Gerth aus seiner langjährigen Tätigkeit auf Gruben erzählten (trldnutfe..


