Erstes Blatt
159. Jahrgang
Freitag 18. Juni 1909
Die heutige Nummer umfaht 12 Seiten.
0
S
lichc
t cinlrelcn-
A i> •*
Die UanzIerreSe im Spiegel der presse
I Die Monarchenbegegnung in den finnischen Schären.
Am gestrigen Donnerstag hat an der sinnländischen Küste die Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und dem Zaren Nikolaus stattgcfunden. Die „Hohenzollem" mit- dem Kaiser an Bord und die deutschen Begleitschiffe trafen gestern vormittag um 9.45 Uhr bei dem Ankerplatz des russischen Geschwaders, aus der sogenannten Standart Reede ein, wo i>ie russische Kaisers acht „Standart" und das übrige russische Geschwader seit drei Tagen ankerte. Es ist ein abgelegener Erdentvinkel, fünf Stunden von der nächsten Telegraphen- talion entfernt. Rings umher viele Hunderte grüner Eilande. Als das deutsche Geschwader eintraf, tauschten die beiderseitgen Kriegsschiffe den Salut aus. Kaiser Niko ilans begab sich sofort an Bord der „Hohenzollem" unb Web dort eine halbe Stunde. Unmittelbar, nachdem Kaiser Äkolaus an Bord des „Standart" Kurückgekehrt war, erwiderte Kaiser Wilhelm den Besuch. Bei der Ankunft auf Ider „Hohenzollem" wurde Kaiser Nikolaus mit der Kaiser- »lchrnne empfangen. Als Kaiser Wilhelm zum Gegenbesuch »ailf dem „Standart" erschien, spielte die Musik die Wacht ein Rhein. Um 1 Uhr fand Frühstück auf der „Standart" »statt. Der Kaiser verblieb aus der „Standart" bis 5.30 Uhr i achmittags und nahm dort auch den Tee.
beralismus zu revidieren. Niemals sei stüher in Deutschland dem Liberalismus die Regierungsfähigkeit zugesprochen morden.
Die französischen Blätter enchalten sich vorläufig noch jeden Kommentars zur Bülow-Rede. Ter Berliner Korrespondent des Petit Parisien will von einer Persönlichkeit aus der nächsten Umgebung des Kanzlers erfahren haben, baß Bülow heute mehr als je entschlossen sei, dem Kaiser seine Demission zu unterbreiten, falls es ihm nicÄ gelingt, vom Reichstage die Zustimmung zur Erbanfallsteuer, wie er sie formuliert hat, zu erlangen.
Tie englischen politischen Kreise betrachten Bulows Rede als unbefriedigend. Vielfach wird angenommen, sie sei Bülows Schwanengesmrg, weil sie die Lage nicht klärt. Bettesss seines Versuchs, die Liberalen mit den Konservativen auszusöhnen, sagt die Times, die interessanteste Frage ist, welchen Preis die Konservativen dafür verlangen werden.
„Kronenraub und Nationalitätenschwindel" bezeichneten und noch im Spiegelsaal von Versailles sich mit dem deutschen Kaisertum nicht auszusöhnen vermochten. Ist das ein Schwanengesang? Alle Welt war gespannt, als Fürst Bülow darüber zu sprechen begann, ob er bleibt oder geht. Er bleibt, um die Finanzreform durchzusetzen. Er bleibt so lange, wie es der Kaiser will und sein» Ueberzeugung zuläßt. Er geht, wenn er die Ansicht "gewinnt, das; ein anderer leichter zum Ziel gelangt, oder wenn die Verhältnisse eine Entwickelung nehmen, die er nicht mitmachen kann und will. Man wußte nicht recht, was man aus diesem Schluß schließen sollte. Heißt es mm wirklich: „Klar zum Gefecht!", zieht Fürst Bülow in einen frischen, fröhlichen Kampf, ist er bereit, den Reichstag aufzulöscn, wozu ihm Derr Bassennann beherzt riet? Oder will er sich mir noch als später Bahnbrecher des Liberalismus einen guten Abgang sichern? Vielleicht denkt Fürst Bülow selbst: das wird sich zeigen, wenn der Reichstag aufgehört bat, zu reden, und die Abstimmungen erfolgt sind. Bis dahin bleibt mancherlei ungewiß für das Volk wie für den leitenden Staats-
Nr. 140
Der Siehener Anzeiger erschein! täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich Sietzener-familienblätter; ziveunal wöchentl.Ureis- blöit siirden Krds Sieben (Dienstag und Freitag) -, zweimal monatl. Landwirtschaftliche Seitfragen ? rnsprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.
yettcra"
,n Teiles
Deutsches Ae^ch.
Zur diesjährigen Nordlandreise des Kaisers werden, wie die National-Ztg. hört, wiederum eine Anzahl Gelehrter und Künstler Einladungen erhalten, doch soll die Zahl der Gäste des Kaisers auf der Hohenzollern diesmal eine beschränkte fein. In gut unterrichteten Kreisen erhält sich ferner die Ansicht, daß anläßlich der bevorstehenden Reise eine Begegnung des Kaisers mit dem König Haakon geplant wird. Doch sollen definitive Beschlüsse nach dieser Richtung noch nicht gefaßt worden fein.
Im Bundesrat wurde dem Freundschafts-, Handels- und Schiffahrtsvertrag zwischen Deutschland und dem Freistaat Venezuela Zustimmung erteilt.
Eulenburg. Wie ein Gerichtsberichterstatter meldet, wurde der Beginn der Schwurgerichtsverhandlung gegen den Fürsten Eulenburg auf den 7. Juli festgesetzt. Die beiden vorhergehenden Tage sind zur Verhandlung gegen Geheimrat Hamann bestimmt.
Jn der Disziplinarsache gegen den früheren Bürgermeister von Husum, Schücking, hat das Oberverwaltungsgericht, wie das B. T. hört, den Termin für die neue Verhandlung in die Zeit zwischen dem 15. September und 1. Ok (ober in Aussicht genommen.
Die Königin von Schweden ist gestern abend 9.23 Uhr zum Besuche ihres Regiments in Stettin eingetroffen Zum Empfange am Bahnhof war Prinz Adalbert von Preußen erschienen. Der Prinz begrüßte die Königin in Vertretung des Kaiiers und überreichte ihr einen Strauß weißer Rosen mit blauer Schleife.
Protest gegen die Parfümsteuer.
Eine große Anzahl von Verbänden der Friseur-, Parfümerie- nnd Drogistenbranche hatte für Mittwoch abend zu einer großen Protestversainmlung gegen die geplante Steuer auf Parfüms und Toilettesecken nach der Philharmonie in Berlin eingeladen. Der Vorsitzende des Verbandes deutscher Parfümeriefabriken Kommerzienrat Lohse eröffnete die Versammlung. Nachdem eine große Zahl von Rednern aus der Branche gesprochen, wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die heute in der Philharmonie versammelten Vertreter von Jnnungsoerbänden, Innungen, Vereinen und Zentralverbänden, die über 100 000 Interessenten der Parfümerie- und Cei'enbranche, sowie des kaufmännischen und gewerblichen Mittelstandes vertreten, erheben einstimmig Protest gegen die von der Finanzkommission geplante Varfümeriestener, welche zu 80 Proz. Artikel umfaßt, die ihrer hygienischen Bedeutm g wegen zum großen Teil als Bedarfsartikel auzufehen sind. Cie erblicken hierin den sicheren ivirlfchafliichen Rum der beteiligten weitesten Schichten des Mittelstandes. Mehr als 160 000 Kleingewerbetreibende, von denen noch nicht einmal die Hälfte über ein Einkommen von mehr als 2000 Mk. verfügt, würden von der Steuer vernichtend getroffen werden. Angesichts solcher Verhältnisse bedeutet die bei Annahme des Gesetzes erforderliche 'Jiucl;- besteuerung des Warenlagers zugleich mit dem aus mindestens 40 Proz. zu veranschlagenden Rückgang des Konsums eine unerhörte noch nicht dagewesene Ueberlastung der beteiligten Kreise des Mittelstandes. Die Versammlung protestiert einstimmig gegen derartige Maßnahmen, welche die schwächsten Schultern heranziehen, um die Starken und Stärksten zu schonen. Der gesamte deutsche Mittelstand wird einmütig von derartigen Parteigruppen abrücken, ivelche die Unterstützung des Mittelstandes bei den Wahlen jetzt nur dazu ausnutzen wollen, um ihre Sonderinteressen zur (.Geltung zu bringen.",
„ipfliü
eincM11
Bezugspreis: monatlich 75 Pf., vierteljährlich Akk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2.— viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15 Pf., auswärts 20 Pfennig.
Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; f. Feuilleton und „Vermischtes" K. Neurath; für „Stadt u. Land" und„Gerichts-
Optimisten annehmen, daß die Entrevue in den sinnst r.dischen Schären tiefere Spuren hinterlassen wird."
Tie Stimmung der Engländer spiegelt sich im sttvßen und ganzen in einem Artikel des „Standard" wieder, l-L?rin es heißt, es sei zu begrüßen, daß Kaiser Wilhelm ran den politischen Fehler wieder gut machen wolle, den .. r: seinerzeit mit dec schroffen Botschaft nach Petersburg Mi der bosnischen Frage begangen habe. Es gebe kein ^s,Dümmeres Verkennen der britischen Politik und der Ge- ^i ianung der Engländer, als anzunehmen, daß England Zwie- nacht zwischen Deutschland und stkußland säen wolle. Im «genteil, Großbritannien freue sich über die Annäherung, •im die Harmonie zwischen Berlin und Petersburg erhönc e Friedensgeioäbr. Tripelallianz und Tripelentente er- ii^ten einander als Friedensbürgschaften. Große Besorg- is äußert der „Standard" bezüglich Kretas, doch hält das Aatt unbeschadet der traditionellen griechenfreundlichen buütung Englands einen Wechsel in der Souveränität jetzt jiic inopportun. Es fei zu hoffen, baß die Kaiserbegegnung iie ungerechtfertigten Hoffnungen auf Ermutigung eines ciiechischen Abenteuers energisch zerstreuen werde. Man nüffe wünschen, daß die Balkanfrage nicht wieder ange- htiitten werde, und ein Zusammenarbeiten der beiden üiser in dieser Richtung werde sicherlich die Unterstützung elf er Großmächte finden.
ht — ,
i für die EiiW rns and Stärk«1 jtwendige Besin- h solche e Verdauung d ken. K*D^er iesbalb regel® iessen. 1
?llcn
n gjr ®9 aus f
fcSfc
Politische Sagesfchan.
Die Kotierungssteuer.
Mit einer Starrköpfigkeit ohne gleichen scheinen Konservative und Zentrum an der Kotterungssteuer festhalten zu wollen. Bon oft gut unterrichteter Seite wird dem „B. T." gemeldet: Die Konservativen und Zenttum halten an der Kotierungssteuer fest. Sie sind nur bereit, gewissen, das Ausland berücksichtigenden Erleichterungen zuzustimmen. Damit die Finanzreform nicht ohne Kotierungssteuer zustande komme, wollen Konservattve und Zenttum für die Finanzreform ein dRantelgesetz schaffen, um darin die Annahme der Kotierungssteuer ausdrücklich zu sichern. Für den Fall, daß die verbündeten Regierungen sich mit der Kotierungssteuer in der veränderten Form einverstanden erklären, dürfte bei den Konservativen wie beim Zenttum die Neigung wachsen, für die ErbanfaUsteuer zu stimmen.
wnecyrern. crr tyat ferner betont, datz die notwendige Summe von 500 Millionen Mark aufgebracht werden müsse. Diese Ziele der Reichssinanzreform fönnen und werden erreicht werden. Die Konservativen insonderheit werden es sich angelegen sein lassen, nach Kräften hierbei mitzuwirken, und sie hoffen und ermatten, daß eine starke Mehrheit für die Verabschiedung der Reform sich schließlich noch xusammenfinden wird.
Die temperameittvolle Deutsche Tageszeitung ist weniger zurückhaltend: Die Erklärung Bülows, daß er auf der Mitwirkung der Liberalen bei,bei Gesetzgebung bestehen müsse, könne, so sagt das Blatt, mißverständlich ausgefaßt werden und fei durch die Fehler der Liberalen „gegenstandslos" geworden. Nach dieser mehr als kühnen Behauptung wehrt sich das Blatt dagegen, daß >ie Ministerstürzerei treibe, sagt dem Fürsten Bülow viel Freundliches und redet ihm schließlich gut zu, die Finauzreform auf der Grundlage zu nrachen, die ihm von Konservativen und Zenttum so hochherzig angeboten sei. Die eigentliche Bedeutung des Artikels liegt aber in folgenden Auslassungen, die eine deutliche Bedrohung der Konservativen enthalten. . Wit beanspruchen ebensowenig wie Fürst Bülow ein Mandat als Ratgeber der konservativen Partei. Aber das glauben wir unumwunden aussprechen zu sollen: Wenn die Konservativen nach allem ehrlichen und loyalen Widerstand« in der Frage der Erbschastssttuer, nach allem ihrem Entgegenkommen durch ein volles halbes Jahr mühseligster Arbeit, und zugleich nach dem, was sie, um alle Anfeindungen un- betünunei-t, positiv geleistet haben: wenn sie nach alledem nur um der Linken willen von ihrer in den feierlichsten Erklärungen festgelegten Ueberzeugung in einer wichtigen Steuerfrage abgehen würden — dann würden sie nicht nur in der Parlamentsärena ihr Ansehen als zuverlässige, klarblickende und überzeugte Politiker aufs Spiel setzen, sondern .auch einen großen Teil ihres Kredits in weiten Kreisen der Bevölkerung verlieren, die in ihnen bisher die geborenen Vertreter ihrer Interessen und Nöte saheir.
Lrff’ UU"|L.[ fitu 'f
Es scheint sich allgemein die Ansicht festi'etzen zu wollen, daß ;e Rede Bülows zur Klärung der Situation vorerst noch wenig igetragen habe. Bezeichnend ist da vor allem die abwartende aCung eines Teiles der konservativen Presse. Die Kreuz - eutung schreibt:
Wir haben seinerzeit der Erbschaftssteuer nur zugestimmt unter in Vorbehalt, daß ©begatten und Kinder fteigelassen werden L!l«n. Das war auch der Regierung bekannt. Das jetzt be- chmde Dilemma hätte also bei größerer Vorsicht vermieden ritten können. Doch wozu Rekriminationeii? Jetzt kommt es ET«cuf an, zu einem günstigen Ergebnisse der Reichsfinanzreform i _ . . _______ ______
tk fonnnen. Der Reichskanzler hat erklärt, daß er sich nicht mann. 9hir daß er keine Finanzreform ohne Erbanfallsteuer und »tshließen werde, dem Bundesrate Steuern zu empfehlen, die1 keine Politik zur „Ausschaltung" des Liberalismus machen will.
Ausland.
Monarchenbegegnung. In Wiener unterrichteten Kreisen wird die Meldung von einer im Hochsommer bevorstehenden Begegnung des Kaisers Franz Josef mit dem Zaren nicht in Abrede gestellt aber auch nicht bestätigt. Es zirkulieren Gerüchte, wo- nach die Zusammenkunft Ende August stattfinden soll. Als Ort sei auf Wunsch des Zaren Triest in Aussicht genommen.
r serbische Anleihe in Paris. Zwischen der
erbt,men Regierung und einer Pariser Finauzgruppe soll angeblich eine Einigung über den Abschluß einer 150 Millionen-Anleibe zustande gekommen sein.
m VrJ!fe«.auf einen englischen Vizekonsul Nach Privatmeldungen aus Smyrna wurde der englische V i z e k o n f u l tn Aivali von einem Pöbelhaufen angegriffen xem energischen Eingreifen des Sekretärs des britischen Konsulat^ ge ang es, den Vizekonsul vor ernsten Angriffen zu schützen. Das gesamte Konsularkorps hat bet dem Gouverneur energischen Protest erhoben.
. Mehmed Pascha Ein Vertrauter Abdul Hamids und einer bei; ennlutzreichsten Würdenträger des alten Regimes, wurde vorn Kriegsgericht z u in Tode verurteilt. Das Urteil wrnde bura) kaiserliches Jrade bestätigt.
A u s P e r si e n. Ein Telegramm aus Jspahan meldet, daß
fh«ften, Tischreden, Wünsche und Geschenke — mag es so Mit er gehen. Der Rest ist vorläufig im besten Falle unnütz." in „Radieal" meint: „Die Zusammenkunft wird die letzten tzsurren unangenehmer Tage auslöschen, weiter nichts."
In Italien legt man der Begegnung in den Schären -vsofern hohen Wert bei, als sie zweifellos dazu dienen dnde, manche Verstimmungen zwischen Berlin und Peters- Ena zu beheben und manche Reibungsflächen abzuschleifen, r-hr, das heißt konkrete Eraebnisse, erwartet man nicht, dch hält man schon die Milderung der bisherigen Spmi- fnrg für wertvoll. Ein Artikel des „Messaggero" weist • atff bie zunehmende Schwäche der englisch-russischen Entente ^inal bezüglich Persiens hin. Rußland werde zwar der !I5anz mit Frankreich und der Entente mit England treu leiben, aber dennoch eine Annäherung an Deutschland und ttrch Deutschland auch eine solche an Oesterreich suchen. Irrum sei die Begegnung zwischen dem Zaren und dem küäfer im Friedensinteresse zu begrüßen.
Die gesamte Presse des Auslandes bespricht die Mo- »1 orchenbegegnung, von der man ganz einstimmig keine Neu- kßgruppierung der Mächte erwartet. Die Stimmung in >Anßland weiß der deutsche St. Petersburger „Herold" Wsehr gut wiederzugeben. „Rußland fühlt sich, so schreibt Möas Blatt, durch seine gegenwärtige internationale Stel- M!ing im höchsten Grade unbefriedigt, und die russische Ge- Wstllschaft weiß infolge dessen nichts Besseres zu tun, als Wchr Gefühl an dem deutschen Sündenbock auszulassen. In Wl. itenden politischen Kreisen Rußlands nimmt man die Ge- I ähren der wachsenden politischen „Mißverständnisse" nicht ■io leicht. Ein anschaulicher Beleg für ihre Meinung ist yp e Monarchenzusammenkunft in den finnländischen Schären. ■ liefe ist als ein erfreulicher Versuch zu betrachten, gute ■ Beziehungen zu Deutschland aufrecht zu erhalten. Daß ■ iber die russisck)e Gesellschaft diese Aufgabe der Regierung ■ i l erleichtern und zu fordern geneigt wäre, iann nicht
? Haupt et werden. Unter diesen Berhältnifsen können nur
Wenig Freude werden die Agrarier an den Freikonservativen erleben, die sie schon als feste Bundesgenossen in ihrer Regalions- yolitif betrachtet hatten. Nachstehende Erklärungen der P o st scheinen die Behauptung zu unterstützen, daß die Freikonservativen vielleicht mit einigen wenigen Ausnahmen für die Erbanfallsteuer eintreten werden.
Nun hat Fürst 'Bülow gesprochen, und Beifall erklang, als er gestern seine Rede schloß. Dieser Beifall war nicht sehr lebhaft und gewiß nicht allgemein, war doch die ganze Rede nicht auf äußeren Erfolg gestimmt. Ihre Bedeutung zu würdigen, wird den nächsten Tagen Vorbehalten bleiben müssen, wenn sich zeigen wird, welchen bleibenden Eindruck sie auf die Mitglieder des Reichstags gemacht hat, die zunächst recht nachdenklich geworden waren. Das scheint ein günstiges Zeichen iäv die Taktik und die Politik dcS Reichskanzlers. Wir wissen längst, daß er nicht in Kürassier- stiefeln einhergeht, nicht einhergehen will, darum kamen auch 'die zu kurz, die auf dramatische Wendungen, scharfe Absagen oder sonstiges 'Belebendes einer Sitzung gerechnet hatten. Und doch hat der Reichskanzler alle Parteien „aufgemuntert". Darüber tonnte niemand int Zweifel sein, daß die Tage der Abreckmuugi gekommen waren, als sich Fürst Bülow erhob, um sofort mit einem mächtigen Ausfall „aufs Ganze" bvrzugehen. Klar und bestimmt übernahm mit der gestrigen Rede Fürst Bülow seine Führerrolle. Jedem einzelnen sagte er offen und ohne mit der Wimper zu zucken, wohin er sich verlaufen hätte und wo sein Platz sein muß, jeder Fraktion zeigte er ihre Irrtümer: und taktischen Fehler und seine eigene, Stellung. Mag man stehen, wo man will: Die Art, wie Fürst Bülow vor der Abrechnung ein großes Airfräurnen vornahm, dürfte ihm einen großen Teil des etwas verfallenen Ansehens wieder errungen haben. So, wie er gestern, pflegt feilt Ministerpräsident zu sprechen, dem. es an ernstem Willen und moralischer Kraft, an Ueberzeugung zu seiner guten Sache und an Zustimmung seiner Mitarbeiter und seines kaiserlichen Herrn fehlt, wenn auch im Augenblick manche Wendung verkannt und unter oder überschätzt worden sein mag, so wird dieser Eindruck schließlich der bleibende fein.
Die Germania sieht hingegen in der Rede Bülows einen „neuen Affront gegen das Zentrum".
Das Organ der Nationalliberalen, die Nativnalzeitung, schreibt: Noch steht Fürst Bülow auf der Kommandobrücke. Scharf mtd sicher Hangen seine Worte, das Getöse um ihn her übertönend. RtthiZ ging der Blick über die Gegner hin, aus deren Augen er die Kampfftimmung lesen konnte. Aeußerlich das Bild eines Mannes, der den kommenden Ereignissen gegenüber gewappnet scheint. Es war für den Kanzler ein Tag der Abrechnung mit dem Zentrum und mit den Konservativen. Wie er gleich zu Beginn seiner Rede sagte, er wollte sein Verhältnis zu den großen bürgerlichen Parteien klarlegen. Natürlich mußte er sich dabei mit der Ovvosition auseiuaiidersetzen, die ihm seit Wochen und Monaten zähen Widerstand leistet. Der Angriff auf das Zentrum war gut durcligeführt und endete mit 'einem unbestreitbaren Erfolg des Reichskanzlers. In dieser Partei wird man selbst das Gefühl gehabt haben, daß jedes Geschoß traf, das Fürst Bülow versandte.
In der freisinnigen Vo f sischen Zeitung heißt es: Der Reichskanzler will den Liberalismus nicht aussckMlten, der Reichskanzler kann gehen. So schien die Stimmung der Konservativen, von Herrn Erzberger und seinen Freunden nicht erst zu reden. Fürst Bülow verdarb es "mit der Rechten vollends, indem er ehrlich hervorhob, daß 'die nationale Idee in liberalen Kreisen geboren ist, und stark betonte, den liberalen Geist aus der Gesetzgebung bannen, wäre ein historisches Unrecht, ein politischer Fehler. Es wäre ihm leicht geworden, "die Beispiele aus der Geschichte beizubringen, die Belege für die Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit: nicht nur einzelner Minister, sondern auch der Konservativen^ in alter Zeit, wie sie die deutsche Einheft als revolutionären^ verbrecherischen Aberwitz verfolgten, den nationalen Gedanken als
lchener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
blä oorrSttogTTue" Rotationsdruck und Verlag der vrLhllchen Univ.-Such- und Steindruckerei 8. Lange. 8edakti«n, Expedition und Crnderei; Schuiftratze 7. teal": 'ür d-n
' ________________ c r- u Anzeigemeu: y. -Leck.
;GETR.ta \lineralwasstrh ssei).__
ieferl billigst die Er? Jniversitils-BuilKii Mterei, Gießet
ipanM und Verkehr erschweren inib die wirtschaftliche Lage ver- Tie Wiener Zeitung schreibt bei Besprechung der Rede Er hat ferner betont, daß die notwendige Suinme von Ides Fürsten Bülow: Man werde nach dieser Rede überall in Stadt ' “ * 'und Land daran denken müssen, seine Ansichten über den Li-
Die französische Presse betrachtet die Monarchen- icgegnung verhältnismäßig ruhig. „Ihre Tragweite ist sehr kcschränkt," sagt der „Figaro", „und die Dinge werden tichher genau so bleiben, wie sic vorher gewesen." Die ,/Lirore" sagt: „Alle Welt will sich erhalten und ruhig mn, warum sollen die beiden Kaiser nicht das gleiche -eZ-ürfuis haben wie alle Welt? Empfänge, Sondergesaudt-
'^'aniNilu^I nach « w di-i-, s.*;|
uni, 'Glichen
^über Mennigung h’il
und cmgc-4 !
'.bedruck, * Antrag bW.r llerpctiüguK, I nrcht nut qtop < rchtsunsichtthki!^ •
. ^Mitteilungen tr । lono, ednutij,
l£r sntercjmw A relslaimner •
'IfswirtjM
Tn Abnahme einer . ibt Remscheid ozcntige AnlcL; ; zwischen eins »kündbaren ieneüe i
he der Stabt t


