Donnerstag 13. Juli 1909
Erstes Blatt
159. Jahrgang
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Die heutige Nummer umfc&t 10 Seiten.
Sol), hat dieses politisch unbcschrie-
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konstitutionellen Reichsgedankens etnirat. Ein Aiann I in das preu gfiche Haudelsministemum,, nach dem rn der weitem Horizont, von tiefem Verständnis für alle | letzten Zeit mit ersichtlich^: .Geflifienheit betont worden
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(Dienstag und Freuag); aioeimal monntl. Landwirtschaftliche oeitfragen
ernsprech - Anschlüße: liir die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 "ldrefse für Depeschen:
Bundesstaat au^uräumen.
Vor allem fehlt in ihm die ehrliche Durchführung des iai der Verfassung gewährleisteten Prinzrps der Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Davon tonn aber keine 9Rebe fari, so lange z. B. die wichtigen Verwaltungsämter eine fast ausschließliche Domäne der Konservativen sind ob dadurch von vornherein dieser Partei auch in politischer Richtung eine Art Vormachtstellung eingeräumt ist.
Alle diese Ursachen wirkten zusammen, um Bülows Sturz herbeizuführen und namentlich die Liberalen haben alle Ursache, seinen Rücktritt zu bedauern. Auch abgesehen davon, daß ec modernen und liberalen Ideen weniger abgeneigt war, als es bei preußischen M-inistern _ im allgemeinen der Fall zu sein pflegt, wird ihm der fortschrittlich gesinnte Teil des deutschen Volkes eines nicht vergessen: die mannhafte Art, wie er in den Novembertagenl des vergangenen Jahres der persönlichen Politik des Kaisers gegen Lbertrat und für die aufrichtige und restlose Durchführung
wichtige Ressort erhalten, gleichfalls ein .
benes Blatt-, und man hat wohl nicht ohne Grund diese Wahl getroffen, um nicht von vornherein das Mißtrauen der Parteien hervorzurufen. Er gilt als aufgeklärte Persönlichkeit ohne jede reaktionäre Gesinnung, und man kann ihm daher ohne Vorurteil gegenüberstehen.
erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich
Der Wechsel im Reichskanzleramt.
Berlin, 14. Juli. Der „Reichsanzeiger" gibt >e nachgesuchte Entlassung des Fürsten v. B nlow Hinter Verleihung des Schwarzen Adlcrordens mit Brillanten bekannt. Ferner die Ernennung des bisherigen Staatssekretärs des Innern v. B cthmann- o l l w e g zum R e i ch s k a n z lfe r nnd zum Präsidenten -es Staatsminifterium» und Ministers des Auswärtigen. Ferner die Ernennung des Staats- ntinister» v. Delbrück zum Staatssekretär des Innern. ES folgt dann ferner die Ernennung ! rS Staatssekretärs Sydow zum Handelsminifter. Die Ernennung des Unterstaatssekretärs des Innern Mermuth zum Staatssekretär des Reichsfchatzamts. ferner die nachgesuchte Entlassung des Kultus- minifterS Holle und die Ernennung des Ober- präsidenten von Brandenburg, von Trott zu Solz ,um Kultusminister und schließlich die Ernennung >eS Unterstaatssekretärs in der Reichskanzlei von Lübell zum Oberpräfidenten von Brandenburg.
(Wiederholt, weil nur in einem Teil der gestrigen Auflage enthalten).
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mit schönem Laden: ien Zugang, in schönster •. n Marktplatz, welches sich I spater womöglich verlaus! , Heck IV., Msfe» rrwicsenweg.
Zchatzsekretär ist rwar nicht direkt aus bent Amte ^geschieden, er hat, zumal, er bereits nebenamtlich ireußischer Minister ohne Portefeuille war, mir ein anderes Ressort erhalten, aber dieser Wechsel zeigt, daß man ihm nach den Vorgängen bei der Finanzreform nicht mehr die notwendige Autorität zutraute und einen Ersatz im Interesse der parlamentarischen Arbeiten für vorteilhafter hielt. Dem Handelsressort steht Herr Sydow im übrigen Keineswegs :ern, da er als früherer Unterstaatssekretär im Reichs- Postamt die Bedürfnisse von Handel und Verkehr ziemlich kennt. Freilich wird man ihm wegen seiner Amtsführung im Reichsschatzamt in den Kreisen des Handels und der Industrie vorerst mit einigem Mißtrauen begegnen, welches er hoffentlich zerstreuen wird. In das Reichsschatzamt zieht eine politisch nicht belastete Persönlichkeit, Unterstaatssekretär Wermuth, der sich als ein tüchtiger Fachbeamter bisher bewahrt und namentlich auch in den Kommissionsberatun- gen seinen Mann gestanden hat. Gleichzeitig ist auch die eit langem vakante Stelle des preußischen Kultusministers besetzt worden, der bisherige Oberpräsident der Provinz Brandenburg, Herr von Trott zu Solz, hat dieses
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Den neuen Reichskanzler kannte man schon in den letzten Tagen, wenngleich man bei der Natur unseres Kaisers trotz allem einen völligen Außenseiter nicht für gänzlich ausgeschlossen hielt. Die Wahl Bethmann-Hollwegs dürfte allenthalben ein sympathisches Echo finden, denn wenn er auch konservative Grundanschauungen hegt, so ist er doch kein eingeschworener Parieimann, sondern er wird voraussichtlich im großen und ganzen — selbstverständlich unter Berücksichtigung der neuen Konstellation — in den Bahnen der Bülowschen Politik fortfahren, da er in vieler Beziehung die Anschauungen seines Vorgängers teilt Ob er freilich ein ebenso geschickter Taktiker sein wird, und ob ihm eine solche Überredungskunst wie dem Fürsten Bülow e.igen ist, wird er erst zu erweisen haben. Daß man als Nachfolger keinen Diplomaten genommen hat, deutet darauf hin, daß das Schwergewicht unserer Politik auf innerpolitischem Gebiete liegt; die auswärtige Politik glaubt man wohl auch beim Staatssekretär v. Schön gut aufgehoben. Das Staatssekretariat des Innern übernimmt, wie gemeldet, der seitherige Handelsminifter Delbrück, der sich als Verwaltungsbeamter bisher bewährt hat und schon als Oberbürgermeister von Danzig das Vertrauen des Kaisers genoß. Man wird aber abwarten müssen, ob er auf sozialpolitischem Gebiete den Fußtapfen Posadowskys nnd Bethmanns folgen wird. Seine Wahl bietet keine üeberraschung, da er unter den kommenden Männern schon mehrfach genannt worden war, zumeist allerdings für den Losten des preußischen Kultusministers. Auffällig ist dagegen der Einzug des bisherigen Schatzsekretars Sydow
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Reichskanzler Theobald v. Bethmann-Hollweg! war bisher Stellvertreter des Reichskanzlers. Er ist also kein Neuling in dem schweren Amte. Seit 1905 gehört er zu unseren führenden Staatsmännern. Zuerst war er Nachfolger des preußischen Ministers des Innern von Sammer ftein, leitete nach Podbielskis Entlassung eine Zeitlang zugleich das Landwirtschaftsministerium und wurde im Jahre 1907 als Nachfolger Posadowskys Staatssekretär des Innern. Die Erbschaft des letzteren hat er so verwaltet, daß ihm als „Testamentsvollstrecker" der Beifall fast aller Parteien zuteil wurde. Dabei hat er auch viel neues angeregt und geschaffen.
Im einzelnen sei über ihn und seine Familie mitgeteilt: Dia Bethmanns sind ein altes Goslarer Geschlecht, das,in der alten Käiserstadt bereits 1416 erscheint und int sechzehnten Jahrhundert zu den ratsfähigen Geschlechtern gehört. Konrad Bethmann, geboren 1652 zu Goslar, gestorben 1701, war Münzmeister des Fürsten von Nassau- des Deutschen Ordens und des Kurfürsten von Mainz. Tie vier Kinder seines Sohnes Simon Moritz kamen iiacnl bent frühen Tobe ihres Paters zu ihrem Oheim Jakob Adami Bethmann in Frankfurt a. M., der ihnen eine sorgfältige Erziehung angedeihen ließ. Nach dem Tode des Oheims führten zwei dieser Kinder, Johann Philipp und Simon Moritz, das Geschäft ihres Oheims fort. Die Firma „Gebrüder Bethmann" besteht heute noch. Simon Nioritz Bethmann, der 1826 starb, wurde 1808 vom Kaiser von Oesterreich in den Adelstand erhoben. Von seinen drei, Schwestern heiratete die eine, Susanne Elisabeth, im Jähre 1780 beit Ässociö der Gebrüder Bethmann, Johann Jakob Hollweg, der Namen und Wappen der Familie Bethmann annahm und auf diese Weise der Stifter der Familie Bethmann- Hollweg wurde. Die Hollwegs stammen aus Hessen, und zwar aus Gießen. Der älteste bekannte Ahnherr des Geschlechts ist Johann Hollweg, der um die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts lebte und ein hochgeachteter Bürger Gießens war. Der Vater des Reichskanzlers ist der zweite Sohn des Ministers, Felix v. Bethmann-Hollweg. Er erwarb die Herrschaft Hohen-iFinow im Kreise Ober- barnim; seine Gattin, die Mutter des Reichskanzlers, war eine Schweizerin, ein Fräulein Isabella v. Rougemont, deren Familie aus dem Kanton Weitcnburg stammt. Die Rougemonts sind die Nachkommen des Bankiers und preußi- schen Agenten in Paris, Dionysius Rougemont, der von Friedrich dem Großen 1784 geadelt wurde. Der jetzige Reichskanzler stammt also, tote man sieht, sowohl von mütterlicher tote von väterlicher Seite von Käufleuten ab. Er ist seit dem Jahre 1889 mit Fräulein Martha v. Pfuel verheiratet, Tochter des Ritterschaftsdirektors Gustav v. Pfuel auf Wilkendorf aus dessen erster Ehe mit der Gräfin Isa Reventlow. Der obengenannte Großvater des Reichskanzlers, Kultusminister Moritz August v. Bethmann-Holl- weg, durch den der Name seines Geschlechts der Geschichte angehört, war seit dem Jähre 1852 Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses. Er schloß sich zuerst der äußersten Rechten an, gründete aber bald eine eigene Fraktion und ein eigenes «Organ, das „Preußische Wochenblatt". Der Wahlspruch der Familie ist das Wort Josuas: Ich aber und mein Haus wollen bent Herrn dienen.
Nr. 163
Ter Gietzener Än;ei-er
„Zum Abschiebnehmen just bas rechte Wetter. . .
Trüb und schwer, wie in diesen Tagen der Himmel über I Deutschland lastet, sieht es auch in der inneren Politik ß ans. Zu der Erbitterung, die die rücksichtlose Jnteressen- S p olitik einer skrupellosen Mehrheit hervorgerufen hat, und
Ui den bangen Sorgen, wie die neuen Steuerlasten auf mc Lebenshaltung der Bevölkerung, auf Handel und Wandel uncfcn werden, gesellt sich jetzt noch die Frage, ob es den - i men Männern besser als den Scheidenden gelingen wird, ><t allgemeinen Wohlfahrt zu bienen und eine einseitige Jnteressenpolitik zu vermeiden.
Fürst Bülow, der 9 Jähre lang den Reichskanzler- > osten inne hatte, war ein agrarischer Reichskanzler u nb es ist fein übler Treppenwitz der Weltgeschichte, daß ■ er, der sich diesen Titel einst als Grabinschrift gewünscht i b atte, der rücksichtslosen selbstsüchtigen Politik der a/Mr-konservcitiven Kreise zum Opfer fiel, als er He von ihm als Staatsnotwendigkeit erkannte Heranziehung d.r Liberalen zur Mitbestimmung der Reichspolitik durch- fiihren wollte. Daß sich die Konservativen zum Sturze oes liberaler Ideen verdächtigen Staatsmannes ultramon- taner Hilfe bedienten, paßt trefflich zu den Gründen, , He sie zu dem für eine sog. Regierungspartei sehr ungewöhnlichen Schritt bewogen. Fürst Bülow wollte das nicht H ausschließlich nationalen Erwägungen nachlebende Zentrum Hals ausschlaggebende Partei ausschalten und dafür die konservativ-liberale Blockpolitik treten lassen. Daß dieser i lLihne Versuch scheitern mußte, lag auf der Hand, aber haft sie schon so bald scheiterte, ist zum großen Teil der saft bis zur Schwäche sich entwickelnden Liebenswürdigkeit || d«s Fürsten gegen seine konservativen Freunde zuzuschreiben. Ij (fr hatte, trotzdem er aus den Kreisen der Agrarkonservativen Z stammte, nicht allzuviel mit ihnen gemein. Sein großer 1 Fehler war, daß er gegen die Konservativen nichü regieren 4 loollte und ihnen mehr Sinn für die Staatsnotwendigkeiten und das Allgemeinwohl zurechnete, als sie in Wirklichkeit besitzen.
So lange Fürst Bülow die wirtschaftlichen und poli- chchen Forderungen der Konservativen unterstützte, duldeten ii ihn. Als er aber dazu überging, dem Liberalismus gewisse Konzessionen zu machen, wie es in der Block- Ha geschehen ist, da wurden sie mißtrauisch. Und als er ii) gar entschloß, die Axt an die Wurzel des preußischen Wahlrechts zu legen, wenn auch nur durch Ankündigung einer recht bescheidenen Reform, da war er dem Tode ge- imbt Das fehlte noch, daß man einem Reichskanzler und O!inisterpräsidenten Heeresfolge leistete, der sich vermaß, M den Grundlagen der politischen Macht des Ostelbier- Nlms rütteln zu wollen. Ein moderner Staatsmann, wie Fürst Bülow, der während seiner diplomatischen Laufbahn die Zustände m anderen zivilisierten Ländern aus eigener Anschauung kennen gelernt hat und weiß, daß nur ein gesundes konstitutionelles Leben die Wohlfahrt eines Volkes dauernd begründen kann, hätte von vornherein ungeachtet aller Widerstände den ernstlichen Versuch machen sollen, mit den rückständigen Institutionen in dem führenden
Der Kaiser hat an den Fürsten v. Bülow folgendes Handschreiben gerichtet: „Mein lieber Fürst! Aus Ihrem erneuten Gesuche habe ich zu meinem schmerzlichsten Bedauern ersehen, daß Sie entschlossen sind, von Ihren verantwortungsvollen Aemtern als Reichskanzler, Präsident des Staatsministeriums und Minister der auswärtigen Angelegenheiten zurückzutreten. So schwer es mir fällt, auf Ihre bewährte Kraft bei der Leitung der Reichsgeschäfte zu verzichten und das Band vertrauensvollen Zusammenwirkens, das mich so viele Jahre mit Ihnen verbunden hat, zu lösen, habe ich doch in Würdigung der gewichtigen Gründe Ihres Entschlusses geglaubt, Ihrem dringenden Wunsche mich nicht länger verschließen zu dürfen. Ich habe daher Ihrem Anträge entsprochen und Ihnen die erbetene Entlassung gewährt. Es ist mir aber ein Bedürfnis des Herzens, Ihnen bei dieser Gelegenheit für die Hingebung und Äufopferung, mit denen Sie in den verschiedensten Aemtern und Stellungen Ihrer ehrenvollen und segensreichen Dienstlaufbahn meinen Vorfahren, mir und dem Vaterlande so hervorragende Dienste geleistet haben, meinen wärmsten Tank auszusprechen. Gott der Herr schenke Ihnen nach einem so taten- und arbeitsreichen Leben noch viele Jahre ungetrübten Glückes. Indem ich Ihnen als äußeres Zeichen meiner dankbaren Anerkennung und Zuneigung den hohen Orden vom Schwarzen Adler mit Brillanten verleihe und die Insignien desselben hierneben zugehen lasse, verbleibe ich Ihr Ihnen stets wohlgeneigter dankbarer Kaiser und König Wilhelm I. R."
Zwischen dem deutschen Kaiser und dem Pnnz- rcgenten von Bayern hat aus Anlaß des Kanzler- wechsels ein Austausch folgender Telegramme stattgefunden. Das Telegramm des Kaisers lautet: „Euerer Königlichen Hoheit gestatte ich mir mitzuteilen, daß der Reichskanzler Fürst v. Bülow zu meinem lebhaften Bedauern erneut um seine Entlassung eingekommen ist. Ich habe seinem Wunsche entsprochen und beit Staatssekretär des Innern, Staatsminister v. Bethmann-Hollweg, zu seinem Nachfolger ernannt. Wilhelm.'"
Der Prinzregent antwortete: „Euerer Majestät danke ich herzlichst für die gütige Mitteilung über den Rücktritt des Fürsten v. Bülow und die Ernennung seines Nachfolgers. Auch ich bedauere das Ausscheiden des Fürsten aus seinem Amte lebhaft und begleite die Wahl des neuen Kanzlers mit den besten Wünschen für das Wohl des Reiches."
Wie aus Wien gemeldet wird, wird Kaiser Franz Josef dem Reichskanzler Fürsten v. Bülow anläßlich des Rücktritts sein Porträt, das von einem bekannten Wiener Maler ausgeführt wurde, zum Geschenk machen. Das Bildnis des Kaisers soll schon in den nächsten Tagen nach Berlin zur Uebergabe an den Fürsten gesendet werden.
Der neue Reichskanzler findet in der Presse eine günstige Beutteilung. Rechts und links wird er als hochgebildeter Marrn, von großer Arbeitskraft, gedankenreicher Tiefe und Klarheit der Rede gettihmt. Weiter wird betont, daß durch die Ernennung: Bethmanns das Staatssekretariat des Aeußern eine erhöhte Geltung erhalten werde. Von den übrigen Ernennmigen interessiert besonders die des bisherigen Schatzsekretärs Sydow zum Handelsminifter, die von den liberalen Blättern mit Skepsis ausgenommen nnrd.
Die Kreuzz eit n ng (kons.) schreibt: In dem Augenblick, da sich die Meinung festsetzen will, Fürst Bülow sei einer von ihm perhorreszietten Mehrheitsbildung gewichen, würden wir es für geradezu gefährlich halten, wenn mit der Ernennung seines 9lady» folgere der Ansicht Vorschub geleiftet würde, als bahne sich üt Deutschland das parlamentarische Regierungssystem an. Den bisherigen Staatssekretär von Bethmann-Hollweg kann keine Patter- und keine Parteigruppe für sich reklamieren und schon dieser- Umstand läßt uns seine Ernennung willkommen heißen.
Die Poft (freit i schreibt: Daß Herr von Bethmann-Hollweg/ der Nachfolger des Fürsten Bülow geworden ist, zeigt, daß zurzeit der Schwerpuntt der Reichspolitik auf dem Gebrete ber inneren? Politik liegt. Der neue Kanzler darf seiner politische^ wie seiner^
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kulturellen Fragen und polittschen Staatsnvtwendigkeiteu, war, baß für Herrn Sybow keilierlei Grunb zum Rücktritt ist mit bent Fürsten Bülow aus ber Reichspolitik aus-ivorliege. Der Schatzsekretär ist ^war nichtsbircH aus bciit geschieben unb wir können nur wünschen, baß sein Nach-,n/ folger etwas von seinem Geiste auch fernerhin erkennen lassen möge. Dies wünschen wir bor allem auf dem Gebiet ber auswärtigen Politik. Auch auf diefem Gebiet ist ja bie Aera Bülow von Plötzlichkeiten unb Schwächen nicht freizuspreck)en, aber im allgemeinen gelang c5 seiner Geschicklichkeit, bie Stellung Deutschlanbs im Rate ber Völler zu bewahren unb erst in biesem Jahr war eö ihm Vorbehalten, burch bas rückhaltlose Eintteten für Oesterreichs Jinteressen ber Welt zu zeigen, wie stark bas beutsche Reich sein kann, wenn eS nur will. Trotz aller Fttebensliebe verstand es Fürst Bülow, energisch unseren Widersachern entgegenzutreten, und selbst die Jntriguen König Eduards haben es nicht zu Wege gebracht, die Isolierung und De- nnitigitng Deutschlands durchzuführen. Kanzler des deutschen Reiches zu sein ist unter dem letiigen Kaiser kein leichtes Amt, doch willig trug er diese Bürde und wurde den Anforderungen seiner Stellung in hohem Maße gerecht. Wenn er jetzt zucücktritt, weil er ein Bleiben mit feiner Ueberzeugung nicht für vereinbar hält, so kann dies den Manu nur ehren und die Tätigkeit des vierten Reichskanzlers, bie in ber beutschen Geschichte keine Episobe bildete, wirb unvergessen bleiben!


