Nr. 38
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Anzeiger Gießen.
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Erstes Blatt ISS.Jahrgang Montag IS. Februar 1809
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Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson ; f. Feuille- ton und ,Vermischtes" 51. Neurath; für „Stadt u. Santi" und «Gerichts-
»ietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Nachklänge zum Besuche der englischen Nönigspaares.
Tas englische Königspoar war am SamStag nachmittag rrm 3 Uhr 25 Min. nach einer stürmischen Ueberfahrt in Dover eingetroffen. Die Ankunft in London erfolgte unt 6 Uhr abends. Zum Empfange hatten sich der Prinz und die Prinzessin von WaleZ, Staatssekretär Sir Edward Grey unb Premierminister Asquith eingcfunbüL Eine zahlreiche Volksmenge begrüßte das ‘berrfdrcrtxicr herzlich. Amtlich wird nun in London mitgetcilt: Der König ist von dem Besuch in Berlin sehr befriedigt unb hat die Heimreise ohne Beschwerden zurückgelegt. Er befindet sich entschicken Wähler als bei seiner Abreise nach Deutschland. Der König war damals er Haltet und das kalte Wetter, das Seine Majestät auf dem Kontinent antraf, ließ Vorsichtsmaßregeln ratsam erscheinen Er ist nunmehr wieder hergestellt. Die Königin befindet sich durchaus wohl.
Dem Berliner Oberbürgermeister Kirschner ist inzwischen folgende Allerhöchste Kabinettsvrdre zugcgangen: Der König von Großbritannien und Irland hat mich vor feiner Abreise gebeten, der Haupt- und Residenzstadt Berlin nochoimls seinen herzlichen Dank für den freundlichen Empfang auszusprechen, der ihm nitti seiner Erlauchten Gemahlin hier zutxnl geworden ist. Es gereicht mir zur Freude, Sie hiervon in Kenntnis zu setzen. Zugleich ist es mir eia Bedürfnis, Mich meinerseits Tank unb fllnerkemmug zu sagen, für die herzliche Begrüßung meiner Erlauchten Gäste, die prächtige Ausschmückung der Feststrahe und deren einzelnen Gebäude, sowie das sympathische Verhalten dec Berliner Bürgerschaft während der ganzen Dauer des hohen Besuches. Berlin hat durch diese Kundgebungen und Veranstaltungen wesentlich dazu beigetragen, den Aufenthalt der englischen Maje- ftäten zu einem so angenchinen und erfreulichen zu gestalten und dadurch zugleich erneut dem Wunsche des deutschen Volkes Ausdruck verliehen, die freundschaftlichen Beziehungen zu dem stammverwandten englischen Volke zu pflegen und zu stärken. Berlin, 13. Februar 1909. gez. Wilhelm.
lieber die politischen Ergebnisse des englischen Besuches ist einstweilen irod) wenig bekannt. Reichskanzler Fürst v. Bülow hat sich, wie der Berliner Korrespondent des Reuterbureaus zuverlässig erführt, über das Ergebnis des englischen Königsbesuchs hoffnungsvoll geäußert und Folgendes erklärt: Der Verlauf der Besprechungen zwischen den englischen und deutschen Staatsmännern habe auch auf deutscher Seite aufrichtige Befriedigung hervor- tjerufen. Die Zuversicht sei begründet, daß durch den Besuch des Königs das Vertrauen in die beiderseitige Loyalität und das Verstärldnis für die politischen Ziele der beiden Reiche auf beiden Seiten gefestigt worden fei. Bei Behandlung der Balkanfrage habe sich eine weitgehende Uebereiustimnumg ergeben, sowohl be- züglich der auf die Erhaltung des Friede ns gerichteten Bestrebungen Englands unb Deutschlands, als auch in der Haltung beider Regierungell gegenüber dem neuen Regime in der Türkei. Er hoffe, daß die öffentliche Meinung in beiocn Läueern dem von den Herrschaften unb Staatsmännern gegebenen Beispiele ehrlicher unb friedlicher Absichten unb aufrichtigen und gegenseitigen ^Lmstehens folgen werde.
Tie schlechte Behandlung, die den Vertretern des deutschen Volkes und den Vertretern ter deutschen Presse beim Besuche des englischen Königspaares zuteil geworden ist, muß milder beurteilt tverden, wenn man jetzt die näheren Umstände hört. Off- ziüs wird nänt(id) folgende Darstellung gegeben: Zeitungsmel- buiiij gegenüber ist festzustellen, daß die Absage des Reichstags- präsidenren Grafen Stolberg zum Galadiner, zu Ehren des Königs von England erst im letzten Augenblick infolge plötzlicher Erkrankung in seiner Familie erfolgte, so daß die Einladung eines Stellvertreters des Reichstagspräsidenterr nicht mehr möglich war. Zu dem Ballfest! zu Ehren be? englischen Königspaares sind übrigens das gesamte Reichstagspräsidimn, solche oie Präsidien des Herren- und des Mgevrdnetenhäuses unb außerdem eine große Anzahl von Abgeordneten der verschiedenen Parteien ein geladen gewesen. ।— Die in der Presse mehrfach verbreiteten Bel-auptungen über eine beabsichtigte Zurücksetzung der deutschen Zeitungen durch die Hvfbehörden ober andere amtliche Stellen bei Gelegenheit des Besuches des Königs und der Königin von England Sännen Naci) Ansicht von unterrichteter Seite nur auf irrtümlichen Voraussetzungen ober auf Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse beruhen. Die im königlichen Schlosse bei Festlichkeiten im Weißen Saale für nicht als Gäste geladene Personen einzig zur Verfügung stehende Loge bietet nur so beschränkten Raum, daß es ganz ausgeschlossen ist, einer größeren Anzahl von Zuschauern Zutritt' zu gewähren. Unbedingt mürbe dann nur ein kleiner Teil dieser Personen von den Vorgängen im Saale wirklich etwas beobachten föiuien und der Zweck der Zulassung also nicht erfüllt sein. Von den zur Verfügung gewesenen Plätzen erhielt einen der Vertreter des Wvlffschen Bureaus, den anderen der Vertreter der „Leipziger Illustrierten Zeitung". Es durfte dabei angenommen werden, daß durch die Zulassung eines Vertreters des Wplffschen Bureaus der gesamten einheimischen. P 's eine sachliche, auf eigner Anschauung und Kenntnis der Verhältnisse beruhende, sästeunige Berichterstattung über Die für die Allgemeinheit wichtigen Borgange gewährleistet lvird. Wenn die wenigen übrigen Platze diesuml an englische, zimc Teil besonders für diesen Kveck in Berlin eingettvffene Korrespondenten vergeben lernten, so erklärt sich das hinlänglich aus dem Charakter der Festlichkeiten, die zu Ehren des englischen Königspaares veranstaltet waren.
Stimmungsdiw ans Sem Reichstage.
Berlin, 13. Febr.
Am Samstag konnte diesmal die Sitzung wieder wie vordem schon um 11 Uhr beginnen, weil die Kommissionen nicht tagten. Nur zwei Subronünisswnen verhandelten hinter verschlossenen Türen, unb das äußere Bild einer solck-en Subtonmrission bot sich den Tribünenbesuchern auch während der Plenarsitzung dar, denn häufig bildete während der achtstülcdigen Sitzung gerade etwa ein halbes Dutzeicd Abgeordnete auf den Bankreihen unten die Zuhörerschaft der Redner. Gestern harte em Hammelsprung noch ein beschlußfähiges Haus nachgewiescn, heute wohnten der B e r a t n n g des Etats des Herrn von Bethmauu-Hollweg nur
noch 50 Abgeordnete bei. Nachdem man vorgestern nrdlich das Gehalt des Staatssekretärs bewilligt hatte, begann man bas Register bei den einzelnen Kapiteln des Etats noch einmal zu ziehen. Herr von Bethmcnm-Hotlweg mit seinen Räten mußte ausharren, aber bve große Mehrheit der Wgevrdneten dachte, als das dem Reichsamt des Innern vorn Seniorenkenvont zugebilligte Kontingent von «jcht. Tagen erledigt war, mit dem alten Rvdensteiner: „Acht jetzt, acht jetzt, gut Nacht jetzt. Einst war ich nicht so brav!" und tat nicht mehr mit Ihr achstündiger uminterbrochener „geistiger Arbeit" wurde dann heute wenigstens das Pensum erledigt Zu wiederholten Malen wurde auch heute der Kölner Aerztestreik besprochen uird das Thenra des benifsgenossen- sclMstliären Reservefonds erörtert Unfallverhütung und Bau- kontwlle und andere Stichworte aus der sozialpolitischen Generaldebatte der letzten Tage führten zum Teil dieselben Redner auf die Tribüne. Größeres Interesse fanden bei der lleinen Korona die Anregungen und Auskünfte, die zu den Spezialkapiteln des Reichsgesundheitsamts, Patentamts und ReichSversicherungsamts gegeben wurden. Der Präsident des Z^ichsgesundheitsamts Dr. Bumm ertoiberte auf einige Anfragen und Wünsche des Dr. M u g d a n über den Verkehr mit Arzneimitteln, die Bleivergiftung, die zur Erwägung stehende Reform des Hebammenwefens und anderes mehr. Der Ministerialdirektor Caspar machte die Honneurs für dos Reichsw-erficherungscnnt, da nach alter Uebung der Präsident dieses Amtes als richterlicher Beamter in die Arena der parlamentarischen Käurpfe nicht hinabsteigt Der nationalliberale Anwalt Dr. Junck und ber fteisü'.nige Syndikus der Berliner Kaufmannschaft Dove vertraten eingehend und sachverständig die Wünsck)e ber beteiligten gewerblichen, technischen und juristtschen Kreise für die Refornr des Patentrechts und die Reorganisation des Patentamts. Eine bekannte Zentrumsnote schlug Herr Er z- berger auch in diesem Jahre an, mit seiner konfessionellen Beschwerde über angebliche Imparität in den von der Landesversicherung ressvrtierenden Heilanstalten, er geriet dabei mit dem Vertreter ber württembergischen Regierung zusammen, der den Vorsitzenden der Württembergischen Versicherungsanstalt gegen seine Angriffe in Schutz nahm, und ihn mit seinen Beschwerden an das württem bergische Ministerium verwies. Die Etatspositionen des Nord-Ostseekanals gaben den schleÄvig-holst.Abgevrdneten Dr. Carstens und Dr. Leonhact zu kritischen Bemerkungen Gelegenheit uni) dann entspann 'ich lei dem Aufsichtsamt für Privatversicherung noch eine längere Auseinaicherseiulng über die Frage der Abonnentenversicherung. Der Abg. B a s s e r m a n n verttat dabei im Naruen seiner Freinrde den S^andprcnkt, daß manklickt, wie es üie Abgg. Dr. Siarcour und Giesberts mit der Zentrumsresolution beabsichtigen, das Kind mit dem Bade ausschütten, sondern zunächst in einer Denkschrift bie Frage Hären solle. Eine lange Reihe von Positionen konnte dann der Präsident nacheinander aufrufen, pur hie und da mit der Berichterstattung des Herrn Erzberger alternierend, bis es ganz zum Schluß noch einen Aufenthalt gab. Ein extraordinärer Titel deS Etats stellt für die Unterstützung der Arbeiterivohnungsgenossenschaften Mittel des Reichs zur Verfügung, und hierbei hält alljährlich der bekannte Wohnungs- und Bodenreformer Dr. Jäger, ber Zentra ms- ab geordnete ffirr Speyer, eine lange Rede. Da eilten in wilder Flucht auch die letzten der Zuhörer zur Saalpforte.
Ltimmungsbikd aus dem prech. WgesrdnetmhLms.
Berlin, 13. Februar.
Herr v. Kroecher befand sich in einem fundamentalen Irrtum über die Redesreudigkeit der preußischen Volksvertretung bei den Pfarrerbesoldungsgesetzeu, als er neben der zweiten Lesung dieser Vorlagen noch die dritte Lesung des Lehrerbesoldungsgesetzes und die Berggesetzno- oelle auf die Tagesordnung des Landtags bugsierte, lieb ec die Erledigung der Pfarrerbefoldung kam man nicht hinaus, schon nach vierstündiger Debatte machte das Haus für diesmal Schluß. Was zu den beiden Seelsorgergesetzen gesagt wurde, war nicht eben von großem Belang; die Redner der bürgerlichen Parteien beschränkten sich im wesentlichen auf die Empfehlung der Kommisfionsbefchlüsse, und die Sozialdemokratie kam nicht zum Wort Schließlich fand auch diese Vorlage in der Kommissionsfassung die Billigung des Hauses. Der fOlontag soll nun die dritte Lesung der Lehrervorlage und die Berggesehnovelle bringen.
Mcktrttt des türkischen Grotzwesiers.
Dem türkische Großwefw Kiamil Pascha schien die Nebenregierung der Jungtürken allmählich unbequem geworden zu fein. Sein Versuch, sich von dieser Nebenregierung frei zu machen, ist nickst gegtiidt; er Hat vielmehr diesen Versuch mit seinem Rücktritte bezahlen müssen. .Kiamil Pascha hatte eigenmächtig rin Kriegs- und Marineministerium einen Wechsel vvrgenommen. Darüber gerieten nun die Jungtürken, die darin einen Verfassungsbruch sahen, in die allergrößte Erregung. Tie Kommandanten der Panzersckstffe hatten nun in ihrem, den Großwesirrat und der Kammer eingereichten Protest auf die GShrung unter den Dkarine- truppen hingewiesen und erklärt, die Marine sei ohne Kommando, sie erkenne nur das Kommando der Kammer an. Die Kammer verlangte nun in ihrer Sitzung am Samstag Aufklärung von Kiamil Pascha. Dieser ließ jedoch der Kammer mitteilen, daß er nicht erscheinen könne. Zu Beginn der gestrigen Sitzung nun teilte der Präsident mit, daß ein Schreiben des ersten Sekretärs des Sultans cingetroffen fei mit ber Mitteilung, daß der Sultan den Minister des Innern, Hilmi Pascha, -unter Belassung auf feinem ‘Mtcn als Minister des Innern zum Grvßwesir er nannt und mit der Bildung eines Kabinetts beauftragt habe. Bald darauf traf ein zweites Schreiben mit ber Reachriclst ein, daß der Sultan Sia (5bi)in ziun Scheich ül Islam ernannt i-abe. Im weiteren Verlauf der Sitzung, die ruhig verlief, beriet bas Haus sodann mehrere Anträge.
Dieses Nachgeben des Sultans gegenüber den Wünschen der Kammer Ixit großes Aufsehen erregt
DeutFcL^es Reicv.
Der Kaiser hat dein französtichen LotschaÜer in Scrlirt (Sambon bas Großkreuz des roten AdlerordenS verliehen. Der deutsche Kaiser hat ferner an den deutschen Botschafter Fürsten Rabolin ein Telegramm gerichtet, in dem er ihn zum Abschluß der deutsch - französischen Verständigungen beglückwünscht und ihm aufs wärmste für seine Mitwirkung an dem Zustandekommen dankt.
Die BerlinerHandelsgesellschaft erhielt folgendes Telegramm aus 2> e! g r a b: Tie im gestrigen Morgenblatt der „Neuen Freien Presse" veröffentlichte telegraphische Meldung aus Belgrad über angebliche U n t e r s ch t e i f e u n d Defizite bei der königlichen Monopolverwaltung sowie über bie Suspendierung des Generaldirektors ist grundfalsch.
Die Groß Herzogin von Oldenburg soll schwer erkrankt sein.
AusLand.
Däc Sage in Prag ist für die Deutschen noch immer bedrohlich. UeberfäHe auf deutsche Kinder durch tschechische mehrcw sich in ber letzten Zeit. Am Samstag nnirbc der jugendlich« Prinz Karl Rohan und Graf Franz Hartig, die in Begleittlng^ ihres Erziehers waren, wegen Deutschsprechcns von tschechischem Burschen überfallen und mißhandelt Die Täter sind entflohen. — Wie die „Bvhemia" meldtt, hat der Hilfsverein deutscher Reichsan gehöriger in Prag, der unter dem Protektorat des beutfdien Konsuls Grafen Hardenberg steht, heute, ein großes Haus samt Gasthof „Zum goldenen Kreuzel" in der! Nähe des Grabens neben dem Deuts-chen Haus für 200000; Kronen gekauft.
An den Gener algvuve rnenr von Finnland ist vom Kaiser der Befehl ergangen, am 16. Febrpar die Session des fimibänbischen Landtags zu eröffnen.
Ein neuer Gegensultan. In Tanger sind Nachricht, ten ^astcs dem Sus-Gebicte engetwfsen, daß dort ein Scherif zum Sultan proklamiert worden sei. '
vo» den Fideikommissen.
Der Abg. Whler-Langsdorf überreicht folgenden Antrag ber Zweiten Ständekammer:
Antrag des Abg. Köhler, betreffend die Freiherrlich von- Waldthcmsen'sd;e Fibeikommißbegründung.
Die „Wormser Zeitung" macht in den Nurnmeru 73« und 74 o. Äl. den Verfuct), mir HntenntnU der Rechte-, grundlagen des Fideikommißwcsens unb seiner Geschichte vorzuwerfen. Dieser Versuch führt in sich bas Bestreben, die öffentliche Meinung von dem wirtlichen Inhalte fo* wohl meiner Interpellation, die Standes herrlich cn Pacht- bauecn betreffend, mie aud) meines Antrages, die weiterej Vergrößerung der Fideikommisse betreffend, a b z u l e n k e also irrezufthren.
Aus diesem Grunde bleibt es mir nicht erspart, noch^ einmal nachdrücklichst zu erklären, daß in allen den bon' mir erörterten Fragen nicht berührt werden sollen bic> Ursachen der Fideikommiß- und Latifunditmbildnnge^ die historisch, allgemein-menschlich, ja sogar miturwissen^ schaftlich zu erklären sind. Denn ein jeder Mensch, der^ einmal zu großen Reichtümern gelangt ifc wünscht diese? Vorzüge auch den Nachtommen zu erhalten, die nicht durckx gleich-glückliche Verhältnisse begünstigt sind und nicht die-i Kraft besitzen, das, was sie von ihren Vätern ererbt habLn^ zufammenzuhaltLn und auf ihre eigenen Nachkommen ungeschmälert zu übertragen.
Wie gesagt, davon reden meine Anfrage und meins Antrag, bie Fideitommisfe betreffend, nicht Sie redend aber von der großen Not unseres Volles, das da zuseheni muß, wie unter dem Schutz der Gesetze ein Stück der heiligen Mutter Erde nach dem anderen dem Gesamtvolke entzogen wird und hiernach, auf Jal)rhunderte hinaus, in den Händen solcher befestigt sich erhält, die oft kein anderes Interesse daran haben, als auf diesen Grundlagen ein „standesgemäßes Leben", vielleicht weit draußen im Auslände, sich anfzubauen. —
Die Einengung des bäuerlichen Betriebs und Besitzes' durch den Großgrundbesitz und das Fideikommißwesen; ba-i zu die Ungunst der Zeiten, der Eriverbsverhältnisse auf. dem Lande, ja die fast dem Wahnsinn gleichende, weite’ Kreise der bäuerlichen Bevölkerung ergreifende Landflucht-- krankheit, die dunlle Sehnsucht nach fernem Glück — nicht anders war» bei der allgemeinen „Völkerwanderung" —< sie treiben den Bauer von der Heimat fort; nicht gar so» schlimm wär'», wenn dann andere, gleich tüchtige Elemente wieder an ihre Stelle treten würden. Doch da erscheint der alles verlassene Land auffangende Moloch des Großkapitals inib legt es für „ewige Zeiten" in Fideikommissen fest. Eine Rückkehr gibt's dann nimmer und die Heere der Jndustriesklaven und der Arbeitslosen wachsen voir Tag zu Drg. —
Nun sagt die „Wormser Zeitung^' unb beweist durch die Statistik, daß in Elsaß-Lothringen und in Oldenburg, wo keine gesetzliche Ordnung über das Fideikommißwesen besteht, in viel höherem Maße noch ber Grundbesitz als in Hessen an gewachsen wäre. Aber wenn dem auch so und beides gleich schädlich wäre, so ist doch nicht aus der Welt zu schaffen der Einwand, daß das FMb- kommiß auf „ewige Z e i t e n" das Land in seinem Eigentumsrecht fefliegt, es auf immer der Gesamtheit entzieht, während hinsichtlich des nicht befestigten Großgrundbesitzes die Möglichkeit besteht, daß er nad) Zeit und Gc-, logenheit einmal wieder der allgemeinen Nutzung zu- rüdgegeben werde.
Damm ist es eine der höchsten Staatsw eis-


