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13.11.1909 Viertes Blatt
 
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Samstag 13. November 1909

Viertes Blatt

159. Jahrgang

Nr. 267

Giehener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberhefjen

Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen UnwersuälS - Buch- und Stemdruckerer.

R. Lange, Gießen.

Redaklion, Exoedftion und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: e<ä)5L Sleöartiome^l 12. Tel.-Ad ^Anzeiger (Ließ en.

2ieOietzeaer Zamiliendlätter" werden dem Anzeiger' viermal wöchenllich beigelegt, bad .Htetsblatt für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. DreLandwirtschaftlichen Seit« ttagen" erscheinen monatlich zweimal.

gilt auch heute noch: es fehlt an jeder Kontrolle, und wir Deutsche würden wohl bei einem Abkommen die übervorteilte Nation werden.

politische Tagesschau.

Rücktritt des Staatssekretärs o. Tirpitz?

Man schreibt uns aus Berlin:

Die Nachrichten über einen eventuellen 9tüdtritt des Staats­sekretärs im Reichsmarineamt v. Tirpitz, wie sie jetzt durch die Presse gehen, kommen nicht unerwartet, wenngleich man natürlich ihre Bestätigung abwarten muß. Ließ doch schon vor einigen Tagen der ganz unprogrammäßige und gemeinsame Vortrag des Marlnestaatssekretärs, des Cheis der Admiralität und des Kieler Oberwerstdirektors darauf schließen, daß der Kaiser und -war mit Recht Anstoß genommen hatte an den Verhältnissen der Kieler Werft, wie sie durch den dortigen Gerichtsprozctz zur öffentlichen Kenntnis gelangt sind. Die weit sich die Spitzen unserer Marineverwaltung hierbei ent­schuldigt und gedeckt haben, bleibe dahingestellt, dies eine kann jedenfalls behauptet werden, daß die gerichtsnotorisch feststehende Verschleuderung ftaatlickzen Materials sehr schlecht paßt zu der Sparsamkeit, wie sie int Einverständnis mit dem Kaiser von dem neuen Reichskanzler v. Bethmann-dotlweg für die Finanzwirt­schaft des Reiches inauguriert wurde.

Wohl mag Derr v. Tirpitz, der sich seit dem Antritt seines Amtes (1897) einer großen Bevorzugung durch den Kaiser zu er­freuen hatte, für die Verfehlungen seiner subalternen Unter­gebenen persönlich nicht haftbar {ein, aber einmal hat die Zen- traliiierung der Werftverwaltungen in Berlin, wie sie unter ihm Platz griff, recht schlechte Früchte getragen, und dann ist eben nach der bureaukratischen Auffassung der Derr fürs Gcscherr verantwort­lich. Derr v. Tirpitz und sein System haben bei dem Kieler Prozeß kläglich Schiffbruch gelitten, sie würden für die breite Qefftnt- lühkeit hereits erledigt sein, auch wenn sich diese Verschleuderung von Staatseigentum nicht zu der jetzt betonten Sparsamkeits­politik des Reiches in größten Gegensatz stellte. Dian kann den eventuellen Rücktritt des Derrn v. Tirpitz von der Leitung des Reichsmarineamts noch so sehr bedauern, da er. sich um die Ausgestaltung unserer Wehrkraft zur See durch die Flotten­gesetze zum Teil ganz hervorragende Verdienste erworben hat, man wird ihm auch alle möglichen Auszeichnungen bei seinem Rücktritt wünschen müssen, aber was nicht geht, das geht nicht: Herr v. Tirpitz ist, wenn er sich gegen die notorisch feststehenden unglaublichen Verhältnisse aui der Kieler Werft im Reick)stage verteidigen soll, für das Parlament unmöglich geworden.

Ein weiterer Punkt schließlich, der den Rücktritt des Derrn v. Tirpitz als wal>rfcheinlich erscheinen laßt, sind die An­ita Hern ngsver suche Englands an Deutschland, wie sie gelegentlich der Anwesenheit Dernbnrgs in England und des Wrdmayor-Bankells in London deutlich zu Tage traten. Natür- iiü) dürste man schon aus nationalem Bewußtsein England dabei (eine Veranlagung geben, etwa triumphierend ins Dorn zu stoßen, es habe mit Tirpitz denFriedensstörer" beseitigt, und Deulsch- iaiü) sei zu Kreuz gekrochen. Nein und abermals nein, wenn Tirpitz fällt, fällt er über sein System, und das Bestreben Deutsch­lands, für eine Annäherung an England wenigstens theoretisch eine gewisse Basis zu schassen, spricht erst in zweiter und ganz naturgemäßer Linie mit, weil man bisher in England in dem Bau deutscher Dreadnoughts die größte Bedrohung sah. Cb »er Vizeadmiral Capelle, der bereits seit Jahr und Tag ün Reichsmarineamt einen großen Einfluß ausübt, der Nachfolger tirpitz' wird, tut hierbei nichts zur ©adje. Wir müssen gegen England trotz aller Friedensbeteuerungen, wie sie gerade jetzt wieder über den Kanal schallen, toujours en vedette sein, wenn auch nur mit Unterseebooten.

Wir bemerken zu dieser Zuschrift, daß allerdings Anzeichen daraus hindeuten und Bestrebungen gemacht werben, mit Eng­land eine Verabredung über die weiteren Flottenbauten anzu­bahnen. Wir sind aber der Ansicht, die mir vor einiger Zeit auch schon näher dargelegt haben, daß in dieser Beziehung Eng­land gegenüber die allergrößte Vorsicht anzuraten ist. Was Fürst Bülow wiederholt im Reichstag gut begründet ausgeführt hat.

Univeriitäts-NachrScyten.

bk. Tcarburg. Ernannt wurde der Professor an der Uni­versität Tübingen Tr. Wilhelm Busch zum ordentlichen. Pro- sessor der Eeschichie in Marburg als Nachiolger des in den Ruhe­stand getretenen Geh. Reg.-Rais Konrad Varrenlrapp. Dr. Busch (geb. 1861 zu Bonn) ist Schüler von Wilhelm Maurenbrecher. Er war früher in Leipzig, Tresden und Freiburg i. Br. laug, 18JG kam er nach Tübingen als Nachfolger Dietrich -L-chafers.

Arbeiterbewegung.

Sydney, II. Noo. Deute würben weder Kohlen noch Koks zum Verkauf angeboten. Brennholz wurde 511 hohen Preisen ver­kamt. 2termere Haushaltungell lochen die Mahlzeiten auf ge­rn e i n i a niem 5euer. Tie Frachtsätze, sowie das Fähi­ge l d für uen Perionenverkehr an der Küste ivurden erhöht. T'.e B e r c 1 n 1 g u u g her üa g erarbeitet flab ihre Bereitwillig­keit, sich dein Streik a n z u s ch l i e ß e n, zu verstehen; die Ver­einigung zählt etwa 1750 Mitglieder, die zum großen Teil in Wollmagazmen beschäftigt sind.

der eine oder der andere überwiegt, so erhalten wir die Typen beö Realisten und des Idealisten. Beide sind an ftch be­rechtigt, doch cebührt dem Idealisten die Krone, weil er immer nach größerer/ reinerer und tieferer Wirklickfteft strebt, während der Realist leicht zum Dogmatismus neigt. Die Einheit des Realisten und 3beaiiiren in einer Persönlichkeit wäre eben, was Schiller die schöne Seele nennt, die in gleicher Weste das Wirkliche und das Ideale erfaßt. Aus dem zielocnmßten Wirken der Ver­nunft erwächst beim Menschen die etr,istck<e F r e i h e i l. -sie liegt nickst in dem Freisein von äußerem Zwang, sondern in der Unter­werfung unter die selbstgew^i.lun, Illi/,.erzeugten Gesttze der Ver­nunft. Wo dies in seiner Große erkannt ist, suckst der Einzelne wie die ganze Nll'ns^eit moji Äwöivimig vom besetz, joitoem dessen Vollendung selbst. . m

Die klaren und schonen Worte sanden den verdienten Beifall.

Neue polnische Plane.

Eine Steuer auf die Diäten der polnischen Abgeord­neten wollen deren Gesinnungsgenossen einführen^ In bei wlnischen Presse ist jetzt viel die 'Diebe von der Schaffung einer n a t i 0 na lp 0 l n i s ch e n Zentralbehörde, in deren Dand die Leitung der getarnten großpolnischen Agi- tations- und Unabljängigteitöbcroegurg gelegt werden soll. Zur Bildung einer solchen Behörde, die als ein pol­nischerN ati 0 nalrat" gedacht ist, hat dieGazetc Torunska" Ratschläge der Oencnllichlftt übergeben:

Der Nationalrat müßte sich u. a. zusammensetzen aus: den Mftgliedern aller PiovinLialwaylkomilecs im Lande und üt der Fremde: den Mitgliedern beider Abgeordnetenfraktio nen; een Vertretern der politischen Blätter, welche mindestens zwei Jahre existieren und wenigstens dreimal wöchentlich er­scheinen, insofern sich der betreffende Verlag bereit erklärt, die Beschlüsse desNcftionalratcs" fowie der durch daspolnische Zentralwahllomitee für das Deutsche Reich" anerkannten pol­nischen Wal.ibehörden anzuerkennen und zu unterstützen. Em in dieser Weste zusammengesetzter Nationalrat würde einen aus fünf oder neun Personen besteheiioen Vorstand ernennen, ein ständiges zlveiin'ianzig.s Ehrengericht einsetzen und S.k.i.nen für die einzelnen Angelegenh.üeii tvählen. Zu den V e r w a l 1 u n g s- Loiicn. müßte jeder Reichstagsabgeordnete UOO 'JJiL jährlich und jeder L a n ö t a g s a b g c v r b n c t c 10 v. D. der erhaltenen Diäten beitragen. _

Ange,ick)ts ber Bestrebungen der Polen, in <vchlefien, Pommern und in Westfalen vorzubringen, verdient der Plan, eine national-polnische Zentralbehörde zu schaffen, zu bet auch Mitglieder von Prorinzialtomiteesin der Fremde" gehören sollen, ernste 93ead)tung.

Land und Leute in Patagonien und auf Feuerland. Vortrag in ber Gesellschaft für Erd- und Völkerluiue in Gießen

Patagonien gilt nach ber geographischen UeDcrliefcrung als eines der ödesten Länder ber Welt, ^eit Tanvin die Lnküstc zu Schiff bereist und ein Stück den Rio Santa Cruz hmaufge.ah.en, lat sein ab.meßende-' Ürieil di» auf unere -tage 'änerlennung. behalten Dr. Benignus Berlin, hat nun das Land von 190a bis iyu8 emgehend vereist und in zu ganz anoeren Ecgevnisien gelangt. Er berichtete darüber in berGesellschaft für Erd- und Völkerlunde". Allerdings trifft auf den außcraitbinen, öst­lichen Deck Patagoniens du' <?a)iiDerung Damms zu: ortaiii- durckbranste, wasserlose Hochebene, deren Oberfläche mit Basalt- geröll bedeckt ist, gewinnt den Eindruck trostlosester Leoe. Aber das treuliche, anbuie Gebiet bietet dazu einen erfreulichen Gegen­satz. Fruchtbare Täler mit üppigem Pflanzenwuchs lassen in Ver­bindung mit dem Wasserreichtum der Gegend und der fesselnden, senkrechten Gliederung Szenerien eMsvepcn, neben denen selbst unsere Alpen landschaftm verblassen mußten. Der weltliche Ab­fall zum Stillen Ozean ist mit undurchdringlichem Urwald be­deckt, aber der östliche Abfall nach der attantisch'en Seite bietet mit seinem gesunden Klima auch dem Europäer die günstigsten Lebensbedingungen. Patagonien ist doppelt so groß wie das Deutsche Reich und geirrt in seinem östlichen Teil zu Argentinien, während der wcirliti e Küstenstrich Chile angegliedert i|t. Bewohnt werben die nördlichen Provinzen von den Patagoliiern und den Pampas Indianern, die in frul,erer Zeck bemeheischend bis vor Die Tore von Buenos-Aires streiften und erst un Jahre 1880 Lurch General ilioca endgültig über Den Rio Negro zurückgetrieben norden sind. Ter yatagoniiche Dauptstamm, die Teyuelchen, im­ponieren dem Reisenden durch ihre statlliche Koroergrößc, als deren Mittel die vorgenommenen Mes.ungen IM Meter er­gaben. Früher ein nomadisierendes Jagervolk, haben sie sich seit Einführung des Pferdes zu kühnen Reitern entwickelt. Pfeil und Bogen sind verschwunden unb an ihre Stelle ber Lasso und

Frankenthals, Fräulein Nord Hof, bestätigt die,em, baß sie Unregelmäßigkeiten, wie Verschleierungen, Verschiebungen, Radie­rungen usw. in dessen Geschäft nicht wahrgenommen habe. Werft­arbeiter Bergholz soll von Deinrich einmal in betrunkenem Zustande Geld gefordert haben Der Zeuge gibt zu, sich mehrere Male von Deinrich Geld geliehen zu haben. Bors.: sie ipuen sehr grob geworden sein unb gesagt haben, wenn er Ihnen kein Geld gebe, würden Sie ihm auss Dach steigen? Zeuge: Nein. Werft- buchführer Sch necken st ein war häufig zugegen, wenn ber Angeklagte Fahrsbutter wiegen ließ. Bors.: Was haben Sie iid) Dabei gedacht, daß Sie Dabei sein sollten? Zeuge: Es sollte das eine Art Vertrauensvotum für Fahrsbutter sein. (Defterkeit.) Frankenthal fragt den Zeugen, ob et es für möglich halte, daß man einen Kessel von 4U Zentnern aus der Werft schäften könne, ohne daß er bezahlt sei. Zeuge: Das glaube ich nicht. R. A. Stobbe: Daß auf der Werft viel gestohlen wurde, dar­über sind wir uns alle einig. Ist dem Zeugen ausgefallen, daß unter Rat Heinrich von der Werft mehr abgefahren wurde, als bezahlt war? Zeuge: Nein. Zeuge Brunsli ist mit der Familie Heinrich bekannt. Tie Lebensiveise der Familie war sehr einfach. Bei der Vernehmung des Zeugen Hoffmann der früher bei Frankenthal Buchhalter war, kommt zur Sprache, Daß Der Schutzmann Gramme, der den Zeugen einmal zur Ver­nehmung führte, zu ihm gesagt haben soll, der Zeuge werde wohl auch einige Monate bclommcn. Der Zeuge behauptet, daß Grumme ihm auch mit Untersuchungshaft gedroht habe. Schutz­mann (Stumme bestreuet entschieden diese Drohmigen. Der Zeuge erklärt weiter, daß auch MrimiiialtommiHar Äannowski ihm gesagt habe, er werde wohl ins Kittchen kommen. Kriminal- tommtiiar Wann 0 wski behauptet demgegenüber, er habe den Zeugen nur ermahnt, bei der Wahrheit zu bleiben, damit er nickst ins Kittchen käme. Ter Umerjuchungsrichter Grütz- nt a ch e r bekundet 110d) auf Befragen, er habe nicht den Eindruck gehabt, daß die Polizeibeamten eine Pression auf den Zeugen auszuüben versuchten. , r

Ter Angellagte Brätel wird durch Gerickstsbefchluß aus der 13 monatlichen Untersuchungshaft entlassen unter der Ermahnung, mit Den anderen Angeklagten nicht zu toUuDieren. Ein Antrag auf Entlassung des Jakobsohn jun. wird abgelehnt. Die nächste Verhandlung findet am Suontag statt.

Die Kieler IDerftafiäre.

(Fortsetzung.)

4- Kiel, 12. November.

13u Beginn der heutigen Sitzung beklagt sich der Verteidiger Skibbe darüber, daß sich Kriminalkommissar Wannowski im Gerichtssaale und außerhalb mit Zeugen, die noch vcrncmimen werden sollen, unterhalten habe. Kriminalkommissar W a n - nowski behauptet, daß er mit den Zeugen nicht über Den Prozeß gesprochen habe. w

Schiffsmakler Mann ist früher Buchhalter bei üluiider ge­wesen, dessen Buchhandlung viel zu wünschen übrig ließ. -Laß die Angeklagten an Münder Geschenke gegeben hätten, weiß der Zeuge nicht. Zeuge M a s ch war Arbeiter bei Klünder. Er hat niemals von irgend jemand größere Geschenke bekommen. Ein Kunde habe ihm einmal Mk. versprochen, sie ihm auer nicht gegeben. Kaufmann Haff hat ein Produktengeschäft in Kiel. Er wird gefragt, in welchem Rufe Frankenthal stand. Zeuge: Im allerbesten, er ist bekannt und beliebt bei allen Beamten der Werft. (Deiterkeit.) Staatsanwalt: Wodurch? Zeuge: Durch seine Gewandllstit und sein freundliches Auftreten. Kaufmann Hentschel (Tondern) war früher Geschäftsführer ber Firma Brakel & Sohn. Er hat nie das Gefühl gehabt, daß ber den Geschäften mit der Werst etwas nicht in Ordnung fei, sonst hätte er sofort gestopvt. Jakobsohn sen. habe sehr schlecht Buch ge­führt, er habe sich nicht einmal in seinem Privatkonto heraus- gefunDen. Ein Beisitzer fragt, ob es im schriftlichen gesck)äftlichen Verkehr üblich sei, heoräische Bezcichnungen anzuwenden. Zeuge: Ein anständiger Kaufmann wird das nicht tun, daß Jakobsohn sie anwandte, ist schon möglich. (Heiterkeit.) Eine frühere Angeitellie

Schillervottrag der Eichener Kreien Studentenschaft.

Vor einer zahlreichen Versammlung sprach am Mittwoch int großen Hörsaal der Universität Pvof. W. Kinkel über Schillers Begriff ber Persönlichkeit".

Ter Dichter, so führte ber Redner etwa aus, dessen Andenken wir heute feiern, ist mit Kant der größte Vertreter des I de al is - m u s. Er hat erkannt, daß das Verlangen nach dem Unendlichen, der Idee, keine abstrakte unb unpraltifche Gefühlsregung sei, sondern daß es den ivahrsten Inhalt des Herzens ausmacht. Er bezeichnet uns diese Idee als den Inbegriff alles Guten und Wahren und ist so der erhaoenste Vorkämpfer des großen Gedankens der Humanität geworden, denn auf das Wohl der ganzen Menschheft erstrecken sich ja alle erreichten wiyen- ickwsUicken unb ethischen Werte. Von diesem hohen Gedanken tes Zieles ber Menschheit ist natürlich Schillers Begriff der Persönlichkeft vollkommen abhängig. (sr_ lehrt, daß der Mcmch nickst bloß Sinnenwesen ist, sondern daß über bene innen Die Vernunft steht, durch die er Herr ber e-innhcbteit werben kann. Für das Verhältnis von Similichleft und Vernunft^ im einzelnen gibt es drei Räöglichieften: die^>Lainlichleit kann Herr der Vernunft, die Vernunft Herr der Suinlichleil werben und schließlich Die Triebe des Sinnenlebens ohne Kamps unb Gegen­satz Den Bahnen der Vernunft folgen. Tas erste bebeutet den Rückfall des Atenschen zum tierischen Dasein, das zweite führt zu einem steten Kampf der Vernunft mit der inneren ^wieder rebellie­renden Sinnlichkeit, das brüte ist daher nach L>chiller 5U_ er­streben. In seiner Vollendmig würde der letztgenannte Zustand beim Alen scheu das erzeugen, was Schiller die fchö ne Seele nennt, die in sich vollkommen harmonisck)e Persönlichkeit. ä.och ist diese ein Ideal, und im gegebenen Leben können mir den Widerstreft zwisckzen Sinnlichkeit unb Vernunft niemals ganz vermeiden. < _

Aus dem Gesichtspunkt der Humanität, der ^>dee der Wien ich heft, ift bei Schiller auck) das Verhältnis des Einzc Ine n »um Staat betrackstet. Der Staat ist bet chhm neckst ein bioßcS Machtgebilde, dessen einziger Zweck die Lelbstbehauptnng ist (Treftschch-i, sondern er dient ber Verwirklichung ber ^Dee des ^uten. In Den Dienst dieser Idee hat sich der Einzelne mit feinem Wirken zu stellen. £b auch ber Einzelne von ber Leb.ms- lühne ab treten muß, sein Werk wird wefter fortlebcn und umjo Kmer, da ihm bann keinerlei Makel der Personlichkeft mehr anhaftet.

Ausgehend von der erörterten doppelten Natur^des Manschen unteridjeibet Schiller bei ihm zwei Triebe, den s to f f t r ie 1> und den Form trieb. Der Stofftrieb bemüht sich, dem -öbeal Wirkllchkeft zu verlechen, der Formtrieb, die Wirtlichkeit höher, ibeelcr zu gestalten. Wenn sie ün einzelnen in ihren Extremeii

treten, führen sie zu unbrauchbaren Charakteren, zu rlachen U-ugenblicksmenschen ober zu weltentrückten Utopisten. Wenn da- §°3en beide Triebe int Punschen ihre Geltung hoben und nur

Oerineschtes.

* Von einem arg gefoppten Weinliebhaber weiß derFrank. Kur." in Nürnberg folgende Geschichte zu erzählen:Ein Betannter in Frantreick) sandte mir vier Flaschen Burgunder in einem Kistchen; die vier Flaschen sind zwei verschiedene Gewächse. Ordnungsgemäß kommt diese Sendung aus dem Frankenland in dem hiesigen Zollamt an. Ich eryalle Anzeige von dieser, Sendung und freue mich sehr auf meinen Burgunder also Geld in den Beutel und Zoll bezahlt, und oann bekomme ich meinen Burgunder. Doch )o geht die Sache nicht! Das verehrliche Zollamt beweist mir aus Grund der §§§§, daß jede einzelne Weinsendung aus dem Ausland geprüft und untersucht wer­den müsse; hierzu sind von feder Sorte zwei Flaschen nölig. Ich muß ai,o den Zoll für meine vier Flaschen bezahlen, dafür trmit dann irgend jemand prüfend meinen Wein. Die Prüfung tostet ungefähr 19 Mark, also, habe ich recht verstanden, sind für die zwei Sorten 38 Mart zu zahlen. Ist das alles geschehen, so bekomme ich 1.: ein Zertifikat, daß der Wein gut war; 2.: das leere Weiniistchen: ob ich auch die leeren viep Weinflaschen belomme, darüber bin ich im Zweifel, da ich die Schleuder kugeln (^olas) als Waffe unb Jagdgerät getreten, eie jagen den Strauß, das Guanaco (patag. Lama), Den cftr- hcimiscken Löwen, Den Puma, unb wohnen in notbürftigen Zellen (Tolbos), die mit Guanacofellen cingebeett werben. Heber ihre Religion wissen wir weiter nichts, als Daß sie an ein ForHeben nach dem zoce unb an gute unb böse Geister glauben. Auf ber südwärts vorgelagerten Feuerlanb-Jnsel lebt im östlichen Teil ein verwandter Volisstamm, die Cna, Die auf Der Kulturstufe der Steinzeit stehen geolieven sind unb dem Psychologen unb Anthropologen interefiante Vergleiche mit Den fortgeschrittenen Zestlanbsbewvhnern gestatten. Sie sind von ber italienischen Kon- gregatwn der Salesianer, wenigstens äußerlich, zum Christentum teiei;rt unb führen als Arbeitstiere englischer Unternehmer ein cienbed Tasefti. West-Feuerland ist, wie Die gmize Westküste Pata­goniens, von nur wenigen Bootsinbianern bewohnt.

Der einzige patagonische Volksstamm, der eine wirkliche Ge­schichte hat, find Die Araulaner. Durch drei Jahrhunderte hin­durch verteidigten sie harmäckig chre Freiheft. Sie wurden dabei immer weiter nach Süden gedrängt und bewohnen seit ihrer Unterircrnuig (lt>8/i nur noch die AbkMige des anbtnen Landes- refts. Seit ber Berührung mit den Europäern gehen die Ur­bewohner Patagoniens raich ihrem Untergänge entgegen., Tie Schattenseiten ber einDringenben Kultur, wie Schnapsgenuß, Ge- fchleckstsrranlheiten unb Poclln, räumen üt erschreckender Weise unter diesen "Naturvölkern auf.

In wirtschaftlicher Hinsicht zeigt Patagonien eine Fülle von Entwicklungsrnoglicksteiien. Der vratlische Engländer hat dies auch langst eriannt und an den Hauptplatzen bereits festen Fuß ge­faßt, während das deutsche Element nur etwa mit 2 Proz. ver­treten ist. Es befindet iich eine deutsche itolonic mit einer Schule m dem füdlichsteii Hafen Punta Arenas, unb m den letzten Jahren hat auch eine zweite Kolonie am "Nahuel-Huapi-See zur Gründung einer Schule schreiten können. Erst feit Eröffnung ber Ham. urg-Südamer ilä-Lin:e (1901, kann aber von einer wirt- |üaitiiä;en Erschließung bei Laubes bic Rede fein. Ter Reichtum Patagoniens besteht in seinen Bodenschätzen (Gold, Sftber, Kupfer, Salz, Petroleum- und in seinem Doizreickstum. Tie häufigste Baum art ist eine Gonifere, Arauearta imbricata, eine Verwandte unsererZimmertonne", baneb.n gedeiht auch Die fälschlich Alerzc (Lärche^ genannte Fitzrvi-a patagonica und die Eypressenart Liba- eedrus tciragona. Außerdem ist eine myrtenähnlichs Buche eilt weitverbreiteter Waldbaum. An den Abhängen ber Anden wirb, namentlich von iiaiicnuawi. .Kolonisten, euic aussichtsreiche Obst­zucht betr.eöen, Turch bie Engländer wurde von den benachbarten ^allland-Jnsetn das Sa,af eingeführt. Tiefes bewährte sich aus­gezeichnet, und Wolle bildet beute schon einen bedeutenden Aus- Mhrartftel. Ter Redner ^bedauert die Zurückhaltung deutschen Kapitals bei der Erschließung des Landes und bLfürchrci, daß infolgedessen in ganz kurzer Zeit schon dieses zukunftsreiche Ge­biet für die dpftfchm Jntcressen verloren sein wftd.