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16.4.1909 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

L 58. Jahrgang

Gietzener Anzeiger

ÖTZM

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

Die Verschleppung -er Reichrfinarrzresorm.

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Die Massendemonstration Kes deutschen Mitteistander zur rieichrflnanzresorm.

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S. u. H. Berlin, 13. April.

Die beide n a i'. dercnBersammlungen in der Union­brauerei und Happolbs Brauerei wurden noch im letzten Moment zusammengezogen, um auch hier einen möglichst imposanten Verlaus zu erzielen. Die Versaiitmlung fand im zweitgenannten Lokale statt und stand unter der Leitung des Stadtrats Seifert (Leipzig). Das erste Referat hatte Amtsrat d. 92 o ft i 3 (Pirna , das bekannte Mitglied der zweiten Sächsischen Kammer, übernommen. Er gab eine Darstellung der Finanzgefchichte des Reiches und betonte die Notwendigkeit, zur Deckung der Bedürfnisse des Reiches den Massen- konsum von Alkohol und Tabak heranzuftehen. Andererseits er­fordere die ausgleichende Gerechtigkeit, den Besitz in angemessenem Maße heranzuziehen. Redner ist der Ansicht, daß die Erbschafts­steuer keineswegs eine Gefährdung des landwirtschaftlichen Besitzes bedeuten werde. Es wäre traurig, wenn etwa der Familiensinn unter dieser Steuer litte (sehr richtig». Umgekehrt sei es nur richtig, datz auch densenigen Nachkömmlingen, die Dor vielen Tausenden ihres Volkes durch eine erhebliche Vermögenserbschaft begünstigt würden, zum Bewußtsein gebracht würde, daß es etwas anderes sei, Vermögen zu erwerben oder durch Erbschaft in die Hände zu bekommen. Wenn man ferner^die Erbschaftssteuer sozialistisch neune, so sei dies ein in der Steuergeschichte insbesondere der Einkommensteuer längst abgebrauchter und widerlegter Einwand. Der Eigentumsbegriff, wie ieder vernünftige Grundsatz in der Welt, wird nicht durch Ueberspannung ausrechlerlfaltcn, sonst wird Vernunft Unmut, Wohlfahrt Plage, sondern durch weise und be­sondere Mäßigung in der Anwendung. Der Befürchtung, daß eine zukünftige sozialdemokratische Reichstagsmetzrheit die Erb-

»eltsam aus, was jetzt der Abg. Dr. Paasche zur Rechtfertigung der Jänanzkommission sagt. Dr, Paasche fragt imTag": Wer trügt die Schuld? Die Kommission'? Oder gar ihr unglücklicher Vorfttzender'? Paasches Antwort lautet:Sic hoben nicht das Amt, neue Steuern zu ersinnen, sondern nur die. Pflicht, das, tvas die Regierung vorlegt, ernsthaft zu prüfen. Eine ziemlich umfang­reiche Kiste voll Broschüren und Druckschriften aus neuester Zeit über die verschiedenen Steuern habe ich mit in die Ferien ge­nommen das eine geht zum mindesten daraus hervor, daß die meisten Steuervorschläge der Regierung so tief und so störend in das Wirtschaftsleben weiter Bolkskreise eingreifen, daß cs irivol wäre, wenn die Abgeordneten sich über alle diese berechtigten Schmerzensschreie leichten Herzens Hinwegseyen wollten. Recht trafte Arbeit ist erforderlich, um die Gesetze ihrer Härten zu ent- eiben, sie so zu gestalten, daß sie nicht unnötig verbittern, be­lästigen und schaden. Vestigia temnt man denke an die »chnelle Gesetzesmacherei der letzten Steuerlommission, an Fahr- fartenfteucr usw. dieRegierungskreise" wälzten gerne das -Dbium dieser Steuern auf die breiten Schultern des Reichstages ib. Die gute Lehre werden aber die Abgeordneten daraus ziehen, ) sie sich nicht zu oberflächlicher Arbeit drängen lassen.

Uebrigens möchte ich fragen, was man dennbis hinauf in >ie Regierungskreise" gesagt hätte, wenn man die Steuern noch chneller abgelehnt, bem Spiritusmonopol, der^Zigarrenbanderole, der Jnseratensteuer nicht wenigstens einige Sitzungen gewidmet 'ätte *? Ich frage auch, wer war es denn, der die definitive Ab- i unmutig über die Nachlaßsteuer, das Monopol usw. so weit :vie möglich hinausschieben wollte und glaubte, durch lange Klage- lieber über die notleidenden Kultiiranfgaben der Einzelstaaten verlorene Steuerpläne retten zu können? Die Schuldigen hi tzen auch hierin den R e g i e r u n g s k r e i s e n". Mögen Vie endlich trügerische. Hossnlmgen aufgeben und vor allem im ^ieichsschatzaiut das beiße Werben um die Gunst des Zentrums und die Spekulation auf wechselnde Majorität fallen lassen, dann flann noch eine Verständigung im Block erzielt werden. Geschieht Las nicht, so schwindet den überarbeiteten Mitgliedern der Kom­mission der letzte Rest von Arbeitsfreudigleit."

Diese Ausführungen Paaickfes werden wohl kaum einen ernst trnfenben Menschen wirklich befriedigen. Sie zeigen uns, wie locuig man sich im Reichstage der ungeheuren Verantwortung vor der Wählerschaft bewußt ist und wie wenig man die tiefernsten Sorgen b?r weitesten Kreise der Bevölkerung versteht. DieKölnische Zeitung" gibt denn auch (Nr. 395) dem Abg. Paasche eine recht deutliche Antwort.Man kann es verstehen", so heißt es da, ,jDenn der Vorsitzende der so hart airgefaßten Finanzkomminion. bre Angriffe abwehrt, indem cr die Ursachen der beklagten Lang- sMmkeit klarlegt. Daß er selbst als der Hauptbemmschnh hingestellt luyrben ist, ist allerdings nicht recht verständlich: wenn er des­halb auch eine kräftige persönliche Note mit erklingen läßt, wird Iran das verstehen. Aber die erhobenen Klagen richten sich auch irmcher gegen die Untätigkeit der Kommission, als gegen die Un- echpneßlichkeit ihrer Arbeit. Geheimrat Paasche verwahrt sich trit Recht dagegen, daß man der Kommission oberflächliche Arbeit zumute bei Fragen, die so tief und so störend in das Wirtschaftsleben

alle unsere Schuldigkeit tun (lebh. Bravo). Nach alledem ist es eine schwere und bedauerliche Ucbcrtrci'bung, wenn von maß­gebender Seite, insbesondere von der Leitung des Bundes der Landwirte, gegen die Erbsckuiftsfteuer mit bem Feldgeschrci ge­kämpft wird, daß es für den Landwirt ftch ljicr um den Kamps für Weib und Kind und Familienbesitz handle. Gerade als aufrichtiger Freund der Landwirtschaft kann der Redner rwchmals warnen, daß sie sich in Gegensatz zu der großen Mehrlreü des Volkes bringe. Unter ihrem Widerstand gegen eine Erbschafts- Lefter.crung mürbe sie die Verantwortung für ein Scheitern des Reformwerkes auf sich nehmen. Ueberdics sei c5 nicht länger als 5 Jahre her, daß dieDt. Tageszeitung", welche jetzt die lauteste Ruferin im Streite sei, die hohe Heranziehung der Mil- lionenerbschaftcn und die Erstreckung der Erbschaftssteuer auf Kinder und Eltern mit den Worten befürwortet habe: die Rechtsordnung! des Staates sorge allein dafür, daß der Erbe die Erbschaft an- treten könne. Es sei also nicht unbillig, daß er dem Staate eine Erbschaftssteuer als Gegenleistung gewährt. Redner loeift noch darauf hin, daß die Erbschaftssteuer auf ihre Abkömmlinge und Ehegatten in Elsaß-Lothringen und den drei urdcutschen Hansa-' ftäbten im übrigen in der gesamten zivilisierten Welt bereits be­steht, ohne das; Familiensinn und -besitz darunter gelitten hätten. Die Finanzen des deutschen Reiches erfordern, daß endlich eine Sicherheit geschaffen und die fortwährende Beunruhigung durch das Suchen nach neuen Steuerquellen beendet werde. Eine lang­fristige Ordnung sei trotz einiger Erschwerungen besser wie die immerwährende Erwartung neuer Lasten. Auch unsere ^Kriegs­bereitschaft und unser politisches Ansehen, das sonst leiden und den Gegner zu Angriffen reizen würde, erfordere die wirtschaftliche Ordnung des Reichshaushaltes. Wir brauchen nur zu wollen. Das riesenhafte Anwachsen des Volksvermögens sei eine Tatsache. Luxus, Wohlleben uub Wohlbefinden haben in allen Schichten der Be­völkerung angenommen. Man braucht nur auf die Gassen und in die Häuser zu gehen, usm den unnötigsten Luxus vor Augen zu haben. Wieviel cinsacher haben unsere Eltern mag unsere Wiege in einem kleinen oder großen Hause gestanden haben vor dreißig Jahren gelebt und wieviel wird heute für bloß An­genehmes, Überflüssiges und Verwerfliches ausgegeben. Was in Berlin jährlich an Trinkgeldern ausgegeben wird, wird auf 250OOU Mark, die Hälfte der non der Vorlage geforderten halben Milliarde, geschätzt. Dabei wird in franzömchen und engliscknm Blättern das armselige Deutschland verhöhnt, daß es nicht einmal feine Schulden zu bezahlen vermag. Der oettelnde deutsche

Zum Schluß wünscht das genannte nationalliberale Blatt, daß die Kommission den mannigfachen Interessenten etwas mehr steifen. N a ck e n zeigen möge, dann würde die wilde Begehrlich­keit auch nicht so üppig ins Kraut schießen.

Trifft nun den Reichstag die Hauptschuld an der Verschleppung der Reichsfinanzreform, io ist allerdings auch die Regierung nicht frei von Sckmlb zu sprechen. Wir meinen im Gegensatz zur Kölnischen Zeitung", daß cs für den ganzen Gang der Verhand­lungen ersprießlicher gewesen wäre, wenn sich die Regierung jo früh wie irgend möglich mit den Parteien über die Grundlagen der Neichsfinanzrcwrm geeinigt hätte. Statt dessen zog es der neue Neichsschatzsetrctär bekanntlich vor, die Vorlage beinahe bis zum letzten Augenblick in tiefstes Geheimnis zu hüllen. Wir haben diese Geheimniskrämerei s. Zt. verurteilt und dabei auf die Ge­fahren der Verschleppung ober der übereilten Gcfetzmachcrei hin­gewiesen. Was die Oefsentlichkcit jetzt verlangt, sind keineswegs übereilte Gesetze; man verlangt nur, und mit gutem Rechte, einen positiven Fortgang der Beratungen. Man will endlich Taten sehen. E. A.

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Kürassier ist eine Figur fremder Witzblätter. Soll dem Auslande, der Glaube bleiben, daß der ganze deutsche wirtschaftliche Aui- sckpvung nur eine zerplatzte Seifenblase sei? Der Redner schließt seine Rede mit den Worten, die Reform wird gelingen, denn sie muß gelingen.

Der zweite Referent Prof. Dr. Wenckstern ftihrt folgen­des aus: Ein Kernmort und Sprüchwort lautet: Der ist fürwahr em erbärmlicher Wicht, der die Wahrheit kennt und bekennt iie nicht. Leute mit keuschem Gewissen müssen die Frage an sich Tlebten, was die Wahrheit ist und ob man diese auch sagen .Ran müsse nicht nur bei sich selbst, 'andern auch bei dem Gegner stets die vornehmsten, besten Absichten voraussetzen. Die politische. Lage zwingt uns, die Wahrheit den Gegnern offen ins Gesicht SU sagen. Tie eingebrachte Resolution soll aber feine HerMls- sorderrrng sein, sondern ein Appell an alle Klassen des Volkes auch ihre Pflicht zu tun. Redner kennzeichnet so dann die gegen­wärtige politische Lage der Rcichsfmanzrefopm, von der mast eigentlich 'sagen könne, daß sie Reichssfinanzordnung fei. Jeder Nationalökonom müsse stutzig werden, wie in deutscher Art unb Weise das Zustandekommen der Reichssinanzresorin in der Monty Mission verschleppt werde. Aber die Schuld treffe nicht allein tic Abgeordneten, denn diese find von ihren Wählern und von ihrem politischen Programm abhängig. Sie sind ferner zu ge­wissenhaft und müssen auch ihre Parteiinteressen wahren. Redner betont in seinen weiteren Ausführungen, daß bereits sogar auf der rechten Seite d-es Reichstages eine günstige Wendung für die. Erbschaftssteuer civgetrrtcn ist. Er ist ermädftigt, zu erklären, daß eine Anzahl schlesischer Großgrundbesitzer für die Erbschafts­steuer ein trete 11 werde. Redner meint auch, daß die Freisinnigen mit Rücksicht auf die politische Lage, wo uns das Feuer an den Fingernägeln brennt, die Situation vom nationalen Standpunkte erfassen und durch Nachgeben in der Branntwein- und der Tabak­steuerfrage in den saueren Apfel beißen und dadurch das Zustande­kommen der Reichsftuanzreform ermöglichen .werde. Der Redner kritisiert sodann das Verhalten derDeutschen Tageszeitung", die nicht aus sachlichen Gründen, sondern lediglich aus falsch ver­standenen Prinzipienduseleien gegen die Erb'clfafts steuer eintcetc. Nach einem weiteren Referat des Buchdruckereibeiitzers Graefe- Berlin bringt der Vorsitzende die bereits bekannte Resolution zur Verlesung. As der lebhaften Diskussion, die sich daran anschließt, sind die Ausführungen des Pros. Delbrück besonders lycrhor- zuheben, der u. a. ausfnhrte: Auf dem Tische des Hauses sind Postkarten niedergelegt, in denen das P'wgramm der beutlch-cn Mittelstandsvereinigung enthalten ist: dort steht der Satz, daß die Mittelstandsvereinigung für ehrliche Arbeit stets ei 11 trete. Meine Herren, wenn Sie für die Erbschaftssteuer eintreten, dann wirken Sie im Sinne dieses Programmes. Die Nochlaßsteuev ist diejenige Steuer, die den Besitz trifft und zugleich die Einnahmmi der Besteuerten kontrolliert. Sie bringt uns dem Ziele einer ge­rechten Besteuerung näher, denn es soll niemand mehr Steuern zahlen, als er zu zahlen braucht, aber es soll auch niemand weniger zahlen. (Lebhaftes Sehr richtig!) Ich bitte Sie, im Sinne dieses Programms der Resolution zuzustimmen.

Der Vorsitzende brachte sodann die aus ollen Gauen des Deutschen Reiches erngegangenen brieftichen und tclegrwphiscl'en Zustimmunascrklärungen zur Kenntnis und schloß nach der ein­stimmigen Annahme der Resolution die etwa von 1000 Personen besuchte Versammlung mit einem Hoch auf die deutsche Mittel-» standsvereinigung.

Deutsches Resch.

Derdentsche Kronprinz wird, wie die politische Kvrre- spondenz bestätigt, bei seiner Rückreise aus Rumänien den Kaiser Franz Josef befuchen. Für den Besuch ist der 25. April in Aus­sicht genommen.

. Das R e i ch S m a r i n e a m t 'Hot der Werft von Blohm und Botz den Bau des großen PanzerkreuzersH" übertragen Der rcumnehr der genannten Werft endgültig üi Auftrag gegebene grüße .Kreuzer ist das eine der beiden Schiffe des öiesjahrigea Etars, über welche bekanntlich das Reichsmarineamt bereits einen Vorvertrag abgeichlos, en.hatte. De Schiechau-Werst hat inzwischen einen ^auauitcag des Reichsmarineamts für ein großes modernes Linien, chifs erhalten.

sU . r 11 c mb c r gi s chc Jndustricverband hat zur fVl - fuuinrc^or!n btne Resolution angenommen, die iüh

gegen das Besitz,teuerkompvomiß wendet und die Bereit-

Ziehung

md 30. April 1969.

Gothaer

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weiter Volkskreise eingreifen. Aber auch diese dem Drängen der breitesten Oeffentlichkeit wohl worden. Man wollte endlich Taten sehen! Die fünf Monate haben uns noch kaum über die Anfänge einer Verständigung hinaus- gebracht, und das deshalb, weil den Schmerzensschreien der In­teressenten etwas zu willig Gehör gegeben worden ist. Darüber ist man sich überall klar, daß die Anforderungen an die Steuor- sähigkeit wie die Steuerwilligkeit diesmal außerordentlich groß sind und daß fünfhundert Millionen keinen Pappenstiel darstellen. Man ijt sich indes auch darüber klar, daß der Weg, den die Vor­lagen nunmehr weisen, so ziemlich als der einzig'gangbare Weg erscheint, und daß es daher wenig Zweck mehr hat, die Vorver­handlungen ins Userlose auszndehnen. Keine einzige der jetzt noch ernstlich zur Beratung stehenden Steuern wird von allen Seiten verworfen; nur die einzelnen Interessentenkreise halten die Steuer, die gerade sie betrifft, für ruinös, ivährend dieselben Kreise den übrigen Steuern zustimmen. Dazu kommt, daß die Oeffentlichkeit in den Abgeordneten, namentlich in den Kommis­sionsmitgliedern, ganz besondere Fähigkeiten vermutet, die denen ein rascheres Einarbeiten und einen lieberem Ueberblitf ermöglichen als dem Dnrchsck-nittsftaatsbürger. Der Hauptgrund für die Ver­schleppung scheint darin zu liegen, daß das Reformwerk mit zuviel parteipolitischen Nebenabsichten bepackt ist, daß die Parteien sich zuviel abhandeln wollen was nicht zur Sache gehört, und daß jede Partei sich so teuer wie möglich zu oerkausen gedenkt. Bei diesem Markten und Feilschen um Nebendinge muß sich der Abschlnß des Handelsgeschäfts verzögern. Das ist es, was die zusck>auende Oeffentlichkeit heraussühlt und was sie verftiinmt und sie zu starken Worten verleitet!"

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Stuttgart, 15. April. Eine große, den Festsaal der Liederhalle" füllende Versammlung bat heute abend nach Vor­trägen l)on Professor Dr. Kind rmann, bc: Reichs- und Lan'stags- abgeordneten Dr. .Hieber (itatlib.) und Storz (Südd. Voltspartei > einstimmig folgende Erklärung zur R e i ch s f i n auz- ref 0 rm angenommen:Wir heute in derLiederhalle" zu Stutt­gart versammelten Bürger beklagen tief und mit ernster varrioti- jcher Sorge den schleppenden Gang der Verhandlungen über die ReichsfinanzveforM. Wir stimmen in den Ruf nach schleunigem dlb-schluß dieses Gesetzgebungswertes ein, durchdrungen von der ^lotmendigk'eit der Opfer, die durch die Ehre und Die Sicherheit des Reiches gefordert werden, bitten wir den Reichstag und die Bundesregierungen alle Kräfte zur Ueberwindung der entgegen­stehenden Schwierigkeiten anznstrengcn, damit die Reichsfinanz- reform zustande kommt, noch enc der Reichstag in diesem Sommer auseinondergeht. Wir sind überzeugt, daß ohne die Einführung einer Besteuerung größerer y^achläfse oder Erbanfälle neben der vorgesehenen weiteren Besteuerung von Tabak, Bier und Brannt­wein eine gerechte und nach heilige Abhilse der Finanznot dcS Reiches nicht zu erreichen ist." Zum Sckstuß der Versammlung beantragte, mit stürmischem Jubel begrüßt, Gras Zeppelin die Ueberreichnng dieses Beschlusses durch eine besondere Abordnung an den Reichskanzler. Der Antrag wurde mit lebhafter Zu­stimmung einmütig angenommen.

Berlin, 15. April. Fürst Bülow wird am Tage des Wiederzusammentrittes des Reichstages Abordnungen aus ver­schiedenen Teilen des Reiches zur Entgegennahme von Erklärungen zugunsten der Reichsfinanzresorm emvsangen. Es werden be­deutungsvolle Ansprachen erwartet. In Dresden beschloß eine Konferenz von Vertretern aller bürgerlichen Parteien in einem Aufrufe für die baldige Erledigung der Reichssinanzreform und neben den Steuern aus entbehrlickie Genußmittel für den Ausbau der Reichserbschaftssteuer einzutreten.

Dresden, 15. April. In einer Zusammenkunft von Ver­tretern allerStändeundParteiendes Königreichs Sachsen wurde beschlossen, an die Rcichsregierung und den Reichstag eine Kundgebung zu richten, in her die baldige Erledigung der Reichs­finanzreform als eine nationale Notwendigkeit und der Ausbau der Erbschaftssteuer als beste Möglichkeit dazu erfrört wird.

den weitesten Kreisen der Bevölkerung ivächst die Miß- stimmimg über die Verschleppung der Reickfssinanzresorm zu- leyends. Die Münckiener Neuesten fl^achrichteii veröfsentlichen so- coen, einen von zalstreicheu lu^kannten Namen unterzeichneten Aufruf an den Reichstag". Darin heißt es 11. a.:Das Schick­sal der Rcickisftnmizveform erfüllt uns mit tiefer Sorge. . . . Rach mehr als vier langen Monaten ist das Ergebnis mühseliger Be- rahmgen in der Finanzlo mmisfi0n ein so dürftiges und imncheres, Hatz cs bem Siebte; gleichkomml. Unter dem Druck einer wild an- itürmenüen Agitation sestgeschlosseuer Interessengruppen und dem zersetzenden EinfltNse parteitaktischer Erwägurigen, bei denen oft die Sorge um das Mandat die Wahrung des Gemeinwohls zu- rückdrängt, ftabeit sich die parlamentarischen Verhandlungen ins Uferlose verloren, so daß in den ivichtigsten Pnntteu ein sestev Boden für ein gemeinsames Handeln faiun mehr zu finden ist. Schwierigkeiten werden auf Schwierig keilen gehäuft: kaum ist cm Hindernis beseitigt, so wird ein neues, größeres in den Weg gewälzt. Die Entwürfe be£ Regierung werden verworfen, der Weg der Refvrni Durch reichseigene Steuern verlafsen, und unter Bedingungen, die den Reichtum entlasten und das Arbeitsein­kommen belasten, die Aufgaben zum Teil den Einzelstaaten zu- geschobcn. Dies aber in einem Moment, in dem ohnehin bie Einzelstaaten wie ihre Selbstverwaltungskörper ihre aus denselben Steuerquellen fließenden Einnahmen gewaltig erhöhen müssen, solche und ähnliche Projekte wandern von der Kommission an Die Unterausschüsse, und wenn sie von da an beit Hauptausscbliß zurückgelangen, fleht man wieder auf dem alten Fleck wie vor undurchdringlichen Mauern. Und ohne mit der einen Vorlage fertig .ui sein, greift man mit unsicher tastenden Händen nach der nächsten. Angeftchts dieses Elends, das nun Monate währt und lein Absehen veripricht, kann es nicht Wunder nehmen, daß mit wachsender Stärke das Gerücht auftritt, es werbe in dieser Reichs- 'agsscssiop die Finanzresorm nicht mehr zum Abschlüsse gelangen, Miibcrn um ein Fahr verschoben werden. Ja es greift "hie tiüoc Meinung um sich, wenn überhaupt etwas zustande komme, so werde cs ein unzulängliches, verpsuschtes Stückwerk sein, das nach wenigen Jahren neue Steuern und schwerere Lasten erfordert, weil inzwischen die Ansprüche des Reiches und seine Schuldeitmassen gestiegen sein werden. . . . Der tiefe Ernst der Stunde ruft alle Vaterlandssreunde einmütig zu der Mahnung an den Reichs­tag, cr möge doch endlich mit festem Entschluß der>t ein Ende machen und zu einer Einigung mit den Regierungen Finanzreform gelangen. Das Hangen und Bangen ist lieh. Es wirb im Volke nicht verstauben. 9.stoge ber ungesäumt und entschlossen sich mit den Regierungen Wege zur Reichsfinanzreform einigen. Hier geht es .... Lebensfrage von Reich und Völk, die nicht vertagt werden darf, sondern eine volle und rasche Bejahung verlangt."

In ähnlicher Weise richtet nun auch der Evangelische Bund einen eindringlichen Appell an den Reichstag, daß er die trennenden materiellen Standes- und Sonderinteressen in vater­ländischer Pflichtersüllui'.g überwinden möge. Insbesondere aber erwartet der Evangelische Bund von der Reichsregierung und Den Mehrlnitspartcien des Reichstags, daß sie Den offenkundigen Be­strebungen ber Zentrumspartei, die Vorherrschaft bei Lösung bet Reichsfinauzreform wieder zu gewinnen, tatkräftig und einmütig eiitgegcntrelen.Der Evangelische Bund ist auf Grund bitterer Erfahrungen mit der großen Mehrheit des deutschen Voltes der unerschütterlichen Ueberzeugung, das; eilte erneute Vorherrschaft her ultramontancn Macht unvereinbar ist mit den höchsten In­teressen des Reiches, mit dem Frieden unter den Konfessionen unb mit ben unveräußerlichen Grunblaoen ber beutschcn Kultur."

Neben biesen ernsten patriotischen Worten nimmt es sich etwas

y10 »S». Jahrgang Fr-U-g 16. April 1909

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erlag u. Expedition 51 *** - . A . . . . . < ** für den politischen Teil:

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bii o^rmittags's"^ Rotationsdruck und Verlag dervrühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei 8. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Lchulstratze 7. ^^e'gente^'^Be^

Zuimitung ist bei I fchaftssteu«: etwa übermäßig anfpannt, wollen wir uns enl- chl kaum gemacht I schlagen. Diese Möglichkeit wirb nicht cintreten, wenn wir nur