Nr. 23V
Drittes Blatt
L5S. Jahrgang
Freitag 1. Oktober 1909
Eichener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag-.
General-Anzeiger fit Vberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Vrühlfch« Unwersiläls - Buch» und Sleindrurkerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expeditton und Verlag: e^5L Redaktion: 112. Tel.-2ldr^AnzeigerGießen,
Die „Siebener Zamllienblätter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, daS „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zett' fragen" erscheinen monatlich zweimal
Adolf Wagner für die Deutschen Oesterreich;.
A Wien, 30. Sept.
Der diesjährige Kongreß des Vereins für Sozialpolitik stand unter dem Zeichen des Antagonismus zwischen den Vertretern der individualistischen und der staatssozialistischen Nationalökonomie. Dein Vertreter des erstgenannten, Prof. Max Weber (Heidelberg), sekundierte eifrig im Kampfe gegen den staatlichen Bureaukratismus sein Bruder Alfred W e b e r, der die Bemerkung eines Witzblattes für richtig erklärte, das Ideal des deutschen Staatsbürgers sei „deutsch, treu und pensionsberechtigt". Tas habe die Einengung des Individuums durch die Bureaukratie erreicht. Prof. Adolf Wagner trat diesen Ausführungen unter Hinweis auf die blühenden staatlichen Unternehmungen in Preußen und die Unfreiheit unter der Herrschaft der Trusts im angeblich freien Amerika entgegen. Ministerialdirektor Thiel (Berlin) bezeichnete die Sorge vor der Bureaukratie für überflüssig, wenn man dafür sorge, daß ein ordentliches Wahlrecht für die Landtage und die Kommunen bestehe. — Ein Beschluß wurde nicht gefaßt.
Während der Tagung vereinigten sich die Kongreßteilnehmer im Kursalon des Stadtparkes zu einem Festessen, bei dem Prof. Adolf Wagner eine viel bemerkte Rede über die Deutschen in Oesterreich hielt. Der Redner ging von dem Gedanken aus, daß für- die Wissenschaft leine internationalen Schranken existieren. Ilm so mehr käme für die deutsch^ Wissenschaft das Gebiet des ganzen deutschen Volkes in Betracht. „Mit Freude und Schmerz kommt beute der Reickzsdeutsche in die alte Reichshauptstadt", mit Freude, daß sie ihre alte politische Bedeutung sich erhalten hat, und mit Sckzmerz, daß sie nicht mehr zum politischen Deutschland gehört. Mag der Nordosten stark hervorgetreten sein in der Neugestaltung Deutschlands, es sollte doch auch nicht vergessen werden, was der Südosten geleistet hat. Auch jenseits der Leitha sollte man sich daran erinnern, daß die kaiserlich-deutschen Oester- reicher einst Wien von den Türken erretteten. Wir sind von den Deutsch-Oesterreichern politisch jetzt getrennt, aber nicht kulturell und national. Wir wollen und können die Deutsch-Oesterreicher nicht entbehren. Deutsch- Oesterreich ist unter den Habsburgern vorbildlich geworden für die Entwickelung Mitteleuropas. Nunmehr sind wir hier vereinigt in dem neuorganisierten Oesterreich, in Oesterreich-Ungarn, lieber» all dringt hier der deutsche Charakter durch: kein Slawe und kein Ungar kann 'leugnen, was an Kultur in der gesamten Monarchie geschaffen worden ist, das ist zurückzuführen aus die Leistungen desdeutschen Volks stamm es und ist deutschen Ursprunges. Gegenwärtig stehen wir uns "näher und inniger zusammen als je in der Geschichte von Jahrhunderten. Tie Streitaxt ist begraben, des teueren Friedens wegen stehen wir zusammen, und was das heißt, das hat die jüngste Zeit gelehrt. Tas Deutsche Reich und die österreichisch-ungarische Monarchie repräsentieren eine Machtlänge von über 110 Millionen Völkern, von Millionen Heereskrästen. War es jemals so in der alten Reichszeit? Das politische Geschick hat anders entschieden und günstig für beide. Denn nunmehr sind beide Rückendecker, und wie wir jüngst den Rücken bedien für Oesterreich-Ungarn, so vertrauen wir Deutsche nicht minder, daß, wenn an uns die großen Zeilen und Gefahren .herantreten werden, die ja gar nicht so unwahrscheinlich, nicht so ferne stehen, daß dann auch wir die Rückendeckung haben werden an der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die beiden Dezemiien der neueren Geschichte haben welthistorische Bedeutung. Habsburg und Hohenzvllern fteljen nebeneinander imb erhalten den Frieden. Tas sehen wir Nationalökonomen als das höchste aller Güter an, denn was wäre unsere Sozialpolitik, wenn wir nicht die sichere Friedensgarantie hätten. Tamil ist aber die Grundlage unserer heutigen wirttchastlichen und sozialen. Entwickelung gegeben. Wir freuen uns als Svzialpolitiker, daß die Idee des Zusammenstehens bei den beiden Monarchen so lebendig ist. Der Redner schloß mit einem Hoch auf Kaiser Franz Josef und Kaiser Wilhelm II.
Vermischter.
* Das Frühstück i in Unterhaus. Eine seltsame Szene spielte sich in einer der letzten Sitzungen des englischen Unter- Hauses ab. Gerade war eine lebhafte Diskussion über die wirtschaftliche Entwickelung des Reiches im Gange, als Lord Rodert E e c i t sich aut fernem Platze ein Frühstück s e r o i e r e n ließ und sich anschickte, mit dem besten Appetit zu speisen. Nicht genug damit, unweit von ihm sah man das ehrenwerte Mitglied Craig au§ einer großen Pfeife, die von Urvaterzeiten zu stammen schien, in mächtigen Zügen behaglich schmauchen. Das ganze vaus hatte nur noch Aufmerksamkeit Hit das ungewohnte Schauspiel: ein Teil der Mitglieder fand es komisch und lachte, ein anderer aber entrüstete sich ob der verletzten Würde des Parlaments. Tas ehrenwerte Mitglied Maddison wandte sich an den Präsidenten mit der Interpellation, ob es den Mitgliedern des Unterhauses gestattet sei, im Sitzungssaale eine Mahlzeit einzunehmen oder zu rauchen. Ter Präsident antivortete, baß die Satzungen der Kammer diesen Fall nicht vorgesehen hätten; aber zweifellos dürste fein Mitglied im Saale rauchen ober essen, ohne vorher bie Erlaubnis bes Prä- Übenten eingeholt zu haben. Sofort erhob sich em anderer Abgeordneter, Lord Morpeth, und bat auch seinerseits um die Erlaubnis, zu rauchen. Ta machte der Präsident kurzen Prozeß und forderte Lord Cecil und den Abgeordiieten Craig ohne Umschweife auf, aut ihre Privatvergnügen im Sitzungssaale zu verzichten. Dies geschah, und der Zwischenfall war erledigt.
•(Sin Duell im Wagen. Aus Palermo wirb von einem Duell berichtet, bas in ben fonberbarften Formen aus- getragen würbe, in benen wohl je ein Zweikampf unter Männern i'tattgefunben hat. Zwei reiche sizilianische Gutsbesitzer, Signor Lobianco unb Signor Arbito, nahmen in einem großen oierräberigen Wagen emanber gegenüber Platz, und nachdem sie dem Kutscher ben Befehl gegeben hatten, in vollem Galopp loszufahren, begannen beide mit Revolvern auseinander zu schießen. Als der Wagen hielt, stürzte Lobianco tödlich verwundet heraus, während Ardito tot auf dem Boden des Gefährts liegend aufgefunben würbe. Liebeshänbel hatten die Veranlassung zu dem grausigen Duell gegeben.
"Ein unvergleichlicher Wunderbo ktor haust nach der „Lippischett Tageszeitung" in dem Torfe 'Ufferbe bei Hameln. Er sieht weder seine Patienten, unter denen die Frauen natürlich überwiegen, noch diese ihren „Doktor": ein Briefwechsel tut es schon. Der Patieitt stellt, sv gut er es vermag, seine Krankheit selbst fest und teilt das Ergebnis dem „Doktor" mit. Dieser antwortet brieflich folgendermaßen: „Liebe N . . .! Ihren Brief erhalten. Ich teile Ihnen mit, daß ich für Sie eingenommen habe. Wirwollen mit Gottes Hilfe hoffen, daß es hilft. Es grüßt N. N." Mehr kann man nicht verlangen.
* Die neuesten Schmugg lertricks. Das Pariser Schmugglermuseum, das vor kurzem in der^AvenueVictoria eingerichtet worden ist, ist um einige seltene Stücke bereichert worden, die die neuesten von Schmugglern ausgeführten Manöver anschaulich illustrieren. Besonders werden in letzter Zeit die Automobile dazu benützt, um Alkohol und Petroleum über die Grenze zu bringen, ohne den hohen Zoll dafür zu zahlen. So entdeckte nunt in einem Auto ein merkwürdiges Reservoir aus Blech, das gänzlick) unsichtbar unter den Sitzen angebracht war und nicht welliger als 60 Liter Petroleum enthielt. Da der Zoll in Frankreich für den Liter 20 Centimes beträgt und bei jeder Ausfahrt an den verschiedenen Stadttoren von Paris von Neuem entrichtet werden muß, so spart der Automobilist durch
diesen Trick eilt beträchtliches Sümmchen. Dieses Reservoir hat nun im Schmugglermuseum Aufstellung gefunden. Es steht da neben Automobilreifen, neben Wagenkissen und Behältnissen der verschiedensten Art von der Aktenmappe bis zum Soldatentornister, die alle einmal dazu gedient haben, etwas vor ben1 lästigen Blicken der Zollbehörde zu verbergen.
* Die Armut in Lonbon. Aus London wird berichtet: Das Blaubuch, das dieser Tage ausgegeben worden ist, enthüllt neben den Bildern von erstaunlicher Größe und weltstädtischem Glänz auch eine erschreckende Zunahme des Elends in der englischen Hauptstadt. Es werden mehr als 150 000 Arme in London gezählt, 3>2 Prozent mehr als im Vorjahre, und Tag für Tag treten neue Rekruten in dieses gewaltige Heer des Elends ent. Von 1000 Personen, die die Weltstadt beherbergt, haben 34 nicht die nötigen Mittel des Unterhalts und ke'in Dach, unter dem sie ihr Nachtlager finden können: auf den Bänken längs der Themse, unter Torbogen und in den Parks müssen sie einen Platz suchen, wo sie die müden Glieder strecken können. Seit dem Jahre 1872 war das Elend in London nicht so groß wie heute.
* Eine Kateridee. Der Vater eines .Schulmädchens in Dresden bemerkte, wie angestrengt sein Töchterchen abends über ihrem Schulaufsatz brütete. Er hatte die Absicht, mit ihr das Thema zu besprechen, staunte aber nicht wenig, als er die Aufgabe von ihrem Munde vernahm. Ihr Lehrer hatte das Thema gegeben: „Tie Wohnung eines Junggesellen." In einer Zuschrift an den „Dresd. Anz." bemerkt der Vater hierzu: „Ta die Themata der Aufsätze dem Empfinden der Schüler und Schülerinnen angepaßt sein und doch auch einigermaßen aus der Anschauung heraus bearbeitet werden sollen, so -finde ich eine solche Aufgabe jungen Mädchen gegenüber unangebracht, wenn nicht abgeschmackt."
* „Es fehlt nur eine Kleinigkeit. . ." Seit der Rückkehr des Herzogs der Abruzzen von seiner großen Bergtour im Himalaja wollen die Gerüchte nicht verstummen, die ihn von neuem in Verbindung mit der Amerikanerin Miß Elkins bringen; die junge Dame hat einen Teil des Sommers in der Schweiz zugebracht, und es wurde sogar behauptet, der Prinz habe bereits insgeheim eine Begegnung mit ihr gehabt. Soeben meldete wieder ein englisches Blatt mit wichtiger Miene, bei seinem Besuche des Königs in Racconigi habe der Prinz nicht nur von den Riesen- gletschem des K. 2 gesprochen, sondern auch der Name der Miß Elkins wäre in der Unterhaltung gefallen. Um die Wahrscheinlichkeit dieser Meldungen zu beleuchten, erzählt der Corriere d'Italia eine hübsche Anekdote. Vor seiner Ausreise nach Indien berief der Herzog während seines Aufenthalts in Rom seinen Juwelier zu sich, da er einige Anschaffungen machen wollte. Ter Juwelier stand in Beziehungen zu einer reichen römischen Familie, in bereu Familienschatz sich ein kostbarer Perlenschmuck befindet, den sie zu Der tau fen wünschte. Ter Händler, der natürlich auch von den danläis umherscAvirrenden Gerüchten von der Verlobung des Herzogs gehört hatte, wollte die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen und sagte: „Hoheit, warum kaufen Sie nicht diese prachtvolle Perlenschnur?" „Was soll ich damit machen?" „Ganz einfach, Ihrer Braut ein Geschenk damit machen, Hoheit." „Sind sie denn wirklich schön, diese Perlen? Und man kann sie wirklich bekommen?" „Aber gewiß, Hoheit!" „Schön, die Perlen sind da, es, fehlt nur eine Kleinigkeit . . ." „Sagen es Hoheit nur, wenn ich Ihnen irgend darin dienen kann, stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung." „Es fehlt nur — die Braut, die ausschließlich in den Köpfen der Journalisten existiert. Aber, lieber Freund, könnten Sie mir nicht den Gefällen tun, sie für mich zu finden?" Ter Suto-dicj: sagte kein Wort.mehr von der Braut und den Perlen.
* Im Gebirgshotel. Kellner: „Ich rate Ihnen, meine Herrschaften, die Speisen gleich zu bezahlen: in ber Hochsaison steigen nämlich bei uns fortwährend die Preise."
* Aus dem Markte. Verkäufer: ,Lch will Ihnen ine Kuh für 100 Mark lassen." — Käufer (schwerhörig): „300 Mark ist mir zu viel; ich gebe Ihnen 200 Mark!" — Verkäufer: „Meinetwegen — weil Sies sind!"
* Entrüstung. Chef: „Was fällt Ihnen ein, alle Fenster zu öffnen ? Sie machen ja aus dem Bureau einen Luftkurort/'
Kleine Taacschronik.
Professor Dr. Jng. Duisburg, der auf eine 25jährige Tätigkeit im Dienste der Elberfelder Farbenfabriken zurückblickt, machte aus diesem Anlaß eine Anzahl Stiftungen im Gesamtbeträge von 14 3000 Mark, . die hauptsächlich im Interesse der Werksangehörigen und ihrer Familien Verw'enbung sinden sollen.
In Münster i. W. stahl Mittwoch mittag ein Fremder ein Fahrrad, stieg auf und fuhr davon. Der Eigentümer des Fahrrades nahm sofort die Verfolgung auf. Als der Dieb dies merkte, sprang er vom Rade, zog einen Revolver und erschoß den Verfolger. Der Täter ist noch nicht verhaftet.
Auf dem Uferwege zwischen Saßnitz unb Stubben- fammer wurden Mittwoch mittag 2 Personen, einEhepaar, erschossen aufgefunden. Die näheren Umstände lassen auf Raubmord schließen. Wertgegenstände wurden bei den Leichen nicht aufgefunden; die Taschen waren durchsucht. Von dem Täter fehlt jede Spur.
Die Morgenblätter melden aus München: Im Kloster Oberfeld verweigerten die Zöglinge den aufsichtführenden Ordensschwestern den Gehorsam. Die Polizei verhaftete deshalb vier Mädchen.
Der kürzlich verstorbene Schachtmeister Arnold Schvt- tenberg in Breslau vermachte der Stadt 300000 Mk. und überließ feinem Bruder eine Zweckbestimmung, wenn er die Summe auf eine halbe Million abrunde.
Hauptversammlung der eoang. Guftav-Adols-vereinK.
A Bielefeld, 30. Sept.
Die heutige zweite und letzte öffentliche Hauptversammlung der Gustav-Adolf-Vereins-Tagung wurde von dem Vorsitzenden des Zentral-Vorstandes, Superintendent D. Hartung (Leipzig) eröffnet und geleitet. Zunächst trat man in eine Besprechung des Dom Generalsekretär Pastor Braunschweig (Leidig) erstatteten Geschäftsberichts ein, an der sich Pastor Stockmeyer (Basel) sowie die Pastoren Mollaus und Loew aus Oesterreich-Ungarn beteiligten. Die Redner dankten übereinstimmend dem Zentralvor stände für die den Gemeinden in der Diaspora gewährten Mittel. — Pastor Zauleck (Bremen) erbat größeres Interesse für die Erziehung der Jugend zur GustaD-Adolf-Sache. Gegenwärtig beteiligten sich 1700 Pfarrer in Kindergottesdiensten an der Arbeit für den Gustav-Adolf-Verein. Die große Kinderspcnde im Betrage Don 22 200 Mark, die überreicht werden konnte, würde noch bedeutend größer sein, wenn nicht 1700, sondern die 17 000 evangelischen Pfarrer sich an der Arbeit beteiligen wollten. (Heiterkeit und Beifall.)
Nach der Entgegennahme der Zentralkassenrechnung sprach Dtertonfijtorialrat Dr. D. D ibel ius (Dresden) über: „Zehn Jahre evangelischer Bewegung in Oesterreich".
Darauf wendete sich die Versammlung der Verteilung der großen Liebesgabe zu, um die sich die Gemeinden Friedek in Oesterreich.-achtes., Pvlschen in Pommern und Schwanheim in Hesien-Nassau bewerben. Superintendent Karmann i Scchvetz a W ) referiert über die Verhälttrine der drei Gemrinden. Bei der Ah-
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fttmmung fällt die große Liebesgabe mit 140 Stimmen unter großem Beifall Po Ischen zu. Zur Verfügung standen insgesamt 36 773 Mark. Davon erhielten die mit der großen Liebesgabe bedachte Gemeinde Polschen in Pommern 22 853 Mark, die Gemeinde Friedek in Oesterreich.-Schles. 6936 und die Gemeinde Schwanheim in Hessen-Nassau 6985 Mark — Zum Ort der nächsten Tagung wurde Stralsund gewählt. — Morgen schließt ein Ausflug der Teilnehmer nach dem Hermanns Denkmal die diesjährige Hauptversammlung des Evangelischen Gustav-Advlf- Bereins ab.
Der Stenöaler Zähnrichsniord vor Gericht.
4 9)lagbeburg, 30. Sept.
Die geheimnisvolle Schießaffäre in Stendal, der in der Nacht vom 15. zum 16. Juli d. I. der Avautageur im 10. Husaren- Regiment Arnim v. Z e u n e r zum Opfer gefallen ist, wird morgen das hiesige Kriegsgericht deschäsiigen. Der Vorfall, der s. Zt. das größte Aufsehen erregte, ist bisher nach seinen Motiven und der Art der Ausführung des Verbrechens noch vollständig dunkel, v. Zeuner, der Sohn eines Hauptmanns a. D. in Schwerin, war am 1. April d. I., nachdem er in Schwerin das Abiturienten- examen bestanden hatte, in das Husaren-Regiment in Stendal eingetreten. Er wohnte in dem Haufe einer Witwe Wegner, die in den Parterreräumen ein Schanklokal betreibt. Auf dem gleichen Flure wie v. Zeuner wohnten der Einjährig-Freiwillige Voß und der Einjährig-Freiwillige Baumgarten. Dieser, der Sohn einer Rittergutsbesitzerswitwe aus Leivzig, soll öfters in dem Lokal der Frau Wegner gekneipt haben. An dem genannten Tage, einein Tonnerstage, kehrte v. Zeuner nach dem Besuche mehrerer Wirtschaften nach Hause zurück. Er begab sich sogleich in sein Zimmer. In den Wirtsräumen befanden sich Voß und Baumgarten. Voß verließ das Lokal gegen 12 Uhr, Baumgarten etwa eine Viertelstunde später und zwar, nach Aussage der Wirtin, in angezechtem Zustande. Eine Viertelstunde später hörte Frau Wegner einen Knall, den sie aber nicht weiter beachtete. Erst als sich die letzten Gäste aus dem Lokal entfernt hatten, begab sie sich nach der ersten Etage, wo sie zu ihrem Entsetzen den Einjährig-Freiwilligen Baumgarten vollständig nackt auf dem Flure vorfand. Auf die Frage der erschreckten Frau, was denn los sei, antwortete er ruhig: nichts, gar nichts. Baumgarten begab sich dann in das Zimmer des Voß, während die Frau Wegner die Tür zu dem Zimmer v. Zenners Öffnete, die dieser nicht zu verschließen pflegte. Sie sah Zeuner auf dem Bett liegen, den Oberkörper halb heraushängen, mir mit einem Hemd bekleidet. Bei näherem Zusehen bemerkte sie, daß auf dem Fußboden sich eine Blutlache befand und der Kopf des Fähnrichs zwei Schußwunden am Hinterkopf und an der Stirn aufwies. Als sich die Wirtin davon überzeugt hatte, daß der Fähnrich bereits tot war, begab sie sich in die gegenüberliegende Kaserne und machte Mitteilung von dem schrecklichen Vorfall. Es begab sich sofort eine Untersuchungs- kommission an den Ort der Tat. Der Augenschein lehrte, daß ein Selbstmord bei dem Fähnrich vollständig ausgeschlossen war. Darauf wies der Lauf des Schußkauais hin. Die Revolverkugel wurde im Kopfkissen gefunden. Tie beiden Einjährigen Voß und Bau rn- gar t e n wurden noch in der Nacht verhaftet und einem Verhör unterzogen. Beide bestritten, irgendwie an der Tat beteiligt zu sein. Baumgarten erklärte, er wisse von nichts, und schlief bann in der Untersuchungshaft ruhig ein. Während der Untersuchung wurden Gerüchte laut, als ob zwischen Baumgarten und v. Zeuner ein gespanntes Verhältnis bestanden habe. Baumgarten ioll durch den Fähnrich iviederholt geneckt und gehänselt worden sein. Er habe dann schließlich in einem Wutanfall an seinem Beleidiger Rache genommen. Demgegenüber wird darauf hmgewiesen, daß dienstliche Verhältnisse für die Tat nicht in Frage kommen könnten, da Baumgarteiriind v. Zeuner bet verschiedenen Eskadrons standen. Festgestellt ist, daß Saumgarten, Voß und v. Zeuner noch am frühen Abend zusammen in einem (Safe eine Flasche Sekt getrunken haben. Baumgarten war zunächst ganz niedergeschlagen. Er saß trübselig in seiner Hast und erklärte nur: ich weiß von nichts. Auch jetzt noch behauptet er, außerstande zu sein, sich auf die Vorgänge der fraglichen Nacht zu erinnern. Insbesondere will er nicht wissen, aus welchem Grunde er nackt auf dem Korridor gegangen sei.
GLseribabn-Zeitirng.
**-Quentin-Mahl aus grauer T a sch en sa h r plan für Winter 1909/10 ist fveben im Vertage von Mahlau u. Wald- schrnidt, Frankfurt a. M., Gr. Gallusstr. 3, in der betännten reichhaltigen unb gediegenen Ausstattung erschienen.
Handel.
Bremen, 29. Sept. In der heutigen Aufsichtsratssitzung des Norddeutschen Lloyd wurde über das Geschäftsresultat der ersten sechs Monate berichtet, daß die Betriebsüberschüsse nach Abzug der Generalunkosten und Zinsen ca. 5 Millionen M a r k betragen gegenüber einem Betriebsverlust von ca. 7 Millionen Mark in dem besonders ungünstigen vorigen Jahre. Die Besserung von rund 12 Millionen Mark ist hauptsächlich eine Folge der erhöhten Einnahmen im nordamerikanischen Geschäft, speziell hat der Zwischendecksverkehr zugenommen, der 68 664 gegen 17 730 Personen in der gleichen Zeit des Vorjahres beträgt. Auch das zweite Halbjahr hat sich bisher weiter befriedigend entwickelt.
Mcheuü. Uederkicht öer (Todesfälle L d. Stadt Kietzen.
39. Woche. Vom 19. bis 25. September 1909.
(Einwohnerzahl: angenommen zu 31100 (iukl. 1600 Alaun Militär-
Sterblichkeitsziffer: 43,4 %0, nach Abzug von 13 Ortsfremden: 21,7 y/0ll.
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Gretzen gebrachte Kranke kommen.
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