Nr. 151
Drittes Blatt
159. Jahrgang
Donnerstag, 1. Juli 1909
Erscheint flßfiO mti Su-oahm» bei TomttagL.
Die „fleßenet Jetnitteitbfötter* «erden dem »Ulnjeiger* dermal wöchentlich beigelegt da» „Ereisblatt für de» Kreis Liehen- zweimal wöchentlich. Die »Landwirtschaftlichen Selb fragen* erscheinen monatlich jroeunaL
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Sberhefien
UotatkmSbevck en> Verlag bet VrübNch« UnwersuLtS - Blich- und kreuch Nicker et.
8t Bange, Sieben.
Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul- slraße ?. Expedition und Verlag: e^öl. Redaktion: ^^112. Tet-Adr^ Anzeig erGieven.
Deutscher Reichstag.
271 Sitzung, Mittwoch, 30. Juni.
Am Tische des Bundesrats: v. Be thmann- Ho I I ."-c g. Das HauS ist sehr schwach besetzt.
Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Min.
Die LebenSmittelteuerung und der Getreidesoll.
Auf der Tagesordnung steht die sozialdemokratische Interpellation über die zeitweilige Aufhebung der Getreidezölle, der Zölle auf Futtermittel, sowie des § 11 des Zolltarifs. (Einfuhrschcine.)
Die Interpellation lautet: Beabsichtigen die verbündeten Regierungen, angesichts des durch die Teuerung der LebenSmittel verursachten Notstandes weiter Volkskreise eine Gesetzesvorlage über eine zeitweilige Aufhebung der Getreidezölle und der Zölle auf Futtermittel, sowie des § 11 des Zolltarifgesetzes über die Erteilung von Einfuhrschcinen vorzulegen?.
Abg. Molkenbuhr (Soz.) begründet die Interpellation. Die Löhne der Arbeiter sind gesunken, besonders im Bergbau. Das Brot wird aber immer teurer. Entweder muß die Negierung für billigere LebenSmittel sorgen, oder sie muh den Arbeitern und kleinen Leuten höheren Lohn verschaffen. Schuld an den hohen Getreidepreisen sind der Zolltarif von 1902 und ferner die infolge des Einfuhrscheinsystems gesteigerte Ausfuhr. Die Ausfuhr ist so bedeutend, dah einzelne Gegenden ganz ohne Vorräte sind. Mit den Einfuhrscheinen wird großer Unfug getrieben. Auch finanziell wird daS Reich schwer geschädigt. Auf Kosten der Steuerzahler verkaufen die Agrarier das Getteide im Auslande billiger als im Jnlcmde. Die Be- hauptung, daß Deutschland ein Agrarstaat ist, ist eine fixe Idee. In der Landwirtschaft sind nur 28 Proz. der Vevölke- runa beschäftigt, im Handel, in der Jndusttie und im Verkehr aber 66 Proz. Trotzdem wird Deutschland vom Bund der Landwirte beherrscht. Wenn sich die Regierung nicht zum willenlosen Werkzeug der Führer des Bundes der Landwirte machen lassen will, muß sie den Reichstag auflüsen mit der Parole: Gegen die Agrarier, die das deutsche Volk aushungern wollen. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Staatssekretär de? Innern von Bethmann-Hollweg:
Die Interpellation verlangt Auskunft wegen zeitweiliger Aufhebung der Getreidezölle, der Zölle auf Futtermittel und der Einfuhrschcine. Ich nehme den letzten Punkt vorweg. Wir haben uns über die E i n f u h r s ch e i n c am 22. April d. I. hier eingehend unterhalten. Der Reichstag hat beschlosien, die Angelegenheit der Budgetkommission zu überweisen. Die Budgetkommission hat die Sache beraten, die Frage in überwiegender Majorität als noch nicht geklärt angesehen und den Beschluß gefaßt, dem Plenum vorzuschlagen, die Regierung um die Vorlage einer Denkschrift zu bitten. Falls da? Plenum in diesem Sinne beschließen sollte, wird die Reichsregierung — das kann ich schon heute erklären — gern bereit sein, dem Wunsche auf Vorlegung einer Denkschrift nachzukomwen. Ich komme zu den Zöllen. Wer die parlamentarische Geschichte der letzten Jahrzehnte überblickt, der weiß, daß diese Interpellation wiederzukehren pflegt bei einer höheren oder geringeren Steigerung der .Getreidepreise. Und jedesmal wiederholt sich das alte Spiel. Die grundsätzlichen Gegner unserer Wirtschaftspolitik greifen aus grundsätzlichen Erwägungen unsere Wirtschafts, und Zoll- politrk an. Und auf der anderen Seite haben die Verteidiger, die Vertreter unserer Wirtschaftspolitik genau in derselben Weise mit den grundsätzlichen Erwägungen zu operieren, welche die Mehrheit dieses HauseS und die verbündeten Regierungen veranlaßt haben, die Wirtschaftspolitik einzuführen, unter der wir leben. So bleibt eS für beide Seiten, und ich glaube, daß wir uns, wenn wir unL über diese Frage unterhalten, in sehr vielen Beziehungen wiederholen müßen. Nachdem ich im Herbst 1907 auf Grund einer Interpellation den grundsätzlichen Standpunkt der verbündeten Regierungen zu den aufgeworfenen Fragen vertreten habe, bin ich nicht in der Lage, in grundsätzlicher Beziehung etwas wesentliches dem damals Gesagten hinzuzufügen. Ich kann nur das eine betonen, d i e verbündeten Negierungen werden van den Grundlagen dieser wiederholt und nachdrücklich gebilligten Wirtschaftspolitik nickt ab- weichen. (Bravo rechts.) Unser Zolltarif ist ein einheitliches Ganzes, angepaßt unserem wirtschaft- licken Gesamtkörper. • Man kann aus diesem einheitlichen Ganzen nicht ein einzelnes Stück hcrausnehmen, ohne nickt den ganzen Bau zu gefährden. (Sehr richtig! rechts.) Nun kann ick mich auch nicht davon überzeugen, daß mit der zeitweiligen Aufhebung der Getreidezölle- daß Ziel erreicht würde, daS die Interpellanten anstreben.. In bezug auf-die. gegenwärtige Lage mutz ich^aber
auch sagen, daß cs nicht richtig ist, wie es jetzt wiederholt in den Zeitungen zu lesen ist, wenn man von einer abnormen Höhe unserer Gctrcidepreisc überhaupt spricht. (Sehr richtig! rechts: Hört! Hört! und Zurufe bei den Sozialdemokraten.) Das Hauptbrotgetreide für das deutsche Volk ist der Roggen. Es ist uns möglich gewesen, trotzdem die Bevölkerung gewachsen ist, abgesehen von einem kleinen Betrag, den Bedarf des Inlandes zu produzieren; auck die Qualität des Roggens hat sich autzer- orffcntlidj verbessert dank der besseren Ausbildung der Landwirtschaft. (Sehr richtig! rechts.) Anders als beim Roggen liegen die Verhältnisse beim Weizen. Da gebe ich ohne weiteres zu, daß die Weizenpreise eine abnorme Höhe erreicht haben. Aber die Weizenpreissteigerung ist eine internationale Steigerung, und sie erklärt sich daraus, daß in den letzten beiden Jahren die Welternte an Weizen um über 600 Millionen Tonnen hinter der Ernte der Jahre vorher zurückgeblieben ist. Wenn sich nun auch die Getrcidepreise in den letzten Monaten dauernd aufwärts bewegt haben, so find die Viehpreise doch, abgesehen von Kälbern und Hammeln, zurückgegangen. Die Rindviehpreise sind erheblich niedriger als die Preise des Vorjahres. Gewiß, unser Leben ist teurer geworden, und mit den Interpellanten beklage ich es auf das tiefste, daß diese, Zunahme der Kosten für daL tägliche Leben in einem Moment erfolgt, wo unsere industrie- ellen Verhältnisse schwer zurückgegangen sind. Aber daS kann die verbündeten Regierungen nicht veranlassen, unter Abweichung von allen Grundlagen unserer Wirtschaftspolitik Experimente mit einem Mittel zu machen, das sie nicht für richtig halten. Die verbündeten Regierungen halten deshalb im wohlverstandenen Interesse des ganzen Volke? fest an der Wirtschaftspolitik, die sie unter Zustimmung der Majorität des Reichstages bisher befolgt haben. (Lebhafter Beifall rechts und im Zentrum.)
Auf Antrag des Abg. Singer (Soz.) wird die Besprechung der Interpellation beschlosien.
Abg. Dr. Pieper (Zentr.)':
Wir stehen in der angeregten Frage auf demscLen .Standpunkt, den wir beim Abschluß der jüngsten Handelsverträge eingenommen haben. Ein mäßiger Schutzzoll ist im Interesse der Landwirtschaft notwendig. Der Weltmarkt weist in den letzten Jahren einen ungünstigen Stano auf, daher kommen die anormalen Weizenpreise, um die es sich bei der Teuerung vornehmlich handelt. Durch eine zeitweilige Aufhebung der Getreidezölle würde aber die Teuerung keineswegs behoben werden. Wir verkennen den Ernst der Lage nicht. Die Erörterung der anormalen Verhältnisse ist notwendig. Zum Einschreiten liegt aber augenblicklich noch kein Anlaß vor.
Abg. Dr. Arendt (Rp.):
Wir haben keinen Grund und Anlaß, in eine Revision unserer bisherigen Stellung zu den landwirtschaftlichen Schutzzöllen einzutreten. Wir sino der Meinung, daß gerade der gegenwärtige Augenblick am wenigsten geeignet ist, um mit der Maßregel eine Suspension der Getreidezölle vorzugehen. Die Anschauungen, die der Staatssekretär ausgesprochen hat, decken sich so vollkommen mit denen, welche wir vertreten, daß ich von allen weiteren sachlichen Ausführungen absehen kann. Würden wir jetzt, wo die Ernte bevorsteht, eine Aufhebung der Getreidezölle vornehmen, so würde die Wirkung nur die sein, daß, wie auch immer die Ernte ausfallen würde, lediglich eine billige Spekulation entfesselt würde, die wohl den Zwischenhändlern zugute kommen würde, aber nicht den Konsumenten. Man muß doch beherzigen, daß die gegenwärtigen Getreide-, ins- besondere Weizenpreise keine natürlichen, sondern künstliche und spekulative sind. Würden in Deutschland die Getreidezölle suspendiert werden, so würde auf dem Weltmarkt eine Preissteigerung eintreten, die den deutschen Kmrsumenten um die Früchte einer solchen Maßnahme bringen würde. Auch die deutschen Produzenten und die Reichssinanzen würden darunter schwer zu leiden haben. Auch ich lehne keinesfalls ab, daß Umstände ein- treten könnten, unter denen eine Suspension angebracht sein könnte. DaS könnte aber niemals vor einer Ernte, sondern immer erst nachher geschehen, wenn ein wirklicher Notstand hervortreten würde. Keinesfalls kann man aber die Dinge im Handumdrehen durch eine Interpellation aus der Welt schaffen. Der Zolltarif hat sich gerade in bezug auf die Landwirtschaft durchaus gut be- währt. Wir halten daher daran fest, daß der Schutz, der der Landwirtschaft zugute gekommen ist, und der sie gefestigt hat, in der heutigen wirtschaftlichen Krisis eine Stütze für die gesamte Volkswirtschaft ist, so daß wir daran nicht rütteln wollen. Wir stehen daher der Interpellation so ablehnend wie nur möglich gegenüber. (Beifall rechts.)
Abg. Kaempf (Fr. Vp.):
Schon im November 1907 wurde vom Regierungstische gesagt, die hohen Lebensmittelpreise seien nur eine vorübergehende Er- fdjeinung. Jetzt haben wir Juni 1909, und noch währt die ^vor
übergehende Erscheinung"! Roggen bat heute einen Preis von 195 Mk., obwohl wir eine Roggenernte gehabt haben, wie ivobl kaum je zuvor. Mit dem Trost, es wird schon wieder besser werden, ist dem Volke nicht geholfen.
Abg. Graf Schwerin-Löwitz (Kons.):
Gewiß haben die Weizenpreise eine unerwünschte Höhe erreicht, aber daran sind die Landwirte nicht schuld. (Oho! links.) Wir fordern keine exorbitanten Preise, wir wollen nur einen mittleren mäßigen Preis, der den Landwirten das Auskommen ermöglicht. Viel Schuld trägt der Getreidehand c l. Die LebcnS- mittelpreife sind gestiegen, gewiß, aber die Arbeitslöhne nock in viel höherem Maße. Der Arbeiter leidet also keinen Schaden. Die Differenz zwischen Arbeitsverdienst und Brotpreisen muß doch günstiger bei uns sein, als in anderen Ländern, sonst würden nickt soviel ausländische Arbeiter inS Land kommen. Den Vorschlägen der Interpellation stehen wir völlig ablehnend gegenüber. (Beifall rechts.)
Abg. Dr. Paesche (Natl.):
Vor zwei Jahren haben wir über eine Interpellation gleichen Inhalts verhandelt. Die Stellung der Parteien hat sich seitdem nicht verändert. Auch ich kann im Namen meiner politischen Freunde erklären, daß wir an unserer grundsätzlichen Auffassung über die Wirtschaftspolitik beS Reiche? nichts ändern werden, daß wir auch nach wie vor bereit sind, — für die Wirtschafts. Politik, die wir mitgemacht haben, einzutreten, und daß toir eS nicht für zweckmäßig halten, jetzt eine Aenderung der Getreide- zölle vorzunehmen. Auch an dem Einfuhrsystem wollen wir durchaus nicht rütteln. (Unter großer Heiterkeit des Hause» beglückwünscht Dr. Hahn den Redner herzlichst.)
Dbg. Fcgtcc (Fr. Vg.):
Ich hoffe, daß mir die Ehre dieses innigen Händedruckes nicht zuteil wird. (Heiterkeit.) DaS Hereinströmen fremder Ar- beiter ist kein gutes Zcickcn für unsere Wirtschaftspolitik Be- zahlen Sie doch die deutschen Arbeiter bester, bann brauchen Sie keine fremden. Die Einfuhrschrine sind nur Ausfuhrprämien, lieber kurz oder lang wird der Volksunwillc dock die Getreidezölle toegfegen. Auf Knall und Fall wollen wir diese Zölle nicht aufheben, allmählich aber sollten sie abgebaut werden.
Abg. Kulerski (Pole), spricht im Sinne der Interpellation.
Abg. Dr. Südekum (Soz.)': *
Wo ist Fürst Bülow? Er müßte heute hier sein, toenn er nicht etwa schon ein Kanzler auf Abbruch ist. wenn er nicht weidwund ist. ^Heiterkeit.) Sein Fehlen ist eine Pflicht' Vergessenheit, die geeignet ist, seinen staatsmännischen Ruf bis auf den letzten Rest zu vcrnicktcn, wenn nach den letzten Ereignissen noch etwas davon übrig geblieben ist. (Sehr richtig! links.) Herr von Bethmann tat sich als Konsequenzenmacher aus, er, der Vertreter einer Regierung, die jetzt jede Konsequenz hat vermisten lasten, als es sicq um einen Kampf gegen die Junker handelte. Pie Polen haben ihre Sympathie für unsere Inter- pcllation ausgesprochen. Das wundert uns, denn die polnischen Herren finb ja auf dem besten .Wege, Regierunas Partei zu werden. (Sehr richtig! links.) Tie Agrarier sind schuld an der Not des Volkes, an der hoben Kindersterblichkeit. Sie treiben bethlchemitischcn Kindermord. Ihre Politik ist ein Verbrechen am Volk. (Beifall links.)
Abg. Dr. Heim (Zentr.) spricht sich für die Einfuhr scheine aus, die als Regulatoren zwischen Einfuhr und wirklichem Bedarf notwendig seien. Im Verkehr Bayerns mit der Schweiz Haven sie sich durchaus bewährt. An der allgemeinen Preissteigerung ist die Landwirtschaft unbeteiligt. Die Roggenproduktion ist erheblich gestiegen, seit 1902 um 1 Mill. Doppelzentner, die Weizenprodmncw um Million. Die 2Tuf- hebung der Zölle wäre nur ein Millionengeschenk an die Händler. Ich brauche die Junker nicht zu verteidigen, das besorgen sic selbst, sie haben auch ihren Hahn, der kräht (Heiterkeit), aber die Landwirte sind doch nicht lauter Junker. (Sehr richtigN Wegen der 24 000 Junker rennen Sie auch immer die 5VS Millionen Bauern um. Die Interpellation ist ganz unangebracht.
Das Haus vertagt sich.
Persönlich erklärt Abg. Dr. Hahn (Kons), daß er nickt der Vorkämvser der Junker, sondern der Bauern sei. (Lachen lmtS.) Er stimme als Niedersachse mit dem Bajuvaren Dr. Heim in vielem überein. Niedersachsen und Bayern seien ja auch die am wenigsten verbrauchten deutschen Stämme. (Lachen.) Ter Redner weist die Angriffe des Abg. Fegter zurück.
Donnerstag 1 Uhr: Die Äonsumstcuern der Finanzrcform.
Schluß gegen 7 Uhr.
Provinzial-Ausschuk der Provinz Oberheffcn.
Gießen, 30. Juni.
Auf Grund eines gegen einen Schutzmann wegen verschiedener schwerer Dienstverfehlungen eingeleiteten Tiszip'tinarver- fahrens erkannte die Stadtverordneten-Bersammlung auf besten Dienstentlassung ohne Pensionsgewährung. Gegen den fraglichen Beschluß war Rekurs an den Kreisausschuß des Krestes Gictzen eingelegt worden, der aber als gänzlich unbegründet zuruck- gewieseil wurde. Auch der Provinzial-Ausschutz wies heute den an ihn verfolgten Rekurs kostenfällig ab.
Der Kreis Büdingen l>at an der Straße von Ranstadt nach dem Bahnhof eine Baumpflanzung angelegt die von dem Wirt Otto Ruppel als störend empfunden wurde. Er bat deshalb in einem an den Provinzial-Ausschuß gerichteten Schriftsatz, daß dieser Abhülse schaffen möge. Aus Antrag des öertretc::- von Ruppel wurde in der heutigen Sitzung beschlossen, die Beschlußfassung vorerst auszufetzen.
Vermischtes.
"StreikendeStu deuten, lieber die ungenügenden Raumoerhältnisse im Kgl. Zahnärztlichen Institut in München wurde schon seit Jahren von den Studierenden lebhafte Klage geführt. Auf eindringliche Vorstellungen hin wurde vor einigen Jahren zwar im Hof ein Barackenbau errichtet, der aber dadurch, das; der Unterricht nunmehr in zwei Lokalen stattfand, störend auf daS Studium wirkte. Seitens de? zuständigen Ministeriums wurde nun allerdings dem Institutsleiter ein neuer Bau in Ausncht gestellt, die Inangriffnahme dieses Baues ist aber bisher nicht erfolgt. Um nun die Sache endlich zum Austrag zu bringen, haben die Studenten als äußerstes Mittel zum — Streik gegriffen, indem sie erklärten, in diesen vollständig unzureichenden Räumen, in denen auch u. a. zu wenig Plombierstühle vorhanden sind, nicht mehr zum Studium zu erscheinen; sie sind gestern in den Ausstand getreten.
* Die ^gestrigen Brüsseler Morgenblättcr veröffentlichen eknen Langen Bericht über das belgische lenkbare Luftschiff „BÄgigne", dessen erste Versuchsfahrt gestern
abend bei Boitshort erfolgte. Das Luftschiff ist von öerrn Goldschmidt unter Mitwirkung des fra.izösstchen Luftschissers Gerard gebaut. Es ist mit zwei Motoren von je 60 Pferdestärken ausgestattel und Tann 1000 Kg. Benzin und Ballast "milnehmen. An Bord befanden sich gestern 4 Personen. Das Luftschiff machte einige Schwenkungen und fuhr mit Erfolg gegen den Wind. Die erzielte Geschwindigkeit war 31 Kilometer in der Stunde, doch könnte diese Geschwindigkeit mit Leichtigkeit auf 40 Kilometer ausgedehnt werden. Die Rückkehr in die Halle erfolgte glatt, ohne die geringsten Schwierigkeiten. Die Versuchsfahrten hterben weiter fortgesetzt. Herr Goldschmidt reift heute nach Berlin ab, da er an der dortigen Universität ein Laboratorium für Elektrotechnik leitet.
Kleine Tageschronik.
Der Vorstand der Buderusschen Eisenwerke in Wetzlar hat laut Kl. Presse in seiner Generalversammlung beschlossen, im laufenden Jahre als Belohnung für seine Arbeiter 40 000 Mk. zu Weihnachten zu verteilen.
Ein großer Brand brach vorgestern abend gegen 9 Uhr in der Rolladen- nnb Jalousie-F'abrik von Beißbart und doffmann in Mannheim aus. Die Feuerwehr konnte sich nur auf die Rettung der benachbarten Häuser beschränken. Die Fabrik ist völlig niedergebrannt. Der Schaden beträgt über 100 000 Mk.
Während ein Möbelwagen aus dem Wege von Neu- Breisach nach Colmar durch das Neu-Breifacher Festungstor fahren wollte, kamen von der entgegengesetzten Richtung Schulkinder mit ihrem Lehrer, die auf einem Ausfluge begriffen waren. Füist Knaben versuchten, zwischen dein Wagen und dem eisernen Tor hindurch zu kommen. Zwei von ihnen gelang es noch rechtzeitig zur Seite zu springen, die drei anderen wurden vor den Augen des entsetzten Lehrers zu Tode gequetscht.
Der Brand in den Trümmern Messinas nahm in kurzer Zeit eine gewaltige Ausdehnung an. Schon '.rach zwei Stunden ftand ein großer Teil des Ruinenfeldes in Flammen und die Gefahr ist noch nicht ausgeschlossen, daß das Feuer auch die Holzhütten, in denen die gerettete Bevölkerimg wohnt, ergreift. Es fehlt fast vollständig an Löschmitteln. sJcur mit großer Mühe konnte durch die mutig arbeitenden Truppen ein einziger Spritzenschlauch in Betrieb gesetzt werden.
Bei 0er Rückkehr von einer Walliahrt nach Ehioggia schlug eine Barke mit 12 Personen um- Fünf Mädchen sanden in den
Wellen ihren Tod. Die Bootönuümer waren sämtlich an - getrunken und hatten während der Uebertohrt gescherzt.
Märkte.
ss Kirchhain, 80. Juni. Auf dem heutigen Rindermarkt, dem etwa 150 Kühe, Rinder und Kälber zugesührt waren, zeigten die Preise einen kleinen Rückgang. Bei dem Schweine- markt hingegen behaiivlelen sich Die seitherigen Preist. Ferkel kosteten 40—60 Mk., Lauser 90—120 Mk. das Paar. Tie Zufuhr betrug 450 Stück.
ke. Wiesbaden, 30. Juni. V i e h m a r k t. Zrim Berkaus standen: 39 Ochsen, 86 Kühe, 421 Schweine, 600 Kälber (Darunter 273 Aiaslkälber, 327 Landkälber), 57 Hännnel und Schafe. Bezahlt wurde für 50 Kilogramm Schlachtgewicht: Lchscn 1. CLual. 76,00-80,00 Ml., 2. Qual. 74,00—76,00 Mk., Kühe 1. Qualität 66,00-68,00 Mk., 2. Qual. 00,00—00,00 Ml. Bezahlt wurde für 1 Kilogr. Schlachtgewicht: Schweine, vollfteischige, 1,38—1,40 Mk., Sauen 0,00-0,00 Mk., Eber 0,00-0,00 Mk.: Kalber: Masttälber 1,88—1,94 M., LanDkälber 1.48—1.58 Akk.: Hammel und Schaie 1,46 bis 1,54 Mk. — Rinder notierten: 00—00 Alk., Ferkel das Stück: 00—00 Mk. Tie Zufuhren flammten aus Der Provinz Hannover, den Kreisen Limburg, Ober- und Untertaunus.
Limburg a. d. Lahn, 30. Juni. Fruchtmarkl. Durch- schniltspreis pro Malter. Roter Weizen (nassainscher) 21,90 Mk., weißer Weizen (angebante Frewdsorten) 00,00 Alk., Korn 14,90 Mk., Gerste: Fnttergerste 00,00 Mk., Bra na erste 0,00—00 Akk., Hafer 10.10—0.00 Mk.', Erbsen 0,00 Akk., Kartoffeln 8,50-0,00 Akk.
Meteorologische Beobttchtnrrgen
her Station Gießen.
Juni Juli 1909
Baronicler aut 0v reduziert
Temperatur der Luft
Absolute Feuchtigkeit
Relative
Feuchtigkeit
Windrichtung
Windstärke
Wette
30.
2”
740,7
14,4
11,7
96
WSW
2
Regen
30.
9’s
742,5
13,7
9,9
86
NW
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