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Drittes Blatt
Nr. 101
159. Jahrgang
Lttcheinl ISgNch mit AuSnahm« des SomüagS.
Dre ..«ietzener LamiNrn'^tter" werde« dem .Anzeiger^ viermal reöthenikt) beigelegt, das „Kretsbtott für dev Hrds Liehen- zwttmat wöchentlich. Di« „LaAdwirlfchastlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhesien
Samstag L. Mai 1909
Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen Unwersiläls - Buch- und Steindruckerei.
R. Lang«, Gießen.
Redaktion, Expedition und 3)ruderet: Schulstraße 7. Expedition und Bering: e=a§^5L Redaktion:S-^112. Tel.-Adr.:AnzetgerGießen.
vor den badischen Landtagrwahlen.
SWK. Ob der Block im Reiche biet parteitaktische Kombination -wischen Konservativen und Liberalen noch über den Sommer halten wird, ist durchaus ungewiß, denn die preußijckMt Konservativen scheinen entschlossen zu sein, der Regierung bei der Reichs- finanzreform bis zum äußersten Widerstand leisten zu ivvllen. In Baden aber, das bisher ein solches Parteigebilde nicht kannte, drängt die Entwicklung auf Bildung eines konservativ-liberalen Blockes, und während im Reich der Versuch gemacht wird, liberale Forderungen zunt kleinen Teil wenigstens in die Gesetzgebung einzufiihren, erleben wir in Baden die umgekehrte Entwicklung, nämlich tue, daß in dem seit fünfzig Jahren liberal regierten Lande die konservativen Kräfte sich sammeln. Seit der Niederlage des Zentrums im Jahre 1905 ist dieser Vorgang deutlich zu beobachten. Freilich hatte schon damals der äußerst gewandte Zentrumsführer, Geistl. Rat Wacker, versucht, die Majorität in der Zweiten Kammer unter der Fahne des» Zentrums zu samincln; Mein es war den Gegnern noch einmal gelungen, dies ab-uwenden. Diese hätten damals allerdings zu einem waUtaktischen Mittel greifen müssen, das die Billigung des verstorbenen Großherzogs nientals gefunden hätte. Es mar deshalb kein Wunder, daß es der Zentrums presse gelang, den sogenanrrten Großblock, d. h. das Stichwahlabkonrmen zwischen den vereinigten Liberalen und den Sozialdemokraten als eine Schande sowohl für die Regierung wie für die National liberalen hinzustellen. Der erste Erfolg dieser Anschwärzungspolitik war, daß der ungemein tüchtige Minister des Innern Dr. Schenkel, der fteilich seines sarkastischen Wesens wegen oben niemals gut angeschrieben war, gehen mußte. Mit dem Antritt des Ministers v. Bodman, der zwar früher nationalliberaler Kandidat war, der Gesinnung nach aber ein konservativer Mann ist, und mit dem Regierungsantritt des jetzigen preußischer denkenden Großherzogs war die Rechtsschwenkung in der badischen Politik, soweit die Regierung in Betracht kommt, vollzogen. Sie wurde alsbald auch in der nationalliberalen Partei vorgenommen und drückte sich in einem Wechsel der Führer schäft aus. Dr. Binz, der das Großblockabkommen zustande gebracht hatte, trat zurück und an seine Stelle kam Dr. Obkircher, der gelegentlich geäußert hat, die nationalliberale Partei müsse aus die Haltung der Regierung entsprechende Rücksicht nehmen. Es ist nicht zu verkennen, daß diese veränderte Haltung auch durch Vorgänge innerhalb der Partei vorbereitet und in gewissem Sinne gerechtfertigt wurde. Es hat unter den Nationalliberalen immer eine große Gruppe gegeben, die mit der wahltaktischen Annäherung an die Sozialdenwkraten nicht zusrieden war und die auch vielsach energische publizistische Vertretung fand. Es ist durchaus kein Geheimnis, daß insbesondere der Reichstagsabgeordnete Basser- mann zu dieser Gruppe gehört. Als dann die sogenannten Block- ivahlcn im Reiche stattgefunden hatten, erhielten die mehr konservativen Besttebungen in der nationalliberalen Partei wieder da- -itrch neue Nahrung. Dies führte fchon im vorigen Jahre zu einer lebhaften Polemik zwischen nationalliberalen und linksliberalen Blättern. Daß für die nationalliberale Parte: die Gefahr der Absplitterung vom rechten Flügel nicht gering war, hat sich vor kurzem insbesondere darin gezeigt, daß eine evangelisch kirchliche Bewegung unter Führung des Pfarrers Karl in Freiburg als Gegnerin der nationalliberalen Partei ausgetreten ist, obwohl diese ganz ofseitsichtlich ihre Rechtsschwenkung bereits vollzogen hatte. Diese Rechtsschwenkung hatte aber auch im Verhältnis der Nationalliberalen zu den Linksliberalen unangenehme Folgen. An diesem sachlichen Gegensatz ist im letzten Grunde die Erneuerung des liberalen Blockabkormnens gescheitert, obwohl sich der Streit formell um die Besetzung der Wahlkreise drehte. An seine Stelle ist nun ein Teilabtommen über einzelne Wahlkreise getreten, das zwar etwas mehr als nichts ist, aber doch keine einheitliche Wahl arbeit gestattet. Es scheint eben zu den wesentlichen Merkmalen des deutschen Liberalismus zu gehören, daß er uneins ist, wo große Dinge aus dem Spiele stehen. Tas Zentrum ist sehr ftegesgewiß, denn es ist auf die Herbstwahl vortrefflich vorbereitet. Dasselbe ist von der Sozialdemokratie zu sagen. Trotzdem die National liberalen dem Wunsche der Regierung entgegenkommend, eine Sammlung der konservativen Kräste angestrebt haben, wird es doch nicht zu einer Parteikombination kommen, die dem Block des Reiches ähnlich wäre. Die badischen Konservativen, die in letzter Zeit große Anstrengungen machen, befinden sich im Schlepp- nm des Zentrums, und wenn sie Erfolge erlangen, so werden sie sie der klerikalen Partei zu verdanken haben. Der Erfolg der Politik der Regierung und Nationalliberalen wird also sich parla- «mentarisch höchstwahrscheinlich in einer konservativ-klerikalen Ma- •joritnt und nicht in einer konservativ-liberalen Paarung ausdrücken. 'Es mag sein, daß die Herren Bodman und Obkircher diesen Block jur später ins Auge gefaßt haben und' daß sie sich mit der unangenehmen Konstellation des Ueberganges zu diesem Ziele zufrieden geben Es ist aber sehr wahrscheinlich, dag sie sich m b:e|er -Politik täuschen werden, denn man weiß aus den Erfahrungen im Reich und insbesondere auch in Bayern, daß, wo das Zentrum die Majcht erlangt hat, es nicht so bald aus den Händen gibt. Ls ist also im badischen Musterlande im Herbste dieses Jahres, Denn nicht besondere Umstände emtreten, ein Umschwung der Politik zu erwarten, die während fünfzig Jahre, immerhin wrt- chrittlich gewesen ist und von der man nicht weiß, ob sie es noch in irgend einem Sinne sein! wird.
vörsert - W ochen bericht.
= Fran kfurt a. M., 30. April.
Die seit Wochen an der Börse zu beobachtende Neigung zur Hausse ist in den letzten acht Tagen verstärkt hervor- getreten. Nachdem die Ultimoregulierung vorüber und mit dem Thronwechsel in der Türkei die Politik wieder ausgeschaltet war, setzte sich die Aufwärtsbewegung in raschem Tempo fort. Eine wesentliche Stütze bot dabei die G e l d fl ü s s i g ke i t, bei uns namentlich die Erwartung, daß die Reichsbank nun bald sich entschließen werde, eine Herabsetzung ihrer Nate auf 3 Prozent vorzunehmen. Mancherseils hatte man eine solche Maßnahme schon für diese Woche erwartet, zumal der Status eine weitere Kräftigung erkennen ließ, mit Rücksicht auf Ultimo hat die Lei- cung der Bank jedoch vorerst von einer Disbontermäßigung Abstand genommen. Mitbestimmend dafür mag aber auch die Durchführung der schwebenden Anleihetransaktion des Reiches und Preußens gemeßen sein. Wenn auch die Bestände an Schatzanweisungen, die die Reichsbank besitzt, sich nach Ausgabe der neuen Anleihen verringern werden, so wird doch abzuwarten sein, wie weit von den Zeichnern der Anleihe die Reichsbank in Anspruch genommen werden wird. Die bevorstehende Zeichnung bot der Börse insofern auch eine Anregung, als inan im Hinblick auf die erfolgreiche Abwickelung dieses Anleihegeschäftes für die nächste Zeit auf „günstiges Börsenwetter" glaubt rechnen zu dürfen. Mit der Auflegung von 3Vs Proz. und 4 pvoz. Titres scheint man das richtige getroffen zu haben, Denn die bisherigen Anmeldungen aus Kapitalistenkreisen lassen einen lebbasten Begehr beider Typen erkennen. Außer Sperrstücken sollen auch große Beträge von Schuldbucheintragungen zur Zeichnung gelangen, wozu der um */< Prozent ermäßigte Preis und die Aussicht auf volle Zuteilung den Anreiz bietet. Mehr als für festverzinsliche Anlagewerte interessiert sich das Privatpublikum wieder für I n du st r i e pa p ie r e , die in dieser Woche ansehnliche Kursbesserungcn erzielten. An Anregungen aus Viesern Gebiete hat es nicht gefehlt, wenigstens war man bemüht, alle günstigen Momente ins Treffen zu fuhren. Für Montan- werte, in denen lebhafte Umsätze stattsanden, wirkten namentlich die aus der amerikanischen und heimischen Eisenindustrie vorliegenden Meldungen stimulierend, indem sie die Hoffnung auf eine Wiederbelebung der Industrie bestärkten. Einen günstigen Eindruck machte der Quartalsausweis des Stahltrusts, her gegen Den gleichen Zeitraum des Vorjahres einen ansehnlichen Mehrgewinn erkennen ließ. Auch der Austragsbestanb wurde als be friedigend erachtet. Weitere Anregung gab das Anziehen der Roheisen- und Stahlpreise in Amerika und Luxemburg. Die türmische Aufwärtsbewegung, die sich infolge dieser Meldungen am Montanmarkte vollzog, steht allerdings noch sehr im Wider spruch mit der Lage der Industrie, die immer noch als prekär bezeichnet werden muß. Man darf nicht übersehen, daß die Werke vielfach noch mit Verlusten arbeiten und daß es einer sehr erheblichen Besserung der Konjunktur bedarf, wenn die Ge- sellschasten, die in diesem Jahre fast durchweg sehr unbefriedigende Abschlüsse vorlegen werden, wieder eine Rentabilität erreichen sollen, die den Aktienkursen auch nur einigermaßen entspricht. Deutsch-Luxemburger erfuhren in diesem Monat eine Kurssteigerung von über 30 Prozent, was allerdings zum Teil mit dem in die Enge getriebenen Deckungsbedürsnis begründet werden kann. Lebbaste Kauflust zeigte sich wieder für Elektrizitätswerte, Brauerei Aktien und die Aktien chemischer Fabriken, Albert stiegen 25 Prozent, Kunstseide 30 Prozent. Banken und Bahnen lagen cnhiger, doch vorwiegend fest, ebenso Schiffahrtsaktien nuj die günstigeren Aussichten im internationalen Verkehr. Heimische und fremde Fonds sind weniger verändert. Privatdiskont 2 Prozent.
— Deutsche O st a f r i k a - L i n i e. Die Hauptversammlung genehmigte den Jahresabschluß und Verteilung von 3 Proz. Divi» vende. Der Vorsitzende bezeichnete die Aussichten als recht günstig und hofft auf ein noch günstigeres Ergebnis als im Vorjahre.
— Auswanderungsverkehr. Aus Hamb u r g wird gemeldet, daß die Auswanderung, im April relativ geringer ist als in den ersten drei Monaten, was dem Tazwischenfallen des Osterfestes zugeschrieben ivirb.
Lainittstt-NachrLchten.
Geburten: Herrn Geometer 1. Klasse Ploch und Frau in Bingen eine Tochter.
Verlobte: Fräulein Kätchen Knierim mit Herrn Georg Müller, beide in Alsseld. — Fräulein Katharine Herbst in Kirtorf mit Herrn Ernst Herbst in Maar.
Vermählte: Herr Manfred W. Seriba mit Fräulein Marie Seht in Mainz.
Gestorbene: Herr Louis Schmidt in Butzbach. — Frau Christine Bill. geb. Haub, Frau Christina Krausgrill, geb. Schimpf, beide in Nieder-Weijel. — Herr August Grünewald in Bad Nauheim. — Herr Jakob Greiner in Friedberg. — Frau Katharine Schmidt, geb. Reuter, in Büdingen. — Frau Emma Möller, geb. Neus, in Lauterbach. — Frau Katharina Grünewald, geb. Hain- buch, in Brauerschmend. — Herr Georg Gerbig in Schlitz. — Fräulein Anna Vogt in Darmstadt. — Herr Hermann Becker in Naunheim. — Herr Peter Wenzel in Nauborn. — Herr Christian Fritz in Friedelhansen.
Die nach- 1 ««7^ sind am Sonntag, 2. Hai, nur von Klebenden v 1 Zj l ö 12 Uhr mittags bis 12 1 hr nachts für dringende Fälle sicher anzutreffen : [D’/s
Dr. SEey erhoff, Süd-Aal. 7.— Dr.Sch!iephake,Goethestr.44.
Dr.. Wagner, West-Anlage 49.
Sonntag, 2. Mal von nachm.
4 Uhr bis 9 Uhr abends nur geöffnet: N^86^3»0W6K6.
Giessen, den 1. Mai 1909. 5
Grossh. Polizeiamt. Reinhart. BVs
Auszug a. ö. Standesamtsregiftern der Stabt Sieden.
Aufgebote.
April. 24. Dr. Eduard Lautelme, Lehramtsassessor in Langen, mit Anna Plank in Gießen. 24. Karl Ott, Diplom-Ingenieur in Völklmgen, mit Emma Loos in Gießen. 26. Julius Jockel, Fuhr- knecht, mit Elisabeth Amend, beide in Gießen. 26. Georg Hiemeuz, Großh. Oberförster in Ullersdorf, mit Elisabeth Joseph in Gießen. .6. Heinrich Jasper, Schneider, mit Martha Smierzchalsky, beide in Gießen. 27. Konrad Nau, Dienstknecht in Gießen, mit Anna Görlach in Lang-Göns. 28. Friedrich Noll, Dachdeckermelster, mit Elisabeths Bechihold, beide in Gießen. 29. Ludwig Herbert, Kaufmann in Gießen, mit Margarete Strauch in Gelnhausen.
Eheschließungen.
Avril. 24. Wilhelm Tuou, Schuhmacher, mit Klara Philivpine Cappeller, geb. Zimmerschied, beide in Gießen. 24. Heinrich Euler, Prediger an der Baptistengemeinde in Gießen, mit Elisabeth Holdinghausen in Eiserfeld. 24. Franz Martin, Fahrkartenausgeber, mit Luise Heck, beide in Gießen. 24. Ludwig Bourgeois, Bergwerksbeamter, mit Anna Geisse, beide in Gießen. 30. Dr. Franz Schulte, Frauenarzt in Duisburg, mit Antonie May in Gießen.^
Geborene.
April. 20. Dem Bureangehil'en Wilhelm Schneidmüller eine Tochter, Marie Auguste. 21. Dem ZWeißbindermeister Philipp Bauer ein Sohn, Edmund. 21. Dem Schlosser Heinrich Muth ein Lohn. 22. Dem Fabrikarbeiter Philipp Weigel ein Sohn, Philipp. 23. Dem Sergeanten Otto Hermann Pretzsch ein Sohn, Herman.i Erich. 23. Dein Bauschreiber Joseph Herbert eine Tochter, Gertrud Karola. 23. Dem Knecht Friedrich Jeschke ein Sohn, Paul Heinrich. 23. Dem Kaufmann August Ludwig Hauck ein Sohn, Erwin Friedrich Hermann Karl. 23. Dem Fuhrunternehmer Innoceiiz Krack eine Tochter, Elisabeth. 24. Dem Schlossermeister Georg Euler eine Tochter. 24. Dem Rechtsanwalt Ludwig Raab eine Lachter, Edeltraut. 24. Dem Postboten Johannes Müller eine Tochter, Margarete Berta. 25. Dem Lokomotivheizer Heinrich 5c()mitt ein Sohn, Heinrich. 25. Dem Vizefeldwebel Karl Schwab ein Sohn. 28. Dem Müller Johann Martin Roller ein Sohn, Johann Martin.
Gestorbene.
April. 24. Karl Steuernagel, Oekonomie-Verwalter, 57 Jahre alt, Licher Straße 74. 25. Johannes Becker, Schmiedemeister,
■i6 Jahre alt, Liebigstraße 77. 26. Marie Maus, 20 Jahre alt, Bahnhofstraße 27. 28. Christine Dreher, geb. Briel, 61 Jahre alt, Frankfurter Straße 62. 28. Emil Beil, Schreinermeister, 67 Jahre alt, Hammstraße 8. 23. Minna Büttner, 35 Jahre alt, Aster- iveg 54.
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