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Nr. 87 Erstes Blatt ISS.Jahrgairg Donnerstag 15. April 1909
Der Oletzener «nzttger _ Be»uaSvretS
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(Dienstag und Freitag); MM Wl MjL W M WL « « W& H M & W vÄ W Ü-) Lj «T W jährl. ausschl. Bestellg.
General-Anzeiger für Oberhessen MM
Annahme von Anzeigen V i I Vf u. Land" und „Genchts-
bis DormW«^"Tut," notationsörud unö Verlag btt vrSheschen lhtio.=Be*. an» Sfemötudtref R. rang«. RtOttftion, trpeöttion und vruckerei: kchulstrahe 7. Nci'g°ntZ?^B-L
Vie neue hessische wahlrechisvorlage.
Die in der Thronrede angekündigte neue Wahlrechtsvorlage ist den beiden .Kammern angegangen; sie enthält, roie die Vorlage des vorigen Landtages, Drei Gesetzentwürfe, nämlich: 1. betr. die Abänderung der Artikel 67 und 75 der Verfassungsurkunde des Großherzog- tumS Hessen; 2. betr. die Landstände; 3. bett, die Wahlkreiseinteilung. Unter diesen Vorlagen interessiert natur- zemäß am meisten der erste Gesetzentwurf, da eine Verständigung über diesen die Basis weiterer Verhandlungen über die beiden anderen Gesetzentwürfe bilden wird. Es haben ja auch die Verhandlungen in den Ausschüssen der herben Kammern auf dem vergangenen Landtag lediglich sich auf die Verfassungsänderungen beschränkt.
Die Regierungsvorlage lehnt sich bei dem Gesetzentwurf «bet die Abänderung der Verfassungsurknnde «n den Glässingschen Vorschlag des 33. Landtags an. Die Vorlage bestimmt, wie nach dem gegenwärtig geltenden -Hecht, die Vorlegung des Finanzgesetzes mit Hauptvoran- jschlag an die Zweite Kammer. Zunächst ist wiederum die vertrauliche Besprechung über das Budget zwischen den Ausschüssen beider Kammern vorgesehen, worauf jede Kammer zur selbständigen Beschlußfassung über das Finanz- sh'setz und den Hauptvoranschlag befugt sein folL Die örfte Kammer hat ihrer Beschlußfassung die ihr mitge- ^eilten Beschlüsse der Zweiten Kammer zu Grunde zu legen, nie soll auch berechtigt sein, über einzelne Teile des Haupt- rV oranschlags und des Finanzgesetzes gesondert zu beschließen. -Hefe Bestimmungen sind bereits in der Regierungsvorlage ^es 33. Landtags und dem (Glässingschen Vorschlag enthalten.
Finden die Beschlüsse der Zweiten Kammer zu dem mdget nicht die Billigung der Ersten Kammer, so soll das ssinanzgesetz mit .Hauptvoranschlag zur nochmaligen Bera- mg und Beschlußfassung über die dissentietenden Punkte an die Zweite Kammer zurückgehen. Insoweit nunmehr eine Verständigung noch nicht erzielt ist, soll die Erste tornnter sich nochmals mit den Beschlüssen der Zweiten Kammer befassen müssen. Tritt die Erste Kammer nun- ivieht nicht bett Beschlüssen bei, so sollen, wem: die Zlveite ftammer nicht nachträglich den Beschlüssen der Ersten Kammer zustimmt, die noch nicht durch übereinstimmende Beschlüsse der beiden Kammern erledigten Punkte nach der Beschlußfassung der Zweiten Kammer in das Finanzgesetz eingestellt werden. Dieses so entstandene Finanzgesetz sol! d ann der Ersten Kammer nochmals vorgelegt werden, die nunmehr nur int Ganzen annehmen ober ablehnen kann.
Hierin unterscheidet sich der Regierungsentwurf von c m Glässingschen Vorschlag; die Zahl der Rekommunika- Honen ist begrenzt, während dies in dem Glässinschen Vor» jLlstag nicht der Fall ist. Diese Begrenzung erschien im Qinblick auf die an das Scheitern einer Verständigung beider Summern geknüpften weittragenden rechtlichen Folgen ge Men, da es an einer Instanz fehlt, die bestimmt, wann d-ie Verständigungsversuche als gescheitert zu betrachten sind.
Weiter trifft der Art. 67 Ms. 4 der Regierungsvorlage Bestimmungen bezüglich der Durchstimmung in einer ge ^einsamen Sitzung beider Kammern unter dem Vorsitz des Mäsidenten der Ersten Kammer über das Finanzgesetz, jalls die Erste Kammer das Finanzgesetz in der ihm von d>rr Zweiten Kammer gegebenen Fassung ablehnt. Ent-
fernes Feuilleton.
— Das populärste Tier des Zoologischen Gar- t ins in Fran kfurt a. M., das etwa 9jährige, seit fast 6 Jahren hier lebende Orang-Utau^Weibchen T r u d i, ist nach Icngcm Leiden am Dienstag nachmittag um 2 Uhr verstorben. Cn: Zoologische Garten erleidet damit einen schweren Verlust, den altzuwenden nichts unversucht geblieben ist. Weder die von dem Kiesigen Institut für diätetische und physikalische Behandlung der Herren Dr. Schild und Tr. Bär mit dem transportablen Röntgeu- aioparat rm Garten vorgenommcne Durchleuchtung und Aufnahme, u-xf) die von Herrn Dr. Jassoy angeführte Harnanalyse, mich die lUittersuchung des Kates gaben irgendwelche Anhaltspunkte. Der Kranlheitszustand, der Anfang Januar mit Störungen im Geschlechtsleben des Tieres begann, blieb den Pflegern sowohl wie rachlreichen zu Rate gezogenen anderen Tiergärtnern und Aerzten rätselhaft. Der sonst so gute Appetit ließ mehr und mehr nach irib das kraftstrotzende muskulöse Tier magerte völlig ab. Die Üiirnahrne irgendwelcher Medikamente wurde entschieden verweigert.
> Seit ungefälp: 4 Wochen wußte man, daß jede Hoffnung auf iBttimg ausgeschlossen war und tonnte der armen Kranken nur Balingen Tod wünschen. Die am Dienstag nachmittag in dem
; Mundlichst zur Verfügung gestellten Sezier-Zimmer des Sencken- bi.cgischen Museums durch Herrn Oberarzt Dr. Bette vom Patho- lcigisch-Anatomischen Institut vorgenommenc Obduktion ergab als Todesursache einen geschwnrigen, verschorfenden Dickdarmkatarrh durch den der Wurmfortsatz besonders in Mitleidenschaft gezogen w-rden war. Alle anderen Organe erwiesen sich als durchaus gttfunb. Von Tuberkulose, die sonst säst alle üt Gefangenschaft texiindlichen Menschenaffen hinrafft, war keine Spur festzustellen, cui Umstand, der im Hinblick auf die Käfignachbarn, den munteren MbonLizzi und den prächtigen ausgelassenen Schimpansen August, tetr sich täglich mehr die Gunst des Publikums erwirbt, besonders iu begrüßen ist. Trudis sechsjäl-rige Ausdauer bei der sorg- iöi.tigen Pflege des hiesigen Gartens ist einer der besten je mit L°wng-Utans erzielten Haltungserfolge. Neuere Versuche, die Darauf hinausliefen Orang-Utans zu afflimatifieren, in der Hvff- itung, sie dadurch länger am Leben zu halten, endeten mit Tuber- Euloic und baldigem Tod der Versuchstiere. Der Kadaver Trudis fc in ben Besitz des Offenbaäier Vereins für Naturkunde über- jejangen.
— Ludwig Barnay hat, wie er ans Nionte Carlo tele- mtphisch mitteüt das Ehrenpräsidium der Deutschen Bühnen-Ge- .Msenschast nach 38 jähriger Arbeit für diese Vereinigung nieder- itetegt. Es handelt sich dabei um eine "Anfrage des Herrn Kirch u_ber Debatte bei der Karfreitagssitzung der Bühnengenossenschast, vä! sich jetzt die Mitglieder des Bühnenvereins, die zugleich Ehren- imter in der Genossenschaft bekleiden, zu verhalten gedenken, nachdem „die Genossenschaft nicht mehr für den Bühnenverein existiere". Askanntlich hat Herr Nissen dieier Anfrage gegenüber zu vermitteln versucht. Trotzdem sieht sich Santa!) infolge dieses „Miß- .cMenSvotums" veranlaßt, „nach achtunddreißigjähriger ehrlichen
scheiden soll hier die absolute Stimmenmehrhett; bei Stimmengleichheit soll die Stimme des Präsidenten der Zweiten Kammer den Ausschlag geben.
Diese Durchstimmung will die Regierungsvorlage auch für den Fall feftlegen, wenn eine Kammer von vornherein das Finanzgesetz nebst Hauptvoranschlag im Ganzen ablehnt. Diese Bestimmung, die bereits in der Regierungsvorlage des 33. Landtags enthalten war, entscheidet die insbesondere während des Wahlkampfes des vergangenen Jahres erhobene Streitfrage über die Möglichkeit der Durchstimmung bei Wlehnung des FinanzgesetzeH durch die Zweite Kammer.
Der Art. 7 5 der Vorlage ist der gleiche, wie der Art. 75 der früheren Vorlage. Die Durchstimmung über ein Gesetz soll bei wiederholter Mlehnung durch eine Kammer möglich sein; zur Annahme des Gesetzes besttmmt die Vorlage eine Zweidrittel-Mehrheit der abgegebenen Stimmen.
Der Gesetzentwurf betr. die Landstände unterscheidet sich von der Vorlage des vergangenen Landtags nur durch die Beifügung einer Bestimmung zu Art. 7, die dem Reichsgesetz vom 15. März d. Js. über die Einwirkung von Armenunterstützung auf öffentliche Rechte entspricht. Die Vorlage sieht die Einführung des direkten Wahlrechts vor. Die Erste Kammer soll vermehrt werden um einen Vertreter der Technischen Hochschule in Darmstadt, 2 Vertreter des Handels und der Industrie, 2 Vertreter der Landwirtschaft und einen Vertreter des Handwerks, die durch den Guoßherzog auf die Dauer des Landtags berufen werden.
Die Zweite Kammer soll um 8 Abgeordnete vermehrt werden. Die Vorlage hält das Privileg der kleinen Städte Friedberg,'Alsfeld und Bingen aufrecht, billigt den Städten Darmstadt und Mainz je 3 und den Städten Gießen, Offenbach und Worms je 2 Abgeordnete zu. Aus den übrigen Gemeinden des Landes sollen, statt wie bisher 40, nunmehr 43 Abgeordnete — in jeder Provinz ein Abgeordneter mehr — gewählt werden.
Die Kautelen sind die gleichen, wie in der Vorlage des 33. Landtags. Stimmberechtigt sollen sein die Personen männlichen Geschlechts, die zurzeit der Wahl das 25. Lebensjahr zurückgelegt haben, wenrgstens 3 Jahre im Großherzogtum wohnen, wenigstens seit 3 Jahren die Hess. Staatsangehörigkeit besitzen und die endlich seit Anfang des Rechnungsjahres, in oem die Wahl vorgenommen wird, zu einer direkten Staats- oder Gemeindesteuer herangezogen sind.
Der letzte Gesetzentwurf, die Wahlkreiseinteilung hat sich für die Provinzen Oberhesscn und Rheinhessen bei der Einteilung der Be^ftrke an die Grenze Der Amtsgerichtsbezirke gehalten; bezüglich der Provinz Starkenburg nimmt die Regierungsvorlage Rücksicht auf ?ic von der Zweiten Kammer auf dem 32. Landtag beschlossene Wahlkreiseinteilung.
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Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer nahm heute vormittag seine Beratungen nach den Oster- ,eiertagcn wieder auf, um in erster Linie die verschiedenen im neuen Landtag eingebrachten Nebenbahnvorlagen ztim Abschluß zu bringen.
Arbeit für die Genossenschaft das Amt als Ehrenpräsident niederzulegen. Den anderen Ehrenmitgliedern überlasse ich es, ob sie meinem Beispiel folgen wollen."
— Die Briefmarkensammlung des Reichs- postmuseums ist durch eine interessante Sondersammlung bereichert worden. Sie ist ein Geschenk des Vereins der Briefmarkenfreunde in Riga. Auf einer künstlerisch geschmückten Tafel sind Altdrucke, Neudrucke und Nachdrucke der Briefmarken der „Lokalpost des Wendischen Kreises" vereinigt. Diese Post besteht seit 1862. Die Sammlung enthält Marken davon von 1875 bis 1903. Bis zur letzten Ausgabe sind die Aufschriften der Marken deutsch, dann russisch. , Die älteren 2lusgaben zeigen ein Wappen, die letzten eine Ruine. Außer Briefmarken sind auch „Paken- marken" in der Sammlung enthalten. Diese Sammlung ist bereits im Musertm ausgestellt; sie ist das zweite Geschenk für die Hauptsammlung. Die erste ist vor Jahren von dem griechischen Konsul von Amsteroam von Lehmaim gestiftet worden. Die Postwertzeichensammlung des Reichs- postmuseums ist die zweitgrößte der Welt.
„ .—. Aus deutschem Herzen. Die jitzngsten pvlittschen ErergntUe haben Peter Rosegger zu folgenden Versen angeregt, die er im Neuen Wiener Tagblatt „Zu Ostern 1909" veröffentlich:
Wir haben stets in allen deutschen Zungen,
Oft bangend zwar, von deutscher Treu gesungen. Bis nnr in Wahrheit seh'n das große Zeichen, Wie Volk und Fürsten treu die Hand sich reiche«, O Herr Golt, dank, daß du iwch unsrem Sweben Das Hochglück rvahren Brudersiims gegeben.
Mein Oesterreich, mein Deutschland! Ungeschieden Bringt deine Kraft den Völkern Heil und Frieden, Und schlägst du auch nicht zu, sei ohne Reue, Geivaltiger als das Schwert ist deine Treue. Es fenft in Ehrfurcht alle Welt die Fahnen Vor dir, du stolze Treue der Germanen!
— Ein pvmpejanisches Mosaik von wunderbarer Schönheit ist dem Römischen Korrespondenten des Berl. Tgbl. zufolge bei der Ausgrabung eines antiken Hauses zu Palermo entdeckt worden. Es ist zwei Quadratmeter gwß und zeigt in der Mitte ein Medusenhaupt von ergreifendem Ausdruck. ‘ Die Wände des Gemachs sind mit einem Fries von Nymphen, Tritonen usw. geschmückt. Man sieht auch eine befestigte Stadt und Landschaften in der bekannten pompejanischen Art.
— Eine amtliche Auskunft. Folgenden Bescheid hat eine Behörde zu Cosel in Oberschlesien auf ihre An sorge an „maßgebender Stelle" nach einer ihres Wissens verstorbenen Person erhalten: „Der oben Genannte, ist nicht gestorben, fottfcern int vorigen Jahre ertrunken " — Wer das herausgebracht hat, ist nicht dumm, es fehtt ihm bloß an Berstand.
Die türiische Krifts.
lDer Balkan will absolut nicht zur Ruhe kommen, kaum ist es gelungen, den Konflikt zwischen Serbien und Oesterreich, und damit die Gefährdung des Weltfriedens aus dem Wege zu räumen, da macht die Türkei selbst wieder, nachdent seit Einführung dev Konstittrtton die Dinge sich in bester Ordnung abzuwickeln schienen, den Diplomaten erneut schweres Kopfzerbrechen. Freilich ichcint hinter der glänzenden Hülle sich bad} ein etwas fauler Stcüni verborgen zu haben, vor allem mußte es einen etwas seltsamen Eindruck machen, daß das jungtürkische Komitee sich als eine Art Nebenregierung installiert hatte nnd den Gang der Politik vollständig nach eigenem Gutdünken beeinflußte. Solange dieser Einfluß in gutem Sinne ausgeübt wurde, mochte es noch angehpn., nach und nach aber entwickelte sich genau derselbe Terrorismus, wie er unter dem autokratischen Regime bestand, au die Stelle dm Beamtenmißwirtschaft trat einfach die Mißwirtschaft des jung- türkischen Komitees und es ist eine bekannte örfdjcinung, daß; jeder Druck auch Gegendruck erzeugt. Schon die Ermordung des Nedatteurs Fehmi war ein bedenkliches Signal; dieser Mann, der einst selbst einer der HauptflHrer der Jungtürken gewesen war und für diese Sache jahrelang im Auslande gewirkt hatte, trennte sich von seinen bisherigen Genossen, weil er es mit feinen ehrlick^en Ueberzeugung nicht über sich bringen konnte, deren eigennütziges Vorgehen weiter zu unterstützelt, weshalb er zu der liberalen Union übei-tcat. Weil inan seinen Angrisseu nicht zu begegnen vermochte, hat mau ihn dann schließlich von einem gedungenen VLordgcsellen aus dem Wege geräumt. Dies Zeichen erne£ bösen Geivissens hat zweifellos die Gegner des jungtürkischen Regimes ermutigt unb die schon seit langem schlummernde Gärung ist nunmehr zu hellen Fckammen entfacht worden. Es ist nicht das erstemal, daß religiöse Momente als Vorwände zum Sturze einer Regierung benutzt worden sind, und die von den Bienterem. ausgegebene Pawle, daß man den islamitischen Glauben gegenüber dem jungtürkischen Komitee schützen müsse, hat die Menge entfahrt. Lünen welch großen Umlauf die Bewegung mit Windesschnelb: angenommen hat, beweist der unheimlich schnelle Rücktritt des bisherigen Kabinetts und dessen Ersetzung durch gemäßigte <Ae- mente. Augenblicklich läßt sich der Umsang der Krisis und auch deren schließliche Bedeuttmg noch nicht lwttständig übersehen, da eS lich "leicht ereignen könnte, daß das Zünglein der Wage halb nach der einen, bald nach der anderen Seite hinüberfchwankt. Mögen^ auch die Truppen in 5louftantinopel im Verein mit beit Albanesen sich gegen das jungtürkische Regime aufgelehnt haben, so steht es doch außer Frage, daß Provinzttuppen ihm treu bleiben. Vor allen Dingen die Korps in Adrianopel unb Saloniki, man spricht bereits davon, daß die Truppen von Adrianopel nach Konstanttnopel unterwegs seien, um ihren Freunden zu beiten. Die äußere Veranlassung zu den Unruhen sollen Gerüchte gegeben haben, wonach die Regierung eine Reihe von Theologieschulew schließen und aufsässige Softas nach asiatischen Städten verbannt werden würden. Bon dieser Seite fei das Militär aufgewiegelt worden und man habe dort auch unter den Offizieren große Geneigtheit gefunden, weil wegen der Streichung von 2000 Offiziersstellen durch das Parlament große Unzufriedenheit herrschte. Wie bem aber auch sein möge, jedenfalls ist es klar, daß das mng-> türkische Regime vor einer überaus schweren Krisis steht, deren Ausgang sich nicht Voraussagen läßt. Es ist möglich, baß hie Reaktion siegt, den schlimmsten Fehler würde man aber von dieser Seite begehen, wenn man nunmehr die Konstitution wieder über den Haufen werfen wollte, bamit würde man eine Periode der inneren Zerwürfnisse herbeiführen, bei denen das ohnehin schon inorsche Türkenreich leicht zerfallen könnte. Die Türkei geht einer der schwersten Prüfungen entgegen, die sie seit Menschengedenken durchznmachen hatte.
Vie ersten Anzeichen eines unzufriedenen Geistes bei her Garnison.äußerten sich, wie man uns meldet, vor etwa 14 Tagen! aus dem Astlaß der Dem'onstratwn der Hodjas gegen die Regierung. Ferner predigte die Geistlichkeit in den .Moscheen gegen! die Offiziere, die aus den Truppen eilt willenloses Werkzeug des jungtürkischen Komitees machten unb einen Einfluß auf den Geist der Truppen ausübten. Weitere Anzeichen waren die Meuterei der albanischen und arabischen Bataillone und der Dildisbefayung, sowie die Ernrordung des Chefredakteurs des „Serbesti". Die in den Truppen gärende Bewegung entging den Offizieren in den Stambuler Kasernen nicht. Die Offiziere unterrichteten vielmehr den Kriegsminister davon und dieser verständigte den Großwesir, die Regierung war aber bereits machtlos. Tie Bewegung toter erst für Donnerstag festgesetzt gewesen, aber die Führer der Revolution waren mit dem Gang der Untersuchung der Mordtat an dem Redakteur der Zeitung „Serbesti" derart unzufrieden, daß sie schon vorgestern nacht das Zeichen gaben. Die Bewegung ging von der Kaserne des Seraskerats aus. Der antentische Vorgang der Ereignisse ist folgender: In der Nacht zum Dienstag gegen 3 Ulm früh marschierte das vierte Bataillon der Salonikicr Jäger zum Platze „Sultan Achmed" und erhielt bald Verstärkung aus andeven Kasernen. Sämtliche Truppen tarnen bewaffnet an, aber ohne Offiziere. Gegen 6 Wr trafen einige Bataillone her Zildis^ Besatzung ein. Die Soldaten feuerten Freudenschüsse ab and brachten Hochrufe auf die Armee aus. Den Mittelpunkt ihrer Stellung bildeten das Parlamentsgebäube und die Hagia-Sofia. In der ganzen Umgebung sammelten sich ungeheure Volksmengen an, die sich mit dem Militär verbrüderten. — Tie Theologiestudierenden wurden von den Soldaten ausgefvrdert, fick ihnen anzuschließen. Kurz nach Mittag erschien feierlich, unter Glockengeläut und von den Truppen beschützt, vor der Hagia^Lofta ein Zug Ulemas, der laut Gebete hersagte. Um 2 Uhr traf die Marine-Jnfanterie mit klingendem Spiele ein. Gegen 3 Uhr nachmittags war die ganze Umgebung des „Achmed-Platzes" uw- zugänglich und in den Händen der Aufständigen. Zn der Pforte fand inznnschen ein Ministerrat statt. Der Minister des ZnnernI erklärte, der einzige Ausweg sei die Gesamtdemission des Kabinetts. Der Ministerrat beschloß in diesem Sinne und der Großdvesir begab sich Nach dem Jildis-Palast, um die Demission des Kabinetts zu überreichen Die bis gegen Mittag znrückbleibenden Minister hielten inzwischen einen neuen Ministerrat ab, dem der Kannnev- Präsident Achmed Riza beiwohnte. Nach langer Beratung erkannte man es für notwendig, daß der Kanuuerprösident demissioniere Ter erste Sekretär des Sicktairs in der Kammer verlas ein kaiserliches Jrade, m welchem die Demission des Kabinetts angenommen wurde und die Besolgung des heiligen ^Scheriatgesetzes betont wird. Anwesend waren etwa 60 Abgeordnete Um 6' . Uhv wurde ein neues Jrade veröffentlicht, das den Botschafter pr London Tewnk Pascha zum Großwesir und den Marschall Ebhent P-pcha zum Knegsmmnter ernennt. Die in der Kammer amoesen-. den Abgeordneten hatten inzwischen den Abgeordneten für Berat, htm Albane,en Ismail Kemal (liberal znvi Präsidenten gciuäMt In der Nacht wurden aus Skutari Truvveil über den Bosporus gelebt, tvas zu dem Gerücht Anlaß gab, die Garnison von Adria- ■W Mnner stärke von 15 000 Mann emgetroffen uni» nnt den Mifttandychen in einen Kampf verwickelt. Lang an haftendes FreudenschietzLn vermehrte die Zahl dev seiisationelleti Gerüchts


