Nr. ISO Erstes Blatt 15S.Jahrgang Montag 10.August 19VS
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j“ Ä"»“ Rotationserui und Verlag 6er Srübl'schen Univ.-Such- wt» Steinöruierel B. £<rage. Reöaftion, 4rpeö:tion und Druckerei: Lchulstratze 7. ’®«t.
Kreta.
Die Mächte lassen keine Mittel unversucht, um den tsbruch eines Krieges zwischen der Türkei unb Griechen- •jiitb zu verhindern Den Vorstellungen, die die Bot- - läster der Schutzmächte, wie bereits gemeldet, bei der Horte gehabt haben, war eine gerneinsame Beratung über bet Maßnahmen zur Vermeidung eines bewaffneten Zu- I jammcnstoßes vorangegangen. Für die Vorstellungen wurde jtii Form einer gemeinsamen Note gewählt, worin erklärt ■* pj-irb, die Schutzmächte gewährleisteten der Türkei :ie Oberhoheit über Kreta, seien jedoch ent* »schlossen, den Ausbruch eines Krieges zu ver- iten. Sie lenkten die Aufmerksamkeit der Regierung «rauf, daß ein Erscheinen der türkischen Flotte vor Kreta ■ btt Gefahr ernster Verwickelungen mit sich bringe und for- Atrien die Pforte auf, die Flotte aus den kretischen Ge- L Essern zurückzuziehen sowie Maßregeln zur Beruhigung ■brr kriegerischen Stimmung im Lande zu ergreifen.
Um ihrer Forderung i.ößeren Nachdruck zu verleihen, netzen die Drächte ihre S ife vor Kreta zusammen. Engend ordnete die sofort Abfahrt eines 6ei Malta statio- :.i<rten Schiffes an und hält ein drittes bereit. Frank- :stch ließ den Panzerkreuzer „Victor Hugo" von Toulon -«h Kanea abgehen und hält ebenfalls ein drittes Schiff :-reit. Italien wird gleichfalls ein zweites Schiff entladen und trifft dieselben Vorbereitungen wie England nd Frankreich. Rußland wird bis zur Ankunft des oeiten russischen Kriegsschiffes in den kretischen Gewässern t ti Kanonenboot dorthin beordern. Sobald die Verstärkung Seestreitkräfte in den kretischen Gewässern vollzogen ist, ->ird zur gewaltsamen Entfernung der strittigen griechischen I^agge geschritten werden, wenn diese bis dahin von den Itftttern nicht bereits niedergeholt sein sollte.
Voraussichtlich wird das internationale Geschwader am R?ienstag in einer Stärke von acht Schiffen vor Kreta voll- Iftrndig sein. Es wird, wenn bis dahin die Kreter den For- !, rangen der Mächte nicht naä)gegeben haben, zu energischen Maßnahmen greifen. Am Dienstag werden wenigstens [ si gen 1000 Mann Landungstruppen zur Verfügung stehen. Menu Truppen gelandet werden, wird man einfach auf ■hn Status zurückgreifen, wie er vor dem 27. Juli bestan- |hn hat.
Da die Kreter nun gutwillig nicht an die Entfernung ML griechischen Flagge gehen wollen, wird es wahrschein- kbch zu Gewaltmaßnaümcn kommen. Die kretische Regie- ■tuitg ist machtlos, und sic benachrichtigte die Generalkon- Miln der Schutzmächte, daß ihr Zureden erfolglos gewesen sfei und daß sie nicht in der Lage sei, die auf der Festung Saiten gehißte Flagge zu entfernen. Die kretische Regie- iaitg berief bereits die kretische Devutiertenversammlung tut, um ihre Demission zu geben. Während der Ankunft Aßr Mitglieder der Deputiertenversammlung drang nun int Sonntag abend eine Bande bewaffneter Landleute in Mi> Stadt Kanea und besetzte die Festung, um die Flagge schützen. Auf Anordnung der kretischen Regierung zogen Bern nachmittag Militär- und Gendarmeriepatrouillen ■ml) er, um die in die Stadt eingedrungenen bewaffneten USquern zur Auslieferung der Waffen zu veranlassen. Auch
Die l90Ö=3at}rfeier der Schlacht hn Teutoburger Walde
Mtbc Samstag abend im Ralbanse zu Detmold feierlich er- Rifflet. Unter den Erschienenen befanden sich einige Mitglieder
Familie von Bandel, Vertreter des amerikanischen Naticmal- luvdes, Vertreter der Großloge „Ordens der Hennannsöhne" tm 6:<mte Texa^ und eine Abordnung der Hannoverschen Studenten- dxift, sowie die beiden Festredner Prof. Dr. Delbrück^Berlin r.i) Pros. Dr. Nebelung. Oberbürgermeister Dr. Wittje begrünte ti: Gäste namens der Stadt und Kommerzienrat Heinrichs namens tes Festausschun'es. Staatsminister von Gevekot sandte ein Be^ ssüßungstküegramm aus Tirol. An die Feier schloß lief) ein tommers an. Der Hauptfesttag der 1900 Jabrefeter der Schlacht itn Teutoburger Walde hatte am Sonntag noch größere Menschen- xagen als tags zuvor nach Detmold gelockt. Um 11 Vs Uhr I sich bei gnüstigem Wetter der aus etnxt 1000 Personen und eren hundert Pferden bestehende Germanenfestzug ui Seng. Auf der Tribüne am Badnhofe hatten neben einer Reihe Ehrengästen der Fürst und die Fürstin zur Lippe mit Artigen Platz genommen. Der Festzug. hellte den Triumph mius über die Römer bar. Den Mittelpunkt bildeten bte >pe des Eheruskerfürsten selbst, der mit einer (Streitaxt, dem thelm unb einem reichgeschmückten Schimmel inmitten einer r germanischer Edler daherritt, unb Thusnelda, die aus t Son sechs Rindern gezogenen Wagen unterm Eichbaum rte, ferner der Wagen Walhallas und der Metbrauerei. Der Wagen zeigte den Bildhauer von Bandel, den Schöpfer des rannsdenkmals, seine Kunst ausübend. Den Swlutz bildeten sche Landleuie in Trachten aller vergangenen Jahrhunderte 1s auf den heutigen Tag. Der Zug, der in schöner £h:bnimg vÄeizog, und sich durch die einheitlich ausgefuhrten Srolturne kuszeichnete, war von lebhaftem Beifall der Zuschauer begleitet, festem nachmittag fand ein Fest auf der Grothenburg am Der- vMn-Denkmal statt. Bor dem Fürstenzelt, worin der Fürst vit» die Fürstin zu Lippe Platz genommen hatten, hielten alt ssrmanische Krieger die Wache. Nachdem Wagners KaNermanch »erklungen war, betrat Oberbürgermeister Wittie die Redner tilüne, um ein Hoch auf den Kaiser, die deutschen Bundesfursten vil> die freien Städte auszubringen.
Nach ihm betrat Professor Dr. Hans Delbrück-Berlin vi Professorentalar die Denkmals stufen und ergrm das -wrt sur Festrede. Er nannte den Reichtum seiner Geschichte das chstbarste Stück aus der Schatzkammer eines Volkes. Leoner gab ötte geschichtswissenschastliche Darstellung der Hermannsschlacht, ferm dritter Tag einige tausend Schritte vom Denkmal entfernt n der Döhren-Schlucht durchgekämpft worben sei. Delbrück lIlog sit einem Hoch auf bas deutsche Vaterland. Die Veriamntlung ummte „Deutschland, Deutschland über alles" an. ^m Namen ser Großloge der Hermannssöhne im Staate Texas brachte vennann Fabian ein Hoch auf die deutsche Eimg- at aus. Herr Schmidt überbrachte die Grütze von 2/_> -i tu tonen des deutsch-amerikanischen Nationalbundes. ~ Un Die .e:er vor dem Denkmal schloß sich die Darstellung des tfeftlpiel»
die gesamte Presse Athens rät den Kretern bringend, sich in das Einzichcn der griechischen Flagge zu fügen und dadurch ihre Willfähigkeit gegenüber den Ratschlagen der Schutzmächte erkennen zu geben. Die Presse betrachtet die letzte Note der Türkei an Griechenland als einen Beweis für die Mäßigung der Türkei und deren friedlichen Gesinnungen gegenüber Griechenland.
Neben dieser besonnenen und gemäßigten Haltung Griechenlands nimmt die provozierende Haltung der Pforte etwas wunder. Die „Liberty" hat die Pariser türkische Botschaft über den griechisch-türkischen Konflikt befragt unb folgenbe Erklärungen erhalten: Wir kennen ben genauen Text ber neuen türkischen Note nicht, wir wissen nur, baß sie in energischen Ausbrücken abgefaßt ist, und daß sie von Griechenland formelle Versicherungen bezüglich seiner zukünftigen Haltung Kreta gegenüber fordert. Man wird nicht ableuanen können, daß wir großes Entgegenkommen gezeigt haben, aber wir sind an der äußersten Grenze der Konzessionen angelangt. Die Ansicht, die Hilmi Pascha vor 14 Tagen ausgesprochen hat, besteht noch heute unverändert. Die Türkei wird niemals erlauben, daß Griechenland seine Hand auf Kreta legt, lieber wird die Türkei zu ben Waffen greifen. Als wir am Tage nach ber Erlangung unserer Freiheit in die Tlo- tretung Bosniens und der Herzegowina an Oesterreich-Ungarn einwilligen und die Unabhängigkeit Bulgariens anerkennen mußten, befauben wir uns in einer Zwangslage Wir hatten bamals vollstänbig mit unseren inneren Angelegenheiten zu tun. Heute aber liegen bie Verhältnisse anders. Wir haben vor einigen Jahren Kreta Europa in Verwahrung gegeben, jetzt verlangen wir unser Depot von den Schutzmachten zurück und das ist recht und billig. Mit dieser Forderung steht unsere Regierung nicht allein, sondern sie hat das ganze türkische Voll geschlossen hinter sich, durch welches augenblicklich ein wahrhaft patriotischer Hauch bindurchweht. Freilich erscheint die Lage ziemlich ernst, hoffentlich aber führen die Ereignisse nicht zum Kriege unb hoffentlich läßt Europa Gerechtigkeit widerfahren unseren Forderungen, welche gerecht sind.
Der Konstantinopeler „Turquie" zufolge wurde die definitive Antwortnote der Türkei nach der Beratung des Großwesirs mit den Ministern der Finanzen, des Innern und der öffentlichen Arbeiten beschlossen und sofort nach Athey telegraphierr. Der.Minister des Aeußern wurde später davon in Kenntnis gesetzt. Die Pforte fordert in der Note Griechenland auf, obwohl es ben freunb- schaftlichen Erklärungen unb ben Fricbensversicherungcn Griechenlands vertraut, formell und offiziell zu erklären, es sei an der Kretafrage nicht interessiert. Die Minister berichten auch über die Mitteilung an die Schutzmächte. — Anschließend führt das Blatt aus: Wenn die Großmächte einem bewaffneten Konflikt Vorbeugen wollen, so müssen sie die bona fides Griechenlands garantieren und mit der Türkei über ein definitives Autonomiestatut für Kreta ver- handeln. Das Amtsblatt veräffentlicht fortgesetzt Depeschen über Kretaversammlungen.
-Der Korrespondent der „Temps" in Konsdantinopel telegraphiert: Er könne versickern, daß, wenn die Antwort „Hermann ber Cherusker" von Webeler in ber uralten Um- nxillung bes Hünenringes.
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— Die Lieblingsbüchereiner Kaiserin. Kaiserin Katharina II. von Rußland ivar eine eifrige Leserin. Man hat unter ihren Papieren im Schlosse Zawlowsk einen Bries gefunden, ben sie am 25. April 1786 an ben Großfürsten-Thron- solger Paul und an bie Großfürstin Maria Feodoronma richtete. Er enthält eine Liste ber Autoren unb ber Werke, bie bie Kaiserin am liebsten las. Das Dokument, das nicht uninteressant ist, beginnt mit folgenden merkwürdigen Worten: „Wenn jemand von Euch, Mann, Frau ober Kinder, die schon geboten find oder noch zur Welt kommen dürften, sich von bem, nxtd ber beiliegende Katalog enthalt, in Versuchung führen lassen sollte, wirb man mir es sofort berichten." Folgt ber Katalog. Zuerst Voltaire, unb zwar ber ganze Voltaire: bie Kaiserin schreibt ausbrücklich: „Es ist auch nickst die geringste Kleinigkeit ausgenommen, denn wenn man etwas ausschließen will, schließt man zunächst das langweilige Genre ans, und dieses Genre, das schlinmtste von allen, ist bei Voltaire nicht zu finden." Leider — so schreibt Andrs Beaunier im „Figaro" — ist der Begriff .Langeweile" nicht für alle Leser der gleiche, und „Cieervs Geschichve von Middletvn", die bald hinter Voltaire genannt wird, dürfte wirklich nicht nach ledermanns Geschmack sein. Monwsguieus „Geist der Gesetz^' ebensowenig. Aber nun »um Theater: Corneilles Tragödien, „weil sie den Geist erheben unb stärken, vor allem „Cinna" . . . Andere Theaterstücke werden nicht erwählst. Von Romanen sind genannt: „Die Prinzessin von Eteoe" von Frau von La Fapette und dann der „Papsan patvenn" von Marivaux. Weiter die „Annalen" des Abbe von Saind-Pierre, zwei kleine Bände, „ein ganj vvttrenliches kleines Buch". Dann die Briefe der Frau von Ssvignä. Und nun sehr ernste Sachen: „Malog über den Getreidehandel, von bem Abbs Galiani; Sullps Memoiren: Politische Berichte von Necket: Bahles Wörterbuch: Lockes Buch über .Kindererziehung: Die fibmmentare über Englands Gesetze von Blackstone: Traktat über die Polizei, von benr Polizeikommissar Ca Mare: Geschichte Karls V., von Robertson: Geschichte ber Sizma von Schottland, von demselben: Geschichte Englands, von Hume. Und .dann Bogetius Renatus, Tacitus, Buffon, „Die Träumereien" vom Marsäiall von Sachsen, Fontenelle, „Die Memoiren" des Kardinals von Netz, Marmontcl usw. Zuletzt die „Memoiren über China". Die Kaiserin bemerkt hier: „Ein Gegengift gegen di' -u starke Voreingenommenheit für europäische Ideen". Tas sind Büchet, die Kaiserin Katharina II. von Rußland zu lesen pflegte, bevor sie am Abend zur Ruhe ging.
— Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschast. Der ordenttiche Proieiior der mediziinscheil Fakullär unb derzeikig-r Rektor der Unioerfiiät München, Geheimrat Doktor von Bollinger ist Samstag abend g e st o r b e n.
Griechenlands auf die neue türkische Note nicht befriedigend ausfalle, ber diplomatische Bruch zwischen der Türkei und Griechenland unmittelbar folgen iverde. Die Session bes türkischen Parlaments ist bis zum 21. August verlängert worden. Auf einem Bankett, das gestern von Offizieren zu Ehren deö Generalissimus Schewket Pascha veranstaltet wurde, wurden kriegerische Reden gehalten, welche hier viel kommentiert werben. Selbst wenn die Intervention der Mächte in Kanea zu einem prompten Resultat führt, so schreibt der „Temps", bleib't als ytoßer Brennpunkt bestehen die türkische Note, welche von Griechenland eine formelle Erklärung bezüglich Kretas forbert.\
Die Haltung der Türkei ist natürlich nicht ohne Wirkung auf die Stimmung in Athen geblieben. Auch dort ist oie Stimmung jetzt nicht weniger erregt, als in Konstantinopel und zwar ebensowohl in Offizierskreisen, wie in der Bevölkerung. Der Berichterstatter des „Temps" in Athen drahtet feinem Blatte, die neue türkische Note hat hier Aufregung hervorgerufen, die um so gerechtfertigter ist, als man hoffen durfte, daß diese versöhnliche und gemäßigte griechische Antwort auf die erste Note dem türkischgriechischen Konflikt beendigen und die beabsichtiatc Detente in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern herbei führen würde. Gegenüber den neuen Forderungen ber Türkei scheint die Haltung der Mächte für die Zukunft festgelegt. "Da bie Mächte seit zwölf Jahren baS Sck)icksal Kretas in die Hand genommen haben und da sie dürft)! die Note vom s2higuft 1906 ba-3 Interesse anerkannt haben, das der König der Hellenen immer an dem Wohlergehen Kretas nehmen muß, so erscheint bie Forderung ber Türkei, baß Griechenland» auf jedes Interesse in Kreta verzichten soll, als gegen bie Machte selbst gerichtet. Den Mächten steht es zu, zu intervenieren, um der Beunruhigung ein Eiibe zu bereiten, bie bucch bie agressive Haltung der Pforte hcrvorgerufen worben ist unb diese Intervention darf nicht verzögert werden, ohne die Interessen des Friedens zu gefährden, den Europa auftecktzuerhalten bestrebt iftz
England und Zapan.
Völkcrbündnisse gleichen Vernunftehen, die im beiderseitigen Interesse zustande gekommen sind, ohne daß allzuviel gegenseitige Liebe vorhanden ist. Ein krasses Beispiel hierfür bietet oer seit Jahren bestehende Zweckund Frankreich und Rußland, zwei völlig entgegengesetzte Staatengebilde, und es wird niemand behaupten wollen, daß die beiden Kontrahenten einander sehr ins Herz gcschwssen hätten; ja es ist sogar eine große Erkaltung zu verzeichnen, das Verhältnis, das einst infolge des Teutschen-Hasses recht intim ivar, ist ein überaus lockeres geworden und nur die bittere Notwendigkeit hält beide zusammen. Eine recht ungleiche Ehe ist auch das englisckf-fapanische Bündnis, oessen Absckjluß seinerzeit so großes Aufsehen erregte, ohne daß das daraus erwartete Resultat jemals eingetroffen wäre. Bei beiden Alliancen hat man auch die bekannte Beobachtung gemacht, daß die intimsten Bündnisse gerade bann versagen, wenn es barauf ankommt. Im russisch-japanischen Kriege hat Weber Frankreich ben russischen Verbündeten unterstützt, noch England bie Japaner unb auch sonst sind verschiedene Vorfälle zu verzeichnen gewesen, in denen sich die Verbündeten im Stiche gelassen haben.
Während trotz alledem mit dem Zweibund noch aus Jahre hinaus zu rechnen sein wird, scheinen dagegen bie Tage des englisch-japanischen Bündnisses gezählt zu sein, da diese Gruppierung sich überlebt hat unb ben neuen Verhältnissen auf bem Gebiete ber Weltpvlilik kaum noch entspricht. Hervorgegangen war dieses BündniZ aus bem beiderseitigen Gegensätze zu Rußland, welchem man auf diese Weise in Asien einen Hemmschuh entgegenfteHen wollte. Die Zeiten haben sich aber geändert, Rußlands Macht in Ostasien ist wohl für alle Zeit gebrochen, während anderseits Großbritannien nunmehr die besten Beziehungen zu seinem früheren Mvalen, Rußland, unterhält. Dazu kommt, daß die Japaner in Ostasien immer weiter Vordringen und unter Beseitigung der europäischen Mächte die Alleinherrschaft im fernen Osten anstreben. Unter diesen Umständen hat eine weitere Aufrechterhaltung des cnglisch- japanisckfen Bündnisses nach feinem Ablauf feinen sonderlichen Zweck. Ueberdies ist das Bündnis mit Japan in England nie beliebt gewesen, namentlich in den Kolonien, weil man dort richtig folgerte, daß Japan, nachdem der Zweck des Bündnisses erreicht worden, genau dieselbe gegensätzliche Rolle einnehmen werde, die Rußland so viele Jahre in der Politik ber englischen Großmachtstellung gespielt hatte. In den Kolonien fehlt es sogar nicht an Stimmen, die ganz offen behaupten, die weitere Aufrechterhaltung des Bündnisses werfe der englischen Politik nur Steine in den Weg, nachdem sich Engstiud durch ben Vertrag mit Rußland feinen alten Besitz gesichert hätte.
Daß man auch in amtlichen englischen Meisen der Alliance keinen allsugroßen Wert mehr beimißt, beweist das Auftauchen der Meldung, daß England demnächst das seinerzeit aus Ostasien zurückgezogene Kreuzergesckjwader wieder dorthin entsenden werde. Die Nachricht ist zwar von der Admiralität dementiert worden, aber selbst in England glaubt man diesem Dementi nicht so recht, sondern hält eine derartige Maßnahme für einen Akt der Notwendigkeit, namentlich im Hinblick auf die australischen Besitzungen, die unbedingt eines starken Schutzes durch englische Kriegsschiffe bedürfen.
Angesichts des unbestritten vorhandenen Gegensatzes zwischen Deutschland und England tonnte es nun für uns vielleicht zweckmäßig erscheinen, in ein engeres Verhältnis mit Japan zu treten, aber was für England hinsichtlich Japans gilt, das gilt auch für uns, denn alles» Streben der Japaner geht darauf hinaus, den europäischen Einfluß in Ostasien gänzlich zu beseitigen, und nnr würden uns bei einer allzugroßen Freundschaft mit Japan im Hinblick auf unsere eigenen Interessen im fernen Osten nur ins eigene Fleisch schneiden.


