Erstes Blatt
159« Jahrgang
Freitag IS. März 1909
bis öomuttac^Tu^ Notationrdrnck und Verlag der vruhl'schen Univ.-Vuch- und Zteindruckerei 8. Lange, Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstratze 7. Anzelgente?!?'tz^Beck
Nr. 60
Der Siehener Lnzei-er erscheint täglich, außer (sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SiehenerLamillenblätter; zwelittal wöchentl.Lreir- dlaltsürdenUreisSiehen (Dienstag und Freitag); zweimal ‘monntl. Landwirtschaftliche Seitfragen Fernsprech»Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:
Anzeiger Gießen.
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JKhBKt MW monatlich 75Pi., viertel-
GietzenerAnzeigers
General-Anzeiger für Oberhessen WZW
• I » u.Land" und „Gerrchts-
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Die Manz- und Steuer-Uommission der Reichstags begann gestern die Beratung der Brausteuer. Berichterstatter ist Dr. Zehnter (Ztr.), Gegenberichterstatter Abg. Raab (Wirtsch. Bg-). Die Petitionen, die aus der Brauindustrie der Kommission vorliegen, haben fast durchweg denselben Inhalt. Sie führen gegen die neue Besteuerung die Belastung des Braugewerbes durch die Steuer von 1906 ins Feld, bei der die Ablvälzung infolge des Widerstandes des Publikums und der bevorzugten Stellung der kleinen Brauereien nicht möglich war. Dazu komme der erhöhte Gerstenzoll, die höheren Arbeitslöhne, Verteuerung der Fässer, die Antialkoholbewegung usw., Aktienkurs und Dividenden sind erheblich nirürf gegangen, an Aktienwerten sei ein Verlust von 30 Millionen Mark ein getreten. Sei die weitere Heranziehung zur Steuer nicht zu umgehen, so solle man es aus anderem Wege machen. Vorgeschlagen wird die K o n t i g e n t i e ru n g; was über das Kontingent hinaus gebraut werde, solle mit einem höheren Steuersatz belegt werden. Die Kontingentierung solle dann mit der Seit wieder verschwinden. Statt der Zehntelung wird die Zwanzigteilung im Gefäßmaßsystem empfohlen; weiter die Besteuerung der alkoholfreien Getränke. Statt der Malzsteuer solle eine Steuer auf das fertige Produkt eingeführt werden. Auf der anderen Seite aehen Petitionen für eine möglichst starke Biersteuer von Antialkoholvereinen aus; sie wünschen eine Begünstigung der weniger alkoholhaltigen Getränke.
Ern Vertreter der Reich spartet erklärt die Zustimmung seiner Freunde zur Heranziehung des Bieres Die Staffel sei aber für die Kleinbetriebe nicht günstig ge- qenug. Die obergärigen Biere, die vorzugsweise Klein- betriebe sind, sollen steuerlich begünstigt werden. Der Redner erklärt sich nicht abgeneigt, auch bte alkoh olfreien Getränke zu besteuern; das sei ein Akt der Billig- leit und würde recht gute Erträge liefern. Für die Kon- ingentierung ließen sich manche Gründe geltend machen, •ober auch erhebliche Bedenken; er fei nicht geneigt, im gegenwärtigen Stadium der Verhandlungen auf die Kontingentierung einzugehen.
Der Schatzsekretär erklärt die Besteuerung der al- Loholsreicn Getränke für sehr schwierig wegen der Unzahl kleiner Betriebe. Es würde einen Betrag von fünf bis qehn Millionen ergeben. Der Schatzsekretär verteidigt die von der Regierung vorgeschlagene Staffel als goldene Mittetstraße. 'Der Staffelvorschlag des Vorredners würde ein Minus von einer Viertelmillion ergeben.
Rach diesem Vorschlag sollte die Staffelung 10, 12, 16 -j;nb 20 Mk. betragen, und zwar 10 Mk. von den ersten 350 Doppelzentnern, 12 Mk. von den folgenden 750, 16 Mk. tton den folgenden 500 und 20 Ml. von dem Rest. Die ^Staffelung der Regierungsvorlage beträgt 14 Mk. von den ttrften 250, 15 Mk. von den folgenden 12o0, 16 Mk. von den folgenden 1500, 18 Mk. von den folgenden 200 Doppelztrn. Binö 20 Mk. voll dem Rest. Bei den Heinen Brauereien mit jiner Verarbeitung von nicht mehr als 150 Doppelzentnern Malz beträgt die Steuer 10 Mk. der Doppelzentner. Ein bayerisches Zentrumsmirglied erklärt, schon 1906 grundsätzlich gegen eine stärkere Belastung des Bieres gewesen
Abschrisistellekei eines Gelehrten.
Aus dem Nachlasse des vor einiger Zeit verstorbenen Arosessors Heinrich Reimann hat Professor Dr. Heinrich Meisner int „Verlag der Harmonie" in Berlin den ersten Teil einer Biographie Hans von Bülow herausgegebeu. Das Werk stellt sich nach den in der Märznummer der „Süddeutschen Monatshefte" erfchieneneu Gegenüberstellungen des Musilschriftstellers Dr. Rudolf Louis £um größten Teile Lls ein Plagiat aus bent ersten Teile des Werkes „Hans iron Bülow, Briefe und Schriften", herausgegeben von Marie uon Bülow bar. Die Herausgeberin, Hans von Bülow Witwe, Freifrau Marie von Bülow, ergreift nun das Wort rin einem „offenen Briefe".
Sehr geehrte Redaktion!
„Ihre Anfrage, was cs mit dem kürzlich erschienenen Buche von .H. Reimann auf sich habe, das sich „Hans von Bülow, sein -A'ben und sein Wirken, erster Teil einer unvollendet gebliebenen Biographie des Künstlers" nennt, und wie es möglich sei, daß «in derartiges Werk ohne meine Teilnahme und Hinzuziehung L's enormen unveröffentlichten Materials, das ich be- sttze, erscheinen konnte, ist nur durch die Gegenfrage zu beant- r orten: Was ist auf diesem Gebiete in unsrer Zeit leichtfertiger Nüchermacherei überhaupt nicht möglich? Um meine Stellungnahme zu dem eben genannten Buche zu vrazifieren, bedürfte es nicht eines Briefes, sondern einer Broschüre. Tenn es bildet «in typisches Beispiel dafür, was im Vertrauen auf den Zeitmangel des modernen Durchschnittslesers und die dadurch gewotzn- leitsmäßig gewordene Oberflächlichkeit der Eindrücke gewagt werden kann.
Es versteht sich von selbst, daß bei Abfassung einer Biographie, i Sie Anspruch erhebt auf wissenschaftlichen Wert, alle vorhandenen Quellen, also auch die gedruckten, herangezogen werden müssen. ; Sich aber so ausschließlich und so ausgiebig der gebnnften Vorlage zu bedienen, wie es Herr Reinrann getan hat, n-ämlich . m dcr Weise, daß in seinem das Leben Bülows bis zum 21. Lebens- ßihr schildernden Bande nur zu finden ist, was er von meinem ersten Briefbande direkt und indirektabgeschrie- ben hat — das ist ein Verfahren, welches genauer su ck-orak- tmisieren ich anderen überlassen muß, da die Sache mich zu nahe cikgeht. OJeftatten Sie mir daher, in Ziffern zu Ihnen zu stechen. Die ersten 61 von den 296 Seiten des Buches be- f'dfräftincn sich mit Bülows Vorfahren und Eltern, und zwar mit euer Vorliebe für Heraldik und einem Breittreten des Ahnen- iiib Familienmoments, die für jeden mit des Künstlers Ansichten hierüber Vertrauten einen Beigeschmack von Komik haben. Schon ir diesen einleitenden Kapiteln, die sich auf das „Familienbuch inrer von Bülow" (1858) stützen, finden sich entlehnte Stellen nd meinem Briesbande 1, ohne daß dieser Quelle dort Er- toihnung geschähe: dies geschieht nur durch eine auf ©ejte 8 . befindliche Fußiwte, die auf die Briefe hinweist Daß dieselben
zu sein. Denjenigen seiner Freunde, die dafür zu stimmen geneigt wären, sei das sehr schwer gemacht infolge der Itarken Belastung der Süddeutschen durch das Besitzsteuerkompromiß. Die Zahl der Kleinbetriebe gehe zuruck, die Staffelung müsse weiter gezogen werden. Der obige Staffelungsvorschlag (des Abgeordneten der Reichspartei) begünstige die Großbetriebe. Der Redner ist kein Freund der Kontingentierung. Wolle man die einführen, dann seien auch andere Gewerbe bereit, die Steuern zu tragen, zum Beispiel die Ziegelindustrie; aber die Kontingentierung ist gefährlich. Die süddeutsche Produktion durch erhöhte Uebergangetabgabe zu treffen, sei direkt verfassungswidrig. Die obergärigen Biere verwenden vielfach Stärkezucker, der ohnehin der Zuckersteuer nicht unterliegt. Der Redner erklärt, daß er sich für seine Partei alles Vorbehalten mässe.
Min.-Direktor Kuhn bemerkt zur Staffelfrage, die Regierung habe vermeiden wollen, die Staffelung so weit auseinanderzuziehen, daß infolge billiger Pceisstellung den kleinen Brauereien die Abwälzung der Steuer unmöglich gemacht werde.
Der Wortführer der Nationalliberalen erklärt, daß seine Freunde unter gewissen Kautelen bereit seien, der Brausteuer zuzustiinmen.
Der Vertreter der Sozialdemokraten meint, die Steuer von 1906 sei auf die Wirtschaft abgewälzt worden. Die Arbeiter haben sich.geweigert, die Steuer zu zahlen und werden es auch in Zukunft tun. Es könne ein Boykott inszeniert werden, der den Ruin des Biergewerbes und des Gastwirtsstandes zur Folge haben werde. Die Sozialdemokraten sind für die Kontingentierung nicht zu haben, s i e lehnen überhaupt alles ab, die ganze Vorlage.
Der Wortführer der Konservativen erklärt sich in der Hauptsache mit der Vorlage einverstanden. Der Schatz sekretär äußert sich bezüglich der Schankgefäße auf die Anregungen entgegenkommend. Er sei bereits mit den verbündeten Regierungen wegen Einführung der Zwanzigteilung in Verbindung getreten. Ein bayerischer Regie ru n g s v er tr e t e r bemerkt bezüglich der Uebergangs- Iteuer, daß Bayern allerdings seinerzeit im Wege des Kompromisses der Uebergangsabgabe zugestimmt habe. Mit einer Kontingentierung des Uebergangs bayerischen Bieres nach. Norddeutschland kann sich die bayerische Regierung nicht ein* * verstanden erklären.
Für dte Freisinnigen gibt Dr. Wiemer zunächst die grundsätzliche Erklärung ab, daß die etwaige Zustimmung zur Erhöhung indirekter Steuern, ohne die allerdings gegenwärtig eine gründliche Finanzreform nicht möglich fei, nur unter der Voraussetzung erfolgen könne, daß in der zweiten Lesung der Finanzreform in der Kommission die Frage der direkten Besteuerung eine befriedigende Lösung finde. Die vorläufig beschlossene Besitzsteuer fei als ausreichende Regelung dieser Frage nicht anzusehen. Falls das Bier erneut herangezogen werde, müsse die Abwälzung ermöglicht werden, damit nicht Die Steuer als Sondergewerbesteuer wirke. Insbesondere müsse auch die Schädigung des Gastwirtsgewerbes vermieden werden. Aber der Kontingentierung könne nicht -.ugeftimmt werden. Schwere grundsätzliche und praktische Bedenken verbieten diesen Weg, zumal eine derartige Maßnahme auch zu einer unerträglichen Belastung des Konsums führen würde. Die Uebertragbarfeit der Kontingente würde
durch die Art der Herausgabe zu einem einheitlich geformten Lebensbild gefügt finb, dessen einzelne auch nicht briefliche Teile Herr Reimann ausbeutet, ist nirgends Ausgesprochen. Uebcrhaupt ist der Punkt der Quellenangabe in diesem Buche ein interessantes Studium für sich. Als ein mit den Gesetzespa cagraphcn vertrauter Mann weiß Herr Reinrann, daß völliges Verschweigen der Quellen gefährlich wäre; so schiebt er kenn recht häufig seine Note: „B. Br. S.", als Theaterkulisse vor — seltsamerweise aber pflegt sie bei den wichtigsten, viele Seiten des Buches füllenden Entlch- inmgen zu fehlen. Ab Seite 61, Beginn der Biographie, bis zum Schluß Seite 296, also im Verlaufe von 235 Seiten gibt cs eigner Rcimannscher Abfassung ^üb er Bülow 12 Seiten, über Wagner 30 Seiten, über Liszt 1 Seite, über die 48 er politische Bewegung 7 Seiten.
Wie weit die Exkurse über Wagner oder gar die Revolution von 1848 Originalarbeit sind und zum Thema gehören, mögen andere beurteilen *). Akzeptieren wir sie, so macht das zusammen 50 Seiten eigner Arbeit. Die übrigen 184 Seiten ocrteitcn sich so, daß 72 davon wörtlich aus „Bülows Briesen I" unb 112 Seiten indire kt daraus abgedruckt sind, d. h. indem die Jch-Form des Erzählers Bülow sich in die Er - Form des Erzählers Reimann verwandelt, ost unter Beibehaltung des Bülowschen Wortlauts, noch öfter aber mit willkürlichen Umstellungen.
Da diese Mitteilungen ohne Belege wie „Räubergeschichten" klingen, bleibt mir nur übrig, sehr geehrter Herr Redakteur, zu bitten, sie nachzuprüfen. Wollen Sie „nach echter, aber guter, gründlicher Philologenart" — wie Herr Reimann (Seite 34) sagt — „die Objektive miteinander vergleichen" und von den dabei gewonnenen Eindrücken den Gebrauch machen, der Ihnen gut dünkt. '
Für Ihr Interesse an der Angelegenheit dankend, begrüßt Sie in ausgezeichneter Hochachtung Marie v. Bülow."
*) Inzwischen stellte Professor Carl Krebs im „Tag" Nr. 46 vom 24. Februar 1909 fest, daß auch die Exkurse nicht eigne Arbeit seien, so z. B. die Seiten 76—80 über Wagner aus „GlasenopPs Wagner-Biographie" „entlehnt" seien.
*
— Slrindbcrg über sein Leben und Dichten. Man schreibt den „M. N. N." aus Stockholm: Eine Stockholmer Literaturrevue hatte — offenbar in der richtigen Vermutung, nur in dieser Form eine Rückäußerung von Dem welkst richtigen Dichter erhalten zu können — anläßlich Strindbergs 60. Geburtstages einen „offenen Fragebogen" an den Dichter gerichtet, in welchem dieser über verschiedene Einzelheiten aus seinem Leben, vor allem leine bisher wenig bekannte Jugendgeschichte, um Auskunft gebeten wurde. Strindberg entsprach den Wünschen der Zeitschrift und sandte ihr eine Anzahl Erinnerungen, die in mehrfacher- Beziehung Interesse verdienen. „Ich war sieben oder acht Jahck alt — so schreibt er il a. — als ich meinen et r ft en Sei bstmo rdversuch unternahm. Djie Veranlassung war erlittene Unbill; ich habe mich, nie dareinfinden können, fremde
eine weitere Konzentration zum Großbetrieb zur Folße haben. Man solle nicht einen gesetzlichen Schutzwakl fun kartellierte Betriebe schaffen. In bezug auf die Staffel Hält der Redner die Gesetze der Regierungsvorlage im all-, gemeinen für richtig. Der Antrag der Reichspartei ent* ferne sich nicht weit davon. Die wirtschaftliche Entwick* hing werde auch durch die Staffelung nicht aufgehoben. Es sei aber zu erwägen, ob wirklich ein Betrag von 100 Millionen Mark vom Bier erhoben werden soll. Jedenfalls müsse verhütet werden, daß die Leistungsfähigkeit des Gewerbes gefährdet werde. Ein bayerisches Zentrums-Mitglied, Brauererbesitzer, erklärt, nicht alle Brauereien Wim-» scheu die Kontingentierung. Die neue Belastung vernichte das Braugewerbe. Der Zentrumsabgeordnete Müller-Fulda, bringt einen formellen Koutingentierungsplan ein.
Stimmungsbilö aus dem preuh. Abgeordnetenhaus.
Berlin, 11. März.
lieber ein Kleines, und das große Werk der Beamtenbesoldungsreform wird vom Abgeordnetenhause bewältigt sein. Mit Ausnahme des Stempelsteuergesctzes, das noch in dcr Kommission einiger unwesentlicher Aenderungenj harrt, sind alle mit der Besoldungsreform zusammenhängenden Vorlagen verabschiedet: Die dritte Lesung des Wohnungsgeldzuschußgesetzes, des Gesetzes über das Kommunalsteuerprivileg der Beamten und die Novelle zum Einkommensteuer- und Ergänzungssteuergesetz wurde am; Donnerstag erledigt. Nun hat das Herrenhaus das Wort; wenn es, wie in Aussicht genommen ist, am 17. März zusammen tritt, wird ihm der ganze Komplex der Besoldungs- reformgcfeüe „tiorlicgen. Die Schlußlesung der Kommunal-' steuer-Privilegvorlage brachte nichts sonderlich neues; der Versuch der freisinnigen unb Nationalliberalen, auch bio Geistlichen von diesem Privilegium vdiosum zu befreien, schlug fehl, und es blieb bei dem Eventualbefchluß voni Tage zuvor, der die Aufhebung des Geistlichenprivilegs in eine allerdings nicht ferne Zukunft rückt. Das Woy* nungsgcldzufchußgefetz lief ohne lange Debatten vom Stapel« und erst bei der Novelle zu den Steuergesetzen gabs einige interessante Momente. Fast ohne Debatte wurde noch das Mantelgcsetz verabschiedet, dann wandte sich das Haus der neuen Geb ührenord ki ung für die Medizinal * beamten zu, die ohne größere Debatten in zweiter Lesung den Komm'isionsvcschiüssen gemäß genehmigt wurde. Am Freitag geht die Etatsdebatte weiter, neben dem noch nicht ganz erledigten Gestütsetat steht der der Domänen- und Forstverwaltung zur Erörterung.
Lagcs-charr.
Die Gewerbekommisfion des Reichstages
nahm mit 13 gegen 9 Stimmen den vom Zekttrunf, der Dkrb- schaftlichen Vereinigung unb den Sozialdemokraten unterstützten Antrag auf Einführung des "A ch t u h r l a d e n s ch l u s s e s , Sankst tags um 9 Uhr, an; ferner einen Zentrumsantrag betv. die Beschränkung der Ärbcitszert in de n Kontoren mit folgendem Wortlaut: In Schreibstuben, Kontoren und Lagerräumen, welche nicht zu offenen. Verkaufsstellen gehören, dürfen Gehilfen und Lehrlinge höchstens 9 Stunden täglich beschäftigt irerben. Nack Beendigung der täglichen Arbeitszeit nmß ihnen eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens 12 Stunden gewährt werden. Innerhalb der Arbeitszeit uruß den Gehilfen und Lehrlingen eine Mirtagspause von mindestens V/a Stunden ge»
Willkür und Launen mit der Gemütsruhe des trotzigen Märtyrers zu ertragen, der nur auf feine Stunde wartet, um zwiefaltig Vergeltung zu üben. — Meine Mutter überraschte mich eines Tages, als ich mich an saftigen Pflaumen erlabte, die ich heimlich aus dem Obstgarten eines Nachbarn genommen hatte. Sie verwies mich mir strengen Worten und verkündete, daß meine Uebcltat ihre Strafe finden würde. Als zwanzigjähriger Student bot sich mir Gelegenheit, den Fruchtgarten jenes Nachbarir von neuem zu betreten, und ich benverFte sofort, daß hier alles noch genau so war, wie vor Jahren. Nur der Pftaumepbaum, dem ich meinen verbotenen Schmaus verdankte, 'stand entblättert da; er ivar bis in die Wurzelir verdorrt. Ich konnte nicht umhin, dem eigentümlichen Vorfall eine tiefere symbolische Bedeutung teizulegen, und als solckes steht das Geschehnis auch heute noch vor meinen Augen." Zu den stärksten Eindrücken aus seinen Jugendzeit rechnet der Dichter im übrigen den Tod seiner Mutter und die tyrannischen Erziehungsjahre ihrer Nachfolgerin, seiner späteren Sitefmutker. „Meinem Vater gegenüber beseelte mich stets das Gefühl der Feindseligkeit. Seine Schuld war es, daß meine Jugend im ganzen so düster und freudlos für mich dahin- schwmkd." Ucber seine ersten schriftstellerischen Versuche äußert sich der Meister wie folgt: „Das Versernachen ist von Hause aus gar nicht mein Metier: ich hatte als Jüngling mich zuweilen damit geplagt, aber dcr Erfolg war nur nicht hold. Ich suchte Ersatz im Dienste Thaliens, ging »um Theater und fiel durch. So gründlich, daß ich gleich von der Probe weg spornstreichs nach Hause eilte unb den Inhalt einer mächtigen Opiumflasche heruntcrstürzte. Aber mit dem Vergiften ging es auch nicht: man fand mich übel zugerichtet, aber im Grunde wohlauf stuf dem Sofa liegend und sorgte dafür, daß ich schleunigst aus dein Zimmer kam. Tags daraus fühlte ich, wie ein eigentümliches Fieber sich meiner bemächtigte: ein Traumzustand, der mich in Ekstase versetzte und mir schließlich halb unbewußt die Feder in die Hand drückte. Einige Tage später war das erste Drama vollendet, ein Zkveiakter, dem in Kürze ein Dreiatter und Fünf- atter in Versen (Harmonie) folgte - auch ein großes Kulturdrama, „Christus" betitelt, kam in Arbeit, wurde aber nur zur Hälfte fertiggestellt und als F-ragmenr verbrannt." Unter den fremden Dichtern und Dramatikern will Strindberg von den Vertreteon der römischen und griechischen Klassik die ftärfften vorbildlichen Impulse empfangen haben. Vor allem bewundert ec £rti), ebenso -Horaz, während ihn Homer schon auf der Schulbank aufs äußerste langweilte. Als Knabe schwärmte er für Andersens Märchen, die ihn auch heute noch in mancher Hinsicht als wundersstme Offenbarungen anmuten. In seiner Studienzeit enrpsing er neue bleckende Eindrücke nur noch von Victor Hugo und Charles Dickens, du chm speziell in Bezug auf die Pflege des stililtisä-en Ausdrucks vorbkldlkch erschienen und in der Tat zuletzt seine Lehrer unb Vorbilder werden sollten.
“ Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft. Tie Gew e r h a u s st e l l u n g des Vereins h i r s ch g e r e ch t e t Taunus jäger findet vom 3—7 April zu Frankfurt a. M. statt.


