Nr. 136
Zweites Blatt
Montag 14. Juni ISO»
ISS. Jahrgang
Giehener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Gberheßcn
Rotationsdruck und Verlag der Bruhlfch« UniversitälS - Buch- und Steil,druckerei. 9L Lange. Gießen.
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Die „«tthener Famili«n''!aNer- werden dem .Anzeiger" viermal Wochen lich belgelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Die Serichtfeststellung in der zinanzkommisston.
Die Finanzkommission trat am Samstag vormittag 10 Uhr Zur Feststellung der Berichte zusammen. Sämtliche Kommisi'ions- mitglieder sind anwesend, mit Ausnahme der sozialdemokratischen. Es liegen zlvanzig Emzelberichte vor, daneben eine Zusammenstellung aller Beschlüsse sowie zwei Anlagen über die Vorgänge in der Kommission, bte zur Niederlegung des Vorsitzes durch Dr. Paasche und hernach zum (Äedus der Linken geführt haben. Ter Vorsitzende Freiherr v. Richthosen spricht den Berichterstattern den Tank der Kommission aus.
Bei Eintritt in die Verhandlung gab Abg. Fuhrmann lnatl.) folgende Erklärung ab: Meine politischen Freunde haben die Teilnahme an verschiedenen Beratungen außer aus anderen Gründen auch deshalb verweigern müssen, weil sie sie als geschästs- ordnungswidrig anzusehen genötigt waren. Wir erfüllen heute unsere selbstverständliche Pflicht, an der Berichtseststellung mitzuwirken. Wenn wir unsere Unterschriften auch den Berichten nicht verweigern, d-ie über die von uns beanstandeten Verhandlungen erstattet werden, so geschieht es, indem wir gleichzeitig noch einmal unseren formellen Protest gegen die Zulässigkeit dieser Verhandlungen und Beschlüsse erneuern und uns für das Plenum alle nötigen Schritte Vorbehalten, um die verletzten Be- stimnrungen der Geschäftsordnung des Reichstages wieder zur Geltung zu bringen.
Ab«. Mommse n (frs. Bgg.) schließt sich dieser Erklärung im Namen der linkslib. Fraktionsgemeinschaft vollinhaltlich an und ersucht, in den Generalbericht eine objektive Darlegung der Vorgänge aufzunehmen, die Dr. Paasche und die gesamte Linke zu ihrem Vorgehen veranlaßt haben, ferner in die Berichte über btejenigen Gegenstände, bei deren Beratung die Linke nicht mitgewirkt hat, einen errtsprechenden Vermerk aufzunehmen.
Vorsitzender .Frhr. v. Richthofen bittet, um die Zeit der Kommission nicht zu vergeuden, auf die Ge- schästsordnungssrage nicht einzugehen: diese werde ihre Erledigung im Plenum sinden. Die Mehrheit müsse nach wie vor sich gegen die Behauptung einer Verletzung der Geschäftsordnung entschieden verwahren.
Abg. Gröber (Ztr.) ersucht um die Aufnahme auch dieser Erklärung des Vorsitzenden in den Bericht, denn er und seine Freunde wollten den Vorwurf der Verletzung der Geschäftsordnung nicht auf sich sitzen lassen.
Cs wird den Anträgen der Abgg. Mommsen und Gröber entsprechend verfahren werden.
Tie Feststellung der Berichte nimmt nunmehr einen sehr raschen Verlauf. Zunächst wird der Bericht über die Tabaksteuer auf Antrag des Abg. tzormann (frs. Vp.) en bloc angenommen mit der Maßgabe, daß der Berichterstatter ermächtigt wird, in Gemeinschaft mit dem Regierungsvertreter kleine redaktionelle Aenderuugen vorzunehmen. Dies wird überhaupt für alle Berichte beschlossen.
Beim Bericht über die Brausteuer wird nochmals die Frage erörtert, ob im Bericht Namen von Abgeordneten oder Parteien gebracht werden dürfen. Aus Antrag des Abg. F u h r - mann (nzrtL) beschließt die Kommission, davon allgemein abzusehen.
Zum Bericht über bte Branntweinsteuer — Entwurf eines Gesetzes über den Zwischenhandel des Reichs mit Branntwein — liegt ein Schreiben des Schatzsekretärs S y d o w vor, das Bezug nimmt auf den Beschluß der Kommission über die Zuweisung von Kontingenten an Brennereien, bet denen die zugehörigen Brennereigüter im wesentlichen zum Rübenbau übergegangen sind. In dem Schreiben wird dargelegt, daß es mit den gesetzlichen Vorschriften in Widerspruch stehen würde, eine solche Brennerei lediglich deshalb der Neuveranlagung zum Kontingente zu unterwerfen, weil das Brennereigut ohne erhebliche Veränderung der Gesamtgröße der landwirtschaftlichen Zwecken dienenden Bodenfläche im wesentlichen zum Rübenbau übergegangen, somit nur in der Art der landwirtschaftlichen Benutzung eine Aenderung eingetreten ist.
Das Schreiben des Schatzsekretärs wird als Anlage dem Bericht beigegeben werden.
Vom Abg. Frhrn. v. Gamp (Rp.) wird folgendes in den Bericht ausgenommen: Von einem Mitgliede der Kommission wurden vom Standpunkt der Brennereimteressen Bedenken gegen das Monopol geäußert: es fehle eine Sicherung des Spirituspreises, da der Begrifs der „Produktionskosten" fein objektiv feststehender sei: es fehle ferner die Gewähr für die Abnahme des hergestellten Branntweins: insbesondere mußte die Verwendung von Spiritus zu gewerblichen Zwecken, da nicht vollständig vergällter Brannt- rocin nicht unter den Produktionskosten abgegeben werden dürfe und die Schutzfrist für den vergällten Branntwein auch
nur auf fünf Jahre bemessen sei, einen erheblichen Rückgang erfahren. Diese Bedenken ließen sich aber durch Aenderung des Monopolentwurfs beseitigen.
Mit ganz unwesentlichen redaktionellen Aenderungen werden sodann die Berichte über die einzelnen weiteren Steuervorlagen aenehyngt: Die Regierungsentwürse über die Nachlaßsteuer, das Erbrecht des Staates, die Novelle zum Erbschaftssteuergesetz, die Weinsteuer, die Elektrizitäts- und Gassteuer, Anzeigensteuer, das Finanzgesetz (Matrikularbeiträge, Fahrkartensteuer, Zuckersteuer, Ablösung der Unfallversicherungsprämien, ferner die Mehrheitsbeschlüsse über Kaffee- und Teezoll, Besteuerung der Beleuchtungsmittel und Zündwaren, Ausfuhrzölle von Kohlen und Koks.
Beim Bericht über die Mühlenumsatzsteuer kommt es zu einem Zusammenstoß zwischen den Abgg. Mommsen (freit Vgg.) und Gröber. Die Abgg. Fuhrmann und Mommsen tadelten an dem Bericht des Abg. Erzberger, daß dieser die Verhandlungen ut der Kommission mit denen über den Initiativantrag im Plenum verquickt habe. Abg. Erzberger berief sich demgegenüber auf die Beschlüsse der Kommission. Abg. Gröber bezeichnete es als unerhört, daß die Linke derartige Kritik an einem Bericht übe, während sie bei der Verhandlung nicht mitgewirkt habe. Was in den Bericht aufgenommen werden solle, darüber entscheide die Mehrheit der Kommission.
Abg. Mommsen erwiderte, er verzichte darauf, in den- gtben Ton zu verfallen, halte aber daran fest, daß gemäß dem eschlusse der Kommission nur die Reden der damaligen Antragsteller im Plenum Dr. Rösicke und Speck als Anlage zum Bericht gegeben werden dürften.
Abg. Erzberger verwahrte sich dagegen, seine Befugnis überschritten zu haben. Die Auffassung der Kommission sei der seinen durchaus konform gewesen.
Es wird beschlossen, die Plenarreden der Abgg. Dr. Rösicke und Speck, dem Beschlüsse der Kommission gemäß, ut den Bericht aufzunehmen mit den entsprechenden Erklärungen der Regierungsvertreter.
In kurzer Frist werden auch die Berichte über die Besitzsteueranträge festgestellt. Damit ist die Arbeit der Kommission erledigt.
Abg. Raab (wirtsch. Vgg.) fordert die Kommission auf, den beiden Vorsitzenden, Dr. Paasche und Freiherrn von Richthosen, den Dank zu votieren. Sie batten eine riesengroße Aufgabe erledigt. Zuerst habe sich ihr Dr. Paasche mit großem Geschick unterzogen, bis zu dem Augenblicke, daß er zurücktrat, und ihm folgte Freiherr v. Richthosen, der in glücklicher Weise die vorliegenden Schwierigkeiten zu überroinbäi verstand. Wenn, wie wir hoffen, unsere Beratungen zum guten Ende führen, dürfen beide Vorsitzenden ein gut Teil des Verdienstes daran für sich in Anspruch nehmen. (Beifall.)
Der Vorsitzende Freiherr v. Richthofen erwidert dankend. Jedes Mitglied der Kommission verdiene für jede Sitzung, an der es teilgenommen habe, denselben Dank. Der Vorsitzende wird Dr. Paasche, der nicht anwesend ist, Mitteilung von der Dankesäußerung machen.
Um 23,4 Uhr schließt die Sitzung.
Oolitrsche Lagesschau.
Fürst Eulenburg.
Die Beschlußkammer des Landgerichts beschloß in der Verhandlung am Samstag, die von dem Fürsten Eulenburg zu fieltenbe Kaution von 100 000 auf 500 000 Markzu erhöhen. Bon dem Beschluß wurde der Fürst durch seinen Rechtsbeistand verständigt. Schon um 10 Uhr war die Summe von denselben Finanzleuten, welche die erste Kaution aufgebracht hatten, beschafft und dem Oberstaatsanwalt ausgehandigt worben. Fürst Eulenburg ist darauf gestern nachmittag nach Liebenberg ab gereift. Nach dem Urteil der Aerzte ist der Fürst vorerst noch nicht verhand-- lungsfähig: das Gericht beschloß daher zunächst, noch bis Anfang Juli zu erwarten. Wie die Morgenpost erfährt, wird der zweite Prozeß gegen den Fürsten Eulenburg wegen Meineid bereits in der ersten Hälfte des Juli stattfinden. Den Vorsitz wird wieder Landgerichtsdirektor Randow führen.
Ter Verband deutscher Bankbeamten
hielt am Sonntag in Dresden feine neunte ordentliche Hcmpt- versammlung ab. Unter anderen die berufliche Ausbesserung des Bankbeamtenstandes bezweckende Resolutionen wurde auch eine Resolution einstimmig angenommen, in der sich die Versammlung aus das entschiedenste gegen die Beschlüsse der
Finanzkommission des Reichstages ausspricht und die Bitte an die Reichsregierung richtet, den geplanten Belastungen von Handel, Industrie und dem Bankgewerbe, die ntcht nur die deutsche Volkswirtschaft schädigen, sondern auch die wirtschaftliche und soziale Entwickelung des Bankbeamtenstandes außerordentlich hindern würden, in keinem Falle ihre Zustimmung geben zu wollen.
Deutschfeindliches aus Italien.
Auf den 20. Juni ist eine Versammlung sämtlicher Bürgermeister der Orte am Gardasee, der Deputierten der Gegend, der Mitglieder der Provinzialrüte, sämtlicher Vereine für Fremdenverkehr nach Verona einberufen, um Maßregeln gegen die weitere Germanisierung des Gardasees zu erörtern. Als wirksame Gegenmittel betrachtet man tunlichste Unterdrückung aller nicht italienischen Firmen«, fchilder, das Verbot, Villen mit Giebeldächern und im nor- oiscl-en Stil zu bauen und endlich die Heranziehung von Touristen aus England, Frankreich, Belgien und Rußland, um den Einfluß der deutschen Fremdenkolonie zu bekämpfen. Hoffentlich werden die deutschen Touristen sich das merken.
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Eine interessante Sitzung in der türkischen Kammer.
Die Kammer verhandelte am Samstag zunächst über den Gesetzentwurf betreffend die Altersgrenze der Offiziere. In der Debatte wurde wiederholt auf die deutsche Armee hingewiesen, deren Organisation und Disziplin mustergültig feien. Der Präsident teilte sodann mit, daß ein von fünf Abgeordneten unterzeichneter Antrag eingegangen sei, den Minister des Auswärtigen über die Kr e t a f r a g e zu interpellieren. Der Antrag nimmt Bezug auf die bevorstehende Räumung Kretas von den Truppen und betont, die Türkei werde niemals die Lostrennuny der Insel zulassen. Die ganze Welt müsse wissen, dast die Türkei sich vor eiiu'fait accompli nicht beuge und die Regierung müsse endlich die Politik des Zauderns aufgeben und genaue Aufklärungen bezüglich der Verhandlungen mit den fremden Mächten liefern. Der Antrag, der im Hause große Anteilnahme erweckte, wurde mit lebhaftem Beifall angenommen, und beschlossen, den Minister des Auswärtigen aufzufordern, am Mittwoch oder Donnerstag in der Kammer zu erscheinen. Nachdem das Haus hierauf eine große Reihe Anträge schnell erledigt hatte, rief der Antrag Mustapha auf Einführung der europäischen Zeit eine stürmische Erregung hervor. Die Ulemas versuchten, der Frage eine religiöse Bedeutung zu geben. Als der Antrag dennoch von der Majorität angenommen wurde, steigerte sich die Opposition zu ohrenbetäubendem Lärm. Tie Deputierten drohten, handgemein zu werden. Der Präsident versuchte vergebens, für eine nochmalige Abstimmung die Gemüter zu beruhigen, ohne sich jedoch Gehör zu verschaffen, erklärte schließlich die Sitzung für geschlossen und verließ unter allgemeinem Tumult den Saal. Zugleich wurde dieser Antrag vom Senat ohne Zwischenfall angenommen.
Zur Lage in Persien.
Nach einer Meldung aus Taebris vom 11. ds. Mts. kam es infolge eines Srreites des türkischen Konsuls mit der Gendarmerie zu einem Zusammenstoß zwischen der Gendarmerie und türkischen Truppen. Dabei hatten die ersteren 12 Tote, die letzteren 7 Tote und 9 Verwundete. Außerdem wurden 20 türkische Soldaten gefangen genommen. Der Gouverneur ist nach Urmia geflohen. Im russischen £ager bei Taebris ist Dysenterie ausgebrochen, die schon in mehreren Fällen einen tödlichen Verlauf genommen hat. Selegiettejwersümmiung bes deutschen Flottenvereins
der Prsvinziaigruppe Serlm-Sranbenburg.
S. u. H. Potsdam, 13. Juni.
Unter zahlreicher Beteiligung von Delegierten und in Anwesenheit des Präsidenten des Deutschen Flottenvereins Großadmirals v. Köster, trat heute vormittag im Zivilkasino die
kleines FeniUeton.
— Chauchard, der Begründer der Magafins du Louvre des weltbekannten Pariser Modewarenhauses, ist am vergangnen Samstag im Alter von 88 Jahren in Paris gestorben Er war 23 Jahre alt, da maß er noch als Ladengehilse mit dem iämmcrticfien Monatsgehalt von 100 Fr. der Kundschaft das Zeug ab, die in einer der engen und dunkeln ^eitemtraßen des Palais Roval das Geschäft seines Brotherrn aufsuchte. „Au panvre biable" hieß es. Der Name kennzeichnete zugleich die Kundschaft den Brotherrn, das Geschäft und seinen einzigen Ladcn- gebilien, der unter der Ladenbank abends sein Bett ausschlug und morgens seine Tätigkeit mit dem Besen in der Hand eröffnete, um es dann mü der Elle fortzufetzen. Dreißig Jahre später, im Jahre 1885, zoa sich dieser ehemalige Ladengehilse, nachdem er inzwischen bte Grands '^Ragosins du Louvre begründet und zu einem Welthaufe emporgehoben hatte, als vielfacher Millionär uom Geschäfte zurück, kaufte sich mit einem Teil^,einer Millionen vorsichtshalber eine jährliche Lebensrente von roOOOO Fr. und behielt den Rest feines Vermögens, etwas über 200 von den 150 Aktien, mit denen er bei einem Ausgabewerte von je 2o00 Fr. die Magafins du Louvre im Jahre 18o5 ^damals noch in lehr befcheidenen Verhältnissen im Vergleich zu ihrem spätern Umrange, eröffnet hatte, als weiteres Anlage- und spekulatives Kapital in dem Geschäftsbetrieb des Louvre. Man bezifsert bte Einnahme, die es ihm in den letzten Jahren abmars, aus 7 Millionen Franken jährlich Als Stadtwohnung hatte sich Chauchard inzwischen einen Palast in der Avenue Velasquez zugelcgt, den er mit verschwenderischer Pracht ausltatlete, als Sommerwohnung den allen Besuchern des Rennseldes von Longchamps wohlbekannten Landsitz, dessen weißer, weithin sichtbarer Ban am ^Wcge nach Suresnes.unmittelbar dem Rennseide gegenüberhegt. x\in übrigen verwandle er seine Reichtümer daraus, den Philanthropen und Kuilstmäzen zu spielen. Alljährlich wandte er, eine Million am für Gaben an Vereine und Wohltätigkeitsan,talten, namentlich für die Versorgungskaffen der Angestelkten des Louvre. Lie hatten nur die eine unangenehme Zugabe, daß er mit betreiben Regelmäßigkeit, wie er sie auf den Tag und die stunde immer den gleichen Körperschaften zugehen ließ, auch die Zeitungen darüber vor der Oefjentlichkeit quittieren ließ. Das war leine große Schwäche, die Eilelteit und der Ehrgeiz des Parvenüs, der vor allem selbst bewundert werden wollte. Wie weit dies ging, dafür ist eins besonders charakteristisch. Alljährlich zweimal :m .Jahre pflegte Chauchard mit dem Prä f ident en der Republik als ictncm Gaste einige Berühmtheiten des politischen Lebens, nut denen er jiji) is hesoyberex Freundschaft verbunden fühlte, üi Longchamps
um sich zu versammeln und sie lukullisch zu bewirten. Der ehemalige Unterrichtsminister Georges Leygues unterzog als der Hauvtfreund des Gastgebers sich hierbei der regelmäßigen Ausgabe, dessen philanthrovische Verdienste in einer kleinen Rebe leuchten zu lassen. Chauchard bestellte sich mit derselben Regelmäßigkeit auch den Stenogravhen, der diese Rebe ausnehmen unb ihm hernach in Schönschrift zu wieberholtem Genüsse aushänbigen mußte. Als Kunstmäzeii war Chancharb bas durch alle möglichen Kniffe unaufhörlich aui das Korn genommene Opfer der Kunsthändler, die Gutes und Schlechtes loswerben unb auf jeben Fall hierbei Verdienste einljeimfen wollten, die bei irgendeinem andern zu erzielen ihnen unmöglich war. Chauchard kaufte grundsätzlich nur, was durch seinen Preis auffiel. Man schätzte seine Gemäldesammlung, die er aus diese Weise sich zulegtc unb die namentlich die Schule von Barbizon umlaßt, auf 26 Millionen. So viel hat er für sie ausgegeben. Ob sie so viel werk ist, t*ad ist eine andere Frage. Jedenfalls enthält sie aber neben manchen mittelmäßigen auch anerkannte, weltberühmte Meisterstücke, darunter den berühmten Angelus von Millel, den er für 700 000 Fr. aus Amerika zurückkaune. Chauchard hat seine ganze Kunstsammlung dem Staate für bas Museum bes Louvre vermacht, unter der Be- bingung, baß sie als Museum Chaucharb bori Ausstellung sinbe.
— Ein Gainsborough-Funb. Aus Lonbon wirb berichtet: Völlig unbeachtet hing lange Jahre in dem Sitzuilgssaal des Stasford-Spirals ein prächtiges Porträt eines Mannes, der für den „Vater" der Stiftung galt, bis das' Gemälde jüngst von Sir Walter Armstrong von der Dubliner Rakional-Galeric untersucht wurde, der es als einen Gainsborough ecfaimte. Tas Bild wird jetzt in London einer Restauration unterzogen: wie hoch sein Wert plötzlich gestiegen ist, zeigt die Tatsache, daß es sür 80000 Mark versichert wurde. Das Bild ist um das Jahr 1783, fünf Jahre vor des Künstlers Tode, gemalt und ist ein Porträt von John Eid.
— Eine Z e i t g e n o f f t n über Heine. Nach der „Morning Post" geben ircmzösifche Blätter einen Brief wieder, den eine Engländerin, Lady G., im September 1835 von Paris aus an ihren Oheim, Lord C..., richtete, unb in bem sie von einem Abend berichtet, den sie bei Frau Zaubert zubrachte, um den berühmten Komponisten Bellini kennen zu lernen. Hier traf sie auch mit Heinrich Heine zusammen, von bem sie, völlig unbekannt mu ieme;: Werken, folgende Schilderung gibt: »Heine ist, rote alle Deutschen, ein bißchen lästig unb langweilig, weil er mit seinen Geschichten nie zu Ende kommt. Er hat natürlich Talent, unb
man sagt, baß cr munberbare Bücher geschrieben habe, aber ich verstehe nicht Teulsch. Er spricht gut französisch; aber man wird mit ihm nicht fertig, beim er spricht über einen Gegenstanb auch dann nach, wenn man schon längst genug davon hat. . . Man merkt trotzdem sofort, baß Herr Heine ein interessanter Mann ist unb daß er von Zeit zu Zeit intereficmte Tinge zn lagen weis;. Er trägt dicke Brillengläser; feine langen Haare sind sehr blonb und fallen aus die Schiiltern herab. Tas ist Heinrich £eine 1 . . . Beim Essen sagte Heine spöttisch, baß die Franzosen immer nur ausländische Dichter, wie Goethe unb Byron, zu ihren Idolen erhöben . . . „Unb doch haben Sie zu Hause einen großen Dichter, der mehr wert ist als alle diese ausländischen Dichter znsaininen- genommen." Jemanb rief „Viktor Hugo?" — „Nicht daran zu denken" erwiderte Heine. „Viktor Hugo ist wie ein Rad, dos sich ganz zwecklos im Welkenranin dreist. Worte, nichts als Worte und immer wieder Worte — keine Ideen, kein wahres Gefühl. Er schreibt mit grandiosen Akzenten über . . . nichts." — „Wer ist beim nun aber unser großer Dichter?" fragte Frau Joubert. — „Müsset", sagte Herr Heine. Alles lochte, unb Iran Jaudert sagte: ..Ein sehr hübsches Kompliment.'' Herr von Müsset nahm den Scherz so auf, wie wir alle. Alle sagten übrigens, baß er wirklich nette Sachen schreibe im Stil bes Lord Egerton . . . Müsset aber war den ganzen Abeub brummig rote ein Bär". Schließlich erzählt bie Lady die schon vor einiger Zeit von anberer oeite berichtete Anekdote, baß Heine bem Bellini in neckender, satirischer Form den frühen Tod prophezeit habe.
— Genies als Spätgeborene. Die Annahme, daß das Genie bte Frucht ber ersten feurigen Liebe sei, bestätigt sich selten. Nach den Untersuchungen L. G Robino- vitchs find die großen Männer vielfach sogar die letzten Sprößlinge einer größeren Familie. Be^amin Franklin war das letzte von 17, Eoleridge und Franz Schubert das letzte und vorletzte von 14, Washington Irving das letzte von 11, Napoleon von 8, Rubens und Richard Wagnev von 7, Rembrandt von 6 Kindern. Karl Maria von Webev war das neunte Kind seiner Eltern. Die Mehrzahl der großen Männer wurde aeboren, als ihre Eltern im reiferen Alter, um die dreißig herum, standen, also zu einer Zeit, wo ihre Energie und Reife auf der Höhe war. Unter 74 berühmten Leuten, deren Lebensgeschichtc Robinovitch mit- teilt, waren nur 9 Erstgeborene, nämlich unter 42 Dick>- tern und Schriftstellern 6, darunter Milton und Heine, von 17 Malern einer, Leonardo da Vinci, imb unter 17 Musikern, zwei Brahms und Rubinstein.


