Ausgabe 
11.2.1909 Zweites Blatt
 
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Nr. 35 Zweites Blatt

159. Jahrgang

Donnerstag, 11 Februar 1909

Erscheint Kgllch mit Ausnahme beS Sonntags.

Die wÜtbtMr JemiHenblätter* werden dem .Anzeiger? viermal wöchentlich beigelegt, das Kretsblatt für dev Krei* Lietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftliche!» Seit- fragen" erscheinen monatlich -wermal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesjen

Rotationsdruck und Verlag der VrühNchea

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St Lang», Dießen.

Redaktion, Dxpedüion und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^@5L RedaktiomL^lIL Tel.-Adr^AnzeigerGießen«

Deutscher Reichstag.

208. Sitzung, Mittwoch, 10. Februar. 2 Uhr.

Am BundeSratstisch: v. Dethmann-Hollweg.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung pünktlich 2 Uhr. Das Haus ist fchlvach besetzt.

Der Etat beS Reichsamts des Inner«.

(Sechster Tag.)

Abg. Behrens (Wirtsch. Vg.) :

DaS Vorgehen der Aerzte in Köln geht ent­schieden zu weit. Auch wer ein Anhänger des uneingeschränkten ÄoalitionSrechteS ist, braucht mit dem Verhalten der Kölner Aerzte nicht einverstanden zu sein. (Sehr richtigI) Ich glaube auch, daß ein großer Teil der Aerzte den Streik ihrer Kollegen in Köln mißbilligen werden. Das Streikrecht muß Halt machen, wenn eS sich um Leben und Gesundheit von Men­schen handelt. (Sehr richtig!) Die liberalen Parteien, be- SonderS die liberalen Herren von der Waterkant, haben kein kecht, sich so sehr über die Maßregelungen von Stei­ge r n in Oberschlesien zu entrüsten, wie eS Dr. Struve gestern getan hat. Er mag zunächst einmal dafür sorgen, daß von den liberalen Großreedern das Koalitionsrecht der Schiffs- offizier« gewahrt toirb. (Sehr richtig! rechts.) Eine Denkschrift über die Lage der reinen Walzwerke ist nicht not­wendig; denn diese Lage ist bekannt. Die vertraulich gegebenen Geschäftszahlen, von denen der Staatssekretär gestern sprach, sind auch langst bekannt. Ich habe sic wenigstens dieser Tage in der »Kölnischen Zeitung" gelesen. Für staatliche Maßnahmen zu Gunsten der reinen Walzwerke find meine politischen Freunde zu haben. ES sollte aber auch etwas für den deutschen Erz­bergbau geschehen, der sich in einer großen Notlage befindet. Besonders im Siegener Revier sollten Maßregeln ergriffen wer­den, um eine gesunde Entwicklung wieder zu ermöglichen. Der Siegener Erzbergbau hat vor allem schwer unter der Kon­kurrenz des Auslandes zu leiden. Auch dem Lothringer Bergbau sollte die Reichsregierung ihre Aufmerksamkeit zuteil werben lassen. Ueber die Arb c it e rvc r hält nisse im Ruhrreviere ist mit Recht Klage geführt worden. Das schwarze Listensystem muß auf das entschicdendste verurteilt wer- bcn. 6000 Arbeiter auf Wochen hinaus auszusperren, das kann niemals gebilligt werden. Sie bestehen aber nicht nur im west- fälischen Bergbau, sondern auch bei den niederrheinischen Hütten­werken. (Hört, hört!) Diese haben sich gegenwärtig verpflichtet, allen Arbeiten:, die wenn auch ordnungsmäßig gekündigt haben, keine Beschäftigung zu gewähren. Hier handelt cs sich doch also nicht mehr uni eine Bestrafung des Kontraltbruchs, sondern um eine Aufhebung der verfassungsmäßig ge­währten Freizügigkeit. Ueberhaupt muß ganz generell zu den schwarzen Listen gesagt werden, daß sich mit ihnen die Unternehmer ein Strafrecht anmaßen, das ihnen ganz und gar nicht zukommt, zumal sie sich als Richter in eigener Sache aufspielen. Die Ankündigung der Versicherungsordnung begrüßen wir mit Freuden. Der Forderung eines Neichsberg- gesetzcs stimmen wir zu. (Beifall bei der Wirtsch. Vgg.)

Abg. Dr. Müller-Meiningen (Fr. Vp.):

Wir haben eine Resolution auf Vorlegung eines Reichstheatergesetzes eingebracht. Veranlassung dazu gab uns der jetzt ausgebrochene Kampf zwischen den Bühnen» leitern und den Bühnenangestellten. Die Schuld an diesem Streit ist keiner Seite besonders in die Schuhe zu schieben. Es handelt sich um ein Stück sozialer Entwicklung. Das Patriarch«- lrsche Prinzip, das bisher beim Theater herrschte, gerät eben ins Wanken. Die moderne, soziale Idee geht nun auch an die Pforten der deutschen Theater. Es ist höchste Zeit, daß hier die soziale Gesetzgebung eingreift, daß endlich einmal auf diesem Gebiet nach dem Rechten gesehen wird. Ich gebe zu, daß der neue Vertragsentwurf der Bühnenleiter, der in etwas schroffer Weise von den Bühnenangestellten abgelehnt worden ist, keinen Fort­schritt bedeutet gegenüber den bisherigen Zuständen. Die Bühnen­angehörigen haben aber auch das Recht, dagegen zu protestieren, daß sich ein Gewohnheitsrecht heranbildet, das einmal zur größten Gefahr für sie werden kann. (Sehr richtig! links.) Die bis­herigen Vertragsverhältnisse zeigen viele unwürdige Momente. Die ersten drei Wochen der Anstellung gelten einfach nur als Probezeit. Allerlei berüchtigte Klauseln spielen eine Rolle. Die Bühnenleitung hat alle Macht in den Händen. Sie kann die Angestellten ausnutzen und sie ohne weiteres auf die Straße werfen. Es besteht eine völlige Rechtlosigkeit der Bühnenangehörigen. Die Prefie hat genug Beispiele darüber veröffentlicht. Die Bestimmungen über den Vertragsbruch sind unerhört. Die Kontraktbrüchigen verfallen nicht nur einer hohen Konventionalstrafe, sie können auch auf noch drei Jahre lang boy­kottiert werden. (Hört, hört! links.)

Die Bestimmungen sind geradezu unsittlich. Ein großer Krebsschaden sind auch die Agenturen. Hoffentlich gelingt es den Organisationen der Bühnenangehörigen endlich einmal, die Stellenvermittlung selbst in die Hand zu nehmen. Wie steht es mit der Regelung der Gebührenfrage bei den Theater­agenturen ? Hat die Regierung in dieser Beziehung irgend welche Schritte unternommen? Die Konservativen verlangen Er­hebungen über die ganze Frage. Aus diesem Stadium sind wir aber längst hinaus. Das Material liegt in Mafien vor. Darüber, daß Mißstände bestehen, kann doch kein Zweifel mehr herrschen. In der Zeitschrift der deutschen Bühnengenofienschaft werden zum Beispiel Schauspielerinnen angeboten, deren elegante Garderobe und schöne Erscheinung besonders hervor, gehoben wird, und zwar eine jugendlich-dramatische Schauspielerin für 80 Mark monatlich, eine erste Opern- und Operettensängerin mit herrlicher Stimme für 100 Mark, eine zweite Liebhaberin, bildschön, für 40 Mark im Monat. (Lebhaftes Hört, hört!) Eine erste Liebhaberin ist für 100 Mark zu haben. Naive und Sentimentale kriegt man noch viel billiger. (Heiterkeit.) Welcher Abgrund von Versuchungen und Lockungen schlum­mert hinter einem solchen Angebot! (Sehr richtig! links.) Hier liegt ein Abgrund von Unsittlichkeit. Wenn jemand die Unsittlich- leit ernstlich bekämpfen will, dann muß er dafür sorgen, daß hier etwas geschieht. Außerordentlich bedenklich ist auch die Ko st um­frage. Hinter den glänzenden Trachten und dem bunten Flitterzeug verbirgt sich das Elend und die Prostltutwn. Auch auf den internationalen Frauenkongrefien ist bereits anerkannt wor­ben, daß sich der Luxus a u f b e r Bühne schon zum Paroxls- mus steigert. Dabei ist das Einkommen der Bühnenangehorigen im Durchschnitt außerordentlich gering. Nur wenige Bühnensterne haben 80 000 oder BO 000 Mark Einkommen. 50 Prozent aller Schauspieler haben weniger Einkommen als 1000 Mark. (Leb­

haftes Hört, hört!) Von den 25 000 Buhnenangehörigen haben nur 10 Prozent über 3000 Mark Einkommen. Die großen Bühnenfterne können es sich Wohl erlauben, die Direkwren zu schikanieren, sie schädigen aber ihre weniger gut gestellten Be- rufsgenofien damit, denn cm ihnen läßt dann der verärgerte Direktor seinen Grimm aus. AuS diesen Mißständen müfien wir heraus. Ich denke mir eine Lösung, die auf den §§ 63 und 70 des Handelsgesetzbuches fußt, Es wäre schlimm, wenn wir die Schau­spieler in die Gewerbeordnung hineinnehmen müßten.

Im Jnterefie der deutschen Theaterkunde muß der gesetz­geberische Weg beschritten werden. Die Frage der Theater­konzession und der Zensur muß endlich einmal ge­regelt werden. Darum verlangen wir ein Reichstheater- geseh. Vom Zensor haben wir hier schon uri gesprochen. »Strafe genug ist sein entsetzlich Handwerk". (Heiterkeit.) Be­reits im Jahre 1886 ist von dem Abg. Miquel und Windthorft eine gesetzliche Regelung der ganzen Materie einschließlich der Zensurfrage empfohlen worden. Im Jahre 1901 brachten wir einen ähnlichen Antrag ein, und von keiner Partei wurden die bisherigen Verhältniffe verteidigt. Das Komische an der Theater, zcnsur ist ihre lokale Unberechenbarkeit. Einmal tappt sie hier- hin, ein andermal dorthin. In einem Orte gilt ein Stück als unsittlich und im anderen Orte nicht. Sie hat eine Fülle von Lächerlichkeiten geboren. Gewiß ist es besser ge­worden gegen früher. Aber damals war es auch schon bald zu arg. Der Zensor machte die tollsten Sachen, und oft brachte er gerade durch seine Abstriche die Unsittlichkeit erst in ein Stück hinein. In den Jahren 1900 bis 1903 schrien ja die Helden- taten des Zensors zum Himmel. Ich erinnere nur daran, daß imCyrano de Bergerac" die^Stelle gestrichen wurde, wo dem Lieblingshunde ein Klystier gegeben wurde. (Große Heiterkeit.) Ich erinnere an das Verbot bet »M aria von Magdala" von Paul Heyse, ein Stück, ba-5 ein Hymnus auf die Person Jesu ist. Es gibt noch eine Fülle weiterer drolliger Sachen, die Damals der Berliner Zensor sich zuschulden kommen ließ. Von den einfachsten Dingen bis zum staatlich konzessionier­ten königlich preußischen Jodler Otto Re unters im Wintergarten. (Heiterkeit.) Ich hoffe, daß der Ze"wx durch mein Lob nicht etwa üppig werden wird. Es kommen ja auch jetzt noch allerlei Unglaublichkeiten vor. So sind auch wieder bei dem Stück »Meißener Porzellan" von Hans von Kahlenberg eine ganze Reihe von urkomischen Abstrichen gemacht worden. Da kommt eine polnische Gräfin Potschinska vor. Sie hat von Friedrich dem Großen zu sagen: Decken Sie ihn, er schläft nur, mit offnem Munde wie ein Kutscher! Der offne Mund wurde vom Zensor gestattet, aber der Kutscher als Majestätsbeleidigung gestrichen. (Heiterkeit.) Nun hat sich der Unglückswurm von Zensor aber auch an Orte gewagt, wo er bisher nicht aufgetreten ist, nach Stuttgart und nach Hamburg. In Stuttgart hat man sogar ein Stück verboten, oas in Berlin voriges Jahr aufgeführt wurde. (Der württembergische Bevollmächtigte ruft: Das Verbot ist aufgehoben!) Dann freue ich mich, daß die schwäbische Polizei so vernünftig ist. Aber in Hamburg hat man wieder dieTeufelskirche" verboten.

Die ganze Theaterzensur ist nur eine Reklame für schlechte Stucke. In Bayern wird in solchen Fragen ein künstleri­scher und literarischer Beirat gehört, warum schafft man in Preußen nicht auch zum Ueßergange wenigstens eine solche Institution? Am besten wird jedenfalls die ganze Theater­frage gelöst, wenn man energisch gegen die blöden Schaustellungen einschreitet und Volkstheater unterstützt, wie das Ber­liner Schillertheater. Dort kann das Volk selbst über die Stücke entscheiden. (Sehr richtig! links.) Es hat einen besseren Geschmack, als die Herren von der Rechten glauben. Man spricht viel von der großen Idee der Errichtung einer deutschen Nationalbühne mit einer Hochschule für Schauspielkunst. Wir stehen diesen Bestrebungen mit voller Sympathie gegenüber. Es ist notwendig, eine Hochschule für Schauspieler zu schaffen, wo der deutsche dramatische Vers unserer Klassiker gelehrt wird. Der dramatischen Kunst würden wir durch eine solche Institution einen unschätzbaren Dienst er­weisen. Ich bitte Sie, ohne jede Parteispekulation einmütig un­seren Antrag anzunehmen. (Lebhafter Beifall links.),

Abg. Dr. Frank-Natibor (Zentr.) führt Beschwerde über die Handhabung des Sprachen­paragraphen in Oberschlesien. Selbst im Ratiborer Kreise verhindere man in Versammlungen den Gebrauch der polnischen Sprache, obwohl 60 Proz. der Bewohner Polen sind. Die Leute lehnen nicht aus bösem Willen den Gebrauch der deut­schen Sprache ab, sie beherrschen sie nur nicht. Wenn der Staats­sekretär verspricht, gegen die Polen milder vorzugehen, dann will ich ihm herzlich gern sein Gehalt bewilligen. (Heiterkeit.)

Abg. v. Dirksen (Rp.):

Die s chwarzen Li st en haben, so Wenig sympathisch die Institution als solche auch sein mag, doch auch segensreiche Wir­kungen, da sie die Kontraktbrüche wesentlich einschränken. Von sozialdemokratischer Seite sind verschiedene Fälle vorgebracht toor- den, wo die Eintragung in die schwarzen Listen zu unrecht er­folgt sein soll. Demgegenüber erklären die betreffenden Zechen­verwaltungen, daß diese Angaben vollständig ungerecht sind, und daß nur ein bis zwei Fälle konstatiert wurden, wo die Eintragung wirklich ungerechtfertigt war. Wenn ich auch die Teilnahme für das Schicksal der Bergarbeiter verstehen kann, so darf dies doch nicht zum Unrecht gegen bie Arbeitgeber führen. Die Behauptung des Abg. Kulerski, daß Zechenverwaltungen selbst einen häufigen Wechsel der Belegschaften herbeizuführen wün­schen, ist geradezu haarsträubend. (Abg. Kulerski: Das ist ziffernmäßig nächgewiesen!) Der Abg. Naumann hat behauptet, daß die Arbeiter häufig den Kontrakt unterschreiben, ohne zu wissen, was sie unterschreiben, daß daraus bie häufigen Kontrakt- brüche entstehen. Mir ist es unbegreiflich, wie ein erwachsener Mensch etwas unterschreiben kann, was er nicht gelesen hat. Minbestens müßte er sich doch eine Uebersetzung beschaffen, ober einen Dolmetscher geben lassen. Wenn er das nicht tut, io kann ihm weder der Staat noch die Gesellschaft helfen. Jeden- falls muß et aber, wenn er den Vertrag unterschrieben hat, die eingegangene Verpflichtung auch einhalten. Der Wunsch nach OÖffentlichkeit der schwarzen Listen hat ja etwas für sich, aber andererseits würden bann bie Zechenverwaltungen unb die einzelnen Beamten wahrscheinlich von den Arbeitern in Verruf erklärt und bei der herrschenden Erregung auch rein körperlichen Gefahren ausgesetzt werden. Deshalb ist es mir sehr zweifelhaft, ob sich die Oeffentlichkeit wird Herstellen lassen.

Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg:

Die Beschiverden des Abg. Frank werden geprüft werden. Gegenüber dem Abg. Dr. Müller möchte ich bemerken, daß der Erlaß von Vorschriften über den Umfang der Befugnisse und Ver- tflichtungen, sowie über den Geschäftsbetrieb der Stellenvermitt­lungen der Bühnenangehörigen L a n d e s s a ch e ist. In Preußen ist eine entsprechende Verordnung am 31. Januar 1902 erlassen

worden. Im übrigen bin ich schon infolge der bei der Beratung der letzten Gewerbenovelle angenommene Resolution mit den Bundesregierungen in Verbindung getreten, über bie Frage, ob ein gesetzgeberisches Eingreifen in die Verhältnisse der Theaterange st eilten notwendig ist. Ich warte die Ent­scheidungen der Bundesregierungen ab, um auf dieser Grundlage und auf der Grundlage des mir von den Bühnenleitern unb -An­gehörigen überwiesenen reichen Materials baldige Entschlüsse zu fassen. Die Frage, ob eine Aenderung der §§ 32 und 83a und b der Gewerbeordnung notwendig ist, unterliegt bereits der Bera­tung in den betreffenden Refiorts. Ich nehme an, daß durch diese Mitteilungen den Wünschen der Konservativen Rechnung getragen ist. Ich hoffe auch, daß Dr. Müller ein Entgegenkommen darin erblickt. Bei dieser formalen Lage, in der sich die Sache befindet, möchte ich heute die materielle Frage einer Reform des Theaterwesens nicht erörtern.

Abg. Wieland (Südd. Vp.):

Wir begrüßen es, daß endlich das große Werk der Versicherungsgesetzgebung zustande kommen soll. Wenn ter Wunsch nach Parität bei den Krankenkassen laut geworden ist, so ist daran die Unduldsamkeit der Sozialdemo­kraten schuld, die in vielen Kassen die Zweidrittelmehrheit haben, unb bie diese Macht auch ausgenutzt haben. (Sehr richtig!) Wenn die Bestrebungen der Sozialdemokraten auf Terrorisierung der Minorität ein Ende nehmen würden, so würde auch an der bisherigen Stimmenzusammensetzung nichts auszusetzen sein. Dic großen Erfolge der Berufsgenossenschaften erleimcn wir freudig an. Auch wir wünschen, daß die jetzt geltenden Bestimmungen über den Reservefonds eine Erleichterung erfahren. Der Mittelstand bedarf der kräftigen Fürsorge der Regierung. Darum begrüßen wir es, daß dasHandwerksblatt" durch einen Reichszuschuß gefördert werden soll. Wir haben auch weitere Wünsche für das Wohl des gewerblichen und kaufmännischen Mit­telstandes, so vor allem umfafiende Einbeziehung in die Versiche- rungen, Beseitigung der Konkurrenz durch die GesängniSarbeit, Aenderung des Submissionswesens, Versicherung _ der Privat­beamten usw. Erfreulich ist, daß endlich das Gesetz über den un­lauteren Wettbewerb gekommen ist. Die volle Sonntagsruhe in Handwerk unb Industrie muß, abgesehen von Notarbeiten, durch­geführt werden. Im Handel geht das aber nicht in gleicher Weise. Aus Württemberg ist eine Petition mit 12 000 Unter­schriften aus allen Teilen des Landes an den Reichstag gerichtet worden, worin gebeten wird, es möge bezüglich der Sonntagsruhe im Handel bei den geltenden Bestimmungen bleiben. Die Land­bevölkerung macht vielfach ihre Einkäufe am Sonntag. Durch eine völlige Sonntagsruhe im Handel würde der seßhafte Mittelstand schwer geschädigt und das Hausiererwesen be­günstigt werden. Wir dürfen die Bewegungsfreiheit des Mittelstandes, der ein wichtiger Bestandteil des deutschen Volkes ist, nicht noch mehr hemmen. Gerade jetzt wird wieder viel Opferwilligkeit vom Mittelstand verlangt. Darum soll man auch auf feine Wünsche Rücksicht nehmen. (Beifall.)

Abg. Graf von Kanitz (Kons.):

Ich muß zum z w e i t e n M a l bei dieser Debatte sprechen, um die gestrigen zollpolitischen Ausführungen des Herrn Kaemps zu widerlegen. Er hat sich als ein erbitterter Gegner unserer ganzen Zollpolitik gezeigt. Aber die Verteuerung des ganzen Levens ist doch nicht eine Folge unserer Zölle. (Widerspruch links.) Schuld an der Verteuerung sind die gestiegenen Fabri­kationskosten, die hohen Löhne, die gestiegenen Wohnungsmieten. (Widerspruch links.)

Wir sehen ja, daß auch die WohnungSgeldzuschüffe, die wir den Beamten gewähren wollen, bereits wieder von den Hausbesitzern mit Beschlag belegt werden, die einfach die Mieten gesteigert haben. Die Rohprodukte sind ganz billig, aber die Fabrikation kostet zu viel, daher rührt die allgemeine Teuerung. Mit den Zöllen hat das alles nichts zu tun. Wenn wir jetzt unser Zollsystem aufgeben würden, so würden wir geradezu den Ruin des Landes herbeiführen. (Beifall rechts, Widerspruch links.) Auch alle anderen Länder bereiten sich vor, soweit das noch nicht geschehen ist, zum Schutzzoll überzugehen. Die Zentrumsresolution auf Ge­währung von Einfuhrscheinen für die reinen Walz­werke usw. fordert im Prinzip nahezu die Zollfreiheit für Roh­eisen. Damit können wir nicht einverstanden sein, wir würden damit die ganze Roheisenindustrie vernichten. Auch bei der Be­handlung der Frage der Einfuhr scheine für Getreide sind Herrn Kaempf eine ganze Reihe von Irrtümern untergelaufen. Es kann keine Rede bftüon fein, daß durch das System der Ein­fuhrscheine die Reichskafie geschädigt worden ist. Die Ein­fuhrscheine liegen im Interesse unserer deutschen Ostseehäfen, und sogar der frühere Königsberger sozialdemokratische Abg. Haase hat sich für sie ausgesprochen. Der Abg. Kaempf hat schließlich gestern auf das Anwachsen der industriellen Bevölkerung und auf den Rückgang der in der Landwirtschaft beschäftigten Personen hinge- wiesen. Das ist eben eine Folge der unseligen Handelspolitik Caprivis. (Lautes Lachen links, Sehr richtig! rechts.) Möchte sich auch Herr Kaempf endlich davon überzeugen, daß die Aera des Freihandels herbei ift. Hält Herr Kaempf aber am Frei­handel fest, dann macht er sich zum Kompagnon einer Firma, die tatsächlich bankerott ist und nur nach außen hin ihre Leistungs­fähigkeit zur Schau trägt. (Lebhafter Beifall rechts, lautes Zischen links.)

Abg. Dr. Pfeiffer (Zentr.):

Es freut mich, daß der Staatssekretär erklärt hat, daß die verbündeten Regierungen der Frage der Schaffung eines Reichs- theatergesetzes näher getreten sind. Nach dieser Erklärung dürfen wir hoffen, daß die Angelegenheit bald eine Regelung fin­den wird. Durch die Generalversammlung des Deutschen Bühnen­vereins ist eine Situation eingetreten, die ich im Jnterefie der Sache selbst sehr bedauere. (Sehr richtig!) Man hat den Arbeit­nehmern den Fehdehandschuh hingeworfen und ihnen den Brotkorb höher gehängt insofern, als man ihnen verboten hat, an Benefizvorstellungen zugunsten der Kafie der Genofienschaft teilzunehmen. (Hört, hort!) In rechtlicher Beziehung stehen die Angehörigen des deutschen Theaters schlechter als jedes anderen Berufes. Gewiß, es gibt ein Bühnenschiedsgericht, für das ein freies Wahlrecht besteht. Aber wenn der Direktor die Mitglieder des Gerichts für befangen erklärt, verliert es seine Zuständigkeit. (Hört, hört!) Deshalb wünsche ich, daß das neue Theater­gesetz auch die Frage der Gerichtsbarkeit regelt. Außerdem wünsche ich, daß die Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches, die die Verstöße gegen die guten Sitten behandeln, den Bühnen- angehörigen in vollem Maße zugute kommen, was heute leider nicht der Fall ist. (Sehr richtig!) Bei den Vorarbeiten zu meiner BroschüreTheaterelend" sind mir 6000 Fragebogen durch die Finger gegangen, und bei der Bearbeitung dieses gewaltigen Ma­terials bekam ich den Eindruck, daß sich hier in Wahrheit eine Tragödie abspielt, die Schrecken und Mitleid zu­gleich auslöst. (Sehr gut!) Auf der Generalversammlung des Bühnenvereins ist gesagt worden, oaß die Verhältnifie ja nicht so