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10.3.1909 Erstes Blatt
 
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Nr. 58 Erstes Blatt 15S.Jahrgang Mittwoch 10. März 1909

Ter Siebener Anzeiger Ä Ä

erscheint täglich, anher ^ezuq»prers:

Sonntags. - Beilagen: A JL I Ng monatlich 7bPf.,viertel-

viermal wöchentlich a .A. A Jk A A jjA Al A V5 ' A A A yA Zk jährlich Aik. 2.20, durch

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MM' General-Anzeiger für Oberheffen WW

^"00^ wn anjagen V V * f 1 u. Land" und.GerichtS-

bis wÄTrn Kototionsönid und Verlag der yruhl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei H. Lange. Redattion, Expedition und Druckerei: Schulstrahe 7. E. Heb: iür den ^nöeigciucu p. -occt*

Die heutige Nummer umfatzt 12 Seiten.

Pension; und hinterbliedenversicherung der Hand­werker und Gewerbetreibenden.

Es wird besonders von den Handwerkern und Klein­gewerbetreibenden schwer empfunden, daß sie zu den Kosten der Jnvalidenverstcherung ihrer Gesellen und Arbeiter tzerangczogen werden, während sie selbst einer gleichen Sicherstellung für den Fall der Erwerbsunfähigkeit noch entbehren. Daß der Handwerker- und Gewerbestand nach vielen Richtungen hin schwer zu leiden hat, bedarf wohl feines weiteren Beweises, wenn die Reichsstatistik nach- incift, daß zwei Drittel aller selbständigen Handwerker ein Einkommen unter 2000 Mk. haben. Die meisten Hand­werker stehen sonach im Verhältnis wirtschaftlich schlechter als die Arbeiter, sie müssen also gewiß auch zu den wirt­schaftlich Schwachen gerechnet und der Vorteile teilhaftig werden, welche den letzteren durch die Invalidenversicherung zustehen.

Der Vorstand des Verbandes Deutscher Ge­werbevereine und Handwerkervereinigungen zu D a rm st a d t, der sich schon seit Jahren mit der Frage einer Versicherung für Handwerker und Gewerbetreibende be­saßt hat, veröffentlicht soeben eine von dem Verbands­sekretär, Großh. Revisor A. Mahr, bearbeitete Denk­schrift, betr. die Pens io ns- und Hinterblie- b e n e n v e r s i ch e r u n g der Handwerker und Ge­werbetreibenden, die allgemeine Auftnerksamkeit er- wecken dürfte. Die Denkschrift gibt zunächst einen Ueber- blick über die Geschichte der Bewegung für die Errichtung einer vandwerker-Penstonskasse, unterzieht sodann einen aus früheren Verhandlungen vorliegenden Antrag Geißler einer kritischen Würdigung, deren Ergebnis in 10 Sätzen zu­sammen gefaßt wurde, und macht schließlich einen eingehend begründeten neue n Vorschlag, die selbständigen Hand­werker und Gewerbetreibenden mit in die zu errichtende Pensions- und Hiitterbliebenenvcrsicherung der Privatangc- stellten desneuen Mittelstandes," wie Professor Schrnoller ihn genannt hat einzubeziehen.

Mit Rücksicht darauf, daß der von dem Verfasser ge- inachte Vorschlag darauf hinausgeht, die zu errichtende Pensions- und Hinterbliebenenversicherung der Privatange­stellten für eine Versicherung der selbständigen Handwerker und Gewerbetreibenden nutzbar zu machen, wurde auf die 'weite Denkschrift zur Privatangestelltenversicherung im all­gemeinen und besonderen näher eingegangen.

Hiernach soll die. Versicherung der Privatangesteltten als Zusatz versich erun g zur reichsgesetzlichen In­validenversicherung, und zwar ebenfalls als Pflichtver- iicherung, durchgeführt werden. Es würden also neben- einander und in gesonderter Durchführung durch zwei ge- trennte, selbständige Organisationen bei reichsgesetzlichcr In- ealidität (§ 5 Absatz 4 des Jnvalidenversicheimngsgesetzes), wwie bei Berussinvalidität Pensionen gezahlt werden.

Wenn man es seitens der Regierung als eine Pflicht brachtet, für den Stand der Privatangesteltten, der als .neuer Mittelstand" bezeichnet wird, ebenso sehr die Ge- etzgebnna mobil zu machen, wie es für die Arbeiter ge- ichehen ist, so liegt doch die Frage nahe, wo bleibt da oer alteMittelstand"? Was demneuen Mittel­stand" recht ist, das ist demalten Mittelstand" billig! ter OZewerbe- und Handwerkerstand bildet einen großen teil des alten Mittelstandes und dürfte an Zahl dem lenen Mittelstand nicht nachstehen, ebenso auch an Be­deutung für die Volkskraft.

Man rechnet zwar die Angehörigen dieses Standes zu den selbständigen Existenzen. Diese Existenzen sind aber ivirtschasklich noch schwächer und vielfach abhängiger als :trcL*neue Mittelstand". Nach der amtlichen Denkschrift r-ont 14. März 1907 wurde das Durchschnittseinkommen

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Gieszener Ktadtthecrter.

Die Journalisten.

Bon Gustav Frevtag.

Man hat sich daran gewöhnt, FreytagsJournalisten" its das beste deutsche Lustspiel nachMinna von Barn- iehn" anzusehen, und es alsklassisch" zu bezeichnen. Die gestrige Aufführung aber tonnte nicht darüber hinweg- äuschen, daß sich ailgemach viel Staub über die einzelnen »Gestalten und über das Ganze gebreitet hat, und daß es sich allmählich zum Verfall vorbereitet. Die liebenswürdige ^hilisternatur Freytags wird uns nicht mehr das sein, was sic der älteren Generation noch war, und wenn die ^Journalisten" heute als neues Werk aus die Bühne kämen, Mären sie nach einem kurzen Scheinleben plötzlich ver- jjchwunden. Alles was uns Frcvtag da sagt, ist so altmodisch- spießbürgerlich, so liebenSwürdig-rührend, so zurechtgemacht und so unwahrscheinlich, trotz all der vielen Vorzüge, die es vor unseren heutigenLustspielen", die aber gewöhn­lich Schwänke sind, so vorteilhaft auszeichnet. Die ein­ige Lustspielfigur des ganzen Stückes aber ist der Schmock, h>r heute als Typus des zeitenschindenden Zeitungsfchrei- E.'iy gilt, weil er lange Zeit mißverstanden wurde. Die gestrige Aufführung hatte diesen Zwiespalt zwischen einst uind jetzt nicht ganz auszugleichen vermocht, und wenn man das Stück hier im Geschmack unserer Tage anstatt der i*)er Jahre spielte und ausstattcte, so war das wohl eine Besonderheit, aber keine Notwendigkeit. Gerade dadurch loirb das veraltete und überlebte viel schärfer hervorge- hrben, ohne daß dadurch die auch heute noch wirkungs­vollen und lebendigen Szenen besser herausgearbeitet wür- d<n. Auch die straffe, festgefügte Einheit fehlte der Auf­führung, obwohl die eiuzelnen Darsteller sich redlich um den Erfolg des Abends bemühten. Da io ar zuerst der gern gesehene Gast vom Darmstädter Hostheater, der aus­gezeichnete Willy Loehr als Konrad Bolz, der Lank-

der Privatangesteltten auf rund 2100 Mk. ermittelt. Da­gegen ist, wie bereits erwähnt, durch die Reichsstatistik nach­gewiesen worden, daß zwei Drittel der selbständigen Hand­werker und Gewerbetreibenden ein Einkommen von weni­

ger als 2000 Mk. hat. Mithin erscheint für denalten Mittelstand", der unzweifelhaft eine verdienstvolle und ruhmreiche Vergangenheit aufzuwcisen hat, und außerdem auch heute noch von allgemeiner wirtschaftlicher und kul­tureller Bedeutung ist, geradeso eine staatliche Fürsorge »erforderlich, wie für den alten Mittelstand. Es würde hier­nach als ein Unrecht erscheinen, wollte man dem Hand­werker- und Gewerbcstand die Segnungen vorcnthalten, welche den Privatangestellten geboten werden sollen. Und dabei besteht die erfreuliche Tatsache, daß die Handwerker und Gewerbetreibenden keine öffentlicher: Mittel in An­spruch nehmen, sondern die Kosten ihrer Versicherung aus eigener Kraft aufbringcn wollen.

Was würde nun die zu gründende Pensionskasse einem Handwerker bieten und was hätte er zu derselben zu zahlen?

Ein Handwerker mit einem Einkommen von 1800 bis 2400 Mk. hätte unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf folgende Bezüge:

Invaliden- Witwen- Waisen- Tovpel- rente reute rente ro eitlen

Nach 5 Jahren Mk.

,, 10 420

84 Mk. 16,80 Mk. 28 Alk.

168 33,60 56

, 40 1050 420 84, 140

Dafür hätte er zu zahlen einen monatlichen Beitrag von 14 Ak. oder 168 Mk. für das Jahr.

Wie aus vorstehenden Darlegungen hervorgeht, han­delt'es sich bei der erstrebten Handwerkerversicherung um ein soziales Werk von großer Bedeutung. Es gilt, die wirtschaftliche Zukunft von wohl 2 Millionen werktätiger Menschen sicher zu stellen.

pelitifctyc Tagesschau.

Die Berufung des Pfarrers Mahling.

Die »Berufung des Pfarrers Mahlmg aus Frankfurt a. M. an die theologische Fakultät von Berlin für praktische Theologie erregt alle akademischen Kreise aufs stärkste. Wie die Nall. Storr, aus guter Quelle hört, ist nicht Pfarrer Mahling, sondern der wissen­schaftlich aufs beste akkreditierte und als Lehrer der studierenden Jugend seil lange erprobte außerordentliche Professor in Berlin Dr. Simons von der Berliner theologischen Fakultät in Berlin an erster Stelle für den fraglichen Lehrstuhl vorgeschlagen worden. Weiter soll die theologische Fakultät gegen die Berufung Pfarrer Malstings beimKultusnunisteriums sogar ausdrücklich Verwahrung eingelegt haben. Tie Berufung MahlingS tritt dadurch in ein um so grelleres Licht, als dieser durch einen viel beachteten, um nicht zu sagen berüchtigten Artikel des bekannten Fanatikers dervosi- tiven" Partei, Pfarrer Banke, in derReformation" für jene Pro­fessur empfohlen war. Mahling ist als Mann der Inneren Mission bekannt und auf diesem Gebiete nicht ohne Verdienste. An wissen­schaftlichen Arbeiten ist einstweileii nichts von ihm veröffentlicht. Es hat ganz den Anschein, daß es sich hier um eine offenkundige Parteibesetzung eines Lehrstuhls der größten preußischen Universität handelt, die gegen Den d I e n der Fakultät und mit einem Manne erfolgt ist, der sich noch diirch feine wissenschaftlichen Leistungen zu einem so bedeutsamen Amt geeignet gemacht Hal. Das Ansehen der theologischen Fakultäten muß durch solche Be­rufungen schweren Schaden leiden. Eine Aufklärung seitens der Uiiterrichtsverwaltung über die Gründe, aus denen sie die Vor­schläge der Fakultät in dieser Weise mißachtet hat, wird hoffentlich nicht Ausbleiben.

*

Die Lage auf dem Balkan.

In Wien wird die Lage fortgesetzt als sehr kritisch an­gesehen. Die Pariser Meldung von einer nunmehr erfolgten günstigen Erledigung des österreichisch-ungarischen Anerbietens an Serbien bestätigt sich nicht. Ausgefallen ist es, daß nach einer Meldung aus Belgrad für heute sämtliche serbische Wehr­pflichtige des 3. Aufgebots von 38 bis 45 Jahren zu einer Kontroll- versammlung einberufen worden sind. Bisher sind die Wehr­pflichtigen, die als Landsturin betrachtet werden können, iwch

niemals einberufen worden, lieber die jetzt hi St. Petersburg! geführten Verhandlungen über Bulgarien gehen die Meldungen weit auseinander. Ein Telegramm Rifaat Paschas aus Peters­burg tz.it nkitgeteilt, daß sich die Verha ndlu ng en mit Ruß­land schwierig ge st alten und nicht, wie man gehofft hatte, in 4 bis 5 Tagen zu beenden seien. Besorrdere Schwierigkeiten! bereitete die Kapitalisierung der türkischen Kriegsschuld, deren Berechnung die Türkei Rußland überlassen wollte. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich aus den Verhandlungen Rifaats mit Is­wolsky noch überraschende Wendungen ergeben. Nach anderen Meldungen aus St. Petersburg wurde gestern in einer mehr­stündigen Unterredung Rifaat Paschas mit Iswolsky angeblich ein A b ko m m e n1 ii b e r die Bezatzlungder Kriegsent­schädigungerzielt, nachdem beiderseits erhebliche Zugeständ­nisse gemacht wurden.

Deutsches llcicfh

Die verstärkte Geschäftsordnungskommif-« f i o n des Reichstages hat den in erster Lesung an-i genommenen § 33 a, betr. Anträge bei Interpellationen, abgelehnt und dem § 33 a ausdrücklich folgende Fassung gegeben:Die Stellung eines Antrages bei der Besprechung der Interpellation ist unzulässig." Darauf wurde die Ver-, Handlung über die in der ersten Lesung abgelehntenkurzen Anfragen" wieder ausgenommen. Die Beratung wird ant Freitag fortgesetzt.

Das Gemeinde Wahlrecht in Kiel. Die beit Stadtverordneten von Kiel unterbreitete Vorlage des Ma­gistrats auf Abänderung der Gemeinde-Wahlverfassung der Stadt Kiel ist mit 15 gegen 13 Stimmen abgelehnt worden.

Ausland.

Ter K ö n i g v o n S a ch s e n isi gestern mit dem Dampfer Bülow in Genua gelandet. Wenige Minuten später traf der Her­zog Thomas von Genua ein, der als er des Königs'ansichtig wurde, auf ihn zueiite und ihn umarmte und mit ihm denselben Salonwagen bestieg. Ter Siönig kehrt heute nach Genua zurück, um sich nach Neapel einzuschiffen.

Die französische D e v u t i e r t e n k a m m e r hat den Gesetzentwuri betreffend die E i n f o m m e n ft c u e r mit 407 Stimmen gegen 168 Stimmen angenommen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 10. März 1909.

** Tageskalender für Mittwoch, 10. März: Stadl- t h e a t e r: Hofgunst. Anfang 7 Uhr.

Flotte »verein: Abends 8V. Uhr in Steins Garten: Vortrag des Herrn Karl Schwarz: 12 Monate in unseren Süd- fee-Kolonien (nut Lichtbildern).

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Erledigte Stellen. Eine mit einem tOang., Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Oppenheim. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Die Stelle eines Bezirkssteueraufsehers zu Alzey.

** Zulassung zur Rechtsanwaltschaft. Der Referendar Wilh. Hill aus Gießen wurde zur Rechtsanwalt­schaft bei dem Amtsgericht Butzbach zugelassen.

** Stadttheater. Für nächste Woche stehen in Vor­bereitung GrillparzersJüdin von Toledo" mit den Damen Röber, 9lchterberg und Hoven, sowie den Herren Roden, Völcker, Ziegler und Volck in größeren Aufgaben,^ sowie die Benefizvorftellung für Regisseur Max Krvnert am 17. März. Zu dieser ist Molnars neue KomödieDer Teufel" gewählt worden. Das außerordentlich spannende Werk, das gegenwärtig seinen Weg über die Buhnen macht, ist in den Hauptrollen besetzt mit den Herren Kronert und Goll und den Damen Albrecht, Hoven und Maifarth.

"Gestorbene oberhessischeBeamte im 4. Viertel­jahr 1908: Lehrer i. P. Johs. Gramm zu Melbach, am 28. Oft., Oberlehrer und Leiter der höh. Bürgerschule zu Vilbel Karl Ant. Franz Brattn, am 1. November.

barsten aber auch theatcrmäßigsten Rolle. Und er holte etwas aus ihr heraus. Mit seinem Gefühl hob er das wesentliche Maß und Richtung gebende mit angenehmer Abtönung hervor, und gab dem liebenswürdigen Schwere­nöter und Schelm eine so liebevolle und gemütliche Run­dung mit, daß aus der effektvollen Theaterfigur eine lebensechte Gestalt wurde. Hermann B a k o f brachte den Piepenbrinck mit prachtvoller Urwüchsigkeit zur Geltung; ein wenig derb, ein wenig bieder und ein guter Kerl. Max Kronert schuf in seiner kleinen Episode als Schmock eine ausgezeichnete Gestalt, die über alles Lachen hinaus von einer tiefen, unendlich rührenden Einfalt und Mensch­lichkeit war und den Weg zum Herzen fand. Die haus­backene Sälostdame der 50er Jahre, Adelheid, wurde von Elaire Albrechtmodern aufgearbeitet", aber der naive, lebenskräftige Zug derguten Stube" von gestern kam nicht zur vollen Geltung; die Welt ist eben für uns keine Welt mehr, nur noch Idyll aus Großväterzeit. Erich Weingärttter war ein seiner, bescheidener Oldendors, und er hätte sicher noch freudigere Anerkennung gefunden, wenn er seiner Rolle sicherer gewesen wäre. Sehr schön war Paul Kohlmann alslyrischer" Bellmaus, und er brachte es sogar zu einem hübschen Blumenstock. Sehr wenig Soldat war Rolf Ziegler als Oberst a. D., eine feine Figur dagegen wieder Willibald Völcker als Korb. Edgar Pauly und Karl Volck sind, neben Dorle Mai­farth noch besonders zu erwähnen. Daß sich die Zu­schauer nur bei den lustigsten Stellen angezogen fühlten, ist dem Stück zuzuschrciben, und wenn etwas bezeichnend für den Anteil des Zuschauers ist, so ist es seine Ruhe. Wenn es im ganzen 5)ause hustet, so ist das Interesse vorbei. Nun, dieJournalisten" find nahezu 60 Jahre alt.

* Karl Neurath.

In Wilhelm Holzamers Nachlaß haben sich mehrere vollendete Werte gesunden, darunter ein Heimat­romanDer Entgleiste", der demnächst erscheint.

Die wandernde Bibliothek. Ende Februar hat der ursprünglich schon für den Spätherbst vorigen. Jahres in Aus- sich genommene Umzug der lgl. Bibliothek zu Berlin in den neuen Monumentalbau Unter den Linden begonnen. Am Ascher­mittwoch fand der Kehraus im großen Lesesaale statt. Mit ein paar improvisierten Worten des Gedenkens nahm Bibliokhekdirektor Geheimrat Schwenkendem im Namen der Besucher Prof. Hottinger ernüberte, von der historischen Stätte, an der viele Generationen! eifriger Leser das Wort des königlichen Stifters:Nu tri men tu ml spiritus" befolgt haben, Abschied. Nicht ohne Wehmut erhob man sich zunr letztenmal von den langen, grünen, lampeuüberstrahltew Tische^, an denen man das Material für so manches Buch, manchen Artikel im Laufe der Jahre gesammelt hatte, schaute man auf die dichtgefüllten Regale der Handbibliothek, in Denen mau auch ohne langes Suchen durch jahrelange Hebung die für fein Arbeits­gebiet in Betracht kommenden Abteilungen zu finden wußte. War doch der große Lesesaal der freundlichste und gemütlichste Aufent­haltsort in dem alten und veralteten Bibliothekgebäude. Ob sie in­dem gewaltigen Kuppelbau des Neubaues nicht nur kalte Pracht und Helligkeit, sondern auch die alte Behaglichkeit wiederfindens werden, fragen sich nicht ohne Beklommenheit Die Stammgäste des Lesesaals. Um Den Transport der zwei Millionen Bände aus der alten Bücherkommode zu beschleunigen, sind vor beiden Flügeln am Opernplatz sowie auf dem Hofe gewaltige eisern« Fahrltuhle errichtet und die Fenster teilweise ausgebrochen, kvvrdeu. Allem der Transport Der gebundenen Zeitungsbände hat 80 Möbel­wagen erfordert.. Wegen des lebhaften Verkehrs Unter den Linden und Der für Futzgänger und Gefährte drohenden Gefahren mußte sowohl von der Anlage einer Schwebebahn wie vom Legen von, Gelen en Abstand genommen werden. Tas gesamte Bibliothek-, penonal^vou den Drrekwren bis zu den Aushilfsdienern hat jetzt schwere -Luge, da die Umzugsarbeit schon um sieben Uhr früh bc? ginnt unb Nach Möglichkeit beschleunigt wird. Dabei darf unter Der <nxigkeit die Richtigkeit nicht leiden, denn ein in eine falsch Abteilung geratenes Buch wäre unter Umständen so gut wie ver­loren, im günstigsten Falle würde es erst nach Monaten wieder 51111t Borfcheui kommen. Gleich einem Schiff.', das neuen Ufern zu- ftrcct, darf man auch der wandernden größten Bibliothek Deutsch­landsMeeresstille und glückliche Fahrt!" wünschen.