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Nr. Ö Zweites Blatt
159. Jahrgang
Dienstag 12. Januar 1909
Erscheint tSglich mtt Ausnahme deS Sonntags.
Die „Sietzener FamiliendlStter" werden dem «Anzeiger* üicnnal wöchentlich beigelegt, dar „KrtlsWatt für den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzriger fflr Sbrrheffen
Rotationsdruck und Verlag der BrühNche« UnwersilälS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: esg^öL Redaktionen 112. Tel.-AdruAnzeigerSießew
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Aoosevett und der Kongreß-
Was matt bei dem Ansehen und der Beliebtheit des arneri- Lanischen Präsidenten Roosevelt faunt für mögt ick) gehalten hätte, scheint Wahrheit werden ;u wollen. Wenn eä sich beseitigt, daß der Kongreß chn in Anklagezustand setzen will, nachdem Senat und Repräsentantenhaus sein Verhalten bei der Organisation deS Geheimdienstes und der Ernennung öffentlicher Bemnlen untersucht haben, dn)l>en ihm noch vor seinem Rücktritt von der Pväsi- dentscyaft die größten Unannehmlichkeiten. Wohl laßt.sich an- nehmen, daß — trotz der jetzigen Empörung gegen Roosevelt — Lei den ganzen amerikanischen Verhältnissen die Untersuchung und eventuelle Strafverfolgung mit einem, „non liquet" endigt, aber nnmerhin ist es sehr bedauerlich, daß ein Mann, zu dem die gantze alte und neue Welt voll Bewunderung aufsah, am Albend seines öffentlichen Wirkens fvlckre Erfahrungen machen muß.
Ter Grund für die Aktion, die sich jetzt gegen den Präsidenten vor bereitet, durfte, wenn man dabei auch kaum an eine kerartige Wirkung gedacht hat, allgemein bekannt sein. Der Kvnareß hatte an dem Budget für den Geheimdienst einige Abstriche vvrgerwmmen, woraus Roosevelt Anfang Dezember eine geharnischte Botschaft erließ, in der er dieses Vorgehen nicht nur tadelte, sondern auch in recht scharfen 2lusdrucken darauf hinwics, daß der rcongreß den GehrimoiensteEtat, dessen Erhöhung Vkoose- toelt überdies gewünscht batte, nur deshalb gekürzt hätte, damit jdie weitere Erllhüllung gesetzwidriger Biachenschaften, wie sie sick> xinige Kongreßmitglieder namentlich Lei ihren Lanbschivindeleien in Oregvn zum Sck-aden des Staates hatten zu schulden kommen lassen, verhüwert wurde. Natürlich mußte dieser Passus in der Botschaft Präsidenten viel böses Blut machen Blochte doch unter den biederen Repräsentanten so mancher ein schleck-tes Ge^ wissen haben, so daß man ihnen — natürlich immer vom amen» Lrnckchen Standpunkt aus gesehen — kaum verdenken kann, wenn sie oaS DauwLesschtvert, das über ihnen schwebte, nichä noch lyä«: schärfen wollten. läßt sich auch andererseits nicht leugnen, daß Swosevelt besser getan hätte, sich diese Herausforderung yj sparen. Inr Kampfe gegen die „r-nchen Räuber" hatte er schlecht Lbg^schnteten, dazu stand er kurz t»r seinem Rücktritt, so daß es entscyieden angeiirack-ter gewesen wäre, anstatt den Löwen jetzt noch zu reizen, seinem Nachfolger Tafst, wie die endgültige Aus- fechtung des Kampfes gegen die Trusts, so auch den Kampf gegen die ^ndspekulation mit Hilfe elloeS verstärkten Geheimdienstes überlassen hätte. Daß er es nicht tat, sondern den Kongreß beraus- strderte, ist ein Beweis dafür, tote der verhätschelte Teddy alte grrnach begonnen hat, sich als Diktator zu fühlen. Sprach man doch schon "im ZusaMmenhang mit seiner dreimaligen Wiederwahl und der jetzigen Nachfolgerschaft seines JMimus Tast von einer Dynastie Zioosevelt. Dem fteihettlichen Amerikaner erschemt natürlich dieser Gedanke als ein Unding, wie er denn auch jedweder Verstärkung der Präsidialmacht abhvll» ist Da aber gerade das Institut des Geheimdienstes ganz besonders dazu bestimmt ist, neben tzer Verfolgung staatsgefährlicher Verbreckien, Schmugge- Xeien und Zolldefrauärtionen Über die persönliche Sicherheit des Präsidenten zu wachen, so befürchtete man nach dieser Richtung hin sein Auswachsen zu einer Art Prätorianergarde und schob deshalb den Wünschen dos Präsidenten einen Riegel vor.
Das Repräsentantenhaus hat demgemäß am 17. D.Zomber, dem Vorschläge des Ausschusses entsprecheiw, eine Protestreiointion gegen hie Roojeveltsche Botschaft angenommen und von deut Präsidenten Beweis für seine Behauptung von der Bestechlichkeit und dem unlauteren Gebühren der Kongreßmitglieder, sowie ihre Namhaftmachung, gefordert. Gegenüber dieser front Repräsentantenhausc einstimmig angenommener: Resolution erließ Roosevelt eine Erklärung, Me feine Behaupmngen rechtfertiget: sollte, aber in der Sitzung deS Repräsentantenhauses vom 8. Januar nicht als gc- snügeud erachtet wurde. Ein besonders schwerer^ Schlag war es für Roosevelt, daß an diesem Tage auch der Senat mit einer Mehrheit, die durch den Zusammentritt von 25 engeren Parteigenossen Roosevelts zustande kam, eine Resolution annahm, die sich gegen seine Polllik richtete. So scheint die gtairzvvlle Praste dentenzell Roosevelts mit einer recht verdrießlichen Dissonanz ci> digen zu wollen.
Deutsches Reich.
In Gegenwart des Kaisers faitb gestern int Aarser-Franz-Grenadier-Regiment die Feier des 60. Jahrestages der Ernennung des österreichischen Monarchen zum Chef des Regiments statt. Der deutsche Militär-Attache: Graf Klageneck wurde gestern mittag in
Wien vom Kaiser Franz Josef in Audienz empfangen und überbrachte ihm ein Handschreiben Kaiser Wilhelms.
Dem Reichstage ist eine Novelle zum Gesetz über die Doppelbesteuerung zugegangen.
Die Reichstags-Ersatzwahl int Wahlkreise Siegen-Wittgenstein-Biedenkopf hatte folgendes Ergebnis: Mumm (christlich-sozial) 13429, Vogel (nationalliberal) 7820, Nuschle (srs. Vgg.) 4576, Scharmützel (Ztr.) 3046, Schneider (christlichnational) 1022, Gogowski (Soz.) 1694 Stimmen. Es ist also Stichwahl zwischen Mumm und Vogel erforderlich.
Eine deutsch-englische Grenz-Kommission hatte an der Nordwestgrenze von Kamerun, und zwar auf englischem Gebiet, schwere Kampfe mit den Mundschis zu bestehen gehabt, die auf beiden Seiten der Grenze ansässig sind. Der Führer der deutschen Expedition, Oberleutnant von Stefany trug dabei eine Verwundung davon, behält jedoch trotzdem die Leitung seiner Truppe bei, von der zwei eingeborene Soldaten im Kampfe gefallen sind.
Ausland.
Eine Million für die Opfer des Erdbebens. Der französische Ministerrat hat gestern beschlossen, die Kammer zu ersuchen, die Interpellation über Marokko gleich nach der Wahl be§ Bureaus aus die Tagesordnung zu setzen. Beantragt wird ein außerordentlicher Krebit von einer Million zur Hilfeleistung sür Unterilalien, ferner die öffentliche Belobigung des Admirals, der Offiziere und Mannschaften des Geschwaders, das zur Hilfeleistung nach Messina geeilt war.
Die französischen Mediziner haben mit ihrem Protestieren und Demonstrieren Erfolg gehabt. Der französische Unterrichtsminister teilte gestern dem Ministerrat mit, daß ec von der Einführung des kürzlich angewandten Verfahrens, die Zulassung zum medizinischen Studium von einem Wettbewerb abhängig zu machen. Ab st and nehme und die Wiedererösnung der medizinischen Fakultät für Studierende des ersten und zweiten Jahres angeorbnet habe.
Neue Melbungen über die Lage in Indien sind für England im höchsten Grad beunruhigend. Es handelt sich gegenwärtig um eine scharfe Feindschaft zwischen den Hindus und den Mohamedauern. Die Gäh- rung unter den letzteren sei sehr groß, man befürchte blutige Zusammenstöße zwischen den beiden großen Klassen der eingeborenen Bevölkerung. Die „Daily Mail" meldet, daß Polizeitruppen in die Gebiete entsandt worden find, in denen die Gefahr am höchsten ist.
Deutscher HimKlrtag.
S. u.H. Berlin, 11. Jan.
Unter dem Vorsitze deS ViseprvswLMen des Reichstages Stadte ältejren Kaemps trat heute int Langenbeckhav.se die 35. Volte versamnrluug des Deutschen Handelsiages zusammen. Nach ber Eröffnung durch den Vorsitzenden verstchcrte Staatssekretär von Bethmann-Hollweu die Teilnehmer des regsten Interesses der Staatsbehörden an den Verhandlungen und wünschte, daß die Versammlung mit dem wellen offenen Blick des beul|d)en Kaufmanns an die Erledigung ihrer Hauptaufgabe, die Besprechung der neuen Steuervorlagen herantreten möge. Der Staatssekretär deS Reichsschatzamtes Sydow betonte, daß es sich bei der Reichsfinanzreform um eine Lebensfrage des deutschen Volkes handle, denn gesunde Finanzen seien die Vorbedingungen für polnisches und wirtschaftliches Gedeihen. Man habe die Regierung im Verdacht aefrabt, daß sie vor geschlagen habe, das sei aber nicht der Fall, der Bedarf [et im Gegenteil recht knapp bemessen. Wenn die Finantzreform ictzt^ nicht zustande konune, würde es notwendig rceeben, die direkten Steuern, auch nach der unteren Grenze hin, bedeutend $u erhöhet:. Ein Rückgang des Reiches in wirts^ft- licher und finanzieller Beziehung würbe zunächst den Handel treffen, der daher die nächste Veranlassung haloe, das Zusianbeämrmeu der
Reichssinanzrefonn zu unterstützen. Nach, dem Referat des General- sekretärs Soetber über die „Ordnung des Reichshaushalts" wurden die einzelnen neuen Steuer Vorschläge der Regierung einer engehenden Kritik unterzogen. Die Versammlung einigte fick- schließlich auf folgende Leitsätze:
Daß der falsche Wog, die Fehlbeträge durch Vertehrssteuertt zu decken, bei der Fiiuurzreform nicht voi: neuem beschritten wird, ist gutzuheißen, uns wenn die Gelegnheit benutzt werden sott, zwei verfehlte Ndaßregeln auf diesem Gebiet die Fahrkartensteuer ureb die Erhöhung des OrtSpvrtos für Postkarte,:, wieder auszuheben, so spricht der Deutsch' Handelstag seine Zustimmung dazu aite. Diejenigen Vorschläge der Regierung, die eine Besteuerung deS Besitzes bezwecken, finde,: im allgemeinen die Billigung dcs HaudelStages. Industrie und Haiwel sträuben sich nicht gegen Mehrleistul^en für das Reich, wenn sie auf gerechter Grundlage beruhen. Sie befürworten daher die Erhöhung der Erbschaft1 steuer und ihre Ausdehnung auf Kinder und El-egatten, hon ber sie keine Erschütterung des Familiensinnes befürchten. Doch ist es Uveckmaßiger, die Erbschaftssteuer einheitlich auszubauen, als ihr die Nachlaßsteuer zuzusüge,:. Ferner ist Verwahrung gegen die Sonderbegünstigungen der land- und forstrottticliastlia/en. Zwecken biencitecn Grundstücke einzulegen; lvill man diesö nicht deselligen, so rind sie auf die anderen Zirecken dienenden Grundstücke ausTudehncn. Mit der Ausdehnung des Erbrechts des Staates und der Einführung einer Mehrsteuer, aber nicht aus der Grundlage der Nachlaßsteuer, ist der Deutsche HMwelstag ebenfalls einver- standen. Ter Gnttvurf eines Gesetzes über den Zwischenhandel des Reiches mit Branntwein ist avzulehuen, da er em Stuats- nwnopol einführt und den gegeniDärtigcn Besitzern van Breimereien euren ungebührlichen Vorteil zuwendel. Zur Erzielung der er Ivrderlichen Niehreinnahmer: aus dem Branntwein wird die Ausübung der bestehenden steuerlichen -Begünstigungen und eine an ■ gerne)|enc Erhöhung der Verbrauchsadgave empfohlen,- nebet: der iw übrigen Brannllveinsteuern zu beseitigen sind. Der Entwurf eines. Gesetzes wegen Abänderung des Braustevtergesetzes berücksichtigt u:cht die Ersahnm^, daß u:fvlge der hierin liegenden stacLn Be günftigung der lleinen Brauereien die AbwalzurT ixr 1906 beschlossenen Steuererhöhung aus die Verbraucher mißlungen ist Um der Gefahr eines weiteren Niederganges der Braurndustrie vor- zubeugen, ist eine Bevenguug der Staffelung erforderlich. Bei der Tabaksteuer ist das Bandervlesystem. zu venverfeu, ba es eine ooll- ständtge Umwälzung des GerchäftSöetriedes berbeiftchren würde. Insbesondere würde durch die Banderole das Geschäft nach Marken bestimntter Firmen sich einbürgern und dadurch der Wettbewerb bei kleinen gegen die großen Geschäfte erschsvert werden. Unter Verzecht aus eine genauere Bemessung der Steuer ,mch dem Wert ber Ware ist daher der Ausvau dos bisherigLN Steuersystems vvrzu- ziehen, wobei jedoch, der Rauch-, itau# und Schrmpftabai geschont »verden müßte.
Durch die im Weinfteuergesetzentwurf vorgesehen. Banderotesteuer auf Flaschenwein würde dem Weinhandel ein großer Teil seines Geschäftes entzogen und eine Fülle von Erschwerungen und Belästigungen auferlegt werben, so daß eine andere Form der Besteuerung gesucht werden muß.
Energischen Wioerspruch erhebt oer Deutsche Handelstag gegen beu Eullvurs eines Elektrizitüts- und GaSsteuerge- setzes. Elektrizität nnb Gas |inb als Masterzeuger z. T. auch als Lichterzeuger Produlcionsmittel, und es ist mit den Lehren der Flltanzwiisenschaft nicht vereinbar, Produktionsmittel zu besteuern. Mit Eletirizität ober Gas betriebene 1U icrnehmen stehen int Wettbewerb mll Unternehmen, die andere Produktionsmittel benutzen, und eL verletzt die Gerechtigkeit, die ersteren ntit^eüter Sondersteuer zu belegen. Dis Durchführung der geplanten Steuer stößt auf große technische Bedenken und Schwierigkeiten. Daß auch Die nicht zu, Verwertung gcLutgenba: Bdengen von Elettrizlläl und Gas besteuert werden sollen, ist unzulässig.^ Besonders^ Schaden würbe die Steuer denjenigen Industrien -sufügen, die ttne z. B. die elektrochemische Industrie, die auf ben Großverbrauch von Elektrizität angetaiefen sind und durch Deren Verteuerung im Wettbewerb mit Dem Austaitde, wo durch Wasserkräfte billige Elektrizität zu gewinnen ist, aufs härteste getroffen werden würden.
Grundsätzlich ebenso verfehl: :st ber Entwurf eines Anzeigen st euergesetzes, weil er darauf abzielt, ben zur Erlangung eines erhofften Gewinnes gemachte,: Aufwand ohne Rücksicht auf den Erfolg zu besteuern. Die Anzeigensteuer würbe eine Sonder- b c l ä ft u n g ber Gcwerbezwcige bedeuten, die auf Reklame angewiesen such. -Äiweit sie eine RMinderung der Anzeigen gur ox)lgc hätten, würde sie namentlicl) die Leistungsfähigkeit der Presse beeinträchtigen. Zudem erscheint es sehr bedenklich, bad ganze Gewerbe der Zeitungen und Zellschristen, die Anzeigen als Einrückungen ober als Sonderveilagen verbreiten, in den Meust
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MUitte» KerrMeton.
— Aus Mainz wirb uns unterm 10. b. M- geschrieben: Gestern erlebte Harry Pohlmauns Einakterreihe „Wie man's nimmt" ihre Uraufführung. Das Werk, das benselben Grundgedanken in tragischer, versöhnlicher nnb humoristischer Art behandelt, ist die neueste, so ziemlich burchgefallenc Uraufführung ber hiesigen Bühne, deren künstlerische Höhe Direktor Behrenb fortgesetzt zu heben bemüht ist. Der Reihe geht als Prolog ein sehr stimmungsvolles Zwiegespräch zwischen einem Arzte und einem Schriftsteller voraus, der bas Beste erwarten ließ. Leiber gingen bie Erwartungen nicht in Erfüllung, benn bie Hand- Umg ber folgenben Teile grünbet sich fast burchnoeg auf Zufälle, wie benn auch bie Katastrophen nicht künstlerisch aber künstlich herbeigeführt werben. Es hanbelt sich dabei um Verfehlungen gegen bie sittlichen Gesetze ber Ehe, was der Verfasser nicht ganz ohne Geschick barzuftellen wußte. Die Charaktere sind im allgemeinen gut gezeichnet, aber vhne Tiefe und ohne lebenbigen Atem. Der erste und ber zweite Aufzug würbe mit lebhaftem Beifall ausgenommen, der britte aber, „Der Grand Prix" erfuhr eine scharfe Ablehnung, und nkit Recht, denn es kann weder ethisch noch künstlerisch befriedigen. Die Darstellung war durchweg gut und auch die Regie unseres neuen, sehr schätzenswerten Regisseurs Reißig hatte nichts versäumt, um eine in sich abgeschlossene Aufführung zuwege zu bringen. on.
— Eine Kundgebung ber Münchener Künstler, die bem Reichstag wegen feiner sonberbaren Stellung ben Iankschen Bildern gegenüber eine scharfe Rüge erteilt, ist soeben veröffentlicht worben. In bieser Kundgebung wirb zunächst die Geschichte ber von ber Reichstagskommission genehmigten Bilbec unb ihre Entfernung, sowie die im Reichstage durch zwei Abgeordnete geübte Kritik erwähnt unb betont, baß durch dieses Vorgehen gegen einen anerkannten Meister die Gesamtheit der deutschen Künstler gekränkt wurde. Man werbe es niemanbem verübeln, über £ün fiter fragen eine besonbere Meinung zu äußern; etwas anderes sei es, wenn ein Volksvertreter im Parlament
versuche, den Wert künstlerischer Arbeiten mit leicht hingeworfenen Worten zu vernichten. Was würde man von einem Parlamentarier sagen, der sich erkühnt hat, das Lebenswerk eines erfreu hervorragenden Gelehrten öffentlich zu machen? Die Werke hervorragender Künstler müssen bie gleiche Achtung beanspruchen. Die Unterzeichneten erblicken iu ber wegwerfenben Art unb Behandlung der Jank- schen Bilder einen bebauerlichen Mangel richtiger Empftn- bungen unb gerechter Ansicht, unb zugleich jenen Mangel an Achtung vor der Kultur ber eigenen Nation, ber uns Deutschen immer noch anhaftet. Wir sinb überzeugt, daß dieses Verfahren ber Gesinnung unserer gebilbeten und kunstversränbigen Kreise entspricht, unb wir legen gegen ein Vorgehen, bas geeignet ist, beutsche Kunst unb bie beutfche Zusammengehörigkeit nach innen unb außen zu schäbigen, feierlich Verwahrung ein.
— Neues von Poc. Tie Jüudertjalftferer Von @bgar Allan Poes Geburtstag steht für den 19. Januar bevor und die von Tragik und Schuld urndüstecte Gestalt des großen Dichters wird wieder heranfbeschworen werden aus dem geheimnisvollen Halbdunkel, in dem sie sich hinter der unheimlich träumerischen, nachtdunkel blitzerhellten Welt seiner Werke verband. Wir tvissen so wenig von den Einzelheiten seines traurigen unb schicksalsreichen Lebens, daß wir jede neue Aufklärung dankbar begrüßen müssen. So weiden denn auch die neuesten Mllteilungen in: Century Magazine Interesse erregen, die sich mit dem „Roman von Poe und MrS. Whittnau" beschästigen. MrS. Whidnan war eine anmutige, dichterisch begabte Same, die mit 25 Jahren den Bostoner Rechtsanwalt Whituuri: geheiratet hatte und sell 1838, nach fünfjähriger Ehe, W:twe war. Poe begegnete iljr ziun erstenmal 1845 unter romantischen Umstünden. „Poe cvblidtejic zum erstenmal, als er eine weiße Gestalt in einem vom Moudlicht erfüllten Garten in Providence sah, währeitd er sich auf ber Rückreise von Boston befand, ^iuhelos wanderte,er noch um Mitternacht aus seinem Hotel fort durch die Straßen und erblickte sic, wie sie einem Schatten gleich durch ihren Garten wandelte." Später hat er diese erste Begegnung in einem schönen Gedicht feftgeljalten. Poe, ber vor kurzem erst feilte angebetete Gattin Virginia verloren hatte, wurde von leidenschaftlick>er Liebe zu der sechs Jahr älteren Frau ergriffen unb drang in sie, ihn zu heiraten. 1848 verlobten sie sich miteinander, uub bie Bestiuunuugeu der Eheschließung waren schon festgesetzt, als es zivischeu ihnLN zum Bruch tarn. Die Mutter der Mrs. Whllman und ihre Verwandten hatten sich auf bas entschiedenste diesem Bunde widersetzt, bem
man nur Unglück unb Elena voraus>agen konnte. Poe war ganz arm unb auch seine Fran hatte keine Mittel, war zudem durch ein schweres Herzleiden den aufregeiwen Szencn nicht gewachsen. Die ihr bei dcs Dichters unglücklichem ^Naturell sicher bevorslandLii. Seiner letdenschaftlichen UeberrebungSkunst war es gelungen, MrS Whllman ganz für sich zu gewinnen, aber ihre Mutter und Schwester schleuderten dem leichterregtei: Manne so schwere Vorwürfe unb Kränkungen ins Gesicht, daß er im tiefsten beleidigt und gebemütigt von ber Verbindung jurüdtrat AIS er sich :mch einigen Wochen in einem flchentlichen Briefe noch einmal an bie Geliebte um Nachricht wandte, antwortete sie nicht, auö Furcht, daß er sonst fein Werben wieder erneuern würde. Noch eine andere tragische Herzci^affäre fällt in dies letzte Jahr vor seinem Tode, der Versuch, sich einer Mrs. Shelton wieder zu nähen:, der einst der sechzehnjährige Student feine ersten Huldigungen borge-- bracht hatte und die nun feine letzte Liebe werden sollte. Auch hier war Poe, über dessen Leben ein unheilvoller Dämon waltete, nicht vom Glück begünstigt. Mrs. Whlluurn hat sich nach dem plötzlichen Tode deS Dichters, der 1849 nach einer burchzechten ■Jiadjt in Baltimore toofeanr' ind .<30;vital gebracht worben war, an sein eSchwiegernrurter Äiaria Gülcnint, die rührend aufopfernde .Helferin in seinen Leidenstagei:, gemattet, um üvn ihr Nachrichten über Poes Eltern zu erholten. Poes Vater Ivar ihr Bruder gewesen Der lange Brief der Mrs. Clemvn rillhält einige neue Angaben über den Eheöutw, b.m dieser große Sohn entsprossen. „Mein Bruder David," schreibt sie, „ber Vater Eddies, war niemals in England. Er rvar Rechtsftudent in Baltimore unb ging Dann nach Mrfolk, Virginia, in BerufsgesckMtem Sah hier unb lieble die sck)öne junge Schauspielerin, bie sein Weib werden f-jlUe unb fast noch ein Kind war und heiratete sie nach wenigen Monaten; er war noch nichr neunzchiu Meine Eltern waren so erbittert. Daß sie ihm nicht vergeben fonnten, benn wir wußten ja uichrs über sie bis nach der Geburt ihres ersten Kindes, unb cs war dies erste Enkel kitte meiner Eltern, wesivegen sie ihnen vergaben und sie wieder aufnahmen in ihr Herz unb ihr Heim. Sie war ein liebliches kleines Geschöpf und Oodjboiabt. Sie starben lxide in jungen Jahren an ber Auszehrung. Ich habe oft meinen Vater sagen hören, sein Vater Wäre italienischer Abslaurmung gc wejen unb ihr jeame wäre ursprünglich Po geftiji leben worden wie der Fluß Po in diesem Lande."
— SCleine Chr0nte aus Kunst unb Wissenschaft. In Kopenhagen hat sich cm Komitee zur Vorbereitung eines imeuiüüonQlcn Kongresses zur Wahrung der Rechte Der -Lchrite Heller und Künstler gebildet, der vom 22. biü 30. Juni 1900 ab« gehalten werden soll. — Die Columdia-Univer'ua: kündigt an, daß Benjamin Ide Wheeler, Präsiden: der Universitär von Kni!« fornien, der »tachste Rooseve lt-Profesfor in Berlin jem werde.


