Ausgabe 
10.9.1909 Zweites Blatt
 
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Nr. 212

Zweites Blatt

Freitag 10. September 1909

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Gberheffen

159. Jahrgang

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UniverfuälS - Buch- und Stetnörudeceu R. Lange, Dießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schui- ftraße 7. Expedition und Verlag: Redaktion: 112. TeU-Adru AnzeigerGreßen.

DieGiehener Kamilienblätter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit« fragen erscheinen monatlich zweimal.

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politische Tagesschau.

Der Gegensatz des Bauernbundes zum Großgrnndbefitz.

Der Geschäftsführer des neugegründeten Deutschen Bauernbundes, Reichstagsabg. Böhme, veröffentlicht im Tag" einen interessanten Artikel, in dem er Entstehungs­grund und Ziel der neuen Organisation, das Streben nach der inneren Kolonisation, hervorhebt, die in der Tat namentlich im Osten eifrig gefördert werden muß:

Es geht um die innere Kolonisation, die gegenwärtig die wichtigste s>-rnge der inneren Politik ist. Seitdem die deutsche Industrie sich so mächtig entwickelt Hal, wird der Landwirtschaft nickt nu ihr Ueberschuß an Menschenkräften abgenonnnen, sondern auch T 2wachs, den sie bei verbesserter Technik und steigernder Prodi!!' ;t brmirf)t, abgefchnitten und vielfach der alte Bestand an Ari eitern allmählich entzogen. Der mittlere bäuerliche Be­trieb, :n dem der Bauer mit seinen Familienangehörigen die Wirtschaft besorgen kann, ist von dieser Arbeiternot nicht be­troffen, er genießt mir die Vorteile der neuen Zeit, die ihm Märkte von gewaltiger Aufnal/- Zähigkeit geschaffen und ihm mit der Besserung der Verkehr- 'xge den Absatz erleichtert hat. Darum ist Bauernland heute mehr wert als dasselbe Land im Großbetrieb. Tausende kapitalkräftige. Bauernsöhne und aussteigende Land­arbeiter erstehen in jedem Jahre, die im Westen und Süden keinen

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König Friedrich August von Sachsen hat beim Abschied heute nachmittag sich außerordentlich befriedigt über den Verlauf der beiden Aufstiege und die Besichtigung der Zeppelinschen Werftanlagen ausgesprochen. Der König äußerte: Dieser Tag sei der interessanteste seines Lebens gewesen. Dieser hohen Befriedigung gab oer König durch zahlrcick)e Ordensanszcicl)nungen Ausdruck. Dem Grafen Zeppelin wurde der Hausorden der Rauten­krone verliehen; Dr. Colsmann, die Ingenieure Dürr und Kvbcr und Graf Zeppelin jun. erhielten das Ritterkreuz des Albrechtordens. Außerdem hat der König an eine Reihe von Angestellten der Luftschiffbau-Gesellschaft Zeppelin eine Anzahl Ordensauszeichnungen verliehen.

Friedrichshafen, 9. Sept. Bezüglich des von Frankfurt a. M. in das rheinisch-westfälische In­dustriegebiet zu unternehmenden Ausfluges gibt die Luftschiffbau-Gesellschaft infolge zahlreicher Anfragen fol­gendes bekannt: Auf die Zeitungsmeldung hin, daßZ. III" von Frankfurt a. M. eine Fahrt nach Düsseldorf unter­nehmen und dabei das Industriegebiet überfliegen wird, sind aus ungemein vielen Städten dieses Bezirks Anfragen und Wünsche an uns gerichtet worden, ob das Luftschiff seinen Flug über diese oder jene Stadt nehmen d. r gar dort vor Anker gel>en werde. Wir teilen darauf mit, daß das LuftschiffZ. III" einen Teil des betreffenden Gebiets berühren und womöglich einer großen Anzahl von Städten sichtbar werden wird, daß es aber infolge Zeitmangels diesmal nur in Düsseldorf vor Anker gehen kann.

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hrigen Kriege und noch im 19. Jahrhundert gelegt warben smd

Es liegt nicht im wohlverstandenen Interesse des Großgrund­besitzes, der inneren Kolonisation entgegenzuarbeiten. Wäre in den letzten zwei Jahrzehnten nicht parzelliert, so wäre die Ar­beiternot heute bedeutend schlimmer, beim die parzellierten Güter

haben ihre Arbeiter und Wanderarbeiter an die übrigen abgegeben. So hat denn and) in Pommern ein großer und nicht der scUechteste Teil des Großgrundbesitzes die genteinnüpige Form der bäuerlichen Kolonisation mit Kapital und Arbeitskraft tätig unterstützt. Gern crfeimt der Bauernbund diese Tätigkeit an: eineausgesprochen großgrundbesitzfeindliche Haltung" liegt ihm fern. Llber er verlangt, daß man der inneren Kolonisation freie Bahn läßt, am allermeisten dort, wo sie das einzige Mittel ist, den Bestand des Teutschtums zu erhalten und zu stärken. In Posen und Westpreußen ist noch heute fast die Hälfte der Flädu.' im Großbetriebe. 60 000 Bauernfamilien mürben allein m diesen Provinzen Raum finden. Die Durchführung der Besiedelung ist aber erschwert, weil ein sehr großer Teil des Bodens als Fidei kommiß oder Domäne dem freien Verkehr entzogen ist oder aus nationalen Gründen bei den polnischen Großgrundbesitzern um jeben Preis zurückgehalten .wird, und ferner, weil bei jedem Ankauf aus deutsckier Hand die eigenen Organisationen und sogar die Behörden ber Ansiedlungskommission in den Arm fallen.

Seit Jahren hat die kleine Gruppe, bic ben Bund der Land­wirte leitet, gegen die innere Kolonisation intrigiert. Sie hat zuletzt offen die Restgüterfrage aufgerollt, und als die Ansiedler gegen eine solche Vergewaltigung der bäuerlichen und überhaupt der nationalen Interessen Widerspruch erhoben, da sind sie mit leeren Worten hmgehalten, ihre Forderungen mit gefärbten Be­richten an die Oeffentlichkeit gebracht worden. Und weiter: statt der bedeutungslosen Erbanfallsteuer wurden dem Bauern schwere Lasten aufgewälzt, der Kolonisation wurde ein neuer Stein in den Weg gewälzt, denn auch die gemeinnützigen Diedlungsgesellschaften und Genossenschaften müssen ebenso wie der preußische Staat die neue Umsatzsteuer zahlen! Und schließlich wurde der Kanzler gestürzt, der die Landwirtschaft kräftig geschützt und die innere Kolonisation stets gefördert hat. Das alles sollte sich der Bauernstand wohl ruhig gefallen lassen?

Ein veraltetes preußisches Gesetz.

Der Abg. Dr. Müller-Meiningen schreibt der Voss. Ztg." über einen eigenartigen Vorfall, der einem deutschen Staatsangehörigen in London passiert ist. Er habe von dem Betreffenden folgenden Brief aus Londow erhalten:

Ich 'erlaube mir hiermit. Ihnen folgendes xur Kenntnis zu bringen: Ich bin seit November 1907 in London ansässig und Hobe mich an das hiesige Generalkonsulat gewandt und meinen A u s tritt aus der Landeskirche angenrelbet. Von dem Sttinfut wurde ich an das preußische Justizministerium gewiesen, an welches ich mich wandte, und ich erhielt ein Schreiben laut einliegend«! Kopie, aus welchem ^ganz klar hervorgeht, daß ich hier von London aus aus der Kirche nicht austreten kann, fonbem persönlich in Preußen eine entsprechende Erklärung vor dem Amtsrichter ab- zugeben habe. Wegen Zeitmangels und auch wegen pekuniärer Verhältnisse kann ich so ohne weiteres nicht nach Preußen fahren, und ich werde gegen meinen Willen und ungeachtcl all meiner Petitionen an daS Generalkonsulat in London, das Konsistorium, die Generalsynode und das Berliner Amtsgericht (Berlin-Mitte) weiter in den Listen der preußischen evangelischen Landeskirche Zch empfinde dieses als eüt großes Unrecht. Ertern-

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Schack abgeschüttelt.

Die deutsch-nationalen Handlungsgehilfen scheinen den verblüffenden Veschönigungsversuchen Schacks in seiner traurigen Angelegenheit doch nicht samt und sonders nach- zuaeben. Bon Darmstadt aus wird Schack kräftig abge- sd>uttelt. Zwar ist in der betr. Entschließung die Stelle enthaltenbei etwa kommender Bestätigung", aber der ganze Ton, in dem die Darmstädter sprechen, zeigt, daß sie auf die Verbandsleitung einen Druck zur Entlassung Schecks ausüben wollen.

Darmstadt, 9. Sept. Zu der Angelegenheit des Reick)stagsabg. Schack erläßt der Vorstand der Ortsgruppe Darmstadt des deutsch-nationalen Handlu7tasgehilfen-Ver- bandes eine öffentliche Erklärung, in der es heißt:

Die Verdienste Schacks um die soziale Hebung des deutschen Handlungsgehilfenstandes werden durch den Fehltritt nicht un gefchcben gemacht. Das bis jetzt Schack zur Last 'gelegte Ber schulden wird und muß bei etwa kommender Bestätigung die u n verzü gliche Scheidung von Schack herbei führen. Unsere deutsch nat. D.-G.-Bewegung ist so stark und selbständig, daß sie auch ohne die Führung eines Schack die ErflUlung ihrer großen Zukunstsaufgaben zu erkämpfen in der Sage ist. Uns gilt die Sache cckles, die Person nichts.

Um die Gefühle der deutsch-nationalen Handlungs­gehilfen ganz zu verstehen, muß man wissen, oaß Schack es war, der vor Jahren den Verband der deutsch-nationalen Handlungsgehilfen gründete und allerdings durch eine rege Agitation es bewirkt hat, daß der Verband eine so große Verbreitung und so zahlreiche Mitglieder erlangt hat. Schack, der 1869 in Hamburg geboren witrde, gehört der deutsch- sc^ialen Partei an und leitet verschiedene Blätter, welche die Interessen seines kaufmännischen Verbandes Dertreten.

Aus Hamburg ist inzwischen die Meldung gekommen, daß die Staatsanwaltschaft einschreiten wird.

Hamburg, 10. Sept. In der Sache des Reichstags- crbgeordneten Schack steht gerichtliches Einschreiten bevor, ba die Staatsanwaltschaft derTriole-Angelegenheit" öffent­liches Interesse beimißt und daher öffentliche Anklage er­hoben hat. Die junge Dame ist als Nebenklägerin zugelassen worden._______________ ____________

Der König von Sachsen im Zeppelin schen Luftschiff.

Am gestrigen Donnerstag hat auch König Friedrich August von Sachsen im Zeppelin III eine kurze Fcchrt mit­gemacht. Der Tag, so sagte er nachher, sei der interessanteste seines Lebens gewesen. Z. III kommt, worauf wir unter .Lokales" besonders aufmerksam machen, am morgigen Samstag nach Frankfurt.

Friedrichshafen, 9. Sept. Nachdem das Luftschiff Z. III" um 11 Uhr 45 Minuten zum zweiten Male mit dem König von Sachsen und dessen Gefolge an Bord aufgestiegen rvar, nahm es um 1 Uhr 15 Minuten in der Nähe desDeutschen Hauses" eine Zwischenlandttng vor. Der König, Graf Zeppelin und das Gefolge wurden von dem MotorbootWürttemberg" an Land gerächt, wo imDeutschen Haus" ein kurzer Imbiß eingenommen wurde.

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Inzwischen war das Luftschiff wieder aufgestiegen, um nach I Raum ist im Osten genug vorhanden, cs gilt nur, b e un- der schwimmenden Rcrchsballonhalle in Manzell zu fahren, geheuere Zahl von Bauerndörfern aufzubauen, bicieu bcmTrurv.g- wo bte Landung um 1 llhr 35 Men. erfolgte. Der K»nig j l°^ ---K ~ 10 ' ------ nk

von Sachsen mit Gefolge sind um 1 Uhr 50 Minuten wieder abgereist.

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