Nr. 55 Erstes Blatt 159. Jahrgang Samstag 6. März 1909
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Die heutige Nummer umfahr 16 Seiten.
politische Wochenschau.
Gießen, den 6. März.
Eine Klänrng der Lage haben die bisherigen Beratungen der Finanz ko mm ission nickt gebracht. Noch läßt sich über das tSdndfal der von der NcichSregierung beantragten Nach- laßsteuer nichts sagen, nicht einmal vermutungsweise. Xa& die Freisinnigen sich mit den übrigen Parteien unter Vorbehalt geeinigt haben, die Besitzsteu r als Grundlage für weitere Verhandlungen anzusehen, ändert nichts hieran. Gegen dieses Kompromiß, das die Finanzhoheit der Einzelstaaben vernichtet, werden gewichtige Bedenken erhoben. Sv weist die „Win. Ztg." darauf hin, das; es an Stelle der Matrikularbeiträge, die jeder misbringen banne, Matrikularbeiträge setzen wolle, deren Asbringung das Reick nach ungemeinen Grimdsätzeu vvrsärreibt, olync Rücksicht auf die finan- zieÜe Lmrdesgesetzgebung, ohne ))iucksichl darauf, das; die Besteuerung in kleineren Bundesstaaten damit gezwungen werden könnte, die ihre wenigen reichm Leute Mr Abwanderung in andere Bundes staaten zu veranlassen. Der Schlußsatz dieses neuen Kvmoro- mißvvisclchagS ist einfach eine verfassungsrechtliche Ungeheuerlichkeit, ob deren Größe jedem deutschen Staats- rechtslehrer jedenfalls die Haare zu Berge stehen werden. Tie „Köln. Ztg." hat sich aber mit der Annahme geirrt, daß weder Freisinnige noch Nationakliberale ein so geartetes Kompromiß mihnadicn könnten. Im ersten Augenblick wird wohl namentlich der Beschluß der Freisinnigen allenthalben große Enttäuschung und Erbitterung hervvrgerufen haben, allein die „Voss. Ztg." und die „Freisinn. Ztg." deuten — unseres Erachtens mit Recht darauf hin, daß es sich hier nur um einen klugberechneten Dchachzug handele. Man Müsse, so meint die „Boss. Ztg.", das föauirtgciuidyt auf den Vorbehalt legen, unter dem die Freisinnigen beit ompromrßvorschlögen als Grundlage zu weiteren Verhand
lungen über direkte Reichs steuern zugestimmt haben. Man könne verhandeln, in der Entartung, daß sich der eingejchlagene Weg als ungangbar erweisen werde. Anscheinend nroflc die bürgerlid)e Linke nicht sofort die Brücken abbrechen, sondern, wenn der Block gesprengt werben solle, her Rechten die Verantwortung bafür überlassen. Taß die Kompromißvvrschläge Gesetz loerben, gilt »vohl als ausgescküossen, schoir infolge des Widerstandes des Bundesrats. Man wird also zweifellos früher oder flxüer auf die Nachlaßsteuer zurückgreifen müssen. Zu wünschen ist es nur, daß die Regierung fest bleibe, dann wird sich diese Steuer auch durchsetzen lassen, ohne daß es nötig wäre, den Reichstag aufzulösen., Wir ein neuer Reichstag aussehen würde, ist unschwer vorauszusagen: die Regierung hat cs denn auch schon deutlich genug abgelehnt, den Sozialdemokraten den Wunsch zu erfüllen und den Reichstag imfzulösen.
Zu den Hauptleidtragenden bei Reichstagsncuwahlen würben augenblicklich s.ck)erlid) die Nationalliberalen gehören; sie müssen schon jetzt für den Wahlsd>ad)er in Alzch-Bingen fdMer büßen und sich aus den eigenen Ikeihen die schlinrmften und leider
Gietzener Theaterverein.
La Traviatg.
Oper in 4 Akten von Verdi.
Unsere lieben Gäste vom Großh. Hoftheater in Darmstadt haben uns gestern mit einer vortrefflichen Aufführung hon Verdis Traviata erfreut. ^Jian könnte ihre Auffassung dieses .Werkes atlehnen, aber man muß doch immer wieder billig anerkennen, wie gut sie es verstehen, diese ihre künstlerische Auffassung einheitlich und harmonisd» buid> die ganze Aufführung durchküngen zn lassen. Tie Handlung spielt in der Gegenwart, aber man weiß, daß das moderne Salöntvstünr s. Zt. bei der Erstaufführung der Oper in Venedig am 6. Mürz 1853 eine der Hauplursachen geioefen ist, die zur Ablehnung dieser Oper geführt haben. Es war das Neue und Ungewohnte, daß das Publikum nicht reckst verstand. Hcinsttck wird die Stimmung seiner Zeit diesem Werke gegenüber wohl recht treffend geschildert haben, inbem er von der Oper sagte: „Sie behandelt die „Dame aur eamS!ias( vom jüngeren Trmias. Für die Musik bleibt dies immer ein widerwärtiger Vorwurf. Tie erste Hälfte der Oper verherrlicht die Liederlich Feit, die zweite die Lungenschwindsucht: Tort haben wir daS übertünchte, hier das offene Grab." Verdi hat bann bekanntlich die zweite Ausführung in einem anderen Kastüme spielen lassen nnd so einen ersten großen Erfolg errungen. Uns heutigen ifi das utoDcrne Saiontvstüm auch in der ermthaften Oper nichts ungewohntes Mehr, und man braucht nicht mehr zu fürchten, daß eine Oper, wie Traviata, nicht gefallen fmmte, luenn ifjm die Farbenjreutigkeit der Kostlimicrung etwa des 18. Jahrhunderts (fv wurde die Over gestern gegeben) fehlt. Anch die Handlung wird schwerlich so abstoßend wirken neben der prachtvollen Musik Verdis, dieser wunderbar feinen musikalischen Charaktcrisierungs kunst. Für unser durch Wagner verwöhntes Ohr bat diese Vertusche Musik einzelne Stellen, die etwas an bic Drehorgel erinnern, aber was will das besagen neben so vielen echten Perlen musikalischer Schönheit. Wie nmnberbar hat es der Komponist hier verstanden, das viele Häßliche und Abstoßende der Handlung durch seine Musik zu veredeln und zu verschönern. Sein Orchester vor allem ist hier ein Meisterwerk der Jnslrurnentierkunst. Ma,i denke nur an das kurze Vorspiel.
Herr Kapellmeister Kittel hat mit seinem Orchester alle diese Schönheiten vortrefflich zum Ausdruck gebracht. Aber das Orchester allein würde trotzdem wohl kaum imstande sein, den großen Erfolg dieser Oper. wie wir ihn gestern erlebt haben, zu verbürgen. Dazu bedarf es einer geeigneten Vertreterin bei Violetta. Diese Rolle stellt außerordeutlicke Anforderungen nicht nur an die Sängerin, sondern nod) mehr an die Darstellerin. Tiefen Aufordciungen wurde Tyrl. S u ch a n e f in ganz hervor ragendem Diaßc gerecht. Schoic ihre besonders in den höheren Sagen herrliche Stimme verbunden mit einer im wahrsten Sinne birtuosen Ausbildung nracht sie ganz besonders geeignet für dies: Rolle. Dazu kommt dann bei .dieser Dame noch das glänzend' natürliche Spiet hinzu. Tie Tarstellnng Ivar bis im Einzelnen icin abgetönt. Wie gut war die leichtsinnige, lebenslustige Violette öcs ersten Mtes getrofscn, wie ergreifend und wal)cheitsgetrei. il)c körperliches und selisches Leiden dmrakierisiert. Die Duette im ersten, zlveiten und vierten Akte waren bau schöner Wirkung
Neben dieser Violetta ragte befondcrs/der Georg Gernton: des Herrn. Weber sowohl gesanglich als auch darstellerisch hervor
nickst unberechtigten Vorwürfe macken lassen. Diese Wahl in Alzeh-Bingen hat einen politifdjen Tiefstand der nationalliberalen Partei verraten, der jeden aufrichtigen Freund dieser Partei nur mit Trauer und Besorgnis erfüllen muß. Was soll man in Zukunft von einer Partei erwarten, die so direktionslvs handelt. Man sage doch nickst, daß nicht die ganze Partei für die Unterstützung des ZentnmrS in Alzey-Bingen verantwortlich gemacht werden dürfe. Allerdings Vorgänge, wie bei dieser Stichwahl, mären nickst gut Möglich, wenn die Parteileitung nur die nötige Festigkeit und Energie entwickelte. Aber die ewigen Kompromisse, mit deren Hilfe man nad) allen möglichen Richtungen hin die mittlere Linie zu finden Ijbfit, haben in der Partei schließlich alles Augenmaß schwinden lassen. Wenn die Partei gegenwärtig keinen so hoffnungslosen Eindruck ntadjte, mürben jetzt gewißlich nicht so manche treuen Freunbe unb Mitglieder der Partei den Rücken kehren. Man denke nur an den Grafen Hoensoroech.
Bei der am 9Nontag bevorstehenden Stid)wahl im 6. hannoverschen Wahlkreise Syke-5)oya-Berdcn werden die Freisinnigen für den Nationalliberalen eintreten, trotz der berechtigten Enrpvrung über die Haltung der Nationalliberalen in Alzeh-Bingen. Der geschästssührende Aussdwß der Freisinnigen VolkspaNei ist nad) einer Mitteilung der Freisinnigen Zeitung der Ansidst, daß die fteisinnigen Wähler sid) nicht des gleichen Mangels cm politischer Einsidst, Verantivortlichkeitsgefülst und Disziplin sckmldig mad)en dürfen, wie die Nationalliberalen in Alzey-Bingen. Die Wähler müßten sich bei der Sttclyvahl zwischen einem Nationalliberalen und einem Welfen allein nad, sachlid;cn Gründen unter Würdigung ler Gesamtpolitik im Reicl-c ent- sdieiden. Die Frage etwaiger Kompensationen muß aei dieser Stichwahl aussdieiden. Nad) dem schmähtid^en Wahlhandel der N a t io n a l l i b e r a l e n im Wahlkreis Alzey-BingenwürdeesderWürdeder Freisinnigen Dolkspartei nicht entsprechen, mit den Nationalliberalen im fed>ftcn l;annoversd)en Wahlkreise wegen etwaiger Kompensationen für die Unterstützung in der S t ichwa h l in Verbindung zu treten. Der GesclMs führende Ausschuß hat daher einmütig beschlossen, den Partei genossen zu ernpfel^en, bei der Stichwahl am 8. März ihre Stimmen für den nationalliberalen Kandidaten abzugkbcn.
Das sind sehr harte Worte, die den Führern der National- liberalen zu denken geben sollten. Der Führer der hessisdxn Nationalliberalen, Abg. Dr. Osann, hat es wohl selbst ernp sunden, daß auch er nickst wenig schuld ist, an dem Vorgänge in Alzeh-Bingen Wo war feine Fühcerstimme bei dieser Wahl? Warum klävtc er die Parteifreunde in Alzey-Bingcn nidjt darüber auf, was die gegenwärtige politische Lage im 9icid)c von einer Blockpariei verlangt. Dr. Osann hckt den Vorsitz niedergelegt, weil er selbst gefühlt hat, daß ihm das nötige Vertrauen seiner Parteifreunde fehlen muß.
Nach einer anderen Version soll Osann allerdings sein M ö g l i ch st e s getan haben, um die Nationalliberalen in Alzey-Bingen zu einer anderen Haltung bei der Stichlvah. zu veranlassen. Leider vergebens.
In der B a l ka n po l i t i k ist endliche eine kleinere Bes-
Seine Arie im zweiten Akte „Hat dein heimatliches Land" brackjte chnc großen wohlverdienten Beifall ein.
Herr Hacker konnte sich neben diesen beiden hervorragenden Leistungen nur sehr schwer Geltung v-ersd-asfen. Rem darstellerisch luurbe er den Anforderungen seiner sch-nnerigen Rolle im allgemeinen geredst — am Schlüsse des dritten Aktes war er sogar ausgezeichnet — aber gesanglich vermochte er es nicht, seiner Rotte die höchste künstlerlsä)« Vollendung zu geben. Tic Stimme klang nickst frei und drohte mitunter zu versagen. Wahrscheinlich lag es nut an einer höchst bedauerlichen Indisposition.
Die 'Chöre waren im allgemeinen gut. An reichern Applaus fehlte cs den Darmstädtern weder nach den einzelnen Aktsdstüssen noch am Schlüsse der Oper. Das Theater lvar, wie es schien, bis aus ben letzten Platz besetzt. —n.
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— Ein svnderba r es Gesetz. Die geplante Jnseratew- steirer hat schon ihre Vorgänger gehabt, ja früher glaubte man, wie das bekannte „Buch für Alle" mitteilt, selbst in England die Presse tüchtig bluten lassen zu sollen. Unter anderem mußte für jede Anzeige eine Steuer von 3 Sdjl.lling 6 Pence (etwa 3Vs Mk.) entrichtet werden. Später wurde diese Steuer auf 1 Schilling 6 Pence herabgesetzt, und Gladstone wollte die Steuer bis auf 6 Pence ermäßigt haben. Am 21. Juli 1853 wurde der Glod- stonefd>e Porsästag vom Unterlaufe angenommen. Damit unzufrieden, verließen die Minister und ein großer Teil ihrer Partci- genosseir den Sitzungssaal. Als nun Gladstone sah, daß die Regierung in der Minorität tvar, stellte er den Unterantrag, daß an Stelle (der 6 «ine 0 Ißcje&t werde. Es kam zur Abitimmung, und der Antrag wurde angenommen. Ganz London lachte, und bic Regierung ärgerte sich nicht wenig, als es sich herausstellte, daß das Unterhaus besckstossen habe, die für jedes Inserat zu cntridjtenbc Steuer solle betragen 0 Pence, das heißt also nichts. Tie Wirkung dieses erlisteten Gesetzes war aber eine seht gute. Seit Aushebung der Anzeigenstener hat die englische Presse einen ungeahnten Austdflvnng genommen, der der Gesamtheit sehr zn statten gekommen ist.
— Die Vereinigung zur Förderung der Künste in Hessen und im Rhein-Main-Gebiet teilt uns mit, oaß die Großherzogin Eleonore das Protektorat über die Ver- -inigung übernommen hat und daß der Großherzvg der Bereinigung als 'Stifter beigetreten ist. Tie Bereinigung zählt jetzt über 1100 Mitglieder. Im letzten Jahre betrug die Zunahme der Mit- gliederzahl ca. 750 Diese günstige Entwicklung dankt die Ver- einimmg hauptsächlich der „Kunst unserer Heimat", die sed)smal im ^ahre erscheinend ein reiches, gut zusammengestelltes Material aus bem Kämst leben unserer Heimat bringt, u. a. erscheint nächstens me nod) unveröffentlichte größere Novelle Holzainers. Bci- iräge sind zngesagt von A. Bock, Frau H. Ehriitaller, Carillon n A Ganz besondere Berücksichtigung findet das Kunghandwerk und die Kunstinduslrie, die mit zahlreickien Beiträgen vertreten ,ind. Ferner sollen gute Führer hessischer Städte erid)emen, icidimüdt mit Zeichnungen hessischer Künstler. F^rtU'rung der l:cimi)'d)£ii Kunst, her heinnsdxn Industrie iit das Z.el der Ver- inignng. Die Geschäftsstelle, die ftd> m Jugenheim a. d. B. bc- । intet, erteilt jede nähere Auskunft.
— Fritz Reuter und Klaus Groth. Im Winter 1853 hatte Reuter seinen ersten Band „Läuschen uit Rimels", Denen Tedikatron er schon zum vorigen Weihnachten feinem Freunde Fritz Peters auf den Gabentisch, gelegt hatte, in die Welt hcnaus-
serung zu verzeichnen. Nachdem Ocfterreid>»Ungarn und Bulgarien Wege gefunden hatten, um sid) mit der Türkei zu verständigen, scheint nun auch Serbien endlich bereit zu fein, friedlich Verhandlungen dem friegerijdxn Lorbeer vvrzuziehn. San bien hat seinen Widerstand gegen die Predigt der Vernunft auf» gegeben: es will nicht mehr auf irgend welchen Kompensationen und Konzessionen von Seiten Oesterreichs bestehen, sondan, wie cs einem Kleinen geziemt, beschiden abivarten, was die Großem vesdstießen. Ganz freiwillig ist Serbien allerdings nicht zu dieser Bescheidenheit gcfbmmcii. Es har erst sehr deutlicher Beweismittel von St. Petersourg aus bedurft, um Serbien zu üiberzeugen und zu besd)eiden.
In den Vereinigten Staaten von Nordamerikal ist inzwisd)en der Präsidentsdwftswcchsel erfolgt. Roosevelt hat nad) 7Vl> Jahre langer Tätigkeit sein Amt dem neuen Präsidenten: Tast übergeben. Dieser hat dann aud> sofort in längeren Aus-- siihi-ungen die Grundzüge seines polttiidjen Programms entwickelt. Es weidft nid)t von dem Roosevelts ab, sondern stellt nur eare Fortsetzung der bisherigen Politik dar. E. A.
politische Cagcsfcbau.
Tie Regierungen und das Kompromiß der Blockparteien.
Der Berliner Korrespondent der „Kölnischen Zeitung meldet: Der „Berliner Lokalanzeiger" will in Parlament torischen Kreisen erfahren haben, daß die Zustimmung der Verbündeten Regierungen zu dem gestern angenommenen Kompromiß der Blockparteien sicher sei. Nach meinen Er-' Kündigungen in Bundesratskreisen ist dies durchaus nicht der Fall. Da wird im allgemeinen das dem Sinne der Verfassung des Deutschen Reiches zuwiderlaufende und in die Finanzhoheit der Bundesstaaten schwer eingreifende Kompromiß ebenso beurteilt, wie es bei uns in dem Artikel) „Andere Wege" geschah. Es ist übrigens auch wohl nicht anzurvehmen, daß der Reichsschahsekretär Sydow, der jbie Nachlaßst-ener früher stets als conditio sine qua non der Finanzresorm bezeichnet hat, sich nun im Bundesrate zum Fürsprecher des Kompromisses hergebcn kann. Darunter müßte jedenfalls fein persönliches Ansehen im Bundesrats schwer leiden. Das Kompromiß ist nun einmal ein Ve» legenheitsprodukt schlimmster Art und wird sich im Laufe der Zeit sicherlich nicht als ein gangbarer Weg zur .Her-, stellung geregelter Reichsfinanzen, sondern als eine böse Sackgasse erweisen. Wie nun auch von anderer Seite be* [tätigt wird, ist die Stellung Bayerns zu dem Kompromiße antrage wegen der BesiHsteuern nach wie vor ade lehnend. Bayern würde den Antrag nur annehmen resp. sich überstimmen lassen, wenn im Bundesrate eine Mehv-,. l)eit dafür zustande kommen sollte.
geschickt, ^ie sollten, wie er in der Vorrede sagt, „eine Kongregation kleiner Straßenjungen sein, die in „roher Gesundheit" lustig übereinander purzeln, unbekümmert um ästhetische Situationen, die fröhlichen Angesichts unter Flachshaaren hervorlachen und sich zuweilen mit der Torheit der Welt einen Scherz erlauben." Aber, so heißt es an einer späteren Stelle, „was ihr in aller Unschuld und Natürlichkeit für Scherz hieltet, wird man euch als Grobheit und Roheit in Anrechnung bringen." JndeS die Mecklenburger Landsleute des Dichters hatten ihre Helle Freude an dem Büchlcick, und die 1200 Exemplare der ersten Auflage waren in sechs Wochen vergriffen. Ten Atuk zur Veröffentlichung hatte Reuter vor allem der rasche Erfolg des „Quickborns" vow Klaus Groth gegeben, unb nun trat gerade Klaus Groth als strenger Tadler der „Läuschen" und des folgenden Werkes Reuters, der „Reis' nah Belligen" auf. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, seine plattdeutsdie Muttersprache auch zu einem Organe für ernste, unb empsinbsarne Stoffe zu machen, und hielt, wie Professor Wilhelm Meyer in Göttingen in der Veröffentlichung von Briefen Reuters, Groth und Brinckmans an seinen Schwiegervater, den Schweriner Advokaten und plattdeutschen Tichtcr Eduard HobeiN (Berlin, Weidmann) bemerkt, durch Reuters derbkomische, zunr Teü burleske Stoffe „die heilige Sache in Gefahr." Unb ss nannte er in feinen im Mai 1858 erschienenen „Briesen über Hochbculsd) und Plattdeutsch" die Läuschen durch und burd> gemein, unb wir finben ihn leiber in der meihe der von Reuter in dar Borrebe karikierten „Höhenbunst, Blauendunst unb Trübendunst": er wirft Reuter Roheit vor, die für einen Volksschriftsteller Sünde sei. Reuter antwortete mit einer Abweisung der ungerechten Angriffe und unwalwen Behauptungen, die Meyer mit Recht für berechtigt imd inhaltlich vortrefflich erklärt: mit ihr „wehrte er sich", wie Wilbrandt schreibt, „mit der Energie eines Menschen, der für sein literarisches Tasein kämpft." Aber dieses erste Zw- lammcntrcffen der beiden bedeutendsten plattdeutschen Dichter war sicher höchst unerfreulich. Sck)on im nächsten Jahre freilich hatte Groth die Franzoscntid, dann Hanne Nöte und die Stromtib, in der Reuter wett höherstehende Arbeiten als die, ersten derbkornischen anekdotischen geliefert hatte, sehr günstig beurteilt, und er hak auch nach Reuters Tode in der „Gegenwart" am 25. Juli 1874 einen fefrr warmen Nachruf veröffentlicht. Ueber Reuters Stel- limg zu Groth aber Ijattcn wir bisher feine Aeußcrung: nun hatte Gaedertz 1890 behauptet. Reuter habe sich gegen jede Annäherung ablehnend verhallen. Jetzt gibt uns jedoch Meyer den vollen, Beweis, daß „schon Ende des Jahres 1860 zwischen Reuter und Groth ein ehrenvolles Verhältnis hcrgeftellt worden ist." Ter Vermittler dabei ist Eduard Hobein gewesen. Auf einen darauf hinzielenden Bries Hobeins antwortet Reuter in einem längeren; Schreiben zu Anfang November 1860: „Mit wirklichem Vergnügen vnnehmc ick durd) £fore Güte, daß Groth an eine Aussöhnung denkt; wcr mich irgendwie genauer kennt, der weiß, daß ich gern mit aller Welt in Frieden lebe und keinem Groly nachtrage. Hat Groth mich einmal, wie ich gestehen muß, nach meiner auch nod) bestehenden Ansicht, ungerechter Weise tief verletzt, so hat er später sich in so freundlicher Wsise gezeigt, daß ich vollständig ansgesöhnt bin. Nur eine Bitte ljabe ich bei einem! etwa mit der Zett eintretenden Verkehr, auf den Grund des Zerwürfnisses darf nicht zurückgegangen werden, er sei nicht alle« vergeben, sondern audj vergessen."


