Erstes Blatt
Samstag 7. August 1909
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für den politischen Teil: E. Anderson; s. beuifle- ton und , Vermischte- Zr. Neurath; für , Stadt u.2anö" und.Gerichts-
159. Jahrgang
»edaNisn. trpeöitien und »rnicrei: Lchulftratze 7.
Nr. 183
Ter rietzener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: niermal wöchentlich SiehenerLamlllendlStterj »menaal wochentl.Xreir» blatt für den Ureis riehen (Dienstag und Freitag); zweimal monatL Land» wirtschaftliche Settsragen Fenisor^ - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschenr
Anzeiger Gießen.
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
politische Wochenschau.
Gießen, den 7. 9tugufL
Die Aarenbesuche in Frankreich und England haben sich programmäßig abgewickelt: Paraden, Empfänge, Trinksprüche. Man hört den Zaren geradezu, sieht ihn: „Es -vor sehr sck>ön, es hat mich sehr gefreut." Aus den Tttnk- sprüchen klingt dann allerdings auch noch etwas anderes mtgegen: Tie Freundschaft des Zaren mit Frankreich und Lnaland soll beileibe keinerlei Spitze gegen irgend jemand bedeuten — pemeint ist natürlich Deutschland. Dieser Ton ist nicht neu tn der neuen politischen Konzertnrusik Europas, iber der Vortrag macht den Meister, und nad) den wsnischen Ereignissen erzeugt dieser Ton ganz besondere rmpfindungen. Von der Zarenbeaeisterung vergangener Lage ist dieses Mal weder in Cherbourg noch in England ^twas zu spüren gewesen. Der Zarenbesuch spielte sich natürlich unter Ausschluß der Oefsentlichkeit ab; das '-rächte die Begegnung der Staatsoberhäupter auf dem -Äasser schon gewissermaßen mit sich. Aber das Publikum, Las sonst so schaulustige, nahm weder in Frankreich noch in Kmgland besonders Notiz von dem russischen Besuch; ein »cnderer Teil des Publikums machte kein Hehl daraus, daß sthm dieser Zarenbesuch nichts weniger als sympathisch sei.
fanden wiederholt Protestversammlungen gegen den >crrenbesuch sowohl in Frankreich als auch in England statt liegen den „russischen Henker". Man weiß dabei ganz genau, Sau der Beherrscher aller Reußen im Grunde genommen ,:lbst ohnmächtig ist gegenüber dem Treiben seiner Beamten. Ls hat etwas Rührend-Hilfloses, daß der Zar, dem die i.itnerffe Stimmung seiner Gastgeber wohl nicht ganz ver- ■ borgen geblieben ist, setzt von England aus so und soviel i arme Schächer begnadigt hat. Aber es ist nichtsdestoweniger j ^zeichnend, daß der Telegraph am selben Tage von neuen I " .assenhinrichtungen aus dem Zarenreiche zu melden weiß. I »ün, uns gehen ja die inneroplitischen Verhältnisse des ■ . crrenreiches nichts an, aber, wenn man ehrlich sein will, I nruß man doch zugeben, daß der Zar, dieser Unfreieste Aller, | micht gut für alles verantwortlich gemacht werden kann, I rrao in seinem Namen geschieht. Diese weiche, lyrische Natur |j i ■ nicht dazu geschasfen, mit der unendlichen Mißwirtschaft |i im Russenrerche auszuräumen. Das ist selbst stärkeren Na- 1 kuren nicht geglückt. Man erfährt gelegentlich — wie jetzt ■ ourd) die Untersuchungen deS 'Senators Garin —, von solchen | Mißständen, von Unterschlagungen und Bestechungen, aber B man weiß auch, daß alles beim Alten bleiben wird. Man I rneiß, daß auch fernerhin im heiligen Rußland gestohlen, I zuraubt, gemordet und gehenkt werden wird, im Namen hei Zaren, und daß die wahren Schuldigen niemals bc- I ^aft werden. So war es im Russenreiche von jeher Sitte, ob die Verachtung Europas wird an diesen Sitten nicht u ücrs Mindeste ändern.
Auch die frühere Russenbegeisterung in Frankreich und i -.Zland tvar nur ein vorübergehender Rausch. Echte । liussenbeaeisterung kann man and) jetzt immer noch bei jd!§ im Deutschen Reiche, in gewissen Kreisen, finden. Ein i ;ioanlenloses Mißverstehen der Bisrnarckschen Politik hat zuwege gebracht, daß manche in Rußland — trotz allem — immer noch das festeste Bollwerk gegen — sagen wir — tan Untergang Europas sehen.
Neuerdings kommen nun wieder einmal Klagen über russische Grenz üb er griffe. Es ist nichts neues, hrß russische Grenztosaken die deutsche Reichsgrenze beun- ruchiaen und dort friedliche deutsche Staatsbürger aus ° töntfdjcm Loden niederknallen, wenn sie sich einmal der russischen Grenze allzusehr nähern. Von einem energischen Getreten der deutschen Regierung hiergegen hat man aber tt-ch nie etwas gehört. Neuerdings hat die russische Sol- drtesia sich sogar an einem deutschen Beamten auf deut- jLem Boden vergangen, und von Berlin aus ist man dieses Ml ausnahmsweise sogar so weit gegangen, die Angelegen
heit dem Haager Schiedsgericht unterbreiten zu wollen. Aber davon will Rußland nichts wissen, und so wird man sich denn wahrscheinlich auf deutscher Seite wieder mit einer lahmen Entschuldigung Rußlands über diesen neuesten Ueber^risf unwissender russischer Soldaten begnügen. Man will die Russen nur ja nicht reizen. Das wäre fürchterlich, gar nicht auszudenken in feinen Folgen. Aber zur selben Zeit scheut sich die russische Presse nicht, gegen Deutschland zu hetzen und Deutschland sogar für die Vorgänge in Kreta verantwortlich zu machen. Man denke: Deutschland soll die Kreter zu ihrem Widerstand gegen die Türlei aufgestack)elt und die Griechen in ihren Annexionsgelüsten unterstützt haben. Wurde jemals schamloser gelogen und verleumdet, als es mit solchen Behaupttmgen das führende russische Blatt, die „Nowoje Wremja" tut?
Kreta ist übrigens nach wie vor ein sehr ernstes Kapitel, und es kann sehr leicht heute oder morgen doch zum Ausbruche von Feindseligkeiten zwischen der Türkei und Griechenland kommen. Die ein wenig unklare Haltung Griechenlands macht die Türken schon ungeduldig. Erwartet Griechenland wirklich, daß ihm von irgendeiner Seite Hilfe kommen werde? Das wäre eine sehr gefährliche Hoffnungsfreude, weil die Enttäuschung und Ernüchterung die sichere Folge wären.
In Spanien scheinen sich derweilen die Verhältnisse wirklich gebessert zu haben. Wenigstens wird die Üage im Innern in den letzten Berichten als ruhig bezeichnet. An schweren blutigen Opfern hat es bei der bisherigen revolutionären Bewegung nun allerdings nicht gefehlt. Nack) den letzten großen Kämpfen in Marokko ist es and) dort still geworden. E. A.
Krieg wegen Kreta?
Trotzdem die griechische Regierung sich offiziell befleißigt, mit der Türkei freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten, scheint es nun doch zwischen beiden Ländern Kretas wegen zu Feindseligkeiten kommen zu wollen. Offenbar glaubt man auf der Pforte nicht den Versicherungen des Ministerpräsidenten Rallis, man ist im Gegenteil der Ansicht, daß die Bewohner der Insel Kreta insgeheim von Athen aus in ihren Bestrebungen unterstützt werden. Die Kreter haben wenig Sympathien für die Türkei und streben seit Jahren die Angliederung ihrer Insel an Griechenland mit allen Mitteln an. Unter Md ul Hamid hat die türkische Regierung den Kretern zugestanden, daß griechische Offiziere und griechische Beamte unter einem griechischen Oberkommissar aus der Insel tätig sind. Die Jungtürken aber benutzen jetzt, wo nach Abzug der Truppen der Schutzmächte unberechtigterweise auf der Insel die griechische Flagge gehißt wurde, um die mit Zustimmung der Schutzmächte dort befindlichen griechisd;en Offiziere entfernen zu lassen. Vorläufig hat man zwar in Konstantinopel in dieser Hinsicht noch keinen endgülttgen Beschluß gefaßt, weil man es zunächst den Schutzmächten überlassen will, den Statusguo auf Kreta wiederherzustellen, aber es ist kaum anzunehmen, daß es den beteiligten Mächten gelingen wird, die Kreter zur Nachgiebigkeit zu bewegen. Insbesondere dürften sie sich nicht damit einverstanden erklären, daß die griechischen Offiziere aus der Miliz zurückberufen werden.
In Konstantinopel läßt sich die Regierung von den jungtürkischen Offizieren, die den Griechen gar zu gern einen Denkzettel geben möchten, fortreißen. Das jungtürkische Komitee hat auch als Programmpunkte für ein demnächst abzuhaltendes Meeting folgende Forderungen festgesetzt: Tas Kabinett muß bei den Schutzmächten auf Entfernung aller griechischen Offiziere und Beamten von Kreta bestehen, die türkischen Brielmarken wieder einführen, die türkische Flagge hissen und die Insel durch 60 Bataillone besetzen lassen. Falls das Kabinett nicht imstande sei' diese Forderungen durchzusetzen, möge es ab danken. Das Komitee werde dann mit Unterstützung der Armee handeln. Man sieht, daß das jungtürtische Komitee in der Ktetaftage eine extrem na- tionalisttsche Politik vertritt, in der es wahrscheinlich einen
sehr großen Teil der Bevölkerung des ottomanischen Reiches auf seiner Seite hat. Für die Türkei ist eben Kreta nur ein, Vorwand, denn sie weiß recht gut, daß die Insel niemals lürkisck) werden wird. Die Junglürkcn machen die ®ried)en für die Banden, für die verkleideten Offiziere, für das Verbreiten panhellenischer Schriften, kurzum für die ganze im osmanischen Reiche betriebene Propaganda verantwortlich und verlangen deshalb sofortige Einstellung jeder weiteren Agitation und die Rückberufung aller daran beteiligten Personen. Können sie das nicht durchsetzen, dann werden sie eben mit dem Einmarsch türkischer Truvpen antworten.
Viel zu erobern gibt es für sie allerdings nicht, denn Gricck)enland annektieren können sie nicht und eine Kriegsentschädigung ist von dem armen Staat gleichfalls nicht erwarten. Es handelt sich für sie lediglich um eine innere Frage des osmanischen Reichs, die jetzt erledigt werden soll, wo Kreta einen Zankapfel bildet. Man darf gespannt jein, wie die Kabinette die günstige Lösung, die die Herren Pichon und Iswolsky anläßlich der Begegnungen von Cher- bourg und Cowes zuversichtlich in Aussicht gestellt, herbei- sühren werden. Besteht zwischen ihnen tatsächlich Uebereüu- stimmung über das Ziel, das sie jetzt erretd)en wollen, wie über die Mittel, mit denen sie seine Erreichung sichern würden, und ist es ihnen ernst damit, unter keiner Bedingung einen neuen Brand im Orient entflammen zu lassen, so wich sick) die Pforte schließlich doch noch besinnen, bevor sie sich lediglich für die Wahrung eines formellen Besitztitels ohne reale Bedeutung in einen Krieg stürzt, dessen Beginn sie wohl bestimmen kann, dessen Ausdehnung und Ausgang sie aber in keiner Weise sicher in der Hand hat. Darum darf man immer noch hoffen, daß schließlich auch in Konstantinopel kühle Vernunft und Besonnenheit die Oberhand behalten werden.
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Wien, 6. Aug. diach Meldungen aus Canea hat vorgestern abend der rretische Minister des Auswärtigen, Veni- selos, seine Demission gegeben, weil die Behörden vormittags auf den öffentlichen Gebäuden die griechische Flagge aufpflanzen ließen, obwohl die Flagge nur a^tf der Festung täglich, auf den öfsentlichen Gebäuden lediglich an den an» ernannten Festtagen gehißt werden darf. Heute vormittag wurde die Flagge auf den öffentlichen Gebäuden eingezogen und den Drängen seiner Amtstollegen nachgebend zog der Minister dann seine Demission zurück.
politische Lagesschau.
Spanien.
Hinter der scheinbar in die katalonische Hauptstadt zurückgekehrten Ruhe verbirgt sich eine tiefgehende Aufregung der Gemüter. Bon dem Spruche des Kriegsgerichts hänge das weitere Verhalten der Revolutionäre ab, so meint der Korrespondent des Mattn. Würden, wie zu erwarten sei, Todesurteile verhängt und ausgeführt, so sei ein Wiederausbruch der Revolution zu erwarten, der schlimmer fein würde, als der erste. Nun meldet „Daily Expreß" aus Barcelona, daß feit Montag 160 Gefangene auf der Festung Montjuich hingerichtet worden sind, darunter auch Frauen. Die Letzteren verfuhren während der Revolution fast noch schlimmer als die Männer. Die Frauen, darunter kaum dem Kindesalter entwachsene junge Mädchen, verübten furchtbare Brutalitäten. Im Gefängnis von Montjuich befinden sich noch 1300 Gefangene, die gleichfalls ihrer Hinrichtung entgegensehen. Nach der „Daily Mail" sind die Kabylen vor Melilla geneigt, Frieden zu schließen, aber die Stämme im Hinterlande sind entschlossen, den Kamps fortzusetzen.
Deutsches Reich.
Der Kaiser. Wie beftimmt verlautet, wird der deutsche Kaiser zum Besuch beim Grafen Bentinck am Montag nach Holland kommen und am Dienstag wieder ab reifen. Die Gendarmerie in Desteeg bei Middachten ist beträchtlich verstärkt worden.
Der neue Boman unserer Zamilienblätter.
In der heutigen Nummer der Gießener Familien- 5::ättcr beginnen mir mit dem Abdruck von Wilhelm Holz» met-jt erstem großem Roman: Peter Nockler, der unteren Syrern jedenfalls ebensoviel edle Freude bereiten wird, wie desselben Dichters mit so diel Beifall aufgenommener Roman: Der sme Lukas.
Peter diockler, die Geschichte eines Schneiders, hat den Dichter ! räch und plötzlich zu einem der bedeutendsten Dichter der Heimat- > !nft gemacht. Tie sogenannten „kleinen Leute" gelingen ihm bk besten, Leute, die bart und ehrlich mit dem Schicksal ringen bto immer im Kampf sind. Rühmlose, stille Helden, die un- jwrrt ihren Weg gehen und sich an den Blumen freuen, die in säumen und sie für andere, weniger bescheidene Menschen Nutzen lassen. Menschen, mit denen das Leid Arm in Arm geht, Rtmfcfen, die ent durch ihr Leid Bollmenschen werden. Dem irrten Peter Nockler, dem lveichmütigen Schneidergesellen wider- I 'iBrt schier unerträgliches Leid. Er ist „ein guter Kerl", „denn in Schneider ist immer ein guter Kerl. Einer, ber’ö nicht ge- «en wäre, ist mir noch nicht begegnet".
f)2acb ferner Lehrzeit kommt er von seinem kleinen, heimeligen 2crf in die große fremde Stadt, wo er fast vergeht vor Heirn- ueä. „Es saß ihm so ein Druck in der Brust, in der Herzgegend vsts unten. Es war so etivas, das herauf wollte und immer nur ir eine Gelegenheit paßte: herauf schluchzen, müde und traurig naben. Und ein .paarmal packte es den guten Peter, und die xnb sank ihm aufs Knie, und die Nadel ruhte."
Ta findet der Peter ein schönes junges Mädchen und er iüt sie rein und stark. Sie besuchen die Eltern des Mädchens eiben im Odenwald, wo gerade „Kerb" ist, und während der 3eer mit dem Schwiegervater beim Dein sitzt, ist das Mädchen tn einem früheren Schrtz. Und wie der Peter nach ihr sucht, « laust fie aus per ^fiuer an ihm oorbei zum Tanz.
„Er war keiner Wut mehr mächtig. Zerbrochen war ihm alles. Alles zerschlagen. Alles verloren, alles hin!"
Ta fitzt er beim wieder, einsamer, trauriger als zuvor in seinem Schneiderstübchen und schafft und schafft und ringt mit seinen Gedanken. Und eines Abends kommt „die Clise" mit dem Kind unter dem Herzen zurück nach Mainz, zu dem armen Peter in sein Tachstübchen.
Ohne Haß, ohne Aerger, nur voller Bedauern, voll tiefen Mitleids sah er sie an, wie ihre Augen immer größer starrten. Ganz mechanisch zog er den grünen Schirm der Lampe tiefer.
„Setz dich, Elife!"
2a schrie sie auf, warf sich auf den Stuhl und weinte. Und weinte und weinte —.
Und er nimmt fie auf, trotz edlem, und mit rhr die fremde Schuld, denn er kann das arme Ting nicht so leiden sehen, und „ein Schneider ist immer ein guter Kerl!" Er weiß alles wieder zusammen zu stückäln. „Er weiß, alles was auSeinaitber ist, ist auch wieder zusammenzubringen." So heiratet er denn die Elise, denn er versteht alles und verzeiht alles. „Ich will Euch was sage, mer fein hall all Mensche!"
Peter zieht mit seinem Weibe wieder in fein liebes, stilles Torf und wird Meister. Das Kind kommt zur Welt — ein starker, strammer Bub und der Peter hat Freude an ihm. Und nicht gar lang darnach, da hat er mit der Elise ein eigen Kind — und das ist ein fteineg schwaches Wesen und stirbt bald. Auch sein Weib siecht langsam dahin, die selbstlose Güte ihres Mannes bricht ihr das Herz.
Das ist das große Weh, das Holzamer so gern schildert, und doch ist es hier noch nicht bedrückend, das Weh und das Leid. Tas macht, es sind leibhaftige Mem'chen, die da leiden und ringen und fie find stark in ihrer Schwäche, und wollen etwas und haben einen Mut und eine Lrast.
Tas ewig menschliche, gelautert und verklärt, tritt uns hier schön und rein entgegen wch überhaupt in seinen Dorfgeschichten,
I und gibt ihm feinen nachhaltigen Wett. Hier liegt feine Stätte, | feine eigentliche Kraft. Hier ist er innig und tief — nicht fo großzügig wie in feinen späteren Frauenromanen, nicht so weitblickend, aber and) straffer, harmonischer und reicher.
Einfache, schlichte Mem'chen hat er da geschildert, und ein- fad)e, schlichte Schicksals sind es; er liebte die Kraftmenschen nicht, er gab keine Helden der Tat — nur Helden des Leides, der Entsagung. Holzamer war kein genialer Erfinder. Er nahm, was der Tag ihm bot und jo kam er zu seiner Heimatkunst, mußte er dazu kommen. Tas warmblütige, senttmental-fteudige Völk- djen Rheinhessens hat in ihm seinen liebevollen Dichter gefunden. Allerdings, er schloß sich nicht ängstlich in den weiß und roten Pfählen ab, er schrieb in erster Linie zu seinem Gefallen und aus seiner gelebten und erlebten Erfahrung heraus. Darum sind seine Menschen auch wirkliche Menschen mit allen menschlichen Eigenschaften. Stark und fest stehen sie in ihrem Kreise und wehren sich tüchtig und blicken fest auf ihr Ziel, das fie unbedingt tu erreichen suchen. Sie wollen ganz sich selbst werden, und sie werdens auch, selbst wenn fie dabei sinken und untergeben. Sie bleiben sich treu und fragen nichts nach Hchn und Geläc^er, nicht nach Freunden und Feinden, rote schwer auch ihr Leben! sein mag. Und es ist schwer. Ter Dickster macht es ihnen fast ;u schwer... Er sucht förmlich nach den Hätten, kein Ausweichen gönnt er ihnen. Sie müssen, und wenn sie dabei verbluten. Es ist alles Notwendigkeit, alles ein unerbittliches Müssen, ein ewiges Kämpfen. Gerade wie es in seinem Leben war. Das war auch ein großer Kämpf, ein Kampf um seine Freiheit und um seine Kunst. Er strebte zum Licht, rote ein Vogel ftn Käfig. Nicht am Boden kleben bleiben, hinaus und hinauf, so hoch, daß die Welt mit all ihren Sorgen und all ihrem Weh roeit' weit Zurückbleiben muß. — Und mitten im freien Fluge ist er gestürzt. Kaum 37 Zahre alt, starb er an der Diphtherie, die er sich bei der Pflege eines seiner Kinder zugezogen Halle.
Karl Neurath.


