Zweites Blatt
1 FS. Jahrgang
Nr. 30
Freitag F. Februar 1909
Gießener Anzeiger
Erscheint iSgNch mit Ausnahme deS Sonntag».
General-Anzeiger für Gberheßen
Die „Siebener LamiNenblStter" werden dem .Anzeigeri viermal wöchentlich beigelegt, daS „Ercisblott für den Kreis Eichen" zweimal wöchentlich. Die „randwirtschastlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Echuk- straße 7. Expedition und Verlag: e=® 5L Redaktion: 112. Tel.-AdraAnzeigerGießeu,
Rotationsdruck und vertag der VrühNch« UnwersuätS - Buch- und Etemdruckerei. R. Lange, Liehen.
Die ungarische Ministerkrise.
ak. Ungarn steht seit einigen Wochen im Zeichen einer schweren inneren Krise, die jetzt anscheinelld zur Demission des Koaluions- ministeriums Weckerle und seine Lrsetztmg durch ein £Dhnt- slertum führen wird, das entweder ausschließlich aus Mit- gliedern der Unabhängigkeitspartei besteht, oder in dem ivenigstens diese Partei über einen größeren Einfluß verfügt, als in dem gegenroärligeit, wo sich eine Anzahl von Portefeuilles, darunter das des Mlnisterpräsidenten uiid des Ministers des Innern, in den Händen der VerfassungSpartei besindeii. Auch fchemt man bereits den künftigen Ehef dieses Ministeriums gefunden zil haben, und zwar in der Person des bisherigen Präsidenten des ungarischen Abgeordnetenhauses, Julius v. I u ft h, der, ein unentwegter Anhänger und Vorkämpfer der Unabhängigkertspartei, vor einigen Tagen vom Kaiser Franz Joseph in Audienz empfangen ivnrbe, um ihm für die NeubUdung des ungarischen Ministeriums und die Entwirrung der ungarischen Krise Vorschläge zu machen.
Daß das Koalitlonsministeriiim Weckerle nid)t mehr lebensfähig ist, liegt daran, daß die liberale Verfasslmgspartei, also die Partei des Ausgleichs von 1867, in Ungarn gründlich abgewirtschaftet hat. Schon Anfang 1906, als sie die Führung iin Koalitions- Ministerium übernahm, verfügte sie nicht mehr über die Majoriiäl im Parlament, nnb wenn trotzdem die Unabhängigkeitspartei von 2848, also die Kosiuthiancr, die mehr als die Hälfte aller Parlamentssitze ihr eigen nannte, sich damals bereit finden ließ, mit der Verfassungsparte» und der katholischen Volkspartei das Koalitions- mmlsterium zu bilden und den Pakt mit der Krone zu unterschreiben, so ist das wohl vor allem dadurch zu erklären, daß ihre Führer sich der eigenen Macht nicht voll bewußt waren und deshalb einen Ronflift mit der Krone scheuten. So war es möglich, daß das Koalltionsministerium Weckerle noch den Ausgleich nut Oesterreich zustande bringen konnte, ohne daß die Unabhängigen, deren letzte Ziele ja auf eine wirtschaftliche und politische Trennung Ungamö von Oesterreich hinauslaufen, und die an Stelle der bisherigen gemeinfamen Angelegenheiten die reine Personalunion setzen wollen, ihm größere Schwierigkeiten gemacht hätten. Kri- tlscher aber wurde die Lage der Verfassungspartei und des Koalitions- nuuisteriums, als die Wahlreform veröffentlicht, der militärische Ausgleich mit Oesterreich angeschnitten wurde, und als die Annexionsfrage und die Bankfrage aktuell wurden. Diesen Aufgaben gegenüber klaffte nicht nur das Ministerium Weckerle aus- einanber, nein, es zeigte sich auch, daß der »veitaus größte Teil bes ungarischen Volkes und seiner Vertreter auf Seiten ber Unab- hängigkeüspartei stand, die diese Fragen in einem liberaleren und nationaleren Sinne losen wollte, als Versassungspartei und katholische Volkspartei.
Schon das lange Zögern mit der Veröffentlichung des Wahl- reformentwurss machte in Ungarn viel böses Blut. Und als er endlich vorlag, sah man, daß entgegen dem Pakt mit ber Krone und entgegen ben Versprechungen, bie man ben Wählern gemacht hatte, nicht daü allgemeine gleiche Wahlrecht seine Grundlage bilbete, sondern eine Art von 'Pluralwahlrecht. Das Mlnisterimn Weckerle suchte zwar der allgemeinen Mißstlmmung zu steuern, im- dem es die Lösung des militärischen Ausgleichs (Rekruten- kontingent) als bereits im nationalmagyarischen Sinne erfolgt hinstellte. Aber in Oesterreich wollte man von einer Bewilligung der magyarischen Regimentssprache nichts wissen, alle mit dem Kriegsminister Schönaich getroffenen Verabredungen wurden deshalb hinfällig, und Weckerle ftaiib den immer dringender werdenden Parlamentariern und Mlnisterkollegen mit leeren Händen gegenüber. Dann kam bie Annexionssrage. Ungarn verlangte auf (Srtmö einer allen Verbindung mit bCu Okkupationsgebieten bereu Angliederung an Ungarn, konnte sie aber Oesterreich gegenüber nicht durchsetzen. Und endlich schlug die Bankfrage dem Faß den Boden aus; denn daS fUhniflerium Weckerle weigerte sich, diese im nationalmagyarischen Sinne, also durch Zerlegung der gemeinsamen österreichlsch-ungaruchen Bank in eine österreichische und eine ungarische zu lösen. Damit war dem Koalitlonsnunistermm bezw. den ihm angehörenbcit Mitgliedern der Verfassungspartei ber Boden für eine Wetterführung der Geschälte endogen. Die Unab- Hängigkeilspartei hatte ihre Macht erkannt und hätte bie Wahlreform, wie ben militärischen Ausgleich, die Orbnung der Annexions- frage, wie die Verlängerung des Privilegiums ber österreichisch- ungarischen gemeinsamen Bank ädurch ihre überroiegenbe Majoritt unmöglich gemacht.
Jedenfalls dürste bei ber Tendenz ber Unabhängigkeitspartei »Los von Oesterreich" mit ihrer Machtv5rstärkung eine neue Aera der Kämpfe und Konflikte zwischen den beiden Reichshälften begonnen haben. DaS läßt schon das Programm, das der kommende Mann, Julius v. Justh, dem Kaiser unterbreitet hat, deutlich erkennen. Wohl ist er bereit, in bie Erhöhung bes Rekruienkontingenls um 22 000 Mann zu willigen, wohl will er — im Gegensatz zur VerfassungSpartei — eine Wahlreform auf ber Grundlage des allgemeinen und gleichen Stimmrechts einleiten, aber er hält nicht nur an den von Oesterreich bereits abgelehnten sprachlichen Konzessionen für die Armee fest, sondern er will auch eine ungarische Nalionalbank schaffen (die mit der österreichischen
freilich in einem Kartellverhältnis stehen soll) und verlangt schließlich noch eine feierliche Deklaration von ber Krone, daß sie alle mit der Annexion zusammenhängenden Fragen unparteiisch und glatt erledigen wolle.
Die Nachlahstcuer.
Bei der Beratung des Nachratz st euergesetzes in ber Finanzkom Mission des Reichstages erklärte Staats- letretär Sy do w entgegen ben Auslastungen der Presse, daß die Regierungen nach wie vor an ihrer Vorlage als bereinzigmöglichenLösungfesthalten,baes gerecht und billig fei, neben dem Verbrauch den Besitz zu besteuern. Ern Ersatz für die Erhöhung ber Matrittilarbeiträge sei zu verwerfen wegen der damit uemmbeiten hohen Gefährdung der Finanzlage der Einzelstaalen. Auw gegen die Einführung einer Vermögenssteuer bestehe das gleiche Bedenken, da hiermit die wichtigste Steuerquelle für oie Einzelstaaten angeschnnten iveroe, abgesehen davon sei cd bei der Verschiedenheit der Verhäitnifse der Finanzen in den Einzelstaaten kaum möglich, einen einheitlichen Maßstab zu finden, auch würde hiermit bedenklich in die Finanzhoheit der Einzelsvaaten eingegriffen. Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben trat eoenfalls iwchmals auf das Entfckfiedenstc für die Regierungsvorlage ein. Die von den Konservativen befürwortete Einführung erhöhter Matrikularbeiträge Tür kurze Zeit sei von der Hand zu weisen, da diese Einrichtung Gefahr bringe, eine dauernde Einrichtung zu werden und die Finmrzlage nur ungünstiger gestalte. Die meisten Einzelstaaten seien am Ende ihrer finanziellen Kräfte. Der Besitz müsse jetzt herangezogen werden. Die Einwirkung ber Vorlage auf die Deszendenten und Ehegatten bei dem ländlichen Grundbesitz fei nickst gefährlich. Vier Fünftelalles bäuerliches Besitzes blieben von dieser Steuer überhaupt frei. Bei einem Besitztum mit 8000 Mark Reinertrag, 100 000 Mark Schulden und 200 000 Mark Werte betrage die Steuer 400 Mark. Ten Erben würde bann, toenn sie von dem Rechöe'd. er Rentenenrricktung Gebrauch maäjien, eine jährliche Rechte der Rentenentrichrung Gebrauch machen, eine jährliche Shdow wies bann nach, daß die Nachlaßsteuer weder gegen den Ainkel 35 noch gegen den Artikel 70 der Reichsverfassung verstoße. Von allen Besitzsteuem fei die Nachlaßsteuer die schönste Form. Nächste Sitzung morgen.
Zum deutsch-schweizerlsche» MehlzoL-Kouflikt
bemerkt die „92orbb. Allg. Ztg." gegenüber den Ausführungen des Nationalrats Alfred Frey in der „Neuen Züricher 3tg.,z u. a. folgendes: Die Erklärungen des Herrn Frey la>fen erkennen, daß es ihm schwer fällt, den in der „Nordd. Allg. Ztg." vom 2. Februar gegebenen urkundlichen Sachverhalt zu widerlegen. Es ist richtig, t>a ßHie Sckstverz in der ersten Lesung des Handelsvertrages es nicht unterlassen hat, auf den Art. 4 ilyreS Tarifgesetzes hinzuweifen, durch welchen bent schweizerischen Bundesrat die gesetzliche Ermächtigung gegeben wird, Maßregeln gegen Ausfuhrprämien des Auslandes zu ergreifen. Auf deutscher Seite behielt man sich vor, in ber zweiten Lesung auf die Angelegenheit zurückzukonunen. Daß mit den in der Sitzung vom 29. August 1904 vorbehaltenen besonderen Erörterungen nur Erörterungen int Laufe der Äandelsbertrags-Derhaitblimgen gemeint sein konnten, ergibt sich aus den urkundlichen Nachweisen. Zum Beweis dafür sei auf das atnttUche Protokoll vom 5. Juni 1907 vermiesen, worin es heißt, daß man auf Seiten der schweizer Vertreter durchaus nicht verkenne, daß man keinerlei vertragsmäßiges Rocht besitze, eine anderweitige Regelung dieser Verhältnisse, d. h. der auf der deutschen Einfuhrscheinordnung beruhenden Rückvergütungssätze zu verlangen. Am Schluß spricht die „Nordd. Allg. Ztg." die Hoffnung Äus, CM bie Polemik über die Aeußerungen des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes in der Budgelkommisfion hiermit abgefchlossen werden körnte._______________________________
Deutsches Neich.
Der Kaiser nahm gestern vormittag tm königlichen Schlosse die Vorträge des Geueralinfpekteurs ber Kavallerie, des Kriegs- ministers, deS Chefs des Generalstabcs und des Chefs des Militar- kabmetts entgegen.
Deutsch land und Venezuela. Zwischen dem Deutschen Reich und Venezuela ist ein F r e u n d f ch a s r s -, S ch t f f a h r t s» u n d Handelsvertrag abgeschlossen worden, der Deutschland das Recht der Meistbegünstigung einräumt.
General Castro, der frühere Präsident von Venezuela,
ALeines FeuiUeto«.
— Das Gustav Advls-Haus in Erfelden. Bekanntlich hat Gustav Adolf anläßlich seines Rheinüberganges und der Eroberung von Oppenheim in Erfelden übernachtet. Sein Nachtquartier vom 8. auf den 9. Dezember 1631 war die sehr enge und niedere Stube in dem unscheinbaren Bauernhause, das, in feiner altertümlichen Bauart erhalten, heute noch in nächster Nähe der Kirche steht. Tiefes Häuschen, das Ziel vieler Wanderer und Gesckichtsfieunbe, war in längster Zeit in Gefahr, vollständig zu verfallen. Von diesem Schicksal ist es durch das Eingreifen der Denkmalpflege bewahrt geblieben. Durch eine geschmackvolle Erneuerung ist es jetzt wieder in einem Zustande, daß es noch lange Jahre erhalten bleiben luirb. Wie mir weiter mitteilen können, ist bereits Sorge getragen, daß das ganze Hans zu einer würdigen Gustav Adols-Gedächlnisstätte wirb. Zu diesem Zwecke werden die letzt bereits vorhandenen Erinnerungsgegenstände zu- näckist gescmunelt unb in zweckmäßige Anordnung gebracht. Zu diesen Objekten gehört vor allem das im Schlafzincmer des Schwedenkönigs aufgehängte Oelgeinälde, das Gustav Adolf in bekannter Darstellung gibt; im Hintergründe befinden sich die „Schwedensäule", ber Rhein unb Oppenheim. Das Gemälde, das von einem unbekannten Geber aus Schweden dem Haufe geschenkt worden ist, trägt eine lateinische und eine deutsche Inschrift, sowie bie Jahreszahl 1631. Ferner zeigt man in der Stube das Bild des Rheinüberganges auS dem „Theatrum (riird^ paeum", ein schwedisches Gedicht von Johnsson und ein Fremdenbuch, im Jahre 1837 gestiftet bom dem Prinzen Wilhelm von Preußen, dem Urgroßvater des jetzt regierenden Großherzogs von Lessen. Außerdem ist eine große Menge von Gustav Adolf- Schriften in dem Zimmer aufgespeichert. Alle diese Gegenstände sollen nun in zweckentsprechender Weise gesammelt und geordnet werden. In einem Nachbarhause befindet sich eine silberne, stark vergoldete Denkmünze au-5 dem Jahre 1631. Auch diese wird im Vereine mit Fundstücken vom „Schwedenkirchhof" dem „Gustav Adolf-Museum" emverleibt werden. Außen am Hause aber wird eine Gedenktafel auf die historische Bedeutung der Stätte Hinweisen. Bemerkt sei noch, daß seit 1834 auch die Gelder für bie Unterhaltung der „Schwedensäule", die bis dahin aus ber schwedischen Staatskasse flössen, von dem hessischen Staate aufgebracht werden.
— Zu Darwin's 100 jährig em Geburtstage am 12. Febr. 1909 wird Wilhelm Bölsche eine neue billige Volksausgabe seines Werkes „Aus ber Schneegrube" mit dem Untertitel „Gedanken zur Vertiefung des Darwinismus" bei Karl Reißner in Dresden erscheinen lassen.
— Ucbcr Varietäkunft plaudert Hans Ostwald in der Wochenschrift „Allgemeine Zeitung" (München) äußerst anregend : Unser . Variete hat seine Daseinsberechtigung. Es ist im eigentlichen Sinne des Wortes ein Kulturprodukt. Aus ben zahlreichen Denkmälern unb in ben Ruinen der alten Aegypter finden sich schon Beispiele von höchst eigenartiger Barietekunst. Auch in dem phönizischen Kultus, in persischen unb manchen kleiilasiatischen Religionsübungen kam viel derartiges zum Ausdruck. Bei ben Grieck>en wuchsen sich diese orientalfickien Aeuße- rungen gewisser Unterströmungen zu den prachtvollsten Ereig- nissen aus. Tie zahlreichen Tionysien waren nicht religiöse Belehrungen in unserer Auffassung. Ihre Bedeutung beruhte wesentlich auf jenen Schaustellungen, deren Wirkung durch Beleuchtungs- efsekte noch gesteigert wurde. Auch beute noch dürfte das Wesentliche des Varietös fein: das ^Innenleben zu pflegen, zu verherrlichen, feine unbewußten Triebe darzustellen unb btc Mysterien, die sonst nirgends gebeutet werden können, in die 4.at umzusetzen. Ein Auf hören des Varietäs würde durchaus zu bedauern fein. Alle, die jüngst mit dem Ueberbrettl dem Variete ben Garyus madjeu. wollten, haben seinen Wert nicht erkannt. Zweifellos dokumentieren sich auf dem „Brettl" ganz eigenartige Strömungen. Es ist freiheitlicher, sinnenfälliger als unser Theater. Dennoch konnte auch das Ueberbrettl dem Brettl nur wenrg entgegenftriten, was das Varietä zu übertreffen vermochte. Tie einzige Aiöglichkeft zur Fortentwicklung des 23anete§ ist ferne Entwicklung aus srch selbst heraus durch solche Per,oirlrchketten wie die Fuller, Saharet, Guilbcrt, Ruth St. Tenrs, Reutters, Steidls, und andere. Im übrigen wäre es auch gar nicht zu wünschen, daß das Variete in der bloßen kabarettistrschen fingeret ober, wie andere wollen, gar in Tempellunst ende. Es gibt Gott sei Dank immer noch viele Dinge, die in vollster Freiheit sich austoben wollen. Und diesen Dingen öffnet das VarretL feine Hallen, weit, strahlend, mit dem Tust von Seide, Schmmfe, frraff, Elastizität, Tollheit unb Heitertest, dem Glanz schöner
wirb heute die Privatklinik des Proscffors Israel in Berlin als geheilt verlassen unb wieder in das Hotel Esplanade übersiedeln.
Das K r ü g e r - T e l e g r a m m. Legauonsrat Dr. v. B e h r teilt der „Kreuzzestuitg" mit, daß er die Angaben von Adolf Stein über das Krüger-Telegramm zum Teil bestätigen könne. Ter Botschafter Freiherr v. Marschall habe vor etwa 7 Jahren im Laufe eines Gesprächs gesagt, daß die Depesche nach reifltdjcv lleberlegung im Auswärtigen Amt verfaßt lüorben fei. Herr v. Behr war damals Botschaftssekretär.
Ausland.
Tie Angelegenhertber Doppelverräter Ascw unb Lopuchin kam in der gestrigen Sitzung des russifchen 9)liniftcrratc5 zur Besprechung. Minislervräsident Stolypin hielt eine einstündige Rede, worin er betonte, die Frage Lopuchin-Ajew verwirre die Regierung burdiaus nicht, im Gegenteil, sie strebe nach größter und breitester Aufklärung. Die Regierung verurteile aufs schäristc die Macheitschaften der Beamten und werde sie schwer ahnden. Sie werde den Weg des öffentlichen Gerichtsverfahrens beschreiten, das gegen alle Schuldigen, angefangeu von Asew und Lopuchin ange- wendet werden soll.
Kalifornien und die Japaner. Das Unterhaus der Staatslegislatur hat, wie au5 Saeramento gemeldet wird, die Vortage -angenommen, durch die die Japaner von den öffentlichen Schulen ausgeschlossen werden.
©ult an Muley Hafid hat dem deutschen Konsul tu Fez anläßlich des 50. Geburlages des deutschen Kaisers ein von ihm in arabischen Versen verfaßtes Gedicht zu Ehren Kaiser Wilhelms eingesandt. Er bringt darin feine Glückwünsche für den Kaiser und ben aufrichtigen Wunsch nach Erhaltung der freunb- schastlichen Beziehungen zwischen Marokko und Deutschland zum AtrSdruck.
Aus Stadt und Land.
Gießen, ö. Februar 1909.
** TageSkalender: Etadttheater: Freitag, 6. Febr.: „Die Schmuggler." Anfang 8 Uhr. Samstag, 6. Febr.: ,Der Geizige" (Gastspiel von Hofschauspieler W o h l m u t H-München) und »Wallensteins Lager". Nachmittags 81/, Uhr«
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— Stadttheater. Nochmals sei aus die Schüler- Vorstellung am SamStag nachmittag hingewiesen, die bet Basispreisen ftattfinbet unb durch das Mitwirken deS Hos- schauspielerS Llloys W ohlmuth als Harpagon im .Geizigen" besonderes Jnteresie gewinnt. Während am Sonntag abend noch einmal der Gast in »Standhafte Liebe und Goethes „Bürgergeneral^ auftritt, findet am Nachmittag eine Possenaufführung statt. Die sneue Berliner Posse „Bis früh um fünfe" wird bei kleinen Preisen zum letztenmal gegeben.
Annahmeschlutz für Anzeigen.
Das ständige Anwachsen der Auflage deS Gießener Anzeigers macht daS frühere Beginnen mit dem Druck und deshalb auch den früheren Schluß der Anzeigen - Annahme zur dringenden Notwendigkeit. Es liegt ja im Interesse dec Geschäftswelt selbst, daß den auswärtigen Lesern das Studium der Zeitung und damit auch der Anzeigenvecöffent- lichungen noch am gleichen Tage ermöglicht wird. Dieser Umstand macht die Beförderung schon mit den ersten Mittagszügen erforderlich.
Der Annahmeschluß der Anzeigen muß deshalb in Zukunft wie folgt verlegt werden:
Alle Ge-chäftsanzeigeu, Empfehlungen u. s. w., sowie alle behördlichen Anzeigen, Bekanntmachungen, Holzversteigerungen u. dgl., müssen einen Tag vor der Aufnahme aufgegeben werden. Schluß der Annahme ist abends um 7 Uhr. Es empfiehlt sich jedoch, große Anzeigen und solche mit umfangreichem Text schon im Laufe be5 Vormittags, spätestens aber gleich nachmittags zu bestellen. Nur dann kann eine sorgfältige technische LluSstattung gewährleistet werden.
■ Alle Verkehrsauzeigen, also sogen, kleine Anzeigen, als Vermietungen, Rtietgesuche, An- und Verkäufe u. s. w., sowie Familieuanzeigen u. dgl., müssen bis spätestens vormittags 9 Nhr am Erscheinungötage aufgegeben werden. ■ ....... II MM ■in» — I———W»III ■ II TI w
Menschen unb eines ausgelassenen Wirbels, der doch so ganz dem Leben entspricht.
— Altchinesis cher Taxameter. Ter Ruhm der Chinesen als Erfinber, die dem europäischen Erfinbungsgeist oft um Jahrhunderte unb Jahrtausende vorauseilten, erfährt eine neue stütze durch die Forschungen des chinesischeir Literaturprofessors an ber Universität Cambridge Tr. Giles, der jetzt auf Grund altchinesischer Dokumente aus dem dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung den Nachweis führt, daß die alten Chinesen den Taxameter schon damals kannten und sich feiner bedienten, um die von Fuhrwerken zurückgelegten Weg- sttecken zu messen. Tie ersten Hinweise finden sich in den dynastischen Chroniken des drittel: Jahrhunderts, unb weitere Schriftstücke aus dem Jahre 1027 und dem Jahre 1107 bestätigen die Annahme. Man findet da eine genaue Beschreibung aller Einzelheiten des sinnreich konstruierten Zahnräderwerkes und ber Weise, wie der Apparat an ben Fuhrwerken angebracht wurde. Tr. GileS hat bie Uebersetzung bie,er interefjanten SchriftsteUen dem Direktor des Mechanischen Laboratoriums an der Universität Professor Hopkinson mitgeteilt, der jetzt auf Grund der alten Angaben Die Konstruktion eines altchinesischen Wagenmodells vollendet hat. Nach jeder chinesischen Meile ertönt eine kleine Trommel und je nach zehn Meilen ein Glockenwerk. Eine genaue Beschreibung des Mechanismus von Prof. L>opkinson wird voraussichtlich demnächst erfolgen.
— Ein neuentdecktes Urvolk. Wie die Wochenschrift English Meck-anic berichtet, ist auf der Mornington-Jnsel, die zu dem im Golf von Carpentaria gelegenen Wellesley-Archipri-^ gehört, von dem mit dem Schutz der Eingeborenen in QueenS-- land betrauten Beamten Howard ein Urstamm entdeckt worden, der noch niemals mit Weißen in Berührung gekommen war. Tie- bisher fast gar nicht bekannte Insel ist über 200 Km. lang, mißt jedoch an ber breitesten Stelle nur etwa 14 Km. Die Lebensweise ber Bewohner ist ganz unb gar bie eines UrvolkeS.- Sie bauen keine Häuser, sonbern begnügen sich damit, ihre Lagerstätten durch eine Arc Windfang zu schützen. Sie nähren sich' lediglich von ben Nüssen des Pandanu-5-BaumeS, von Fischen unb einer Art Knollenfrucht.


