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2.1.1909 Erstes Blatt
 
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Nr. 1

Erstes Blatt

ISS. Jahrgang

Samstag 2. Januar 1909

Ter Siebener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: mei mal wöchentlich Ltrs-e,'.erZam!li: nW Alter; atucima! ivödientl.K'eisi blattsürdcnllrcizElcben (Dienstag uhb ^rettaa); zweimal monatl. Land­wirtschaftliche Zeitsragrn ^endpred) Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Teveschen:

«uzciger Gietzcu.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnuinnier bis vormittags 10 Uhr.

Gieheim Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Rotationsdruck und Verlag der vrW'schen Univ.-8uch> und Lteindruckrrel N. lange. Redaktion, Expedition und Druckerei- $5)i:I«ra'je 1.

^»ezugHyret i: monatlich 75 Ps., viertel­jährlich Alk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Aik.2. viertel- jährt, ausscht. BesteUg. Zeilenpreis: lokal IbPch auswärts 20 Pfenrnq,

Verantwortlich für den politischen Teil, fürFeuilleton* uub Vermischtes -: Ernst Anderson; fürStadt u. Land" und.Gerichts» saat": E. jpetr, für freu Anzeigenteil: H. Beck.

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten,

Kaiser Wilhelm

ausgenommen worden.

haben den Bürgeriueislern, Obergerichtsvorstchern und Standes- Joh. Georg Patzer zu Gabsheim, Ioh. ttieier iu

gvüubltd) überstanden. Clemenceau und Pichon haben es gleich­zeitig verstaiiden, die ©lellung Frankreichs nach außen bin zu kräftigen uub roenn auch das Bündms nul Rußland (eiucu allzu großen Wen mehr hat, so ist es doch unleugbar gelungen, gelegent­lich der Reise Fallieres nach Loudon die Entente inu England noch iveiier zu vertiefen. Sehr sehiver war das frethd) für die fran­zösischen Äladühader nid)t.

Wie bereits ertvahm, gebt die e n g I i ( d) e A u s; e n p o k i t . k ivieder daratii aus, TelNjchland um jeden Preis beijene zti drängen. Tas Gespenst der beuiidten Invasion sankt in deti Siöyeu öei Engländer. Trost aller Abrüuungsvorjchläge tuirb die enghidie Fioiie immer weiter verslärkt und von den yrüdjtcn der vor sichtigen Annäherung durch Die Besuche von Bürgermeiitcrn und JonrnaUiici und dergleichen ist nicht viel zu meifcu. Tas liberale Jlabmett iH eben gezwungen, sich die Gnml d>s überwiegend denisch'enidllcheu Volkes zu ei hallen, um and) seine loi.lugen Plane, wie lnsbejonde»e die Cbcil)au5'.e'oim, zur Turcbiül)iuug zu bimgen. Trost aller Belonung, daß dle englische Politik leine aulldeuliche tsviije habe, udit mau doch allenthalben gegen Teutschland Anschluß, ivie auch bei Rußland, so wenig Zuneigung man and) sonst Jemens des Kanals für die Russen haben mag. Hai sich voch m den inneren Verhältnissen des Reiches and) in biejem Jahre kaum etwas ge­be her r, noch immer erbeb* bald hier, bald dort der Te>'orlSinus jein Haupt And) in der anbei eu Politik i|t Rußland nicht all.su gluduch gewesen. Tie große diplomaltsche Rundreise Jswolslt. ;u Gunslen der Ballanfonstrenz endigte mit einem glatten Fiasko uub der Genannte du rite wohl nicht mehr allzulange an der Spitze jüö ÄliiSwartigen Amtes Heben

Emgt'enet wurde das Jahr durch die eiitfestliche Tragödie in Lissabon, wo Honig und lironpcrnz durch die Hand von MeuchelmÖrdcin fielen Emen T h c o n io e ch l e l h a t e s a u di i m fernen 0 H e n gegeben. In Ehina sind lellsamerweiic- last zu gleicher Zeit der Mauer und die Haifenn-lHegeium geiiorben und wen>r and) pn geiuaUiamer Tod am das Enlichledensie bc- imtten wird, jo ist das Zininnmcnjallen beider (srcigmfje doch mindestens sehr mcrhuüvöui. Erneut ich aber üt, daß der Thron­wechsel keine inneren Wirren hervorgecuien Hal, und es stehl zu hosjen, daß das Reiornnverl in geöciblidjev 'Aßetje auch unter dem neuen Regime forlgeiühr: werden wird.

Eln neues StaaisoberHaupt hat man auch in diesem Jahr in Nordamerika crtoreu, wo, wie euuauet. Heu Tau zum yiadjiolger Rooiepclis gewählt wurde. Jr- bellen Fußlappen dürfte der neue Prafideul wohl and) im großen und ganzen wandeln, vielleicht nut, daß er mcht |o schrofj wie jener vorgehen wird v>err Ta t wird eine riach innen, wie and) nad) außen er reulube Situattou vorsindeii. Im Innern bauen der wiruchgiNiche Fort- .chritt an, aber nad) außen hm tft die Lage ui gewisser Wehe weniger schwierig, zuisial es gelungen ist, auf dem Wege tv-> Bei­trages de*'. Gegenjatzden 'er?ini ncn Staaten and .Niszugleichcn, nachdem es iafl zu einem Kriege um die Over- Herrschaft im ejitleti Ozean zu kommen gedroht hatte.

** Neujahr am Grohh. Hof. Der Neujahrs - einpfang am Großh. Hof ging in der itfnidjen Weise vor sich. Es hatten sich dazu die drei in Darmstadt wohnenden Gesandten, der Divisions-, die Brigade- und die Regiments- kommandeure der Darmstädter Garnison, die drei Minister, die Präsidenten der beiden Ständetalnmern, die Präsiden­ten der Landeskollegien, die obersten Hofchargen, Oberbür­germeister Morneweg u. cl m. eingefunden. Nach dem Emp­fang der Herren wurden auch deren Damen von dem Grosz- herzogspaar empfangen. Am Abend besuchten die Grosz- Herzog!. Herrschaften mit Prinzessin Ludwig von Batten­berg das Großh. Hostheater, wo als Festvorstellung Lohengrin" gegeben wurde. Beim' Eintritt des Großhcr- zogspaares brachte Beigeordn. Eckert ein Hoch aus. Die herkömmliche Neujahrstafel sinder heute abend statt; es werden etwa 70 Gedecke aufgelegt werden.

Süoin Grobh. Hofe. Dec Fürst und die Fürstin zu SolinS-Hohensolnis-Lich nebst Rinbern und der Prinzessin Dorothea sind nach derDarmst. Zig.' am Donnerstag vormitiag 11 Uhr üb Niin. nach Lich wieder zurückgereist. Der Hof ball wird voraussichtlich am Frei­tag, 22. Januar siattsiuden.

** LandeSuni versitat. S. K. H. der Groß- Herzog haben den otbcnll. Honorai-Piofcssoc bei der jun- Nischen Fakultät dec Landesuniversität Dc. Ludw. Günther ans sein Slachsiichcn unter Anerkennung dec von ihm geleilleten Dienste mit Wirkung vom 1. April 19U9 ab aus dem Staats- öienfic entlassen.

* Lehramtspersonalien. Durch Entschließung deö Großh. Ministeriums des Innern wurde dec Lehramts- refereudar Friede. Götz aus Darmstadt zum LchramtSassessor ernannt.

* Erledigte Lehrersiellen. Erledigt sind eine Lehrerstelle an dec evang. Schule zu BeuSheirn und eine mit einer evang. Lehrerin zu dejetzcude Lehrerinstelte an der Gcmeindeschule zu Sprendlingen (Ur. Offenbach-.

D e k o r i e r t e B ü r g e r m e i st c r. S. K. H. der Großherzog

Schimsheim, Job. Marl Schick zu Elchloch, Hone. Reichl 1 zu Gcnnbach das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipp des Gioßmütigen verliehen.

* In Audienz empfangen wurde von S. K. H. dem Groß Herzog am Mittwoch u. a. Lircheurat Ellen­berger von Or len berg.

' Pro vi nzia l - S ie ch ena nstalt. S. K. H. der Großherzog haben den Direktor der Provinzial-Siechen- ani'tall zu Gießen Tr. Hous Dietz zum Oberarzt an der LanoeSlrienanslalt .Philippshospita>'° ernannt.

** Ter Hessische Handelskammertag findet, wie wir nuttiLten, am 3. Januar in Mainz statt. Aus der Tagesordnung sieht: 1. Vorberatung der für die Tages­ordnung der Vollversammlung des Deutschen Handelstages am 11. und 12. Januar l'JÜJ vorgesel-enen Gegenstände. 2. Revision der hes,.scheu Bauordnung. Tie Bollversamm- lung des Deutschen 5^a:idelotagcs wird insbesondere zu den Gesetzentwürfen der Reichssiuanzresorm und zum Wein­gesetz Stellung nehmen. Der zweite Jahrgang des W i r t j ch a s t t i ch - S t a t i st i s ch e n Jahrbuches der Hessischen Handelskammern ist jert.ggescellt und roird in den nächsten Tagen zur Versendung toinmen. Es ist zu ec- ivähnen, daß darin zum ersten Male die kürzlich sestgesirllten Ergebnisse der neuen gewerblichen Berufs- und Betriebs­zählung von 19j7 verglichen mit den früheren Zählungen von 1882 und 1895 enthalten sind.

- Paddel Stichler. S. H. H. der Groß Herzog haben den Ergänzuugsrichter bei der am Landgericht der Provinz Rheinhessen gebildeten Hammer für Handelssachen mit dem Sitz m Mainz Jos. Reina ch zum Handelsrichter und den Bankier Felix Goldschmidt in Mainz zum Er- aänzilngsrichter bei dieser Sianuuer, beide für die Zeit bis zum 31. Tcz. 1909, ernannt.

^Regimentsjubilaum. Das 1. Nassauische In­fanterie-Regiment Nr. 87 begeht am 16. Dtarz 1909 die Feier seines 100 j ä h r i g e n B e st e h e n s. Sämtliche Offi­ziere, Sanitätsoffiziere, Beamte, Unteroffiziere und Mann­schaften, welche bei dem Herzoglich-Nassauischen 1. Jnfante- rie-Regirnent oder bm dem 1. Nassauischen Jnfanrerre-Regi- incnt Nr. 87 aitiv gediestP-haben oder während einer Mobil­machung zu ihm einberufen waren, sowie die, die als Ersatz­reservisten ihre 1. Hebung beim Regiment ab geleistet haben, werden zur Teilnahme an der Festfeier aufgefordert und gebeten, soweit dieses noch nicht geschehen, ihre genaue Adresse unter Angabe ihres Jahrganges, ihrer Kompagnie, ihres Dienstgrades und ihrer jetzigen Stellung dem Dienst- zimmer des Regiments baldmöglichst einzusenden. Nach Eingang der Adressen wird jedem Festteilnehmer eine genaue Festordnung zugehen. Es wird noch darauf hingewiesen, daß die Anmeldungen zunächst in keiner Weise bindend sind, daß vielmehr endgültige Erüärungen erst nach Zusendung der erwähnten Festordnung abgegeben werden brauchen.

* StadttHeater.Sie Puppen fee* mit ihrer reizenden, wirklich sehenswürdigen Ausnattimg geitallet sich ;n einem Zugstück unserer Bühne, und für morgen Sonntag abend fonnie bereits die sechiie Aufführung des Ballets an- qesctzt werden. Vorauf geht die bekannte lustige Poffe .Pension Schöllec". Auf vielfachen Wunsch ist

Wildenbruchs .Rabenstein er in" wieder in den Spielplan Tie Titelrolle wird wie im vorigen

führung statt.

* Kunstverein. Die Gemälde-Ausstellung am Brand ist morgen Sonnlag von 113 Uhr und an Werktagen von 11 1 Uhc geöffnet. Tie gegenwärtig ausgestellten Kollektionen von P. Bayer-München, E. Eimer-Karlsruhe und die erst vor kurzem zur 9lu§iuüung gebrachte Kollektion von A. Slaschus- München usiv. bleiben nur noch kurze Zeit ausgestellt, da noch in der ersten Hälfte des Januar em vollständiger Wechsel Der Gemälde oorgenommen wird.

Die Neujahrsnacht verlief im ganzen genommen sehr ruhig im Verhältnis zu früheren Jahren. Körper- verletzungen und Exzesse kamen nicht vor, es mußten nur zwei Personen wegen totaler Trunkenheit in PoUzeigewahrsam genommen werden. Die starke Kälte mod)le wohl viel dazu beitrogen, denn nach einer Viertelstunde Lärm in der Viilte der Stadt trat wieder gewöhnliche Ruhe ein und die Polizei hatte wenig Arbeit.

* Stenographie! Wie auS dem Inseratenteil der heutigen Nummer ersichtlich t|l, eröffne! die S t en oacaphen- G e s e11- j mail Gabelsberger nächsten Aiotuag, abends 9 Uhr un Hotel Euthorn Lehrgänge dir Stenographie und sl>laid)tcneuidjrcibei(. Bei der Widnigken, die beiden un modernen Gejchäüslcben nut Reckjt zugemeljen wird, körnten wir den Besuch des UnierrichiS nur empfehlen. v

** EineLuftbahn" hat man in Marburg pro­jektiert, aud) hat sid) dort bereits eineLuftbayngesellschaft" gebildet. Das Nähere über das Project ist in einer kleinen Broschüre mitgetei.it, die in der Eioertschen Verlagsbuch­handlung in Marburg erschienen ist. Es handelt sich um die Führung eines Luftschiffs an Kabeln, die an Führungs- böden aud- Eisen oder Holz in Gitterwerlkonstruktion in einer gewissen Hohe über dem Erdboden hingeleitet werden, und zwar so, daß selbst die höchstes Fuhrwerke bequem darunter durchfahren können. An beiden Punkten der stärksten seitlichen Ausdehnung des Luftschiffs sind am 33ab* lonlörper Räder montiert, die dem Fahrzeug die seitliche Führung an den Kabeln entlang zu geben bestimmt finb,

Rüüblick auf das Jahr 1908. ii.

Aeußere Politik.

Auf dem Gebiete dec auswärtigen Politik gab es in dem ab- ßeLaujeneii Jahre j;>rucre Sorgen, die sich um die Namen Ma­rokko und Ball'an konzcntrierlen und vvn denen die einen m der ersten Hälfte des Jahres, die anderen in der zweiten das Liauptintcresse sur sich in An,pcnd) nahmen. In Marokko bradjlv die Verdrängung Abdul Asis und die Thwnbesteigung Mulch Hasids ein völlig verändertes Bild, sehr zum Leidwesen der Fran­zosen, die den Geldbedürftigen Abdul Asis ganz in ihren Händen halten. Deutsch-erseils vertrat man dagegen dcn Standpunsi, sich in die inneren Angelegenheiten Atarok^'S nicht einzumischen, be­stand dann aber, als Mulch Hafid tatsächlich Herr von Marokko geworden war, aus dieser Anerkennnng, um endlich die Wieder­kehr geortnelec Zustünde berbeizusühren. Daraus entwickelte sich naturgeman ein gewisser Gegensatz zu Frankreich, der auch in der bekannten Afsüre von Casaolanea äußerlich zum Ausdruck kam. Im Verfolg dieser ganzen l')larv£üoroirrcn schien sich das Verböltn.S smifeben Frankreich und Teutschland wieder zuzuspitzen, bis jch.icg- lich die Aiigelegciil/eil nad) vieler Mühe vor das Haager Schceds-

An» 5<aO< unS LanS.

Gießen, 2. Januar 1909.

** Tageskalender für Sonntag, 3. Jan. Stadt- l Heater: RadMittags 3Vs Uhr: Die yüi^enftcineriiL Abends <Vs Uhr: Pension Schdller und Die Puppenfee.

Geistliche M u s i ka u f s ü h r u n g des Evang. Arbeiter­vereins um 5 Uhr in der Stadtkirchc.

Kolosseum: Täglich BorsticUung.

Kinematogra>,.-e ni Heater: Täglich Vorstellung.

Kaiserpanorama: Programmwechsel: Heidelberg und Neckar tat.

K o n z e r t der Regiurentsmusi! auf der Liebigshöhe. Anfang 4Vs Uhr.

A n l a g e m u s i f (nur bei günstiger Witterung) um 11 Vs Uhr in der Sud-Aniage. spielplan: 1. Ouvertüre zuMariha" von A'olow; 2. Ballsirenen, Walzer von Lehar; 3. Finale ausAida" von Verdi; 4. Der 116 er! Marsch von Krauße.

Jahre von Fcäulem Achterberg gegeben. Am Sonntag nachmittag findet bei kleinen Preisen die erste Auf.

gericht gebracht werden tonnte. , ,, . v

Auch der Bai ton hac der deutschen Politik, obwohl nnr bort nicht direkt interessiert mären, schwere Sorgen bereitet. Die An- uexion Bosniens uirb 'her Herzegowina durch Oeltorrcich-llngam brachte Deutschland in eine recht beite Lage. Aus der einen Sein tomiie Teulmnand den Dreibund nicht im Stiche tajien, aiiöericit6 lag die Gefahr nahe, daß unsere bisl-ertge Freundsd^ft m.t der Türkei, die durdjaus nicht zu unterschätzen war, in die Bruch«, gegangen wäre. Tahin ist es aud) ratjächlich gekommen. Der Haß der Türken hat jidji nicht nur gegen die Ccftcrreiojer, sondern auch gegen Sie Deutschen gcroenbet und gewisse Machinationen lieber Freunde haben das ihrige getan, um ^en bisherigen großen Einfluß Deutschlands am Goldenen 5»rn völlig zu beseitigen, und England an unsere Stelle treten zu lassen..

UeberlMUpt ist ein Rückgang des deutschen Ein­flusses in der Weltpolllik die traurige Signatur des Jahres 1908. Nicht wenig hat hierzu, wie bereits erwähnt, die Tailh Telegraph-Asfare mit beigetragen, durch die allerorten erncui lebhaftes Mißtrauen gegen Deulschlano gesät worden ist und die, trotz aller offiziösen Ableugnungen gegen Deutschland gerichtete Konstellation der Mächte wieder gestärkt bat. Kaiser Wilhelm ist mit einer Reihe von Monarchen zusamm--ng-etrbffen, ohne daß, wie aus den pol Uneben Reisen König Eduards, ein greifbares Resultat für Die deutsche Politik hcrausgeschanl bitte. Auch in Kronberg fand wieder in diesem Jahre eine Vegegiwng des Kaisers mit «einem königlichen Oheim statt, es scheint aber diesc Zusammenkunft, so sreuirdsciMstlich sie auch nach außen verliej, eher zu einer erneuten Abschwächung des Verhältni|scs gefuhri zu s-aoen, da wohl König Eduard gewisse Plane verfolgte, mii denen er bei Deutschland und nachher auch bei Oesterreich feine Gegenliebe fand. Jedenfalls datiert seit jener Zeit ein er­neutes Einlenken der englischen Politik gegenüber Deutschland in

die früheren. Bahnen.

Gewiß beSluyi. als Felsen gegen die anstt'i-mende Brandung noch immer der Dreibund, aber ine Abbröckelung hat dock) unleug^ bar begonnen und es steht außer F-rage, daß auf Italien nicht mehr ur.b-ebinßt gerechnet werden darf. Im Parlament sind zwar Ecllärungen von Dittonr abgegeben worden, die die Dreioundtreue Italiens beteuern, aber die Bei.Handlungen durcljsvehen ein bedenk­licher Unterton nnb das jüngste Sbndembtommen mit Rußlano über den Balton bedeutet unbedingt einen Gegensatz gegenüber Oesterreichs aus dem nimmer etwas Gutes herausscljauen kann. Tie Quintessenz des ganzen ist, daß die Isolierung Deutschiands noch schärfer in die Erscheinung getreten ist und daß wir allen Grund haben, auf der Hut zu fein.

Eine entscheidende Sd/enbung, wie man sie seit Jahrhunderten nicht zu verzeichne-n hatte, ist in diesem Jahre in der Türkei eingetrossen: die Einführung der Versasjung. Wenn sich auch der Sultan nur widerwillig hierzu uerlUinben bauen mag, so ist es doch zu begrüßen, daß diese ddenbung ohne Blutvergießen vor sich gegangen ist. Freilich schlug der Sultan auf solche Weise zwei Fliegen mit einer Klappe, indem er aus der einen Seite einem ^ewactal^ Der verstürben jungtürkischen Organiialion vor- beugte, anderseits die auf Reforni.eii unter europäijcher Kontrolle drängenden ^Rächte ausschaltete. Tatsächlich ljat in der Türkei ein neues Leben eingesetzt und mit einem Schlage ist das National­bewußtsein erwacht und erfreulicherweise scheint der Umschwung von Tauer zu sein, jedenfalls hat der Sultan durch sein weiteres Verhalten bewiesen, daß er gewillt ist, die Verfassung zu erhalten.

Tie innere Vorstärkung der Türkei bat ganz besonders öciicr- reid) an sid) erfahren müssen, wo man sid) die Aunektio n Bosniens uub d er Herzegowina wohl eiwas leidjter vorgeslellt hal en mag. Mir nad) langen Bemühungen konnten direkte Verhandlungen mit der Türkei eingenommen werden, man ist jetzt an der Jahreswende nicht einen Schritt vorwans ge­kommen, während der Boykolt österreichischer Waren lustig foit- uauert. Tie Dläd)te mißgönnen zu einem großen Teil Oeiierreich die desinitwe Gebietserwenerung, jpeziell das Verhältnis zu Ruß­land erfuhr eme ernste Trübung und es hat lange gedauert, bis inan sich mit Rußland halbwegs verständigt hatte, ohne daß da­durch eine defuuiive Einigung sicher erscheint. L.ußerdem Hai Oesterreich die Begehrlidikeit der Serben und Montenegriner ge­weckt und der A n s b r u ch eines folgenschweren Krieges scheint eine sichere Frage, beim die Gefahr kriegerischer Verwicke­lungen liegt noch immer nicht oujserlialb des Bereiches der Mag- lichten. Sieben dieser komplizierten äußeren Frage läßt auch die Situation im Inneren zu wünschen übrig., Der Nauonalitciienhaß ist ivieder ärger denn je entbrannt und in Prag ist es zu sdjweren LluSidtreitimgen gekommen, welche die Verhängung des Standrechtes notivendig machten. Dieser Slationatitätenstreit ist es auch gewesen, der das M i n i ft e y i u m Beck zu Fall gebrad)t Hai, an dessen Stelle Frechen: Bienerth getreten ist. Die Siuiatiou hat sich trotz Annahme des Budgeiprooisoriums, für welches bemerlensweriec Weise aud) die Sozialdemotraieu un Jntensse der Ausrc-chierhal- tung der varlamentarischen Regierung stimmten, kemesioegs ge­bessert und ebenso wie Deutschland sieht Deftertcid) sehr schweren

Zeilen entgegen.

Auf Frankreich lastete im abgelau'enen Jahre Marokko, worüber an anderer Stelle bereits gesprochen ist. Tie franzosiidje Hartnäckigkeit mag ja durch die großen finanziellen Juleresjcm be­gründet fein, welche Iran! reich ui Atarokto zu veruelen hat, ob aber der toeiumn mit den ungeheuren Geldauiwendiingen in Ein­klang zu bringen ist, steht am einem anderen Blaue, und die JOtaiotfoaffäre hat auch in diesem Jahre mehr wie einmal die Stellung der französtschcn 9regierung, and) Frankreichs, nach außen und nach innen stark zu erschüttern gedroht. Aber bau Kabinei I Clemenceau zecht überaus zähe Lebensdauer und hat alle (Stürme I dcainleu