Nt. 151 Erstes Blatt
ISS. Jahrgang
Donnerstag l.Juli 1909
Der ®U. {jener Anzeiger
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Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; f. Feuilleton und , Vermischtes' K. Neurath; für,Stabt u.Land" und „Gerichtssaal": E. Heß; iür ben Anzeigenteil: H. Beck.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 1. Juli 1909.
Born Wetter
schreibt uns ein bekannter ^anbiuirt: „Hätte mer en gute Reege, es verdorrt alles!" Wie oft habe ich diese Worte m den letzten vier Wochen nach der Begrüßung von den mir begegnenden Landwirten hören müssen. „Es gibt ka Faurer, daS Vieh verhungert", war die Fortsetzung der Unterhaltung. Wenn ich nun auch so manchen feisten Agrarier mit den Worten: Ihnen sieht man doch noch keinen Futtermangel an u. s. w. tröstete, so war es doch die höchste Zeit, daß Regen kam. Aber wenn die Not am größten ist, ist die Hilfe am nächsten; so auch diesesmal mit der Trockenheit. Nachdetn sich schon am Sonntag nachmittag im südlichen Teil des Kreises Gießen kräftige Regenfälle einstellten, gab es Montag mittag in Gießen selbst und nordöstlich davon starte Niederschläge, teilweise mit etwas Hagel. „Das scheckt alles noch naut, es muß noch besser futnmc", tadelten die Landwirte den Wettermacher. Und es kam besser! Von Dienstag nachmittag 3 Uhr bis Mittwoch nachmittag 4 Uhr hat es in einem fort geradezu Bindfaden geregnet. Dieser Landregen, der über ganz Mittel- und Südwestdeutschland niedergegangen ist, hat der Landwirtschaft hunderttausende von Mark genutzt. Ohne Schaden durch Niederschlagung von Getreidefeldern, ohne Sturm und Hagel sind die'iWiesen und Felder gründlich angefeuchtet worden. Nun wächst der zweite Klee kräftig heran, der zweite Grasschnitt (Grummet) nicht minder; die Kartoffeln setzen reichlich Knollen an und die Getreidefielder bringen keine notreife Frticht, sondern ein volles ausgewachsenes Korn. Kurz gefaßt: der Regen war köstlich, er hat geholfen. Nun warmes Wetter dazu, und 1909 gibt ein gesegnetes Erntejahr. .
** Ordensverleihungen. S. K. H. der Groß- Herzog Haden dem Fadriranten Adolf Bens in ge c in Mannheim das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
** Antrittsaudienz. S. K. H. der Großherzog haben! heute mittag kurz vor 1 Uhr den Oesterreichisch-Ungarischen auße:-> ordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister Grasen: B o l e st a - >i o z i e b r o d z k i behufs Entgegennahme seines Beglaubigungsschreibens in besonderer Audienz empfangen. Um 1 Uhr sand im Residenzschloß zu Ehren des Gesandten Gala- täfel zu 22 Gedecken statt Ter Gesandte und Legauonsiekretär Graf Calice folgten gestern abend der Einladung Sr. Erz. des Stoatsininiüers Dr. Ewald zum Soiwer mit den Mitgliedern der Tarmstädter diplomatischen Vertretungen.
P fa r r d i c nst na ch r i ch t e n Ernannt wurden Varr- assistent Metzger zu Rimbach zum Pfarrassistenten in Affolterbach ' Pfarrvikar Buch hold zu Rothenberg zum Pfarrajnstenreit in Rimbach: Piarrverwalter Rühl zu Wöllstein zum Pfarrvikar in Kriegsheim; Pfarrvikar Frank zu Raunlieim zum Pfarr- vermalter in Hutzdorf; Pfarrassistent Winkler zu Laugen zum Pfarrvikar in Raunheim; Pfarramtskandidat Haupt zu Maur-
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Ministerrat statt.
Gießen, 30. Juni 1909. Prof. Luley, 2. Vors. des natlib. Vereins Gießen.
E. Kaufmann, Wahlkreis-Vorsitzender.
*) Nach unserem Bericht haben beide .Herren nur ihr Bedauern über das Fernbleiben der natlib. Redner ausgesprochen. "Red.
Gruppe der Getreideverkaufsgenossenschaften liegen nur lückenhafte Angaben vor, wonach bei 17 Genossenschaften ein Absatz vvn 8 Mill. Mark gegen 7,2 Mill, bei 25 Genossenschaften im Vorjahre zu verzeichnen. Aus der überaus bunten Reihe sonstiger Genossen- schasten seien noch die Maschinengenossenschaften hervorgchobeu, bn denen 140 Genossenschaften einen Buchwert des Besitzes - - vornehmlich handelt es sich um Dreschmaschinen — von 1,8 Mill. Mark ausweisen. Tie junge Gruppe der Elektrizitätsgenossen- schäften, die zum Teil eigene Elektrizitätstverke mit eigener 5ha' ■- erzengung, zum Teil nur Leistungsgelwssenschaften umfaßt,- ii*fut bei 18 Genossenschaften einen Besitzwert der Ansagen in .Höhe von 2 Mill. Mark auf. 20 Baugenossenschaften geben einen Besitzwert von 9,8 Mill., 27Vichweidegenossenschaftcn einen solchen von 1 Mill. Mark an. — Freilich fehlen dem leuchtenden Bilde auch nicht gewisse Schattensetten. Sie kommen in den nicht uw beträchtlichen Verlusten bei den Kvmhaus-, Obst-, Gemüse-- verwerttmgs-, Elektrizitäts- und Winzergenossenschaften zum Ausdruck. Es darf erwartet »oerden, so schließt der Bericht, daß die hier gemachten Fehler in Zukunft vermieden werden, und damit das landwirtschaftliche Genossenschastswesen auf allen Gebieten sich nutzbringend und auch finanziell erfolgreich fortentwickelt. — Wie immer, so siird auch zu der diesjährigen Tagung des Reichs- Verbandes Vertreter des Genossenschaftswesens aus Oesterreich, der Schweiz, England, Frankreich und Belgien angemeldet.
des Reichsverbandes. Da Ende 1907 insgesautt 14 285 Sparund Darlehnskassen bestanden, so berechnet sich das gesamte Betriebskapital der gerwssensck'aftlichen Dorfbanlen Ende 1907 auf etwa 1850 Mill. Mark. Es dürfte gegenwärtig schon die zweite Milliarde überschritten haben. In der Hauptsache haben die Kassen ihr Betriebskapital durch Spareinlagen, Einlagen in lausender Rechnung und Anlehen aus dem eigenen .Kassenbezirk zu gewinnen gewußt. Für die Gesamtheit der 1907 bestehenden ländlichen Genossenschaften berechnet sich der Betrag dieser Spareinlagen im weiteren Sinne des Wortes auf etwa 1620 Mill, und darf gegenwärtig auf annähernd 1800 Mill, veranschlagt werden. Ganz besonders verdient die Tatsache Beachtung, daß trotz der im Jahre 1907 herrschenden Geldknappheit die Zunahme der Spareinlagen tm ganzen genommen reine Beeinträchtigung erfahren hat. Im allgemeinen haberr also die ländlichen Sparer den Verlockungen zeitweise höherer Zinsen von anderen Geldinstituten keine Folge geleistet, sind vielmehr im wohlverstandenen Interesse ihrer heimatlichen Sparkasse treu geblieben. — Die Summe der Darlehen gegen feste Frist rmd in lausender Rechnung berechnet sich bei sämtlichen Kassen sür Ende 1907 auf etwa 1500 Mill, und darf gegenwärtig wohl auf 16.50 Mill, artgeschlagen werden. Eine gewaltige soziavolitische Kleinarbeit spricht sich in diesen Ziffern aus, denn die Zahl der Kreditnehmer beziffert sich aus über 1 Million. Zugleich beweist die auf den einzelnen Schuldner entfallende durchschnittliche Tarlehitt- suntme von 1400 Mark, daß cs sich vornehmlich um die Befriedigung der Ansprüche kleiner und mittlerer Darlehnsnehmer handelt. In steigendem Umfange findet daneben seitens der älteren, großen Geldüberschuß besitzenden Kassen Südweftdeufchlauds auch die Gewährung von Real- «Anlage-) Kredit statt. Die in Hypo- tbcken sestgelegte Summe ist gegenwärtig wohl bereits auf 200 Mill. Mark zu schätzen. Nicht minder bedeutsam sind die Leistungen der ländlickten Genossenschaften auf dem Gebiete des gemeinsamen Bezuges von landw. Bedarfsartikeln. Allein bei den besonderen Bezugsgenossenschaften betrug der Wert der Bezüge 94,4 Mill. Mari im Jahre 1907 gegen 76,4 Mill. Mark im Jahre 1906. Neben diesen besonderen Bezugsgenossenschaften bewirten in steigendem Umfange auch die Spar und Darlehnskassen, Molkerei-, Kornhaus usw. Genossenschaften nebenher den gemeinsamen Bezug. Speziell der Bezug bei den Spar- und Darlehnskassen ist wiederum namhajt gestiegen. . Sehr beträchtlich war auch die Zunahme der gemeinsamen Bezüge bei den Mol- kereigenossenschasten. Unter Einschluß des Bezuges sonstiger Genossenschaften sowie der zum Teil sehr abnahmefähigen Einzelmitglieder der Zentralgenossenschaftcn kann der Gesamtbetrag aller gemeinsamen Bezüge im Reichsverbande für das Jahr 1907 au? annähernd 200 Mill. M. veranschlagt werden. So bedeutsam diese Summe erscheinen mag, so mag doch daran erinnert werden, daß sie nur etwa eilt Siebentel des Gesamtverbrauchs der deutschen Landwirtschaft an landwirtschaftlichen Bedarfsartikeln dar- stei.lt. Gerade der gemeinsame Bezug ist hiernach noch ungemein entwicklungsfähig und bedarf es gesteigerter Kraftentsaltting aus diesem C/ebictc. Erfreuliche Fortschritte zeigt -ferner die Entwicklung der Molkereigenossenschaften. Es betrug die eingelieferte Milchmenge bei 1719 Molkereigenossenschaften im Jahre 1907 2030 Mill. Liter. .Hiervon wurden als Frischmilch verkauft 123 Mill. Liter. Im Zusammenhänge mit dem Wachstum der städtisch- industriellen Entwicklung ist der Friscomilchabsatz in ständiger, lebhafter Zunahme begriffen und gewinnt die Frage der städtischen Milchversorgung erhöhte Bedeutung für genossenschaftliche Kreise. Die erzeugte Buttermenge weist eine Zunahme pon 65,9 im Jahre 1906 auf, 69,6 Mill. Klg. im Jahre 1907. Infolge der gestiegenen Butterpreise zeigt sowohl der Gesamterlös für verkaufte Molkereiprodukte wie die Auszahlungen an die Mitglieder eine durchschnittliche Erhöhung, und zwar betrug die sJletronr 5 Zahlung an die Mitglieder 9,4 Pfg. pro Liter, wobei zu berück-' sichtigen ist, daß der Wert der unentgeltlich an öie Mitglieder
Au§r-an-.
Nachdem die Plenarversammlung der ungarischen Unabhängigkeitspartei cntspreck>end dem Anträge des ^e- kutivkomitees die Vorschläge Lukacs abgelebnt hatte, die auf eine Kabinettsbildung mit der Unavhängigkettspartei abzielten, erscheint der Versuch der Lösung der Krisis gescheitert. Lukaes wird demnächst nach Wien reisen, um dem Könige zu be- ridjten. Die Lage ist völlig unklar.
Die neue Zirkularnote der Pforte wird in Wien als zweifellose Verschärfung der Kretafrage angesehen. Oesterreich-Ungarn wird sich gleich Deutschland auch weiterhin der Einmengung enthalten. Mali ist hier ferner der Ansicht, die Schutzmächte würden um drohende Konftikte zu vermeiden, es nicht umgeben können, vor dem Abzug ihrer Truppen im Einvernehmen mit der Türkei und Griechenland bestimmte Vereinbarungen über das weitere Schicksal Kretas zu treffen. Als wesentlich friedliches Syrnptom wird der Umstand angesehen, daß sich der König von Griechen land zu einer Badereise rüstet, während es noch vor kurzem hieß, er werde Griechenland diesen Sommer nicht verlassen.
Erktärung zur freisinnigen Versammlung in Lollar.
Am letzten Samstag haben in der freisinnigen Versammlung zu Lollar sowohl Herr E l ö s s e r - Darmstaot, als auch S>err Pros. Urst ad t'-Gießen, ihr Bedauern und auch ihr Erstaunen*) darüber ausgesprochen, daß wir, die national- liberalen Redner in der Korellversammlung, letzt nick? ^erschienen seien. (Gieß. Anz. Dom 29. Juni 1909.) Wir erklären, daß wir es nickt für wünschenswert halten, in. der jetzigen, politisch überaus bedeutsamen Zeit, wo der gesamte Liberalismus (Freisinn und Ncttlib.,» in der Frage der ReickssmaißzreforM Schulter an Schulter kämvft, in dem hiesigen Reichstagswahlkrcts zur gegenseitigen Bekämpfung auszuziehen, umsoweniger, als die Versammlung zwecks Aussprache über die Finanzresorm einberufen war und der Redner, Herr Elösser, ja schon lange, „die Brücke zu den Rationalliberalen abgeb roa? en hat" (Hess. Lib. Wochenschrift). Wir glaubten, im Sinne unserer h i e s i g e n P a r t e i f r e u n d e und a u m der besonneneren Frech'innigen, die e r f r e u \ i d) c t m " i i c i) i r l noch ö t e M . yryert iloeu dürsten, zu Hande l u, wenn wir jetzt den Kampf, der uns s. Z t. i a u i - gedrungen wurde, ruhen ließen.
Deutsches rreich.
Der Geheime Sanitätsrat Dr. Friedrich ©nbemann, früherer natwnalliberaler Reichstagsabgeordneter sür Kassel-Mcl- fimgen und Landtagsabgeorduetcr für Kassel-'Stadt i]t am Mittwoch vormittag gestorben.
Das Bayrische Vaterland beftätigt, daß der bayerische
gegnet man einem erfreulichen Fortschritt. 36 Vielwenoertunis- genossenschasten geben für das Jahr 1907 ihren Absatz auf 6,9 Mill. Mark an. Bei 57 Eierverkaufsgenossensckraften betrug der Absatz 1,5 Mill., bei 113 Winzergenossensckwften 4,16 Mill, bei 45 Brennereigenossenschaften 3,12 Mill. Für die wicktme
politische Tagesschau.
Ein neuer deutscher Bauernbund.
Vertreter des Bauernstandes aus dem ganzen Reich gründeten am Niitttvoch unter Teilnahme von mehreren nationalliberalen und freikonservativen Reiche- und Landtagsabgeordneten einen Deutschen Bauernbund, bessert Ziel ist, die Interessen des Bauernstandes in der energischste Weise zu fördern. Der neue Bund schließt namentlich diejenigen Landwirte zusammen, die mit der Art rmd Weise, wie der Bund der L a n b!v i r t e die Landwirtschaft zu förbern sucht, nicht einverstanden sind. Besonders zahlreich beteiligten sich artch die Ansiedler aus den Provinzen Posen unb Westpreußen. Die erste große Bundesversammlung findet am 6 <$u(i in Gttesen statt. In das Prä'i dium nnirben gewählt: der Reickstagsabgeordnete Wachhorst de Went- als erster Vorsitzender, ferner Landtagsabgeordneter Want- Hoff, Reichstagsabgeordneter Löscher und Landtvirt Härte-Posen
Stimmimgsbilö aus dem Reichstage.
Berlin, 30. Juni.
Zu einer Zeit, da auch die ftühesten Kommissionen ihre Arbeit ttoch nicht beginnen, die fleißigsten Fraktionen noch keine Sitzung anbewirnnt und der Beamte des Lesesaales gerade die ersten Morgenblätter einzuspannen pflegt, traten aus dem Portal des Reichshauses die Sperren v. Richthofen, Freiherr v. Bertling ünd Dr. Spahn. Nack der viertägigen Pause bietet auch der heutige Tag noch Raum für die Verhandlungen hinter den Kulissen, denn die offizielle Finanzreformarbeit wird erst morgen fortgesetzt. Heule steht auf der Tagesordnung die Interpellation der Sozialdemokraten über die Lebensinittelteuerung und die Getreidezölle. Der Platz des Fürsten Bülow ist leer. Und leer sind auch die Bänke der Rechten, denn die Herren, die den agrarischen Kanzler erschlagen haben, wissen, daß seine Werke ihn überdauern und daß sie von der Jnterpellatton der Sozialdemokraten nichts zu befürchteii brauch.m Nur als Repräsentanten gewissermaßen der agrarischen Politik sitzen auf ihren Plätzen in den vordersten Reihen der Rechten der Präsident des deutschen Landwirtschaftsrats Graf Schwerin- Löwitz und die Häuptlinge des Bundes der Landwirte, Dr. Hahn und v. Dlbenburg. Neben dem Stellvertreter des Kanzlers von Bethmann-Hollweg, der die Interpellation beantwortet, wird bi1' Regierung durch den preußischen Landwirtschaftsminister v. Arnim vertreten. 9hir mäßig besetzt sind zu Anfang auch die Bänke des Zentrums und der Linken; umso voller die Tribünen, aus denen man sensationeller Ereignisse harrt. Aber diese Erwartung löirb nicht befriedigt, und wenn man aus dem Auftreten der Redner unb der Stimmung bes Hauses Schlüsse ziehen darf, so glaubt man aus keiner Seite an eine Auflösung; denn die ruhige, ja fast sachliche Art der Behandlung des Themas, das so manches Mal schon die Gemüter auf das leidenschaftlichste erregt hat, paßt gar nicht auf eine unmittelbar bevorstehende Wahlbewegung. Müde und apathisch wie unten die Mitglieder der Parteien leitet Graf Stolberg die Sitzung: er hat sich von dem Unwohlsein, das ihn der entickeidenden Abstimmung über die Erbschaftssteuer feru- gebaltcn hat, erfreulicherweise erholt.
Anderthalb Stunden spricht der Begründer der Interpellation, Abg. W olkenbuhr. Eine trockene, mit viel Statistik untermischte Siebe, die bei aller Uebertreibung und Einseitigkeit doch viel Fleiß und Kenntnisse zeigt. Nur am Schluß wird er lebhafter unb versucht, politisch zu wirken. Er bietet der Reichs- regieruug die Unterstützung seiner Partei im Wahlkampfe an, wenn es gegen die Agrarier gebe. Der Staatssekretär hat keinen schweren Stand. Er lann sich darauf berufen, daß die Zollpolitik des Deutschen Reiches auf einer starken Mehrheit im Reichstage beruhe und daß diese ihren Standpmrkt in dieser Frage nicht geändert habe, unb das wurden auch hie verbündeten Regiernna-'n nicht, tun. Die Zollpolitik sei ein einheitliches Gunzes, aus oem man nicht einzelne Stücke herausnehmen dürfe. So wenig Deut',chland noch cm Agrarstaat sei, so wenig sei es und solle es ein Industriestaat sein, sondern eine glückliche Mischung von beiden. Herr v. Beth mann-Holl weg schien einen Trust zwischen dem Bund der Landwirte und dem Hansabnitd für das wünschenswerte ’.u hatten. Im übrigen führte der Staatssekretär unter lebhaftem Beifall aus, daß man mit solchen Experimenten, wie es eine zeitweilige Aufhebung der Getreide- unb, Futtermittelzölle sein würde, an der Lage nichts ändern und daß solche Mittel bei den Verhältnissen des internationalen Weltmarktes ihre Wirkung verfehlen würden.
Tie von den Svzialdenwkraten beantragte Besprechung bieder Ministerialerklärung wurde von allen Seiten gut geheißen. Der Generaldirektor für das katholische Deutschland, der Zentrurns- abgeerbnete Pieper, der seine Partei vorgeschickt hatte, verkannte den Ernst der Lage nicht, sah aber zu einem Einschreiten im Augenblick keinen Anlaß. Abg. Dr. Arendt (Rcichspartei) lehnte ein Eingehen auf die Interpellation schon deswegen ab, weil sie non den Sozialdemokraten komme, und sein Nachbar aus der Rechten, Graf Schwerin Löwitz, wollte für die Höhe der Weizenpreise die Getreidehändler verantwortlich machen: anstelle des Bundes der Landwirte den Hansabnnd. Der Staatssekretär hatte von einer vorübergehenden Ersckustnung gesprochen; der Vertreter der linlsliberalen Fraktionsgemeinschaft, Abg. Kaemps, wies ihn darauf hin, daß. diese vorübergehende Erscheinung vorn Minisrertische schon im Jahre 1907 erwähnt worden sei; aber auch die Freisinnigen wollen nicht die Gewaltmaßnahme der plötzlichen Beseitigung der tz^etreidezötte, wohl aber ihre allmähliche Herabsetzung. Der Sprecher der Nationalliberalen beschränke sich ans die Erklärung, daß seine Parteifreunde an ihrer gruirdsätzUcken Auffassung über die Wirtschaftspolitik festhalten unb eine Aufhebung der Getreidezölle jetzt nicht für zweckmäßig halten. .
Damit war die Besprechung der Interpellation elgentlrch zu Ende. Der frei)innige friesische Landwirt Fegter kennzeichnete noch die Hörigkeit der Konservativere gegen den Bund der Landwirte, unb der Sozialdemokrat Dr. Südekum würzte die letzte halbe Stunde der Sitzung mit Anspielungen auf die politische Lage. Er sprach von dem Kanzler auf Abbruch, von dem uwiefränten König in Preußen, Herrn v. Heydebrand, und prophezeite dem Bunde der Landwirte, daß Füllt Bülow der leine Kanzler sei, den er abhalftere. Zum Schluß erleichterte bet bavrische Bauernzenttumsmann Dr. Heim sein durch seine Mstim- ntung bei der Erbschaftssteuer beschwertes Herz. Morgen geht es an die Verhmtdlung der Verbrauchssteuern.
25. deuischer LanLumtschaWcher Senossenschastrlag. i.
S. u. H. Stettin, 30. Juni.
Mit der 12. Generalversammlung seiner Beantten-Wohlsahrts- kasse und der 12. ordentlichen Generalversammlung der Versicherungsrasse der Deutschen' Landwirtschaftlichen Genossenschasts- bcamleit begann heute die Hauptversammlung des Reichsverbandes der Deutschen Landwirtschaftlichen Genossenschaften. Die Ver Handlungen, die hier unb in Swinemünbe gepflogen werden, haben wichtige Fragen des deutschen landwirtschasttichen Genossenschaftswesens zum Gegenstand, jo die Ausdehnung des Depositen b an kivesens auf dem Lande, die Mitwirkung der landwirt- schaftlichetl Gmossenschaften bei der inneren Kolonisation, die Einführung der elektrischen Kraft auf dein Lande, die Salpeter- 51ombination, ihr Zusammenbruch und ihre Neubildung, die Abgrenzung der Tätigkeit der landwirlschastlichen Organisationen auf genossenschaftlichem Gebiete u. a. mehr.
Der vom Präsidenten Haas erstattete Geschäftsbericht gibt einen interessanten Ueberblicf über die gegenwärtigen Leistungen der landw. Genossenschaften. Besonders bemerkenswert er- scheinen b’e Leistungen öev ;":r.V H'N Spur ,■ 11Zar-, 'h'.^kajsen. Es betrug bei diesen Kauen bc-_ Reichsoerbandes das Betriebs kapital Ende 1907 bei 11 669 üassen 1560 Mill. Mark, 1906 bei 11373 Kassen 1426 Mill. Mark. Hierzu gesellt sich ein Betriebskapital von 188 Brill. Mark bei 1767 Kassen außerhalb
Ministerrat die Verständigung mit der neuenReichs- zurückgegebenen Magermilch zumeist nicht in Rechnung gestellc a g s me h r he i t beschlossen Md bre bayerischen Vertreter beim I wurde. Auch bei der Gnippe der sonstigen Genossenschaften be-
Bundesrat entsprechend instruiert hat. Ter Ministerpräsident von' L ....... <y—u *”“*
Podewils und Finanzminister von Pfaff haben dem Prinzregenten darüber Vortrag gehalten und alsdartn fand der entscheidende


