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01/05/1909 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

ISS. Jahrgang

Samstag 1. Mai 1909

Die heutige Nummer umfahr 16 Seiten.

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Nr. 101

Der Giehener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SiehenerZamilienblötter; zweimal wöchentl.lireir- blatt für ben Kreis Gieren (Dienstag und Freiing); zweimal nwnatl. Land­wirtschaftliche Zeitfragen Fernsprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:

Anzeiger Gießen.

Annahme von Anzeigen

bis vormittags"^llhr^ Hofütionsbrud unb Verlag der Vrühl'schen Univ.Vuch- und Steinbruderet R. Lange. Hcbaftion, Lrpebttion «Nb Druderei: Zchulstrahe 7. An^igenteü^'H.^'Beck.

rrleSnes Feuilleton«

Nochmals die Zirkusvorstellung der Büh­nenkünstler.- Gegenüber unserer gestrigen Mitteilung, daß ein Teil des großen Ertrages der- Zirkusvorstellungen der Schau­spieler bei Busch derJnternattonalen Artistenloge" angeboten und von dieser zurückgewiesen worden wäre, schreibt dieser Ar­tistenverband:Wir können nur sagen, daß uns niemals von irgendivelchcr Seite ein Teil der Einnahnien angeboten wurde, daß wir ihn daher auch nicht annehmen konnten, und bemerken, daß wir eine solche Zuwendung nicht nur nicht abgetehnt, sondern mit großem Tanke entgegengenommen hätten, da unsere Witwen- und Waisen-, Invaliden- und Altersversvrgungskassen eine Stärkung gern ertragen können."

D i e Fabrikmarke im Lamaklo st er. Ter Asien- reisende Oberleutnant F i l ch n e r hielt kürzlich zum Besten der lleberschwemmten im Neuen Königlichen Opernlheaker in Berlin einen Vortrag über seine Erlebnisse in Zentralasien. Besondere Heiterkeit erregte eine Anekdote aus dem L a m a k l o st e r K u in - brun. Dort wurde deni Forscher unter großen Feierlichkeiten eine besonders heilige unb geweihte Münze gezeigt. Oberleninant Filchner erkannte das Heiligtum der Lamaisten aber sofort als ein Fabrikzeichen der deutschen Anilinfabrik in Berlin. Tie Berliner Firma kann sich also rühmen, daß ihre Fabrikmarke nicht nur unter dem Schutz des Patentamts, sondern auch unter dem Buddhas steht.

Die Sachsen werden schneidig. Aus Leipzig wird genieldet: Als jüngst der kaiserliche Hofzug aus der Fahrt aach Italien in Leipzig ankam, geriet ein Hofwagen beim Rangieren in starkes Schwanke>i. Tabei glitt ein Diener mit einem Tee°- icroice aus. Sofort wurde im Hofmagen die Notleine gezogen, und im nächsten Moment hielt der Zug. Die Elsenbahndireklion leitete wsort die umständlichste Untersuchung wegen dieser Lappalie ein. Ls kamen sogar drei Geheimräte von der Keneraldireklion in Dresden, die zusanniien mit mehreren Leipziger Baiiräten die Stelle, wo der Hofzug ins Schwanken geraten war. in Augenschein nahmen. Dian stellte einen ebenso schwereii Ziig zusammen, spannte zivei 3chnellzugslokomoliven davor und fuhr die betreffende Strecke mehrere Male mit immer sieigender Geschioindigkeil ab. Während dieser Fahrt ivurde sogar ein Teeservice in einem Wagen aufgestellt und seine Schwankungen beobachtet. Als eine genügend große Ge­schwindigkeit erreicht war, fiel das Service um. Ja, die Sachsen roerben schneidig!

Aus Krähwinkel. Die behördliche Maßregelung eines Musikkritikers, des Redakteurs Erich Keller in Oppeln, sollte wie wir kürzlich gemeldet haben dadurch gekrönt werden, daß man den Gemaßregelten mit Polizeigewalt aus dem Konzert-

lehnt und das ungarische Kabinett Wekerle hat daraus hin seine Demission genommen.

In Baj o hat eine Begegnung zwischen dem Könige von England und dem Könige von Italien stattgefunden und seine besondere Bedeutung bekommt diese Monarchenbcgeg- nung dadurch, daß auch der italienische Minister des Aeußern zugegen ist. So lieft man's wenigstens in den offiziösen Meldungen. Man sagt indessen nichts neues, wenn man demgegenüber wieder einmal darauf hinweist, das; für die große Politik aus solchen Monarchenbegegnungen im Grunde genommen herzlich wenig herausspringt. Auffallend ist es diesmal vielleicht, daß die italienische Presse im Anschluß an ihre Betrachtungen über diese Monarchenbegegnung be­wegliche Klage über Deutschland und Oesterreich-Ungarn führt. Man fühlt sich in Italien von den beiden anderen Bundesgenossen etwas vernachlässigt und erkennt wohl auü) schon bte Gefahr des Jsoliertwerdens, aber vergißt dabei doch auch »nieder, daß es nur die gar zu vielen Extra­touren Italiens gewesen sind, die eine nicht wegzuleugnende Abkühlung der beiderseitigen Beziehungen hervorgerusen hat und Hervorrufen mußte. Italien gerade war es, das sich in den letzten Jahren immer wieder eingebildet hatte, ohne den Anschluß an Deutschland und Oesterreich-Ungarn aus­kommen zu können. Die Freundschaft Englands und Frank­reichs wollte den Italienern tvertvoller erscheinen. Man fängt in Italien aber offenbar schon an, einzusehen, wie gering der wahre Wert der neuen Freunde ist, und wie gut es sich doch im Dreibunde leben läßt.

Große Freude ist dem niederländischen Königshause und Volke durch die Geburt einer Prinzessin wieder- fahren. Nach langen Jahren getäuschter Hoffnungen und stummer Resignation jubelt das niederländische Volk jetzt seiner jungen Königin zu. Die Thronfolge des Hauses Oranien ist gesichert, und damit fallen auch alle möglichen polittschen Bedenken fort. Wenn die Beziehungen der Nieder­lande zum Deutschen Reiche in diesen letzten Jahren nicht immer von der alten Herzlichkeit waren, so lag das zum großen Teile an einer von den Feinden Deutschlands immer wieder genährten Furcht, daß Deutschland die Niederlande eines Tages annektieren könnte. Diese grundlose Furcht ist nun hoffentlich für immer beseitigt, und die Beziehungen beider stammverwandter Völler wird hoffentlich fortan wieder die alte Freundschaft beherrschen.E. A.

KsLöMche Scrgesßcbarr.

Der neue Sultan.

Am gestrigen Freitag hat sich Sultan Mehmed V. an­läßlich des Selamliks in der Hagia Sofia zum ersten Male seinem Volke gezeigt. Der Selamlik sand unter großer Begeisterung der Zehntausende von Zuschauern in der Hagia Sofia statt. Der Sultan trug die graugrüne Uniform der Salonikier Generäle. Er grüßte während der Fahrt leb­haft nach allen Seiten. Die Hin- und Rückfahrt erfolgte bis zum alten Serail zu Wasser, dann im Wagen. Tein Sultan saß im Wagen nicht, wie erwartet, der Großwesir Tewfik Pascha, sondern der Gnasi Mukthar gegenüber. Am Selamlik nahmen ferner der Bruder und die Söhne des Sultans teil. Auf der Straße und vor der Hagia Sofia waren keinerlei Absperrungen vorgenommen inorbcn. In den letzten Tagen empfing der Sultan den Großwesir, so­wie die Präsidenten des Senates und der Kammer, zahlreiche andere hohe Würdenträger, kleinere Beamte, Iowic viele frühere Bekannte. Von den Staatsoberhäuptern treffen inzwischen fortgesetzt Glückwunschtelegramme an den neuen Sultan ein. Auch Kaiser Wilhelm hat von Korfu aus ein Glückwunschtelegramm an Sultan Mehmed V. ge-

siebzehnten Jahrhunderts bestimmte der dänische Astronom Tpcho de Brahe die Koordinaten von 1005 Himmelskörpern, und der große Sternenkatalog, den Hevelius 1690 abschloß, verzeichnet bereits 1553 Sterne. Das Erstaunliche an diesen Beobachtungen ist, daß sie alle mit dem bloßen Auge gemacht wurden und doch von außerordentlicher Genauigkeit sind. Mit dem Entstehen der op­tischen Hilfsmtttel vermehrt sich die Zahl der Sternenverzeichnisse und mit ihnen die Zahl der beobachteten Himmelskörper. Ter Katalog von Flamsteed von 1725 verzeichnet bereits 3310 und der von La Caille 9766 Sterne. Um 1800 ericheint das große Werk von Lalande, das die Oertlichkeit von 47 390 Sternen fest­legt. 62 Jahre später verzeichnet Argelander 457 847 Sterne. Um diele Zeit beginnen die ersten Versuche mit Hilfe der Photo­graphie, die sich rasch entwickeln und schließlich den großen Ge­danken entstehen ließen, alle Observatorien der Welt zu einer gemeinsamen Ausarbeitung einer großen erschöpfenden Himmels­karte zu vereinen. Der erste Kongreß der Himmelskarte trat 1887 zusammen, jedes der an dem Werke teilnehmenden Observatorien erhielt sein genaues Arbeitsfeld zugewiesen. Die Aufnahmen sollten sich bis zu den Sternen vierzehnter Größe erstrecken, so daß mehr als 30 Millionen Himmelskörper photographisch ausgenommen werden müssen. Tas Pariser Observatorium hat im Jahre 1900 die ersten zwanzig Sternkarten yerausgegeben v.nd zu gleicher Zeit veröffentlichte das Observatorium von Potsdam den ersten Band seines Kataloges, der 20 700 Sterne umfaßt. Seitdem find die Arbeiten, so führt der Astronom G. Renaudot im Matin aus, rüstig fortgeschritten, und bedeutsame Neuent­deckungen haben wichtiges Material gebracht. Als die wichtig­sten Förderer des Unternehmens erscheinen die Sternwarten von Paris, Potsdam, Greenwich, Oxford und Perth in Australien, die mit ihren Arbeiten am weitesten vorgeschritten sind. Andere Warten find mit ihrem Pensum stark im Rückstand geblieben, und einige, wie z. B. das Observatorium von Santiago de Chile, haben ihre Arbeiten noch nicht begonnen. An ihnen wird es liegen, die Vollendung des großen Werkes durch Beschleunigung ihrer Arbeit nicht zu verzögern.

Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft. Zum Direktor des Goethe-Museums in Weimar ist als Nach­folger des Hofrats Dr. Kvetschau der Berliner Kuustgelehrte Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Wolfgang von Dettingen ernannt worden. Auf eine 25jährige Tätigkeit als akademischer Lehrer kann am 3. Mai der Germanist, Geheimerat Professor Dr. phil. Konrad Burdach in Berlin zurückblicken. Der Verleger des Simplizissimus" Albert Langen ist gestern im Älter von 40 Jahren in München gestorben.

saal entfernen wollte, wo Susanne Dessoir ihren Liederabenb ver­anstaltete. Doch hütete man sich wohlweislich, die lächerl'che Drohung in die Tat umzujetzeu, da die tonangebenden Hct.cn mit Recht einen öffentlichen Skandal befürchteten. Dafür mußte sich aber der Bedrohte, der selbswerständlich das Konzert besuchte, durch den im Nebcnamte als Botenmeister des Magistrats tätigen Garderobier sagen lassen, er dürfe seine Garderobe nicht abnehmen. Als der Redakteur nach dieser freundlichen Begrüßung den Kon­zertsaal betreten wollte, forderte ihn die an' der Eingangstüre aus­gestellte Billettabnehmerin auf, seine Eintrittskarte zurückzugeben und das schon bereitgelegte Geld wieder in Empfang zu nehmen. Ter ob dieser Vorgänge um Aufklärung ersuchte spiritus rector, der Negierungsrat, wandte dem Fragesteller mit der lakonischen Bemerkung:Ich habe jetzt keine Zeit!" den Rücken. Als der in dieser Weise brüskierte Redakteur diese Vorgänge am folgenden Tage in derOppelner Zeitung" zur Sprache bringen wollte, mußte er die Erfahrung machen, daß sämtliche Setzer infolge des belxördlichen Druckes bei Androhung sofortiger Entlassung instru­iert worden waren, nichts Handschriftliches von dem Gemaß­regelten zu setzen. Also geschehen in Preußen im Jahre 1909!

Sven Hedin als Kläger. Wie man aus München meldet, hat Sven Hedin die Münchener ZeitschriftA p r i 1", die ihn den größten R e k l a m e h e l d e n genannt hatte, ver­klagt. Offenbar hat Oedin den Charakter dieses Blattes, ver­kannt : es ift nur einmal, am 1. April, erschienen, und zwar als satirisches Witzblatt. Herausgeber war Willy Rath. Wir haben seinerzeit auf die scherzhafte Erscheinung aufmerksam gemacht.

Die Zahl der Sterne. Zum sechsten Mal ist jetzt der Kongreß der Himmelskarte zujammengetreten; aus allen Teilen der Welt sind die Astronomen nach Paris gekommen, um im Observatorium die errungenen Resultate und die Fort­führung der Arbeiten zu beraten. Das gewaltige Werk, alle Sterne aufzuzeichnen und photographisch zu fixieren, beschäftigt die Astronomen seit nunmehr 22 Jahren. Was die heutige For­schung mit bis zum feinsten durchgebildeten Instrumenten aus­führt, hat schon vor Jahrtausenden den Menschengeist beschäftigt. Ein Jahrhundert vor unserer Zeittechnung faßte Hipparch von Rl)odus denselbst für einen Gott vermessenen Plan", alle Sterne des Himmelsgewölbes aufzuzeichnen. Das plötzliche Erscheinen eines neuen Sternes war der Anlaß der Arbeit, die mit der Auf­stellung des ersten Sternenverzeichnisses abschloß, in dem 1025 Fixsterne genau bestimmt werden. Im Almagest des Ptolemäus, das drei Jahrhunderte später geschrieben wurde, <t uns dieses Verzeichnis des Astronomen von Rhodas erhalten. Im Jahre 1400 ließ der Tartarenfürst Ulugh Beigh sich ein Observatorium in Sa­markand errichten und beobachtete 1018 Sterne; zu Beginn des

würden, scheint sich nicht erfüllen zu wollen. Muley Hafid hat in den letzten Tagen schwere Kämpfe mit feindlichen Stämmen zu bestehen gehabt, und diese Kumpfe waren wenig glücklich für ihn. Sogar Fez ist neuerdings eingeschlossen. Was dem neuen Sultan von MaroNö vor allem fehlt, ist Geld, und so ist er nicht imstande, allen von seinem Bruder übernommenen Verpflichtungen nachzukommen. Zu leiden unter diesen Verhältnissen hat jetzt u. a. auch ein deutscher kluternehmer, der Erbauer des Hafens von Tanger, Rensch- hausen. Die deutsche Regierung ist bisher vergeblich be­müht gewesen, die Befriedigung dieser und anderer deut­scher Forderungen herbeizuführen. Das einzige Mittel für Marokko, aus den Finanznöten hinauszukommen, ist eine Anleihe, um deren Zustandekommen sich die Interessenten eifrig bemühen. Günstig sind die neuen marokkanischen Wirren diesen Anleiheversuchen allerdings wohl kaum.

Wenn man von Finanzsvrgen spricht, dann wird man unwillkürlich auf die Misere unserer deutschen Reichsfinanzreform hin gewiesen. Und hier ist die Lage nach wie vor ungeklärt. Der konservative Antrag, eine Reichswertzuwachssteuer an die Stelle der Erbschafts­steuer zu setzen, hat nur neue Verwirrung gebracht, und die Finanzkommission hat es in zweitägiger Sitzung nicht ver­mocht, die Verwirrung zu beseitigen. Wenn alles gut geht, wird die heutige Abstimmung in der Kommis iou vielleicht einige Klarheit schassen. Aber der freisinnige Abg. Mommsen hatte Recht, als er in der gestrigen Sitzung der Finanz- lommission sagte, das; die konservative Partei, solange sie an ihrem negativen Standpunkte festhalte, nicht zu den Par­teien gerechnet werden, die die Reichsfinanzreform wolle. Bedenklich sollte es die Konservativen doch eigentlich schon längst gemacht haben, wenn sie sich mit ihren jetzigen An­schauungen in der Gesellschaft von Zentrum, Polen und Sozialdemokraten sehen. Wenn die Konservativen nickt bald zur Einsicht kommen, werden sie fick um ihr ganzes Ansehen im Lande bringen. Aber es scheint, daß sich aus der Vtitte der konservativen Partei heraus schon jetzt Stimmen er­heben und immer lauter nach einer Aenderung der bisher eingenommenen Haltung verlangen.

Wie Finanzfragen des Reiches zu lösen sind und von einem wirklich politisch denkenden Volke gelöst werden, das kann uns England lehren. Auch das reiche England ist jetzt in finanzielle Schwierigkeiten geraten und es gilt dort ein Budgetdefizit von über 300 Millionen Mark zu decken, das erste Defizit seit dem Burenkriege. Es ist bewundernswert, wie glatt das englische Unterhaus diese Frage löst; ohne zu markten, ohne zu feilscyen. Dem Engländer ist der Patriotismus so etwas selbstverständliches, daß dort kein Minister erst besonders an den Patriotismus zu appellieren braucht, um die Opferwilligkeit der Parteien wachzurufen. Nachdem der Finanzminister dem Parlamente dargelegt hatte, wie es mit den Finanzen des Landes steht, nahmen die Volksvertreter sofort mit überwiegender Majorität Resolutionen an, durch die provisorisch die Erhöhung der Steuer auf Spirituosen genehmigt wird. Auch be­züglich der Erhöhung der Tabaksteuer und bezüglich der Steuer auf Automobile und des für solche verwendeten Brennstoffes wurden zustimmende Resolutionen angenom­men. Bei uns im Deutschen Reiche erledigen sich solche Fragen leider nicht so glatt.

Eine Finanzfrage von großer Bedeutung hat nun auch in der Donaumonarchie eine Krisis hervorgerufen, deren Ausgang zurzeit noch nicht abzusehen ist. Es ist die von den Ungarn geforderte Banktrennung. Kaiser Franz Josef hat sie in richtiger Erwägung ihrer Gefährlichkeit abge-

politifd?c Wochenschau.

Gießen, 1. Mai

Das Geschick des Sultans Abdul Hamid hat sich erfüllt. Kismet nennen es die Mohamedaner, was daS Schicksal den Sterblichen bringt, und so hat auch Abdul Hamid, ber 33 Jahre lang das Türkenreich beherrschte, ver­hältnismäßig ruhig und gefaßt das Unabänderliche auf sich genommen. Allah hat es so gewollt, daß er, der jahr­zehntelang seine Untertanen durch Furcht und Schrecken darnieder gehalten hat, jetzt im Alter von der stolzen Höhe seines Thrones herabsteigen müßte, um feinem Bruder Platz zu machen. Als die Deputation ihm seine Absetzung ver­kündigte, da bäumte sich noch einmal sein Despotenstolz in ihm auf und in der Erkenntnis seiner Ohnmacht rief er diesen Vertretern der Nation zu:Möge Gott die ver­dammen, die dieses Unglück heraufbeschworen haben."Gott ist weise," erwiederte einer der Deputierten,wir mögen sicher fein, daß er die Schuldigen verdammen wird." Da schwieg Abdul Hamid betroffen und fügte sich den Anord­nungen der neuen Gewalten, die ihn nach Saloniki ins Exil schickten. Er mochte wohl an das Strafgericht ge­dacht haben, das die so lange vor ihm Geknechteten jetzt über ihn verhängen würben. Wie es heißt, beabsichtigen die Jungtürken aber dergleichen nicht. Man will sich nur damit begnügen, den abgesetzten Despoten unter strenger Bewachung zu halten. Das ist das übliche Schicksal ehe­maliger Herrscher in der Türkei und solcher die es werden könnten. Auch der neue Sultan, Mohamed V., hat dieses Los fein ganzes Leben lang getragen. In dem goldenen Käsig seines Palastes, umgeben von Spionen, hat er bisher von der großen Welt da draußen, von dem wirklichen Leben nichts gesehen. Noch ist er für die politische Welt ein un­beschriebenes Buch, und alle Interviews, die findige Zei­tungen über ihn verbreitet haben, sind Erfindungen. Die Zeit wird es lehren, ob die Europäisierung des Osmanen- reiches unter dem neuen Monarchen bessere Fortschritte machenwird, als bisher. Die Jungtürken scheinen vorläufig den ernsten Willen zu haben, die neuerrnngene Macht nickt mehr aus den Händen zu geben. Dem neuen Sultan bliebe demnach nur übrig, eine rein repräsentative Rolle zu spielen. Wenn die Jungtürken es dabei auch fernerhin ehrlich und güt meinen, wird das dem Türkenreiche nicht zum Schaden dienen. Eine der ersten und wichtigsten Fragen, die den neuen Machthabern am goldenen Horn zu lösen bliebe, wäre wohl die Regelung der Staatsfinanzen. Bisher verbrauchte der Sultan das meiste für seine Zwecke, fortan können die Staatsgelder auch »mrklich dem Staate nutzbar gemacht werden. Nickt ohne Bedeutung sind bisher die Entschädigungen Oesterreich-Ungarns und Bulgariens und die Aufhebung der teuren Hofhaltung Abdul Hamids.

Wer mag es ermessen, ob die letzten Vorgänge in der Türkei nicht auck; einen heilsamen Einfluß aus den Schah von Persien ausüben werden. In Persien geht es schon seit geraumer Zeit, unter der Herrschaft des neuen Scyahs, drunter und drüber, so daß jetzt bereits die Russen ins Land eingerückt sind, um Rnbe und Ordnung zu schaffen. Ueberraschungen sind in Persien für die nächste Zeit jeden­falls nicht ausgeschloffen. Um die Wirren in der muhome- danischen Welt vollkommen zu machen, ist auch das Reich des neuen Sultans von Marokko in neue Schwierigkeiten geraten. Die Hoffnung, daß mit der Ab­setzung von Abdul Afis und der Thronbesteigung von Muley Hafid Ruhe und Ordnung in Marokko wieder einkehren

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