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Nr. 183 Zweites Blatt
158. Jahrgang
Mittwoch 5. August 1908
Erscheint tügllch mit Ausnahme des Sonntag».
Die H6k(jenet ZamtlienblStter- werden dem e%lnjetgci* Biennal wöchentlich beigelegt, das „Krelsblati für 6en Kreis ©leben" zweimal wöchentlich. Tie „candwirtschaftlichen Sell- fragen" erscheinen monatlich jrocitnaU
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Cberheffen
RotattonSdruck anb Verlag der Lr ühlfche» UniversitötL - Buch- und Ktetndruckerei. ÖL Laag«, Dieben.
Redaktion, Expeditton anb Druckerei: Schul- strafte 7. Expedition und Verlag: fcjS5L Redaktion: 11*. TeL-Tldru AnzeigerDieften.
Zur Strasprozehreform
Wird uns von parlamentarischer Seite geschrieben:
Die Grundzüge einer neuen Strasprozeftordnung und im Zusammenhänge damit einer Aendcrung des Gerichtsvcrsafsungs-- aescyes sind levthin bekannt gegeben worden. Dre vollständigen Entwürfe sollen nächstens veröffentlicht werden, und es steht zu erwarten, daß sie kommenden Winter an den Reichstag gelangen.
Die jetzt geltende Strasprozeftordnung vom 1. Februar 1877 ist das unvollkommenste der großen RcickfSjustizgesetzc, unvollkommen namentlich deswegen, weil bei ihm polnische Gesichtspunkte die sorgsältige juristisch-technische Arbeit beeinflußt haben. Aus Laien- und aus Juristen-dlreisen wurden schon bald nach dem Erlast des Gesetzes lebhafte Abänderungswünsche laut.
Diese Wünsche betrafen vor allem zweierlei: die Teilnahme von Laien an der Rechtsprechung der Straskammcrn und die Ein- sührung der Berufung gegen die Urteile der Strafkammern. Beiden Wünschen werden die neuen Gesetze entgegenkommen. Die Berufungsgerichte werden allerdings nur aus rechtsgelehrten Richtern bestehen. Es ist zu hofsen, das; diese letzte Bestimmung nicht zu unüberwindlichen Schwierigkeiten mnerhalb des Parlaments führen möge.
Was im übrigen über das kommend« Recht bekannt geworden ist, wird weitgehender Zustimmung gereift sein: Die Schwurgerichte werden bcibehaltcn. Tas Strafbefehlsverfahren wirb ausgedehnt, ein beschleunigter Prozcft in grösserem Umfange zugc- lasseu werden. Das ist erfreulich. Der Strafbefehl ist geeignet, das Verfahren schnell zum Abschluß zu bringen, dem Angeklagten die Peinlichkeit der öffentlichen Hauptverhandlmcg und erhebliche Mafien zu ersparen, die Gerichte wesentlich zu entlasten. Weiter wird in Erfüllung liberaler Forderungen die Untersuchungshaft eingeschränkt, der Zeugniszwang gegenüber der Presse in der Hauptsache beseitigt, die Verteidigung im Vorverfahren verstärkt, den Schöffen und Geschworenen eine Entschädigung gewährt werden. Zu billigen ist die geplante Einschränkung des sog. Lcgalitäts- prinzips, d. h. der Verpflichtung der Staatsanwaltsä-aft, jede zu ihrer Kenntnis gelangte Straftat zu verfolgen. Mit besonderer Genugtuung wird man den Versuch begrüßen, der Eigenart der von yugcnblidxn begangenen Delikte gerecht §u werden, diese Delikte sämtlich den Amts- bezw. Schöfscngerrchten zuzuweisen und besonders geeignete Richter für sre zu bestellen. Roch in der vergangenen Reichstagssefsion ist namentlich die national- liberale Partei durch den Abgeordneten Bassermann dafür cin- getreten, daft dem Jugendstrafrechte erhöhte Aufmerksamkeit zuteil verde.
Ohne den kommenden eingehenden Beratungen vorgreifen zu wollen, mögen schon jetzt einige kritische Bemerkungen zu der geplanten Reform am Platze sein:
Die Organisation der Strafgerichte wird sehr kompliziert werden: der Amtsrichter ohne Zuziehung von Schöffen für Ueber- tretungen; der Amtsrichter mit 2 Schöffen für kleinere Vergehen: die Strafkammer, bestehend aus 2 Richtern und 3 Schöffen für schwerere Vergehen: die Schwurgerichte für Verbrechen; das Reichsgericht in der Zusammensetzung von 2 Senaten für Hoch- und Landesverrat; das Landgericht in der Besetzung von 3 Richtern al» Berufungsgericht gegen die Urteile des Amtsrichters und der kleinen Schöffengerichte; ein Strafsenat von 5 Richtern als Berufungsgericht gegen die Urteile der Strafkammern (größeren Schöffengerichte-; ein Senat des Oberlandesgerichts bestehend aus 5 Räten als Revisionsgericht gegen die Berufungsurteile der Drei- Richter Kammern; ein Senat des Reichsgerichts als Revisionsgericht gegen die Berufungsurteile der Fünf-Richter-Kammern und der Schwurgerichte. Das macht nicht weniger als 9 ver- 'chiedene Strafgerichte.
Tie Organisation der über die schwereren Vergehen urteilen- oen Gerichte, des eigentlichen Zentrums der Strafrechtspflege, befriedigt nicht recht, reobei die große Schwierigkeit der Sache nicht verkannt werden soll. Sind die beiden gelehrten Richter der ersten Instanz über eine Rechtsfrage verschiedener Meinung, so kann diese Rechtsfrage durch die 3 Schöffen kaum befriedigend gelöst werden. Die Unzuträglichkeiten, die die geplante Besetzung der Gerichte mit 2 gelehrten Richtern für den inneren Dienst der Gerichte mit sich bringt, leuchten zudem ckhne weiteres ein. Richt recht verständlich ist eS, warum der Berufungssenat je nach örtlichen Verhältnissen an ein Land- oder Obcrlandesgericht aiigc- schlossen werden soll. Der Senat ist nicht als Senat des Oberlandesgerichts gedacht, sondern soll jedenfalls aus Land- gcrichtsräten bestehen. Es ist also wünschenswert, daß das auch äußerlich dadurch zum Ausdrucke kommt, daft er ausnahmslos an die Landgerichte angeschlossen wird. Tie Vorschläge der Regierung unterlassen es mit Reckst, die Oberlandesgerichte al»
solche zu Berufungsgerichten zu machen. Die Ausdehnung der Oberlandesgerichtsbezirke steht dem entgegen
Ernster Erwägung wird es bedürfen, wie die geplanten Aende- rungen ohne allzu große Vermehrung des Ricksterpersonals durchzuführen sind. Tas Anwachsen der Zahl unserer deutsckstn Beamten wird immer bedrohlicher, und das Ansehen der Gerichte wird durch immerwährende Vermehrung der Richterzahl nicht erhöht.
Tie sog. Voruntersuchung soll beibehalten werden. Das Verfahren würde ganz wesentlich gewinnen, wenn sie beseitigt werben könnte. Das wird aber aus politischen Gründen schwer möglich sein, und deshalb wird man sich besckzeiden müssen.
Tie vorliegenden Notizen lassen nicht erkennen, ob ein Krebsschaden unseres Strafprozeßrechts beseitigt wird. Ter übertriebene Formalismus der Strasprozeftordnung kennt im Vergleiche zu alleren Gesetzen wenig Formalien, hält aber an diesen wenigen um so fester. Wenn Urteile, die gefällt sind, nach tagelangen, vortrefftich geführten Verhandlungen nur deswegen kassiert werden, weil einer von zahllosen Zeugen bei einer späteren Befragung nicht aus einen kurz vorher geleisteten Eid verwiesen worden ist, so ist das in hohem Maße unbefriedigend. Will der Vorsitzende endlose Weiterungen und die Wiederholung der schwierigsten Prozesse vermeiden, so muß er so peinlich auf die Formaten achten, daß seine Aufmerksamkeit notgedrungen von der eigentlichen Sache abgelenkt wird. Die Richter aber der Sache zu erhalten, muß die vornehmste Ausgabe unseres künftigen Strasprozeß- rechts sein.___________
poiitlfdbc Lagesschau.
Eine Erklärung für Tr. Schücking.
In der Angelegenheit des Bürgermeisters Dr. Schücking veröffentlichen die freisinnigen Parteileitungen in Schleswig-Holstein folgende Erklärung:
Tr. Schücking in Husum war bei den vergangenen Sanbtag§- ivahlen Kandidat der Freisinnigen Volkspartei und ist als über- zengtcr Anhänger liberaler Grundsätze nnS bekannt. Diejenigen literarlschen Veröffentlichungen, welche dem Regierungspräsidenten in Schleswig den Anlaft zu dein Versuche boten, ihn trotz feiner verdienstvollen foimnimalen Tätigkeit seines Amtes zu entsetzen, enthalten im ivesentlichen nichts anderes als ein Bekenntnis zu liberalen Anschauungen über das Wesen der Staatsverwaltiing im allgemeinen und eine aut solcher Auffassung beruhende Darlegung von Mängeln im gegenwärtigen prenftischen Verwaltungsjistlem. Unter dieien Umständen bekundet sich in der Verfolgimg des Herrn Dr. Schücking die Auffassung, daß in dem führenden Bundesstaate Preuften es selbst einem Gemeindebcamlen nicht mehr gestattet ist, sich in seiner außeranitlichen literarischen Tätigkeit zu freifinnigen Grundsätzen zu bekennen. Ter Herrn Dr. Schücking ausgedrungene Kamin ist aber nicht nur eine politische Angelegenheit seiner Partei. Auf dem Spiel steht m diesem Kampfe das versassungsmäßige Recht der freien Meinungsäußerung, soivie ferner Die politische Unabhängigkeit und freie Persönlichkeit der (Semembebeamten. Die (Scmcmbebcamtcn dürfen nicht nach Art der stets absetzbaren Regierungsbeamten zu willenlosen Werkzeugen der jeweiligen Regier- nngspolitik herabgedrückt werben. TieS zu verhindern ist nicht Sache einer Partei, sondern Pflicht eines jeden Bürgers, dem die freie Persönlichkeit als höchstes Menschengut gilt. Wir erwarten daher, das; die preußische Staatsregierung sich der unhaltbaren Auffassung deS Regieruiigspräsidenien in Schleswig nicht anschließen wirb. Sie würde sonst'die Fortsetzung der gegenwärtigen Reichs- Politik aufs äußerste gefährden.
Die Erklärung ist u. a. unterzeichnet von den Ncichstags- abgeocdneten Carstens, Dr. Heckschcr, Dr. Leonhart, Speth- mann, Dr. Struve und den Landtagsabgeordneten Hoff und Waldsteiu. Herrn Schücking wird, wie die „Voss. Ztg." schreibt, aus Grund des § 157 des Gesetzes über die allgemeine Landesverwaltung dec Prozcft gcniacht. Dieser Paragraph lautet in seinem zweiten Absätze: „TaS Disziplinarverfahren kann mit Rücksicht auf den Ausfall der Voruntersuchung durch Beschluß der in erster Instanz zuständigen Behörde eingestellt werben/ Hieraus folgert das Ministerium, daß nur der Bezirksausschuß über die Einstellung des Disziplinarverfahrens Beschluß fassen kann.
Französisch oder Englisch in der Reifeprüfung am Gymnasium.
Ter preußische Kultusminister hat verfügt, daß die Obec- prituaner der preußischen Gi)mnasien von jetzt an das Recht
haben, anstatt im Französischen, sich in dec englischen Sprache einer mündlichen Prüfung zu unterziehen. Diese Freiheit dec Wahl erstreckt sich nicht etwa nur auf diejenigen Anstalten, an denen in den Obcrklaffen das Englische anstelle des Französischen als verbindliches Fach gelehrt wird (z. B. am Friedrich-Wilhelm-Gymnasiuni in Köln), sondern auch auf diejenigen Gymnasien, au denen nach wie vor dec englische Uiiterricht von Obersekunda ab wahlfrei bleibt. Jedenfalls wird von der Neueinrichtiing bald Gebrauch gemacht werben, namentlich von denjenigen Abiturienten, die ihres späteren Berufes ivegen (z. B. Marineofftzicr-Aspiranten) sich besondere Kenntnisse im Englischen zu erwerben haben und denen eine amtliche Bescheinigung dieser Kenntnisse vorteilhaft erscheint.
21 ns Stadt und Land.
Gießen, 5. Angtist 1908.
** Vom Großherzog empfangen würben Post- direktor Schott von Alsfeld, Ltenerkvminissär Reimherr von Lauterbach, Professor Walde, Rektor der Technischen Hochschule; zum Vortrag den Finanzminister Tr. Ohiantl), den Vorstand des Mbinetts G.'heimerat Römheld.
** Uebcrtragcn wurde am 31. Juli d. I. der Schul- amtSaspirantin Elisabeth Fritz aus Mainz eine Lehrerin- stelle an der Gemeindeschule zu Seligenstadt, St. Offenbach.
** Ernennungen. Der Großherzog hat am 1. August d. I. den Lber-Rechnungsrevisor bet der 2. Iustift- katurabteilung der Ober-Rechnungskammer, Heinrich Pepp- ler zu Darmstadt zum Direktions-Assistenten bei der Hessischen Landes-Hypothekenbank mit Wirkung vorn 1. Auaust 1908 ab ernannt. Am 1. August d. I. wurde der Gerichtsassessor Franz Blechner aus Bensheim zum Regierungsassessor ernannt.
** Die neue Rangliste des XVIII. Armeekorps mit dem Stand vom 1. Mai d. I. ist soeben erschienen. Vom Königlichen General-Kvmmando des XVIII. Armeekorps ausgearbeitet, enthält die Rangliste sämtliche Offiziere, einschließlich Reserve und Landwehr, sowie Beamte, Behörden und Geschäftsräume im Bereiche des XVIII. Armeekorps und den Großherzoglich Hessischen Hof, sowie die Landgräfliche Linie von Hessen.
** Zur Landtags Wahl in Schotten-Laubach ist uns aus Schotten eine anonyme Zuschrift ^gegangen, die uns die Stimmung in diesem Wahlkreise richtig darzustellen scheint. Ta wir aber anonymen Zuschriften prinzipiell keinen Raum in unserem Blatte gewähren, so müssen wir es uns leider versagen, auf dieses Schreiben näher einzugehen.
’* Gießener 93 o l f S b a b. Im Juli würben 13 317 Bäder verabreicht gegen 13 798 im Juni 1908 und 13 396 im Juli 1907 ober im Turchschuitt pro Tag 430 Bäder gegen 460 im Juni 1908 und 432 im Juli 1907. Der Besuch hat sich im einzelnen wie folgt verteilt:
Schwimmbad: 5570 Manner, darunter 715 zu 10 Psg,, , 2024 Frauen, , 367 , 10 „
Wannenbäder 1. Klasse 324 Männer, 195 Frauen,
, 2. , 942 , 663
Brausebäder 1. Klasse 1160 Männer, 244 Frauen,
„ 2. . 1697 , „ 369 ,
Dampf- u. Hcißluftbäder, soivie Massage zus. 101 Männer, 28 Frauen. Tie Personemvage würbe von 300 Personen benutzt uub das Bad von JO Personen besichtigt.
•• Jcrienzug. Am Freitag den 7. August d. Js. verkehrt — gleichwie im Vorjahre, ein Feriensonderzug ab Metz über Trier — Eoblenz — Riederlahnstein — Wetzlar— Gießen—Kaffel—Rocdhansen—Magdeburg nach Berlin.
Abfahrt Eoblenz Hbf. 558 nachm.
„ Ems ,
, Limburg 719 r
Ankunft Gießen 835 r
Abfahrt Gießen 903 „
von öer Saalburg.
4= Tie diesjährige Saalburgfahrt der Bereinigung der Saalburgfreunde begann am vorigen Donnerstag mit einer Besichtigung des Limes-Kastells und feiner Umgebung. Landbauinstxktor fr- Jacobi, der Sohn des Erbauers der Saalburg, 'ährte zu den augenblicklichen Ausgrabungen, die den Gräben des ältesten Mnstells nach gehen. Der Schluß der Besichtigung galt den Geschützen, die Oberst Sck;ramni in Metz auf Grund literarischer Quellen und in Anlehnung an die Reliefs her Trojanssäulc rekonstruiert hatte und die alle ihre Verwendbarkeit bewiesen haben. Im Limes- Museum, welches das Mommsen-Relief von Götz schmückt, sind in Vorbereitung die AussteNu'.gen der Funde von den anberm Castellen, frier finden auch die Schenkungen des Herrn Riessen (antite Gläser aus Köln > und Freiherrn Hehl v. Herrnsheim Ausstellung. Eine neue Ucberrecijung durch den Kaiser ging dem Limes-Museum, das nach Mommsens im preußischen Kultusministerium befindlichem Vermächtnis ein Gesamtbild römischer Kul- tur an der deutschen Grenze geben soll, in jüngster Zeit 5": von Herrn Fiersheim in Frankfurt a. M- gestiftete vorrömische Altertümer, die ebenfalls in den ehemaligen Schreibstuben des Pastells gezeigt werden sollen. In allen diesen Räumen wird die römifche frygokaust-freizung venvandt und bewährt sich bei geringen Multen ausgezeichnet. Eine besondere Zierde wirb das .yeiligtuni dec Saalburg erhalten: es ist nach laugen Anstrengungen gelungen, in Italien eine antike Statue des Mars zu erwerben, die in Der Renaissance mit einem Medweeckops versehen worben ift. -tiefer Kvps wird in Italien bleiben und die Figur mit einem uacl-gebil- deten Haupt als Kultbild des Saalbiirgheiligtums ihren Platz finden.
Ter zweite Tag war einer Wanderung am Limes entlang über Zwischenkastell Lochm ü h l e zur K a p e r s b u r g gewidmet, reo Direktor C. Blümlein von der Homburger Augustc-Vistoria- sckxule und Tr. Helmke aus Friedberg die Ergebnifse der augenblicklich) im Auftrag der Hess. Regierung unternommenen Ausgrabungen zeigten. Tas Mafien, für das cin römycher Jcamc noch nicht gefunden worden ist, war sehr vernachläffigt^worden. Ta der Boden noch nicht so durchwühlt ist wie der der ^aalbnrg und in gaitzen Teilen noch) fein Spaten angesetzt ift, so finh trwpl noch) reichliche Funde zu erwarten, während bisher nur.Gesatze und Bronzegegenstände ans Licht kamen. Augenblicklich ift, nachdem auf eine publizistische Anregung Blümleins hin die hessische Regierung die Grabungen in die Hand genommen, die Aushebung des Schuttes im Werke, der den alten Graben deckt. An einer jetzt freigelegten stelle haben sich die römisck)en Arbeiter verhauen.
indem sie von zwei Seiten vordrangen, und cs blieb bei der Biegung des Grabens eine Art Zunge ft.-hen. Hier wurde den Teilnehmern vorgeführt, wie der Arbeiter bei der Aushebung des Schuttes, den „gewachsenen" rötlichgelben fchlveselfaroigen Grund des Grabens erkennt. Von weiteren Funden der letzten Zeit seien auadratische Platten an den Toren, ohne Inschrift, genannt, die mit besonderen Zangen auf die Mauer heraufgehoben wurden, wie hinten das cingeftauenc „Wolssloch" beweist, und eine goldene Radel im Bade. Dieses, in seinem früheren Zustande eines der bester- l>altenen in Deutschland, hatte Bodenheizung, deren über 75 Säulchen aus Ton oder Basalt als Träger des oberen Estrichs jetzt meist enttvendet worden sind. Tie Anlage hat sehr gelitten, da die römischen Abzugsgräben der Quelle, die zur Speisung des Bades gedient haben, im fcaufc der Jahrhunderte zugeschüttet waren und die Mauern andauernd unter Wasser standen. Tic neuen Arbeiten begannen mit der Rutzbarmachung der alten Gräben, die moderne unterirdische Abflußrohre erhielten, und seitdem steht die Padanlage wieder trocken und sicher. Run aber, wohin mit dem Wasser? Ta kamen nennen wir sie einmal, die „Buxtehuder", die in der Röhe ihr Wasser herunterleiten —, sie fragten, ob sie die 'Jlcbren nicht an die ihrigen anschließen könnten, und so geschah es. Aber sie batten nicht mit dem neuen Kreisarzt gerechnet, der Leim Amtsantritt seinen Rayon inspizierte: er erklärte die Quelle, die nicht unter 3 Meter ans der Erde kam, als ui'.benutzbar für Trinkwasser. Tie Buxtehuder mußten die Röhren trennen, und die Quelle von der Kapersburg mußte sich im Wolde verlaufen. Hub der Winter kam und deckte den Wald- boden zu, und der Kreisarzt saft wieder in seiner Hauptstadt. Ta entdeckte ein Wanderer, »wie unsere Buxtehuder aus dem Walde ein Rohr zu ihrer Leitung von neuem ber ab führten, und so haben sie ihr Wasser und der Kreisarzt seinen Willen. Diese Mär des 20. Jahrhunderts aus dem Lande .Hessen, in dem ja auch den Brüdern Grimm Hie schönsten ^Geschichten erzählt wurden, ist in der Tat ganz köstlich Tie nächsten Ausgrabungen aus der Kapersburg sollen nun der Rvrdoststrecke des Mastells gelten, wo eine Art Arrestlokal liegt; hoffentlich) haben sie ein wertvolleres Ergebnis als die riesigen Haufen von schweinsknochcn, die jüngst gesunden wurden.
— ,H a i n b l ä 11 c r“ nennt sich ein neues litlerarifches Unternehmen, das, ui großem Foliosormat, seine erste antographierte Nummer uns dieser Tage auf den Redaktionstisch legte. Em Herr Alfred Horleöeck ans Recklinghausen hat das „Vorwort" geschrieben. Er spricht darin viel von dem „Schmutze' in der modernen Litteratur und will anbahnen eine »edele Literatur!
Edele Sprache'. Edlen Stoss! füllt einem Wort gesagt: Tichtung! Reine Phantasterei, Phraserei und Uebcrnatürlicbfcit! Meine Künstelei, Sinnlichkeit und falfcfte Leidenschaft! Natürliches Emp- finden und Hineinleben in die Seele eines anderen, cbelen Menschen, ursprüngliche, wahre, angeborene dichterische Kraft verlange ich von einem Tichter, sonst ift er eben ein Stümper. Entweder etwas vorstellen und sein mit dem ganzen Menschen oder gar nicht. Einen Alittelweg gibts nicht!" Hm! Bestimmt nicht? Ist denn z. B. das .historische Schauspiel in 4 Akten von Alfred Horlcbeck", das den Tilel führt „9lnbrea§ Hoier und die Helden Tirols" unS dessen erster Alt den letzten Teil des ersten Heftes der „Hainblätter^ einnimmt, wirklich von ^ursprünglicher, wahrer, angeborener dichterischer Kraft" in all feiner kühnen Anlehnung an Schillers .Wilhelm Teil" ? Und ist es wirNich bis auf die „Hainblätter" gar so schlimm bestellt mit nuferer gegenwärtigen deutschen Litteratur, gibt es in ihr tatsächlich so viel „Schund, Schmutz unb niedrige Gesinnung, daß dem Tieferschauenden manchmal angft und bange wirb um das (einige, charakterfeste tugendhafte deutsche Volk, zumal wenn man sieht, daß die Jugend, bie bie Stütze des Staates bilden soll, mit immer größerer Gier jegliche Schmntzlitteratnr in sich aufnimmt" ? . . . .Tie deutsche Litteratnr ist tief gesunken, beinahe bis zn dem Punkte, aus dem sie das koinmeuoe, so sehnlich erwartete Genie finden muß, nämlich dem Nullpunkt, dem Stande tiest'ter Erniedrigung." Ei et! Jst's inog- lid)! Uns, bie wir das deutsche Schrifttum der letzten drei bis vier Jahrzehnte einigermaßen ztt kennen glauben, wckls durchaus nicht gar so schlimm scheinen; ganz im Gegenteil, uns scheints, als ob wir endlich nahe am lange ersehnten Aufstiege zu neuen stolzen Höhen wären. Doch die Herren Horlebeck und Stephan Kann, der Herausgeber und Lyriker des Blattes, ein junger Gießener, mögen trotzdem recht viele Gleichstrebende finden unter unserer aufwärts wollenden Jugend. Sie brauchen gar nicht, wie sie hoffen, das .neue Gerne" ztt finden, dem sie den Weg bahnen wollen. Schon, tute es zum Schlüsse des „Vorworts" sehr richtig heißt, „der (Bebaute, etwas Großes und Ebeles gewollt zu haben, weckt innere Befriedigung", .lieber das Alltagsleben hinwegzu- fetzeu, Ideale zu wecken, das Gute zu pflegen" ist verdienstvoll, der Jünglinge heißer Eifer löblich. Nur zu! Doch nicht gar fo überzeugt sein vom eigenen Werte, und Achtung entgegen bringen dem Vorhandenen ! Unsere Zeit ist wahrlich nicht so verächtlich! Und eine Lust zu leben und zu schaffen, auch litterarifd), tvac's für den Idealisten doch eigenll tch auch schott vor dem Auftreten d. „Hamblätter".
— 511 c i n c iltin st ch r o n i f. Henri 9)1 a r t e a u wurde bei 'der Uebernahme feines Lehramtes an der König!. Hochschule für Musik iu Berlin der Titel Professor verliehen.


