Montag 4. Mai 1908
Nr. 104 Erstes Blatt 158. Jahrgang
Der Eietzeaer Anzeiger zsremBy ä Ä vezngSpretS:
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Annahme von Anzeigen V » I u. Land- und „Gerichts-
ßfivo^nMaA'iouhr^ «otatkonrdruck und Verlag derVnihl'schen Univ.-Vuch- und Stelndruckerei. H. Lange. Redaktion. LxpedMon UN- Druckerei: Zchulstrahe 7. Anzei'gen'te?^?'H?BeL
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seilen.
Apolitische Tagesschau.
Zur Affäre Eulenburg.
Neber die Vernehmung des Fürsten Eulenburg in Liebenberg wird weiter berichtet. Der Fürst empfing die Geric^sbommission, die aus sieben Personen bestand, in ruhiger Weise und ließ sich nach der gerichtsärztlichen Untersuchung von Landgerichtsrat Schmidt eingehend vernehmen. Er war durchaus sicgesgewiß und erklärte, daß "sich bei einer Gegenüberstellung mit den Zeugen alles zu seinen Gunsten aufklareir würde. Der Fürst will sich unter allen Umstanden zu der Gerichtsverhandlung nach Berlin bringen lassen, „und wenn er sich im Bett in den Nerichtssaal tragen lassen müßte", um mit den Zeugen konfrontiert ;u werden. Sollte dies angesichts seines Zustandes nicht möglich sein, so müßte sich der Gerichtshof mit dem Staatsanwalt, den Verteidigern und dm Zeugen nach Liebenoerg begeben. Im Verhör soll Fürst Eulenburg noch angegeben haben, die Zeugen Riedel und Ernst hätten ihn mit seinem Bruder Friedrich verwechselt. Hierzu ist -u bemerken, daß nach den von beiden Zeugen angegebenen und inzwischen seftgestellten Einzelheiten (Persönlichkeiten des damaligen Grafen, Wohnung, Korrespondenz, Dienerschaft, Kenntnis des Hauses Starenberg) eine solche Verwechslung absolut ausgeschlossen ist. Die beiden Zeugen bemerken: „Wir kennen den Fürsten Eulenburg ganz genau!" — Ein Mitarbeiter des Bahr. Kurier hat den Ficher Ernst in Starnbserg ausgesucht, der erklärte, daß er in den letzten Tagen einen sehr wichtigen Brief aus Berlin erhalten habe, der große Sensation erregen werde. Er wolle diesen Brief dem Staatsanwalt übergeben, und da werde wieder einmal etwas großes sich abspielen. In Starnberg ist man der Ansicht, daß es sich hierbei mn einen neuen Prozeß Harden gegen Äcoltke handelt, so daß man auf große Enthüllungen gefaßt sein kann. In Starnberg sind noch mehrere Personen vorhanden, die neben Ernst dem Fürsten Eulenburg nahe stehen sollen. — Ter Kriminalkommissar, der den Landgerichtsrat Schmidt in Begleitung mehrerer Krinlinal- beaniten nach Liebenbergs begleitete, hatte den Auftrag, den Fürsten Eulenburg zu verhaften und in das Berliner Untersuchungsgefängnis einzuliefern, wenn der Zustand des Fürsten es irgendwie gestattete. Das Gutachten des Gerichtsarztes Tr. Hoffmann lautete bekanntlich dahin, daß ein Transport des Fürsten unmöglich sei. Deshalb bleibt der Fürst vorläufig unter Bewachung von Kriminalbeamten in Liebenberg.
pat?lamentcmfd?es*
Die Vertagung des Reichstages — also nicht der Schluß .der Sessi.-w — stechfest Vach der >.'icllehr deck Reichskanzlers wird diese Entschließung der Regierung, die noch der Bestätigung des Fürsten v. Bülow bedarf, bekannt gegeben werden. Am 6. Mai schon dürfte die letzte Plenarsitzung, die Feriensitzung, sein. Die erste Sitzung r m Herbst wird nach Mitteilungen von zuständiger Stelle nicht früher als aus beul 0., n idjt später als auf d e u 2 4. N o v e m b e r fest' gesetzt werden. Es soll aber die Gewerbeordmulgskomniission ihre Beratungen schon einige Zeit vor dein Wiederzusammentritt des Reichstages aufnehmen, damit im Plenum kein Mangel au Be- ralungsstoff eintritt.
Drni Reichstag- ist der Entwurf wegen Aenderung des Gesetzes betreffend die W e ch s e l ft e m p e l st e u e r zugegangen.
Die Teuerungszulagen wurden von der Budgetkommission des Reichstages unverändert a n g e n o >n nun.
Stimmungsbild aus Sem Reichstage.
Berlin, 2. Mai.
Es ist doch Z^tg in der Kolonialverwaltung'! Unsere Beamtenschaft in der Heimat muß mit Neid auf ü>re Kollegen draußen blicken, die nicht im Vorspann für die Reichsfinanzreform mitziehen müssen, sondern für die Gehaltserhöhung, sobald das Bedürfnis einmal anerkannt ist, gelegentlich sogar telegraphisch beordert wird. Herr Erzberger regte sich sehr da
rüber auf, als er heute bei der Beratung einer kolonialen Rechnungssache das Wort hatte, und verlangte größere Rücksicht auf ixte Finanzmisere des Reiches. Aber man hatte nicht viel Lust, sich mit derartigen Rekriminationen abzugeben, ließ noch Herrn Arendt das Verlangen nach schriftlichen Berichten aussprechen und ging dann in mediaS res.
Die gestern abgebrochene Aussprache über die W o h l - fahrtskassen industrieller Betriebe wurde nod) eine Zeitlang fortgesetzt. Im Mittelpunkt der Erörteruirg standen die Einrichtungen der Firma Krupp. Bei Herrn Schultz-Bromberg fanden sie unbedingte Vertretung: die Freisinnigen wiesen zwar ebenso wie der Abgeordnete der Reichs- partei. die Uebertreibungen der Sozialdemokraten^ zurück, die an diesen Kassen lediglich die Schattenseite einer Fesselung der Arbeiter an den Betrieb erblicken, aber sie verschlossen sich dabei nicht der Einsicht, daß die Beitragspflichten der Arbeiter auch eine Sicherung der Ansprüche an die Kasse rechtfertigen, soweit es das Interesse des Betriebes zuläßt. Auf den gleichen Standpunkt hatte sich gestern auch der Staatssekretär des Reichs- justizamtes gestellt und das Aussichtsamt für Privatversicherung wendet der Frage seine Aufmerksamkeit bereits zu. Die gar zu einseitigen Einzelvorschläge der Sozialdemokraten wurden von allen Seiten abgelehnt.
Im übrigen bot die Sitzung des Interessanten nicht viel. Das umstrittene Gesetz über die Haftung der Tierhalter wollte man den Tücken einer Zufallabftimmung im schwach besetzten Hause nicht aussetzen. Die Erleichterung des Wechselprotestes wurde in zweiter, das Gesetz über den Unterstützungswohnsitz in dritter Sefung kurzer Hand verabschiedet und längere Debatten veranlaßte dann nur noch die zweite Beratung des kleinen Befähigungnach- weises und hier ist es nur noch die Sozialdemokratie, die unentwegt die Fahne grundsätzlichen Widerstandes auftecht hält.
Deutsches Reich.
— Ein Hirtenbrief gegen den Modernismus. Die in Freising versammelt gewesenen bayrischen E>rz- bifchöfe erlassen einen gemeinsamen Hirtenbrief gegen den Modernismus an die gesandte bayrische Geistlichkeit. Darin wird eine historische Darlegung der modernistischen Streitfragen gegeben und in der entschiedensten Form gegen die neuen Bestrebungen Stellung genommen.
— Das Befinden des Königs von Bayern. Die „Münch. N. N." hoben über das körperliche Befinden des seit 30 Jahren geisteskranken Königs Otto von Bayern, dessen sechzigster Geburtstag vor einigen Tagen t: gang en wurde, ErO.-.n>.i gen cingezo'gen Seine Wahrte vorfteÜnngen haben ihren Charakter nicht geändert. Der König leidet fort an Furcht- und Schreckoorstellungen, das ihm von übelwollender Seite Schlimmes zugefügt werde.
— Seit Einführung des badischen Kilometerheftes im Jahre 1895 bis Ende April 1908 wurden 3,7 Mill. Hefte verausgabt und hiervon über 73 Mill. Mk. vereinnahmt.
2luslattö.~
— Der Pose nev Weihb i i cho f Likowskiäst vorgestern von Rom abgereift. Ein Artikel der römischen „Ilalie" behauptet, Likowski habe dem Papste allerlei Klagen über Vergewaltigung bet P^ len durch die preußische Regierung öorgetragen und um den Schutz des Papstes gebeten. Diese Darstellung ist unrichtig. Ter Papst bemerkte im Laufe der Ansprache, es lasse sich bei gutem Willen mit der preußischen Regierung gut leben. Er seinerseits habe nichts auszusetzen.
Hochzeit am Zaren Hofe. Gestern nachmittag wurde in der Kirche des Großen Palais die Trauung des Prinzen Wilhelm von Schweden mit der Großfürstin Maria Pau- lowna vollzogen. Dem feierlichen Akte wohnten bei der Kaiser,
die Kaiserin, die Kaiserin-Mutter, der König von Schweben, der Großh erzog und die Groß Herzogin von Hessen, der Kronprinz und die Kronprinzessin von Rumänien und Prinz Nikolaus von Griechenland.
— Aus Caleu11a wird telegraphiert: Die Polizei entdeckte eine weitgehende Verschwörung zur Ermordungun- b i l ie b u c r Beamter. Gestern früh vor Tagesanbruch wurden zwei Häuser in Calcutta durchsucht. Man sand sechs Bomben und große Mengen Sprengstoff, ferner ein Exemplar der Fllustrated London News, in dem 'die Darstellung der Ermordung des Königs und des Kronprinzen von Portugal angestcichen war. 23 Personen, sämtlich Bengalen, wurden verhaftet. Ter Bursche, der die Bombe in Mnzzaffarpur warf, wurde 38 Kilometer von dieser Stadt mit einem anderen jungen Bengalen verhaftet, als sie nach Calcutta zurückkehren wollten. Der Täter gestand das Verbrechen ein. Die Verbrecher hatten den äüagen der Frau S'ennebl) für den des Richters Kingsford angesehen, den sie wegen seiner barten Urteilssprüche ermorden wollten. Der Wagen der Fran Kennedy glich demjenigen Kingsfonds genau und befand sich gerade vor Kingsfords Hans, als die Bombe geworfen wurde.
lvichernseier.
Die Wichernfeier unserer evang. Gemeinde begann am Samstag abend mit dem angekündigten Vortrag von Prof. 0. T r ews aus Halle in der schönen neuen Aula oer Universität, in der sich eine recht ansehnliche Zuhörerschaft eingefunden hatte.
Wichern, so führte der verehrte Redner aus, gehört zu den Gtwßen, die unserem Volk im 19. Jahrhundert geschenkt worden sind. Er gehört zu den inspirierten prophetischen Persönlichkeiten, die erfüllt von einem unmittelbaren Drang, in einer ganz bestimmten Richtung des Lebens jidj zu betätigen, von einer unmittelbaren Ueberzeugung, von Gott eine ganz besondere Lebensaufgabe empfangen zu haben, sich auswirren müssen, wenn das Leben für sie einen Wert haben s "l, ihren Beruf erfüllen müssen, auch wenn sie dabei noch so schwer leiden müssen. Das bewährt sich bei ihm in der Sicherheit, mit der er von früh an sein Ziel erfaßt und darauf losgeht. Es war die idealste Aufgabe, die er sich erwählt hatte: Die Rettung der Verlorenen aus leiblichem und sittl.chern Elend. Dazu war er durch eigene Not, die er im Eltern hause nach dem frühen Tod des Vaters erfahren hatte, befähigt, als er mit seinen 16 Zähren schon der Ernährer der Familie werden mußte. Schon damals schrieb er in fein Tagebuch: „O könnte die Meiychenfischerei mein Handwerk werden, mein Leben lang!" Da offenbart sich auch die innerste Wurzel feines Lebens: feine tiefe Frömmigkeit. Früh unter den Einfluß der pietistischen Steife Hamburgs gekommen, in denen damals allein lebendige Frömmigkeit zu finden war, ist er ihrer Engigkeit entwachsen. Ein weltoffener Mem'ch voll aufrichtigen Frohsinn ha» er ihtme» dagegen protestiert, ein Pietist zu sein. Kein Wunder, daß er sich dem Studium der Theologie zuwendet. Nach tüchtigem Studium in Göttingen und Berlin, wo er zu Füßen Schleiermachers und Neanders saß, und außerdem durch den Umgang mit Mannern, wie Goßner, Baron von Kottwitz und Dr. Julius, in die dunklen Tiefen des Volkslebens und in die Rettungsarbcit daran eingeführt wurde, kehrt er 1832 wohl ausgerüstet nach Hamburg zurück. Die Leitung der dortigen Somitagsschule, die Arbeit in dem von ihm gegründeten Besuchsverein läßt immer klarer die Aufgabe des Rettungshauses für verwahrloste Kinder vor seiner Seele entstehen. Bis ins einzelne entfaltet sich ihm das Bild des „Rettungsdorfes", wo ein kleines Häuschen neben dem andern entstehen soll, in jedem ein Hausvater mit einer Schar von Kindern, die eine innig verbundene Familie bilde, alle geschart um den Betsal, von dem der lebendige Geist ausgehen soll. Es war Wichern vergönnt, seinen Plan in seltener und ungeahnter Weise völlig durchzusühren. Dazu half ihm feine ungemeine Gabe, Menschen zu inspirieren und mit seinem Geist zu .erfüllen, dazu sein ganz ungewöhnliches organifator. Talent und fein Feuergeist, dazu vor allem seine große Erziehergabe. Er war eine Herrschernatur, staatsmännisch begabt. Instinktiv findet er die richtigen Gesetze und Ordnungen dieses Organismus. Für jedes hat er den rechten Platz. Und das alles leistet er nur verwahrlosten Kindern und jungen Handwerkern. Dadurch ist das armselige „Rauhe Haus", in das er am 31. Oktober 1837
Aleines Feuilleton.
— Die Ausstellung „Das deutsch? Dorf", das auf einem Terrain im Grünewald bei Berli n erstehen wird, will die alten dörflichen Baustile verschiedener Gaue unseres Vaterlandes zur Darstellung bringen. WaS die in den Museen aufgeftapelten Äegenstände nie zu zeigen vermögen — lebenswahre Bilder einer vergangenen Kultur —, das läßt sich nur durch cm solches pret- lichtmuseum erzielen. Für daS Freilichtmuseum ist auf Veranlassung des Kaisers vorn preufe. Laiidwirtschaftsininister ein günstig be- legenes Waldterrain zur Verfügung gestellt ivorden. Zunächst fällt Der Blick aus em chtdeutsches Bauernhaus (Hinterpommern) mit Vorhalle. Auf der anderen Seite des Hauptweges ist em moosbedecktes Spreewaldhaus vorgesehen, uinzogen von einem breiten, erlenumftanbenen Wasserlauf. Es folgt das niedersächsische Bauernhaus, mit hohem Strohdach, Pferdetöpfen am Giebel und weitem Bogentor. Der Uebergang zum mitteldeutsch-fränkischen Haus wird durch einen Fichteustand vermittelt, in dem eine Lberharzer Kote, eine Behausung für Kohlen- und Waldarbeiter, aufgej teilt wird. In das Rheinland führt ein Gebäude mit hohem Schieferdach. Ein Teil des Innern dieses Hauses ist einer Weinstube Vorbehalten. Eiii Rebgarten hinter dem Hause mit Eu^sttichen Burgruinen erhöht die malerische Wirkung. Rechts steht das Schwarz- ivaldhaus von Tannen umrahmt. Tas ^erraui steigt allmählich. Wir befinden uiis vor einer oberbayerischen Behausung. Eine Alm mit Sennhütten und kleinem Viehbestand stellt den Uebergang her zii den folgenbcn Bauerhaustypeii. Durch Zeisen, an Marterln vorüber steigt der Wanderer zum Tiroler Hans btnaui, mtt Giebel- rnfsatz und durchbrochenen Geländern, -ten übrigen Teil des Ausstcllnngsplatzes, anschließend an den Torsteich, nimmt das märkische Dorf- ein. In dessen Mitte erhebt sich eine märkische Kirche, hufeisenförmig von Höfen, Gärten und Hausern umgeben, feine Dorsbäckerei mit dem Backosen tm Freien, eine ^orffct)mieöe, das Torsschulhaus, eine Windmühle und anderes vervollständigen das Bild. Auch ein großer Dor'krug ist vorhanden, der den Besuchern Erfrischungen spendet, und vor dem stch em Imben- Mmftanbcner Dorsanger ausbreitet. 2lls spatere fmb' nod)
-in friesisches, westfälisches, elsässer tmd schweizer Hausi m sicht genommen. Hessische und fränkische Bauernhäuser dagegen scheinen leider nicht vorgesehen zu sein.
- Von des „Königs der Boheme" Danny Gürtler neuesten Kasseler Leistungen haben wir berichtet und auch gemeldet, daß er dort nach der von thin selbst unsgeiandten Notiz m ein Duell mit Regierungsassessoren verwickelt sei, wobei ihm der jozialdetnokr. Äbg. S ch e i d e m a n n als Sekundant dienen
sollte. Die romantischen Schilderungen des „Königs der Boheme" von seinem Reneontre in dem Carabet des Kasseler Atonopolhotels werden nun durch Mitteilungen, wie wir heute von anderer Seite aus Kassel erhalteti, zerstört. Danach hat Gürtler allerdings den Zivischenfall provoziert, doch ist es nicht richtig, daß Assessoren von ihm Prügel bekommen haben. Gürtler selbst hat uns geschrieben: „Ich stehe vor dem Duell". Vor diesem Diiell wird der braue stehen bleiben. Ter Assessor dachte selbstverständlich keinen Atigenblick daran sich mit G. zu schlagen. Scheidemann läßt in dem von ihm rede- gierteu Volksblatt eine Erklärung los, in der er feftftcllt, daß er selbstverständlich eine Aufforderung, Gürtlers Sekundant zu sein, wenn sie erfolgt wäre, rundweg abgeschlagen habe. Ten Redakteur der Kasseler 2111g. Ztg., der den „König der Boheme" in satirischer Weise kritisierte, nannte Gürtler in seinen Vorstellungen unter Nennung des vollen Namens „einen erzgemeinen Lumpen, einen hundsgemeinen Schuft, Rindvieh, hinterlistigen Dreckfchmotz" ufw. Bezeichnend für Danny ist, daß er dieselbe Kritik, die ihn hier so in die Wut versetzte, nach einigen „redaktionellen" Aenderungen als Reklame im Anzeigeteile der „Alüuch. N. Nach." abdrucken ließ. Wiederholt machte G. hier mit hessischen Fäusten Bekanntschaft. Täglich ließ Gürtler Flugblätter verteilen, uufiimigfteii Inhalts. In einem dieser Flugblätter war em halbes Dutzend Telegramme an Harden enthalten, in denen das freundschaftliche „£>u* gebraucht wurde und die den Anschein erwecken sollten, als ob Harden mit „feinem Wahrheitsjünger" Gürtler auf intimstem Fuße stünde. Harden erklärte demgegenüber m einer Zuschrift an die „Kasseler Allg. Ztg.", daß er Gürtler nicht kenne und keine Beziehungen zu ihm habe. 9lm Sonntag vor 8 Tagen wollte Gürtler im Gewerkschaftshause „jum Volke" reden. Als er hinkam, erklärte er, fein Freund Harden komme in einer halben Stunde. Wer die Wahrheit und Freiheit liebe, möge mit ihm am Bahnhof „dem großen iWanne eine Huldigung Vorbringen". 2-300 junge Leute folgten G. Harden kam nicht. Ader Gürtler hatte seinen Zioeck erreicht: der bestellte Photograph machte am Bahnhof Aufnahmen, die wohl demnächst als Reklameplakate Tannys in die Welt flattern und die Unterschrift tragen werden: .Das Volk in Kassel huldigt dem König der Boheine, dem großen Wahrheitsapostel, dem neuen Messias Danny Gürtler.
— „Die literarische Gegenwart. 20 Jahre deutschen Schrifttums 1838 —1908", so lautet der Titel eines mehr als 300 Seiten zählenden Buches von Richard Urban iXeiüenoetfag in Leipzig). In zwölf Kapiteln unterrichtet der Verfasser feine Leser über das Schrifttum der Gegenwart. Was er über Hauptmann, Sudermann, Wildenbruch und andere über Gebühr gerühmte Literaturgrößen unserer Tage sagt, ist nicht
sonderlich wertvoll; er weiß von diesen Männern und ihren Werken nur das zu lagen, was Hunderte vor ihm in reizvollerer Form, mit mehr Geist und eindringlicher Charakteristik vorzutragen wußten. Ueberhanpt bietet sein Buch wenig ober gar nichts neues zur Bewertung des modernen Dramas. Leseiiswerter schon ist, was er über den Zeitroman zn sagen hat. Freilich erwähnt Urban weder Hermann Hesse noch Entil Strauß, weder Thomas Mann noch Ludwig Thoma, weder Holzainer nod) Bock, weder Karilloti noch Fritz Philippi, dagegen dii minorum gentium wie Paul Lindau, Heinz Tovote, Cmpteba, Beyerlein, Frenssen und die ^obeltitze, und sogar so üble Herren wie Hans R. Fischer und etilgebauer, sowie den faden Freiherrn v. Schlicht. Von sich selbst spricht er auch mit hoher Wichtigkeit. Tas Beste des Buches sind die 4 Schlußkapitel, die die Lyrik der Gegenwart kurz und knapp behaildcln. Wohl verinißt man auch in diesen Kapiteln, wie in den vorhergehenden, manchen Poeten, der den Vorzug verdient vor dieseni oder jenem Erwähnten, so z. B. den soeben verstorbenen Prinzen Emil Schönaick)-Carolath. Aber was er hier sagt, über Schaukal, diesen „Pierrot der Moderne", über Börnes Fr hm. v. Mündihaufen, Stefan George u. a., ist durchaus zutreffend. Wer sich an Hand dieses Buches in das moderne Schrifttum emführen lassen will, wird, wenn es ihm nicht um tiefgreifendes Urteil, sondern nur um eine gedrängte Uebersicht zu tun ist, sich sagen dürfen, daß das ihm von Urban dazu gelieferte Rüstzeug ausreichend ist. Die von dein Verfasser reichlich eingestrenten Sck)rtst- proben werden jedenfalls die meifteu aufmerksamen Leser veranlassen, sich mit gar manchem modernen Dichtwerke bekannt zu machen.
— Kleine Chronik ans Kunst und Wissenschaft. Eine Kollektiv-Ausstellung der Wiesbadener Selbst- Schaffenden wurde am Sonntag im dortigen Rathausfestsaale eröffnet. Unter den 6 Kategorien der Atissteller haben die SDlalex das Uebergewicht. Aber jede Kategorie hat Autoritäten aufziiweisen, deren Ruhm über die engere Heimat hinaus strahlt. — Der Intendant des Hostheaters zu Gotha, Kammerherr Paul v. ©bart, ist aus unbestimmte Zeit beurlaubt und wird nicht wieder aus seinen Posten zurückkehren. — Auf einer Versammlung des Goethe- b u n d e s zu B e r l i n wurde eine Resolution angenommen, die sich gegen die Versuche wendet, die Freiheit in Kunst und Wissenschaft zu beschränken. (Ausführlicher Bericht folgt morgen). — Die Beisetzung des Prinzen Emil zu S ch ö n a i ch - C a r o l a t h fand am Sonntag in der Kirche zu Haseldorf bei lleterfen in Schleswig tm engsten Familienkreise statt.


