Ausgabe 
30.11.1908 Drittes Blatt
 
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Nr. 282 Drittes Blatt

158. Jahrgang

A^outag, 30 November 1908

Erscheint ILgNch mit Ausnahme beS Sonntag?.

DieGießener Zamiliendlatter" werden dem Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Urei,blatt für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. Die .Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oderheffen

Rotationsdruck und Verlag der Br 2 bisschen UmversllälS Buch- und Sieuidruckerel.

R. Lange, Gießen.

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Deutscher Reichstag.

17L Sitzung vom Sonnabends 28. November.

Am Tische des Bundesrats: Dr. Sydow, Twele.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 11 Uhr lb Minuten.

Erste Lesung der RcichSfinanzreform.

(Siebenter Tag.)

Abg. Erzberger (Zentr.):

ES ist schwer, irgend einen neuen Gedanken in die Debatte zu werfen. (Lebhafte Zustimmung.) Ein schweres Hagel- Wetter ist über die Vorlagen hsrnievergegangen. Nur wenig ist von der ganzen Pracht geblieben, einige Hulme stehen noch, die Plakatsteuer mit 4 Millionen und die Schaumweinsteuer mit eben­falls 4 Millionen Mark. Herr Paasche hat sehr hoffnungSsreudig in die Zukunft geschaut. Ich zweifle aber, ob es ihm als dem zukünftigen Vorsitzenden der zu wählenden Kommission gelingen wird, alle die zerbrochenen Töpfe zusammen zu leimen. In dem Porzellanladen des Schatzsekretärs ist so furchtbar gewütet worden, als toenn ein Elefant darin gehaust hätte. (Heiterkeit.) Jetzt jährt sich die Zeit, da der Block die Kanzlerkrisis überstehen mußte, die durch den parlamentarischen Rütli-Schwur ihr Ende fand. Damals waren die Debatten scharf, und der Reichskanzler eilte persönlich herbei, um zu retten, was zu retten war. Heute sind noch schärfere Worte gefallen: wo bleibt da der Blockvater, um der Widerspenstigen Zähmung zu bewirken? (Heiterkeit im Zentrum.) Warum stellt Fürst Bülow heute nicht fein Portefeuille zur Verfügung? Früher hieß eS, man dürfe sich nicht weiter unter daS Joch des Zentrums beugen. Heute haben die Konservativen ein reaktionäres Joch für die Freisinnigen auf- gerichtet. (Sehr richtig! Lachen links.) ES ist für einen Zen- trumsmcmn eine gewisse Genugtuung, wenn er sieht, wie jetzt die Dinge liegen. (Beifall im Zentrum.) DaS ausgeschaltete Zentrum soll nun auf einmal mitarbeiten. Wir machen uns wegen dieses Liebeswerbenö eigenartige Gedanken. DieKreuzzeitung" hat es bereits ausgesprochen, warum man mit dem Zentrum anbcmdeln will; man hat das Bedürfnis zu einer Art Rückversicherung. Das Zentrum soll also eine Art Reservetruppe bilden, die auS dem Busch herauskommt, um gegen die Linke zu marschieren. (Sebr richtig! im Zentrum.) DieDeutsche Tageszeitung" empfindet wieder, daß das Steuermachen unangenehm sei, und sie möchte zu dieser unangenehmen Arbeit alle bürgerlichen Parteien heran­ziehen. Das ist ein schlecht angelegtes Manöver. (Sehr richtig I im Zentrum.) Das Zentrum müßte mit einer polizei­widrigen Dummheit bestraft sein, wenn es darauf ohne weiteres hineinfallen sollte. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum.) Dr. Müller-Meiningen hat erklärt, der Abg. Speck gebe sich wie eine viel umworbene Schönheit. Nun, wenn einmal eine par­lamentarische SchünhaitSkonkurrenz ausge­schrieben würde, so würde sicherlich Herr Speck einen viel höheren Preis bekommen als Herr Müller. (Heiterkeit.) Der Schatz­sekretär gefallt sich diesmal in der Rolle des Rattenfängers von Hameln, indem er uns zu feinen Steuervorschlägen zu bekehren sucht. Wir werden trotz allem im Interesse des Reiches imb mit Rücksicht auf unsere Wähler, die eine gerechte Steuerver- teilung fordern, an der Reichsfinanzreform mitarbeiten. Wir haben keineswegs die Absicht, uns in den Schmollwinkel zurückzu­ziehen. (Beifall im Zentrum.) Herr Dr. Müller-Meiningen hat uns mit seiner Rede gegen die tote Hand ein großes Vergnügen bereitet. Die bayerischen Kollegen werden sich ernstlich die Frage vorlegen müssen, ob sie ihn nicht für die Stärkung und Förderung, die die Zentrumspartei ihm in Bayern verdankt, zum Ehrenmit­glied ernennen sollen. (Heiterkeit im Zentrum.) Er hat aus­nahmsweise einmal nicht gedichtet, obgleich er diese Gabe von oben besitzt. (Heiterkeit.) Ich will ihn nicht etwa dazu anreizen. (Heiterkeit.)Gefährlich ist'S, den Leu zu wecken. Verderblich ist dcS Tigers Zahn, Jedoch der schrecklichste der Schrecken Ist Dr. Müller in seinem Wahn." (Heiterkeit im Zentrum, Unruhe links.) Ich meine, in seinem Wahn, durch seine Reden irgend­wie dem Zentrum zu schaden. (Lachen links.) Nun hat Dr. Müller behauptet, wir batten Eugen Richter mit Schmutz beworfen. Ich weise diese Behauptung, die eine Brunnenvergiftung schlimmster Art ist, mit Entrüstung zurück. (Beifall im Zentrum.)

Eugen Richter verdankte seine Wahlen fett 1898 lediglich den Zentrumswählern. Er war ein hervorragender politischer Charakter, der mit vielen Zentrumsabgeordneten freundschaftliche Beziehungen Batte. Es ist auch in der Oefsentlichkeit nie bekannt geworden, daß er etwa einen Zentrumsabgeordnetenfrecher Dachs" genannt hätte. (Heiterkeit.) Das Zentrum hat immer einen ab­lehnenden Standpunkt gegen die Nachlaßsteuer eingenommen. Ganz anders die Freisinnigen, die sich feit 1905 sehr gewandelt haben. (Lachen links.) Damals lehnten sie grundsätzlich die Erhöhung der indirekten Steuern ab, und Herr Kopsch ermunterte noch die Gastwirte, in ihrem Entrüstungsrummel fortzufahren. Heute ist es anders. Ich Bebaute die Ausführungen des preußischen Finanz. Ministers über die Gewerkschaftsbeiträge auf das leb­hafteste. So spricht nicht ein wirklicher Staatsminister, der auch Minister für die Arbeiterklassen sein muß. Heute Bat jeder den­kende Arbeiter die Verpflichtung, einer Gewerkschaft beizutreten und sie zu unterstützen. Ich habe mich gewundert, daß ein leiten- der Stz -mann derartig reaktionäre Ansichten vertritt, wie sie wohl ein.. vormärzlichen Ministers würdig gewesen wären. Ein solcher Minister kann nicht als Vertrauensmann des ganzen deutsä,?n Volkes aufgeraßt werden. Man sollte sich doch freuen, daß iin.- r Arbeiterstand sich selbst aus eigene? Kraft eine Besserung seiner Lage erfärnpft hat. Mit solchen Reden fördert der Finanzminister Sozialdemokratie viel mehr als er glaubt. Entschieden zurückweist n muß ich den Vorwurf, daß das Zentrum schuld fei an der Finan not des Reiches. Die Finanzreform von 1906 Bat doch nicht alle, das Zentrum gemacht. Gerade unter dem Kartellreichstag ist die Reichsfchuld gewachsen.

Bewilligen wir jetzt die 50^ Millionen, dann werden wir 1912 oder 13 wieder vor einer solchen ''orlage stehen, wenn dec Reichs­tag nicht fein Budget ausnuyt, und i. an haben auch weitere konstitu­tionelle Garantien lernen Zweck. ganze Rechnungskontrolle muß in die Hände der Budget'ommis'i kommen. Hand in Hand mit den Bewilligungen muß eine ständige Kontrolle über die Ver­wendung des Bewilligten gehen. Und wc>..'. man dann Abstriche domimmt, dann darf mau der betreffenden Partei nicht wieder Antinationalität vorwerfen. (Lebhafte Zustimm -ng im Zentrum.) Jetzt klagen die Liberalen über die große Mach: des Militärkabi- neits, aber wenn in der Budgetkommission Abstrich.- gemacht sind, dann fallen sie, wie beim Aggregiertenfonds, im Pler -m zum Teil wieder um und tragen selbst dadurch zur Stärkung t Militär- LlbinettS bei. Und wenn solche unbewilligten Ausgabe: wie bei

der Chinaerpedition, bei der südafrikanischen Expedition gemacht werden, dann braucht der Reichskanzler nur das eine Wort zu sagen: Ich bitte um Indemnität! und sofort wird alles bewilligt. (Sehr gut! im Zentrum.)

An der Finanznot ist nur der Reichskanzler schuld. Von die­ser Schuld wird ihn kein Hofhistoriograph freimachen. Er hat unsere Finanzen im Jahre 1900 tadellos übernommen, und trotz der Vermehrung der Einnahmen stehen wir jetzt nach seiner acht- jährigen Tätigkeit vor dem totalen Zusammenbruch unseres Fi­nanzwesens. Dann kommt er her und hält uns eine Spar- famtcit&reb». Dabei hat er z. B. die Rcpräsentationsgel- der im Etat eingeführt. Die Rückkehr zur altpreußischen Spar­samkeit wird empfohlen. Es wird also gar nicht geleugnet, daß in den letzten Jahren eine ungeheure Verschwendung stattgefun­den hat. Der Schatzsekretär kommt ja gar nicht auf gegen die Wünsche der einzelnen Ressorts. Er muß sick ihnen fugen. Wenn er es nicht täte, dann wäre es mit ihm zu o.nde; bann könnte er sich den Möbelwagen bestellen. lHeiterkei :) Mit den Staatsgel- Bern wird in leichtfertigster Weise gewir ichastet. DaS gilt für alle Ressorts. Die Herren im Auswärtigen Amt bekommen die höchsten Gehälter dafür, daß sie schleckt geschriebene Schriftstücke nicht lesen können. Sie stehen sich besser als tue am höcksten be­zahlten Modeschauspieler MatkowÄY und Harry Walden nut seinen Dämmerzuständen. (Heiterkeit.) Diese Regierung im Umherziehen kostet uns ein schweres Geld, und wenn die Beam­ten den halben Sommer in Norderney sitzen oder anderswo, bann müssen sie doch Ortszulagen bekommen. Dazu kommen bie Reise­kosten usw. Die Gesandten werben durcheinander gewirbelt, heute sind sie in Brasilien, morgen in Japan; einen Teil des Jahres sind sie auf Urlaub, auf Jagden, meist gerade während der wichtigsten politischen Ereignisse. So werden Unsummen vergeudet. Ebenso bei den Materialämtern, bei den Kaiser- Paraden. Wir werden nur bann bie Reichsfinanzreform zu Enbe bringen, wenn zugleich bie Ausgaben in dem Etat auf das not- toenbigfte beschränkt werden. Das ist keine Erpresser- Politik, das ist eine Sparsamkeit^politik. Was kosten uns nicht unsere Kolonien, z. D. da - Drecknest Kiautschou. Für die nächsten Jahre ist es ja für uns sicher, denn so dumm sind bie Japaner oder Chinesen nicht, baß sie es jetzt schon weg­nehmen. Sie warten geduldig, bis wir <*§ ausgebaut haben. (Heiterkeit.) Selbst ein Mann wie der Generalleutnant v. Goltz bat Kiautschou die Achillesferse des deutschen Reiches genannt. Am schlimmsten aber verhält es sich mit den Militärpensionen, für die jährlich 180 Millionen Mark auf­gebracht werden. Man pensioniert luftig darauf los, ganz lern- gesunde Leute. Wir müssen für die Offiziere ebenso eine Z i ° biltierforgung schaffen wie für die Unteroffiziere. Die Mahnung zur Sparsamkeit hätte der Reichskanzler an die ein­zelnen Ressorts richten sollen. Wo ist denn der E r l a ß des Reichskanzlers, oer zur Sparsamkeit in der Verwaltung auffordert. Wir haben nichts davon gesehen; ist er vielleicht nur dem Block miigeteilt worden. (Abg. Südekum ruft: Aus Spar» samkeitsrücksichten ist er nur für den Block gedruckt worden! Hei­terkeit.) Ich bin überzeugt, daß eine durchgreifende Sparsam keitSaktion eine Mehrheit finden wird. Ohne Sparsamkeit kommen wir nicht weiter, denn die Regierung mutet dem Volke zu viel zu. Fürst Bülow sollte nicht immer in Nor­derney sitzen, sondern sich einmal auch andere Gegenden ansehen. Er sollte als moderner Harun al Raschid sich vergewissern, wie die Dinge wirklich sind. Wir sind nur bereit, 800 Millionen zu bewilligen, bann werden bie Herren in der Verwaltung sich schon zur Sparsamkeit bequemen müssen. (Lebhafter Beifall im Zentrum.)

Abg. Ein viel (Soz.):

Herr v. Rheinbaben hat es für angebracht gehalten, hier gegen die Sozialdemokratie zu polemisieren. Er wollte sich wohl in empfehlende Erinnerung bringen, weil er ja als einer der Reichskanzlerkandidaten genannt wird, der den Für- l'icn Bülow nächstens ablöien wird. Nicht wir verekeln den Ar­beitern das deutsche Vaterland; da mag sich Herr v. Rheinbaben gefälligst an die Rechte wenden, bie ihnen die politischen Frei­heiten nimmt und die Lebenslage verschlechtert. In den Berich­ten der preußischen Gewerbeinspektoren kann Herr v. Nheinbaben Nachlesen, wie es mit dem Aufschwung der Arbeiterklasse steht. Emme! hält eine Rede über Lohnhöhe und Gewerkschaftsbeiträ^. Welches Interesse haben die Arbeiter, für diesen Staat irgend- welche Lasten zu übernehmen? Mögen die, die bie Vorteile vom Staat haben, auch die Lasten tragen. Welches Interesse haben die Arbeiter daran, daß Heer und Marine fortbestehen? Welches Interesse haben die Arbeiter daran, daß die Soldaten mit den besten Waffen aus,gerüstet sind? (Abg. Dr. Arendt, der neben einigen Sozialdemokraten als einziger Zu­hörer im Saale weilt, ruft: Hört! hört! Bebel!) Um auf Varer und Mutter zu schießen? Diesem Staat keinen Groschen!

Abg. Preist (Elsässer):

klagt über die Benachteiligung Süddeutschland?, besonders Elsaß- Lothrtngens, durch den neuen Brausteuergesetzcntwurf. Tie hohen Strafen für jede Uebertretung seien geeignet, die Sicherheit des elsässischen Landesetats zu stören.

Abg. Dr. Arendt (Rp.):

Die Rede des Abg. Emmel bat gezeigt, auf ein tote tiefes geistiges Niveau die Sozialdemokratie gesunken ist (Oho! bei den Soz.) und auf welchem Niveau die Debatte be­reit? angelangt ist. (Sehr gut! rechts. Zurufe bei den Soz.: So tief, daß Sic schon dran sind! Sie werden sie nicht heben l Heiter- 'eii links.) Wer den Reichstag nicht kennt, muß von dieser Debatte im Jnlande und im Auslande einen falschen Eindruck bekommen. Die Vorlage ist scharf angegriffen, geradezu zerstückelt worden, und dock, wird sie sicher zustande kommen, weil sie zustande kom­men muß. (Sehr wahr! rechts.) Manch- Aeußerungen wären besser bis zur zweiten Lesung aufgehoben worden. Ter geistreiche Windt- horst und Dr. Lieber pflegten viel zu sprechen und wenig zu sagen uiid vergnügt zu schmunzeln, wenn man behauptete, aus ihren Reden über die Stellung des Zentrums nicht klug geworden zu fein. Jetzt im Zeitalter der Diadochen des Zentrums (stürmi­scher Widerspruch des Abg. Erzbergcr) kann diese Partei ihren Aerger über den 13. T<zember nichl verbergen. Wie hat der Abg. Speck die Professoren Lamprecht, Wagner und Kahl, diese Zier­den der deutschen Wissenschaft, angegriffen, weil sie in selbstloser Weise das ideale Streben nach einer Gesundung der Reichsfinanzen gefördert haben. Gegen die Führer der geistigen Bewegung hat das Zentrum einen lvahren Haß, weil sie oft gegen diese Partei haben auftreten müssen, unter andcrm auch bei den letzten Wahlen. Wenn die deittschen Professoren jetzt für bie Reichs- finanzreform «intreien, so wird das seine Wirkung auf die öffent­liche Meinung nicht verfhlen und die Hetzreden zunichte machen, welche jetzt im Lande gegen die Steuererhöhung gehalten werden. (Sehr wahr! rechts.^

ES wird nicht gelingen, die deutschen Wähler in der früheren Weise in den Steuerfragen aufzuregen. Die Wahlen von 1907 haben den Beweis geliefert, daß d a s deutsche Volk st euer mündig ist. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß die Dinge sich bei der zweiten Lesung anders gestalten werben, ins­besondere, daß die Linke sich die Folgen einer Politik vergegen. toärtigcn wird, die hier die Grundlage einer Verständigung in Frage stellen würde. Maa daSBerliner Tageblatt" und mögen die schwachen Geister draußen noch so sehr bemüht sein, die Verständigung zu hintertreiben, sie wird doch kommen, und wenn es hierzu noch eine» Anstoßes bedurft hätte, bann waren es die heutigen Ausführungen Erz Vergers, b. i i~) dankbar bia für den Hohn über den Block. Das wird voffentlich HM im Reichstag und draußen im Lande gute Wirkung Ijn.:... (Erzberger ruft lackend: DaS ronr die Absicht!) Ick g'aube, nicht ganz, bas bekannte Wort a"s Faust brauche ich ja nicht zu zitieren. Das Liebes werben um das Zentrum bebaucre ich. (Zurufe von den Sozialdemokraten und Freisinnigen.) Nein, von feiten meiner politischen v..uncc wird sich da Zentrum keines Liebeswerbens rühmen könneii. Aber daß baS Zentrum in sach­licher Weise mitarbeiten will, versteht sich ja bei einer solchen Vor­lage ganz von selbst, und an etwas weiteres hat, glaube ich, nie­mand gedacht. Ich bin überzeugt, daß die Führer der frei­sinnigen Parteien' praktische Politik treiben werden und glaube, daß die Voraussetzungen für die Verständi­gung nicht so schwer sind als sie nach der ersten Lesung erscheinen. Die erste Voraussetzung alst -ngS ist auch für mich: keine Ver­quickung der Reichsfinaiizre vm mit politischen Fragen! Graf Schwerin ist' da vielfach mißverstanden worden; nicht als B l o ck d i k t a t o r hat er gesprochen, nicht im Tone der Drohung, sondern als wohlwollende Mahnung. (Schallendes Ge­lächter beim Zentrum, den Sozialdemokraten und den Freisinnigen.) Was stellt man sich auf der Linken auch eigentlich unter diesen politischen Zugeständnissen vor. Herr Müller-Meiningen, der sich über meine Worte soeben so sehr gefreut hat, hat von einem parlamentarisch-konstitutionellen System ge­sprochen. Ich weiß nicht, ob seine Freunde dabei besonders gut fortkommen würden, sie sind doch zunächst nur eine kleine Minder- heitspartei, und bei einer Auflösung über die Herbeiführung dieses Systems könnte es sich ereignen daß feine Partei aanz außerhalb dieses Hauses bleibt. (Lachen links. Dr. Müller-Meiningen ruft: Tas ist sehr wohlwollend!) Gewiß ist daS Wohlwollen. (Gelächter links.) Ich will den Herren vor Augen führen, daß gerade auf Grund dieser ihrer Anschauung vom parlamentarisch-konstitutio­nellen System nur eine Politik möglich ist, der Ausgleichung zwischen der Rechten und Linken, aber nicht eine solche, bie einseitig den Forderungen der Linken folgt. Ich habe bisher immer bie Reform des preußischen Wahlrechts vertreten; aber toenn man sie in diesen Zusammenhang bringt, würde ich sie als preußischer Abgeordneter unbedingt verwerfen. Was wür­den bie Württemberger sagen, wenn wir eine Reform ihres Wahl­rechts als V->r^ebin^una für b'- Reick^inan-.resorm 1 'angten! (Abg. Dr. Müller-Meiningen- Wenn Württemberg das Deutsche Reich regieren würde!) Preußen t das Deutsche Reich auch nicht. (Gelächter links. Ruse: A fehrlj Preußen hat seinen berechtigten Einfluß auf das Deutsche Reich, hat aber auch auf sehr diel zu dessen Gunsten verzichtet.

Ich halte eine Verständigung über die Reick r-ftnanzref arm für möglich und wahrscheinlich, weil wir über die Grundlinien garnickt sowoitauSeinander sind, (nie c5 nach der bis­herigen Debatte scheint. Wir alle die Sozialdemokraten nehme ich natürlich au5 sind davon überzeugt, daß die großen Genuß- mittel der Massen stark herangezogen werden müssen; nur über die Form und Art bestehen Meinungsverschiedenheiten. Aber wo em Wille ist, ist auch ein Weg. Aber auch darüber besteht volle Ueber- einstimmung, daß angesichts dieser Belastung der Massen auch der Besitz in voller Weise herangezogen werden nrnß. (Abg. Dr. Müller-Meiningen: Sehr schön!) Darüber haben meine Freunde durch den Fürsten Hatzfeld gar keinen Zweifel gelassen. Auch hier ist die Meinungsverschiedenheit nur über Art und Form. Sie können doch nickt verlangen, daß wir für die Nach­laßsteuer der Kinder und Ehegatten, die wir vor zwei Jahren ab- lehnten jetzt mit Hurra eintreten. Wie die Freunde des Grafen Schwerin werden auch wir in der Kommission an dieser Steuer Mit­arbeiten. Hoffentlich gelingt es, Ersatz zu schaffen. Tie ReichZ- vermögenssteuer möchte ich nicht als Ersatzsteuer; als conditio sme qua non betrachtet sie ja auch die nationalliberale Partei nicht. Eine Erhöhung der direkten Steuern wird schon in Preußen mit unserer Zustimmung erfolgen. Die Fahrkarten steuer könnte man in Gestalt einer Eisenbahnumsatz st euer als b-.ffere Form der Marrikularbeiträge wieder aufnegmen. Herrn Südekum haben die Lorbeeren Alexander Meyers nicht schlafen lassen, als er meinte, das Bier gehört zum politischen Leben. Ich bin ein großer Freund der antialkoholischen Ge­tränke (Hört! Hört!), aber die Steuer darauf ist durchaus gerecht. Das Auftreten des Lord Roberts kann uns nur freuen. Wir sind gegen eine englische Invasion wohl hinreichend geschützt, und an eine Invasion in England denkt bei uns kein vernünftiger Mensch. Wenn England neben Flotte und sozial"n Aufgaben auch noch große Aufwendungen für ein Landheer mm <n will, so kann es uns nur reckt sein. Der Redner schließt mit einem Aufruf der patriotischen Pflicht für die Äommissionsarbeit. (Beifall rechts.)

Abg. Hilpert (Bayerischer Bauernbund) spricht gegen die Nachlaßsteuer. Er bekämpft weiter die Staffe­lung der Drausteuervorlage.

Damit schließt die Generaldiskussion. ES folgen persönliche Bemerkungen zwischen Dr. Müller- Meinin­gen (Fr. Vp.) und Erzberger (Zentr.).

Dr. Müller-Meiningen behält sich den Nachweis vor, daß das Zentrum Eugen Richter bei seinen Lebzeiten mit Schmutz beworfen habe.

Abg. Erzberger:

Ich sehe seiner Beweisführung ruhig entgegen und habe nur die eine Ditte, daß er mich wenigstens nicht andichien möge. (Heiterkeit.)

Abg. Dr. Müller-Meiningen:

Heber den Begriff des Schmutzes kann man sich mit Herrn Erzberger schwerlich einigen. Gegen meine poetischen Ergüsse ist er gesickert. Eine so vrosoische P.rsönlick! i: wie Herr Er berger kann nicht einmal mich zu dichterischen Leistungen begeistern. (Große Heiterkeit.)

Die R e i ch s f in a n z v o r l a g e mit den Steuer- anlagen gebt an eine 28 - g l i e d r i ge Kommission. Montag 1 Uhr: Gewerbenovelle (A r b e i t e r i n n e n s ch u tz).

Schluß 1 Uhr.