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Nr. 208
Der 6ttBeitet Anzeige, ierscheint täglich, außer Sonntag». - Beilagen: etermal wöchentlich vietzenerZamUienblätter; iivennal roöcbcutLKrtts» lattfurücn Kreis (Biegen <D,enslag und Freilag), gmemiai monntl. Land- wtrtfchaftttche Settfragen VemlpreCb - Anschlüsse i fü« bu Redaktion 112, Verlag u. Expedinon 51 flhiene tüc Depeschen: angetgex Gießen.
Äsaabmt von Anzeige» tüt OU Tagesnummer M vormittags 10 Uhr.
Erstes Blatt
158. Jahrgang
Freitag 4. September 1908
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Rotattons&rud und Verlag öer vrühNchen Untv.-Vuch- and SteinbrndereL R. Lange. Rebaftton, Lxpeöitton uns vruderei: Zchnlstratze 7.
VezngSpretSr monatlich 75 Pf., viertel- jährlich Mk. 3.20; durch Abhole- n. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post ‘JML2.—oicnd- sahri. auUctu Beslellg. ZeilenpreiS: lokct. 15Pf^ auSioärt» 20 Pfennig,
Decaatwortlich kür den politischen Teil» L. Anderson; L ttetriQe- ton und »BerniischleS^ P. Wittko, für „Stadt u. Üanb* und.GettchtS- [aal*: C. Heß; für den Antetgenteil: H. BccL
Slockeinialeit.
Mit der Einigkeit im Mock ist es nicht mehr so bestellt, tote man cs sich als Blockfreund wünschen möchte. Wo man «uch Hinsicht, überall findet man eine Gereiztheit: Die Konservativen werfen den F-reikonservativen ein Liebäugeln mit den Natio- palllberalcn vor. Die F-reikonservativen ihrerseits warnen die 92a» Noiialliberalen davor, sich gar zu weit mit den Freisinnigen ein» Milanen. Der Freisinn wiederuui ist gespalten, und sein demo- kratischcr Flügel scheint keine höhere Aufgabe zu kennen, als gegen die Nationalliberalen zu Felde zu sieben. Mau hat es rin Mock, wie es scheint, im Laufe der Zeit wieder vergessen, uuiter welchen Parolen man sich bei den leisten Reichstagswahlcn geeinigt hatte. Man hat es vergessen, daß es der nationale Gedanke war, der MM Zusammenschlüsse der Mockparteicn gegen Zentrum und Sozialdemokratie geführt hatte. Leute starrt man man in den einzelnen Partei la gern wie hypnotisiert auf das trennende zwischOi den einzelnen Parteien; man wacht ängstlich und eifersüchtig über den Bloclnachbar, dem man nicht mehr io recht traut. Die äußerste Linke will sich mit den Sozial demokraten verbinden, um der Rechten die Macht zu entrcißcn. Die äußerlte Rechte hinwiederum ist offenbar nicht abgeneigt, mit dem Zentrum zu paktieren, um den Liberalismus zurückzu- drängen. Der Mock toill auseinanderfallen, und es gibt, wie es scheint, kein Mittel mehr, um das zu verhüten. Wer heute .zur Einigkeit mahnt, predigt tauben Ohren, und doch liegt die Bbic namentlich dem Liberalismus droht, so klar und vor Augen. Was uns droht, ist die Bereinigung der wtiven mit dem wieder national gesinnten Zentrum, das sErftarken der schwärzesten Reaktion.
Um das zu verhindern, wollen die Jungliberalen auf ihrem diesjährigen Bertretertag in Elberfeld die Nationalliberale Partei versuchen, einen gemeinsamen Ausschuß aller liberalen Parteien zu schassen, der ein gemeinsames Borgehen dieser Parteien von Fall zu Fall sichern soll. fDtan will durch eine große liberale ßinigung bewirken, daß der liberale Teil des Blocks — und zu ihm rechnen sich trotz Korell auch die Nationalliberalen — nicht in die alte Einslußlosigkeit zurückgeworfen werde. Einer solchen Einigung steht nun, wie gesagt, namentlich der bemo- kralische Flügel der Freisinnigen mit aller Hartnäckigkeit entgegen. Er will den Liberalismus der Nationalliberalen nicht gelten lassen. Unter diesen Umständen verspricht der gut gemeinte Borschlag der Jungliberalen wenig Erfolg. Die „Köln. Ztg." hat wohl nicht so ganz unrecht, wenn sie resigniert meint: ,,.\)cute dcucht uns ein weiterer Schritt auf dem Wege zur liberalen Einigung noch zu früh. Nicht zuletzt darum, weil die linksliberale Presse dem jungliberalen Antrag ein Echo bereitet hat, das nicht ermutigend ist. Wenn die linksliberale Fraktiousgemeinschaft Per- st-nlichleilen wie den Abg. Potthoff, der gleichzeitig der Demo- lratischen Bereinigung angebört, zu ertragen vermag, bann dars fie auch nicht der' Nationalliberalen Partei Bedingungen stellen wollen, bis auf welchen ihrer Anhänger sich die Würdigkeit, »u uic liberale Einigung eingeschlossen zu werden, erstreckt. Solche Summen zeigen eben, daß die Nationalliberale Partei einer sAblehnung begegnen konnte, wenn sie dem Antrag der Jung- liBeraleH entspräche. Damit wäre aber nicht nur einer von manchen Versuchen zur liberalen Einigung gescheitert, sondern /es mußten sich Mißstimmungen von schädlicher Rückwirkung ergeben Das kann nicht die Absicht der Jungliberalen sein, und baritm wäre zu wünschen, der Antrag würde in Elberfeld zurück- fgc-ogcn oder siele, nachdem er das Verdienst erworben hat, eine gründliche Aussprache über die Angelegenheit herbeizuführen. Man muß sich in parteipolitischen Dingen im Reich immer mit brei-
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AleLne» Fenilleton«
— Aus Frankfurt a. M. wird mitgetcilt: Wiederum hat Irin junger Frankfurter Gelehrter für die Vermehrung der Samm- lungert der Museen seiner Vaterstadt gesorgt. Dr. phil. Hugo Merlen, der im vorigen Jahre eine Forschungsreise nach dem Malayischen Archipel angetreteit hat, ist mit seinem Begleiter Dr. Jean Rvux vom Naturhistorischen Museum in Basel mit reichen sErgebnissen glücklich zurückgekehrt. Dank der tatkräftigen Unterstützung der holländischen Regierung und der einzelnen Beamten hat Dr. Merten feine Aufgaben, die Erforschung der Arve-Inseln und der Keh-Jnsel, mit großem Erfolg durchgeführt. Die hauptsächlichste Ausbeute lieferte die Land- und Meeresfauna der Inseln, aber auch die ethnographischen Sammlungen sind sehr umfangreich Die zoologischen Objekte werben nach der wissenschaft- lichen Bearbeitung dem Senckenbergischen Museum, in dessen Auftrag die Reue unternommen wurde, die ethnographischen Gegen- sdände dem Museum für Völkerkunde überwiesen.
— Ein Bries Friedrichs des Großen. Aus Mainz wird der „Kl. Pr." mitgeteilt: Seit mehr denn hundert Jahren befindet sich in dem Besitze einer hiesigen Familie ein Brief Friedrichs des Großen, dessen Inhalt unseres Wissens seither .Noch nicht an die Oeffentlichkell gedrungen ist. Der Brief hat folgenden Wortlaut:
Mein Lieber General-Leutnant von Marwitz. Ihr sollet mir allsofort aus den Eatholischen Klöstern zu £>aiberftabt einen Pfaffen Vorschlägen, welchen icü als Eatholischen Feldtprediger bet) denen Regimeulern, welche marü)ircn müssen gebrauchen will. Es burud)t derselbe nicht sonderlich feyn zu seyn, sondern le brniner er ist, je lieber er mir seyn wird und will ich keinen intriguanten ZÄps haben, als uwvor Ihr mir reponbiren sollet. Uebrigens habet Ihr die Sack-e dergestalt zu fassen, banr.t geb. Eat^>lischer Pater schon.mit Ende kommender Woche höchstens iit Berlin sey. Ich bin Euer wohlaffectionierter Koenig Friedrich. Potsdam, 2. Dezember 1740. An den General-Leutnant von Aiarwitz.
Ob der Brief Original ober Abschrift ist, vermögen wir nicht yu beurteilen. Die feste schöne Handschrift des Briefes läßt erkennen, daß fein Schreiber in der Blüte feiner Jahre stand, das würde auch mit dem Datum übereinstimmen, da bekanntlich Friedrich der Große am 31. Mai 1740 den Thron bestieg und er damals 28 Jahre alt war. Den Feldprediger wird er wohl für dte Vorbereitungen zum ersten SMesischen Krieg nötig gehabt hoben.
— Die Bergnamen Jungfrau und Mönch. Wir lesen in anderen Blättern: Die Bergnamenforschung hat noch ein großes Arbeitsfeld vor sich. Es giot noch Hunderte von Berg- luimen, die auf den Forscher warten, viel falsche Tradition ist über den Stufen zu werfen und mit mancher lattbläufigen Aus- fall tut g auszuräumen. Wie lange hat sich tn Reisebeschreibungen und Schulbüchern der hübsche Glauoe erl-alten, daß „R t g i" auf die Königin der Berge, auf Regina montium zurückzuführen fei. Öeilte gilt das als erchgültig abgetan. Die Bergbewohner pflegen ihre Berge nicht lateinisch zu taufen, uno der Warne Rigi kommt nicht von regina, sondern von den „Riginen" od-er „Rigcnen", und dieses Wort ist der Plural dcs altdeutschen riga — Lund, Streifen. Wer die schief ansteigenden F^lsoander und Schichten des Rigi j^n gezLhen hat,-wird bald mit sich im reinen fein, woher der
facher Geduld wappnen, sobald auch mit Preußen mx rechnen ist. Das mag manchem wider den Strich gehen, fördert aber am letzten Ende die gesunde Entwicklung mehr, als wenn man glaubt, süddeutsche Entwickelung sprunghaft auf das Reich, in beut Preußen nun einmal nicht immer voran-eht, übertragen zu können."
Während die „Köln. Ztr." in solcher Weise auf die Politik des Möglichen hinweist, meinte das „Berl. Tagebl." dieser Tage, daß es in unserer inneren Politik nicht eher besser würde, als bis man eingesehen habe, daß die Politik auch die Kunst des Unmöglichen sei, das heißt die Kunst, das, was als politische Notwendigkeit erkannt sei, wirklich zu machen, auch wenn es noch so unmöglich erscheine. „Was würden diese auch-liberalen Op- poTtuniftcn wohl gesagt haben," so fragt das „Berl. Tagebl.", „wenn man ihnen die letzt in der Türkei eingetretene Umwälzung vor wenigen Wochen prognoftiert hätte; was hätten sie wohl in den Tagen von Olmütz gesagt, würde man es als möglich hingestellt haben, daß binnen wenigen Jahren, unter Eliminierung Oesterreichs, Deutschland geeinigt fein würde? Sie hätten bev nnnlich gesagt, Leute, die solchen Utopien nachjagten, kämen für die „ernsthafte" Politik nicht in Betracht, die eben nur „die KüNst des Möglichen" fei. Natürlich, konnte man ihnen erwidern, ist in gewissem Sinne jede Polittk eine Kunst des Möglichen, beim es gibt Grenzen, die allem menschlichen Bestreben gezogen sind, und an denen jeder, auch der Stärkste, resignieren muß. Aber dies eben ist die Frage, dies ist der Unterschied, wo man diese Grenzen gezogen glaubt, und wo man zu resignieren anfängt, ob schon beim Stirnrunzeln eines Ministers, bei der Anwartschaft auf einen Orden oder einer Dinereinladung — oder an den Grenzen der Natur, der Menschheit und des menschlichen Vermögens." Auch das „Berl. Tagebl." untersucht die Möglichkeil einer liberalen Einigung und kommt hierbei zu folgendem Resultat: „Nicht also äußerlich, auf dem Wege der Trustbildung, kann die Einigkeit der Liberalen, die Großes wirken soll, erreicht werben, sondern nur durch innerliche Umbildung, dadurch, daß man einen neuen Geist weckt, in dem und durch den alle einig sein können. Statt daß man Parteiprogramme, die schon jetzt vielfach ein kraft- und reizloses Gemisch darstellen, von neuem aufkochen laßt, um daraus ein neues Ragout zu bereiten, sollte jede Partei an ihrem Teile jenen neuen Geist zu wecken und zu pflegen suchen, und statt baß man erst unter Fanfaren- C1 ängen sich sammelt unb dann in „Einigkeit" mit der Stange im Nebel herumfährt, um die leuchtenden Ziele des Liberalismus festzustellen, sollte man umgekehrt erst ein klares Ziel aufstellen unb bann versuchen, möglichst viele entschlossene Kämpfer darauf hinzulenken. Unb dieses Ziel braucht nicht erst ticfiinnig ergrübet t zu werben, es ist nicht nötig, erst baju ben ganzen Komplex politischer Fragen der Gegenwart aufzurollen unb auch jede technische Spezialsrage, etwa die brr Versicherung von Privatbeamten ober der Zollbehandlung von Mühlensabrikaten, „vom Standpunkt der liberalen Weltanschauung" ..gründlich" zu behandeln,: die dringlichen großen Ziele, denen der Liberalismus sttzt nachzustreben hat — zum Beispiel Durchführung eines ehrlichen Ko n st i t u t i o n a lis m u s m i t M in i st erv e r a n t - Wörtlichkeit, Demokratisierung Preußens, Befreiung der Schule von der Kirche und Bureau- Iratie —, liegen einfach unb klar vor aller Augen, unb es genügt völlig, vorerst einmal auf eine der darin enthaltenen wichtigen Forderungen alle Kraft zu konzentrieren, wie es im öorigen Jahre mit ber Forberung bcs Reichstagswahlrechts für Preußen geschehen ist. Aber ber klägliche Ausgang, den diese Kampagne, vorerst wenigstens, genommen, hat ja deutlich gezeigt, wie di? Dinge liegen: Der Liberalismus ist kraftlos geworden, es fehlt am Besten, an Energie und Beharrlichkeit, es fehlt II'—MI M. «ui-wiwi Ul-■*.! ,*r-wimw-T.Ki»an 1KTW tnm»» ,M
Rigi seinen Wanten hat. Nun kommt «.Das klingt uns, im Gegensatz zu dem folgenden, nicht sonderlich wahrsck-cinlich D. Red.) ein bernischer Forscher und zerstört den poetischen Zauber, der bisher den Nomen Jungfrau umwoben hat. Es galt bisher als sicher, baß bie Berner Sberlänber ihrem schönsten Berge den poetischen 9iamcn gegeben Haden, weil sie damit die Unnahbarkeit und Unberührtheit dieses Berges bezeichnen wolllen. So zart und poetisch ist aber das vemische Volksgemüt nicht veranlagt und cs ist gut, baß einer kommt und den falschen Glauben über den Dausen ictrft. Es ist H. Hartmann in Interlaken, ber an Hand der alten Zinsurbare des Klosters Interlaken nachweist, daß die zu Füßen des gewaltigen Schneeberges liegende Alp einst ben Nonnen bcs Augustincrklosters zu Interlaken gehörte unb daher Juugfrauenberg geheißen hat. Dte alten Güterverzeichnisse kennen auch mehrere „Jungfrauenwege" im Berner Oberland, Wege, die über die Alpgüter des genannten Frauenklosters führten. Von ber 2llp hat dann ber bahinter stehende Berg seine Namen erhallen, früher Jmigfrauenhorn, später einfach Jungfrau. Eine lieber» tragung des Namens einer Alp auf einen Berg ist in ber Schweiz oft oorgetommen unb fie ist leicht erklärlich, denn das Bergvolk hat sich aus sehr prakt-schen Grunben zuerst um bie Alpenweiden uicd erst viel später um die Hochgipfel gekümmert. Im Mittelalter noch waren nur wenige Hvchgipfel der Alpen benannt. Auch mit dem Mönch, ben die Poeten unb die Ansichtskartenmaler in allerlei sehr nette Beziehungen zur Jungfrau setze,:, hat es eine ganz u,u»etische Bewandtnis. Der Nanre Mönch oder Münch, wie es früher hieß, hat eine arg prosaische Bedmitung. Hartmann führt sie zurück auf die Pferdezucht, die einst im Berner Overland viel bedeutender gewesen ist als heute. Die Kloster- alpbücher sagen nun, daß auf gewissen Alpen nur „München", b. h. Wallachen, gesommert wurden, unb es steht fest, daß von Wengernalp bis <2d)eiDegg ein solcher Wallachenberg ober Münchberg lag. Davon wird dann das übet der 211p gelegene Horn den Nomen Münchenhorn, später Münch ober Mönch erhalten haben!
— Die staatsgefährliche Napoleon-Büste. Aus Paris wird der Vossifchen Zeitung geschrieben: Bis vor ein paar Jahren mußten alle, bie sich ein Erzeugnis der staatlichen Potze- lanmanufaktur von Sövrcs anschaffen wollten, nach Sevres selbst hinauspilgern. Unb das ist n:ck-t so ganz einfach, wie ber Leser glaubt. Er wird cs auch sofort zugeben, ivenn er eine Fahrt von Paris nach Sevres unternimmt Will er auf den: Wasserweg mit einem „Seinepütt" den krausen Flußlauf b:s Sevres hinunter gondeln, so braucht er örei stunden für die Hin- und Rücksahrr; will er mit oer Westbahn hrnausfahren, so weiß er nicht, wann er abfahri, unb noch viel weniger, n>ann er an kommt Da ging es wirklich nne ein freudiges Aufatmen durch bie Kreise aller Kunstlied haben, als bie IL'ianuTaftur von Sövres nach Paris auf dem Boulevard des Italiens ein Berkaussgeschast einrichtete, ui dem man zetzt ganz wie der Präsident ber Republik ober irgend einer seiner Minister sich em Stück aus ber staatlichen Kunststätte leinen kann, wenn man die nötigen „Blauen" springen laßi. Diatüriiir/ käme niemandem ber seltsame Gedanke, daß man sich in dem Berlaussgeschast nicht alles verschaffen könnte, was die JJianufafiur produziert Und doch ist dem jo. Die Staate Verwaltung hat es in ihrer Unergründlichkeit fo beschlossen. Es gibt einen von ber Pianusakur'Hergesteillen Kunstgegenjianb, dessen ■-3ertauf in P^ms omdotmi M, - Mnllich^ die Büste von
am „ernsten Willen"; „vom Fleisch will nicht heraus der Geist/ Der Liberalismus ist in der Tat kraftlos geworden, aber man stärkt ihn nicht dadurch, daß man sich innerhalb der liberalen Parteien gegenseitig auf Tod und Leben bekämpft. Man teraubt sich auf diese Weife selbst der Möglichkell einer Verständigung, und sei es selbst auf der vom „Berl. Tagebl." angedeuteten Grundlage.
Mit ber Einigung des Liberalismus steht es also äugen« blicklich nicht gut, und mit der Zukunft deS Blocks steht es noch schlechter. Das hat erst jüngst der Reichstagsabgeordnete Träger m einer Wö hier Vers amm lu n g in Varel in Oldenburg auägejprodieii. Träger wies dort aus die Grenze hin, wo die Unmöglichkeit des Blocks zutage treten müsse. Man könne nicht scheiden zwischen deutschen unb preußischen Interessen, sie fielen zusammen. Man könne nicht scheiden zwischen preußiscl-ein unb deutschem Wahlrecht. Es sei ein unerhörter Zustanb, baß in ben Bundesstaaten die Fundamente der einzelnen Staaten eutscksteden sein sollen. Man habe nun geglaubt, daß, als ber Reichskanzler an liberale Gebauten bachte, auch bieser liberale Gedanke ber Verwirklichung entgegegehen würbe. Der Reichskanzler habe auf den Liberalismus keine Mcksicht genommen. „Er schlug unsere Forderungen rundweg ab. Solange aber dies verrottete unb verruchte Wahlgesetz in Preußen besteht, wirb sich nichts am Preußenshslein ändern lassen. Und in diesem System liegt die Gefahr fürs ganze Reich." In ben Ausführungen Trägers heißt es bann weiter: „Und mitten in ber Zeit, in ber wieder Zumutungen an bie Liberalen im Block gemacht werben, kommt wieder Preußen und vollführt mit seiner geschickten Hand den Streich Schücking, einen Streich, wie er toller nicht gedacht loerben kann. Der Herr Reichskanzler ist etwas in Verlegenheit. Ich kann ihm ein wunderschönes Zitat aus ber „Braut von Messina" empfehlen: „So ists, bie Diener tragen alle Schulb." Der Kanzler und der Minister des Innern werden dasselbe sagen. Aber es ist uns nicht gedient, wenn der Regierungspräsident abgesagt wird. Das System bleibt. Und solange keine Garantie gegeben wird, baß man mit biefem System bricht, i st bie Existenz des Blockes in Frage g e ft eilt"
Man sieht also, wie bie Stimmung im freisinnigen Lager ist und erkennt, wie gering die Aussichten sind, die Blockeinigkeit ju erhalten. Man fragt sich nun, ob es dem Fürsten Bülow im Herbste gelingen wird, den Freisinn und mit iljm ben ganzen Liberalismus zu versöhnen unb bas reicher gut zu machen, was preußische Regierungsorgane unb was ber preußische Minister- präjibent am Liberalismus gesündigt haben. Für bie liberalen Parteien aber ergibt sich bie Notwendigkeit, sich für den Fall gerüstet zu halten, daß der Block auseinander fällt. Die augenblickliche Lage ist so unerfreulich wie möglich; was Hilsts, es leugnen zu wollen. E. A.
Kolitisch-r Lttgesscdan.
Hansbifitzervereine unb Amtsgerichtskompetenz.
Auf dem 80. Haus- und Grundbesitzcrtage, ber am 4 und o. August in Königsberg stattsand, ist auch die Fra,e Pir Zivil« Prozeßordnung behandelt wvroen. Auf Grund eines Rejcrats ist eine Entschließung gefaßt worden, die der Reform der ReichS- justizgesetze, insbesondere weaen ber Erhöhung ber Zuständigkeit der Amtsgerichte auf 800 9)cf. annimmt. Die für bie Erhöhung ausschlaggebenden Gesichtspunkte bestanden im wesentlichen darin, baß es den Hausbesitzern schneller nwglich sein werde, bei Amtsgerichten ein Urteil zu bekommen in denjenigen Mietsprozessen, bie in ben Wertstusen von 300 Mk. und 800 Mk. liegen. Eine weil bessere und wirksamere Abhilfe für die Beschwerden ber Haus-
Unb doch keimt stber bie reizeicde Büste des ersten Konsuls von Boizot, die num in Gips, Bronze unb Papiermache überall sicht, in Paris wie in ber Provinz, im stcorden wie im Süden, überall, nur nicht int Verkaufslaben der staatlichen Manusaktnr, die fi< herstellt. Als kürzlich ein Kollege bie kleine Büste taufen wollte, erklärte ihm der Ladenvorstthcr, daß der Verkauf verboten sei, aber nut in Paris! Er könnte iie, selbst in Hunderten Don Exemplaren haben, wenn er sich die Mühe nehmen wollte, nach Sevres hinauszufahren. Sozusagen heimlich fabriziert also die republikanische Mmmsaktur dte Büste Napvleons iveiter, aber öffentlich stellt fie, sie in ihrem Pariser VerkausSladen nicht mehr aus! Was heißt das? Gibt es wirklich so empfindliche Republtkaner, bie daran Anstoß nehmen, daß ihwe Staatsmanufaktur in Paris ein kleines sllmstwerk anbietet, das ben ersten Napoleon zur Zeit des Aufstiegs zu seinem Jduhme darstellt?
— lieber dieVererbunggei st igerEigen schäften hat Prof. Manfred Zieriner an einem Material von 1384 Waldauer Haushaltungen interessante Studien angeftelh. Das 'Diaicrial umfaßt 15 verschiedene Familien des Dorfes Waldau ivährend eiueJ Zeltraumes von ungefähr 300 Jahren. Als das wichtigste Resultat betrachtet Ziermer, wie das .Archiv für Rassen- und GeseUschasts. biologie" angibt, bie Tatsache, daß sich auch in einer Bevölkerung, die sich auf einem kleinen Raume beständig mischt, und deren einzelne Glieder unter sehr ähnlichen, meist geradezu gleichartigen Verhältnissen leben, so viele Familieneigentümtichteiten durch wenigstens drei Jahrhunderte erhalten, daß sich die Familie als Ganzes nicht nur im groben, sondern recht weitgehend charakleri- sieren läßt. Wichtig ist ferner, daß bie verschiedenen Familien- eigenschaflen sich in der männlichen Linie forterben, während bis auf einzelne AuLnahmefälle vom Einfluß der weiblichen Linken wenig oder gar nichts zu bemerken ist.
— Richard Wagner-Festspiele 1908 im Prinz. Regen ten-Theater in München. In der letzten Tristan- Austühoung am 7. September wird Herr Kammersänger Kraus den Tristan, Frau Kammerfüngerin Leffler-Burckard vom Hosthcatcr in Wiesbaden, die bei den Festspielen in Bayreuth als Kündry m Pariifal große Erfolge Halle, die Isolde singen. — Im letzten yhbclungennng vom 9.—14. Septemoer singt wieder Herr Fcin- hals Wotan, Ftttulein Faßbender Brünnhilde, Herr ftnote Sieg- fricö, Herr Breuer Akime, Herr Zador Alberich, Herr löaüqemexfter Loge, Frau Preuse F-ricka, Herr Bender Hunding, Herr Grllrnann Vagen, als Siegmund tritt Herr Kammersänger Burgstaller out. — Regie führt verr Professor Fuchs, die musikaltsckro Lemrng hat verr voiopernoirektor Mottl.
— Kleine Chronik aus K ull it und Wissenschaft. Der Kau er tzll dte drei Ersten Kapellmeister der B e r l i n e r ö o f- 0^€.r.' Muck undDr. Rrchard Strauß zu General- blcycrm°rrern ^Emt unb Dem ihnen im Rang gleich.
®Ic(^ Roten Adlewrcuit 4. Klasse vcrlrehm Dr. Mucksern gebürtiger Darmstädter, ist 49 Iahte alt' straub, ein Münchener von Geburt, 44, Blech der aus Aachen stammt, ^hll 37 Jahre. — Giovanni Faitori, der tuchttgite ^olbatenmaler des heutigen Italien, ist am 30. Aug un Alter von 80 Zähren in Florenz gestorben, wo er Akademil> proieiw^war und noch ois in die letzte Zeit oas Attzeiä)ueni


