Ausgabe 
29.2.1908 Drittes Blatt
 
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158» Jahrgang

Drittes

M. 51

G^chetnt k»-Nch mtt Ausnahme des Sonntags.

Gemml-MzeMr für OherheKn

ran

I Ende 1906 .

Krapp, Schri ftsührer.

Huff, Obmann.

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'snickl-ge roinn

1Q Passiva

Ferner erledigte man den Jnslizetat und beschäftigte sich dann mit Wahlprüfungen.

Auf dem Gebiete der auswärtigen Politik war es in der verflosienen Woche ziemlich still. Neues boten die Vorgänge im Auslände kaum. Einige Ueberraschung hat in manchen moralisch verkommenen Kreisen Italiens höchstens die Verurteilung des Exminislers Stasi zu außer- ordcntlich hohen Strafen hervorgerufen. Dort, im Süden Italiens, wo die Korruption zu Hause ist, versteht man es wohl sehr schiver, daß Veruntreuung amtlicher Gelder so Ireng bestraft werden kann. Vielleicht neh'.nen sich nun auch die russischen Staatsanwälte und Richter ein Beispiel daran, wie man gegen ungetreue Staatsbeamte vorgrhen kann. Die Hoffnung, daß man in Rußland zu einer solchen moralischen Feinfühligkeit schon bald koinmen wird, ist allerdings einst­weilen noch sehr gering.

Samstag 29. Februar 1908

/A /AsA Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen tluwersitätS - Buch- und Steindruckereu

8 R. Lange, Gießen.

ZLrmrLren^achrrchte««

Verlobte: Fräulein Lina Zissel m Wetter mit .perrm Richard Starck in Battenberg.

Gestorbene: Fran Catharine Geller Witwe in Ortenberg!' Herr Georg Dietrich Jungblut in Nainrod. -r- Frau Katharine Minder, geb. Hoimann, m Bad Nariheim. Fräulein Elisabeth Bmdernagel in Friedberg. Frau Atargarethe Brooke, geb. Roth/ in Wehlar. Fran Pagel Witwe, geb. Hempel, in Marburg.

Redaktion, Expedition und Triickerei.' Schul­straße 7. Expedition und Verlag; 51.

Redaktwn:e^D112. Tel.-Adr.:AnzeigerGteßen.

erutta

Man lese den Gießener Anzeiger größte und reichhaltigste Tageszeitung Gberhestens mit den BeilagenZamilienblätter",Landwirtschaftliche Zeitsragen" und dem Ureisblatt für den Ureis Lietzen^ Auslage über <3000 Expl.

Alle Briefträger, unsere Zweigstellen und die Geschäfts» stelle des Gießener Anzeigers nehmen Bestellungen auf Öen Gießener Anzeiger entgegen.

Meteorologische Beovuchtursgen

der Station Gieren.

nbe 1907 \

'S'Miö, posmann,

itionen - chtungen

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DH ,.6kfienet Kamiliendlätter" werden dem Unzeigel' viermal wöchentlich beigelegt, das ^tisblatl für öen Kreis Giehen" zweimal »Schenltich D,e ..Landwirtschaftlichen Zeit- fT«Ge>" erscheinen monatlich zweimal.

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, von Pro' .arm-tnät,

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Passiva. 'Wal '°erg»lhab^ ttonö§

c,ibi'il)renbe Bedeutung in Öen Ostmarlen erhält und nicl)t Allmählich dem Polentltm weicht (Beifall.) Ich halte das i»r eine Staatsaufgabe so bedeutender 2lrt, daß die Ent- c ignung gerechtfertigt ist. Es sind gebieterische Aufgaben l'is Staates, die unser Vorgehen rechtfertigen." (Beifall.) Ärst Bülow schloß mit folgendem warmen 'Appell an das Hrrenhauö:Tas Herrenhaus hat sich bisher immer als cod der besten Staatsgesinmmg gezeigt, als Haus, in dem mir immer Unterstützung zu finden hofften, rnenn es sich um ät größtcu Aufgaben des Staates handelte. Eine solche ^"sgabe liegt unserer Ansicht nach vor, und wir vertrauen W, daß das Haus mie früher so auch jetzt uns nicht im 2l>ch lassen wird." <Lebh. Beifall.) Die Worte des Fürsten Sieben nicht ohne Wirkung, denn die Vorlage wurde, was wch den vorhcrgegangenen Debatten vielleicht manchen über­rascht haben wird, angenonunen.

Die Arbeiten, die das Preußische Abgeordnete n- kauS im Lause dieser Woche erledigt hat, stehen an Be- lcmtung dem natürlich r.ad), was das Herrenhaus in seiner Sitzung am Donnerstag geschaffen hat. Man iiahm den Gesetzentwurf über die Herstellung einer Eisenbahn-Dampf- !«chren°Verbinduug zwisd)en Saßnitz und Trellcborg an, des- T^ichcn in dritter Lesung den Kultusetat.

Die hessische Ziveite Kammer hat am Donnerstag ^re Beratungen wieder ausgenommen. Die dtovelle zum Vcn|ion6geictj der Staatsesienbahnbeamte gab einzelnen Ab- rortmeten wieder einmal die nicht gerade seltene Gelegenheit, toe äcage ,.i erörtern, ob Hessen durch die Eisenbahn- Timeinschast mit Preußen mehr verloren oder mehr gewonnen ^ben. Die Ansichten blieben natürlich wieder geteilt, und uc ,^dg. Köhler meinte, man solle den Abgeordneten doch " entgstens das Recht des Sd)impsens laffen, da Hessen gegen- ^ec Pl-eußen auf Grund des Staatsvertrages sonst keine hechte mehr habe. Erfreulich war es übrigens, daß

^nnahiile des zur Beratung stehenden Gesetzes

^ch der Zusatz.Antrag Osann angenommen wurde, so- den früheren Luowigsbahn - Beamten, die im lenste der Hessischen Ludwigsbahn verbrachten Jahre an» ^edjnet werden sollen. Die Beratung der Petition des kmeindevorsiandes von Seligenstadt über die Beseitigung der onsessiontzschule in Seligenstadt gab der Kammer Vercm- >>ung, sich über die Konfessionsschule und die Simultansd)ule i.N unterhalten. Alan kam m dieser Sitzung jedoch zu keinem Beschluß und mußte die Fortsetzung der Debatte auf Freitag Mitogen. Der Zweiten Kammer ist übrigens jetzt ein Gesetz- trourf zugkgangen, wonad) das Gesetz über die Hundesteuer c Hellen geändert werden soll. Man hat damit endlich ein gehbares Ergebnis der vielen Hundesteuerdebatten erzielt.

$ i>er hessische Staatsvoranschlag liegt nunmehr vor. Ein Lunches Bild unserer Finanzenlage ist darin nicht enthalten. -uedeutct eine sehr ernste Mahnung zur Sparsamkeit und ^ruckitcllung »nancher wichtiger Aufgaben und Wünsche.

c 1 51 a Q c Hal man in der verflossenen Woche .J/ Qn^cmt Berechnungen das Scheckgesetz in dritter Lesung nommen. Es tritt bereits am 1. April d. I. in Kraft.

auch nötig hat, wenn er auf seine Zöglinge ef(ri)Hje>ib _unJ belebend einwirren will. Mithin erhebt per hessische Lehrerstaua die Forderung, das vierte Seminar in einer Großstadt zn er­richten, auch aus dem Gruirde, um die tüchtigsten und rnnfidy tigltcn Seminarlehrer zu gewinnen.

Endlich gestatten mir uns Hoch, auch darauf hinzuweisech daß die Großstadt bis jetzt nur wenig heranioachsende Jung- liuge dem Lehrerberuf zusührte. In einer Zeit, in der dem Prinzip der ausaleich-endcn Gerechtigkeit überall, wo cs niiti geht, Rechnung getragen wird, dürfte bei Errichtung des vierten Scnvinars einer Großstadt der, Vorzug gebühren. Daß dann künftig mehr Zöglinge der großen Städte in das -Lernmar ein. treten werden, bcmeift den Unterzeichneten der Besuch des Se­minars fllr Volksschullehrerinncn in Darmstadt. Heber Erwartens groß ist der Andrang zu demselben, und ein recht starker Prozent­satz dieser Seminaristinnen stammt aus Darmstadt uno der ruichslen Uncgcbung. Ohne Frage wird bei der Errichtung eines Lehrer-, seminars in einer Großstadt dieselbe Erscheinung auf rieten. W wird an Seminaristen nicht fehlen, da mancher Vater aus beti Stadt und deren Umgebung seinen Sohn dem Lehrerberuse Zu­fuhren wird. Dies wird um so mehr der Fall sein, als die ent» stehenden Kvften geringer Jind, als wenn er denselben eine Höhe« LelMnstalt bc)ud)en läßt.

Ueberblicken wir nun zum Schlüsse iwch einmal die Gründe, die für die Errichtung eines Seminars in einer Großstadt sprechen, so glauben mir, daß dieselben Ueberzeugungskraft besitzen, und Die unterzeichneten B-orstandsmilglieder des Hessischen Landes-- Lehrcrvereins geben sich deshalb der sichersten Hoffnung hin, Gwßh. Ministerium des Innern werde als Ort des Vierten Seminars für Nllksschullehrer eine Grvßstadt in Vorschlag bringen1.

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>iger. ,

Äu-zllg a. d. Liandezamttregiftem -er Stadt SieherU

Aufgebote.

Febr. 21. Ludwig Möser, Schlosser in Wieseck, mit Katharine Stock dahier. 22. Richard Hoffmann, Hillsheizer dahier, mit Frieda Schmidt in Tümpling. Heinrich Panz, Laglöhner, mit Helene Schultheis, beide dahier. 24. August Fleischhauer, Bäcker in Schwalheim, mit Elise Kaiser dahier. Wilhelm Köhler, Zug­führer, mit Emma Klein, geb. Böckel, beide dahier. 27. Johannes Georg Max Hauptmann, Garnison-Verwaltungsaspirant dahier) mit Friederike Karoline Alma Wiere in Drewitz.

Lheschttehungen.

Febr. 22. Mathias Tappen, Sergeant und Brigadeschreiber in Tarmsladt, mit Luise Krasthöicr dahier. Karl Schlüter, Kaus- mann, mtt Auguste Möhl, beide dahier. Georg Woti, Kanzlei- gehilte, mit Sophie Fritsch, beide dahier. 25. Hermann Gitter- Landwirt, mit Marie Johannette Kreuder, beide in Grünberg.

Geborene.

Febr. 18. Dem Schlosser Wilhelm Flett eine Tochter, Karola Margarete. Dem Kaulmann Christian Ferdinand Christophersen eine ' Tochter. 19. Dem Kaufmann Bruno Herrmann eine Tochter, Gertrud Martha Elly. Dem Kaufmann Eugen Rügge-» berg ein Sohn, Helmut Walter Hans. 20. Dem Schlosser Adam Schaum eine Tochter, Elisabeth Lina Anna. Dem Pflasterer Johannes Gchringer eine Tochter, Henriette Auguste. 21. Dem Artisten Friedrich Jörg ein Sohn, Josef Richard. 23. Dem Kauunann Edgar Borrmann ein Sohn. Dem Hil'sweichensteller Friedrich Hosmann eine Tochter, Frieda Anna Lina. Dem Friseur Oskar Schön em Sohn, Wilhelm. 25. Dem Taglöhner Emil Hertrich eine Tochter, Anna Marie. Dem Kellner Heinrich Müller" eine Tochter, Edith Martha Elise. 27. Dem Anstreicher Heinrich Wilhelm Büttner ein Sohn, Wilhelm.

Eestorbene.

Febr. 21. Johannes Balser, Schriftsetzer, 22 Jahre alt, Wall- torstr. 36. Emma Meyrer, 16 Jahre alt, Kaiser-Allee 7. 22. "Auguste Katharine Christine Arnold, 1 Jahr alt, Bahnhof-« siratze 31. Heinrich Benner, Vahnarbeuer, 58 Jahre alt,Dainiii- stratze 19. 23. Ludwig Müller, Platzmeister, 66 Jahre alt, 21 n den Bahnhöfen 70. 24. Erna Auguste Wilhelmine Löhr, 1 Jahr alt, Stephanstr. 43. Käthe Karola Hüttenberger, 1 Jahr alt, Kroldorier Straße 13. 25. Paula Schomber, 1 Jahr alt, Kaplans- gaffe 14. Adam Heinzerling, Privatier, 80 Jahre alt, Schiffen- berger Weg 65. Peter Otto Uhlenhaut, 4 Alte, alt, Schillcr- straße 23. 26. Amtsgerichtsrat Adolt Stammler, Großh. ^Amts­richter i. P., 74 Jahre alt, Schloßgasse 16. Marie Kennel, geb. Güngerich, 73 Jahre alt, Am Riegelpiad 30. 27. Sophie Lina Stieber, 2 Jahre alt, Liiidengasfe 2.

|)0lUüfd?c WodjcuScbaw.

Gießen, den 29. Febr. 1908.

Die Enteignungsvorlage ist vom preußischen l^rrenhattse angenommen worden und es ist der Preußi­nen Regierung damit eine außerordentlich scharfe Waffe 1 in Kampfe gegen die Polen in die Hand gegeben worden.

> allen Stadien der Verhandlungen über diese Vorlage i ib gewichtige Bedenken gegen sie geäußert worden, nicht i ir von Angehörigen der linksstehenden Parteien, sondern -zar von stockkonservativen Mitgliedern des Preußischen /, ,"mdtags. Leicht wird cs wohl keinem liberal Denkenden

^worden fein, für die Enteignungsvorlage zu stimmen, 5 >inn sympathisch ist sie keineswegs. Aber, wenn sie im

-stteresse des Staatswohles notwendig ist, dann kann |i fein Zweifel darüber bestehen, daß man sich für sie wird i entschließen müssen, wenn auch vielleicht sck)weren Herzens. - waren sehr ernste Morte, die Fürst Bülow am letzten !' rige der Beratungen des Herrenhauses den Argumenten j oct Gegner der Enteignung entgegenhielt.Das deutsche j Zoll" so führte er aus, hat sick) immer ausgezeichnet durck) I; ein besonders ausgesprochenes Nechtsgefühl. ] ^as ist eine fd)öne Eigenschaft des deutschen Volkes, eine

feiner besten Eigenschaften, die wir alle hochachten. Aber, Mine Herren, die Kehrseite dieses lebendigen und warmen < Mchtsgefühls, das unser Volk auszeichnet, ist eine ge- i oiffe politisch oft gefährliche Neigung, sich in

:incn abstrakten Formalismus zu verirren, ? ijt die uns Deutschen seit jeher eigene Neigung, öffentliche

fragen, große politische Fragen zu beurteilen, lediglich ; oem Standpilnkte des Privatrechts. Mit diesem Stand- ' iiinfte kommt man in großen politischen Existenzfragen p richt durch. (Sehr richtig!) Die erste, die oberste

unb vornehmste Pflicht eines Staates ist, sich ! srlbst zu behaupten. So mad)cn es alle an­deren Völker, und wenn wir es nid)t ebenso iiad)cn, so kommen wir eben unter die Rüder. Äraf Haeseler hat zugegeben, daß das Privateigentum lein ansolutes Privateigentum ist, sondern daß es da aus-- hört, roo die Staatsnotwendigkeit es erfordert. Er be= st teilet aber, daß eine Notwendigkeit vorliegt, so weit- ii^enbe Maßnahmen 311 treffen. Ja, was versteht man beim unter Staatsnotwendigkeit oder Notwehr. Wollen ivir es bis zum äußersten kommen laffen? Wollen wir «arten, bis die Polen mit bewaffneter Macht fid) er- iftben? Vorbeugen ist der erste Gesichtspunkt einer staats- rthallenden Politik, und wenn wir vorbeugen, dann muffen wir dahin streben, daß der deutsche Besitz die ihm

wohin gehört da; vierte Lehrerseminar?

Vvm Vorstand des Hessischen Lanbeslchrer--- v er eins ist folgendes Gesuch an das Gwßh. Ministerium des Innern gerichtet worden, in dem die Anschauungen des weitaus größten Teils der hessischen Lehrerschaft über die Zweck­mäßigkeit dcr Errichtung des Lehrerseminars in einer der größere Städte aussuhrlick) bargelegt werden:

In BenSheiM, WormS und Gießen fanden in den Monaten Okriber und November größere Leserversammlungen statt, die Stellung nahmen zu der Frage: Wohin gehört das in Hessen zu errichtende Lehrerseminar? Die _ Beschlüsse, die auf diesen Versani'mluugen nach gründlicher Aussprache über diesen Gegen- 'tand gefasst wurden, lauten übereinstimmend dahingehend, da'/,! Der Vorstand des Landes-Lehrervereins ersucht wird, an ge-1 cigneter Stelle dahin wirken zu wollen, daß das in Anssichl tehetrde vierte Lehrerseminar 'für das Großherzogcum Hessens unter keinen Umsvänden in einein Landstädtchen, sondern in einer unserer größeren Städte errichliet werde. Indem mir d-en Inhalt dieser Beschlüsse Grvßh. Ministerium des Innern zur' Kenntnis dringen, erlauben wir uns das dLachsolgende zur Be- gründung hinzuzufügen. . i

Bei Beantwortung der Frage, an welchem Orte ein Seminar ür Boltsschullehrer zu errichten ist, müisen nach Ansicht der hessischen Lehrer andere Gründe ausschlaggebend fein als z. B. bei der Errichtung eines Amtsgerichts, einer Irrenanstalt u. bergt. Ter Materielle Erfolg einer Gemeinde kann hier nicht in Betracht kommen. Ten Ausschlag dürfen nur die Verhältnisse eines Sc.- m-inarortcs geben, die den angehenden Vollsschuliehrer am besten ausvüsten mit dem Wissen und der situichen Festigkeit, welche Schule und Staat als notwendig forLeru. Hierzu ist aber nur einet Großstadt geeignet, was in den folgenden Ausführungen kurz erläutert werden soll.

Mit der Gwßh. Staatsregierung wissen sich die Volksschul- lelwer darin einig, daß die bessere Ausvildung dieses Standes und damit eine gediegenere Durchbildung des Volkes die Er­richtung einer neuen -Lehrerbildungsanstalt hauptsächlich bedingen. Tas Wsrt:Wir wollen tüchtig unsere Bolksschullehrer aus­bilden, und daß das Bedürfnis nach einer besseren Ausbildung besteht, wird von nienrand mehr anerkannt als von der Schul­verwaltung" zeigt daS Bestreben unserer entscheidenden Behördetl. Taß diese hohe intell^tuelle unö sittliche Bildung nicht aus­schließlich aus Michern in den eigentlichen Unterrichtsstunden gewonnen werden kann, ist attgenteilte Erfahrung^tarsache. Tie Ergäirzung des Unterrichts durch eine geeignete, mächtig, beein­flussende Umgebung ist für einen Bolksschullehrer ebenso not­wendig als ein guter Unterricht selbst.

Das Leben in einer Großstadt ist reger als auf dem Lande, mithin auch für bie Ausbildung eines Heranwachsenden Menschen von größerer Bedeutuitg als das in einem Landstädtchen. Tie Großstadt ist für den Seminaristen gleichsam ein Buch, aus dem er immer unb überall lernen kann. Wo er hinblickt, ist alles danach angetan, seine Anschauungen zu erweitern.Ter Semi­narist der Großstadt lernt und bildet sich aus, indem er durch die Straßen wandert, die Statuen, Tenkmäler und mibere Werke der Kunst in Augenschein nimmt, das Theater, die Borträge, Sammlungen, botanischen Gärten und Ausftellmtgen besucht." Leicht erklärt sich deshalb auch das VÄrt eines hervorragenden Seminardircktors, der behauptet: Tie Zöglinge der. Seminare aus Großstädtern zeichnen sich durch eine geübtere Aufsassungsrraft, durch eine größere Bekanntschaft mit technischen Dingen, mit den Verkehrs- und Kandelsverhäktnissen und durch ein gewandteres Auftreten aus.

Geradedas sichere wnd getoanbte Auftreten", das wir Lehrer beim Amtsantritte wünschen müssen, läßt die Großstadt als Se­minarort in erster Linie für geeignet erscheinen. Mr hoffen nämlich, daß das neue Senrinar mit dem System des Internats für die Senmiaristen vollstätrdig bricht. Es dürfte demnach die vvrnehmiste Sorge Großh- Ministeriuncs jbafrut gehen, die Semi­naristen in bem Scminarorte bei solchen Familien unterbringen zu Dunen, in denen ihnen auch tatsächlich in Umgangssprache u. Uin- gangsformen Ltachahmensweries geboten wird. 'Jiur bann wird dem angehenden Lehrer im Umgänge das gegeben werden können, dessen er so sehr bedarf. _

Tie Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der -Seminaristen ist "in einer Großstadt auch viel leichter möglich, und hier findet sich Gelegenheit zu religiösen Uebiingen für jede Konfession. Wenn wir nicht irren, hat gerade diese Rücksicht besonderen Anteil an der Errichtung dcs Seminars für Bolksschulleyrerinnen in Tamt- stadt. Hoffen mir, daß für die Lehrer dieselben Rücksicksten vor- rvalten und das Großh. Ministerium veranlassen, den maß­gebenden Körperschaften eine Großstadt als Seminarort vorzu­schlagen.

Mit Recht wird in den Seminarien der Ausbildung der Senllnaristen in der Technik des Unterrichtens große Aufmerk­samkeit geschenkt. Um diese Ausbildung aber möglichst vielseitig zu gestalten, ist ersorderlielx, daß an einem vielgestaltigen Schul­wesen unterrichtet wird. Ein solches bietet naturgemäß nur eine Großstadt, und deshalb glauben wir bestimmt, daß Großh. Mi­nisterium de§ Innen: dem Wunsche der hessischen Lehrer Recchlung tragen und zimächst der Hohen Ztveiten Kämmer der Landstände bie Errichtung des vierten Semiitars in einer Großstadt Vorschlägen wird.

Eine wichtige Fwage für unsere Lehrerbildungsanstalten ist die 5>eranbildung eines tüchtigen SeminarVrhrerstandes. In ben letzten Jahr-ehnten waren für bie Berufung dcr Seminarlehrer, soviel mir beobachten konnten, bie versclstodcnsten Grundsätze aus­schlaggebend. Tiefe Tatsache bemcift un5 zur Genüge, daß es nickst leicht ist, richtige Persönlichkeiten als Lehrer an die Senvb- naricn ausznwühlen. Wenn cs bis jetzt Großh. Ministerium nur mit Ucberioinbung vieler Hindernisse gelungen ist, tüchtige Lehr­personen hierfür zu finden, so glauben wir befrinnnt, daß diese Schwierigkeiten geringer sind, sobald cs sich u/r bie Berufung an ein Seminar in einer Großstadt hm dest. Zug der Zeit geht nun einmal nach den größten Stühren. 2*feben sind

auch die Seminarlehrer unterworfen. In bicicit <;Laoten raibcu sie geeignete Gelegenheit für die Ausbildung ihver Kinder, viel­seitigen Verkehr und g«ftige Anregung, die der gebildete Diann

Februar 1908

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