Ausgabe 
30.5.1908 Drittes Blatt
 
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Nr. 126

Drittes Blatt

158. Jahrgang

Samstag 30. Mai 1808

Eichener Anzeiger

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England warnen, und in England selbst gibt cs Kreise, die sogar beit Besuch des Königs in Rußland höchst ungern sehen. Aber bit* Regierenden in Frankreich und England werden solche Stimmen Ichsn bald genug zum Schweigen bringen. Man höre nur, wie I Wl^geistert Minister Pichon sich über den großartigen Empfang in England äußert: Er betrachte cs, so sagte er, als höchst er­freulich, daß die Vertreter einer Politik der Verständigung mit England Recht behalten hätten. Ter begeisterte Will­iamen, der dem Präsidenten in London von der Bevölkerung 'iloten worden sei, beweise, daß die Entente cordiale in ie Politik b e ider Länder als eine der funda- dentalen Grundlag en dieser Politik überge- , ange n sei. Tie Entente sei eines der sichersten Mittel, V i-m alle Combinationen unschädlich zu machen, die tf mit den Interessen Englands' und Frankreichs tollidierten und kn Früeden bedrohen könnten, den beide zu erhalten wünschten, ff Leit er ihr erstes und wichtigstes Bedürfnis sei. Diese Auffassung linsichtlich derer alle Politiker einer Meinung seien, sei bestimmt, km wohltuendsten Einfluß auf ganz Europa auszuüben; auch in ; Frankreich herrsche in dieser Frage Einstimmigkeit, abgesehen von I- tiner unbedeutenden Gruppe von Gegnern, welche die täglichen 1; tolitischen Vorkommnisse dazu benutzen, um das Ministerium Cle- I nencean zu bekämpfen.

Mit nicht weniger klaren Worten hat cs der englische Minister­kollege Pichons, Sir Edward Grey, versucht, der Arbeiter- partci des englischen Unterhauses die Notwendigkeit der russischen Reise des Königs darzulegen. Des. Partei hatte sich im Parlament bekanntlich gegen den Besuch in Rußland ausgesprochen. Sir Edward Grey gab nun hierauf die Erklärung ab, daß der Be­such des Königs in Reval ein offizieller Besuch sei und ähnlichen Charakter trage, wie die offiziellen Besuche, die der König bereits bei den anderen Souveränen und Staats­oberhäuptern abgeplattet habe. Tie Beziehungen zwischen den beiden Regierungen seien durch die englisch-russische Konvention klargelegt und cs bestände nicht die Absicht, eine neue Konvention oder einen Vertrag zu jchließen, oder etwa bei diesem Besuche Verhandlungen darüber in die Wege zu leiten. Er sei überzeugt, daß die guten Beziehungen zwischen den Negierungen und Bevölkerungen beider Länder durch den Besuch nur gewinnen könnten. Diese Erklärung hat dem englischen Parlamente genügt und für den Augenblick mag sie auch uns Fernstehenden genügen, aber wir wissen doch auch zur Genüge, daß die englische Diplomatie in wichtigen Fragen nicht plötzlich, nicht von heute auf morgen zu handeln pflegt, sondern daß ii-. sich Zeit nimmt und daß sie ihre weitausschauenden Pläne langsam und mit Bedacht und darum umso sicherer zu verwirklichen bestrebt ist. Es ist nicht Zweisel- sucht oix-r gar böser Wille, die es uns Deutschen gebieten, den englisch-sranzösisch-russrschen Fricdensschalmeien nicht gar zu sehr zu-

DieSiebener Zamillendlälter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

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schon Enthüllungen über sich ergehen zu lassen, und noch ist fein Ende dieser traurigen Affäre abzusehen. Es viergeht feine Woche, in der Oer Vaterlandsretter Harden nicht neue Intimitäten zu Papier bringt und in aller Ausführlich­keit breilrtitt. Einem schwer angegriffenen Manne wird gewiß jeder billig Denkende die weitgehendste Möglichkeit geben, sich zu verteidigen, aber die Art und Weise, wie Harden es tut, wirkt so abstoßend, daß man nur mit Ekel davon sprechen mag. Mag der Herausgeber der Zukunft doch seinen Richtern er­zählen, was er weiß; aber die Oesfentlichkeit sollte mit diesen schmutzigen Geschichten verschont bleiben. Auf den Fall Harden angewandt ließe sich ein bekanntes Dichterwort vielleicht so fassen: Und wem es ernst ist, was zu sagen, was braucht der viel im Schmutze kramen! Tas Reichsgericht hat jetzt das Urteil des Landgerichts inx zweiten Beleidigungspwzeß des Grafen Moltke gegen Harden aus verhältnismäßig geringfügiger Ursache umgestoßen und diese Angelegenheit zu erneuter Ver­handlung an das Landgericht zurückverwiesen. Harden hat also neue Möglichkeiten, das Vaterland zu retten.

Die Methode Hardens, sich um das Ackerland verdient zu machen, steht leider nicht so vereinzelt da. Auch wir in Hessen haben Proben einer unsachlichen Kampfesweise, einer Kampfcs- weise mit den kleinlichsten Mitteln. Man denke nur an die Hetz- arbeit der Antisemiten, um politische Gegner zu bekämpfen. Kann cs etwas häßlicheres geben, als politische Gegner in solcher Weise zu verdächtigen, wie es in der Interpellation des

Kammer hat in den letzten um noch vor Schluß des Laud- folchen Umständen ist cs doppelt

. .. überflüssiger Weise noch durch Interpellationen wie die Bährs in ihren Arbeiten aufgel-alten

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wird. In der Interpellation wird auf den Pfennig ausge­rechnet, was die Versetzung Werners kostet, aber man ver­schweigt cs klüglich, daß die stundenlange Erörterung dieser Interpellation in der Kämmer ebenfalls nicht wenig Geld kostet, Geld, das der hessische Steuerzahler hcrgebcn muß. Ist das Interesse am Fall Werner im Lande denn wirklich so groß, daß Zeit und Geld dafür nutzlos verschwendet werden müssen? Was ist i>cni Lande ein Tr. Werner?

Aus der dumpfen Enge solcher Fraktionspolitik fühlt man sich förmlich herausgehoben in eine freie, reinere Luft, wenn man die herzerfrischenden Worte lieftr, die unser Großhcrzog bei der Eröffnungsfeier der hessischen Landesausstellung in Tarm- ftadt gesprochen hat:Mein Hessen land blühe und in ihm die Kunst!" Tas sind, wie man heute schon längst über die Grenzen Hessens hinaus weiß, keine leeren schönen Worte, sondern ein Programm. Und treffender kann mau die Bedeutung dieser Ausstellung auch nicht kennzeichnen, als cs der Großherzog in dieser Rede getan hat:Die hessische Landesausstellung soll uns nicht nur den Weg zeigen, der zurückgelegt worden ist, sie soll uns auch die Richtlinien geben, auf denen nach weiterer Ver­vollkommnung gearbeitet werden muß . . . Möge diese Aus­stellung der hessischen Künstlerschast die verdiente Anerkennung bringen, möge ihr aber das Gefühl des Könnens und Gelingens auch ein Ansporn sein zu jugendfrischem Weiterstrebcn nach den Höhen der Kunst, die die schönste Blüte eines Voltes ist." So spricht ein Fürst, dem Kunst keine vorübergehende Saune und Liebhaberei ist, sondern eine ernste und heilige Sache. Wahrlich auch unsere politischen Heerführer in Hessen tonnten aus diesen Morten ihres Fürsten manches lernen, vor allem den Ernst des Wollens und die Größe des Zieles.

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Abg. Bähr im Fall Werner jetzt geschieht. Rach dem Gesetz war die Regierung durchaus nickt verpflichtet, ihre Gründe für die Versetzung des Oberlehrers Tr. Werner anzugeben, sie hatj es aber trotzdem getan und durch den Mund eines Vertreters' der hessischen Regierung erklärt, vaß die Versetzung nicht aus politischen Gründen erfolgt sei. Und trotzdem diese Verdäcl)- tigung der Liberalen, als hätten sie die Versetzung des Herrn Tr. Werners bewirkt, eine Verdächtigung, ohne den geringsten Schein von Berechtigung, ein? unerhörte Beleidigung der liberalen Gegner und der Regierung. Eine Partei, die solcher Mittel bedarf, um für ihren Kandidaten bei den bevorstehenden Landtagswahlen zu agitieren, verdient es wirklich nicht mehr, bei vernünftig denkenden Menschen, ernst genommen zu wer­den. Eine Partei, die so wenig Wert auf politischen Takt legt, und alles nur von dem beschränkten Gesichtspunkte der Fraktions- Politik betrachtet, erscheint zu ernsthafter politischer Arbeit doch' recht wenig befähigt. Wir können es indessen nicht glauben, daß alle Parteigenossen des Herrn Bähr oder gar die deutsch­soziale Partei des Reichstages eine solche Kampfesweise billigen werden. , Man denke nur au di? ruhige und sachliche Art, wie der deutsch-soziale ReichstagSabg. Lattmann hier in Gießen sprach/ Sie hob sich vorteilhaft ab von der Kampfesart der Herren Bäkw Werner und Genossen. ;

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, Gießen, den 30. Mai.

MonarckMchegegnungen und Besuche von Staatsoberhäuptern s ind heutzutage so häufig, daß man ihnen im allgemeinen schon föine so weitgehende politische Bedeutung mehr beimißt, wie ehe- bom, als das Reisen iwch mit großen Unbequemlichkeiten ver- k rupft war. Wenn König Leopold von Belgien allwöchentlich mich Paris reist, dann denkt sicher kein Mensch mehr an Politik Auch wenn unser Kaiser auf einer seiner vielen Reisen dem Könige von Italien oder dem König von Griechenland seine Auf­wartung macht, wird man nicht ohne weiteres von politischen Gründen und Hintergründen sprechen. Anders ist es schon beim Könige von England. Auch König Eduard ist viel und gern auf Reisen, und die Erfahrung lehrt, daß diese Reisen tatsäch- läh nicht immer bloße Erholungsreisen sind. König Eduard bringt lxinahe von jeder seiner Reisen seinem Lande etwas mit, und sei es auch nur die Versicherung der aufrichtigsten Sympathie ob Freundschaft der Dänen, Schweden und Norweger. Die Engländer wissen das sehr gut und cs schmeichelt ihnen, sich so von der Sympathie und der Freundschaft aller Welt um­geben zu sehen. Aus diesem Empfinden heraus haben, sie neulich ten südd euts chen Bürgermeistern in London eine sehr Mündliche Ausnahme bereitet und jetzt auch die deutschen geistlichen gastlich empfangen. Aber die Engländer sind i)id zu sehr Realpolitiker, um ihre Politik auf F-rcundschafts-

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