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29.4.1908 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfaht 12 Seiten.

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tinbcr, b'C öUm totuöiunx geeignet Für die Sitzung der ©tabt oeroebneten -

ng° bet DerhälUnsse 2s Agtings IVersammlung am Donnerstag den 30. April, nachm.

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dm Ausführungen dieser Petition folgendes:

180 000 Kinder werden in Deutschland alljährlich unehelich ge­boren. Zwei Drittel von diesen eiiben im Zucht» und Irrenhaus. iTleim Zehntel aller Gewohnheitsverbrecher sind Uneheliche." Dieses Verhältnis der Zahl der Unehelichen zu der Zahl der GewohnheUs- verbrecher, das Dr. Fleischmann einenRaub am Volkskorper' nennt, erklärt er daraus, daß die Erziehung der unehelich Geborenen in

nur wünschen, daß sie im Reichstage und in der weitesten Oeffentlichkeit den rechten Boden finden möchten, den sie verdienen.

erscheinen, sollen eventuell auf ,

Mrden; tue Kosten bei Besserung der Verhältnisse

Aus Stadt und Land.

Gießen, 29. April 1908.

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Fürsorge für uneheliche Kinder.

Eine dem Reichstag zugegangcne Petition eines Dr. M. Fleischmann-München enthält rnteressante Reformvorschläge in drr Frage der Fürsorge für rtneheliche Kinder. Wir entnehmen

12. Parteitag der deutschen Reform-Partei.

ImVolksheim* zu Leipzig traten am Montag die Mitglieder der Allgemeinen deutschen Reformpartei zu ihrem diesjährigen Parteitage zusammen. Schon Tags zuvor hatte ein Begrüßungsabend stattgefimden, der außerordentlich gut besucht mar, da zahlreiche Delegierte aus dem Reiche, beson. dcrs aus Hessen, erschienen waren. Die Reichstagsabgeord­neten der Partei und die Vertreter in den Landtagen halten sich fast vollzählig eingefunden. Rach den üblichen Begrüß­ungsreden wurde der Hauptpunkt der Tagesordnung:Die Neuorganisation der Partei" behandelt und nach ausgedehnter Debatte beschlossen, alle Parteiorganisationen im Reiche zu einemNeichsbunde" zusammenzuschließen und der vorgelegte Organisationscntwurf genehmigt. Nach den Beschlüssen bezweckt der Reichsbund die einheitliche Regelung der antisemitisch-reformerischen Agl- tationsarbeit, insbesondere die Vorbereitung zu den Reichstagswahlen. Zwischen dem Reichsbund und der Parte, besieht ein enger Konnex, der Reichsbund erkennt die auf dem Parteitag gewählte Parteileitung der Reformpartei als Vor­stand an, während die Partei den Reichsbund als ihre cm» heitliche Organisation durch das Deutsche Reich und die Kaffe des Rcichsbundcs als ihre Par-teikasse betrachtet. Der Hauptsitz desReichsbtmdes" wird Berlin sein.

politische Tagesschau.

Das Kaiserpaar auf Korfu.

Die kaiserliche Familie wird am Sonntag mit derHohen- zollern" nach Santa Maura dampfen. Profeffor Dörpfeld- Athen hat auf Wunsch des Kaisers sich nochmals über Santa Maura, als das eigentliche Ithaka, geäußert. Gestern abend waren Kontreadmiral v. Ziegler, sowie die Kommandanten des hier ankernden österreichischen Geschwaders nach dem Achillewn zum Diner geladen. Zu dem sich anschließenden Bierabend hatten alle Offiziere Einladungen erhalten.

1. Mitteilungen. 2. Bebauungsplan für das Gelände der Aktienbrauerei. 3. Erweiterung des Schlacht­hauses und Erbauung einer Kühlanlage. 4. Be­schaffung von Räumen für Unterbringung der Lesehalle. 5. Entwässerung des Torhäuscheus am Neuenwegertor. 6. Herstellung einer Einfriedigung an der Alicestraße. 7. An­schluß dec neuen Augen- und Chirurgischen Klinik an, das Elektrizitätswerk. 8. Städteb u not Heater Gießen-Mar- burg; hier: Erneuerung des Vertrags. 9. Uebernahme des Fehlbetrages bei der Omnibusgesellschaft für 1907 auf die Stadtkasse. 10. Kosten für die Fürsorgeslelle für Lungen­kranke. 11. Errichtung eines städtischen Pfandhauses. 12. Dar­lehen an den Ziegenzuchtvercin. 13. Stiftung von Ehren­preisen für die Hundeausstellung. 14. Kaufvertrag zwischen der Stadt und Karl Zimmer. 15. Kaufvertrag zwischen der Stadt und Heinrich Urban. 16. Tauschvertrag zwischen der Stadt und H. Fröhlich. 17. Kaufvertrag zwischen der Stadt und Georg Pfaff. 18. Desgleichen zwischen, der Stadt und Fr. Klencker Eheleute. 19. Desgleichen mit Heinrich Winn Eheleute. 20. Gesuch des Schutzmanns Gaßmanii um Ab­kürzung seiner Kündigungsfrist. 21. Gesuch des Karl Tcxtor um Erlaubnis zum Wirtschaftsbetrieb im Hause Kaiserallee 122. 22. Desgleichen des Albert Moßner für die Weslanlage 39. 23. Desgleichen des Karl Heckmami für '21 n den Bahnhöfen 71. 24. Desgleichen des Karl Valentin für Gaslivirtschaflsbetrieb im Hause Schützenslraße 18.

** Der 2 5. Delegiert en tag des Rßein-Main- Ga st wirteverbandes fand am Dienstag in Groß-Gerau statt. Es waren etwa 50 Delegierte anwesend, die ca. 2400 Mitglieder vertraten. Als Ehrengäste waren K.risrat Mallau, Bürgermeister Arnold und Vertreter anderer Verbände erschienen. Die Tagung wurde durch Begrüßung des Vorsitzenden des Groß- Gerauer Vereins P. Schmitt eröffnet, worauf der Verband.- vorsitzende die Leitung übernahm. Zunächst wurde Bericht er­stattet über die Eingaben des Verbandes bei der Zweiten Kammer und der Regierung betr.: 1. Die Gebühren für die Kontrolle der Bi crl ei tun gen. Es wird empfohlen, in den .streifen, in denen eine solche Gebühr noch besteht, alsbald eine Eingabe wegen Aufhebung zu machen. 2. Die gänzliche Aufhebung der Feierabend st unde wurde -von der Kammer wie buit

Die bevorstehende Reichsfinanzreform.

In der gestrigen Sitzung der Abgeordnetenkammer be­sprachen verschiedene Redner die Reichsfinanzreform, worauf Finanzminister v. Pfaff erwiderte, darüber, daß die Reichs­finanzreform ein unabweisbares Bedürfnis sei, bestehe Ueber- einstimmung. Ungedeckte Matrikularbeiträge widersprächen jeder gesunden Finanzpolitik. Der Reichsschatzsekretär S y d o w hat bei seiner Anwesenheit in München ein förmliches Programm für die Finanzreform mitgebracht. Ueber die Einzelheiten der Besprechung mit dem Reichsschatz- 'efretäc könne er keine Mitteilungen machen. Die in der Presse gebrachten Angaben darüber stammten nicht von ihm. Den direkten Reichssteuern werde Bayern unter keinen Umständen zustimmen. Die Reichsfinanz­reform müsse sich auf den Ausbau der indirekten Steuern stützen. Wenn weitere Einnahmequellen nötig seien, so sei die Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf die Deszendenten der gangbarste Weg. Gegen die sogenannte Veredelung der Matrikularbeiträge müsse er sich aussprechen, falls sie auf indirektem Wege einen Eingriff in die Steuer­gesetze der emzelnen Bundesstaaten bedeuten würde. Zur Zeit lasse sich das Erträgnis der Einkommensteuer in den einzelnen Bundesstaaten wegen der Verschiedenheit der Steuer­gesetzgebung nicht vergleichen.

ogerie eler, SCO.

Tischgespräche mit dem Fürsten von Bülow.

Der österreichische Schriftsteller Sigmund Münz war im Hotel Grande Bretagne zu Venedig vom Fürsten non Bülow, zusammen mit S-nator Tische geraden" und be­

richtet jetzt in der bleuen Freien Presse über die Tischgespräche. In vielen Stunden fiel nur eine einzige politische Aeußerung. Auf die Frage, ob der Kanzler wagen würde zu prophezeien, ob sich die Zukunft der Völker auf der Grundlage noch wachsenden nationalen Fühlens oder in mehr humaner Richtung entwickeln würde, meinte der Fürst:Man ist jetzt überall national gestimmt. Ein Staatsmann darf nichts gegen das nationale Gefühl tun." Seinen Eindruck vom Papst faßte Fürst von Bülow in folgenden Worten zusammen: «Der Papst hat einen vortrefflichen Eindruck auf mich gemacht. Er scheint nicht nur ein reiches und tiefes Gemüt zu besitzen, sondern ist auch ein kluger Mann. Diejenigen unterschätzen ihn, die ihn nur als den guten, wackeren Pfarrer hinstellen, was zu sein übrigens auch ein Vorzug ist." Immer wieder kam die Sprache auf die neuerworbene Villa Malta zu­rück. Der Fürst fühlte sich geschmeigelt, daß die Geschichte der Villa mit dem Namen Lukullus ued Sallust zusannnen- gebracht wird. Seine Uhr ziehend, die er 42 Jahre bei sich trägt, sagte er:Vielleicht war ich prädestiniert, die Villa zu kaufen. Auf denr Deckel meiner alten Uhr sind die Worte aus Sallusts Bellum Jugurthinum eingrcwiert: Animus human! generis rector 2c.° Münz meinte, wenn Bülow die Villa dereinst bewohne, würden sallustinische Neigungen über ihn kommen, er werde seine Memoiren schreiben. ,DaS werde ich mir wohl überlegen", erwiderte der Fürst. Zum Gesandten Flotow sagte er:Sie sollten sich von jeden, Diplomaten schriftlich geben lassen, daß er für den Fall, daß ec seine Memoiren veröffentlicht, eine halbe Million Reugeld bezahlt." Visconti Venosta habe ihm erzählt, daß auch Graf Nigra seine Memoiren vernichtete, und nun gab Fürst von Bülow aus dem Gedächtnis ein Kapitel dieser Rigra-Memoiren,Villa Franca" betitelt, zum besten, das ihm Nigra am Wiener Kahlenberg vorgelesen hatte.

zuruckzuerstatten; mck dem Erziehungsbaus wäre eine Kolonialschule 4 Ubr ist folaenbe a n e § or b nun n zu verbinden, um nichtige Farmer heranzubllden, ferner eine > --- - 19 -agesoronung

Marineschule zur Heranbildung tüchtiger Seeleute für die Marine;

das Abgangszeugnis von diesen Schulen gewährt das Recht zmn Einjährig-Freiwilligendienst; die Ausbildung erfolgt ohne Vorbehalt der Rückerstattung auf Staatskosten, wenn sie zu dem augestrebten Ziele führt."

Diskutabel sind diese Vorschläge zweifellos, und man kann

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1 fast allen Fällen durchaus unzulänglich ist, schon aus dem Grunde, i iueil die Alimentationspflichten dec Väter nur selten ersullt werden, i Hedemalls sei die Höhe der Alimentation so gering, daß eine wirk- ,g liebe Erziehung daraus nicht zu bestreiten t|t. Daraus folgert

.Strfü Tr. Fleischmann:Alle rmehelrchen Kinder, ber denen die Vor-

. bcbiiignngen für eine gute Erziehung zu brauchbar en M itguedern

Ifides Staates mangeln, sind in vom Staate zu unterhallende Er- 1 üehnngsanstalten, die den Namen Erziehungshauser fuhren, zu

biingen." Tie bisher der Mutter oder denr Kinde zustehenden Jn- spräche an den Vater sollen an den Staat Übergeben, der damr d,e --^,1 elementare Erziehung übernimmt. Der Unterricht umfaßt zunächst btn Lehrplan der Volksschule; Kmder, die zum Studlunr geeignet

der Regierung abgelehnt. Da aber im ganzen Lande eine humane Handhabung zu konstatieren ist, sollen nur dort Schritte geschehen,- wo noch Klagen vorhanden sind. 3. Die Gesuche um Beseitigung! dec Mißstände durch Animierkrreipen sind bisher ohne Antwort geblieben. Die Mitglieder werden ersucht, zwecks Erneuerung dieser Eingaben das entsprechende Material an den Verbands- vorstand einzureichen. Wegen der hohen Stempetge -- b ähren auf W irt s ch a f t s ko n z e s s i o n e u, bet Umzug, liebergang von Eltern auf Länder, bei Tanzerlaubnis- Automaten, Klavieren usw. wird nach Referat ins Ehren­vorsitzenden Reinemer beschlossen, eine neue Eingabe an Ne­gierung, und Landstände zu richten. Eine eingehende Debatte veranlaßte der Antrag des Vereins Seligenstadt: Die Behörden möchten bei Erteilung von W i r t f ch a f t s k o n z e s s w neu die Prüfung der B e d ü r f n t s f r a g e mehr als seither in Er­wägung ziehen und so vorgeben, wie dieses in Preußen und Bayern der Fall ist. Der Verein Mainz hat den weiteren Antrag gestellt:Der 25. Delegiertentag nimmt mit Bedauern davon Kenntnis, daß die Regierung auf die Eingabe betr. die Aushebung der Animierineipen bis jetzt keine Antwort erteilt hat." Beide Anträge wurden einstimmig angenommen. Zu ben Bestrebungen betr. die Einführung der Sonntags­ruhe im Wirtsgewerbe wurde nach eingehender Debatte folgende Resolution angenommen:Der Rhein-Main-Gastwirteoerband protestiert entschieden gegen jede Ausdehnung der Sonntags­ruhe im Hotel- und Wirtsgewerbe, welcher Art sie auch sein möge und beauftragt den Verbandsvorstand, alle geeigneten Schritte zu ergreifen, um diese Resolution zur Durchführung zu bringen. Hierauf werden dem Verbandsschriftführer Lind und dem Ber- bandsrechner Guth für ihre Berichte Entlastung und Tau- zuteil. Rach Bericht des Herrn Reinemer wurde hierauf eine längere Resolution angenommen, welche dahin geht, in energischer Vorstellung an die Brauereien für die alsbaldige Wieder­einführung der früheren Bierbezugspreise in sol­chen Bezirken, wo die Wirte den Ausschankpreis nicht erhöhen konnten, auch mit allen erlaubten Mitteln für die Befestigung des rnißftändigen Ku n de ns ch u tz e S der Brauereien einzutreten. Alsdann wurde eine Anzahl Grundsätze angenommen, welche in Zukunft bei Abhaltung von Ausstelluugeu maßgebend sein sollen und beschlossen, das 25jährige Jubiläum des Rhein- Main-Verbandes Ende Juli 1909 gleichzeitig mit dem deutschen Bundestag und großer fachgewerblicher Ausstellung mit Wein- rnarkt, Massenspeisung in Darmstadt abzuhalten. Für die der gemeinsamen Sache geleisteten Dienste erhält die goldene Ver- bandsmedaille^ Weißmüller-Mainz, die silberne Mörbel-Mainz, Schmitt- und Lrteckenbihler-Groß-Gerau und Geyer-Offenbach. Der Verbandsausschuß wurde hierauf wiedergewählt und beschlossen, den nächsten Delegiertentag in Worms abzuhalten. Schließlich wurde einstimmig beschlossen, an dem vorjährigen Butzbacher Be- chluß festzuhalten, daß es auch westerhin den Gastwirten er­mögliche sein soll, das Amt eines Bürgermeisters oder Gemeinde­rechners auszuüben.

** I n de r Le se ha l l c hat vor einigen Tagen ein Bilder- Wechsel stattgefimden. Zunächst ist ausgestellt eine Sammlung englischer Porträts und Landschaften; Reproduktionen von Werken englischer Künstler, deren Originale jüngst in Berlin ausgestellt wovon und seitdem viel besprochen wurden. Wir finden dabei von Reynolis:Sxraogin von Tovonshire",Mrs. Elisabeth Carnac",Die kleine Wahrsagerin",Nelly O'Brieu",Enaels- köpse", ferner von Remey:Mrs. Drummond",Country of ^erby",Mrs. Mark Currie", ferner von Gainsoorough:Vis- cvunteß Fallestone",Miß Lindley und ihr Bruder", von Eon- iabfe,Flatford Mill" usw. Andere Ableitungen bringen Werke von zwei deutschen Maler-Humoristen. Wir sehen 9 Bilder des gemütvollen SstÄveg: Klapperstorch",Ter verliebte Pro­

visor",Ständchen",Serenissimi Auffahrt",Die Ordonnanz", "Der Witwer",Heimkehrende Sennerin", Der Abschted Born Humoristen Philivpi sind folgende Bilder ouSgestelll:Der Besuch",Ter Student",Am Morgen", ^"^P^l-Weisheit",Am Philosophenweg",Nil- mxSxMcät Man beachte, wie fein dieser Künstler seine Per- onen mtt ifrccn Ergenturnllchkerten in ihrer Umgebung zu schildern v^stbht. den ausgestellten Sleinzeichnungen seien genannt * "Das obere Mölltal" undAlm im Hochgebirge" von Glück,Das

Sfimmutigsbilö aus dem Reichstage.

Berlin, 28. April.

Die große Vertagungspause zwischen den beiden Hauptab­schnitten der Arbeit des Blockreichstags, die nach der Verab­schiedung von Vereins- und Börsengesetz vor dem Osterfest begann, wurde heute unterbrochen, um in einem kurzen Zwischettabschuitt die driiiglichsten Rest zu rled'gem Aber wie anders ist das Bild geworden, nun, da es die Blockarbeit zunächst nicht mehr gilt. Verschwunden die dichte Besetzung der Bänke, und ver­klungen das Feldgeschrei: Hie Block, hie Gegenblock! Statt dessen das Brüderpaar Zentrum und Sozialdemokraten einander in den Haaren und Herr Mathias Erzberger in brünstigem Werben um die alte Liebe der Konservativen.

Wie fast immer in der ersten Sitzung nach den Ferien standen Petitionen auf der Tagesordnung, und bei einer oon ihnen, die sich auf die Verhältnisse der elsaß-lothringischen Bergarbeiter bezieht, vollzog sich dieses Zwischenspiel. Tas gemeinsame Vor­gehen der organisierten Bergarbeiterschaft draußen im Revier bei Lohn- oder Knappschastsfragen, das sämtliche Richtungen der Gewerkschaftsbewegung in der Siebenerkommission vereinigt, ist jedesmal in heftige Parteifehde auseinandergespalten, sobald Erörterungen im Reichstage gab. Diesmal wirkte die vielbe­sprochene Abstimmung des Führers der christlichen Bergarbeiter Behrens zum § 7 des Vereinsgesetzes, wie zu erwarten war, noch als beesonderer Sprengkörper, und der Vorsitzende des sozial­demokratischen Bergarbeiterverbandes Sachse mit seinem elsässischen Parteifreund Emmel auf der einen, die Abgg. Giesberts, Behrens und Erzberger auf der anderen Seite, führten denn auch nahezu während der ganzen Sitzung einen leidenschaftlichen Kampf, dem die anderen Parteien als stumme Zuhörer beiwohnten. Herr Erzberger glaubte wohl auf den Trümmern des Antiblocks den alten Bund leichter erneuern zu können. Mer fein Mühen war einseitig: eisiges Schweigen war die Erwiderung, als er Herrn v. Rormann und feine Freunde einmal und noch einmal be­schwörend fragte, ob sie denn wirklich mit dem Zentrum nichts mehr zu tun hoben wollten, well es für die Arbeiter sich ins Zeug lege, und nur, als er auf den bekannten Artikel der Kreuzztg." bezug nahm und den Geist ihres früheren Chef­redakteurs Kropatschek beschwor, erhob sich der Sozialpolitiker der Konservativen Pauly zu einer kurz abweisenden Erklärung im Auftrage seiner Fraktion: dieKreuzztg." sei ein selbständiges Organ und unterstehe nicht dem fraktionellen Einfluß. Daneben nur noch wenige erläuternde Worte des Kommfffars der reichs­ländischen Negierung Halley zu der in der Eingabe behandelten Fraae: im übrigen gehörte die -fünfstündige Sitzung fast aus- schließung der Auseinandersetzung zwischen Sozialdemokraten und Zentrum.

Nicht weniger als 67 Petitionen füllten die Seiten des Druckheftes, das diesmal die Stelle der Tagesordnung vertrat, und der dargebotene Stoff wurde fast vollstäräiig bewältigt. Eine kurze sachliche Aussprache gab es nur noch über eine Eingabe, die sich mit der Sage des Chorpersonals der Bühnen befaßte: dabei fand der Spezialist der Zentrnmspartei für die schönen Künste, der jugendliche Bibliothekar Dr. Meiffer, Ge­legenheit, sein kunst- und künstlerfreundliches Herz zu betätigen. Voriorglich hatte der Präsident den Vorschlag gemacht, zunächst alles das vorwegzunehmen, wozu eine Wortmeldung nicht vor­lag, und wobei die fleißige Arbeit der PetitionSkomniission zu unangefochtenen Beschlüssen geführt hatte, und so wurde ein volles Schock Petitionsberichte in der ersten Viertelstunde erledigt. Darunte'r war auch die Bittschrift eines armen aus­gedienten Postgehilfen, der Jahr für Jahr um eine kleine Erhöhung seiner Jnvalidenpension gebeten hatte und nun, als das Plenum des Reichstags dabei war, nach dem Süitrage der Kommission diese Bitte dem Reichskanzler zur BerLch'ichtigung zu empfehlen, inzwischen in der Ausübung seines Petitions- rechtes verstorben war. Das focht das korrekte Sirreaufratengemüt des Zentrumsabgeordneten Kirsch nicht an: Dem Manne sollte sein Recht werden, und so beantragte er die Berücksichtigung der Pc> tition, dieweil ja der Reichstag kein Standesamt sei.

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Nr. 100 Erstes Blatt 158. Jahrgang Mittwoch ÄS.SlPril 1908

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