Nr. 75
Viertes Matt.
158. Jahrgang
Samstag, 38. März
Erscheint K-Nch mit VuSnahm« bei Sonntag».
Die «fleßentt FamiNenblcMer- werden dem „Anzeiger' etermol wöchentlich betgelegt, das „Krdsblotl fit -es Krtls Gießen" zweimal wöchentlich. Der »hesstlche Landwirt" erschein! monatlich einmal.
Lietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhejjen
fftottrftonSbrucf und vertag der Br üblichen Unwerstlöt« • 8ud> unfc CutntiTudetct- Ä. Bangt, Gießen.
Redaktion. Exvedttton <xnb Druckereie Schul- stratze ?, Lxpedttton und vertag . 61.
Redaktion: fcss) 112, TelAdr» AazeigerDießeo»
Deutscher Reichstag.
132. Sitzung am 27. März. '
Dm Tische des BundeLrats: Fürst Bülow, v. Bethmann. Holl weg, v. Tirpitz, v. Schön, Sixt v. Armin, Dr. «shdolv, Twele. Wermuth, Caspar, v. Loebell.
Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Minuten.
Die aus der gestrigen Verhandlung noch rückständige Resolution der Polen auf Einsetzung einer Enquetekommission aus Mitgliedern der verbündeten Regierungen und des Reichstags zur Untersuchung der politischen Verhältnisse der pol- nischen Bevölkerung wird in namentlicher Abstimmung mit 158 gegen 148 Stimmen bei 2 Stimmentbaltungen angenommen. Mit Zentrum, Polen und Sozialdemokraten stimmen die deutsche Volkspartei und einige Mitglieder der beiden anderen freisinnigen Gruppen für die Resolution.
Dritte Lesung des Etats.
Die dritte Lesung des Flottengesetzes wird damtt verbunden.
In der Generaldiskussion erklärt i Schahsekretär Dr. Sydoto > die Zustimmung der verbündeten Regierungen zu der Reichstags, resolution über die Gleichstellung der expedierenden Sekretäre, die vor dem 1. April 1897, mit denen, die nach diesem Zeitpunkt angestellt sind, und zwar schon mit Geltung vom 1. April d. I.
Abg. Speck (Zentr.):
Diese Schuldenwirtschaft kann nicht so weiter gehen. Diese Art der Fundierung unsere: Ausgaben tft die Art des Bankerotteurs. Die Vertreter der bayerischen und dcr wrdi. schen Regierung erklärten in der Vudgetkommission, sie würden auch 1909 nicht in dcr Lage sein, die gestundeten Matrikulacvci. träge an das Reich abzuführen; aber es wird ihnen nichts anderes übrig bleiben. Die Veredelung der Matrikularbeiträge bedeutet nur eine Verschiebung. Eine Vorschrift deS Reiches, wie die Einzelstaaten ihre Matrikularbeiträge zu erheben haben, lehnen wir aus föderativen Gründen ab. Die direkte Besteuerung muh den Einzelstaaten Vorbehalten bleiben. ES ist Sache des Schatz, amts, nicht der Abgeordneten, neue Steuervorschläge zu machen. Eine Reichseinkommensteuer wäre ein schwerer Eingriff in die Finanzhoheit der Einzelstaaten. Sie bedeutet ihre finanzielle und damit auch die politische Mediatisierung. Da sind mir die Matri. ttilarbeiträge doch noch lieber als eine direkte Rkichssteuer. Auch in der Berufung des neuen Herrn im Schatzamt auch in das preußische Ministerium erblicken manche Politiker etwas vom födera- ttven Standpunkt Bedenklicher, befürchtet man eine noch weitere Stärkung des preußischen Einflusses auf die Reichsfinanzen. Die Schahonwcisungswirtschaft ist sehr bedenklich; mit diesem System der ungedeckten schwebenden Schuld, dieser ständigen Beunruhi- gung des Geldmarktes, must bei der Finanzreform aufgeräumt werden. Bei der jetzigen Finanzwirtschaft steht daö Ansehen des Reiches nach außen auf dem Spiel. Die Lösung muß erfolgen nach dem Grundsätze dcr steuerlichen Gerechtigkeit; wir Warten die Vorschläge ab. (Beifall im Zentrum.)
Abg. Graf Kanitz (kons.):
In der Hauptsache bin ich mit dem Vorredner einverstanden; ich vermisse bei ihm nur die Angab: der Steuerquellen, mit denen er der jetzigen Finanzwirtschaft abhelfen will. Aber jetzt, bei der dritten Lesung, werden wir uns über ein neues Finanzpro. gramm doch nicht verständigen.
Vor drei Wochen haben wir uns mit der Kartellresolu. tion Spahn beschäftigt; die Regierung hat un8 vertröstet. Aber angesichts der neuesten Erscheinungen muß man doch fragen, ob nicht ein Ein'chreiten notwendig ist. Während im Auslande die Kohlcnpreise herabgehen, hält das rheinisch-westfälische Kohlen- shnditat seine Preise fest, hält seine Politik der Einschränkung der Produktion und dcr billigen Auslandsverkäufe aufrecht. Unsere Essenindustrie kann unter diesen Umständen mit dem Auslande nicht konkurrieren. Eine gesetzliche Regelung ist dringend erfor- dcrlich.
Abg. Dr. David (Soz.):
Frhr. v. Stengel ist gegangen aus Verzweiflung, daß es ihm nicht gelungen ist, das Reich aus seiner entsetzlichen Finanzkalamität zu befreien. Das Zentrum in holder Gemeinschaft mit den Konservativen wollen die indirekte Steuerlast noch weiter vermehren: Vier-, Tabak-, Zündholz- und Petroleummonopol — alles Belastung des Massenkonsums. In der Agitation draußen sind d:e Herren vom Zentrum für direkte Steuern, hier lehnen sie es rund ab. Das muß festgestelli: werden. Die Kohlenverteuerung ist all- gemein und der preußische Fiskus tut dabei mit. Wir sind tote ^raf Kanitz prinzipiell für Uebernahme des gangen Bertoerks- vesitzeS auf Staat bezw. Reich; aber solange wir nicht die Garan- -:e einer demokratischen Verfassung haben, lehnen wir es ab.
jöerr Lattmann und mit ihm der Reichskanzler degradieren die Beamten zu Lehnsträgern der Krone. Nein, sie sind freie Staats- bürger. Aber trotzdem verlangt mar. in Preußen von ihnen, daß sie auch ihre persönliche und politische Gesinnung verkaufen. In Preußen werden sie geknebelt, bar" kein Sozialdemokrat Turnlehrer, Mitglied einer Schulkommiffion sein. In B a y - er n dagegen sitzt im Landtage ein sozialdemokratischer Eisenbahn- arbeitcr der vom Staate seinen Lohn weiter erhält. Wie türm- hoch steht Bayern über Preußen! Enttäuschung bei den Beamten, Enttäuschung bei den Arbeitern! Ser, einzige Gesetzentwurf dcr über die Arbeitökammern, aber wie sieht" er aus! Unserer Kritik hat sich jetzt in der badischen Stammet auch ein Minister Herr v. Bodmann angeschlossen.. Ueberall im Reiche kommt der preu- stische Einfluß zum Vorschein. Dieses Durcheinander von Reich und Preußen wird sehr drastisch durch die Person des ReichskanSlers illustriert. Preußens Hegemonie ist unbestritten. Die preußische Wahlrcform ist Reichssache, denn das Reich hat es nuszubaden, wenn in Preußen ein rückschrittlicher Landtag vor- banden ist. Solange in Preußen die rückschrittlichen Instanzen daS Heft in der Hand haben, ist an eine liberale Aera nicht zu denken. $er optimistische Glaube an die Möglichkeit eines liberalen!
Reichskanzlers ist wohl jetzt auch in den Reihen der LinkS- liberalcn ziemlich zerstört. Herr Naumann hat dem Reichskanzler erst vor einigen Tagen daS Vertrauen aufgekündigt. Ich las aber dieser Tage im „Berliner Tageblatt' in einem Lersammlungs- bericht noch schärfere Worte. Es hieß da: „Wir haben jedes Ver- trauen zum Reichskanzler verloren. Seine Wahlrechtserklärung war eine Brüskierung, der wahre Hohn, er hat fein Versprechen gebrochen. Wir stehen ihm darum kühl bis aus Herz hinan gegenüber." — Wissen Sie, wer so gesprochen hat? — Dr. M u g b a n! (Große Heiterkeit.) Weite Bevölterungsschichten werben durch das preußische Wahlrecht entrechtet, die ganze Intelligenz. Graf Posa- dowdky hat uns ja erzählt, daß er mit dem Fürsten Hohenlohe und seinem Portier zusammen in der dritten Klasse wählte. Und mit dem Fürsten Bülow toäre es nicht anders, wenn er nicht zufälligerweise in glücklicheren Vermögensverhältnissen toäre. Will bet Reichskanzler etwa sagen, das intellektuelle Niveau des Reichs- tagS stehe unter dem des Dreiklassenparlaments? Er hat es wohl nicht ernst gemeint, ober wir verwahren unS gegen solche Aeuße- runqen. Reich und Preußen haben verschiedene Aufgaben, sagt der Reichskanzler. Gewiß, das betont ja auch Naumann: Fragen der Kirche, der Schule, die werden jetzt von Leuten entschieden, die ihre Äirber nicht in die Volksschule schicken.
Die preußische Schule ist ein Gebiet, wo jeder gebildete Deutsche schamrot wird. (Unruhe und Gelächter rechts und im Zentrum.) Da wird das Wort vom Dichter und Denker zu grausamer Ironie, und der Reichskanzler, der dieses System halten will, muß in feinem innersten Wesen auf dem Boden der äußersten Rechten stehen. Man wird kein Wort mehr glauben können, bevor man nicht Taten sieht. (Sehr wahr! auf bet Linken.) Auf daS Wahlgesetz beruft er sich. In Wirklichkeit hat bieS Gesetz mit bem Wahlkuvcrt bas Wahlgeheimnis nicht geschützt, sondern zerstört. (Gelächter rechts.) Ich ersuche den Reichskanzler, sich von einem seiner Geheimräte einen Auszug aus den Akten bet Wahlprüfungskommission zu machen. Will er das Wahlgeheimnis, bann bringe er unverzüglich ein Gesetz über die Einführung von Wahlurnen ein. DaS rote Meer! WaS will der Moses und der Aron sagen — Bülow, der Reichskanzler ist ja da! (Große Heiterkeit, Zurufe von recht.) Ach, Sie glauben wohl, ich stamme aus dem Königsgeschlecht? Sie irren sich! aber wäre es der Fall, ich würde das ebenso markant aussprechen. Bülow ist ja da, der sich gewiß ebensoviel politischen Weitblick und Führertalent zusprechcn wird wie Moses und Aron. (Heiterkeit.) Aber interessant ist doch feine Schlußfolgerung: Er nimmt an, daß bei dem gleichen Wahlrecht die große Mehrheit sozialdemokra- tisch stimmen wird. Es ist aber ja gar nicht wahr, daß wir die Minderheit tot machen, terrorisieren wollen; wir fordern ja das Proportionalwahlrecht. Wir wollen den Wahlkampf, den ganzen politischen Kampf sanieren. (Gelächter rechts.) Wer das öffentliche Wahlrecht aufrecht erhält, der sanktioniert bas System der pcli. tischen Korruption. (Große Unruhe rechts.) Klaffenkampf sagen Sie — ja, Klassenkampf der preußischen Konservativen. (Gelächter rechts.) Ihr Wahlrecht trägt ja den Namen Dreiklassenwahlrecht. (Abg. Kreth: Dreiklassen!) Jawohl, wo 10 Proz. in zwei Klaffen, die übrigen 90 Proz. totmachen, und der Reichskanzler ist der Vor- kämpser dieses K l a ss en k a m p f e s d e r I u n k c r. Wir wollen nicht Preußen auslöschen, nein, bas preußische Volk schützen gegen die preußische Regierung und Bureaukratie. Demonstriert das Volk für das Wahlrecht, bann gibt es Belagerungszustand, Kriegszustand wie in einer feindlichen eroberten Stadt. Das ist e5 auch: Der permanente Kriegszustand der preußischen Regierung gegen daS preußisch: Volk, (Gelächter rechts.) der Deutschland nach außen außerordentlich schwer schädigt, einen tiefen Riß klaffen läßt zwischen Süddeutschland und Norddeutschland. Oderint dum metuant! Das ist Ihre politische Weisheit. Auf den Bawnetten kann man aber auf die Dauer nicht sitzen. (Gelächter rechts.) Ich weiß eine bessere Rcgierungsmaxime als jenen Cäsarenspruch: Oderint dum metuant, es stand einmal in dcr preußischen Nationalhymne, und soll ja jetzt aus den Schulbüchern entfernt fein: Nicht Roß', nicht Reisige schützen die steile Höh'! (Gelächter rechts.) DaS jetzige Verhältnis zwischen Negierung und Volk, das ist ein ostelbisches Verhältnis, (Gelächter rechts.) aus dem Kulturniveau Ostelbiens erklärlich. Der künftige Träger der bayerischen Krone, Prinz Ludwig, hat für Bayern ein gerechtes Landtagswahlrecht verlangt und babei auch einen deut, lichen Wink nach Berlin gegeben. Friedrich II. hat einmal gesagt, der Regent muß sich in die Sage eines fianbinanneS ober Handwerkers versetzen. (Sehr richtig rechts.) — Heute würde er sagen, des Arbeiters — und sich bann fragen: Wenn Du in dieser Klasse von Menschen geboren wärst, deren ganzes Kapital in ihren Händen besteht, toaS würdest Du vom Regenten verlangen. Diesen Grundsatz sollte der Reichskanzler der Allerhöchsten Stelle auch nahelegen. Will die preußische Regierung daS tun, was da» Jntereffc Preußens und des ganzen Reiches verlangt, dann muß sie das tun (Abg. Kreth ruft: Was David will!) — was das Volk erwartet. (Lebhafter Beifall der Soz.)
Abg. Schrader (freff. Vgg.):
Unsere Finanzlage ist geradezu verzweifelt. Wir haben jetzt schon eine Milliarde schwebender Lchulben. Allerlei Steuerprojekte- schwirren umher. Wir werden aber niemals zu einer wirksamen Finanzreform kommen, wenn wir nicht neue Bahnen einschlagen. Freilich mit den famosen „veredelten" Matrikularbeiträgen locken wir keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Preußen würde nur gehörig geschröpft werden. Sparsamkeit ist die Hauptsache. Freilich bei Kulturaufgaben darf nicht geknausert werden. Aber es gibt noch zahlreiche Ausgaben, die vermindert werden können. Die Völker müssen dahin streben, daß endlich einmal der Zwang zu fortwährenden neuen Rüstungen fortfällt. Um neue Steuern kommen wir nicht herum. Aufgabe der Reaierung ist cs, uns Vorschläge zu machen. In sozialer Bczieyung lechzt das Volk nach Reformen. Dcr Ansturm der Sozialoemokratie, die daS Mißvergnügen aus- beutet, wird immer stärker, je mehr die Regierung sich weigert, einen freiheitlichen Kurs einzuschlagen. (Beifall.), .(Der Redner ist äußerst schwer verständlich.)
Abg. Bebel (Soz.):
Das Proletariat wächst gewaltig, mit ihm die Sozialdemokratie. Glauben Sie, es wird sich auf die Dauer von der bürgerlichen Gesellschaft rechtlos machen lassen? So wenig wie einst die
bürgerliche Gesellschaft von der feudalen! Auf, Friedrich Dcrn- burg beruft sich Bülow! Ach, dieser Nationalliberale, den wir aus seinem Wahlkreise herausgeworfen haben. Aus einzelne Persönlichkeiten kommt cs aber gar nicht an, sondern auf d:e Masse, und was die tut, um sich das Wahlrecht zu erobern. Fürst Bülow kann sich die Zunge wund reden, er wird dem preußischen Arbeiter nicht einreden können, daß er minderen Rechtes ist als sein süddeutscher Bruder. Die blaffe Furcht ist c5, die Sie abhält, uns das Wahlrecht zu geben. Vor 42 Jahren dachten auch die Konservativen anders über das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht; damals hatte das Dreiklassenwahlrecht freilich eine liberale Kammer gebracht. Die Hälfte seiner Gewährsmänner kann Fürst Bülow ruhig streichen: Windthorst war später für die geheime Wahl (Sehr richtig! im Zentrum) und Mohl? — ich habe mir die Bücher hier auL der Bibliothek kommen lassen, ha, er ist für die geheime Wahl! (Hört! Hört! bei den Soz.) Von der Misiion Preußens in Deutschland spricht der Reichskanzler! Seme feierlichen Versprechungen zur Einführung der Verfassung hat Friedrich Wilhelm III. gebrochen und Friedrich Wilhelm IV. wollte die deutsche Kaiserkrone mit dem Ludergeruch der Revolution nicht annehmen. Deutschland wäre längst ein Ein. heitsstaat gewesen, toäre eS ein freier Staat. Bebel spricht über seine Amsterdamer Bemerkung. Er habe nicht eine Niederlage zur Erringung der Republik gewünscht; aber glauben Sie, daß die Reformen von Stein und Scharnhorst möglich gewesen wären ohne Jena und Auerstedt? Dcr Unterschied zwischen dem Süden und dem Norden ist der: Prinz Ludwig ist ein Staatsmann, Bülow ist keiner! (Heiterkeit!) Wae kann ich ohne Mehrheit machen? sagt Bülow. Darf denn ein Staatsmann keine Grundsätze haben? Die Arbeiter von 1908 sind andere als die von 1848, und sie werden nicht eher ruhen, als bis sie ihr Recht haben, ihr ganzes Recht.
Staatssekretär Kracke:
nimmt auf eine Bebelsche Bemerkung über die Verletzung des Briefgeheimnisses wieder das Wort. Ich war begierig, was Bebel, der sich auf eigene Erfahrungen berufen hatte, zum Be, weise anführen würde? Nichts al-s die Berufung auf ein gericht, lichcs Urteil, daß die Kriminalpolizei sich Einsicht in eine Korrespondenz verschafft habe. Und darauf gründet er eine so schwere Beschuldigung!
ALg. Dr. Wagner (kons.)
erwidert auf die Rede Davids. Wir haben in Sachsen unsere direkten Steuern um 25 Prozent erhöht, macht etwa 2 Mark für den kleinen Mann, und diese kleine Steucrcrhöhung wurde von der Sozialdemokratie in einer Weise ausgebeutet, die das schlechte Wahlergebnis von 1903 zum großen Teil verschuldete. (Hört! Hört!) Damals stand an allen Anschlagsäulen: Denkt an die Steuererhöhung l und das war eine Erhöhung der direkten Steuern. (Hört! hört!) Es ist ja auch ganz egal: direkte ober indirekte Steuern — geschimpft wird von der Sozialdemokratie unter allen Umständen. (Lebhafter Beifall rechts.) Wir sollen in bezug auf die Schule hinter anderen Staaten zurück, stehen, sagt Dr. David. Dr. Wagner macht hiergegen eine Rech, nung auf: Deutschland steht mit 7,86 Mi. auf den Kopf der Bevölkerung in den Ausgaben für Wissenschaft, Kunst unb Unter, richt und mit 6,20 Mk. für Volksschulunterricht an der Spitze aller Kulturstaaten. (Hört! hört!) Die Ausführungen Latt, mann? über das Treuverhältnis der Beamten zog Dr. David ins. Lächerliche. Für Treuverhältnis hat die Sozial, bemotratie kein Verständnis; Bebel hat ja kaltlächelnd Den Treu, cib als Abgeordneter geschworen unb den Burgereid in Leipzig. (Hört! hört!) Der sozialdemokratische Abgeordnete verkauft sich der Partei mit Haut und Haaren, nur bei Ihnen herrscht Fraktionszwang, obwohl bekanntlich gmiz verschiedene Meinungen bet Ihnen bestehen. Herr David sang ein Loblied auf süddeutsche Minister und Herrn v. Bödman; ein Mißgeschick: Herr von Vod- man hat erklärt, daß ein Sozialdemokrctt nicht Staatsbeamter sein darf. (Hört! hött! recht?.) Und auch Herrn Naumann, der vor einigen Tagen so erregt sprach über politische Bedrückung von Beamten, darf man erinnern an bas, was er über Landtagsauf. lösung unb Beamienerlaß seinerzeit schrieb. (Hört! hört! rechts.) Ter Redner verlieft unter lebhaften Hört I Hörtl-Rufen der Rechten eine Reihe von sozialdemokratischen Artikeln unb schließt: wir hoffen, daß trotz Ihrer Hetzarbeit es dem deutschen Arbeiter immer mehr gelingt, sich vom Joch der Sozialdemo. kratie freizumachen. (Lebhafter Beifall rechts.)>
Abg. Bebel (Soz.)
hält seine Auffassung vom Briefgeheimnis aufrecht. (Lachen.)
Abg. Singer (Soz.):
Noch eine Widmung in das Stammbuch des Staatssekretärs. Ein Brief der „Vorlvärts">Redaktion an einen Parteigenossen wurde diesem erst drei Tage nach der Ankunft geöffnet zugestellt. Wem in diesem Falle nicht klar wird, daß polizeiliche Manipulationen im Spiele sind, dem ist nicht zu helfen. Sie vom Block werden ja nie zugeben, daß wir Recht haben, das wäre ja ganz unblockmäßig. Der Staatssekretär sollte sich aber uns gegenüber nicht auf das hohe Pferd setzen und so von oben herunter unsere Angriffe zurück- weisen.
Staatssekretär Kriitkc:
. Die Verdächtigungen wegen Verletzung des BriesgeheimniffeS scheinen wirklich krankhaft zu sein. Sie von der äußersten Linken bringen uns keine Tatsachen, sie ziehen nur falsche Schlüsse aus den Tatsachen. (Beifall rechts.)
Die Generaldiskussion wird geschlossen. DaS Floiten- g e s e tz wird gegen die Sozialdemokraten angenommen.
Ohne Diskussion werden erledigt die Etats des Reichstages, des Reichskanzlers unb der Reichskanzlei. Beim Aus lv artigen Amt ivird auf Antrag des Abg. Dr. Arendt (Rp.) die gestern in vorgerückter Stunde entgegen dem Anträge der Budgetkommission genehmigte erste Rate für den Neubau des Konsulargebäudes in Tientsin wieder gestrichen, obgleich der Staatssekretär von Schön nochmals dafür eintrat. Der Etat wird bewilligt.
Sonnabend 11 Uhr: Weiterberatung.
Schluß 6 Uhr.
vermrsctzte».
* Wie Harden kämpft. In Nr. 25 der „Zutuns^ hat Maximilian Harden unter dem Titel „Der zweite Prozeß den xrtalt. Arzt Dr. Ludw. Frey in Wien verdächtigt, er hatte sich gegen feine Uebcrzcugung durch verwerillche Mittel dazu bestimmen lassen, ein.der Gräfin dNoltke ,,fctnb)ehge6 Gutachten abzugeben. tzarden behauptet ferner, Dr. Frey lei nach her Abgabe scin.s Gutachtens im Scheidungsprozeß zum Arzte der Wiener Botschaft ernannt und mit einem prrußiichen brben geiajmucrt worden und deutet an, daß dadurch sein Verhalten vor Gericht bestimmt werden sei. Dem gegenüber stellt Dr. yreO leit, daß M mit Deiret vom 27. Mai 1896 der preußische Ordw verliehen wurde, -,u einer Zeit, wo die bermaligc Frau von Elbe, ehern. Gräfin Moltte, noch Frau d. Kruse war, wo also nicht nur von iner Scheidung, sondern nicht einmal von einer Berehellchung mit dem Grasen Mottke die Rede war Er habe zu jener 3eit weder den Grasen noch die Gräfin gekannt, lernte sie vielmehr erst btele Fahre später kennen. Diese Behauptung Hardens rst demgemäß unwahr und erfunden. Ebenso unwahr ist es, daß Fr. WÄ dem Scheidungsprozesse zum Arzt der deutschen Botschaft
in Wien ernannt wurde. Er mürbe niemals zum Arzt der deutschen Botschaft ernannt, und ist cs auch heute nicht. Was aber sein Gutachten über die ehern. Gräfin Moltkc im Strafprozesse gegen Harden betrifft, so stellt Dr. Frey fest, daß er feit Zähren außer allem Verkehre mit dem Grafen Moltke stehe, von ihm gar nicht ersucht wurde vor der Strafkammer, zu erscheinen und ihn seit Jahren zum ersten Male im Gerichtssaale sah.
Kleine Tageschronik.
In Lemberg hat der Mathematik-Professor der technischen Hochschule, Keinpinsky, aus bisher unbekannten Gründen S e l b st m o r d begangen.
Der Chef der Moskauer Geheimpolizei, Molsle- jenko, hat, wie soeben sestgestellt worden ist, Bestechungsgelder angenommen und sich großer Unterschlagungen schuldig gemacht. Auch gegen den ehemaligen Stadthauptmann von Moskau, Rheinbott, werden verschiedene Klagen erhoben.
Unglaubliche Zustande sind in den französischen Garnisonen Bar le Duc, Nancy und St. Mihiel aufgedeckt worden. Der Unterslaatssekretär für den Krieg, (Boron, machte die Feststellung, daß aus dem Pariser Schlachthause das F l e i s ch von krankem
Pieh nach v e r s ch i e d c u c u G a r u i s o n st ä d te n der Ostgrenze versandt wurde. Die Untersuchung sührte zur Lerhastung mehrerer Armeelieferanten der genannten Garnisonen.
Univerfttäts-NachrSehLerr.
— Auf eine 25jährige Tätigkeit als ordenil:cher Professor an der Universität Marburg kann am 1. April der Gynäkologe Geh. Medizmalrat Dr. Friedrich A h l f e l d zurückbliclen. 1873 wurde er Privatdozent und 1876 außerordeull. Professor und Hebammenlehrer in Leipzig. Fünf Jahre später folgte er einem Rufe als ordentlicher Professor und 9! ach folger Kehrers nach Gießen und Ostern 1883 als Slachwlger Tohrns nach Marburg. Seit Oktober 1907 ist er von feinen amtlichen Ber- psstchtungen entbunden.
— Den: ord. Professor der Botanik und Direktor des botanischen Jitstituts an der Universität Straßburg i. G., Dr. Hermann Grafen ztt Solms-Laubach, ist aus Anlaß seiner (£meritieumg der fönigl, Mronenorbcn zweiter Klasse verliehen worden.


